Prinzessin Sidonie (Band 3/3)

Part 12

Chapter 123,579 wordsPublic domain

Sidonie neigte bejahend, doch schweigend das Haupt, drückte ihre Tochter fester an sich und schaute zu Boden. »Lies, liebe Aurelie,« bemerkte sie alsdann fast tonlos.

Und Aurelie entfaltete das Schreiben. Die Prinzessin hatte sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht; neben einem Billet von dem Fürsten befand sich die Sentenz.

Der Fürst schrieb:

»Madame! Ich sende Ihnen anbei den über Sie gefällten Richterspruch; Sie erkennen daraus, daß Sie des Vergehens für schuldig befunden worden sind und ihre Ehe mit dem Prinzen getrennt ist. Zu Ihrem künftigen Aufenthalt habe ich Schloß Waldburg bestimmt, das für Ihre Aufnahme eingerichtet werden wird. Sie werden sich dahin innerhalb zwei Wochen begeben und dürfen dasselbe ohne meine besondere Erlaubniß fortan nicht verlassen. Eine Hofmeisterin und eine Gesellschaftsdame werden Sie mit der entsprechenden Dienerschaft begleiten. Ihr Jahrgehalt ist bestimmt und wird Ihnen seiner Zeit stets ausgezahlt werden.«

»Verbannt, verbannt und meiner Freiheit beraubt!« rief Sidonie, von dem Vernommenen tief erschüttert.

»O, meine arme Freundin, hofftest Du Besseres?« fragte Aurelie mit feuchtem Auge Sidonie anschauend.

»Ich glaubte ein Recht auf ein milderes Urtheil zu besitzen. Doch es sei; ich will mich deshalb nicht beklagen, da ich in solcher Weise mit meinem theuern Freunde leiden kann. Ja, ich will diese Verbannung mit Freuden begrüßen, wenn Römer seiner Haft nicht entlassen werden sollte. Und ich fürchte, es wird so sein. Geht man so hart mit mir um, so wird man noch schlimmer mit ihm verfahren. So wird er nicht allein leiden,« sprach Sidonie, von Liebe und Hochgefühl erglüht. »O, ich hatte es mir anders gedacht,« fuhr sie darauf fort; »ich habe gehofft, daß mir mit der Trennung der Ehe auch meine Freiheit gewährt werden würde und ich diesem Lande für immer entfliehen könnte. Ich vergaß, daß ich eine entehrende Strafe erleiden mußte, um der Welt meine Schuld zu bezeichnen. Darum Verbannung, Verbannung nach einem verödeten Schloß.«

»Wenigstens gewährt Dir dieselbe den Vortheil, dem Hofe entfliehen zu können,« bemerkte Aurelie.

»Gewiß, gewiß, und den darf ich nach dem Erfahrenen in der That nicht gering anschlagen. Wir werden uns dort eine neue Heimath gründen, welche Liebe und Freundschaft verschönen wird. Dort werde ich mit noch größerer Sorgfalt meinen Mutterpflichten genügen können, dort wird sich mein Kind, unberührt von der entsittlichenden Hofluft, rein und schön entfalten können, und ich vermag der Welt dereinst einen guten Menschen zuzuführen. O, das ist ein großer, sehr großer Vortheil, dieser Gedanke thut dem Herzen wohl!« endete Sidonie und drückte ihre Tochter an sich.

»Und Deine Verbannung kann und darf nicht allzu lange währen,« fiel Aurelie ein.

