Quer durch Afghanistan nach Indien

Part 13

Chapter 133,745 wordsPublic domain

Wir fahren dicht beim Chakdarra-Fort vorbei und eilen weiter an die Grenze des unabhängigen Gebietes, das mit kleinen Wachttürmen besetzt ist. Wir kreuzen den Kabulfluß wieder bei Michni, wo eine große eiserne Brücke über den Fluß führt. Hier tritt der Kabulfluß aus einer tiefen Schlucht heraus, die er sich durch die Mohmandberge gesägt hat. Langsam neigt sich die Sonne dem westlichen Horizonte zu, der sich rotgelb zu färben beginnt. Grüne Papageien flattern oft aus den Büschen auf, wenn wir vorbeifahren, und kleine graue Eichhörnchen klettern schnell auf die Bäume. Auf dem Wege ziehen Nomaden: Mohmands und Afridis (Abb. 62). Die Frauen sind ganz in Schwarz gekleidet, groß und stolz schauen sie aus, und ihre bildhübschen Gesichter sind sehr anziehend; aber sie sind nur schön, solange sie jung sind; später werden sie grauenhaft häßlich, und oft kann man wahre Hexen sehen. Alle diese an der indisch-afghanischen Grenze wohnenden Stämme sind berüchtigte Räuber. Nicht etwa, daß sie ihre Überfälle ausschließlich auf die Engländer richten; nein, jede Karawane, die durch ihr Gebiet muß, ist gefährdet, und auch unter sich führen sie ständig Kleinkrieg. Jedes Dorf hat seinen grauen, viereckigen Wachtturm, und jeder sieht in seinem Nachbarn einen Räuber. Das Heimatland dieser Völker hat sie von Kind auf zu Räubern erzogen. Es ist ein wildes, zerrissenes Bergland, das auf Schritt und Tritt Räubern Schlupfwinkel bieten kann. Unten in den Tälern verlaufen die großen Karawanenstraßen, und am Fuße der Berge liegen in fruchtbaren, grünen Ebenen die großen Städte, die mit ihrem Reichtum locken. Was ist einfacher, als hier zu plündern und dann mit dem Raub in die Berge zu verschwinden! Fast immer werden die Überfälle, die Raids, in der Nacht ausgeführt, und meistenteils schließen sich 10 bis 20 junge Burschen zusammen, um den Überfall zu unternehmen. Am räuberischsten sind die Wasiris, mit denen die Engländer schwere Kämpfe auszufechten hatten.

Ein englischer Offizier fragte einmal einen Afridi, was sein Stamm tun würde, wenn ein Krieg zwischen Rußland und England ausbräche. Darauf gab der Alte zur Antwort: »Nun, wir würden hier auf unseren Berggipfeln sitzen und würden ruhig zusehen, wie ihr kämpft, bis wir genau merken, wer von euch unterliegen wird. Dann, im letzten Augenblick, werden wir uns von unseren Bergen herabstürzen und den Besiegten bis auf das allerletzte, das er hat, ausplündern! Allah ist groß! Was wäre das für eine Zeit für uns!«

Eine Stadt, die häufig das Ziel der Überfälle war, ist Kohat, südlich Peshawar. Im Jahre 1922 drangen hier Afridis ein, schlichen, ohne von den Wachen bemerkt zu werden, in das Bungalow des Majors Ellis, der gerade verreist war, töteten seine Frau und verschleppten seine schöne 18jährige Tochter in die wilden Bergschlupfwinkel von Tirah. Hätte man eine Strafexpedition ausgerüstet, so wäre Miß Ellis sicher getötet worden. Dies wußte auch der High Commissionar der Nordwestprovinz, Sir John Maffey, und so nahm er das Anerbieten einer tapferen Krankenschwester, Mrs. Starr, an, die sich allein in das unabhängige Gebiet begab, den Aufenthaltsort der Miß Ellis ausfindig machte und sie wieder nach Indien zurückbrachte. Wie ihr dies gelang, das möge man in ihrem fesselnden Buche »Stories of Tirah and Little Tibet« nachlesen.

