Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 10

Chapter 103,657 wordsPublic domain

»Ich habe die Wahrheit Ihrer Worte empfunden,« entgegnete der Graf mit einem leisen Seufzer und fuhr alsdann fort: »Doch von mir soll und darf in diesem Fall keine Rede sein; denn was ist mein Leid demjenigen Sidoniens gegenüber! Alle meine Hoffnungen sind zerstört, denn ich gestehe Ihnen offen, meine theure Freundin, ich glaubte an den guten Einfluß der Vermählung, ich hielt mich überzeugt, daß der Prinz durch die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin zu der Erkenntniß gelangen würde, welch ein seltenes Glück ihm durch sie zu Theil geworden, und er in Folge derselben sein Leben ändern und sich bemühen würde, Sidonien würdig zu werden und sie zu beglücken. Wie sehr sehe ich mich nach Allem, was ich vernommen, getäuscht! -- Ich begreife die menschliche Natur nicht mehr, wenn es möglich ist, daß so seltene Vorzüge, in der edelsten und zartesten Weise zur Geltung gebracht, auf den Prinzen keine anderen Wirkungen zu erzeugen vermögen. Ich mag diesen Gedanken nicht ausdenken, denn er empört meine Seele, empört sie um so mehr, da ich erfahre, daß der Prinz rücksichtslos seinen übeln Neigungen nachgeht, ohne der seiner Gemahlin schuldenden Achtung zu gedenken. -- Ich erkenne mit Schrecken, daß nunmehr auf eine Umkehr zum Bessern nicht mehr zu hoffen ist, mit dieser Ueberzeugung steigert sich jedoch auch meine Besorgniß, daß Sidonie ein Opfer dieses unseligen Verhältnisses werden muß.«

»Wenn nicht ganz besondere Umstände eintreten, welche dieses zu ihren Gunsten ändern, wird es so sein,« entgegnete Aurelie in kummervollem Ton.

»Und kann ich nichts, gar nichts zur Besserung ihrer Lage thun? Vielleicht eine Vorstellung bei Sidoniens Bruder, dem Herzog.«

Aurelie schüttelte verneinend das Haupt und bemerkte: »Was vermöchte dieser diesen Personen und Verhältnissen gegenüber! Wenig oder nichts. Man würde seinen Vorstellungen kein Gehör schenken, ja sie wahrscheinlich sogar übel aufnehmen; darum hat die Prinzessin ihn auch nicht in ihr Vertrauen gezogen, obwol sie weiß, daß ihm ihre Lage bekannt ist!«

»So müßte ich denn mit dem schmerzlichen Bewußtsein von hier scheiden, die Freundin in Leid und Kampf zurück zu lassen; o, das ist schwer, sehr schwer zu ertragen!«

»So wird es sein. Doch was können wir thun? Wir vermögen ja nur mit ihr zu leiden.« »Ein geringer Trost ihrem Unglück gegenüber!« bemerkte der Graf seufzend.

Schweigend schauten sie einige Augenblicke, ein Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, vor sich hin; alsdann fragte der Graf:

»Werde ich Sidonie in dem Abendcirkel ohne Zeugen sprechen können?«

»Ich hoffe, es wird sich die Gelegenheit dazu finden; doch darf dies nur mit großer Vorsicht geschehen, da, wie ich Ihnen bereits mitgetheilt habe, Sidonie sehr aufmerksam beobachtet wird, um irgend welche Schwächen an ihr zu entdecken. So etwas wäre den Leuten sehr erwünscht. Sidoniens streng sittliches und abgeschlossenes Leben ist ihnen höchst unbequem, indem sie dadurch genöthigt sind, ihrem Treiben einen Zwang aufzulegen und die Rolle der Guten mit größerer Vorsicht zu spielen. Sie dulden diesen Zwang um so unwilliger in dem Bewußtsein, daß es Sidonie ernst meint und jeden Verstoß gegen die guten Sitten nicht ungestraft hingehen läßt. In der ersten Zeit der Vermählung war das freilich anders; Sidoniens Anspruchslosigkeit und Schüchternheit gewährte ihnen die gewünschte Freiheit und die Leute ließen sich gehen, bis sie später durch deren bestimmtes Verhalten zu der unangenehmen Einsicht gelangten, wie sehr sie sich in der Prinzessin eigentlichem Charakter getäuscht hatten. Sie mußten sich fügen, thaten dies jedoch mit der geheimen Hoffnung, sehr bald die eigenen Gebrechen an ihrer Fürstin zu entdecken. Sie werden daher erkennen, welche große Vorsicht Sie in dem Umgange mit der Prinzessin zu beobachten haben. Denn Heuchelei und Gleißnerei schleichen überall umher, und ich gestehe Ihnen, ich vertraue auch kaum jenen Personen, die sich Sidonien anscheinend mit der tiefsten Ergebenheit und Theilnahme nahen. Möglich, daß ich darin zu weit gehe; aber ich kann nicht anders. Es ist das leider die Folge des dem Herzen aufgenöthigten Mißtrauens und des Bewußtseins, daß der sittliche Boden, auf welchem wir wandeln, durchaus unterhöhlt ist.« --