»Ein paar Jahre vielleicht. O, die Zeit geht in der Einförmigkeit rasch dahin, ich fürchte sie nicht. Was mir die Verbannung jedoch schmerzlicher macht, ist der Gedanke, daß meine Tochter später davon zu leiden haben wird, sobald meine Schuldlosigkeit nicht anerkannt wird. Ob dies jemals geschehen wird, ich wage es unter den obwaltenden Umständen nicht zu hoffen. Und wenn dies auch erfolgen sollte; die Welt glaubt so gern das Ueble, und selbst der dem Schuldlosen angehaftete Makel wird so schwer verwischt, trotz der Erkenntniß, wie ungerecht derselbe ist. Doch Alles, Alles und noch Schlimmeres würde ich mit Freuden ertragen, wüßte ich den Freund erst frei und seiner entehrenden Fesseln ledig.«

»Vielleicht, daß Deine Verbannung seine Lage erleichtert und Dein Wunsch erfüllt wird,« bemerkte Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Es wird nicht geschehen, ich weiß es nur zu wohl. Der Fürst begnügt sich niemals mit halben Maßregeln, sobald es darauf ankommt, der Welt gegenüber sein Ansehen zu behaupten. Darum wird er den Grafen auch strenger als mich bestrafen, wie er es bereits gethan hat, obwol seine Maßnahmen ungerecht und von dem Adel nichts weniger als gebilligt werden. Doch, Du weißt, der Fürst ist unbeugsam, so bald es seinen Zwecken gilt.«

»Und möchtest Du den Fürsten nicht um eine Milderung des Urtheils ersuchen?« fragte Aurelie.

»Niemals, meine theure Freundin! Er soll weder eine Bitte, noch einen Vorwurf von mir vernehmen! Ueberdies bin ich von der Fruchtlosigkeit meiner Bemühungen überzeugt, die höchstens seinen Triumph über mich erhöhen würden. Nach diesem Urtheil sind wir für immer von einander geschieden,« entgegnete Sidonie mit bestimmtem Ton und fügte nach kurzem Sinnen, Aurelien die Hand hinreichend, hinzu: »Vergieb mir, meine Theure, wenn ich bisher nur meiner Interessen gedachte und es vergessen konnte, daß meine Verbannung Dein geliebtes Haupt trifft, indem sie Dich in eine menschenleere Einsamkeit fesselt. O, wie viele der reinsten Opfer hast Du mir schon gebracht, die ich wohl zu schätzen, jedoch nicht durch mein Thun entsprechend zu würdigen vermag. O, wende Dich auch jetzt nicht von mir, denn ohne Dich vermöchte ich das Leben nicht zu ertragen!« Und sie umschlang weinend die Freundin.

»Warum Deine Bitte, Geliebte? Du kennst mein Herz und weißt, daß Deine Freuden und Leiden auch die meinen sind und es stets bleiben werden. Kein Wort also hierüber mehr,« entgegnete Aurelie voll Güte und edler Hingebung.

Stumm drückten sich die Freundinnen die Hände.

»Die Besorgniß ergreift mich, ob man mir Deine Begleitung auch gestatten wird,« bemerkte Sidonie nach kurzer Pause.

»Warum sollte man das nicht, da mein Aufenthalt bei Dir unmöglich ihre Interessen gefährden kann?«

»Möchte es so sein! Doch überzeugen wir uns, ob in dem Urtheilsspruch irgend etwas darüber bestimmt ist,« entgegnete Sidonie.

Aurelie ergriff in Folge dessen das Schreiben und trug es laut vor; doch enthielt dasselbe in der angegebenen Bezeichnung nichts.

»Gott sei Dank, so ist meine Besorgniß unbegründet gewesen,« sprach Sidonie, welche dem Vortrage mit ängstlicher Spannung zugehört hatte, indem sie froh aufathmete.

»Hier ist noch eine Bemerkung von des Fürsten Hand, die der Sentenz später beigefügt zu sein scheint,« bemerkte Aurelie, das Auge darauf gerichtet.

»Wahrscheinlich noch irgend eine Bestimmung über mich,« entgegnete Sidonie und fragte alsdann: »Wie lautet sie?«

Aurelie hatte kaum mit raschem Blick des Fürsten Worte überflogen und deren Sinn erfaßt, als sie erbleichend und bestürzt einen leisen Schrei ausstieß.

»Was erschreckt Dich?!« fragte Sidonie.

