Prinzessin Sidonie (Band 2/3)

Part 13

Chapter 133,822 wordsPublic domain

Der Prinz, im höchsten Grade unangenehm überrascht, ließ den Fürsten durch dessen Abgesandten vorläufig mit seiner gänzlichen Unkenntniß dieser Angelegenheit bekannt machen und zugleich bitten, ihm, sobald er sich wohl genug fühlte, eine Unterredung zu gestatten, um sich bei ihm noch persönlich entschuldigen zu können.

Dies wurde ihm von dem Fürsten gern bewilligt, da, wie wir wissen, dieser einen ähnlichen Wunsch hegte.

Es verstand sich von selbst, daß der Prinz bei Marianens nächstem Besuch ihr seinen Unwillen über ihr leichtsinniges und ungehorsames Benehmen zu erkennen gab und sie zugleich mit den daraus entstandenen übeln Folgen bekannt machte.

»Nun, was ist dabei?« fragte sie unbefangen, nachdem der Prinz seine Vorwürfe ausgesprochen hatte, und bemerkte alsdann in schnippischem Ton: »Wäre ich eine von den vornehmen Damen, die ich im Schauspiel gesehen habe, so würde man mich gern geduldet und meinen Besuch nicht unstatthaft gefunden haben; jetzt aber, da ich nur ein ganz gewöhnliches Waldfräulein bin, spotten sie über mich und wollen mich unter sich nicht dulden, und doch weiß ich, daß mich eine Jede von ihnen um Deine Gunst beneidet, mein schöner Prinz. Warum machst Du mich nicht zu einer solchen vornehmen Dame, damit ich mich überall zeigen kann? Du bist doch ein Prinz und wirst bald Landesherr sein; hast Du denn nicht so viel Macht, mich zu einer Gräfin oder wenigstens Baronin zu machen?«

»Sei nicht thöricht und zufrieden mit dem, was Du hast!« fiel der Prinz unmuthig ein und fügte verweisend hinzu: »Dein Leichtsinn und Ungehorsam wird Alles verderben und bringt mich in fatale Ungelegenheiten. Noch weiß ich nicht, wie ich den Fürsten und meine Gemahlin beruhigen werde, und fürchte, Deine Keckheit wird nicht ungestraft hingenommen werden. Das Uebelste dabei ist jedoch, daß Deine Unvorsichtigkeit das Geheimniß meines Umganges mit Dir zerstört und mich dadurch des Vergnügens beraubt hat, das mir dasselbe gewährte!«

»Wäre das nicht auch ohne mein Thun früher oder später geschehen?« fragte sie, mit einem in ihrer Hand befindlichen Stöckchen tändelnd, und schaute den Prinzen treuherzig an. »Glaubst Du denn, mein schöner Prinz,« fuhr sie fort, »daß man von Deinen Besuchen bei mir nichts weiß? Da würdest Du Dich schön irren! Ich denke, die ganze Welt weiß schon darum. Du solltest also nicht böse sein und Dich vielmehr herzlich freuen, daß mich die Leute gesehen haben; denn nun haben sie mich doch von Angesicht schauen und sich mit ihren eigenen Augen überzeugen können, daß die Mariane wol hübsch genug ist, um Dir zu gefallen. Du hättest nur sehen sollen, mein Prinz, wie sie mich begafften, als ob ich ein Wunderthier wäre. O, wie hat mich das belustigt und wie bin ich bemüht gewesen, die vornehme Dame zu spielen und meinem Prinzen Ehre zu machen. Auch die blasse junge Dame in der großen Loge, die sie Deine Frau nannten, hat mich mit ihren sanften Augen angeschaut; ach, sie war die Schönste von Allen und hat mir am besten gefallen.«

»Schweig mir damit!« herrschte der Prinz. »Du bist eine Närrin, und ich erkenne, daß mir Dein Leichtsinn nur üble Streiche spielen wird. Meine zu große Nachsicht hat Dich verwöhnt und ich bin vor ähnlichen Thorheiten nicht sicher!«

