Prinzessin Sidonie (Band 3/3)

Part 14

Chapter 143,636 wordsPublic domain

Sidonie hatte bereits am vergangenen Tage eine eben so ernste als eingehende Unterredung hinsichts ihrer Tochter mit dieser gehabt und wiederholte daher nur noch einen und den andern Wunsch. Alsdann drückte sie das geliebte Kind noch einmal voll Zärtlichkeit an sich und bedeckte das Lockenhaupt mit vielen Küssen. Weinend schlang Isabelle die Arme um ihren Hals, wollte nicht von ihr lassen und verlangte bei ihr zu bleiben; ein tief ergreifender Anblick, der in den Augen aller Anwesenden Thränen lockte. Doch es mußte geschieden sein, und so riß sich Sidonie gewaltsam von der Tochter los, übergab sie der Hofmeisterin, die mit ihr davon eilte, und sank alsdann, von Schmerz überwunden, in den Sessel. Wenige Augenblicke darauf eilte der Wagen davon und entführte die Geliebte.

Als Sidonie wieder zum Bewußtsein gelangte, war es um sie einsam und still.

Längst war das Rollen des forteilenden Wagens vertönt.

»Sie ist dahin!« sprach sie unter einem heftigen Thränenstrom leise.

Aber wenn sie auch die Umarmung ihres Kindes entbehren mußte, umschlossen sie dagegen jetzt die Arme edelster Freundschaft; Aurelie schloß sie an die Brust. Hier fand sie wieder Fassung und Muth, und fühlte sich nun nicht mehr verlassen und einsam. Kaum hatte sie ihren Schmerz übermannt, so ergriff sie auch das heftigste Verlangen, so rasch als möglich das Palais zu verlassen. Fast gewaltsam erhob sie sich, indem sie mit ängstlicher Stimme bemerkte:

»Lass' uns eilen, Aurelie! Es ist unheimlich hier, hier, an der Stätte meiner Leiden. In der freien Natur wird mir wohler werden. Nur schnell, schnell fort aus diesen schauerlichen Räumen!«

Der Wagen harrte ihrer bereits. Schnell war die Toilette geordnet und eben so eilig verließ sie mit Aurelien das Gemach. Keinen Blick wandte sie hinter sich, sondern schritt rasch nach dem Saal, in welchem ihre ehemaligen Hofdamen und sonstige Beamte, Diener und Dienerinnen sie erwarteten, um ihre Herrin noch beim Scheiden zu begrüßen.

Sie reichte Niemandem die Hand; denn sie glaubte sich dessen als Verurtheilte enthalten zu müssen; aber es bedurfte dessen nicht, denn man umringte sie und küßte ihr freiwillig die Hände. Sie vermochte nicht zu sprechen; bebend drängte sie dem Ausgange zu; ehe sie jedoch hinaus schritt, wandte sie sich nach Allen zurück, grüßte wiederholt mit Freundlichkeit, und stieg alsdann mit Hilfe des Kammerherrn in den Wagen. Aurelie folgte ihr.

In der Ferne stand schweigend und mit entblößten Häuptern die schaulustige Menge, denn Sidoniens Abreise war bekannt geworden. Unter derselben befanden sich einige niedere Hofbeamte; nur war keiner darunter, der in des Prinzen Diensten stand.

Die Baronin Mühlfels hatte es nicht versäumt, sich den Anblick von Sidoniens Abreise zu verschaffen, und sich darum zu der ihr befreundeten Hofdame im Palais begeben, mit welcher sie von einer verborgenen Stelle des Zimmers aus die tugendstolze, von ihr tief gehaßte Prinzessin beobachtete. Das kummervolle Antlitz und das vom Weinen geröthete Auge derselben thaten ihrem Herzen wohl.

»Es ist ihr recht geschehen,« meinte sie, und die Freundin stimmte dieser Ansicht bei.

»Sie hat es schon um Ihren Sohn verdient,« meinte die Hofdame.

»Gewiß, gewiß! Und ich denke, man wird nun auch wieder zu seinen vollen Würden kommen,« sprach die Baronin.

