Prinzessin Sidonie (Band 2/3)

Part 12

Chapter 123,639 wordsPublic domain

»Diese Ansichten begründen eben ihren beklagenswerthen Irrthum, in welchem Sie sich befinden und durch welchen Sie sich von dem Hofleben geschieden haben. Sie wollen die Macht des Zeitgeistes nicht anerkennen, stellen sich über denselben und stoßen dadurch überall an, wie Sie das bereits erfahren haben müssen. Der Welt zu verrathen, daß man sich besser dünkt als sie, daß man ihre Sitten und Gebräuche verachtet, ist unklug und ein großer Fehler, namentlich bei einer Frau, die nicht die Gewalt und den Geist besitzt, die Welt nach ihrem Sinn zu leiten. Fügten Sie sich in den Zeitgeist, so würden Sie behaglicher leben und Ihr gegen mich ausgesprochenes Verlangen würde unterblieben sein.« --

»Ich glaube Ihnen, mein Fürst; indessen scheinen Sie zu übersehen, daß, wenn mir auch die Macht fehlt, die Welt nach meinen Ansichten zu bessern, ich dennoch die Berechtigung besitze, nach den Forderungen meiner sittlichen Natur zu leben und darnach meine Ansprüche an die Menschen zu erheben. Das Gute und Wahre gilt für alle Zeiten und darf dem herrschenden Zeitgeist nicht weichen, wenn der Mensch sich nicht selbst aufgeben will. Warum wollen Sie mir also mein Streben zum Vorwurf machen, da es gute Zwecke in sich trägt? Daß man über mich spöttelt, weil ich jene Dinge verachte, welche die bessere Natur des Menschen verunzieren, weiß ich; ich besitze jedoch so viel Kraft der Ueberzeugung, um mich darüber hinweg zu setzen. Mit den Schlechten schlecht zu werden, zeigt von einem gehaltlosen Charakter, von dem Mangel wirklich sittlicher Grundsätze. Und sollte nicht einst die Zeit kommen, in welcher das Bessere wieder allgemeinere Geltung erhält, und sollten wir diese nicht herbei zu führen bemüht sein? Ist das Leben der Menschen nicht wandelbar wie ihre Neigungen und Wünsche?« --

»Wer möchte daran zweifeln?! Aber wenn man den Zeitgeist nicht zu ändern vermag, ist es klug, nicht offen gegen ihn zu verstoßen,« bemerkte der Fürst.

»Und warum sollten Diejenigen, denen die Macht dazu gegeben ist, warum sollten die Fürsten sich eine solche Aufgabe nicht stellen wollen? Warum thun sie es nicht, wenn sie die Nothwendigkeit dazu fühlen? Ihr Beispiel, ihr Verhalten, ja ihr Wunsch schon genügt, auf das Volk zu wirken. Dieses schaut stets nach oben, und wenn es schlecht wird, sind es stets die Folgen eines übeln Beispiels, das sie vor Augen haben. Man ahmt das Schlimme viel leichter nach als das Gute, aber auch dieses, wenn es sich beharrlich zeigt. Und bedingen die Höfe nicht so eigentlich den Zeitgeist? Kennen wir die Einwirkung des französischen Hofes auf die Höfe in Deutschland nicht zur Genüge, und sind seine Gebrechen nicht auf uns nur darum übergegangen, weil sie von unseren Höfen beifällig aufgenommen wurden? Man äfft nicht nur die Trachten, man äfft noch leichter leichtfertige Gebräuche nach, und die Sünde wird keine Sünde mehr, weil sie Mode geworden ist und jedes moralische Bedenken unterdrückt. Ein Verbrechen hört jedoch darum nicht auf, ein solches zu sein, weil sich ein Jeder in der Gesellschaft daran betheiligt. Sie achten und lieben die Menschen wenig, mein Fürst; würde dies nicht sein, so bin ich überzeugt, Sie würden die Ihnen zu Gebote stehende Macht auch zu deren Besserung und Veredlung benutzen.« --