Wie in Afghanistan so herrscht auch unter den Grenzvölkern die Blutrache, die sich Generationen hindurch auswirkt.

England hat jetzt an verschiedenen Stellen große Straßen quer durch das unabhängige Gebiet gebaut, und überall sind Militärstationen über das Land verstreut. Mehr und mehr werden die wilden Grenzländer aufgeschlossen, und die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo der »Pax Britannica« auch endgültig in diese wilden Bergländer einziehen wird. Wer einen Einblick in die Arbeit der englischen Beamten und Offiziere erhalten hat, die an der indischen Nordwestgrenze stationiert sind, der weiß, was hier geleistet wird.

Meinen Aufenthalt in Peshawar benutzte ich auch, um die Eingeborenensprache, das Hindustani, zu lernen. Ich hatte einen guten Lehrer, einen »Munschi«, engagiert. Er war erschreckend mager, und für ihn hätte auch die Bezeichnung »Knochenmensch« gepaßt, die wir seinem Kollegen in Kabul zugelegt hatten. Er trug dazu noch enganliegende Kniehosen und Wickelgamaschen, die seine Beine wie zwei Stöcke erscheinen ließen. Sonst kleidete er sich sehr elegant, hatte immer einen sauberen weißen Turban auf dem Kopfe und eine dünne Reitgerte in der Hand, obgleich er nie ritt! Sein Unterricht bereitete mir viel Freude, und ich machte bei ihm gute Fortschritte. Durch ihn erhielt ich auch viele interessante kunstgewerbliche Arbeiten. Ich hatte ihm nämlich gesagt, daß ich solche Sachen kaufen würde, und darauf kam er Tag für Tag mit neuen Dingen an, forderte manchmal zwar ganz anständige Preise, ließ aber auch mit sich handeln.

Eines Nachmittags, als wir es uns nach einer Fahrt durch die Eingeborenenstadt in unserem Bungalowzimmer gemütlich machten, waren wir Zeugen eines interessanten Schauspiels.

Wir lagen, so luftig wir nur irgend möglich angezogen, in den großen Liegestühlen, tranken Tee und aßen die mit dicker, goldgelber Butter bestrichenen Weißbrotscheiben. Es war ein sehr schwüler Maientag und dicke Wolken über den nahen Khaiber-Bergen ließen das kommende Gewitter ahnen. Gegen fünf Uhr erwartete ich meinen Munschi, aber merkwürdigerweise kam er nicht. So beendete ich meine Briefe und trat hinaus, um sie in den Postkasten zu werfen. Schon während ich schrieb, hatte ich ein seltsames Summen vernommen, mir aber nichts dabei gedacht. Nun aber sah ich, daß unsere kleine Veranda von einem Bienenschwarm aufgesucht worden war. Schon einige Wochen vorher hatte sich ein Schwarm in dem kleinen Holzschrank niedergelassen, der an der Wand der Veranda hing und in dem unser Teegeschirr untergestellt wurde. Der Schwarm hatte sich dort ganz häuslich eingerichtet, baute eifrig und von Tag zu Tag konnten wir den Fortschritt seiner emsigen Arbeit bewundern. Nun war ein zweiter Schwarm gekommen und wollte dem ersten den Platz streitig machen. Dieser setzte sich natürlich heftig zur Wehr, und es gab eine Schlacht, die mehrere Stunden dauerte und während der wir nicht aus unserem Zimmer ins Freie gehen konnten.

Mit einer Hartnäckigkeit und einem Mut sondergleichen versuchten die Bienen des eingedrungenen Schwarmes sich Zutritt zu dem Kasten zu erzwingen. Immer wieder versuchten sie sich durch die schmalen Türritzen zu klemmen, um dann im nächsten Augenblick von Bienen des alten Stockes angegriffen zu werden. Meist stürzten sich gleich mehrere auf eine Biene und oft hing ein ganzer Klumpen beisammen, der dann auf den Boden fiel, wo stets der letzte Kampf ausgetragen wurde. Wie Brummkreisel surrten und drehten sie sich dann auf dem Boden, bis der Sieger dem Gegner den Todesstich versetzt hatte. Als gegen Abend der Kampf ausgekämpft war, zählten wir nicht weniger als 85 tote Bienen auf dem Boden. Der alte Stamm war Sieger geblieben und hatte sich behauptet, und nun kamen die Ameisen und fielen über die toten Bienen her. Schon während des Kampfes hatten sie zahlreiche Todesopfer weggeschleift und jetzt holten sie sich den Rest. Im Laufe einer halben Stunde war keine tote Biene mehr zu finden. Der alte Stamm aber baute friedlich weiter, und die Waben wurden von Tag zu Tag immer größer.