»Der Prinz vermählt sich wahrscheinlich bald, und da kann Ihnen die Oberhofmeisterin-Stelle nicht fehlen.«

»Und dann werde ich auch auf meine Freundin bedacht sein,« fiel die Baronin äußerst lieblich ein.

Ihre Bemerkungen wurden hier unterbrochen, da sich auf Sidoniens Wink der Wagen in Bewegung setzte und rasch fort rollte.

»Adieu, keusche Susanne!« rief die Baronin ihr höhnisch nach.

Die Menge verhielt sich still und zerstreute sich eben so still; doch wurde manches bedauernde Wort, jedoch nur leise gesprochen, vernommen. Mancher zuckte die Achseln und schwieg. Die Wenigsten glaubten an Sidoniens Schuld. Die Mienen Aller zeigten Ernst und Betrübniß; Einer nur schaute dem fortrollenden Wagen aus den Gemächern des Prinzen mit schadenfrohem Lächeln nach; es war dies Mühlfels, der sich nach einem abgelegenen Zimmer daselbst begeben hatte, um gleich seiner Mutter Zeuge von Sidoniens Abreise zu sein.

Der Prinz befand sich nicht in dem Palais; er war absichtlich für mehre Tage verreist.

Als der Wagen den Augen des Barons entschwand, erhob er sich voll Befriedigung und murmelte vor sich hin:

»Ich bin gerächt!«

Neuntes Kapitel.

Obwol, wie wir erfahren haben, Sidonie ein fast zurückgezogenes Leben am Hofe geführt hatte, so waren doch sehr Viele, namentlich die Damen, durch die von ihr erhobenen Ansprüche an Sittlichkeit und Einfachheit über die Maßen unangenehm berührt und beengt worden. So konnte es denn nicht fehlen, daß man namentlich in jenen Kreisen ihre Verbannung nicht nur mit geheimer Freude aufnahm, sondern diese Maßnahme auch um so offener billigte, da man dem Fürsten und Prinzen dadurch eine Huldigung darzubringen für gut fand.

Daß man wirklich an Sidoniens Schuld glaubte, kann nicht überraschen; wie konnte sie besser sein, als Alle. Sie hatte ihre Rolle nur schlecht gespielt. Doch das erachtete man im Hinblick auf das eigene Interesse für nebensächlich; war doch das ziemlich allgemeine Verlangen erfüllt und eine Person von so maßgebender Wichtigkeit endlich ihres Einflusses beraubt worden. Das war die Hauptsache. Denn man sagte sich, daß, wenn die so glücklichen Umstände, welche Sidoniens Verbannung herbei geführt hatten, nicht eingetreten wären und sie früher oder später ihre Macht als Regentin hätte ausüben können, statt des gegenwärtigen genußvollen Lebens ein langweiliger Tugendzwang und ein klösterlicher Ernst bei Hofe eingeführt worden sein würden. Und so gönnte man ihr von Herzen die Verbannung. Daß der Prinz bei seiner neuen Vermählung in der Wahl einer Gattin vorsichtiger sein würde, war man durchaus überzeugt, und dadurch jeder Sorge für die Zukunft überhoben, wogte das lustige und zügellose Leben mit um so größerer Gewalt auf, worin man sich zu überbieten und in dessen Strudel man den Prinzen hinein zu ziehen bedacht war.

Nur ein Theil des höheren Adels, der dem Grafen Römer anhing, protestirte ziemlich offen gegen die hinsichts des Letzteren ausgeübte Maßnahme und nahm keinen Anstand, selbst die Verbannung Sidoniens als ungerecht und Beide als die Opfer einer wohl berechneten Intrigue zu bezeichnen.

Viele zogen sich von dem Hofe zurück, wozu der nahende Lenz eine sehr passende Gelegenheit darbot; Viele auch, denen dies nicht gestattet war, mieden es, an dem Hofe zu erscheinen.