»O, meine arme, arme Freundin!« rief Aurelie in Thränen ausbrechend, indem sie die Prinzessin umschlang.

»Um Gott, sage, was Dich bewegt!« rief Sidonie in gesteigerter Besorgniß.

»Lies seine Worte,« entgegnete Aurelie leise und deutete auf diese hin.

Zitternd vor angstvoller Erregung that Sidonie das; in dem nächsten Augenblick entfiel das Blatt ihren Händen, und mit dem Ausruf: »Mein Kind, mein Kind!« schlang sie hastig die Arme um ihre sich an sie schmiegende Tochter und drückte diese unter einem hervor stürzenden Thränenstrom innig und fest an sich, indem sie ihr Antlitz auf deren Locken sinken ließ und diese mit Küssen bedeckte.

Es trat eine kurze Stille ein, die nur das Weinen der Frauen unterbrach.

Das Kind blickte besorgt zu der Mutter auf und fragte:

»Warum weint =chère mama=?«

»Weil sie mich von Dir trennen, Dich mir für immer nehmen wollen!« fiel Sidonie fassungslos ein, das Kind noch heftiger küssend.

»Ich soll nicht bei Mama bleiben?«

»Sie werden Dich fremden, lieblosen Händen übergeben und Dich zu einer höfischen Puppe bilden, Dein weiches Herz verhärten für das Gute und Edle und die Reinheit Deiner Seele trüben. Und ich soll fern, fern von Dir sein, Dich nicht mehr behüten dürfen vor den Gefahren, die Dich hier umlauern. O, mein Gott, mein Gott! Das vermag ich nicht!«

Und sie neigte auf's Neue das Antlitz auf ihres Kindes Haupt und weinte heftig.

Es war so, wie Sidonie sagte. Der Fürst hatte unter die richterliche Sentenz die Bemerkung hinzu gefügt, daß auf das ausdrückliche Verlangen des Prinzen und in Anbetracht der die Schuld der Prinzessin begründenden Momente er im Einverständniß mit seinem Neffen die Bestimmung getroffen, daß Sidoniens Tochter dem Prinzen verbleiben sollte. Die obwaltenden Umstände boten dem Letzteren dazu ein scheinbares Recht. Welche unendliche Kränkung darin für Sidonie lag, darf kaum bemerkt werden. Denn was wol dürfte eine Mutter mehr und tiefer verletzen, als wenn man sie nicht für würdig erachtet, ihr einziges Kind und Tochter obenein selbst erziehen und sich an ihrer Entwicklung erfreuen zu dürfen. Ueber ihrem Schmerz blieb Sidonien die Erkenntniß dieses über sie verhängten Schimpfes noch fern, da sie lediglich der einzige Gedanke, sich von ihrem Kinde für immer trennen zu sollen, beherrschte.

Aurelie gewann zuerst Fassung.

»Das kann und darf nicht geschehen!« rief sie mit ungewöhnlicher Energie. »Diese Bestimmung muß der Fürst zurück nehmen, denn sie ist mehr als hart, sie ist grausam.«

»Ich erkenne darin des Prinzen Rache; der Fürst allein würde sich nie dazu verstanden haben,« bemerkte. Sidonie.

»War der Fürst schwach genug, dem Verlangen seines Neffen nachzugeben, so bleibt ihm doch immer die Gewalt, diese Bestimmung zurück zu nehmen.«

»Ich zweifle, daß er sich dazu bewegen lassen dürfte, und erinnere Dich an das Recht des Prinzen, als Vater seines Kindes über dieses zu bestimmen. Ob ihm dies vor dem Sittengesetz zuerkannt werden darf, ist eine andere Frage, die hier nicht in Betracht kommt. Doch ich weiß, nicht die Liebe zu seiner Tochter, sondern sein Haß gegen mich haben ihn dazu bewogen, und der Fürst ging vielleicht um so leichter auf seinen Willen ein, da derselbe seinen Zwecken dient. Hält man mich nicht für würdig, meine Tochter zu behalten, so muß ich der Welt noch schuldvoller erscheinen, und das will man ja eben.«

»Der Fürst wird Deiner Forderung, Deinen Vorstellungen und Bitten nicht widerstehen. Er ist Dir einst gewogen gewesen, er wird auch jetzt Mitleid mit Deinem Kummer haben. Sein Herz kann nicht so ganz verhärtet sein, um durch Deine Thränen nicht gerührt zu werden.«

Sidonie schüttelte wehmüthig das Haupt.