In Peshawar erlebte ich auch ein heftiges Tropengewitter. Der Tag – es war der 6. Mai – war furchtbar schwül gewesen und man war so schlaff, daß man kaum eine Hand zu rühren wagte. Kein Luftzug gab etwas Kühlung, die wir wie nie zuvor ersehnten. Gewitterwolken zogen auf, blauschwarz, an manchen Stellen in violette Töne übergehend. In der Ferne rollte der Donner, langsam kam das Gewitter näher. Ein erster Windstoß läßt die Wipfel der hohen Bäume erzittern. Unheimlich still und drückend ist es. Näher und näher kommt der Donner, und blaue Blitze zittern über den von der Sonne fahl beleuchteten Felsbergen des Khaiber. Leise beginnt es zu tröpfeln. Jetzt folgt Donnerschlag auf Donnerschlag und dann bricht das Unwetter los. Der Regen wird dichter und dichter, und ganze Fluten stürzen vom Himmel. Wie eine Glaswand schiebt sich der Regen zwischen uns und die hohen Bäume des Gartens, so daß wir nur schwach noch deren Umrisse erkennen können; sie biegen sich im Sturm, und es kracht und knackt in den Ästen. Der rote Lateritboden wird aufgeweicht und rote Bäche fließen zwischen den grünen Rasenbeeten dahin. Immer stärker wird der Regen, der schließlich in Hagel übergeht. Immer größer werden die Schloßen, die mehr als einen Zentimeter im Durchmesser haben, und immer lauter wird das Trommeln auf dem Wellblechdach unseres Bungalows. Es hört sich wie Maschinengewehrfeuer an. Bald sind die Wege und der Rasen weiß. Wer hätte das gedacht – in Indien im Monat Mai! Die kleinen Apfelsinenbäume, die im Garten stehen, sind entlaubt und die kahlen Äste bieten einen traurigen Anblick. Es ist seit 30 Jahren das erstemal, daß das Wetter im Pändschab wieder so kalt ist. Überall im nordwestlichen Himalaja sind große Niederschläge niedergegangen. Nach dem Unwetter war das Thermometer um zehn Grad gefallen und wir froren bei dem plötzlichen Temperaturumschwung. Im Bungalow hatte es an verschiedenen Stellen durchgeregnet, und der Boy hatte viel zu tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Die kleinen Geckos, die sonst immer an den Wänden herumkrochen, hatten sich in ihre Schlupfwinkel in der Mauer zurückgezogen.

Am Abend wetterleuchtete es noch ringsum, und schwarz wie Silhouetten geschnitten hoben sich die Bäume sekundenlang gegen den schwefelgelben Himmel ab.

Die Abende werden mir stets unvergeßlich bleiben. Dann saßen wir in Korbsesseln im Freien auf dem grünen Rasen unter den hohen Bäumen, tranken unseren eisgekühlten Whisky Soda und träumten vor uns hin. Die unendliche Ruhe und Stille um uns, der Zauber der Tropennacht hielten uns umfangen. Man hörte nur das gleichmäßige Surren der Maschinen des nahen Elektrizitätswerkes oder von ferne her die Klänge eines Grammophons.

Eines Sonntag abends gingen wir zum Gottesdienst und Konzert in die englische Kirche. Es war sehr feierlich, und selten haben Schuberts »Unvollendete« und Beethovens »Leonorenouvertüre« auf mich einen solch tiefen Eindruck gemacht wie dort in Peshawar.