»O glaub’ das nicht, mein Prinz! Du weißt, ich thue gern Deinen Willen. Sei nur nicht böse! Sieh, ich bin ein unerfahrenes, dummes Waldkind, dem darfst Du so etwas nicht übel nehmen. Jetzt bin ich schon klüger geworden, und ich schwöre Dir, ich werde Deine Befehle stets befolgen.«

Sie hätschelte ihn dabei und wußte ihre Rolle so gut zu spielen, daß der Prinz unter anderen Umständen sich jedenfalls hätte versöhnen lassen; dieses Mal gelang ihr das jedoch nicht. Denn durch Boisière über Sidoniens Forderungen unterrichtet, sah er irgend eine folgenreiche Maßnahme von Seiten des Fürsten voraus, die nicht mehr ausbleiben konnte, und das verstimmte ihn in hohem Grade und machte sein Herz ihren Schmeicheleien unzugänglich. Ueberdies erkannte er die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen, sie zur Einsicht der Bedeutsamkeit der besprochenen Verhältnisse zu leiten. Ihre Befangenheit in dergleichen Dingen war zu groß. Darum entgegnete er in strengem Ton:

»Lass’ Deine Zärtlichkeiten und erwarte mich morgen! Ich werde eine Unterredung mit dem Fürsten haben und bin auf Schlimmes gefaßt. Du sollst es erfahren und wirst dann erkennen, wie schwer sich Dein Ungehorsam bestraft!«

Mit diesen Worten verabschiedete er sie zugleich. Mariane schaute ihn überrascht und fragend an. In solcher Weise hatte der Prinz noch niemals mit ihr gesprochen, und dieser Umstand erfüllte sie mit der Vermuthung, daß ihr Besuch doch wol etwas Schlimmes angerichtet haben mußte. Sie ließ den Kopf hängen, blickte traurig vor sich hin und bemerkte schmollend:

»Prinz, Du gehst sehr hart mit mir um und hast mich gewiß nicht mehr lieb. -- Vergieb mir!«

»Wir wollen sehen, was der Fürst bestimmt. Jetzt geh’ nur, denn ich möchte ruhen. Morgen erfährst Du das Weitere,« sprach der Prinz, dessen Unmuth sie nicht zu beschwichtigen vermochte.

Mariane kannte das, setzte ihr Hütchen auf, blickte den Prinzen noch einmal traurig an, und als er ihr nicht wie sonst die Arme öffnete, schied sie still von ihm.

Ihr war ganz wunderlich zu Muthe. Sie hatte zum ersten Mal erfahren, daß der Prinz auch rauh und lieblos sein konnte.

Sie mußte also wol einen großen Fehler mit ihrem Besuch gemacht haben. Sie vermochte denselben freilich noch immer nicht einzusehen; denn am Ende war ihrer Ansicht nach doch nur der Prinz selbst an Allem schuld. Warum machte er sie nicht zu einer vornehmen Dame? Eignete sich ihre Schönheit denn nicht dazu und hatte man sie nicht im Schauspiel für eine solche gehalten? O, sie hatte ganz Recht; wäre sie eine Gräfin oder Baronin gewesen, so würde man ihre Liebschaft mit dem Prinzen ganz natürlich gefunden haben; jetzt hielt man sie für viel zu gering dazu.

Als sie nach Hause zurückgekehrt war und Madame Voisin mit Allem bekannt gemacht und deren Bedauern vernommen hatte, begab sie sich zu ihren Vögeln und Affen, mit denen sie sich häufig und gern zu unterhalten pflegte.

Der Papagei und die Affen begrüßten sie mit freudigem Geschrei, da sie die Herrin sehr gut kannten und manch’ süßen Brocken aus ihrer Hand empfingen, wie dies auch jetzt der Fall war. Sie unterhielt sich während dessen mit ihnen.

»O, ihr wißt nicht, wie böse der Prinz mit mir war!« sprach sie mit einem ernsten Gesicht. »Er hat mich ausgescholten und hieß mich gehen. Das hättet ihr nicht gethan. Wärst Du, mein Joko,« -- wandte sie sich an ihren Lieblingsaffen, -- »der Prinz, Du würdest mich nicht fortgeschickt und so böse behandelt haben. O Joko, Joko, wie sind die Menschen doch so schlimm und gönnen Einem nicht den Bissen Freude, den man hat! Nun, wenn es damit zu Ende sein sollte, reisen wir wieder nach dem Walde, dort will ich mit euch leben herrlich und in Freuden.«

Joko ließ ein zustimmendes Schnurren vernehmen und schmeichelte sich an ihre Brust.