»Chimären, Chimären!« fiel der Fürst mit Ironie ein. »Sie kennen die Menschen nicht, und darum hegen Sie dergleichen Wünsche. Ich sage Ihnen, besäßen Sie meine Kenntniß von der Menschennatur, Sie würden Ihr Ich zum Mittelpunkt des Lebens machen, und damit Basta. Gelingt es selbst dem Schöpfer dieser Menschen nicht, sie zu Engeln zu machen, wie sollte diese Aufgabe einem Menschen zugefallen sein? Hätte die Urkraft es anders haben wollen, so würden Sie sich heute nicht über Diejenigen beklagen, welche dem lieben Gott nicht in das Handwerk pfuschen wollen. Nur die Geister regieren, und ihrer sind wenige; der Haufe besteht aus Sklaven oder Unvernünftigen, und es lohnt wahrlich nicht der Mühe, sie zur Erkenntniß ihrer Niedrigkeit zu leiten; sie würden es Ihnen nicht danken, denn sie würden sich darin unglücklich fühlen. Die Materie, der Stoff, das Sinnliche ist im Leben das Gesuchteste; in ihnen fühlt sich der Haufe wohl; Moral und Geist hinken nach, sobald die Sinne Befriedigung finden; denn die Welt vermag auch ohne Moral zu bestehen, und an diese hat der liebe Gott wahrlich nicht gedacht, als er unsern Planeten in den Weltenraum setzte. Diese Ansichten mögen Ihnen zwar sehr materiell erscheinen, sie sind darum jedoch nicht minder gerechtfertigt, und Sie würden dieselben theilen, besäßen Sie meine Erfahrungen. Ueberlegen Sie sich meine Worte, Prinzessin, vielleicht gelangen Sie alsdann zu anderen Ansichten über das Leben, über sich selbst und Ihre Verhältnisse. Ich sage Ihnen, das Leben ist es nicht werth, die Moral über ein behagliches Dasein zu stellen. Sein Ton verklingt rasch, oft so rasch, ehe man sich darin kaum zurecht gefunden hat, und auch den bedeutendsten Menschen gelingt es kaum, daß dieser Ton noch ein wenig nach ihrem Sterben nachklingt, und geschieht es, so wird sein Widerhall dennoch rasch von dem Getöse des fortrauschenden Lebens aufgesogen. Doch genug dieser Dinge, die Ihnen vielleicht nicht zusagen. Aber sie sind gesprochen und Sie mögen daraus erkennen, daß man zu ganz anderen Ansichten gelangt, wenn man das Leben und die Menschen nicht aus der Vogelperspective betrachtet.«

Er schwieg und schaute durch das Fenster. Sidoniens Auge hing mit Ueberraschung an den erregten Zügen des Fürsten. Noch niemals hatte sich sein Cynismus in solcher Weise zu erkennen gegeben, und sie bebte davor zurück, indem derselbe ihre Seele verletzte.

Sie fühlte sich der Dialektik des Fürsten nicht gewachsen, und so wäre es klug gewesen, seine Worte schweigend hinzunehmen. Sie vermochte dies jedoch nicht; ihr Gefühl trieb sie an, die eigenen Grundsätze zu vertheidigen und dem Fürsten zu erkennen zu geben, wie weit sie entfernt war, seine trostlosen Anschauungen zu theilen, und darum entgegnete sie:

»Sie mögen in vieler Hinsicht Recht haben, mein Fürst; ich darf mir darüber kein Urtheil erlauben. Ein Jeder beurtheilt das Leben von seinem Standpunkt aus, und derjenige der Frauen ist ein anderer als der der Männer, und so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß mich Ihre Worte nur noch mehr in der Erkenntniß befestigt haben, daß es in der Menschenbrust ein Gefühl giebt, das ihn über die Trostlosigkeit Ihrer Anschauungen erheben dürfte.« --

»O, ich merke, wo Sie hinaus wollen!« fiel der Fürst ein. »Sie sind eine Frau und wollen darum von Liebe und Tugend sprechen. Ist es nicht so?«

»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig. »Wer diese beiden Elemente im Menschenleben nicht kennt, mag sich leicht mit den Resultaten der Speculation des Verstandes zufrieden geben, doch nicht derjenige, der in ihnen die Schöpfer eines höheren Daseins schätzt und sich durch sie über die Materie des Lebens erhebt.«