»Dein liebevolles Herz vermag nicht die ganze Größe der Selbstsucht zu erfassen, die den Fürsten beherrscht. Vielleicht ist er mir einst wirklich zugeneigt gewesen; davon kann jedoch nicht mehr die Rede sein, nachdem ich ihm gegenüber meinen Charakter und Willen zu behaupten wagte. Meine frühere Unterredung mit ihm hat mir sein kaltes, liebloses Herz gezeigt. O, wie leer ist dasselbe, und wie ist es lediglich die Selbstsucht, welche sich eng mit dem Interesse des Staates verknüpft und die von ihm getroffenen Bestimmungen erzeugt. O, wie arm an Freuden, wie traurig ist sein Dasein trotz seines mächtigen Geistes, da in seinem Herzen nicht der Quell strömt, der allein dem Leben Werth und Annehmlichkeit verleiht!«

»Was gedenkst Du zu thun? Wirst Du zu ihm gehen?« fragte Aurelie nach einer kurzen Pause.

»Ich werde es und will den Himmel bitten, daß er meinen Worten Kraft verleiht, sein Herz zu rühren. Vor Allem aber will ich bedacht sein, mich an einen Gedanken zu gewöhnen, der mir allen Lebensmuth und die erforderliche Stärke raubt, das Schmerzliche zu ertragen und den Stolz der Unschuld meinen Feinden gegenüber zu behaupten. Dies ist eine Pflicht, die mir nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen meinen unglücklichen Freund auferlegt ist. O, ich weiß wol, es werden harte, sehr harte Zeiten für mich kommen; ich will, ich darf ihnen nicht erliegen, so viel Kummer sie mir auch bringen. Ihm, ihm, dem edeln, geliebten Manne bin ich es schuldig, der mir das Glück seines Lebens zum Opfer brachte. Vergelten will und muß ich es ihm mit der ganzen Hingabe meiner vollsten Liebe, und darum will ich mich ihm erhalten, damit sein Dasein nicht in einem Schmerz-Accord ausklingt und er nicht mit dem Wort des Vorwurfs, sondern der Liebe auf den Lippen das Leben aushaucht. Ob mir dies gelingen, ob und wann die Zeit kommen wird, in der mein Leben mit dem seinen zusammen pulsen darf, wer vermag das heute zu bestimmen? -- Vielleicht naht uns der bleiche Engel des ewigen Friedens früher, als wir ahnen; ach, das Leben ist ja so kurz und hinfällig! Vielleicht wird mein Wunsch erst dann erfüllt, wenn die Jahre die Lebenskraft und Freudigkeit zerstört und den Geist ermüdet haben, und ich ihm statt der Jugend nur ein in Kummer schnell gewelktes Alter bringen kann, und sich in meinen Zügen dann nichts mehr von dem widerspiegelt, was sein Herz einst erfreute. Wie schnell verblühen wir!« Sie schwieg und schaute voll Wehmuth sinnend vor sich hin. »Doch warum fürchte ich das Uebelste, warum sorge ich des Vergänglichen?!« bemerkte sie nach kurzer Pause. »Was wäre die Liebe, wenn sie von äußeren Vorzügen abhinge! O, ich erkenne, wie sich selbst in diesem Augenblick die allgemeinste Schwäche meines Geschlechts, die Eitelkeit, geltend zu machen bestrebt. Doch nein, nein, nicht Eitelkeit, sondern die Liebe zeugt meinen Kummer. Weil ich ihn von Herzen liebe, will ich ihm auch gefallen; dieser Trieb ist ja natürlich und nothwendig. Und Römer liebt ja überdies nicht die äußeren Reize, er liebt die Seele, die unvergängliche, und besitze ich auch nicht die Macht, den Körper vor der Hinfälligkeit zu schützen, so will ich doch bedacht sein, meine Seele davor zu bewahren und sie seiner würdig zu erhalten, damit er einst aus dem gefalteten Antlitz, aus dem matten, entfärbten Augenstern sie dennoch erkennt und sich an ihr erfreut. O, glaube mir, die Liebe ist sehr geschickt, die Erinnerungen vergangenen Lebens zu bewahren; habe ich dies doch in meinen Leidensjahren so ganz erkannt.«

