Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 12

Chapter 123,318 wordsPublic domain

Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurückzulegen hat, ist äusserst mühe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was seiner Seele auf der Reise und auch später beim Aufenthalt im Jenseits von Nutzen sein könnte. Hierzu gehören: eine vollständige und prächtige Kleiderausrüstung nach altem Muster; schöne Schmucksachen; Waffen; Gerätschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder bei Häuptlingen in die Prachtgräber (_salong_) gelegt werden; ferner eine winzige Leiter, um der Seele zu ermöglichen, Felsen zu erklimmen und Abgründe zu überschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um die _bruwa_ gegen Anfälle böser Geister unterwegs zu schützen, giebt man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und Tierzähne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft.

Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen auf die Wanderung, sondern hält sich, solange die Angehörigen die Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nähe des Leichnams auf. Die Seelen der Kapuas Dajak wählen für diese Zeit den Berg Batu Tilung am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafür zu sorgen, dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befördert (_anter_) wird.

Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flüsse und hat ausser den gewöhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brücken aus heftig wippenden Baumstämmen und Wege von der Schärfe der Schwerter zu überwinden. Kommt sie über diese Hindernisse nicht hinweg, so geht sie zu Grunde; stürzt sie z.B. von der Brücke in den Fluss, so fressen sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_ ist somit eine begrenzte.

Die Seelen der _matei saju_, eines schönen Todes Gestorbenen, und der _matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges statt: rechts führt ein Weg zum _Apu Kesio_, links führen zwei Wege, von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die für die eines gewaltsamen Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglückten, Erschlagenen, Selbstmörder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen den der Gonge ein.

Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist sie zeitlebens mit seinem Körper fest verbunden. Erst wenn der Leib gestorben ist, verlässt auch diese Seele die stoffliche Hülle. Die _ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begräbnissplatz, wo sie solange herumirrt, bis sie endlich zu einem bösen Geiste wird. Gehen die Bahau daher an einem Begräbnisplatz vorüber, so werfen sie den _ton luwa_, um sie zu beruhigen, Stückchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu, auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen.

Die _ton luwa_ haben die Fähigkeit, während ihres Aufenthaltes auf der Totenstätte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen, zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen, glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in Schweine übergehen.

Als Beweise für den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren führten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzählungen an

Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen Erfolg, und so schlief er endlich müde und verstimmt auf einem Begräbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschönes Mädchen, mit der er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frühe bemerkte der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mädchens sich tagsüber in einem Hirsch aufhielt.

Ein anderer Jäger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schöne Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jäger, ass mit ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen ein. Als er in der Nacht vor Kälte erwachte und sich zur Erwärmung ein Feuer anzündete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorüberlaufen sah er noch, dass sich die Menschen in den beiden anderen Häusern in Hirsche verwandelten.

Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen Wesen zu.

Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton luwa;_ sie können daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie diese Häuser bewohnen. Auch hierfür lieferten mir die Kajan durch eine Erzählung den Beweis:

Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte, irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von schönen Frauen bewohnt wurde.

Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens erklärte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein) sei und dass sie von nun an nicht länger in ihrer menschlichen Gestalt weiterleben dürfe, sondern in den Wald zurückkehren müsse. Sie hatte den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz, stets dabei zu sein, wenn die Jäger seines Stammes Wildschweine erlegten, da es leicht geschehen könne, dass auch sie sich unter den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenüberliegenden Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere liefen einen Hügel hinan und verschwanden im dichten Walde.

Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurückgekehrt war, erlegten seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frühere Geliebte und bemächtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold gefüllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein Opfer gebracht zu haben.

Haben die Bahau einen _kule_, den gefürchteten borneoschen Panther geschossen, so sind sie für ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die Pantherseele ist beinahe mächtiger als die ihre. Sie schreiten daher acht Mal über das getötete Tier unter der Beschwörungsformel: "_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jäger, Hunde und Waffen mit Hühnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen zu verhindern. Die Bahau essen nämlich Hühnerfleisch so gern, dass sie den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genüge. Ausserdem müssen die Männer acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach Verlauf dieser acht Tage müssen sie sich aufs neue auf die Jagd begeben.