»Siehst Du, Joko,« fuhr sie fort, »ich bin eigentlich auch nur so eine Art hübscher Affe wie Du, an dem der Prinz Gefallen findet und mit dem er sich die Zeit vertreibt, und mache ich nun einmal einen dummen Sprung, dann wird er gleich böse und die anderen Alle auch, als ob ich Wunder was gethan hätte. Aber pass’ nur auf, Joko, ich werde den Prinzen schon wieder lustig machen, wie Du mich, und er wird mich zur Gräfin erheben, wie sie sagen, und dann können wir Sprünge und Zoten nach Belieben anstellen, dann schadet das nichts; dann ist Alles in der Ordnung, und man wird mich dann nicht verspotten, sondern bewundern und allgemein großen Respect vor mir haben. Das wirst Du Alles hören, wenn er morgen hierher kommt; denn er wird morgen zum Fürsten gehen und von dem will er zu mir kommen. Schreie nicht so, Pepi!« befahl sie dem Papagei, der, neidisch über die dem Affen geschenkte Zärtlichkeit, sich auf der Stange unruhig hin und her bewegte und ein auffallendes Gekrächze ausstieß. »Sei still,« fuhr sie fort, »Du kommst mir wie eine jener vornehmen Damen vor, die eben so neidisch wie Du sind. Zwar haben sie mich nicht mit dem Munde, doch desto mehr mit den scharfen Augen angekrächzt, als ob sie mich am liebsten gebissen hätten. O,« lachte sie hell auf, »sie hätten es schon gethan, wenn sie es nur durften! Aber siehst Du, Pepi, sie durften es nicht! Sie wagten es nicht, da ich der Leibaffe des Prinzen bin, was sie so gern sein möchten.« Und sie belachte ihren Witz, und während sie sich in solcher Weise unterhielt, vergaß sie bald die erfahrene Unannehmlichkeit; ihr froher und leichter Sinn half ihr über alles Grübeln und Trauern schnell fort. Warum sollte sie sich auch grämen? Wußte sie denn nicht, daß sie den Prinzen bald beruhigen und er wieder nach ihrem Willen sein würde? Er mußte ~doch~ thun, was sie wünschte, ob er sich auch noch so hart anstellte. Und mit diesen Betrachtungen hatte ihr Kummer sein Ende erreicht. --

Wir kehren nun zu Mühlfels zurück, der nach der Unterredung mit dem Fürsten in der übelsten Stimmung nach Hause zurückgekehrt war und hier überlegte, was ihm zur Abwendung der über ihn verhängten Strafe zu thun übrig blieb.

Daß seine Versetzung nach der kleinen, von allem Verkehr entfernten Garnison Aufsehen erregen und die Leute veranlassen würde, nach der Ursache der erfahrenen Ungnade zu forschen, verstand sich von selbst, und eben so selbstverständlich war es, daß man dieselbe entdeckte. Boisière war nicht zuverlässig, überdies hatte er ihn durch die abgegebene Erklärung bei dem Fürsten gereizt und kannte die Hofverhältnisse zu gut, um nicht überzeugt zu sein, der eitle Hofmann würde sich durch vertrauliche Mittheilungen darüber zu rächen bedacht sein.

So konnte ihn nur des Prinzen Fürsprache bei dem Fürsten retten; um sich diese jedoch zu verschaffen, mußte er diesen von der Berechtigung seines Vorhabens gegen den Fürsten überzeugen. Und sein böser Charakter ersann sich dazu ein übles Mittel. Es galt seine Rettung und er bebte vor demselben nicht zurück, unbekümmert um die sich daran knüpfenden verletzenden Folgen für die Prinzessin. Nachdem er sich in solcher Weise genügend vorbereitet hatte, begab er sich zu dem Prinzen. Dieser hatte bereits durch Boisière das Nähere über die Versetzung erfahren und empfing ihn mit einem Vorwurf über seine Unvorsichtigkeit.