Aber die schöne Zeit ging auch zu Ende. Die wichtigsten Warensendungen waren nach Kabul auf den Weg gebracht und neue Arbeit erwartete uns dort.

XIV

SOMMERTAGE IN KABUL

Schon im März hatte der Frühling in Kabul seinen Einzug gehalten; plötzlich, über Nacht. Die Wolken wurden in Schleier und Fetzen zerrissen und mußten dem strahlend blauen Himmel weichen; und wo die Sonnenstrahlen über den Boden liefen, da schmolz der Schnee in kurzer Zeit. Ein paar Tage waren die Straßen in Schlamm verwandelt (Abb. 33). In den Basargassen hatten sich Schlammseen gebildet, die man nur auf hineingeworfenen großen Steinen passieren konnte. Überall glitt man auf dem weichen, schlüpfrigen Boden aus, und über und über mit Schlamm bespritzt kam man abends nach Hause. Aber dieses Tauwetter mit seinem Schmutz, während dessen sich auch unsere Wohnung vor Feuchtigkeit aufzulösen drohte, ging vorüber, und der Frühling war da. Das erste zarte Grün kam hervor, und bald prangte das Land im schönsten Schmuck des Frühlings, der seine Blumenpracht über das Land streute. Wo noch vor 14 Tagen Schnee gelegen hatte, blühten jetzt die Rosen. Oft bewunderte ich die großen Rosenbüsche, die vor dem Eingang zur Ark standen. Hunderte weißer Blüten leuchteten aus dem Grün hervor, und ein unendlich süßer, betäubender Duft schlug einem entgegen. Auf den umliegenden hohen Bergketten aber lag der Schnee noch lange und auf den 5000 Meter hohen Spitzen der Paghmankette verschwand er erst im Herbst.

Noch bevor ich im März nach Peshawar ging, waren wir wieder einmal umgezogen. Unser Hausherr ließ nämlich nichts mehr an dem Hause machen; wir lagen ständig in Streit mit ihm, und da riß uns denn doch schließlich die Geduld. An einem Sonntage zogen wir wieder mit unserem Gepäck in das neue Quartier, dem Konkurrenzhotel »Enderabi«, das von den Deutschen ironisch »Hotel Esplanade« getauft wurde (Abb. 41). Wir blieben dort bis Juli wohnen. Mit Blaich hatte ich ein kleines Zimmer, viel zu eng für all unsere vielen Sachen. Matt fiel das Licht durch die kleinen roten, blauen und orangefarbenen Fensterscheiben; arbeiten konnte man bei der Beleuchtung kaum. Am schönsten war unser Empfangszimmer, unser »Salon«! der war groß, hatte viele Fenster, war tapeziert und hatte einen großen Kronleuchter.

Als ich im Juni von Peshawar zurückkam, waren noch weitere Herren unserer Gesellschaft eingetroffen. Wir waren nun sieben Personen und hatten noch weitere Zimmer im Hotel gemietet.

Das Sommerwetter war herrlich. Tag für Tag blauer Himmel und Sonnenschein. Wenn ich jetzt meine meteorologischen Aufzeichnungen durchsehe, finde ich, daß wir von Anfang Juni bis Anfang Oktober 105 Sonnentage hatten, an denen auch nicht eine Wolke am Himmel sich zeigte.

Wir hatten vom Dach unseres Hotels einen herrlichen Blick auf die Berge. Vor uns erhob sich der von der Bala Hissar und alten Befestigungen gekrönte Scher Derwaseberg. An einem schönen Sommertage habe ich ihn einmal bestiegen. Früh schon brach ich mit unserem neuengagierten Diener, dem Wasir, auf und bestieg den Bergrücken von der Südseite aus. Prächtig muß einmal das Bild gewesen sein, als die Befestigungen noch nicht geschleift waren, und Emir Abdur Rahman hier seine Residenz aufgeschlagen hatte. Jetzt liegt alles in Trümmern, und der Schutt der Ruinen vermengt sich mit den verwitterten Gneis- und Schieferbrocken, die den Berg überziehen.