»Welche Ironie des Geschicks, der einen Engel in die Welt der Bösen versetzte!« bemerkte der Graf in schmerzlichem Ton.

»Sie werden morgen Gelegenheit finden, diejenigen Personen kennen zu lernen, deren sittliche und geistige Vorzüge Sidonie veranlaßten, sie in ihre Nähe zu ziehen. Es sind im Allgemeinen achtungswerthe Leute, aber nur wenige von ihnen besitzen besondern Werth. Doch Sidonie mußte sich schon glücklich schätzen, diese für sich zu gewinnen. Der ernste und gehaltvolle Ton, den sie in ihren Gesellschaften zu erhalten sich bemüht, widerstrebt dem Zeitgeschmack und so finden sich nicht leicht die von ihr gewünschten und geeigneten Persönlichkeiten. Diese Bemerkungen werden Ihnen hinsichts Ihres eigenen Benehmens den Letzteren gegenüber genügen; Ihr Scharfblick wird das Uebrige thun. Ob Sie Sidonie auch außer in diesen Cirkeln werden sehen und sprechen können, wage ich in diesem Augenblick nicht zu bestimmen; das müssen wir den Verhältnissen anheim geben. Mögen Ihnen die Stunden Ihrer Anwesenheit hier mehr bringen, als wir erwarten dürfen; ich freue mich von Herzen, Sie mit Ihnen zu genießen und zugleich unserer Freundin Auge wieder von dem Schimmer stillen Glücks erhellt zu sehen.«

So sprach Aurelie und knüpfte an ihre Worte noch mancherlei Andeutungen und Winke, wie sie durch die eigenthümlichen Verhältnisse geboten waren und in des Grafen Lage einen besondern Werth für diesen enthielten. Darüber ging die Stunde ihres Alleinseins rasch dahin. Frau von Techow gesellte sich wieder zu ihnen, in deren Gesellschaft der Graf dann noch eine kurze Zeit verweilte und darauf schied, nachdem ihn die Dame des Hauses durch die Versicherung erfreut hatte, daß ihr Aureliens Freund stets willkommen sein würde.

Am nächsten Tage, als die Zeit zum Besuch bei Sidonien nahte, suchte der Graf deren Bruder auf, um in dessen Begleitung sich zu ihr zu begeben und so gleichsam durch ihn bei der Prinzessin eingeführt zu werden. Er hatte das mit dem Prinzen bereits früher verabredet, und dieser sprach den Wunsch aus, sich zeitig zu seiner Schwester zu begeben, damit sie noch vor Ankunft der übrigen Gäste ungestört ein wenig über die vergangene Zeit plaudern könnten.

Sein Wunsch kam des Grafen Verlangen entgegen und bald befanden sie sich bei Sidonien, und es darf kaum bemerkt werden, wie angenehm diese dadurch überrascht wurde. Sidoniens Bruder -- Prinz Leonhard -- war ein heiterer, gesprächiger junger Mann, der sich über das Hofceremoniell gern fortsetzte, wie er es an dem Hofe seines Vaters gethan, und so bildete er gewissermaßen den Vermittler einer zwanglosen Unterhaltung, welche sich bald zwischen ihnen entspann. Die zurückgelegten Reisen des Grafen hatten des Prinzen Interesse erregt, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der Erstere sehr bald durch ihn zu Mittheilungen derselben aufgefordert wurde. Sidonie hatte den Grafen nicht in dem gewöhnlichen Empfangssalon, sondern in einem ihrer Wohngemächer empfangen, woselbst sie ungestört verweilen konnten, während sich die übrigen Gäste in dem ersteren versammelten. Daß Aurelie ihrem Kreise nicht fehlte, darf kaum bemerkt werden.