Der Fürst, mit Alledem vertraut, setzte ihnen sein ganzes oberherrliches Ansehen entgegen und sah sich dadurch sogar veranlaßt, gegen Römer mit größerer Strenge zu verfahren, als dies unter entgegengesetzten Umständen geschehen wäre.

Und sein Verhalten erzielte in Verbindung mit der Alles ausgleichenden Zeit und Gewöhnung die erwünschte Wirkung.

Sidonie war in wenigen Wochen, wenigstens in der Residenz, vergessen, und der Adel murrte zwar, begnügte sich jedoch damit, da die früheren Schritte bei dem Fürsten in Römer's Interesse fruchtlos gewesen waren.

Ja, des Fürsten beharrliches Verhalten führte sogar noch den übeln Erfolg herbei, daß man selbst in diesen Kreisen allmälig den Glauben an Römer's Schuld gewann und sich mit demselben das Interesse für ihn minderte. Auch dieser Umstand entging dem Fürsten nicht und er wurde dadurch sehr befriedigt. Trotzdem erachtete er es für vortheilhaft, durch eine baldige Vermählung des Prinzen die stattgefundenen Vorfälle rasch der Vergessenheit zu übergeben, und Boisière wurde darum beauftragt, einige Höfe in diesem Interesse zu besuchen. Daß der Kammerherr dieses Mal mit der höchsten Vorsicht zu Werke ging, darf kaum bemerkt werden; dennoch gelang es ihm in kurzer Zeit, sich seines Auftrages in der erwünschtesten Weise zu entledigen, und bald verbreitete sich die Nachricht von der Neuvermählung des Prinzen und nahm namentlich bei Hofe das allgemeinste Interesse in Anspruch.

Wir wissen, daß der Prinz sich schon früher mit einer Vermählung einverstanden erklärt hatte, und er wandte gegen dieselbe um so weniger etwas ein, da ihm seine künftige Gemahlin in jeder Hinsicht zusagte und er vor allen Dingen von dieser eine Mißbilligung seiner Liaison mit Marianen nicht zu fürchten hatte.

Dieser Umstand war ihm gerade jetzt von Wichtigkeit.

Mariane hatte nämlich seinen Vorschlag hinsichts einer Vermählung mit dem ihr empfohlenen Gemahl entschieden abgelehnt und verlangt, in ihrer Villa zu wohnen, in Folge dessen sich der Prinz bewogen fand, ihr die Rückkehr nach seiner erfolgten Vermählung in Aussicht zu stellen.

Damit gab sich das Mädchen zufrieden, überzeugt, daß nun auch einst ihre ehrgeizigen Wünsche erfüllt werden würden.

Dem Prinzen hatte ihre Weigerung, sich zu vermählen, gefallen, dieselbe steigerte zugleich sein Verlangen, sich bald ihrer Nähe wieder erfreuen zu können, und so war er bedacht, seine Vermählung zu beeilen. Kaum einen Monat nach derselben begrüßte er die Geliebte in der jetzt mit großer Pracht ausgestatteten Villa. Trotz des Besitzes einer neuen Gattin fühlte sich der Prinz durch Mariane im höchsten Grade entzückt, da sie ihm noch vielfach reizender als früher erschien, indem sie die gewonnene geistige Ausbildung sehr vortheilhaft zu benutzen verstand. Wenige Wochen des Umgangs mit ihr reichten hin, ihn ihrer Herrschaft ganz und gar unterzuordnen; denn das Mädchen hatte sich nicht nur körperlich ausgebildet, sondern auch alle diejenigen Künste angeeignet, welche dem Prinzen ganz besonders gefielen und ihr einen leichten Sieg über den Schwächling und Sinnenmenschen gaben.

Da die Gemahlin des Letzteren die Liaison ihres Gatten nicht beachtete, so übersah auch der Fürst dieselbe, durch das eheliche Verhältniß seines Neffen durchaus zufrieden gestellt.

Daß Mühlfels fortan in noch erhöhterem Maß des Prinzen Freundschaft genoß, darf kaum bemerkt werden; der Fürst verlieh ihm zwar einen höheren Militärrang, suchte ihn jedoch von sich fern zu halten und beehrte ihn niemals durch eine Ansprache.

