Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 9

Chapter 93,671 wordsPublic domain

Der Graf sprach die Versicherung aus, daß ihm die Erfüllung ihres Wunsches zur höchsten Ehre gereichen würde, und bat, ganz nach Belieben über ihn verfügen zu wollen.

»So will ich Ihre Güte schon in dem nächsten Abendcirkel in Anspruch nehmen, und werde in der Gewißheit Ihres Erscheinens meine Gäste darauf aufmerksam machen lassen,« fiel Sidonie ein, neigte sich freundlich gegen ihn, und der Graf begab sich nach seinem früheren Platz zurück.

Sidonie hatte den Grafen absichtlich in Gegenwart des ganzen Hofes und des Prinzen eingeladen, theils um diesen mit den Gründen dazu bekannt zu machen, theils allen falschen Muthmaßungen ihrer Umgebung durch ein so offenes Handeln vorzubeugen. Der Prinz hatte dem Grafen eine nur flüchtige Beachtung geschenkt. Ihm gefiel das ernste, fast gemessene Wesen, der feste, überlegene Blick und die Achtung gebietende Gestalt desselben nicht; er hegte gegen dergleichen Erscheinungen geradezu eine Abneigung, und so zog er es vor, sich während des Gesprächs der Prinzessin mit einem in der Nähe befindlichen Verwandten zu unterhalten. Dennoch vernahm er Sidoniens Worte und die Einladung des Grafen zu den Abendcirkeln. Er achtete darauf jedoch nicht, da ihm die Angelegenheiten seiner Gemahlin durchaus gleichgiltig waren und sein Interesse obenein durch die Mittheilung seines Verwandten in Anspruch genommen wurde, der, mit der Vorliebe des Prinzen für die reizende Tänzerin Zelia vertraut, diese über die Maßen pries.

Endlich erreichte die Gratulations-Ceremonie ihr Ende, und die Prinzessin athmete bereits hoch auf, diesem Zwange endlich überhoben zu sein, als eine Bewegung unter den Anwesenden die Ankunft des Fürsten und seiner Gemahlin verkündete.

Bald erschienen die Letzteren und wurden von Sidonien und dem Prinzen empfangen, worauf alsdann die üblichen Gratulationen abgestattet wurden, von welchem diejenige der bereits bejahrten, etwas leidenden Fürstin besonders herzlich war.

Der Fürst liebte dergleichen nicht und faßte sich kurz; er schien sich nicht der besten Stimmung zu erfreuen, wie der scharfe und unmuthige Blick, mit welchem er den Prinzen begrüßte, andeutete.

Nachdem er einige Worte mit der Prinzessin gewechselt hatte, reichte er ihr den Arm und führte sie nach dem Gartensaal zurück und von hier in den Garten.

Der Prinz geleitete die Fürstin, indem er seinem Oheim folgte. »Ich hoffe, liebste Prinzessin, wir werden den heutigen Tag angenehm verleben. Ich habe Arrangements zu einigen Festlichkeiten treffen lassen, und meine, dieselben werden Ihren Wünschen entsprechen,« bemerkte der Fürst, während sie durch eine Allee dahinschritten.

»Sie kennen meine Anspruchslosigkeit in dieser Beziehung, mein gnädiger Fürst« -- -- entgegnete Sidonie.

»Ich weiß, ich weiß!« fiel dieser ein und setzte dann hinzu: »Aufrichtig gestanden, wäre es mir lieber, Sie beobachteten das Gegentheil davon und zögen sich nicht so sehr in Ihre Abgeschlossenheit zurück; vielleicht würde sich alsdann Manches besser gestalten.« --

Diese Bemerkung bezog sich auf das eheliche Verhältniß der Prinzessin.

»Sie überraschen mich in der That durch Ihre Worte, mein Fürst, die ich heute am wenigsten erwartet hätte!« fiel Sidonie ein und blickte ihn an.