Der Graf, durch die Nähe der Geliebten beglückt und durch keinen Zwang beengt, fesselte seine Zuhörer rasch an die lebhafte Schilderung seiner Erlebnisse und der besuchten merkwürdigen Orte, und Alle, besonders Sidonie, lauschten derselben mit der höchsten Theilnahme. Für sie hatte ja Alles von dem Grafen Erlebte eine erhöhte Bedeutung; auch vernahm sie zum ersten Mal aus dem Munde des Gereisten selbst die Schilderungen der Wüste, der Pyramiden, des märchenhaften Nilflusses und der das Staunen und die Bewunderung erregenden Denkmäler längst dahin gegangener Pracht und Herrlichkeit mächtiger Herrscher und Völker, die redenden Zeugen der Vergänglichkeit alles Irdischen.

Zugleich wies der Graf einen kleinen Vorrath von allerlei gesammelten alterthümlichen Dingen vor, die er hergesandt hatte und ihnen erklärte, und knüpfte daran ein und das andere auf seinen Reisen Erlebte, das, voll Reiz, die Theilnahme seiner Zuhörer beanspruchte. Rasch eilte die Zeit unter seinen, mit Interesse aufgenommenen Mittheilungen dahin. Damals staunte man die Personen noch an, die dergleichen mit vielen Gefahren und Beschwerden verbundene Reisen ausgeführt hatten; heute ist das freilich anders geworden. Dampfschiffe, Eisenbahnen und die mit ihnen unzertrennliche Civilisation haben die einst so gefahrvollen und beschwerlichen Wege längst geebnet und sicher gemacht, und das poesievolle Geheimniß der Nilquellen ist von kühnen und nimmer müden Forschern nunmehr enthüllt worden.

Zu früh für die Wünsche Aller traf die Meldung ein, daß sich die Gäste bereits in dem Salon versammelt hätten, und endete des Grafen Mittheilung.

Auf Sidoniens Bitte versprach dieser, auch ihre Gäste in ähnlicher Weise nach seinem Belieben zu unterhalten und ihnen den Anblick der merkwürdigen Gegenstände zu gönnen, da sie denselben bereits einen solchen Genuß in Aussicht gestellt hatte.

Der Graf verstand den geheimen Sinn ihrer Bitte nur zu wohl; die Leute sollten in ihm lediglich den interessanten Reisenden sehen und dadurch von Vermuthungen auf persönliche Beziehungen zu ihr abgelenkt werden, die durch des Prinzen Begleitung, in welcher der Graf erschien, leicht erweckt werden konnten. Die Prinzessin zog sich mit Aurelien zurück und der Graf begab sich mit dem Prinzen durch den gewöhnlichen Eingang zu den Gästen, so daß es den Anschein gewann, als ob sie nur eben erst angelangt wären. Römer wurde mit großer Aufmerksamkeit von Seiten der Gäste empfangen, die, wie wir erfahren haben, auf sein Erscheinen bereits vorbereitet waren und sich einen seltenen Genuß von seinen Mittheilungen versprachen.

Bald darauf erschien Sidonie mit der Freundin, und der Graf war durch sein Verhalten bedacht, den Anwesenden den Glauben aufzunöthigen, als ob er die Prinzessin am heutigen Abend erst jetzt begrüße.

Es fand nun eine zwanglose Unterhaltung statt, wie das stets zu sein pflegte, bis der Vortrag eines Künstlers, gewöhnlich eines Sängers oder Musikers, dieselbe aufhob und mit derselben abwechselte.

An dem heutigen Abend wurde aber in dieser Beziehung eine Ausnahme gemacht, indem Sidonie nach kurzer Unterhaltung mit Römer ihren Gästen verkündete, daß dieser sie durch Mittheilungen über seine Reisen erfreuen würde.

Diese Nachricht wurde mit großer Freude aufgenommen, und der Graf entledigte sich alsdann unter Vorzeigen der fremden Gegenstände des der Prinzessin gegebenen Versprechens.

Unter den Gästen befand sich auch Mühlfels und dessen Mutter, die Oberhofmeisterin.

Der Erstere fühlte sich an dem heutigen Abend in keiner angenehmen Stimmung, indem man ihn über den Grafen vergaß und lediglich diesem alle Aufmerksamkeit zuwandte.

Dieser Umstand verletzte des Barons Eitelkeit. Bisher hatte man gern seinem Wort gelauscht und seine Mittheilungen hatten stets Beifall geerntet; heute jedoch sah er sich wenig beachtet, und was ihn am tiefsten verletzte, selbst von Sidonien, die, wie ihm nicht entging, ihr ganzes Interesse dem Grafen zu schenken schien.

Sein Unmuth wurde freilich später dadurch beschwichtigt, daß er Gelegenheit fand, sich in der gewöhnten Weise geltend zu machen, ebenso durch die Voraussetzung, daß des Grafen ernstes, fast kaltes Wesen ihm wenig geeignet schien, zärtliche Gefühle bei den Frauen zu erregen, ganz abgesehen, daß, wie er sich mit Behagen sagte, sich der Graf hinsichts der persönlichen Vorzüge nicht mit ihm vergleichen durfte.

In diesem angenehmen Bewußtsein zollte er dem Grafen lauten Beifall, obwol es ihm nicht gelang, diesem eine besondere Beachtung für sich abzunöthigen. Vielleicht würde dies geschehen sein, hätte der Graf des Barons Stellung bei dem Prinzen gekannt, was jedoch nicht der Fall war. Da Sidonie, Aurelie und der Graf der zu beobachtenden Vorsicht in ihrem Verhalten zu einander stets eingedenk blieben, so gewann der Baron auch nicht die leiseste Ahnung von dem wichtigen Interesse, das diese drei Personen aneinander fesselte. Seine Täuschung wurde um so mehr befestigt, da Sidonie, durch die Nähe des Geliebten beglückt, ihre Empfindungen auch auf ihre Gäste übertrug und so auch Mühlfels durch vermehrte freundliche Aufmerksamkeit beehrte.

Dieser ihm so angenehme Umstand diente ihm zugleich als Beweis des von Sidonien für ihn gehegten wärmeren Interesses, und so schied er in sehr befriedigter Stimmung.

Dies fand auch in Bezug auf die übrigen Personen statt, namentlich jedoch hinsichts Sidoniens.

Als sie sich zurückgezogen hatte und mit Aurelien allein befand, umarmte sie diese in überwallendem Gefühl, indem sie bemerkte:

»O, Aurelie, welch ein schöner Abend! O, daß ihm tausend und aber tausend solche folgen möchten!«

Nach kurzer Pause fuhr sie dann fort:

»O, daß mein Glück durch den schrecklichen Gedanken getrübt werden muß, wie bald diese Zeit dahin, wie bald ~er~ mir wieder fern sein und mich wieder die ganze Oede meines kummervollen Daseins umgeben wird! O, ich mag nicht daran denken! Mein Herz zuckt schmerzvoll zusammen und ich fühle mich entmuthigt bis zum Tode!«

»Wie könnte das anders sein, und ich meine, theure Sidonie, es ist gut, daß Du Dich der raschen Vergänglichkeit Deines Glücks bewußt bleibst, um auf den Verlust desselben vorbereitet zu sein. Zwar fühle ich mit Dir, wie schmerzlich diese Nothwendigkeit ist; aber immer und immer mahnen mich die Verhältnisse, ihrer eingedenk zu sein, damit Du Dich nicht in Deinem Kummer verlierst und sich derselbe nicht noch mehr erhöht!« -- entgegnete Aurelie voll der herzlichsten Theilnahme.

»O, Du hast Recht, ganz Recht! Wie könnte es auch anders sein; Deine Liebe sorgt und wacht ja unablässig über mich!« -- fiel Sidonie ein und umarmte die ihr so theure Freundin.