Er überließ es seinem Neffen, sich dereinst mit dem Baron abzufinden, was auch später in der glänzendsten Weise geschah. Nicht minder gütig erwies sich der Prinz gegen die Baronin, die er zur Oberhofmeisterin seiner neuen Gemahlin erhob. Zugleich trat die Baronin in ein vertrauliches Verhältniß zu Marianen, was der Prinz wünschte und wofür er sich allezeit sehr dankbar zeigte.

So erntete diese Dame den ihr gebührenden Lohn im vollsten Maß.

* * * * *

Wir kehren jetzt zu Sidonien zurück.

Sie hatte sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht. Kaum lag das Palais und die Residenz hinter ihr, so athmete sie beruhigter und freier auf. Mit Wonne sog sie die linden Frühlingslüfte ein, welche zu ihr drangen. Vor Allem war es das Gefühl der Freiheit, das sie mit wunderbarer Kraft durchdrang.

Den ganzen Schmutz der Gemeinheit und Unsittlichkeit, der seit Jahren ihre Seele verletzte, ließ sie hinter sich und badete diese jetzt in dem reinen Aether der göttlichen Natur.

Das erhob, beseligte ihr Herz, das ließ sie die Trennung von ihrem geliebten Kinde weniger schmerzlich empfinden. Um wie vieles glücklicher würde sie sich gefühlt haben, hätte das Geräusch eines nachrollenden Wagens sie nicht erinnert, daß ihre Freiheit durch die ihr mitgegebenen Damen getrübt wurde und sie sich nicht dem ganzen Vollgenuß derselben hingeben durfte. Wäre sie nur mit Aurelien allein gewesen, so würde sie sich ganz befriedigt gefühlt haben. Doch sie wurde durch die Fahrt so sehr in Anspruch genommen, daß sie diesen Umstand nicht weiter erwog. Der Tag war schön; die Sonne leuchtete, die ersten Lerchen ließen ihren Gesang ertönen, und die dunkeln Wälder färbte bereits ein grüner Knospenschimmer. Das Alles that ihrem armen Herzen so wohl.

Auf ihren Wunsch wurde die Fahrt beeilt; kaum gönnte sie sich die so nothwendige Erholung, und schnell wurde Meile auf Meile zurückgelegt.

Dennoch war es fast Mitternacht geworden, als sie das Schloß erreichte, woselbst man ihrer Ankunft entgegen harrte.

Das alterthümliche, von der Dunkelheit umhüllte Gebäude erschreckte sie; es erschien ihr mit seinen Thürmen wie ein Gefängniß, wenngleich ihm die einschließenden Mauern fehlten. Sie hatte es sich freundlicher in der waldigen Umgebung gedacht, und nur zögernd und scheu betrat sie die kühlen und feuchten Bogengänge, um nach ihren Gemächern zu gelangen.

Dieser Eindruck war jedoch ein vorübergehender, und an seine Stelle trat die Erinnerung, daß ihr Freund wol kaum behaglichere Räume bewohnte, und es gewährte ihrem edeln Herzen eine angenehme Beruhigung, sich nicht allzu großer Bequemlichkeiten erfreuen zu dürfen. Sie theilte diese Gedanken der Freundin mit, und Aurelie war erfreut, Sidonie in so gefaßter Stimmung zu sehen, da sie selbst durch den neuen Aufenthaltsort, der ihnen vielleicht für lange Zeit dienen sollte, wenig angenehm berührt worden war. Sie umarmte die Prinzessin voll Innigkeit und gefeuchtetem Auge.