Auf einem großen Felsblock ließ ich mich nieder und ließ den Blick über das Land schweifen. Wie auf einer ausgebreiteten Landkarte sah ich das blaue Band des Flusses und die Stadt tief unter mir. Es war zuerst nicht ganz leicht, sich in dem Meer von Häusern und platten Dächern zurecht zu finden. Bald aber erkannte ich die Post, das Hotel Enderabi und das Gebäude des Auswärtigen Amtes, sowie die Ark; nun ging ich ganz systematisch vor, folgte den einzelnen Straßen und Häuserblöcken und langsam löste sich das verwirrende Bild. Es war neun Uhr, und schon war die Kraft der Sonne sehr groß. Ich zeichnete ein Panorama von den umliegenden Bergen, die in allen Farben schimmerten. Imposant war das Bild der Paghmankette, die mit ihren weißen Kuppen sich scharf vom hellblauen Himmel abhob. Lange blieb ich noch oben und konnte mich nur schwer von meinem schönen Aussichtspunkte trennen. Gegenüber von unserem Berge, von ihm durch das tief eingeschnittene Tal des Kabulflusses getrennt, erhob sich der Kuh-i-Asmai. Auf diesem war ich einmal an einem trüben Wintertage gewesen. Tief eingeschneit lagen damals die Berge und das Tal, und graue Nebel hingen über der Ebene. Der Kuh-i-Asmai ist niedriger als der Scher Derwaseberg; trotzdem hat man aber auch von ihm einen schönen Ausblick.

Gegen elf Uhr wurde die Hitze unerträglich, und nachdem ich noch einige Gesteinsproben gesammelt hatte, begaben wir uns wieder nach Hause.

Arbeitsreiche Wochen folgten. Auf dem Zollamte lagen Hunderte von großen Kisten, die alle der Verzollung harrten. Geduld muß man im Orient bekanntlich überall haben, noch mehr als Geduld aber beim Verzollen. Meistenteils gingen wir nach dem Essen nach dem Zollamt, das ziemlich versteckt mitten in der Stadt lag. Ein großes Tor, ein Innenhof voller Ballen, Kisten, Menschen, Kamelen, Eseln, Pferden, Autos und Ochsen, ein Geschrei und Geschimpf, ein Gedränge, daß man sich kaum zu retten wußte! Ständig schwirrte der Ruf: »Chaberdar, chaberdar! Vorsicht, Vorsicht!« durch die stauberfüllte Luft (Abb. 60).

Oft stauten sich die Karawanen am Ausgang; dann ging es furchtbar her. Dann gab es Schläge und Schreie, ein Drängen und Stoßen, ein Kämpfen der Tiere untereinander. Mancher Huftritt wurde ausgeteilt, und oft hörte man das klägliche Heulen eines Hundes, der sich in das Zollamt verirrt und mit Steinwürfen und Fußtritten wieder hinausbefördert wurde.

Für unsere Ladung war im Hofe ein eigener Raum reserviert worden. Wenn verzollt wurde, war stets der Mudir, der Direktor des Zollamtes zugegen. Er war ein sehr freundlicher Herr und besaß eine fabelhafte Ruhe, wie es sich für einen Zolldirektor gehört. Die Verzollung ging derart vor sich, daß der Wert der Waren von eigens dazu angestellten Schätzern geschätzt und von diesem Werte dann der Zoll, je nach Art der Ware, 20 bis 200 Prozent genommen wurde.

Nun hatten wir in unserer Ladung natürlich sehr viele Sachen, die den Afghanen noch ganz unbekannt waren. Die wurden manchmal unnatürlich hoch eingeschätzt, und es mußte schwer gehandelt werden, bis die Afghanen endlich den Wert annahmen, den wir für richtig hielten. Viel Spaß hatten wir eines Nachmittags, als wir eine Kiste mit Spielwaren verzollten. Jedes einzelne Stück wurde angestaunt, und der Direktor selbst spielte den ganzen Nachmittag mit einem Affen, der die Trommel schlug! Riesengroß war die Freude und das Staunen, als wir ein kleines Automobil, das mit Federwerk versehen war, aufzogen und auf dem Boden laufen ließen. Großen Eindruck machte auch das Aluminiumgeschirr, das bisher in Kabul noch unbekannt gewesen war. Hatten wir die Kisten verzollt, so engagierten wir uns eine Anzahl Lastträger. Jeder schnürte sich eine der schweren Kisten auf den Rücken, und dann ging es im Gänsemarsch unserem Lagerraum zu.

