Quer durch Afghanistan nach Indien

Part 12

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Am anderen Tage fuhren wir nach Dschebl-es-Seradsch. Der Weg war an vielen Stellen durch Blöcke gesperrt und wir mußten oft halten, um diese aus dem Wege zu räumen. Gegen Mittag kamen wir in Dschebl-es-Seradsch an und wurden im Gouverneursgebäude untergebracht. Von der Terrasse des Palastes aus hat man einen herrlichen Blick auf das umliegende Land. Tief unter uns zur Rechten sahen wir den schäumenden Ghorbendfluß, zur Linken den Pändschschir; und ringsherum hohe Berge. Im Südosten ragten trotzige wilde Felsgipfel auf – dort lag Kafiristan, in das tiefer einzudringen bisher nur zwei Engländern gelungen war, Robertson im Jahre 1889 und Mc. Nair bereits 1883. Das Land soll so wild und zerrissen sein, daß man es mit einer Karawane nicht durchziehen kann, es sei denn, man hätte Träger. Wenn man die Literatur über dieses seltsame Land durchsieht, stößt man oft auf Widersprüche. Die einen schildern die Kafiren als lustige, den Europäern wohlgesinnte Menschen; die anderen berichten, daß sie das wildeste Räubervolk seien, das man sich denken könne. Die Kafiren halten sich selbst für Abkömmlinge der alten Griechen. Holdich – wohl einer der besten Kenner Afghanistans – glaubt, daß die Kamdesch-Kafiren Nachkommen der alten Nysaeer sind, die Alexander den Großen auf seinem Zuge nach Indien als Landsmann und Religionsgenossen begrüßten. Die Kafiren zerfallen in viele Stämme. Sie sprechen verschiedene Sprachen und bekämpfen sich untereinander genau so wie die Grenzvölker an der indisch-afghanischen Grenze. Bis zu dem Augenblick, wo Emir Abdur Rahman seinen Glaubensfeldzug gegen sie antrat, hatte kein mohammedanischer Eroberer – vielleicht mit Ausnahme Timurs – den Versuch gemacht, dieses Land zu unterwerfen. Noch heute sind die Kafiren gefürchtet, und keines der an Kafiristan – oder besser Nuristan (das von der Religion erleuchtete Land) – angrenzenden Gebiete ist vor ihren räuberischen Überfällen sicher. Auch die Bewohner des Pändschschirflusses sollen gefürchtete Räuber sein. So hat sich dieses Gebiet noch bis zum heutigen Tage eine gewisse Selbständigkeit bewahrt; denn der Einfluß und die Macht der Kabuler Regierung ist hier nicht groß.

Wir bestiegen in Dschebl-es-Seradsch die nördlichen Hänge des »Eisenberges«, der aus Kalksteinen und sehr vielen Roteisenerzgängen besteht. Von hier aus konnten wir sogar den Sefid-kuh bei Dschelalabad sehen, der sich wie eine weiße, gezähnte Mauer am südöstlichen Horizonte abhob. Das große breite Tal, das vom Hindukusch nach Kabul sich hinzieht und unter dem Namen Koh-i-Daman bekannt ist, halte ich für ein eingebrochenes Becken, das – von alten See- und Flußablagerungen angefüllt – jetzt reich bewässert und außerordentlich fruchtbar ist. Von den Seiten der die Ebene begrenzenden Berge schieben sich Schuttkegel ins Tal. Dort liegen die in Maulbeer- und Aprikosenhainen versteckten Lehmdörfer Istalif, Deh-i-Nao und Istargij.

Von Dschebl-es-Seradsch unternahm ich später einmal eine Fahrt nach Gul Behar, das am Pändschschirflusse liegt. Der Fluß ist dort von prächtigen alten Maulbeerbäumen eingesäumt und ein Dorf liegt neben dem anderen. Früher muß auch der Pändschschir einmal in einem höheren Niveau geflossen sein, denn er wird auch von alten Flußterrassen eingefaßt, auf denen die Dörfer liegen. Wir konnten auch einen Blick in die Schlucht werfen, durch die der Pändschschir aus dem Hindukusch tritt. Die Berge waren fast alle schneefrei, aber die Hauptkette, die wir im Hintergrunde sahen, bildete eine einzige weiße Schneemauer. Gerade am Eingang der Schlucht, jenseits Gul Behar, liegt an den Felsen angeklebt ein Räubernest. Gewaltig sollen die Fluten sein, die sich zur Zeit der Schneeschmelze durch die Täler wälzen und alles mit sich reißen, was in ihren Weg kommt.

Sicherlich ist das Gebiet zwischen Dschebl-es-Seradsch und Tscharikar schon in ältesten Zeiten besiedelt gewesen, da hier ein großer Knotenpunkt für alle Karawanenstraßen ist. Von Osten (Pändschschir-Chawak), von Westen (Bamian-Ghorbend), von Norden (Hindukuschpässe) und von Süden (Kabul) treffen alle Straßen hier zusammen. Noch ungelöst ist die Frage, ob Alexanders des Großen Städtegründung Alexandria in dieser Gegend lag. Viele Forscher vermuten, daß die Stadt auf der Begram-Ebene südöstlich von Tscharikar gelegen habe, denn hier hat man viele Münzen gefunden, die aus alter, griechisch-baktrischer Zeit stammen. Auch sollen Überreste aus buddhistischer Zeit aufgedeckt worden sein.

Die Koh-i-Daman-Ebene mit dem Ghorbendtal ist einer der fruchtbarsten Landstriche Afghanistans. Fährt man von Dschebl-es-Seradsch nach Kabul, so passiert man Dorf an Dorf, Garten an Garten, während zu beiden Seiten sich die hohen, pittoresken, kahlen Berge hinziehen.

Bei bitterkaltem Wetter und einem schneidenden Winde trafen wir wieder in Kabul ein und freuten uns, bald Indiens sonnige Fluren grüßen zu können.

Da nämlich im Laufe des Januar ein Dampfer in Karatschi eingetroffen war, der eine große Sendung für unsere Gesellschaft an Bord hatte, mußte einer von uns nach Indien, um die Sendungen von dort aus nach Kabul auf den Weg zu bringen bzw. sie in Peshawar einzulagern. Da auch zwei Autos in der Ladung waren, die aufmontiert werden mußten, schloß sich Blaich, der mit allen autotechnischen Arbeiten vertraut war, mir an.

XII

IM AUTO VON AFGHANISTAN NACH INDIEN

Wochen verstrichen, und es wurde Zeit, daß wir uns für die Reise nach Indien rüsteten.

Endlich am 18. März, frühmorgens, stand das für die Fahrt gemietete Auto vor unserem Hause. Es war halb sieben, und es begann zu dämmern. Der Himmel war bewölkt. Kein Mensch war zu erblicken, als wir durch die noch schlafende Stadt fuhren. Es war still; nur das Rauschen des Kabulflusses drang an unser Ohr. Bald hatten wir die Stadt und ihre Gärten hinter uns und fuhren der aufgehenden Sonne und den Bergen entgegen. Hin und wieder trafen wir Afghanen, die der Stadt zueilten, und langsamen Schrittes zog eine Kamelkarawane an uns vorüber.

Bei Khurd Kabul erreichen wir die Talsperre; ein kleiner, blaugrüner See ist durch diese hier aufgedämmt. Er liegt wie ein geschliffener Türkis inmitten der verwitterten, düster ausschauenden Schieferberge, die noch auf den Kuppen Schnee tragen. Wir halten einige Minuten, um Benzin aufzufüllen, und dann geht es hinein in die Bergwelt. Höher und höher schrauben wir uns, bis wir endlich die ca. 3000 Meter hohe Paßhöhe des Häftpasses erreichen, von der aus wir einen wundervollen Blick auf die hohen Berge Laghmans und des wilden Kafiristan haben. Aber die Luft ist noch nicht ganz klar, und es sieht aus, als ob ein dünner lila Schleier über den tiefen Tälern liegt. In Serpentinen geht es wieder hinab, und die Kurven sind manchmal recht scharf. Eine Strecke lang sind die verwitterten Berghänge mit kleinen, dunkelgrünen Büschen bedeckt, und oft erfreut eine saftig grüne Wiese im Talgrund unser Auge. Der Chauffeur hat den Motor abgestellt, denn infolge der starken Neigung fahren wir auch so mit sausender Geschwindigkeit dahin. Oft begegnen uns Karawanen, und es dauert manchmal lange, bis es uns gelingt, an diesen vorbeizukommen. Stets gibt es Unordnung: Tiere reißen sich los, Lasten fallen zu Boden, die Männer schimpfen und fluchen und blicken uns vorwurfsvoll an.

Langsam geht es hinunter nach Djegdellek und Surkh-pul. Hier in diesen Schluchten war es, wo 1841 der letzte Rest der anglo-indischen Armee von den Afghanen niedergemetzelt wurde. Die Leiden dieses Rückzuges müssen furchtbar gewesen sein. Es war mitten im Winter, in furchtbarer Kälte und tiefem Schnee, als die Armee unter ständigen Angriffen der Ghilsais von den Höhen aus sich den Rückweg zu erkämpfen suchte. Zu Hunderten, zu Tausenden kamen sie um – – verdursteten, erfroren, verhungerten oder wurden von den Afghanen abgeschlachtet und niedergeschossen; nur ein einziger Überlebender sollte den Untergang der Armee melden können.

Bei Surkh-pul passieren wir eine große, rote Brücke und machen an der Straße Rast, wo einige kleine Verkaufsstände aufgeschlagen sind. Ein alter, zudringlicher, in Lumpen gehüllter Bettler will nicht von uns weichen. Die Kinder, unter ihnen bildhübsche kleine Mädchen, stehen um uns herum, betasten das Auto und starren uns an.

Wir fahren über kleine, sandige Pässe auf das Plateau von Ghandamak hinauf, wo 1879 die Friedensverhandlungen zwischen Engländern und Afghanen stattfanden. Dann geht es hinunter in die Djelalabader Ebene. Ein schwarzgrüner Zypressenhain, in dem ein kleines Bungalow liegt, ist Nimla. Im Süden zieht sich der schneebedeckte Sefid-kuh hin, dessen untere Hänge mit Fichtenwald bestanden sind; der einzige Wald, den ich in ganz Afghanistan gesehen habe! Die Vegetation wird üppiger und üppiger; wir fahren auf einer von hohen Tamarisken eingefaßten Chaussee dahin (Abb. 54). Das blaugrüne, fein zerschlitzte Laubwerk der Bäume sticht scharf gegen das saftige Grün der Wiesen und Felder ab. Gegen vier Uhr nähern wir uns der Stadt; Kinder spielen am Straßenrande und haben sich mit Blumen geschmückt – wir sind aus dem winterlichen Kabul in den Sommer gefahren! Um halb fünf treffen wir in Djelalabad ein und werden im Sommerpalast Bagh-i-Schahi untergebracht. Ganz Djelalabad ist eine üppige Oase. Hohe Tamarisken neigen sich über die großen, breiten, gut gepflegten Alleen; Garten reiht sich an Garten, und der Blumenduft ist geradezu betäubend.

Abends sitzen wir auf der Terrasse des Gartenschlosses und blicken auf den kleinen, künstlich angelegten See zu unseren Füßen. Es ist fast totenstill; man hört nur das leise, feine Zirpen der Zikaden und das Plätschern der kleinen Springbrunnen. Die Luft ist schwül; es hat sich wenig abgekühlt, und kein Luftzug regt sich, so daß der Rauch unserer Zigaretten in der Luft stehenbleibt. Ehe es dunkel wird, mache ich noch ein paar Skizzen. Dann geht der Mond auf. Vor uns am See ragt eine riesige Palme mit prachtvoller Krone auf und hebt sich scharf vom blauen, sternübersäten Nachthimmel ab. Ernste Zypressen stehen wie Wächter um den See; aus dem Dunkel des Gebüsches leuchten große, weiße Rosen, und schwer liegt der süße Duft von tausend Blüten auf dem Garten. Wir sitzen noch lange auf der Terrasse; selten, daß einer ein Wort spricht. Hier könnte man lange träumen! Nach der Zeit in Kabul kommt es uns hier märchenhaft schön vor, und morgen soll es nach Indien gehen!

Während des ersten afghanischen Krieges hat Djelalabad eine große Rolle gespielt, da sich hier die eine englische Brigade unter General Sale verschanzt hatte. Wenn man die Berichte aus jenen unglücklichen Tagen des Januar 1842 durchliest, kann man sich ein Bild machen, in welch furchtbarer Ungewißheit und Angst um ihre in Kabul zurückgebliebenen Kameraden und den Rest der Armee die paar Offiziere waren, die die Djelalabader Garnison befehligten. Langsam war es ihnen zur Gewißheit geworden, daß ein furchtbares Schicksal die Armee betroffen haben mußte. Am 13. Januar sollte die Botschaft kommen. Man arbeitete gerade auf den Wällen, als man auf der Straße, die nach Kabul führt, einen einsamen Reiter erblickte, der langsam und mühsam, als ob Pferd und Reiter jeden Augenblick vor Schwäche zusammenbrechen wollten, näher kam. Ein Schaudern ergriff die Leute: jener einsame Reiter sah wie der Todesbote aus! Ihre Ahnungen erwiesen sich als richtig. Es war der einzige Mann, der die Geschichte von der vollständigen Niedermetzelung der Armee melden sollte. Man brachte den Verwundeten, Erschöpften, Halbtoten ins Fort: es war Dr. Brydon, und er berichtete, daß er der einzige Überlebende einer Armee von 16000 Mann wäre.

Wenn man heute in Djelalabads Blumengärten weilt und die Stille und den Frieden atmet, der über dieser kleinen paradiesischen Oase und der fruchtbaren Ebene liegt, dann ahnt man nichts von den Leiden, die dieses Tal schon gesehen hat. In der Nähe von Bagh-i-Schahi steht das Winterschloß des Emir inmitten eines herrlichen Blumengartens, und nicht weit entfernt ist die Stelle, wo am 20. Februar 1919 der Vater des jetzigen Königs – Habibullah – ermordet wurde.

In aller Frühe brechen wir von Djelalabad aus auf. Bald haben wir das Grün der Gärten und Felder hinter uns gelassen und kommen wieder in echt afghanische Landschaften, in denen kaum ein Fleck Grün das Auge entzückt. Die Straße ist schlecht, und wir können nur langsam fahren. Die Flußbetten sind fast ausgetrocknet; ein Glück für uns, da die Brücken schlecht und manchmal zerstört sind. Hin und wieder treffen wir kleine Trupps Nomaden – Mohmands. Die Frauen und Mädchen gehen hier nicht verschleiert, und man sieht oft hübsche Gesichter, dunkeläugige Mädchen, um deren schwarzes Haar schöner Silberschmuck geschlungen ist. Sie tragen alle tiefschwarze, in Falten herabfallende, pyjamaähnliche Gewänder.

Trostlos öde, wie von der Sonne verbrannt, sehen die Berge aus. Sie bestehen aus Schiefer und Gneis. Wir fahren weiter durch eine große, sandige, mit Blöcken bestreute Ebene, in deren schlechten Wegen die Räder des Wagens tief einsinken. Nur langsam können wir vorwärts kommen. Wärmer wird es, schwüler. Die Farben, in die die Landschaft getaucht ist, sind unendlich zart und duftig; im hellsten Lila schimmern die Berge im Norden des Kabulflusses, der sich wie ein silbernes Band durch die fruchtbare, hellgrüne Ebene von Lalpura schlängelt. Wir kommen nach Dekka. Unten am Flusse, inmitten eines kleinen Hains, liegt das Wächterhäuschen, wo unsere Pässe kontrolliert werden. Man bewirtet uns mit Tee und Obst, und dann geht es hinein in den Khaiber-Paß.

Zwischen Dekka und dem Passe treffen wir keinen Menschen. Die Fahrt dauert ca. 20 Minuten. Wild zerrissen sind die Berge, und man ahnt, wie schwer hier die Kriegführung sein muß. Unbarmherzig brennt die Sonne hernieder und die Luft flimmert über den nackten Felsen. Wir fahren an zwei verlassenen, kleinen Lehmhütten vorbei; dann treten die Berge wieder enger zusammen, und bald sehen wir das Khaiber-Haus hoch oben auf einem Berge thronen. An der Grenze ist ein Stacheldrahtzaun gespannt, und auf einer großen Tafel liest man:

It is absolutely forbidden to cross the border into Afghan Territory (Abb. 61).

(Es ist absolut verboten, die Grenze nach Afghanistan zu überschreiten.)

Hoch oben links an den Berghängen stehen ein paar Baracken, wo der afghanische Grenzposten Wache hält. Er kommt herunter, prüft noch einmal unsere Pässe, und dann können wir unsere Reise fortsetzen. Bald haben wir das erste große englische Barackenlager erreicht – Lundi Khana –, und dann geht es immer höher hinauf, bis Ali Mesjid in Sicht kommt. Die Straße ist meisterhaft angelegt und nur für den Autoverkehr geöffnet; die Karawanen gehen im Tale, auf der für sie angelegten Straße. Hier auf der Khaiber-Straße bekommt man eine Vorstellung von dem Leben, das sich auf den großen Karawanenwegen, die Indien mit den Nachbarländern verbinden, abspielt. Aber nur an zwei Tagen in der Woche ist der Paß für den Karawanenverkehr freigegeben. Immer wieder und wieder muß man die Nomaden betrachten, die mit ihrem ganzen Hab und Gut große Strecken durch die öden Gebirgsländer Zentralasiens zurücklegen (Abb. 59). Alle gehen zu Fuß: Frauen in schwarze oder tiefblaue Gewänder gehüllt, schwere Bündel auf dem Kopf tragend oder mit Stöcken die Tiere antreibend; junge Mädchen, häufig zerrissen, zerlumpt, aber schön wie junge Zigeunerinnen; junge Burschen und Greise, die der Karawane vorauseilen. Auf einem der größten Kamele sieht man zuweilen auch kleine Kinder thronen, die ängstlich mit ihren schwarzen Augen in die Welt blicken und dem Hühnervolk Gesellschaft leisten, das auch auf dem hohen luftigen Sitze die weite Reise mitmacht.

Und dann geht es in großen Serpentinen hinab ins indische Flachland, über dem ein grauer Dunstschleier liegt. Bald grüßt uns der im Winde flatternde »Union Jack« vom Jamrud-Fort, wo unsere Pässe noch einmal kontrolliert werden, und in einstündiger Fahrt treffen wir mittags in Peshawar ein.

XIII

PESHAWAR

Die ersten Tage in Peshawar waren für uns, nach dem Leben, das wir in Kabul geführt hatten, eine wahre Erholung. Wir erhielten ein hübsches, geräumiges Hotelzimmer mit Bad, und die Bedienung ließ nichts zu wünschen übrig. Die Verpflegung war erstklassig, und erst jetzt merkten wir, wie einfach wir in Kabul gelebt hatten.

Morgens um sechs Uhr oder halb sieben brachte uns der Boy bereits das »tschota hasri«, das kleine Frühstück, das aus Tee, geröstetem Brot und Obst bestand, ans Bett. Nach dem Breakfast und dem Lesen der Zeitungen und Post nahmen wir uns einen Tonga und fuhren in die Stadt, um hier unserer Arbeit nachzugehen: Warensendungen zu deklarieren, Kisten umzuladen und mit Karawanenführern zu verhandeln (Abb. 68).

Der Weg von Deans Hotel nach der »City«, wie die Eingeborenenstadt heißt, verläuft längs der Eisenbahn. Der Bahndamm trennt hier zwei Welten; auf der einen Seite liegt das »Cantonment«, das Europäerviertel, auf der anderen die City. Die Engländer verstehen es wie vielleicht keine andere Nation sich ein hübsches, gemütliches Heim zu schaffen, selbst unter den erschwertesten Bedingungen. Jedes Bungalow ist ein kleines Schloß für sich, das wie ein Edelstein im Grün der Bäume und inmitten einer unbeschreiblichen Blütenpracht versteckt liegt. Überall bewahrheitet sich der englische Spruch: »My home is my castle.« Dann zog ich wohl einen Vergleich zwischen Indien und Rußland, zwischen dem Pändschab und Russisch-Turkestan, zwischen Peshawar und Kuschk. Hier in Indien herrscht überall die peinlichste Ordnung und Sauberkeit. Selbst in den kleineren Städten sieht man den englischen Einfluß. England hat Indien Ruhe und Sicherheit geschenkt, das muß jeder zugeben, der sich einmal gründlicher mit der Geschichte Indiens beschäftigt hat. Würde England heute aus Indien herausmüssen, so wäre das Chaos die notwendige Folge. Die Spannungen zwischen Mohammedanern und Hindus sind doch derart, daß diese niemals in Eintracht miteinander regieren würden. England hat aus Indien erst das gemacht, was es heute ist. Das wissen die Inder auch sehr gut, wenn sie es auch nicht immer zugeben wollen. Selbst hochgestellte Inder, wie Tagore, ahnen, daß das Volk noch nicht reif ist, sich selbst zu regieren. Sie fürchten die große Masse. Nur eine starke Hand kann das Riesenreich zusammenhalten, der Inder ist zu schwach dazu.

Daß Turkestan bei einem Vergleich mit Indien schlecht abschneidet, wird keinen verwundern, der Russen und Engländer in ihrer Arbeit und Lebensweise kennt. Der Engländer ist der Mann der Praxis, der große Wegebauer, der große Bewässerungsingenieur, dem kein Gelände zu schwierig, kein Volk zu wild ist; kurz, der einfach keine Hindernisse kennt. Der, wenn er einmal etwas unternimmt, dieses auch gründlich und restlos, manchmal allerdings auch rücksichtslos durchführt. Ich brauche nur an die großen Autostraßen zu denken, die das Pändschab durchziehen, und sie mit den Straßen in Turkestan zu vergleichen, oder nur an die Bahn Merw–Kuschk und die Bahn Peshawar–Khaiber-Paß.

Die Engländer sind ein Herrenvolk, das sich seiner weißen Rasse stets bewußt ist und stets bewußt bleiben wird, und das immer eine gewisse Distanz von den farbigen Rassen zu wahren weiß.

Der Russe ist Halbasiate. Schon in Moskau fängt Asien an. Er ist genügsam bis zum äußersten. Wir Westeuropäer würden solch ein Leben, wie er es jetzt führt, einfach nicht ertragen können. Unsere Seele würde sterben, die Freude am Leben schwinden. Die Sonne würde fehlen. Wir Deutsche sind – wie die Engländer – viel zu sehr an Ordnung, Sauberkeit und einen gewissen Wohlstand gewöhnt, als daß wir in düsteren Stuben wohnen könnten, in die kein Licht und kein Sonnenstrahl fällt.

Je näher man der Eingeborenenstadt kommt, um so lebhafter wird der Verkehr. Große zweiräderige Ochsenkarren schleppen sich langsam über die staubigen roten Straßen, Zebus, hübsch geputzt, mit vergoldeten Hörnern, ziehen kleine Wägelchen, und Eselkarawanen trippeln vorbei. Unter den großen, schattenspendenden Mango- und Banianenbäumen sitzen die Männer, rauchen Wasserpfeife, trinken Tee oder schlafen. Durch das Laubwerk der Bäume fallen die Sonnenstrahlen und streuen blendende Flecke auf den roten Boden. Am Grabenrande liegen die Wasserbüffel; einige stehen im Wasser unbeweglich, als ob sie schliefen, andere gucken nur mit dem großen Kopf aus dem schmutzigen Tümpel heraus.

Beim Edwardstor ist der Eingang zur City. Hier reiht sich Verkaufsladen an Verkaufsladen, alles offene Stände, wie wir sie auf unseren Jahrmärkten haben. Das Gedränge ist riesengroß, und der Fahrer muß ständig klingeln und schreien, um sich den Weg durch die Menge zu bahnen (Abb. 64). Und über allem liegt die Sonne, und der blaue Himmel strahlt auf das bunte Leben hernieder. An jeder Straßenkreuzung steht ein eingeborener Polizist in graugrüner Uniform und blaurotem Turban, der für Ruhe und Ordnung sorgt. Auch hier im Peshawar-Basar sieht man manchmal hübsche indische Frauen, besonders den Grenzstämmen angehörend. Eng werden manchmal die Gassen, so daß man kaum noch mit dem Wagen hindurchfahren kann. Begegnen sich zwei Gefährte, so muß das eine zurückfahren, bis eine Seitengasse kommt, in das es einbiegen und dem anderen Gefährt den Weg freigeben kann.

Von den Dächern der Häuser hat man einen herrlichen Ausblick auf die umliegende Bergwelt. Besonders morgens, wenn die Luft noch klar und rein ist. Wie eine weiße Sägelinie ziehen sich die hohen Ketten im Norden am Horizonte hin. Die Hauptkette des Himalaja kann man nicht sehen; aber schon der Anblick der Mohmandberge ist imposant. Die Farben der fernen Ketten sind außerordentlich weich und duftig. Wie lila Schleier schimmern ihre Felsen, die mit blendend weißen Schneeflocken gekrönt sind.

Dicht vor der City liegt der Zoologische Garten, der weniger durch seinen Tierbestand als durch seine herrlichen Anlagen das Auge erfreut (Abb. 65). Am schönsten war es hier immer morgens oder abends. Die Anlagen sind sehr gut gepflegt, und die Blütenpracht war unbeschreiblich schön. Einige Laubengänge waren über und über mit einer rankenden, tiefviolett blühenden Klematis überwachsen, und die frischen Schößlinge der Palmen leuchteten in gelbgrünen Farben. Der Reiz der Tropenvegetation liegt zweifellos in der Mannigfaltigkeit der Formen und besonders der Farbentöne. Alle Nuancen von Grün sind vorhanden, vom hellsten Gelbgrün bis zum weichen Blaugrün der Tamarisken, durch das sich die schwarzen Stämme ziehen und gegen das der dunkelrote Lateritboden absticht. Friede und Ruhe herrschten hier.

Eines Tages unternahmen wir eine größere Autofahrt, die uns durch den Zoo an den Kabulfluß führte. Viele Bewässerungskanäle sind hier vom Hauptflusse abgezweigt, den wir auf einer Pontonbrücke kreuzen. Das Wasser ist eine Lehmsuppe von gelbbrauner Färbung, und die Strömung ist sehr stark. Man hat von hier einen umfassenden Überblick über die weite Peshawar-Ebene, die von einem Kranze hoher Berge eingefaßt ist. Die Gipfel im Westen sind schneefrei, kahl und felsig und schimmern braunrot in der Nachmittagssonne.