»Fürchte nichts, gute Aurelie. Ich hoffe, wir werden uns bald an die düsteren Räume gewöhnen, besonders wenn der Lenz sie mit seinen Reizen ausstattet, was ja nicht mehr lange währen kann,« bemerkte Sidonie fast heiter und fuhr alsdann fort: »Bei dem ersten hellen Tage wollen wir uns unsern neuen Wohnsitz und seine Umgebung genau betrachten, und ich denke, unseren Bemühungen soll es gelingen, denselben heiterer und freundlicher zu gestalten.«

Aurelie ging mit der ihr so eigenthümlichen Güte sogleich auf die Stimmung und Gedanken der Freundin ein, und während sie das Abendessen einnahmen, entwarfen sie einen Lebensplan für die Folgezeit, nach welchem sie die Stunden einzutheilen gedachten, um sich den Aufenthalt angenehm zu machen. Die Ermüdung nöthigte sie jedoch bald, die Ruhe zu suchen, der sie so sehr bedurften.

Es war eine ganz besondere Ironie des Zufalls, daß der Fürst dasjenige Schloß zu Sidoniens Aufenthalt bestimmt hatte, aus welchem Mariane hervor gegangen war. Ihm war dies unbekannt und ihn hatten zu dieser Wahl besondere Umstände bestimmt. Das Schloß lag nämlich, wie wir wissen, eine bedeutende Strecke von der Residenz entfernt, was ihm besonders lieb war, um ein mögliches Berühren mit Sidonien zu vermeiden; dann aber war es auch das einzige, was sich zu dem bezeichneten Zweck eignete, da die vorhandenen Lustschlösser benutzt wurden und auch der Residenz viel zu nahe lagen.

Vielleicht würde der Fürst zu einer andern Wahl bestimmt worden sein, hätte er jenen Umstand hinsichts Marianen gekannt oder ihn der Prinz darauf etwa aufmerksam gemacht. Dieser besaß jedoch viel zu wenig Zartgefühl, um auf den Gedanken geleitet zu werden, daß Sidonie durch die getroffene Bestimmung verletzt werden könnte. Dergleichen lag ihm fern. Sidonie selbst war gleich dem Fürsten mit dem zwischen ihrem neuen Aufenthaltsort und Marianen bestehenden Beziehungen eben so wenig vertraut, und unterwarf sich darum ohne jedes Bedenken einer Anordnung, die ihren heißen Wunsch erfüllte und sie von der Residenz fast gänzlich abschloß.

Als sie nach einer unruhigen Nacht erwachte, begrüßte sie kein sonniger Tag, sondern ein trüber, nebliger Morgen, der wenig zur Erheiterung ihrer trauernden Seele geeignet war. Dennoch ließ sie sich dadurch nicht abhalten, wenigstens die Räume des Schlosses zu besuchen, und entdeckte dabei zu ihrer Freude, daß dasselbe außer den düsteren, noch mehre wohnlichere Gemächer enthielt. Als dann die Tage freundlicher wurden, nahm sie den Garten und die Umgebung des Schlosses in Augenschein, und es gewährte ihr eine angenehme Ueberraschung, die letztere mit vielen landschaftlichen Reizen ausgestattet zu finden und zu erkennen, daß der erstere mit Anwendung von nicht bedeutenden Kosten geordnet und verschönt werden konnte. Es bot sich also für sie ein Feld angenehmer Thätigkeit dar, die ihr unter den obwaltenden Verhältnissen doppelt erwünscht war.

Sie gab daher sofort die erforderlichen Befehle, und bald belebte sich die Nähe des Schlosses mit Leuten, deren Arbeiten sie fortan ihr ganzes Interesse schenkte. Und je näher der Frühling rückte, je mehr seine Reize sich auf den Fluren und in den Wäldern geltend machten, um so weniger düster und unbehaglich erschien ihr der neue Aufenthaltsort.

Bald erschlossen sich Blumen aller Art in dem zierlich geordneten Garten, und ganz besonders prangte der daran grenzende Obstgarten in dem reichsten Blüthenschmuck, und mit ihnen erwachte ein regeres Leben in der Natur, in dem sich Sidonie wohl fühlte. Auch ihren Wohngemächern hatte sie mancherlei Verschönerungen angedeihen lassen und dieselben so gewählt, daß sie die Fernsicht nach dem See bequem genießen konnte. Lectüre und Musik, kleine Ausflüge in die Umgegend, namentlich nach dem tief im Walde gelegenen Forsthause, gaben angenehme Zerstreuung und wehrten dem freilich unablässigen Sehnen nach ihrer Tochter und dem Freunde.