»Ich hoffe, Hoheit werden diesen Vorwurf zurücknehmen, wenn ich Ihnen Alles vertraut habe,« entgegnete Mühlfels ruhig und resignirt.

»Was haben Sie mir noch zu sagen?« fragte der Prinz.

»Vielleicht etwas, was Sie nicht erwarteten, mein Prinz,« sprach Mühlfels und fügte hinzu: »Vor allen Dingen habe ich es für meine Pflicht gegen Eure Hoheit gehalten, Sie über den Fall aufzuklären und Ihnen die Kenntniß von meiner Schuldlosigkeit zu verschaffen. So empfindlich mich auch die Ungnade des Fürsten getroffen, würde mir doch diejenige meines theuern Prinzen noch vielfach schmerzlicher sein, da ich dieselbe überdies nicht zu verdienen glaube.«

»So reden Sie, reden Sie!« fiel der Prinz ungeduldig ein.

»Der Fürst, mein Prinz, hat mich, ohne Beweise für meine Schuld zu besitzen, lediglich nach seinem Belieben verurtheilt.«

»Boisière hat ihm doch aber mitgetheilt --« wandte der Prinz ein.

»Und der Chevalier sprach die Wahrheit --« fiel Mühlfels mit Nachdruck ein.

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie werden mich verstehen, mein Prinz, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich die Prinzessin nicht compromittiren wollte.« --

»Was sagen Sie?« rief der Prinz überrascht aus.

»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, mein gnädiger Prinz. Wenn mir die Prinzessin auch ein besonderes Wohlwollen schenkte, das mich zu beglückenden Hoffnungen berechtigte, so trifft sie dennoch nur in sofern ein Vorwurf, indem sie mich dadurch zu demselben verleitete. Ob diese Hoffnungen jemals erfüllt worden wären, wage ich nicht zu bestimmen, obwol ihr Interesse für mich eine solche Annahme nicht gerade abweist.«

»Und dem ist wirklich so?« fragte der Prinz erregt und blickte Mühlfels an.

»Ich schwöre es, mein Prinz!« »Warum verschwiegen Sie das dem Fürsten?« --

»Weil, wie ich schon früher bemerkte, ich es für meine Pflicht erachtete, die Prinzessin nicht bloszustellen.« --

»Sie thaten nicht recht daran, und ich gestehe Ihnen, es würde mich gerade in diesem Augenblick gefreut haben, hätten Sie dem Fürsten die Schwäche der Prinzessin enthüllt, die er noch immer für tugendhaft hält. Doch, er soll das von mir erfahren; ich spreche ihn morgen und will ihm Ihr Bekenntniß mittheilen. Wagte Sidonie sich über Mariane zu beschweren, so bietet mir dies ein erwünschtes Mittel, sie in dem rechten Licht zu zeigen. Ich sage Ihnen, Ihre Mittheilung kommt mir sehr gelegen.« --

»Und wollen Hoheit so gnädig sein, mir zu verzeihen, wenn ich das Entgegenkommen der Prinzessin annahm?« fragte Mühlfels demüthig.

»Ach, lassen Sie die Bagatelle!« fiel der Prinz geringschätzig ein. »Ich würde die Prinzessin in keiner Weise in ihren Passionen belästigt haben, hätte sie mich nicht durch die Anklage beim Fürsten heraus gefordert. Ich will doch sehen, wer mehr bei dem Fürsten gilt, ~sie~ oder ~ich~. Die Tugend an sich ist lächerlich; die geheuchelte jedoch mehr als das. Sie sollen nicht fort, Mühlfels; Sie sollen und müssen bleiben; denn ich bedarf Ihrer gerade jetzt am nöthigsten. Die Prinzessin soll sich in ihren Erwartungen arg getäuscht sehen. Wie konnte sie es wagen, unter solchen Umständen meinen Freund anzuklagen und mich seiner zu berauben, lediglich um sich den guten Schein zu retten. Ich merke, sie hat dabei auf Ihre Gutmüthigkeit gerechnet; es soll ihr jedoch nichts helfen. Ihre gute Absicht muß von dem Fürsten anerkannt werden; ich werde dafür sorgen. Im Uebrigen, Mühlfels, bleiben wir die alten Freunde. -- Ich hoffe, auch die Angelegenheit mit Marianen wird sich nach Wunsch erledigen lassen. Ich habe keine Lust, der Prinzessin zu weichen; ich ahne, was sie verlangt; aber wahrlich, Sie soll ihren Willen nicht haben!«