»So machen Sie nur rasch den Dreiklang voll und fügen Sie auch den Glauben hinzu, der ja so eigentlich den Frauen angehört und von ihnen ganz besonders protegirt wird. Ich sage absichtlich: Dreiklang, denn meiner Ansicht nach ist die Liebe, wie die Tugend und der Glaube nur ein flüchtiger Ton, der sich nicht fassen läßt und lediglich in der Idee, vielleicht im Temperament, in der Constitution des Menschen beruht, ja vielleicht sogar auch in der Mode, im Zeitgeist. Denn es hat, wie Sie wissen, Tugend-, Liebes- und Glaubenszeiten gegeben, in denen man für diese eine besondere Vorliebe zeigte; ob aus Neigung, Ueberzeugung oder in Folge von Nachahmung und weil es einmal Sitte war, müßte leicht zu entscheiden sein, ganz abgesehen, daß dabei die Schauspielkunst gewiß ganz besonders cultivirt wurde. Sie sehen, daß die von Ihnen gepriesenen Elemente die denselben beigelegte Bedeutung nicht verdienen. Alles Ideale im Leben weicht früher oder später der Materie, und diejenigen, welche dies nicht anerkennen wollen, stempeln sich zu Narren oder Märtyrern. =Chacun à son goût!= Oder ist es etwa nicht so? Strebt nicht Alles der Materie zu, die sich für den Menschen im Tode gipfelt, was der unverständige Glaube nicht zu ändern vermag? Wenn ich der Bibel eine Wahrheit zugestehe, so ist es diese, daß der Mensch wieder zu Erde werden muß, aus welcher er geschaffen wurde. -- Und die Liebe! -- Ist sie mehr, als das Mittel sehr realistischer Zwecke? Erwägen Sie, Prinzessin. Ich stelle die Freundschaft als edler über sie, vorausgesetzt, daß die Selbstsucht keinen Theil daran hat. Die Freundschaft entspringt nicht einem Naturgesetz, die Liebe jedoch lediglich aus diesem, und die Natur ist nur belebte Materie. So wären wir mit dem von Ihnen so geschätzten Dreiklang fertig, dessen Harmonie sich vielleicht ganz gut anhört, der uns jedoch betrügt, da er nicht hält, was er verspricht.« --

»Wenn es mir auch gelänge, Ihren Ansichten beizustimmen, so machte sich dennoch die Frage in mir geltend, was aus unserm Leben würde, wenn Sie ihm die wichtigsten Stützen nehmen wollen?« fragte Sidonie und schaute den Fürsten mit Spannung an.

»Es würde nicht anders werden, als es ist, vielleicht ändert sich seine Physiognomie ein wenig; mehr aber auch nicht. Das Naturgesetz würde sich alle Zeit erfüllen, und das ist eben das Leben,« fiel der Fürst ein.

Sidonie schüttelte bedenklich das Haupt. Es widerstrebte ihrer sittlichen Natur, dem Fürsten auf einem Gebiet zu folgen, das ihrer innersten Ueberzeugung nach zu einer trostlosen Oede führen mußte. Auch fühlte sie sich nicht befähigt genug, die ausgesprochenen Ansichten zu widerlegen, und so schwieg sie.

Der Fürst bemerkte das und errieth ihre Gedanken; denn er wandte sich sogleich an sie mit der Bemerkung:

»Ich erkenne, daß unsere Unterredung weiter gegangen ist, als ich beabsichtigte. Dergleichen ist nicht für Frauen; ich hätte das bedenken sollen. Um der Wahrheit dreist in’s Antlitz zu schauen, gehört ein stärkerer Geist, als ihn Frauen besitzen. Sie mögen sich durch eine sichere Erkenntniß nicht ihre Illusionen rauben lassen, selbst wenn sie fühlen, daß diese eben nichts Anderes sind. Das ist einmal ihre Natur, und ich berücksichtige das. Doch würde es mich freuen, sollte unsere Unterredung in dem bekannten Interesse für Sie und mich von Vortheil sein und dies durch die Folgezeit begründet werden.« Er reichte ihr die Hand. »Halten Sie mir Ihr Versprechen und überlegen Sie sich reiflich die bewußte Angelegenheit; ich werde Ihr Interesse nach allen Richtungen wahrnehmen, hoffe dagegen auch, daß Sie meinen Wünschen entgegen kommen werden.« --