Aber auch in dieser Beziehung blieb Sidonie nicht ohne Trost. Denn sie empfing bald eine höfliche und tröstliche Antwort von der Herzogin, später auch ab und zu einige Zeilen von der Hand ihrer Tochter, die ihr Herz mit Wonne erfüllten. Was sie jedoch ganz besonders beglückte, war eine Mittheilung von der Gräfin Römer an Aurelie, welche die Nachricht enthielt, daß der Fürst ihrem Sohn endlich sowol den brieflichen als den persönlichen Verkehr mit der Außenwelt gestattet hätte, ohne daß derselbe wie früher der Aufsicht des Commandanten unterlag. Sie hatte in Folge dessen seinen Aufenthalt erfahren, war jedoch leider durch körperliche Schwäche verhindert, ihn zu besuchen, und mußte sich daher mit brieflichen Mittheilungen begnügen. Der Graf hatte ihr eine genaue Schilderung seines bisher geführten Lebens gegeben, woraus sie entnehmen konnte, daß seine Gesundheit nicht zu sehr gelitten, er sich mit Geduld in seine Lage gefügt hatte und in dem Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit so wie in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Trost und Unterhaltung fand.

In der Voraussetzung, daß ihres Sohnes Brief Sidonien und Aurelien viele Freude bereiten würde, hatte sie denselben ihrem Schreiben beigelegt, und es darf kaum bemerkt werden, wie sehr sich die erstere bestätigte. Welche wehmüthige Freude erregten die geliebten Worte in Sidoniens Herzen; wie viele Mal las sie dieselben und wie manche Thräne fiel auf sie hernieder.

Aurelie beeilte sich, der Gräfin eine eben so genaue Schilderung von Allem, was sie und Sidonie betroffen, zu machen, welcher diese einige freundliche Worte in der nahe liegenden Voraussetzung beifügte, daß die letzteren zu dem Freunde gelangen und sein Herz erfreuen würden. Und so war es auch, und wir brauchen kaum zu erwähnen, daß der Graf dieselben mit nicht minder warmen Empfindungen begrüßte, wie dies bei Sidonien der Fall gewesen war. In solcher Weise knüpfte sich bald ein schriftlicher Verkehr zwischen den Liebenden an, aus welchem sie Trost und Muth schöpften, wenngleich er freilich auch die Sehnsucht nach Freiheit steigerte, um einander für immer anzugehören.

Aber sie waren durch die Umstände gezwungen, ihre Wünsche in sich zu verschließen, ja sie erachteten es sogar für besser, sich nicht durch directe briefliche Mittheilungen zu erfreuen und begnügten sich daher mit dem Gebotenen. Doch sie unterwarfen sich dem Allen mit jener Kraft, welche das Bewußtsein treuer Liebe verleiht; auch fern von einander verkehrten ja ihre Seelen in Innigkeit und in der süßen Hoffnung, daß ihrer eine frohe Zukunft harrte.

So gingen Sidonien die Tage dahin; zwar einförmig, aber doch nicht ohne Trost.

Von Seiten des Hofes wurde sie in keiner Weise beunruhigt; doch drang die Nachricht von des Prinzen neuer Vermählung in ihre Einsamkeit. Sie freute sich derselben, da dadurch, wie sie wußte, des Fürsten Wunsch erfüllt wurde.

Sonst vernahm sie nichts vom Hofe und seinem Treiben, auch suchte sie Niemand auf, und so sah sie ihr Verlangen befriedigt; sie war vergessen, vergessen in ihrer Abgeschiedenheit, die ihr im Verhältniß zu ihrem früheren Leben tausendfach angenehmer erschien.

Und es kamen während des Sommers auch manche schöne Festtage, die ihr durch den Besuch ihres geliebten Kindes bereitet wurden, das oft eine ganze Woche bei ihr verweilte und an dessen herrlicher Entwicklung sich ihr Mutterherz erfreute.