»Wenn uns auch der Graf verläßt, wir bleiben darum nicht ohne Trost. Die Gewißheit seiner Nähe, die Hoffnung auf seine Wiederkehr enthalten ja so viel Beruhigendes und Erfreuliches, daß Du seine längere Abwesenheit leichter überwinden wirst.«

»Ich werde es, weil ich es ~muß~. Ach, das Herz hat seine eigenen Forderungen, meine Gute, und eben weil ich mich nach so langer Zeit wieder glücklich fühle, vermag ich den Gedanken an den Verlust des theuern Freundes noch nicht zu fassen. Aber Du hast Recht; ich muß ruhiger werden und mein Glück mit Mäßigung und Beherrschung genießen, und ich werde darauf bedacht sein. Lass’ uns noch einmal seine Geschenke betrachten, die er mir aus weiter Ferne gebracht und die mir sagen, wie er meiner immer und immer gedacht hat, in der Wüste wie an den Stätten der Kunst und der blühenden Natur.«

Und Arm in Arm nahten sie dem Tisch, auf welchem dieselben lagen, und ergötzten sich an ihrem Anblick, bewunderten deren Eigenthümlichkeiten und gedachten dabei des Grafen oft und oft, bis die späte Stunde sie zum Scheiden nöthigte. Diesem angenehmen Abend folgten noch ähnliche. Bald war die von dem Grafen festgesetzte Zeit zu seinem Aufenthalt verflossen, und dennoch vermochte er Sidonien nicht Lebewohl zu sagen. Bei jedem Scheiden von ihr las er ja in ihrem Auge die Bitte, noch zu verweilen und ihr süßes Glück nicht zu stören. Und wie gern erfüllte er ihre Wünsche, von dem eigenen Verlangen und Glück, das ihm ihr Umgang gewährte, dazu genöthigt. Statt nur auf zwei Wochen dehnte er seinen Besuch auf einen Monat aus, dann aber, durch seine persönlichen Verhältnisse bestimmt, reiste er ab. Er schied jedoch mit dem Versprechen, bald zurück zu kehren und alsdann eine längere Zeit zu verweilen.

Während seiner Anwesenheit hatte er Sidonie nicht nur in den Abendcirkeln gesehen, sondern er fand auch außerdem Gelegenheit dazu, indem ihn der Ersteren Bruder bisweilen zu einem Besuch der Prinzessin aufforderte.

Sidoniens abgeschlossenes Leben, das, unbeachtet von ihrem Gemahl, ihr die Freiheit gewährte, sich nach Belieben zu bewegen, nahm dem Grafen allmälig die Bedenken, welche er wegen seiner öfteren Besuche bei Sidonien gehegt hatte. Da er dieselben jedoch nur in des Prinzen Begleitung machte und ihn Sidonie daher nie allein empfing, so däuchte ihm keine Gefahr für sie darin zu liegen, und um so leichter gab er dem Verlangen seines Herzens nach.

Alle die bezeichneten Umstände waren es auch, welche ihm das Versprechen seiner baldigen Wiederkehr abnöthigten. Hierauf übte zugleich die freudige Entdeckung der vortheilhaften Wirkungen seiner Nähe auf Sidoniens Befinden einen wesentlichen Einfluß aus. Sie hatte in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit sichtlich an Frische gewonnen und die bisher von Kummer gebleichte Wange einen feinen Rosenschimmer erhalten, ihr Auge war belebter, und sie schien in dem Genuß ihres Glücks selbst ihr trübes Schicksal zu vergessen. Wie hätte da der Graf von ihr scheiden können, ohne ihr die Hoffnung des Wiedersehens zurück zu lassen! Ueberdies waren die Verhältnisse der Art, daß er die Rückkehr ohne Sorge eines Verrathes wagen durfte. Sidoniens Umgebung betrachtete ihn lediglich als den Freund des Prinzen Leonhard, dem die Prinzessin als solchen und als den interessanten Reisenden eine gewisse Aufmerksamkeit schenkte, was man als etwas Gewöhnliches zu bezeichnen für gut fand und den Besuchen des Grafen daher keine Bedeutung beilegte.

Dies kam der Prinzessin sehr zu statten, ganz besonders jedoch die häufige Abwesenheit des Prinzen, wodurch auch zugleich Mühlfels von etwaigen Beobachtungen abgehalten wurde. Der Baron sah den Grafen nur noch einmal und zwar an dem Abende, an welchem dieser sich von der Prinzessin vor allen Gästen in der förmlichsten Weise verabschiedete.

Er vor Allen hätte ihnen unter anderen Umständen gefährlich werden können, da er das größte Interesse für Sidonie hegte, und so war es ein glücklicher Zufall, daß die Umstände sich also gestalteten.