Es war Sidonien angenehm, daß der Fürst in solcher Weise die ihr wenig behagliche Unterredung endete, die sie weder zur Aenderung ihrer Ansichten bewegen, noch überhaupt ihren Interessen dienen konnte. Mit einem stillen Bedauern über des Fürsten leeres und kaltes Herz und die geringen wahrhaften Freuden, die er genießen durfte, erhob sie sich und bemerkte:

»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, für die mir geschenkte Theilnahme und bin überzeugt, meine Wünsche werden erfüllt werden. Ich beuge mich gern und anerkennend vor dem forschenden Geist, fühle ich mich auch nicht befähigt, ihm zu folgen; doch wenn ich dies auch thue, halte ich dennoch an der Ueberzeugung fest, daß aller Reichthum des Geistes den Werth des Herzens nicht zu ersetzen vermag. Verzeihung, mein Fürst, wenn ich Ihnen dies nicht verhehle; aber ich würde Ihren Geist zu unterschätzen fürchten, wollte ich die Besorgniß hegen, derselbe ertrüge den Widerspruch nicht. Sie haben mir meinen Standpunkt angewiesen; ob ich denselben durch den Widerspruch überschreite, weiß ich nicht, da ich die ihm von Ihnen bestimmte Grenze nicht kenne; that ich dies jedoch, mein Fürst, so gewann ich dadurch vielleicht den Vortheil, Sie auf einen Irrthum in Ihren Voraussetzungen aufmerksam gemacht zu haben.« --

»Oder sagen Sie richtiger, sich als eine Ausnahme von der Regel zu bezeichnen,« fiel der Fürst ein und fügte in höflichem Ton hinzu: »Ich habe Sie längst als eine solche Ausnahme Ihres Geschlechts betrachtet, und der Beweis dafür ist unsere heutige Unterredung, zu welcher ich mich unter anderen Verhältnissen vielleicht nicht verstanden haben würde.«

»Ich danke Ihnen für dieses Compliment und hoffe, daraus die besten Hoffnungen für meine Wünsche schöpfen zu dürfen.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Prinzessin.

Der Fürst schaute ihr mit einem fast ironischen Blick nach. Trotz seiner Versicherung, in ihr eine Ausnahme ihres Geschlechts zu erkennen, war er dennoch von Sidoniens Unfähigkeit, ihn vollkommen zu verstehen, überzeugt. Sie war ein Weib und darum auch in die engen Grenzen ihrer Natur gebannt, aus welcher sie nicht heraus zu treten vermochte. Darum mußten auch seine Bemühungen fruchtlos bleiben.

Diese Voraussetzung verdroß ihn in hohem Grade, mehr jedoch noch die Erkenntniß der ihm gespielten Täuschung, wodurch alle seine so sicheren Hoffnungen zerstört wurden. Denn er glaubte an Sidoniens Schuldlosigkeit nicht zweifeln zu dürfen; ihr festes Benehmen, vor Allem jedoch ihr Entschluß, sich von dem Prinzen zu trennen, dienten ihm als gewichtige Beweise dafür. Zwar hatte er, wie wir wissen, bereits selbst an eine Trennung der Ehe gedacht; des Prinzen Abneigung jedoch, sich wieder zu vermählen, so wie sein Widerwille vor einem solchen Aufsehen erregenden Schritt ließen ihn diesen Gedanken wieder aufgeben. Damit blieb aber auch sein Wunsch unerfüllt und die Erbfolge nicht gesichert, und die stattgefundene Unterredung mit Sidonien ließ ihm keine Hoffnung, mit seinen Arrangements irgend zu reüssiren. Unter solchen Umständen blieb ihm nur noch der letzte Versuch übrig, durch Eingehen auf der Prinzessin gerechte Forderungen wieder ein gutes Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen zu ermöglichen. Ihm war die gute Wirkung seiner Erinnerung der ihr obliegenden Mutterpflichten nicht entgangen, und er schloß daraus, daß Sidonie, sobald der Prinz sich ihr in der entsprechenden Weise näherte, eine Versöhnung mit ihm nicht ablehnen würde.

Von dieser Ueberzeugung erfüllt, gedachte er nach des Prinzen Genesung mit diesem die Angelegenheit eingehend zu besprechen und sein ganzes Ansehen geltend zu machen, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Nachdem er in dieser Beziehung seinen Entschluß gefaßt hatte, war er bedacht, sich Gewißheit über die ihm gespielte Täuschung zu verschaffen, und ließ darum sogleich Boisière zu sich rufen, dem er das Erfahrene mittheilte. Dieser war nicht wenig bestürzt, so durchaus Ungeahntes vernehmen zu müssen, und entschuldigte sich mit der Versicherung, lediglich durch Mühlfels’ Mittheilungen zu der Ueberzeugung einer Liaison verleitet worden zu sein.

Der Fürst schüttelte unmuthig das Haupt; doch kannte er den Chevalier zu gut, um nicht zu wissen, daß dieser in einer so wichtigen Angelegenheit nur durch die sichersten Beweise zu dem ihm gemachten Bericht bestimmt werden konnte. So trug also lediglich Mühlfels die Schuld, und er befahl dem Chevalier, ihm denselben sogleich zuzuführen.

Der Baron vernahm mit nicht geringer Bestürzung den Befehl des Fürsten und den Anlaß dazu, und wurde dadurch um so mehr betroffen, da, wie wir erfahren haben, er den Verrath seiner Täuschung einmal für unmöglich gehalten und derselbe überdies jetzt eben so plötzlich als ungeahnt über ihn gekommen war. Derselbe vernichtete zugleich alle seine so angenehmen Hoffnungen und erfüllte ihn mit der Besorgniß, nicht straflos davon zu kommen und obenein den ganzen Schimpf gekränkter Eigenliebe tragen zu müssen.

Trotz alledem verlor er die Fassung nur für wenige Augenblicke; alsdann gewann er dieselbe wieder in so weit, um sich für die Audienz bei dem Fürsten vorzubereiten. Er ließ sich nochmals die dem Chevalier von dem Fürsten gemachten anklagenden Mittheilungen wiederholen, erwog dieselben in allen Einzelnheiten und gelangte dabei zu der Ueberzeugung, sich mit einigem Geschick aus der so gefährlichen Lage ziehen zu können.

Dadurch ermuthigt, erklärte er sich bereit, dem Chevalier zu folgen.

Dieser beschwor ihn, sich und ihn selbst in einer Weise vor dem entrüsteten Fürsten zu entschuldigen, daß dessen Unmuth beschwichtigt wurde und er ihnen Gnade angedeihen ließ. Denn geschah dies nicht, so war seine so ehrenvolle Stellung gefährdet. Mühlfels, dessen Kaltblütigkeit wieder vollkommen zurückgekehrt war, beruhigte ihn mit der Versicherung, daß es ihm voraussichtlich gelingen müßte, den Fürsten von seiner Schuldlosigkeit zu überzeugen, und dadurch in etwas getröstet, führte ihn der Chevalier zu der Audienz.

Er wurde von dem Fürsten mit Strenge und Kälte empfangen.