Manchmal war das Arbeiten im Zollamt kein Vergnügen. Wenn man auch nach Möglichkeit versuchte, uns das Arbeiten in jeder Weise zu erleichtern, so konnte man doch nicht verhindern, daß auch andere Händler und Kaufleute ihre Waren in der Nähe der unsrigen aufstapelten. Besonders unangenehm war es, wenn dort 50 bis 100 mit Hammelfett gefüllte Ledersäcke lagen. In der großen Hitze – stieg doch das Thermometer häufig mittags im Schatten auf 35 bis 40 Grad – war das Fett natürlich ranzig geworden, drang durch die Nähte der Säcke, lief an ihnen herunter, daß sie glänzten, als ob sie poliert seien und verbreitete dazu einen ekelerregenden Geruch.

Sehr interessant gestaltete sich die Verzollung von Bier und Spirituosen. Auch dies war für die Afghanen natürlich etwas ganz Neues, da diese Getränke für die Mohammedaner verboten sind. Jeder von uns erhielt einen Schein, auf dem vermerkt war, wieviel Bier, Whisky usw. er im Jahre verbrauchen durfte. Kam dann eine Sendung an, so wurde die Anzahl Flaschen, die der betreffende haben wollte, von seinem Kontingent abgeschrieben. Auch waren wir verpflichtet, genau Buch darüber zu führen, an wen wir die Spirituosen verkauft hatten. Daß wir an Afghanen kein Bier verkaufen durften, versteht sich von selbst.

Bei jedem einzelnen Gegenstand, den wir verzollten und der den Afghanen unbekannt war, mußten wir ihnen erklären, wozu er diente. Zollfrei war gar nichts – mit Ausnahme von gebrauchter Wäsche. Bücher, selbst Bilder von unseren Angehörigen mußten verzollt werden! Sicher ist der Zoll eine der Haupteinnahmequellen des Landes.

War die Tagesarbeit getan, dann machten wir meistenteils noch einen Spaziergang, besuchten Bekannte und waren um acht Uhr zum Essen daheim. Auf dem Dache war es immer recht frisch. Dann saßen wir beim Scheine der Stallaternen, plauderten oder lasen. Später löschten wir auch wohl die Lampen aus und blieben beim Glanz der Sterne und des Mondes noch lange auf unserem Dach. Auch die Diener gingen meist spät schlafen. Lange noch sah man den roten Lichtschein aus der Küche in den Hof fallen. Meist saßen sie um das Feuer, plauderten, rauchten Wasserpfeife, oder Gulam – unser indischer Koch – las ihnen etwas vor, denn er war sehr gelehrt und war weit in Asien herumgekommen.

In der heißen Jahreszeit schliefen die Diener immer im Hof. Nachts sank die Temperatur auf 25 bis 28 Grad Celsius, tagsüber erreichte sie im Schatten 38 bis 40 Grad Celsius. Um elf Uhr jeden Abend wurde ein Kanonenschuß abgegeben. Nach dieser Zeit durfte keiner mehr ohne Laterne ausgehen. Wurde man ohne Laterne von einem roten Polizisten erwischt, so mußte man die Nacht auf der Wache zubringen und am anderen Morgen Rechenschaft ablegen, was man so spät noch auf der Straße getrieben hatte.

Wir schliefen bei offenen Fenstern und Türen. Oft wachte man nachts auf; dann hatte sich eine Katze oder ein anderer nächtlicher Ruhestörer ins Zimmer geschlichen. Manchmal fand man morgens die Küchenreste auf den Teppich verstreut, meistens schön abgenagte, weiße Knochen! Daß die Tiere sich als Nachtlokal immer gerade mein Zimmer aussuchten und meinen Teppich immer als Speisetisch nahmen, fand ich ungehörig! Wenn sie sich dabei leise und anständig benommen hätten, hätte ich auch noch ein Auge zugedrückt! Aber sie legten es doch manchmal darauf an, die Nachtruhe zu stören. Von meinem Feldbett aus warf ich dann wohl einen Stiefel, oder was sonst gerade zur Hand war, ins Zimmer. Dann war es einige Minuten still. Schließlich gab man dann doch den Kampf als aussichtslos auf, legte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein.

Im Hofe war auch das Hühnervolk untergebracht, unser lebender Proviant, der jede Woche frisch ergänzt wurde. Stets kaufte Gulam auch einige Hähne und ausgerechnet solche, die eine sehr laute Stimme hatten. Der eine war Tenor, der stets nachts übte; schon um drei Uhr begann er zu krähen, laut und vernehmlich! Dann antwortete von ferne ein anderer Hahn und sofort begann er wieder unermüdlich Minute auf Minute. An Schlaf war dann nicht mehr zu denken.

Eines Nachts, als er gerade wieder seine Stimme erschallen ließ und schon um zwei Uhr begann, riß Wagner denn doch die Geduld. Ich sah, wie er in seinem Zimmer Licht anzündete und mit einem kräftigen Fluch – tschirakäsch, pedersäk – so etwa wie Hundesohn – in den dunklen Hof stürzte. Darauf hörte ich einen festen Gegenstand gegen die Wand aufschlagen; es war entweder sein Stiefel oder ein Stein! Gulam wurde geweckt, und nun begann die nächtliche Hahnenjagd. Die Aufregung war allgemein. Sämtliche Diener nahmen an der Jagd teil. Endlich war der Übeltäter erwischt und wurde in die Küche gesperrt, wo er am folgenden Tage sein Leben beschließen mußte. Wir aber krochen wieder auf unsere Feldbetten, bis uns um fünf Uhr das jämmerliche Geschrei des Esels weckte, der im Nachbarhofe unter einem großen Baume angebunden war ...

XV

UNRUHIGE ZEITEN

Schon im Frühling, bevor ich nach Indien ging, liefen durch Kabul Gerüchte von einem Aufstand der Mangals, die im Khostgebiet nahe der indischen Grenze wohnen (s. Karte). Bestimmtes war aber nicht zu erfahren.

Als ich in Peshawar war, las ich in den Zeitungen oft Berichte über die Lage in Afghanistan, vermochte aber nicht, mir ein klares Bild zu machen. Inder und Afghanen, mit denen ich zu tun hatte, erzählten mir die größten Schauermären, unter anderem, daß in Kabul Revolution ausgebrochen sei. Gerade in jenen Tagen erhielt ich eines Abends auch ein Telegramm, durch das mir mitgeteilt wurde, vorerst keine weiteren Karawanen nach Kabul zu schicken, da Gefahr im Anzuge sei. Da ich gerade eine Karawane startbereit hatte, mußte ich alles wieder abladen und einlagern lassen. Bange Tage und Wochen folgten; nie aber konnte man etwas Bestimmtes erfahren. Alles waren Gerüchte, die beim genaueren Zuschauen sich als unwahr oder übertrieben erwiesen. Trotzdem mußte irgend etwas vor sich gehen.

Einmal hieß es, die Ghilsai-Stämme hätten sich den Aufständischen angeschlossen, das andere Mal, die Wasiris wären dem Emir zu Hilfe gekommen. Beides war nicht wahr. Eines nur hörte man immer wieder: Es sei ein Gegenemir aufgestellt, ein gewisser Abdul Kerim, der in dem Gebiet, das sich zwischen Ghasni und der indischen Grenze ausdehnt, die Stämme zum Kampf gegen den Emir Amannullah Khan aufgerufen habe. Daß irgend etwas nicht in Ordnung war, wurde uns dadurch bewiesen, daß die Post immer sehr lange unterwegs war, und daß der Telegraph häufig mehrere Tage nicht funktionierte.