In solcher Weise sprach der Prinz, und wir erkennen daraus, wie leicht seine Abneigung gegen die Prinzessin ihn verleitete, den Einflüsterungen seines Günstlings Gehör zu schenken. Ueberdies kam ihm, wie wir erfahren haben, Mühlfels’ Geständniß sehr gelegen, da er dasselbe in seinem eigenen Interesse benutzen konnte. Ob dasselbe begründet war, ob ihn der Baron absichtlich täuschte, wie es der Fall war, um der Ungnade des Fürsten zu entgehen, fiel ihm nicht ein zu untersuchen. Eben so wenig sah er sich veranlaßt, zu überlegen, daß bei dem fleckenlosen Charakter der Prinzessin die Aussage des Barons wenig Glauben verdiente. An sittliche Tugend glaubte er nicht, jedoch an die Schwäche und Sittenlosigkeit der Frauen, und dieser Glaube behielt auch in diesem Fall um so mehr die Oberhand, da er die Prinzessin schuldig wissen ~wollte~.

Mühlfels mußte ihm den Abend über Gesellschaft leisten, und er fand dabei hinreichende Gelegenheit, die bekannten Angelegenheiten vielfach zu besprechen und sich durch seinen Günstling in seinen Vorsätzen noch mehr befestigen zu lassen.

Mit den besten Hoffnungen erfüllt, schied der Baron von ihm, in hohem Grade beglückt, daß sein kühnes Mittel so gute Wirkungen ausgeübt hatte. Er freute sich, auf den glücklichen Gedanken gerathen zu sein, sich als das Opfer zu bezeichnen, das er der Ehre der Prinzessin gebracht hatte. Die sowol von dem Prinzen als dem Fürsten gehegten Vorurtheile kamen ihm dabei sehr zu statten, denn sie ließen ihn hoffen, daß man seinen Worten Glauben schenken würde. Und den Prinzen zu überzeugen, war ihm bereits gelungen. Ueberdies hatte er dem Fürsten ähnliche Andeutungen gemacht und ebenso gegen Boisière nichts Bestimmtes ausgesprochen; wenn er nun die Kühnheit besaß, dem Gemahl der Prinzessin selbst deren Schwächen und seine dadurch erregten Hoffnungen zu gestehen, so lag in diesem bedeutsamen Umstande ein gewichtiger Beweis für seine Schuldlosigkeit, indem zugleich alle Schuld auf Sidonie zurück fiel. Gelang ihm das Letztere, so war er auch von der Zurücknahme des fürstlichen Befehls überzeugt.

Wie gewöhnlich vertraute er seine Besorgnisse und Hoffnungen seiner Mutter an, die nicht wenig überrascht war, den lieben Sohn in einer so übeln Lage zu wissen. Sie stimmte jedoch seinen Voraussetzungen bei und tröstete sich mit ihm in der Gewißheit von dem großen Einfluß des Prinzen auf den Fürsten.

Sie sollten bald erfahren, wie sehr sie sich in dieser Beziehung täuschten.

Der Prinz begab sich an dem nächsten Tage zu dem Fürsten, um die bekannten Angelegenheiten zu besprechen, und unterließ nicht, das Interesse seines Günstlings mit aller Wärme zu vertreten.

Mit großer Aufmerksamkeit hörte ihn der Fürst an und schritt, nachdem der Prinz seine Mittheilung geendet hatte, einigemal schweigend und gedankenvoll durch das Gemach.

»Und Du glaubst den Worten des Barons?« fragte er, indem er vor dem Prinzen stehen blieb und ihn fragend anschaute.