Der Fürst mochte wol fühlen, daß sie sich im Recht befand, und darum fragte er:

»Hat sich der Prinz bei Ihnen entschuldigt?«

»Entschuldigt?!« fragte Sidonie mit Befremden und fügte hinzu: »Wie sollte ich, mein Fürst, dergleichen erwarten dürfen? Sie wissen, wie ich mit dem Prinzen stehe, und kennen seinen Charakter zu gut, um ihm eine Handlung der Höflichkeit gegen mich fähig zu halten, auf welche ich schon seit langer Zeit keinen Anspruch mache.«

»Ich glaube Ihnen das, denn ich habe erkannt, daß Sie resignirter sind, als ich erwartet habe; aber bedenken Sie, liebste Prinzessin, wohin das führen soll! Eine Ehe, die nur dem Namen nach besteht, hat mit Bezug auf die Erbfolge ihre wichtigen Bedenken, besonders wenn die letztere nicht gesichert ist. Wollten Sie das nicht in Erwägung ziehen und mancherlei übersehen, was Ihr vielleicht zu feines Zartgefühl verletzt? Der Prinz ist ein wenig leicht und liebt die heiteren Genüsse, dabei läßt sich nicht immer eine bestimmte Grenze festhalten; das ist einmal nicht anders. Auch ist man an diese Dinge so ziemlich gewöhnt und es bestehen unter ähnlichen Verhältnissen ganz leidliche Ehen, die in Bezug auf die Thronfolge nichts zu wünschen übrig lassen.«

»Bei Ihnen ist das etwas Anderes, und Sie müssen bedenken, daß bei Ehen, wie die Ihrige, mehr die Klugheit als die Neigung maßgebend wird, wenn dergleichen Zerwürfnisse dazwischen treten. Es ist mir lieb, daß Sie sich einen Cirkel von Ihnen angenehmen Personen gebildet haben; der Prinz legt Ihnen in dieser Beziehung nichts in den Weg; Sie sollten dies anerkennen, und ich dächte« -- der Fürst sprach die folgenden Worte mit einer eigenthümlichen Betonung -- »es müßte Ihnen unter solchen Umständen nicht zu schwer werden, ja vielleicht erwünscht sein, ein leidliches Verhältniß zwischen sich und dem Prinzen wieder herzustellen.«

Sidonie hatte aufmerksam zugehört und schaute ihn, als er schwieg, mit Befremden an.

Des Fürsten Worte hatten eine Praxis entwickelt, welche, wenngleich sie auch in dem Staatsinteresse eine Entschuldigung und scheinbare Berechtigung finden mochte, ihre feingeartete Natur doch viel zu sehr verletzte, um ihre Zustimmung gewinnen zu können. Sie vernahm dieselbe zum ersten mal, und ihre Seele wandte sich um so entschiedener davon ab, da sie, mit dem Glück des Wiedersehens ihres Freundes erfüllt, ein solches Verhältniß für unmöglich erachtete. Wie tief würde sich ihr reiner Sinn verletzt gefühlt haben, hätte sie des Fürsten Andeutung ganz verstanden. Davor bewahrte sie glücklicher Weise der Mangel eines erschöpfenden Einblicks in die ehelichen Verhältnisse anderer Fürsten.

»Ich meine,« entgegnete sie nach kurzer Ueberlegung, »den Wunsch, ein achtungsvolles Verhältniß zwischen mir und dem Prinzen zu erhalten, deutlich genug zu erkennen gegeben zu haben; wenn dasselbe trotzdem nicht zu Stande gekommen ist, so legen Sie, mein Fürst, die Schuld nicht mir, sondern dem Prinzen bei.«

»Ich gebe zu, daß dem so ist; dennoch trifft Sie der Vorwurf, den Prinzen nicht mit mehr Klugheit zu behandeln, wodurch Sie ihn leicht für sich gewinnen würden. Der Prinz ist an den Reiz weiblicher Koketterie gewöhnt, liebt diese; warum wenden Sie dieselbe nicht an? Ich weiß, Sie sind klug genug dazu; es hängt also auch nur von Ihrem Willen ab.«