»Sie haben sich erlaubt,« sprach dieser, »Boisière und durch ihn auch mich in der unverantwortlichsten Weise zu täuschen. Sie kannten die Wichtigkeit eines solchen Handelns, was haben Sie darauf zu sagen?«

Trotz dieser strengen Anrede verlor Mühlfels die Fassung nicht, sondern entgegnete ruhig:

»Ich vermag, mein gnädiger Fürst, nicht zu beurtheilen, welcher Worte sich der Chevalier bedient hat, um mein Verhältniß zu der Prinzessin Hoheit zu bezeichnen; eben so wenig weiß ich, wie er die ihm von mir anvertrauten Worte zu deuten für gut befunden. Ich habe nicht mehr gesagt, als ich zu verantworten hoffe, mein Fürst.« --

»Sie weichen einer bestimmten Antwort aus. Lassen Sie alle Umschweife und sagen Sie, ob Ihnen die Prinzessin wirkliche Gunstbezeigungen geschenkt hat,« sprach der Fürst hart und befehlend, wobei er den Baron mit scharfen Blicken fixirte. Dieser wurde dadurch ein wenig verlegen, faßte sich jedoch und entgegnete:

»Ich darf darauf unbedingt bejahend antworten.«

»Das heißt?« fiel der Fürst ein.

»Hoheit haben meine Dienste wohlwollend aufgenommen,« entgegnete Mühlfels zögernd.

»Wie soll ich das verstehen? Es ist hier nicht von Diensten die Rede, sondern von einer Intimität zwischen der Hoheit und Ihnen, deren Sie sich gegen den Chevalier gerühmt haben.«

»Der Chevalier irrte sich, wenn er meiner Mittheilung eine solche Deutung untergelegt hat. Ich habe ihm nur das Wohlwollen bezeichnet, womit mich die Prinzessin beglückt und meine Huldigungen anzunehmen geruhte. Denn ich läugne nicht, mein gnädiger Fürst, daß ich die Prinzessin hoch verehre und mich um Ihre Gunst beworben habe; ich würde jedoch deren Ansehen zu beflecken fürchten, wollte ich die von dem Chevalier mitgetheilten Worte zugeben. Niemals hat mich die Prinzessin durch eine Gunst erfreut, welche ihrer Stellung und der guten Sitte zuwider gewesen wäre.«

»Nun, Boisière, was sagen Sie dazu?« fragte der Fürst und schaute diesen, der bestürzt dastand, fragend an. »Sollte,« fuhr er fort, »etwa Ihr Eifer, mir zu dienen, Sie zu weit geführt haben?«

»Halten zu Gnaden, mein Fürst, die Andeutungen des Barons und selbst sein Wunsch, der Prinzessin statt meiner aufzuwarten, berechtigten mich zu dem abgestatteten Bericht, mehr noch sein Entgegenkommen, als ich ihm früher den Wunsch des gnädigsten Fürsten mittheilte,« entschuldigte sich Boisière.

»Es ist gut, Boisière,« brach der Fürst kurz ab und schritt nachdenkend durch das Gemach. Sein Scharfblick und seine Menschenkenntniß hatten ihn leicht errathen lassen, welcher der eigentliche Urheber der Täuschung war; überdies kannte er den Charakter des Barons genügend.

Er sah aber auch ein, daß er selbst mehr oder weniger die Veranlassung dieser Täuschung war, indem er den Wunsch betreffs einer Liaison mit der Prinzessin ausgesprochen und so des Barons Eitelkeit geweckt hatte. Dieser Umstand stimmte ihn milder gegen diesen, ohne ihn jedoch zu entschuldigen. Nach einigen Augenblicken wandte er sich an Mühlfels und bemerkte in verweisendem Ton:

»Ob Ihre Eitelkeit Sie hinsichts der Erfolge bei der Prinzessin täuschte, will ich dahin gestellt sein lassen; Sie haben jedoch leichtsinnig gehandelt und nicht bedacht, welche Folgen dergleichen zweideutige Bemerkungen, wie Sie sie gegen Boisière zu machen sich erlaubt, nach sich ziehen können. In solchen Angelegenheiten und mir gegenüber gilt nur die strengste Wahrheit. Das mußten Sie wissen. Sie sind schuld, daß ich mich compromittirt habe. Sie werden sich morgen zu der Garnison nach Bergen begeben und daselbst zum Dienst stellen. Ich hoffe, die dortige Abgeschiedenheit wird Sie zur Erkenntniß Ihres Leichtsinns gelangen lassen und Sie werden sich der Besserung befleißigen.«

»Mein gnädigster Fürst!« fiel Mühlfels, durch diesen strengen und nicht geahnten Urtheilsspruch in der tiefsten Seele getroffen, ein und blickte flehend zu dem Fürsten auf.