»Ich habe keinen Grund zum Gegentheil, und kenne den Baron überdies zu genau, um an der Wahrheit seiner Mittheilung zu zweifeln.« --

»Du hegst eine natürliche Vorliebe für ihn, da er Dein besonderes Vertrauen besitzt; diese Vorliebe täuscht Dich jedoch dieses Mal und Du übersiehst, daß die Prinzessin, fühlte sie sich schuldig, anders gehandelt haben würde. Ich sage Dir, ein solch’ stolzes, freies Wesen, wie sie, zeigt keine Schuldige, und der Baron hat das Aeußerste gewagt, um sich von der Strafe zu befreien. Ich kenne die Menschen genügend, um nicht zu wissen, daß ein Mann, wie der Baron, in einem Fall, in welchem seine Ehre auf dem Spiel steht, sich nicht in solcher Weise opfert. Das ist lediglich ein Kunstgriff von ihm, der ihm jedoch nichts helfen soll. Ihn verleitete seine Eitelkeit zu der Täuschung; ich bin davon durchaus überzeugt. Er wollte sich mir gefällig zeigen, um Nutzen daraus zu schöpfen. Ich gebe zu, daß ihm die Prinzessin ein gewisses Wohlwollen schenkte; das ist jedoch nichts Besonderes. Sollte er darin eine Berechtigung zu so bedeutsamen Hoffnungen gefunden haben, so ist das seine Schuld, und darum muß er büßen. Ich wie Du sind es der Prinzessin schuldig, und so soll die Sache ihren Gang haben.« --

Der Prinz wurde durch diesen festen Bescheid seines Oheims in hohem Grade verstimmt und bemühte sich auf das äußerste, den Baron von der Strafe zu befreien; indessen vergebens. Der Fürst beharrte auf seinem Entschluß und schnitt seine weiteren Bemühungen mit dem Bemerken ab, daß eine viel wichtigere Veranlassung ihn bestimmt habe, den Prinzen zu sich bitten zu lassen, und er daher des Barons Sache als abgethan betrachte. Alsdann fragte er ihn, durch welche Umstände Mariane veranlaßt worden sei, sich in das Schauspiel zu drängen.

Der Prinz fand es für gut, dem Fürsten das Nähere darüber zu verschweigen, indem er seinen Liebling durch die demselben beiwohnende Unerfahrenheit zu entschuldigen bedacht war und zugleich die Versicherung aussprach, nicht die geringste Kenntniß von dem Besuch gehabt zu haben.

Auch jetzt hörte ihn der Fürst ruhig und aufmerksam an und entgegnete alsdann mit Strenge:

»Nicht das ~Mädchen~, sondern ~Sie~ trifft die Schuld, wenn so etwas geschehen konnte; daß es geschah, ist ein Zeichen, wie wenig Respect das Mädchen für Sie hat. So weit durften Sie es jedoch nicht kommen lassen. Wir haben Ihre Liaisons, sobald sich dieselben in den erforderlichen Grenzen hielten, schweigend geduldet; wir finden uns jedoch nach dem Erfahrenen veranlaßt, Sie dem Einfluß dieses jedenfalls sehr listigen Mädchens zu entziehen, vor Allem jedoch der Prinzessin für die erfahrene Scene dadurch eine Genugthuung zu verschaffen; und so befehlen wir Ihnen, das Mädchen sofort zum Verlassen der Stadt zu veranlassen. Ich weiß, daß die Prinzessin nichts Geringeres erwartet, und eine solche Forderung kann nur billig genannt werden. Ueberdies bin ich das auch mir und dem Hofe schuldig. Sie werden sich also mit dem Mädchen arrangiren. Uebrigens dürfte diese niedrige Person zu einer Liaison mit einem Prinzen sehr wenig geeignet sein; Sie tragen daher selbst die Schuld, wenn man darüber spottet und Ihren guten Geschmack in Zweifel zieht. Des Mädchens freches Eindringen in die gute Gesellschaft hat nun den schlagendsten Beweis geliefert, daß der Spott nur gerecht war, und so werden Sie wissen, was Sie zu thun haben.« --

Der Fürst schwieg und trat an das Fenster, durch welches er auf den Garten blickte.

Bebend vor zorniger Erregung, die des Oheims Strenge und Beschluß in ihm erzeugt hatte, und zu einer Erwiderung unfähig, stand der Prinz da. Schon durch die verweigerte Gnade hinsichts des Barons erbittert, steigerte die Bestimmung über Mariane seinen Zorn in hohem Grade. Derselbe drohte ihn zu übermannen und er beherrschte ihn nur mühsam.