»Sie täuschen sich in dieser Voraussetzung, mein Fürst. Die Kunst der Koketterie besitze ich nicht und mißbillige sie obenein, weil sie mir als durchaus unwürdig eines Menschen, der auf Achtung Anspruch macht, erscheint.« »Mag dem also sein; darum dürfen Sie jedoch ein Mittel nicht von sich weisen, das durch die Nothwendigkeit geboten wird und Ihnen einen so wichtigen Erfolg in Aussicht stellt.«

»Ich bedaure, mein gnädiger Fürst, Ihren Erwartungen und Wünschen in dieser Beziehung nicht entsprechen zu können, und gestehe Ihnen dies ganz offen, um Sie nicht einer Täuschung preiszugeben. Will der Prinz sich meine Achtung wieder erwerben, so kennt er die Mittel, durch welche er dieses Ziel erreicht; Sie aber, mein Fürst, kennen meinen Charakter viel zu gut, um nicht überzeugt zu sein, mit welcher Befriedigung ich ein solches Bestreben von seiner Seite aufnehmen werde.«

»Nun, nun,« fiel der Fürst wohlgefällig ein, »ich erkenne Ihren guten Willen, freilich aber auch ihre Ansprüche, von welchen Sie nicht abgehen wollen. Ich werde mit dem Prinzen sprechen und versichere Sie, daß es mir eine große Freude bereiten würde, vermöchte ich Sie an dem heutigen Tage mit einander wieder auszusöhnen. Ein solcher Festtag ist ja so sehr geeignet, unsere Empfindungen milder zu stimmen, und besonders in einem Fall, in welchem uns das Recht zusteht, dieses einem edlen Zweck zu opfern. -- Lassen Sie uns zu der Fürstin gehen, um meine Absicht mit dem Prinzen sogleich auszuführen.«

Mit diesen Worten führte der Fürst Sidonie seiner Gemahlin zu und wandte sich alsdann an den Prinzen mit der Aufforderung, ihn zu begleiten. Dies geschah, und als sich Oheim und Neffe von den Damen so weit entfernt hatten, daß ihre Worte von diesen nicht vernommen werden konnten, blieb der Fürst stehen, schaute den Prinzen ernst an und bemerkte in gereiztem Ton:

»Ich habe in den verflossenen Tagen mehrmals vergeblich um Ihren Besuch bitten lassen; Sie haben sich so gut in der Residenz gefallen, daß Sie nicht nur fast eine ganze Woche daselbst geblieben sind, sondern sogar den Geburtstag Ihrer Gemahlin vergessen haben.«

»Sie irren, mein Fürst, vergessen habe ich denselben nicht, wie Ihnen das meine Anwesenheit beweist,« entgegnete der Prinz nichts weniger als verlegen.

»Sie sind jedoch erst vor ein paar Stunden hier angelangt, und es hätte sich geziemt, daß Sie wenigstens schon gestern zurückkehrten, wenn überhaupt nicht früher,« fiel der Fürst vorwurfsvoll ein.

»Sie kennen unsere gegenseitige Abneigung; was wäre also durch meine frühere Rückkehr gebessert worden. Die Prinzessin verlangt nicht nach meinem Anblick, und ich, ich gestehe es, eben so wenig nach dem ihrigen.«

»Wenn dem auch so ist, so sind Sie ihr doch eine gewisse Rücksicht vor der Welt schuldig; wenn Sie ihr diese nicht schenken, so können Sie sich auch nicht über ihre Gleichgiltigkeit beklagen.«

»Ich bin weit entfernt, dies zu thun --«

»So ist auch unter solchen Umständen an keine Aussöhnung zwischen euch zu denken!« fiel der Fürst gereizt ein.

»Ich wenigstens habe diese längst aufgegeben,« warf der Prinz hin.