Haben die Jäger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz abgehauen, so müssen sie vorschriftsgemäss ebenfalls nach acht Tagen wieder jagen gehen; haben sie einen Bären erlegt, so gehen sie bereits nach sechs Tagen wieder auf die Jagd.

Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele, diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rächt sich für jede Verletzung oder Vernachlässigung an den Menschen. Daher tun die Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bäume haben misshandeln müssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit, in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Töten von Bären, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w.

Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, bestehen ähnliche, aber noch strengere Vorschriften für den Häuserbau. Dort hängt die Dauer der Busse von den hauptsächlich gebrauchten Baumarten ab; für ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprüche.

Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen (_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjägerei, allerdings nur pro forma, auch noch eine Rolle; man entlehnt nämlich einen alten Schädel bei einem benachbarten Stamme.

Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte liefernden Bäumeder Täsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige, der ihn fällt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche gilt für den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum.

Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist für den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher müssen die Priesterinnen, wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes Zeremoniell erfüllen.

Eigentümlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen Eigenschaften begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn anstandslos in den Fluss, in der Überzeugung, dass er sich im Wasser doch noch durch Schwimmen retten könne.

Eine besonders rücksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam Kajan und allen Busang sprechenden Stämmen am Mahakam die Seelen derjenigen Gegenstände, die im Leben des Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch nach dem Tode ihres Eigentümers in einem grossen Packen, _legen_ genannt, aufbewahrt. Zwar kümmert sich keiner weiter um den Packen, auch lässt man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurück; niemand würde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.)

Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den über ihnen stehenden Mächten gebildet haben; betrachten wir jetzt die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen.

Das Bedürfnis, für ihren Lebenswandel eine Richtschnur und über ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die Überzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen den Willen und die Pläne Allvaters mitteilen. Aus dieser Überzeugung hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im täglichen Leben, und zwar bei den verschiedenen Stämmen in verschiedenem Masse, eine grosse Bedeutung erlangt hat.

Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umständen bei den Bahau Gültigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt sich hierbei hauptsächlich darum, ob gewisse Vögel rechts oder links vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hören lassen. Die beiden massgebendsten der wahrsagenden Vögel der Bahau sind der _hisit_ oder _sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvögel. Die Kenjastämme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit milchweissem Kopf (Habiastur intermedia).

Zu den wahrsagenden Tieren gehören ferner auch das Reh, _kidjang_ (Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen Längsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis bivirgatus Boie).

Da auch ein sorgfältiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den Bahau nicht genügend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und somit ein glückliches Leben ohne Krankheit und Unglück zu verschaffen, erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religiöse _adat_, die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ängstlichen Gemütern jedoch eine grosse Beruhigung gewährt.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der Verbotsbestimmungen näher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo gleichzeitig auch diese religiöse _adat_ kennen lernen wird. Einige Beispiele mögen aber erläutern, was die Bahau im allgemeinen mit den ständig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_" bezeichnen.

Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in der Busangsprache alles, was sich auf religiöse Verbote bezieht, verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei: das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim Tode eines Häuptlings die Niederlassung und der Flusslauf für _lali_ erklärt, d.h. sie dürfen von keinem Fremden betreten werden; ferner ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht" gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur für religiöse Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter Hut", der nur bei religiösen Zeremonien aufgesetzt werden darf u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehörigen Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_" werden sowohl alle durch die religiöse _adat_ vorgeschriebenen Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstände bezeichnet. Alle symbolischen Gegenstände, durch welche die Priesterinnen den Geistern ihre Wünsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle Gegenstände, die überhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden.

Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen selbständig mit Allvater in Verbindung treten können, halten sie unter Umständen doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene Personen für notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht im stande ist, sie vor Krankheit und Unglück zu schützen, wenden sie sich in schwierigen Fällen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach der Geisterwelt näher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe.

Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht; die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt übernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit grössere als die der männlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _= dajung_) genannt.

Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird bei bösen Träumen, Krankheit, Tod und Unglücksfällen von ihren Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch; wie wir später sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind es hauptsächlich, welche die Überlieferungen des Stammes bewahren, ausser der göttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch praktisch anwenden.

Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die Jüngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben eine Probezeit zu überstehen, in welcher sie allerhand unangenehme Dinge tun müssen, wie z.B. Erde essen. Während der Lehrzeit tragen die Priesterinnen bei Festen Röckchen mit weissem Mittelfelde.

Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte, beobachtete ich exaltierte Zustände der _dajung_ nur in rudimentärer Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen, _Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerüst (_lasa_) ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer schneller werdendem Tanze das Opfergerüst, bis sie zuletzt an ihm emporkletterte und es schüttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel steigen lassen. (Siehe Kap. VIII).

Um ihr priesterliches Amt antreten zu können muss die junge _dajung_ zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstämmen klar; ich beobachtete indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin eine am Opfergerüst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde, längs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ältere Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen Wissenschaft ein.

Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehörten aber nie zu den _dajung_, die alle als brave Hausmütter und -väter ihren Pflichten auf ruhige Weise nachkamen.

Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religiösen Tänzen oft unverständliche und komische Sprünge und Bewegungen ausführen, erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer.

In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito, ihr sittliches Leben ist untadelhaft.

Das Priesteramt verschafft an und für sich keine besonderen Vorrechte und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ können allerdings, trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern und höheren Göttern opfern müssen, sich durch ihr Amt eine reiche Erwerbsquelle erschliessen.

Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger als die Laien nachzukommen.

Äusserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbänder und bei festlichen Gelegenheiten durch schöne, auf besondere Weise geschlungene Schale.

Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religiösen Gebräuche selbst bei benachbarten, verwandten Stämmen von einander etwas verschieden.

Die _dajung_ bedienen sich während ihrer Amtshandlungen einer besonderen, älteren Sprache, die von der gegenwärtigen verschieden ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird.

Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch durch Herstellung verschiedener Gegenstände in Verbindung, die sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wünsche, teils als Opfergaben betrachten. Diese symbolischen Gegenstände sind alle aus sehr einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und werden, wie weiter oben bereits ausgeführt ist, mit allen Gegenständen, Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug haben, als _pemali_ zusammengefasst.

Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten will, benachrichtigt sie diese durch Schläge auf alte, kupferne Becken oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Töne dieses Instrumentes begleiten jede religiöse Handlung, man hört sie aber nie bei anderen Gelegenheiten.

In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits entflohen ist, sie zurückzuholen und sie nach dem Tode des Menschen sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau, betreffen. Betrachten wir zunächst, wie sich die Priester ihrer ersten Aufgabe entledigen.

Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religiöse Handlung, die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besänftigende Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rückkehr in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht geträumt hat, sich krank fühlt oder Unglück erlitten hat, wird eine _dajung_ zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt, ihre Seele für ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten.

Soll ein körperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die _mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemüsesuppe. Von allen diesen Herrlichkeiten wird für die Geister etwas auf die Seite gelegt und später zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es sich um Krankheit, böse Träume. oder einen Unglücksfall handelt, mit besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck des von dem leidenden Teil Gewünschten, vereinigt wird. Einige dieser Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster, durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehängt.

Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister auch durch Geschichtenerzählen; am Boden hockend berichten sie ihnen stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzählen ihnen allerlei Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass auch die _to_ sie mit Interesse und Vergnügen anhören.

Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag; nachmittags schlachtet einer der männlichen Hausgenossen ein Ferkel, dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blättern (Cordyline javanica Bl. [beta].) aufgefangen wird, um später bei der eigentlichen _mela_ als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf einer schönen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gestützt.

Vor ihr stehen allerhand schöne Dinge: hübsche Zeugstücke, Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am Dachfenster hängt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rückkehr den Abstieg durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten längs des _alan bruwa_ zurückzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu haben, so befördert sie die Seele in ein Körbchen mit Geisterspeise und setzt dieses, nachdem es sorgfältig geschlossen worden, in einer dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder ein kräftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht.