Part 16
Durch die einfache, aber um so wirkungsvollere Mahnung des Sterbenden in hohem Grade erschüttert, wagte der Prinz keine Erwiderung auszusprechen, wozu er sich überdies auch nicht fähig fühlte, sondern ergriff schweigend die ihm dargereichte welke Hand, drückte sie leicht an die Lippen und verließ alsdann das Gemach.
So trennten sich Oheim und Neffe für immer.
Der Fürst schloß die Augen und sank in den Sessel zurück.
»Er wird wie Sardanapal in den Armen seiner Buhlerinnen untergehen,« murmelte er vor sich hin und fiel alsdann bald in einen ohnmachtähnlichen Schlummer. Sein Aussehen änderte sich rasch.
Niemand erschien; überall ängstliche Stille und Einsamkeit. Nur das Picken eines Spechtes an einem morschen Baume im Park tönte herein und klang, als klopfte man Nägel in einen Sarg.
Die Aerzte hatten sich nicht geirrt; des Fürsten Lebenskraft schwand rasch hin. Als die Sonne niederging und ihre feurigen Strahlen über den Park ausgoß, schlug er zum letzten Mal die Augen auf und schaute mit erweiterten Blicken in die heller und heller auflodernde Abendgluth, und als sie verblaßte und in die dunkle Nacht versank, seufzte er auf und verschied. Er starb, wie er es gewünscht; nur mit dem Tod allein. Denn Niemand war bei ihm; nur seine Lieblinge blickten in sein brechendes Auge und legten sich alsdann zu den erkalteten Füßen ihres Gebieters.
* * * * *
So war denn, wie wir erfahren haben, des Fürsten wohlmeinende Absicht wirklich in Erfüllung gegangen; die Glockenklänge brachten Sidonien die beglückende Botschaft ihrer Freiheit. Dieselbe wurde anfangs allerdings durch die nahe liegende Besorgniß, es könnte der Graf vielleicht nicht in ähnlicher Weise erfreut worden sein, beeinträchtigt; jedoch nur für kurze Zeit, da schon nach wenigen Tagen von der Gräfin Römer die Nachricht von seiner Entlassung aus der Haft einlief und somit aller Sorge ein freudiges Ende machte.
Jetzt entstand für Sidonie die nahe liegende Frage, wohin sie sich begeben sollte. Sie, eine Fürstentochter, hatte nirgends eine Heimath, denn in ihre ursprüngliche zurückzukehren, fühlte sie in Hinblick auf die ihr von ihrem Bruder gezeigte Lieblosigkeit keine Neigung. Ehe sie sich jedoch darüber entschied, eilte sie zu ihrer Tochter, um die Langentbehrte an das Herz zu drücken. Aber sie verweilte daselbst nur zwei Tage und kehrte alsdann wieder in ihr einsames Schloß zurück. Die Herzogin hatte sie kalt und gemessen empfangen; denn trotz der Begnadigung vergaß man Sidoniens Vergehen nicht. Der Schein war gegen sie, sie mußte das hinnehmen.
Um so größer war daher ihre Freude, als sie bei ihrer Rückkehr einen Brief der Gräfin Römer und des Geliebten fand, der, aus der Haft entlassen, sofort zu seiner Mutter geeilt war. Die Gräfin lud sie zu einem baldigen Besuch ein, indem sie ihr zugleich ihr Schloß zum künftigen Aufenthalt anbot. Römer hatte diese Einladung durch seine eigene Bitte und den Hinweis auf die besonderen Verhältnisse, welche ein passenderes Wiedersehen nicht gestatteten, unterstützt.
Sidonie erkannte das und war nach kurzer Berathung mit Aurelien entschlossen, das Schloß für immer zu verlassen, die Einladung der Gräfin, bei ihr zu wohnen, jedoch aus nahe liegenden Rücksichten abzulehnen und sich nach jenem Badeort zu begeben, den sie früher besucht hatte. Derselbe lag, wie wir wissen, in der Nähe der gräflichen Besitzung und gewährte ihr daher einen bequemen Verkehr mit der Gräfin und dem Geliebten. Auf dem Wege dahin wollte sie der Gräfin den von dem eigenen Herzen so heiß gewünschten Besuch machen, wollte sie den theuern Mann nach so langer, langer trüber Zeit endlich wieder sehen und das so schmerzlich entbehrte Glück der Wiedervereinigung genießen.
O, wie drängte ihr Herz zu ihm, und mit welcher Hast ordnete sie ihre Abreise an und führte diese trotz der rauhen Witterung mit glücklichem Herzen und ohne Zögern aus.
Die Bewohner des Schlosses und der Umgegend sahen sie mit betrübtem Herzen scheiden, und mancher Glückwunsch tönte der Forteilenden mit aufrichtigem Herzen nach; denn sie war ja so gütig und ach! auch so sehr unglücklich gewesen, wie dies oft ihre kummervollen Züge und verweinten Augen verrathen hatten.
Und Sidonie hatte Allen, Allen mit freundlichen Worten gedankt, sie beschenkt und dem See und den Wäldern, den Fluren und Gärten mit feuchtem Auge ein Lebewohl zugerufen. Alsdann rollte der Wagen dahin, und das Schloß war wieder so einsam und öde wie ehemals.
Es verfiel nach wenigen Jahren rasch und dient heute einer gewerblichen Thätigkeit. Niemand ahnt, wie viele Thränen das Unglück einst in diesen Räumen vergossen hat.
Sidonie legte die unbequeme Reise bis zu dem Schloß der Gräfin mit großer Ausdauer zurück, und sank der edeln Dame, die sie zum ersten Mal sah, mit bewegtem Herzen in die Arme.
Römer war Sidonien bis zu dem nächsten Ort entgegen gefahren, und hier fand ihr Wiedersehen statt, das sich jeder Beschreibung entzieht. Beider Augen schimmerten von Thränen, als sie sich gegenüber standen und in das von Kummer gefurchte Antlitz schauten, bis sie sich, von ihren Empfindungen überwunden, schweigend in die Arme sanken und jetzt, von keiner Fessel mehr gehemmt, dem Glück des Augenblicks mit ganzer Seele hingaben.
Römer's einst dunkle Haare waren ergraut, seine Stirn mit Falten durchzogen, seine Gestalt gebeugt und nur noch ein Abglanz seiner einst so ritterlichen Erscheinung. Er mußte sehr schmerzlich gelitten haben.
Und wie wir wissen, hatte Sidoniens Erscheinung nicht mindere Veränderungen erfahren. Den Schmelz der Jugend hatte der Kummer längst aus ihrem Antlitz gestohlen und manche Furchen darin gegraben; aber waren sie auch körperlich gealtert: ihre Liebe war in ihren Herzen jung geblieben und hatte sich in den erlittenen Prüfungen nur noch mehr veredelt.
Tage des reinsten, süßesten Glücks folgten diesem Wiedersehen. Was Sidonie ganz besonders wohl that, war die große Güte, mit welcher ihr die bereits hoch bejahrte Gräfin entgegen kam, so wie die hohe Achtung, welche man ihr von Seiten des Adels zu Theil werden ließ. Denn es bedurfte nur eines kurzen Umganges mit ihr, um jedem vorurtheilsfreien und edeldenkenden Menschen die Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit und ihrem sittlichen Charakter aufzunöthigen.
So Mancher von ihnen bat ihr im Stillen das Unrecht ab, zu welchem ihn das Vorurtheil verleitet hatte. Von ihrem neuen Wohnort aus richtete Sidonie die Bitte an den Fürsten, ihr die Tochter wieder zu geben; jedoch fruchtlos. Er wies sie ein- für allemal ab, obgleich er den früheren Verkehr zwischen ihnen gestattete. Der verstorbene Fürst hatte, als er ihr die Freiheit schenkte, ihre Tochter vergessen, und sein Neffe erachtete es im Interesse seines Ansehens für nothwendig, die ursprüngliche Anordnung festzuhalten, und so blieb Isabelle von Sidonien für immer getrennt.
Diese Gewißheit war ein schmerzlicher Mißklang in die reinen Freudentöne ihres unendlichen Glücks, das ihr die Liebe und Freiheit gewährte. Um sich aus aller Verbindung mit dem Fürsten zu setzen, hatte sie diesem sogleich nach Aufhebung ihrer Verbannung ihren Verzicht auf die bisher bezogene Pension angezeigt. Sie wurde dadurch allerdings nur auf die Einkünfte ihres eigenen kleinen Vermögens beschränkt; dennoch fühlte sie sich in dieser Beschränkung freier und beruhigter, da damit die letzte Fessel zerbrochen wurde, welche sie mit der unheilvollen Vergangenheit noch verband. Auch wußte sie nur zu wohl, daß sie durch diese Maßnahme den geheimen Wunsch des Geliebten erfüllte.
Trotz der Winterzeit flohen ihr die Tage jetzt rasch und lieblich dahin, durch die Besuche des Geliebten und seiner Freunde verschönt, und mit jedem neuen Tage wurde ihr Auge heller, wichen die kummervollen Falten mehr und mehr aus ihrem feinen, lieblichen Antlitz, kehrte die Heiterkeit zurück. Und gleich ihr geschah es auch dem Grafen, wenngleich sein Wesen ernster als früher blieb und er trotz Sidoniens inniger Liebe die erfahrene Ehrenkränkung nicht zu vergessen vermochte.
So nahte der Lenz, und mit ihm nahte leider für die Geliebten auch ein herber Schmerz. Die Gräfin fühlte ihr Ende nahen.
In den letzten Monaten hatte ihre Körperschwäche rasch zugenommen, so daß ihr baldiger Tod mit Gewißheit erwartet werden durfte.
Einige Wochen vor demselben, als sich Sidonie bei ihr befand und sie mit ihr allein war, nahm sie deren Hand, sprach in ruhigem Ton von ihrem baldigen Scheiden und bemerkte alsdann, wie sehr es sie beglücken würde, vor ihrem Heimgange Sidonie mit ihrem Sohn vereinigt zu sehen.
Obgleich die Letzteren überein gekommen waren, sich in dem nächsten Frühjahr nach Italien zu begeben und daselbst zu vermählen, erklärte sich Sidonie doch sogleich zur Erfüllung des ausgesprochenen Wunsches bereit, und wenige Tage darauf wurde sie in aller Stille und nur in Gegenwart der Gräfin, Aureliens und einiger Verwandten des Grafen mit diesem vermählt. Ihre Verbindung wurde jedoch geheim gehalten, ebenso bezog Sidonie auch nicht das gräfliche Schloß, sondern blieb in ihrer Wohnung, doch verschönte sie durch längere Besuche die letzten Lebenstage der hinscheidenden Gräfin, die durch das Glück ihres Sohnes sich selbst hoch beglückt fühlte.
Ueber die anderen Personen dieser Erzählung wäre nur noch wenig zu sagen.
Mühlfels genoß die ihm von dem Fürsten geschenkten Begünstigungen nicht lange. Er blieb der Vertraute des Regenten, der seinen verwerflichen Leidenschaften, seitdem er nach Belieben schalten und walten konnte, ganz und gar die Zügel schießen ließ, zu seinem und des Landes Verderben. Wenige Jahre, nachdem der Prinz den Thron bestiegen hatte, fand Mühlfels auf einer Jagd durch den jähen Sturz mit dem Pferde den Tod, ehe er noch seine Absicht erreicht und das Ansehen seines Hauses durch eine glänzende Vermählung erhöht hatte.
Marianens Wunsch ging in Erfüllung. Bald nach dem Tode des Fürsten wurde sie in den Grafenstand erhoben und spielte fortan eine sehr wichtige Rolle am Hofe des fürstlichen Geliebten, den sie durchaus beherrschte. Niemand erkannte in der stolzen, hoffärtigen Dame, vor welcher sich Alle beugten, jene Waldtaube, die einst aus der Verborgenheit ausgeflogen war, um mit kindischer Neugier die Herrlichkeiten der Welt zu schauen.
Sie beherrschte jedoch nicht nur den Regenten und den Hof, sondern selbst die Gemahlin des Ersteren mußte ihrem Uebergewicht weichen, das sie bis zur letzten Stunde zu behaupten verstand.
Und so regierte sie im wahren Sinn des Wortes allein und umgab sich mit Glanz und Reichthum.
Als der Fürst starb, ereilte jedoch auch sie die Vergeltung. Sie wurde verbannt und starb, von ihren Freunden verlassen, in Vergessenheit.
In Bezug auf das Ende seines Neffen traf die Voraussage des Fürsten durchaus zu.
Durch sinnliche Genüsse vollständig entnervt und nachdem er dem Lande eine ungeheure Schuldenlast durch seine Verschwendung aufgebürdet hatte, starb derselbe, kaum einige dreißig Jahre alt, in Marianens Armen, welche sich das Recht anmaßte, in Gegenwart der Fürstin und deren Kinder an seinem Sterbelager zu erscheinen. Und man duldete das. -- --
Der Tod der Gräfin Römer erfolgte mit dem Beginn des Frühlings, und einige Wochen darauf und nachdem der Graf seine Verhältnisse geordnet hatte, führten die Vermählten ihre Absicht aus und begaben sich nach Italien. Eine reizend gelegene Villa am Gardasee nahm sie auf, und die durch so viele Prüfungen nur noch erhöhte Liebe verlieh ihrem Leben fortan jenes reine, ungetrübte Glück, zu welchem ihre edeln Herzen im vollsten Maß berechtigt waren.
Aurelie fand den Lohn ihrer treuen, aufopfernden Freundschaft in dem Glück ihrer Freunde, bei welchen sie in voller Hingabe und hoch geliebt und geachtet blieb.
Sidonie besuchte in jedem Jahre ihre lieblich heranblühende Tochter, deren Verlust ihr ein gütiges Geschick in der Folgezeit durch den Besitz nicht minder lieblicher Kinder weniger fühlbar machte.
~Ende.~
Druck von G. Pätz in Naumburg a/S.
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