»Das ist eben Ihr Unrecht, und man erkennt daraus, daß Ihnen das Staatsinteresse ziemlich gleichgiltig ist und es Ihnen nicht beliebt, zu erwägen, daß in solcher Weise der Zweck Ihrer Vermählung nicht erreicht werden kann. Ich sage Ihnen, Prinz, das muß anders werden, und erinnere Sie an die Pflichten, die Sie als künftiger Regent haben. Auch, meine ich, könnte eine Beschränkung und Aenderung Ihrer Lebensweise nichts schaden; Sie schädigen dadurch Ihren Körper und lassen sich von den ernsteren Staatsgeschäften abhalten. Das geht so länger nicht, darum kommen Sie zur Einsicht, und vor allen Dingen seien Sie bedacht, wieder ein gutes Verhältniß zwischen sich und Ihrer Gemahlin herzustellen. Ich habe soeben mit der Prinzessin darüber gesprochen und denke, sie ist nicht abgeneigt, das Ihrige dazu beizutragen, sobald Sie selbst ihr in entsprechender Weise entgegen kommen. Sie wissen, ich übersehe Vieles in Ihrem tollen Leben, was ich auch nicht billige; aber Alles muß seine Art und Grenzen haben und dabei nicht das Interesse des Staats in Frage kommen. Ich erwarte daher mit Bestimmtheit, heute nicht vergebens zu Ihnen gesprochen zu haben. Der heutige Tag bietet einen sehr passenden Anknüpfungspunkt zu einer Versöhnung mit der Prinzessin dar, benutzen Sie denselben und Sie werden mich dafür dankbar finden.« Der Prinz blickte schweigend zu Boden; er war viel zu feig, um dem Oheim offen zu widersprechen, obwol er nicht die geringste Neigung fühlte, dessen Wünsche zu erfüllen, und dies um so weniger, da er die Voraussetzung hegte, der Fürst wäre durch die Prinzessin zu der soeben vernommenen Ermahnung bestimmt worden.

Es lag in seiner Natur, dem Mächtigeren gegenüber sich schweigend und leidend zu verhalten, um, von dem Zwange wieder befreit, seinen Neigungen um so mehr die Zügel schießen zu lassen, wie dies alle feigen und leichtsinnigen Charaktere zu thun pflegen.

Der Fürst ließ sich, was unter ähnlichen Umständen schon häufig der Fall gewesen, durch des Prinzen demüthiges Schweigen täuschen und hielt sich überzeugt, daß seine Worte den erwünschten Erfolg erzielen würden. Darum forderte er den Prinzen nach kurzer Pause auf, ihm zu der Prinzessin zu folgen, indem er zugleich seine Freude ausdrückte, aus dessen Verhalten auf seine Folgsamkeit schließen zu können.

Bei den Damen angelangt, ersah der Fürst einen passenden Augenblick und flüsterte der Prinzessin zu:

»Der Prinz erkennt sein Unrecht und wird Ihnen die Hand bieten; ich rechne auf Ihre Milde und -- Klugheit.«

Sie begaben sich darauf wieder nach dem Palais, woselbst sich der Fürst und dessen Gemahlin verabschiedeten.

Es war nun für den Prinzen der günstige Augenblick gekommen, den Wunsch seines Oheims zu erfüllen; dennoch war er weit entfernt, dies zu thun, und beeilte sich vielmehr, nach einer stummen Verbeugung vor Sidonien den Saal zu verlassen, ohne ihr einmal seine Begleitung zu dem Festdiner bei dem Fürsten anzubieten.

Die Unterredung mit dem Fürsten hatte seine Abneigung gegen Sidonie statt zu mindern, wesentlich erhöht und seinen Unmuth gegen sie bedeutend gesteigert. Es übte hierauf noch ganz besonders die Voraussetzung, Sidonie habe sich seinetwegen bei dem Fürsten beklagt und diesen zu der unangenehmen Ermahnung veranlaßt, ihren unheilvollen Einfluß aus.

Er ahnte nicht, welche große Wohlthat er durch seine so rasche Entfernung Sidonien erzeigte. Die ihr von dem Fürsten zugeflüsterten Worte ließen sie erwarten, daß der Prinz, sobald sie allein sein würden, sich ihr in irgend einer Weise nähern würde; sie bebte davor zurück, da ihre Empfindungen zu einer Unterredung mit ihm nichts weniger als geeignet waren. Ja, sein Anblick schon war ihr heute doppelt unangenehm, und so athmete sie froh und freudig auf, als er sie so schnell verließ.