Dann aber nahte der Herbst, der Winter mit seiner Oede und Einsamkeit, mit seinem Schnee, der alle so lieb gewonnenen Reize der Natur verhüllte und sie in das jetzt wieder düsterer blickende Schloß bannte und oft Wochen lang an dem Genuß der frischen Luft verhinderte. Da wurde ihr das Herz denn oft recht schwer, und trotz aller Beschäftigung würde sie ohne Aureliens Nähe ihre Lage kaum oder doch nur sehr schwer ertragen haben. Diese edle Natur entfaltete jetzt alle ihre Seelenvorzüge in dem höchsten Grade, indem sie mit der nur ihr eigenen Selbstverläugnung ganz und gar in der Freundin aufging, unablässig bemüht, die Tage derselben erträglich zu machen. An ihr richtete sich Sidoniens gebeugte Seele schnell wieder auf, und die trüben, regnerischen Tage, der das Schloß durchheulende Wintersturm erschienen ihr alsdann nicht mehr so beängstigend und unerträglich.

Aber der Winter war so lang, der Frühling zögerte mit seinem Wiederkommen, und wie viele Stunden zählte ein Tag, eine Nacht. --

Aber trotz des Zögerns erschien der Lenz dennoch endlich und brachte auch Sidonien neue Freuden und die Gewißheit, nach so langem Entbehren auch ihre Tochter wieder an das Herz drücken zu können. Denn während der rauhen Jahreszeit war dem Kinde der Besuch nicht gestattet worden und Sidonie hatte sich auf briefliche Mittheilungen beschränken müssen. Trotz ihres Kummers und dieser schmerzlichen Entbehrungen übersah Sidonie die ihr gebotene Gelegenheit nicht, die Pflichten der Menschenliebe zu üben, wozu sie überdies ihr gütiges Herz nöthigte, und oft suchte sie in Aureliens Begleitung die Stätte des Leidens auf, und ihr mildes, freundliches Wort, die so reich gestattete Hilfe hatten sie bald zu einem vergötterten Liebling in der Gegend erhoben.

Vertrauend eilten die Bedrängten zu ihr und gingen stets getröstet von dannen, und wo sie erschien, in den nahe gelegenen Dörfern und Flecken, so wie in dem Schloß selbst, segneten viele Herzen die edle, unglückliche Frau, an deren Vergehen Niemand glaubte.

Und dem zweiten Sommer folgte wieder Herbst und Winter und diesem wieder der Lenz, ohne daß sich Sidoniens noch des Grafen Lage in irgend welcher Beziehung änderte. Sie sah sich in den hinsichts ihrer Freilassung gehegten Hoffnungen leider getäuscht, denn der Fürst hatte ihr bisher durch kein Zeichen zu erkennen gegeben, daß er sich dazu etwa geneigt fühlte, und sie war weit entfernt, sich in irgend welcher Weise darum zu bemühen.

Da kam die Nachricht von der Geburt eines Erbprinzen zu ihr, und sie hoffte, daß dieser Umstand den Fürsten etwa veranlassen würde, ihrer und ihres Freundes in Güte zu gedenken. Leider täuschte sie sich auch jetzt; man hatte sie vergessen oder erachtete sie der Begnadigung nicht für würdig.

Wie werthlos wäre ihr auch diese gewesen, wenn dieselbe nicht auch diejenige des Grafen in sich schloß; denn es hätte ihrem Gefühl widerstrebt, sich der Freiheit allein zu erfreuen. So lange er litt, wollte auch sie mit ihm leiden.

Von Seiten des Grafen war eben so wenig irgend etwas zu seiner Befreiung gethan worden; sein Stolz hatte jeden Vorschlag seiner Freunde in dieser Beziehung bestimmt zurück gewiesen, da er sich berechtigt fühlte, nicht zu bitten, sondern Genugthuung zu fordern. So ertrug er die ungerechte Strafe mit Würde und ohne Klage, und nur der Gedanke, wie viel Sidonie leiden mußte, entmuthigte ihn bisweilen so sehr, daß er darunter auch körperlich litt.