Ein stiller Tag ging über die Freundinnen hin, während dessen sie nur wenige Worte mit einander wechselten, von Kummer und Sorgen erfüllt. Was auch hätten sie sich unter den obwaltenden Umständen mittheilen sollen. Vor Allem mußte Sidonie Fassung gewinnen, um sich für die so wichtige Unterredung mit dem Fürsten vorbereiten zu können. Darüber mußten einige Tage dahin gehen; denn Sidonie war zu tief gebeugt und zu wenig von Hoffnung für das Gelingen ihres Vorhabens erfüllt, um früher die erforderliche Kraft zu gewinnen.

Als ihr dies jedoch nach zwei Tagen gelungen war, sandte sie ein Billet mit der Bitte an den Fürsten ab, ihr eine Audienz zu bewilligen. Erwartungsvoll harrte sie seiner Antwort entgegen.

Achtes Kapitel.

Man hatte Römer nach einer von der Residenz sehr entfernten Grenzfestung gebracht. Er ward daselbst mit größerer Strenge behandelt als früher, und es wurden ihm nur innerhalb der Festungswälle Spaziergänge gestattet. Die zu den letzteren bestimmten Orte waren überdies der Art, daß er von ihnen aus höchstens einen Blick auf Felder und Wälder gewann und es ihm daher unmöglich war, sich mit der Gegend und der neben der Festung gelegenen Stadt bekannt zu machen. Dennoch und obwol er sich zu keiner Frage verstand, konnte es nicht lange ausbleiben, daß er den Namen der Festung und der Stadt erfuhr und somit erkannte, daß er nun auch von aller Verbindung mit seinen Freunden getrennt war.

Von dem Bemühen des Fürsten überzeugt, seinen Aufenthalt so viel als möglich der Welt zu verheimlichen, durfte er dies um so sicherer voraussetzen.

Auf seine Vorstellung an den Fürsten war keine Antwort erfolgt, und so blieb er in Ungewißheit, ob dieselbe in des Ersteren Hände gelangt war, oder ob der Fürst eine solche für überflüssig erachtet hatte.

Er war geneigt, das Letztere anzunehmen, als nach Ablauf von ungefähr drei Wochen ihm der Commandant ein offenes Schreiben mit der Bemerkung überreichte, daß dasselbe sein Urtheil enthalte, wonach ihm zwei Jahre Haft zuerkannt worden wären. Ueber das Vergehen, für das der Graf leiden sollte, war man fortgegangen und hatte eben so wenig der Prinzessin in der Sentenz erwähnt. Dies war auf den ausdrücklichen Befehl des Fürsten geschehen, der, wie wir erfahren haben, über diese Angelegenheit strengste Discretion beobachtet zu sehen wünschte.

Römer war das in hohem Grade angenehm, denn er würde durch das Urtheil viel tiefer verletzt worden sein, hätte man Sidonie nicht in solcher Weise geschont.

Schweigend empfing er den Urtheilsspruch, auf welchen er sich längst vorbereitet hatte, nachdem der Fürst seine und seiner Freunde Vorstellungen unberücksichtigt gelassen; aus dem ersteren konnte er jedoch auch mit Bestimmtheit auf Sidoniens Verurtheilung schließen, und es drängte sich ihm die beunruhigende Frage auf, welcher Art dieselbe sein könnte.