Niemals, das fühlte sie tief, niemals konnte wieder ein Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen hergestellt werden, wie es der Fürst wünschte. Ihre innerste Natur sträubte sich mit aller Kraft dagegen; mochte sich ihr Schicksal gestalten wie es wollte, sie fühlte sich stark und kräftig genug, sich in ihren Empfindungen und ihrem Willen zu behaupten. Aus des Grafen festem, ruhigem Wesen hatte sie Muth und Kraft, und aus seinem liebenden Auge die Ueberzeugung geschöpft, nur ihm allein in Liebe angehören zu können. O, wie beseligte sie der Gedanke, daß es doch noch ein Glück, ein süßes, unendlich süßes Glück für sie auf der Welt gab, und dieses Glück war ihr zu heilig, um es einer hohlen Staatspraxis opfern zu können.

Fünftes Kapitel.

Die Geburtstagsfestlichkeiten, denen Sidonie bisher mit keinem frohen Herzen beigewohnt hatte, gewährten ihr diesesmal eine ganz ungewöhnliche Freude, da sie die selben mit dem Grafen theilen durfte, der dazu selbstverständlich Einladungen erhalten hatte.

War es ihr auch bei dem Diner und der Theatervorstellung nicht gestattet, mit dem Grafen zu verkehren, so durfte ihr Auge doch zu ihm gehen und sich an seinem Anblick erfreuen und aus seinem innigen Blick die Ueberzeugung schöpfen, daß sein Herz ihre Freude theilte.

Der der Vorstellung folgende Ball verschaffte ihr alsdann die so ersehnte Gelegenheit, sich mit dem Grafen eine kurze Zeit zu unterhalten. Auf ihren Wunsch führte ihr Bruder ihn zu ihr, und gemeinschaftlich gedachten sie alsdann der Heimath und der daselbst verlebten schönen Tage.

Da Sidonie und auch der Graf nicht tanzten, so konnte ihre verlängerte Unterhaltung um so weniger auffallen, da es natürlich erschien, daß die Prinzessin sich für das Vergnügen des Tanzes einen solchen Ersatz suchte. Uebrigens war man daran gewöhnt; denn Sidonie hatte schon seit mehren Jahren den Tanz unter dem Vorgeben abgelehnt, daß ihr derselbe nicht gut thue.

Das fürstliche Paar und auch Sidonie zogen sich bald zurück; sie pflegten selten lange an dergleichen Festlichkeiten Theil zu nehmen, und mit der beendeten Unterhaltung mit dem Grafen hatte das Fest für die Prinzessin jeden Reiz verloren. Bald nach ihnen verließ auch der Graf das Palais. Der Prinz jedoch blieb zurück, um mit seinen Freunden noch eine Stunde hier und später an einem andern Ort in der gewünschten Freiheit zu verleben, wozu Mühlfels wie gewöhnlich die Anordnungen getroffen hatte.

In ihrem Palais angelangt, ließ sich Sidonie rasch ihrer Staatsgarderobe entledigen und erging sich alsdann mit Aurelien noch lange in einem vertraulichen Gespräch über alle die so besonderen Vorgänge des Tages, zu welchen sie vor Allem das Wiedersehen des Grafen zählte.

Voll der innigsten Theilnahme vernahm Aurelie der Freundin Worte, aus denen die reinste Freude über das süße Glück sprach, das ihr der gütige Himmel in der Wiederkehr des theuern Freundes geschenkt hatte. Von ihren Empfindungen ganz erfüllt, bemerkte Sidonie den gedankenvollen Zug in Aureliens Antlitz nicht, der ihr sonst verrathen hätte, daß sich neben der warmen Theilnahme auch zugleich die Sorge in deren Herzen geltend machte.

So war es in der That, und während Sidonie plauderte, erwog die Freundin bereits, um wie viel schwerer die Prinzessin nach dem Fortgange des Grafen ihr Leid ertragen werde. Zu wohl hatte sie erkannt, mit welcher Innigkeit sich Sidoniens Seele an den Geliebten klammerte und die bereits im Lauf der Jahre unterdrückte Leidenschaft sich mit um so größerer Heftigkeit geltend machte.