»Kein Wort, Baron! Ich weiß, daß ich viel zu milde mit Ihnen verfahre; Sie verdienen eine härtere Strafe und verdanken meine gnädige Rücksicht lediglich Ihrer Stellung zu dem Prinzen und Ihrer Familie,« entgegnete der Fürst in strengem Ton und winkte mit der Hand; Mühlfels entfernte sich schweigend, ohne daß er seine Bitte um Milderung der Strafe zu wiederholen wagte.

Der Fürst befand sich in der übelsten Stimmung. Es war ihm unangenehm, gezwungen zu sein, des Prinzen Günstling von dem Hof zu verweisen; denn er wußte, daß dieser Befehl den Letzteren verletzen würde. Vielleicht wäre er milder gegen Mühlfels gewesen, hätte er nicht die Nothwendigkeit erkannt, Sidonien dadurch die gewünschte Genugthuung zu verschaffen und so seiner Absicht, eine Versöhnung zwischen den Getrennten herbei zu führen, zu dienen.

Ueberdies war er willens, in dieser Angelegenheit mit aller Strenge zu verfahren und den Prinzen dadurch zum Eingehen auf seine Wünsche zu zwingen.

Mit welchen Gefühlen Sidonie nach ihrem Palais zurückkehrte, darf kaum näher bezeichnet werden. Die Unterredung mit dem Fürsten, in welcher sie Mühlfels’ Täuschung kennen gelernt hatte, beugte sie tief; mehr als Alles jedoch war es der schmerzliche Gedanke, der süßen Hoffnung, frei zu werden, wahrscheinlich entsagen zu müssen.

Des Fürsten Vorstellungen und Abneigung, auf eine Trennung ihrer Ehe einzugehen, hatten sie mit der Ueberzeugung erfüllt, daß man ihr kaum zu überwindende Schwierigkeiten entgegen stellen würde, um sie zum Aufgeben ihres Verlangens zu veranlassen. Eben so wenig durfte sie auf die Hilfe und Zustimmung ihres Bruders zu ihrem beabsichtigten Schritt rechnen, sobald sich der Fürst dazu nicht geneigt zeigte, da der Herzog sich stets des Letzteren Willen unterzuordnen für seine Pflicht erachtete.

Aurelie, die sie bei der Rückkehr von dem Fürsten erwartete, wurde durch Sidoniens so ungeahnte Mittheilungen in hohem Grade überrascht; nichts von allem Vernommenen verletzte sie jedoch so tief, als die Voraussetzung des Fürsten von Sidoniens Einverständniß mit Mühlfels, und ihr Schmerz darüber war um so tiefer, da sie nur zu gut wußte, wie sehr ihre Freundin darunter litt.

Und dennoch mußten sie dem Zufall danken, der das Gewebe einer so schimpflichen Intrigue enthüllt und die Prinzessin von der sie bedrohenden Gefahr befreit hatte. Wohin hätte es führen müssen, würde ein so übler Verdacht auf Sidonien geruht haben. --

Eine sehr bedeutungsvolle Frage war es, ob der Fürst nach mit dem Prinzen genommener Rücksprache über Sidoniens Entschluß die Zustimmung des Letzteren erhielt und dadurch etwa veranlaßt wurde, früher oder später auf ihr Verlangen einzugehen. Man war genöthigt, das Weitere abzuwarten; aber es konnte nicht fehlen, daß diese Angelegenheiten in der Folgezeit das Interesse der Freundinnen unablässig in Anspruch nahm, und eben so wenig, daß Sidonie unter denselben sichtlich litt und, des Trostes des Geliebten beraubt, täglich düsterer wurde und sich mehr und mehr von allen Zerstreuungen zurückzog. --

Die Urheberin dieser so bedauerlichen Ereignisse ahnte von dem durch ihren Besuch des Schauspiels angerichteten Unheil nicht das Geringste und würde darüber auch nichts erfahren haben, wäre dem Prinzen nicht durch Boisière ihr Ungehorsam und dessen Folgen verrathen worden.