O, wie beglückt hätte er sich gefühlt, wäre es ihm vergönnt gewesen, für sie zu leiden und alles Ungemach von ihr zu nehmen; doch es sollte nicht sein. Was ihn tröstete, war die Ueberzeugung von der Rücksicht, welche der Fürst der Prinzessin zu beobachten sich durch die Umstände genöthigt sehen würde. Man durfte sie nicht hart strafen; so hoffte, so erwartete er es mit Sicherheit, ohne zu ahnen, wie sehr er sich täuschte. Nach des Fürsten Befehl sollte er in der Festung verbleiben.

Der Commandant, wahrscheinlich mit den des Grafen Haft bedingenden Vorgängen gekannt, erzeigte ihm viel Wohlwollen, und wenn er Römer auch keine besonderen Freiheiten gestatten durfte, so lud er ihn doch öfter zu sich ein und verplauderte alsdann einige Stunden mit ihm.

Seitdem Römer den Urtheilsspruch empfangen hatte, wurde niemals ein Wort hierüber zwischen ihnen gewechselt. Der Graf vermied dies absichtlich, und der Commandant hatte bald erkannt, daß eine jede derartige Erinnerung einem Manne von Römer's Charakter nur unangenehm sein müßte.

In trüber Einförmigkeit ging dem Grafen die Zeit dahin. Keine Nachricht von seinen Lieben kam ihm zu; ein Beweis für ihn, daß man seinen Aufenthalt nicht kennen mußte, wenn er nicht annehmen wollte, ihm würden die ersteren von dem Commandanten vorenthalten.

Es kam ihm jetzt seine Neigung für wissenschaftliche Studien sehr zu statten, denen er sich fortan mit Eifer hingab und worin ihn die Freundlichkeit des Commandanten unterstützte, der die Besorgung der von Römer gewünschten Bücher etc. veranlaßte. Aber, so angenehm dem Letzteren auch eine solche Beschäftigung war, welche seinen Geist nährte und die schmerzlichen Gedanken von ihm fern hielt, kamen doch viele, viele trübe Tage über ihn, in welchen er der kummervollen Erinnerung unterlag und sich die Sehnsucht nach Freiheit und dem Wiedersehen seiner Lieben mit großer Gewalt geltend machte. Wie in Sidonien erhoben sich auch in ihm unablässig die Fragen, was er von der Zukunft erwarten durfte und ob, wenn seine Haft endete, die Geliebte frei und es ihr gestattet sein würde, ihm anzugehören. Er glaubte dies hoffen zu dürfen, da er die Trennung ihrer Ehe mit Bestimmtheit voraussetzte, und diese Hoffnung war zu süß und beglückend, um ihm seine Haft nicht weniger peinigend zu machen.

Um wie viel mehr würde sein edles Herz gelitten haben, wäre ihm Sidoniens Geschick und die Härte bekannt gewesen, mit welcher man ihr begegnete, hätte er geahnt, welche Seelenkämpfe sie in derselben Zeit zu bestehen hatte, in welcher er, von seinen Voraussetzungen getäuscht, ihr Loos mild und erträglich wähnte.