Doch sprach sie ihre Besorgniß nicht aus, sondern bemühte sich vielmehr, dieselbe durch ihre Theilnahme zu verhehlen, da sie es nicht über sich vermochte, der Freundin kurzes Glück durch dergleichen betrübende Erinnerungen zu beeinträchtigen. Und so geschah es, daß sie sich heute in sehr verschiedenen Stimmungen von einander trennten.

Der Graf war, gleich Aurelien, mit dem Gefühl der Besorgniß von dem Fest geschieden, das sich um so mehr in ihm geltend machte, da das Wiedersehen eine gleiche Wirkung auf ihn wie auf Sidonie ausgeübt und seine Liebe noch gesteigert hatte.

Hierauf waren Sidoniens unglückliche Tage, der tiefe Kummer, der sich in ihrem so außerordentlich veränderten Aussehen verrieth, und vor Allem die Kenntnißnahme von des Prinzen niederem Charakter von wesentlichem Einfluß. Er sagte sich, daß Sidonie früher oder später diesem unheilvollen Verhältniß erliegen müßte und ihr Untergang um so sicherer wäre, da keine Aussicht zu einer Aenderung desselben vorhanden war. Was sie einem glücklicheren Leben wieder hätte zuführen können, die Trennung von dem Prinzen und die Vereinigung mit ihm, däuchten ihm unerreichbare Dinge, wollte man nicht Sitte und Gesetz unbeachtet lassen.

Der Graf litt um so tiefer unter dieser nieder beugenden Erkenntniß, da er sich als der natürliche Beschützer der Geliebten fühlte, wie dies überhaupt in der Natur des Mannes begründet ist, und zugleich die Unmöglichkeit erkannte, ihr irgend welchen Schutz zu gewähren. Hatte er früher, als Sidoniens Vermählung bestimmt wurde, einen schmerzvollen Kampf durchgekämpft, so forderte ihn die Gegenwart zu einem noch viel gewaltigern heraus. Unwiderstehlich drängte sein Herz zu ihr hin, von dem heißen Verlangen erfüllt, die von Kummer gebeugte Geliebte an seiner Brust zu einem neuen frohen Leben wieder aufzurichten und das von Leid getrübte Auge durch ein Lächeln der Freude zu verschönen, und dennoch mußte er fern von ihr stehen und unthätig zuschauen, wie das Unheil seinen Weg verfolgte.

O, es war wol der schreiendste Mißgriff des Geschicks, der diese herrliche, edle Frau, deren Seelen- und Geistesvorzüge zu dem schönsten Genuß des Lebens berechtigten, an eine so niedere Natur kettete und sie den empfindlichsten Leiden preisgab! --

Der Graf sah sich von dem schmerzlichen Bedauern überrascht, seiner Sehnsucht nach Sidoniens Anblick gefolgt zu sein und sich in ihre Nähe begeben zu haben; daß er sich ihr jedoch in der bereits bekannten Weise nähern sollte, ahnte er nicht, noch lag dies in seinem Vornehmen.

Bei seiner Rückkehr nach einer so langen Abwesenheit erachtete er es für seine Pflicht, dem ihm von früher befreundeten Herzog einen Besuch abzustatten, bei welcher Gelegenheit er diesem die Absicht verrieth, seine Verwandten in der Residenz aufzusuchen.

Dieser Umstand war der Anlaß, daß ihm Sidoniens Bruder den Auftrag für diese ertheilte, den der Graf um so weniger ablehnen durfte, da der Herzog die freundschaftlichen Beziehungen, in welchen der Graf früher mit der Prinzessin stand, kannte und daher voraus setzte, es würde der Erstere seiner Schwester ohnehin einen Besuch machen wollen.

Das lag jedoch nicht in des Grafen Absicht; er gedachte vielmehr seine Verwandten nur ganz in der Stille und für kurze Zeit zu besuchen und dabei die Gelegenheit wahrzunehmen, Sidonie aus der Ferne zu sehen und sich von ihrer Lage zu überzeugen.