»Und ist das Ihr unumstößlicher Beschluß?!« preßte er endlich hervor.

»Er ist es,« fiel der Fürst ruhig ein und fügte dann mit Nachdruck hinzu: »Ich denke, Prinz, Sie sind sich das selbst schuldig, wenn Sie nicht der Lächerlichkeit verfallen sollen.«

»Wer wagte das zu behaupten?!« fuhr der Prinz auf.

»Ich, Ihr ~Fürst~!« fiel dieser in gebietendem Ton ein.

»Sie können mir den Umgang mit dem Mädchen nicht verwehren!« rief der Prinz in hellem Zorn und mühsam Athem holend.

»Nicht?« fragte der Fürst ironisch und fuhr mit strenger Kälte fort: »Hören Sie, Prinz Albert, was Ihnen Ihr Fürst sagt: ist das Mädchen nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden aus dem Bereich der Stadt, so werde ich es durch Polizeibeamte hinausbringen lassen, und damit Sie nicht etwa aus zu großer Liebe für die Dirne verleitet werden, sie etwa als ihr =Cavalier servante= zu begleiten, werden Sie bis auf Weiteres Ihr Palais nicht verlassen. Und dabei bleibt’s!«

Mit diesen Worten begab sich der Fürst in das Nebengemach und ließ den Neffen in der furchtbarsten Erregung zurück. Sein Auge flammte, und ehe der Fürst noch die Thür schloß, zertrümmerte er den Stuhl, auf den er sich so lange gestützt hatte, mit einem raschen, mächtigen Stoß. Alsdann taumelte er aus dem Gemach und warf sich in den auf ihn harrenden Wagen.

Es war tief in der Nacht; dennoch schimmerte in einem der Zimmer der Villa Marianens Licht und verrieth, daß die Bewohner derselben noch nicht die Ruhe gesucht hatten.

Dies war in der That der Fall; denn wenn auch die sämmtliche Dienerschaft daselbst sich der Nachtruhe erfreute, saßen doch Mariane und Madame Voisin beisammen und unterhielten sich in leisem Ton mit einander.

Neben ihnen standen gepackte, offene Reisekoffer.

»Ich sage Ihnen, Fräulein, daß das Alles Ihr Besuch des Schauspiels veranlaßt hat,« wiederholte Madame Voisin zum mehr denn zehnten Mal.

»Sie irren sich. Wie könnte solche Kleinigkeit --« wandte Mariane ein.

»Nun, Sie werden es ja bald erfahren. Ohne einen erheblichen Grund konnte der Prinz nicht auf den Gedanken gerathen, Sie reisen zu lassen. Ich wiederhole, das geschieht nicht mit seinem Willen, sondern es steckt etwas dahinter, Sie werden es erleben. Lesen Sie seinen Brief nur noch einmal durch.«

Mariane ergriff in Folge dieser Aufforderung einen neben ihr auf dem Koffer liegenden Brief, den sie vor wenigen Stunden von dem Prinzen erhalten hatte und worin er ihr anzeigte, daß besondere Umstände ihn nöthigten, sie aus der Stadt für eine kurze Zeit zu entfernen. Sie und Madame Voisin, die sie auf der Reise begleiten würde, sollten sich dazu vorbereiten, jedoch nur mit den nothwendigsten Sachen versehen. Mariane möge ihn in der Nacht erwarten und würde alsdann alles Weitere von ihm erfahren. Sein Besuch müßte der Dienerschaft durchaus verheimlicht werden und sollten sie ganz besonders darauf bedacht sein.

»Nun, Fräulein, ist Ihnen jetzt die Sache klar?« fragte Madame Voisin.

»Wir sollen eine kleine Reise machen, vielleicht nach meiner Heimath, und das wäre schön; sonst finde ich nichts Besonderes in den Worten,« meinte Mariane ziemlich ruhig.

»Dann habe ich nichts mehr zu sagen,« sprach Madame Voisin und begann auf’s Neue zu packen; Mariane jedoch, von der Voraussetzung erfüllt, eine Zeit lang in der Heimath verleben zu dürfen, plauderte weiter.