Auf Sidoniens an den Fürsten gerichtete Bitte um eine Unterredung hatte ihr dieser geantwortet, daß sein Befinden sie zu empfangen verhindere und er es ihr daher überlassen müsse, ihm ihre Wünsche schriftlich zu bezeichnen. Wie schmerzlich sie dadurch betroffen werden mußte, darf im Hinblick auf das hohe Interesse, das für sie auf dem Spiel stand, kaum bemerkt werden. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerten sich um so mehr, da sie sich sagen mußte, daß der Fürst sein Befinden lediglich als Vorwand zur Ablehnung ihrer Bitte benutzte; denn wie sie erfahren hatte, war dasselbe ziemlich gut. Er wollte sie also nicht sprechen und fühlte daher auch nicht die Pflicht, die geringste Rücksicht auf ihren Kummer zu nehmen. Dadurch zum schriftlichen Verkehr mit ihm genöthigt, zögerte sie nicht, ihm in den flehendsten Ausdrücken um Zurücknahme der getroffenen Bestimmung hinsichts ihres Kindes zu bitten. Die heißeste Liebe zu diesem hatte ihr die Worte eingegeben, denen der Schmerz über ihr so unverdientes und hartes Geschick um so mehr Kraft und Nachdruck verlieh. Wiederholt hatte sie sich dieserhalb mit Aurelien berathen, um die Fassung des Briefes in der wirksamsten Weise zu ermöglichen, und das Schreiben alsdann unter bangen und heißen Wünschen einer guten Wirkung abgesandt.

Unruhvoll harrte sie der so wichtigen Antwort in der Hoffnung entgegen, dieselbe vielleicht schon an dem nächsten Tage zu erhalten und durch deren Inhalt beglückt zu werden.

Wie sehr sah sie sich getäuscht!

Tag um Tag ging dahin, ohne daß ihr Wunsch erfüllt wurde. O, wie tief, wie schmerzlich litt die Arme darunter, und mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, die ihr zu dem Verkehr mit ihrem jetzt doppelt theuern Kinde noch gegönnten Stunden so ganz auszugenießen. Sie trennte sich von demselben fast gar nicht mehr und ließ sogar dessen Bettchen in ihr Schlafcabinet bringen, um sich auch selbst noch in der Nacht ihrer Nähe erfreuen zu können, indem sie den Athemzügen der Schlummernden lauschte.

Nach fünf langen und bangen Tagen und Nächten erst erhielt sie des Fürsten Antwort, die sie mit ängstlicher Hast erbrach und alsdann durchflog. Sie enthielt nur wenige und in gemessenem Ton gehaltene Worte, die ihr armes Herz durchkälteten und ihr die letzte Hoffnung, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, raubten.

Der Fürst lehnte ihre Bitte mit der Bemerkung ab, den durchaus gerechtfertigten Ansprüchen des Prinzen nicht entgegen treten zu dürfen, indem er sie zugleich an die vermehrten Rechte zu den getroffenen Maßnahmen erinnerte, welche demselben unter den obwaltenden Umständen zuständen. Außer diesem nur kurzen Bescheid hatte der Fürst weder ein Wort des Trostes noch des Rathes hinzugefügt, und Sidonie erkannte daraus nur zu wohl, daß jedes weitere schriftliche Wort vergeblich sein würde. Zwar hatte der Fürst darauf hingedeutet, daß in diesem Fall lediglich des Prinzen Verlangen seinen Entscheid bestimmt hätte, und sie dadurch gleichsam auf diesen hingewiesen: was aber konnte ihr das in ihrer Lage nutzen? Den Prinzen mit einer Bitte angehen, würde eben so wenig gefruchtet haben, selbst wenn sie sich auch zu einem sie so tief verletzenden Schritt verstanden haben würde.

So blieb ihr nur die Ergebung in das Unabänderliche. In dieser Erkenntniß bereitete sie sich auf die Trennung vor, von der Hoffnung gestärkt, daß es ihr jedenfalls gestattet sein würde, ihre Tochter später ab und zu zu sehen, und daß vielleicht die Zukunft des Fürsten und Prinzen Herz milder stimmen könnte.

Mit der ihr eigenthümlichen Seelenkraft war sie bemüht, ihre Gefühle zu beherrschen; doch wenn ihr dies auch zum Theil gelang, füllten sich ihre Augen doch häufig unwillkürlich mit Thränen, besonders wenn ihr Blick auf der lieblichen Tochter ruhte, die ohne Ahnung von der Mutter Weh harmlos sie umspielte und den süßen Frohsinn ihrer Jugend offenbarte.