Der Auftrag des Herzogs zerstörte seinen Plan, und mit Bangigkeit sah er dem Weiteren entgegen, indem er weniger für sich als für Sidonie fürchtete. Er war daher sehr beglückt, als die Hand der treuen Freundschaft die mit dem Wiedersehen verknüpften Gefahren in der uns bekannten Weise aus dem Wege zu räumen sich beeilte und dieses selbst dann ganz nach ihren Wünschen stattfinden konnte.

Mit dem tiefsten Dankgefühl für Aureliens liebevolles Handeln erfüllt, begab er sich zu der festgesetzten Stunde in das Haus der Frau von Techow; es war ihm ein großes Bedürfniß, sich mit der Freundin aussprechen und ihr seine Besorgnisse mittheilen zu können und aus ihrem verständigen Munde Aufklärung und Rath zu empfangen. Denn er glaubte sich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, daß Aurelie die eigenthümliche Lage, in welche sein Besuch Sidonie und ihn selbst versetzt hatte, bereits erwogen und ihm daher die nothwendigen Winke über sein künftiges Verhalten Sidonien gegenüber ertheilen würde.

Er wurde von der Dame des Hauses und der bereits anwesenden Freundin empfangen, und die Erstere, wahrscheinlich mit Aureliens Wunsch bekannt, war bedacht, bald ein ungestörtes Alleinsein zwischen ihnen herbei zu führen.

Nach einigen, das persönliche Interesse betreffenden, Fragen und Antworten fragte der Graf:

»Ist unsere Zusammenkunft unbeachtet geblieben?«

»Gott sei Dank, ja, wenigstens habe ich bis jetzt nichts entdeckt, was auf das Gegentheil schließen ließe, und ich kann Sie versichern, daß, hätte man nur eine Ahnung davon, mir dies gewiß schon durch irgend welchen Umstand verrathen worden wäre. Ich kenne die Mienen und das Gebahren meiner Umgebung zu gut, um sie nicht richtig zu beurtheilen.«

»Ich schöpfte diese Beruhigung allerdings schon gestern aus Sidoniens unbefangenem Benehmen; doch sind mir darum Ihre Worte von nicht minderem Werth, und ich sage Ihnen nochmals für Ihre so edle Freundschaft den innigsten Dank. Jetzt erst vermag ich mich des ganzen Glücks zu erfreuen, das mir der gestrige Tag gebracht. Noch däucht mir Alles wie ein Traum. Wie sehr hatte die langjährige Trennung mich von dem Gedanken an die Möglichkeit entfremdet, in Sidoniens Nähe zu gelangen, und nun ist geschehen, was ich niemals zu ahnen wagte.«

»Es geht mir wie Ihnen, mein Freund; wie konnte das auch anders sein! Oft, sehr oft haben wir gemeinschaftlich erwogen, ob und wann Sie wol zurückkehren würden, ohne daß wir zu hoffen wagten, unsere Wünsche würden sich in solcher Weise erfüllen. Gott sei gepriesen, der Sie wieder in die Heimath gelangen ließ. Die Freude, die ich darüber empfinde, ist um so größer, da ich weiß, wie sehr unsere Freundin dadurch beglückt worden ist: Ihr Wiedersehen hat ihr nach langer, langer Zeit eine wahrhaft glückliche Stunde bereitet,« entgegnete Aurelie und fügte seufzend und mit Betonung hinzu: »Und glauben Sie mir, mein Freund, sie bedurfte einer solchen Freude. -- Denn ist sie auch bedacht, dem Leben so viel als möglich Interesse abzugewinnen, so habe ich doch nur noch gestern Gelegenheit gefunden, zu erkennen, daß ihre Liebe doch ihr Alles ist. Sidoniens Charakter hat sich an den sie stets heraus fordernde Verhältnissen und Bemühungen schnell entwickelt und befestigt, mit ihm aber auch alle ihre Empfindungen, vor Allen ihre Liebe, wie das nur natürlich ist. Und die verborgene Liebe wächst doppelt mit dem wachsenden Leid, das sie bedrängt. Strömen doch alle Gedanken und Empfindungen ihr zu, wenn wir mit dem Geschick ringen, ihr, in der uns das tröstende Lächeln erwartet.«