Wir nennen diesen Zufall einen ~glücklichen~, anscheinend war er ein solcher, und dennoch wäre es für Sidoniens und des Grafen künftiges Geschick besser gewesen, hätte ihnen Mühlfels’ Nähe und Beobachtung nicht gefehlt und diese in ihnen Zweifel an ihrer Sicherheit erregt und sie dadurch zugleich veranlaßt, auf ein baldiges Wiedersehen zu verzichten.

Denn es unterliegt keiner Frage, daß sich Mühlfels’ Interesse für die Prinzessin bei den wiederholten Besuchen in so weit verrathen hätte, daß des Grafen Aufmerksamkeit auf ihn dadurch erweckt worden und er veranlaßt worden wäre, den Charakter des Barons zu prüfen und vielleicht Erkundigungen über denselben einzuziehen.

Da dies nicht geschah, so blieben Sidonie und Aurelie in der früheren Täuschung und somit von deren Gefahren bedroht.

Sechstes Kapitel.

Ungefähr drei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin gegangen. Der Prinz hatte seinem Treiben trotz der erhaltenen Ermahnungen seines Oheims keine Schranken angelegt und eben so wenig das Geringste gethan, um sich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, und so war das wohlgemeinte Wort des Fürsten vergeblich gesprochen worden. Alles, wozu sich der Prinz bequemte, bestand darin, sein Treiben dem Fürsten mehr denn früher zu verheimlichen, was ihm jedoch nur zum Theil gelang, da er seinen Neigungen nur zu leicht und zu oft die Zügel schießen ließ und alsdann jede Vorsicht und Rücksicht vergaß. Die Folge davon war nicht nur die Unzufriedenheit des fürstlichen Oheims mit seinem Neffen, sondern auch jene Uebersättigung des Letzteren, die unter solchen Umständen niemals auszubleiben pflegt. Der Prinz befand sich seitdem in einem stets gereizten und unmuthigen Zustand, der ihn im höchsten Grade peinigte und von welchem seine Umgebung und selbst Mühlfels nicht eben wenig zu leiden hatten.

Zwar bemühte sich der Letztere, die Stimmung des Prinzen zu verbessern; indessen vergebens, da demselben alle früher beliebten Arrangements jetzt langweilig und ungenießbar erschienen.

Um seinen Unmuth noch in hohem Grade zu steigern, sprach auch der Fürst immer bestimmter das Verlangen aus, daß der Prinz den Staatsgeschäften ein größeres Interesse zuwenden und sich darum nicht so häufig und auf lange Zeit aus seiner Nähe entfernen sollte. Zu ernsten Dingen fühlte der Prinz jedoch jetzt gerade am wenigsten Neigung und fügte sich daher nur mit Widerstreben in den Befehl seines Oheims. Mühlfels sah sich in Folge dessen veranlaßt, auf Mittel zu denken, durch welche er die Abspannung und üble Laune des Prinzen beseitigen und zugleich ein gutes Einvernehmen zwischen diesem und dem Fürsten herstellen könnte. Und so sehen wir ihn denn in dem Boudoir seiner Mutter, der Oberhofmeisterin der Prinzessin, mit welcher er die bezeichnete Angelegenheit in eingehender Weise erwog. Denn es muß bemerkt werden, daß der Baron in dem eigenen Interesse sowol als demjenigen des Prinzen seine Mutter häufig zu Rathe zog und sie einen nicht unwesentlichen Einfluß auf seine Anordnungen in dieser Hinsicht ausübte.

Die Baronin besaß eine ausgedehnte Damenbekanntschaft und wurde nicht eben selten mit der Bitte angegangen, den Prinzen durch ihren Sohn auf eine oder die andere Schönheit aufmerksam machen zu lassen, oder auch wol die Gelegenheit zu bieten, daß der Prinz diese persönlich kennen lernte. Der Letztere besuchte nämlich mit Mühlfels dann und wann die Baronin, nachdem diese bedacht gewesen, des Prinzen Auge durch angenehme weibliche Erscheinungen in ihrem Hause zu überraschen.

Wir sehen, daß die Oberhofmeisterin neben ihrer Stellung als solche auch noch eine andere, mindestens zweideutig zu nennende, einnahm, so wenig diese sich auch mit ihrem eigentlichen Beruf vereinigte. Sidonie war damit nicht bekannt, noch hegte sie so viel Interesse für die Baronin, um nach deren sittlichen Eigenschaften zu forschen. Des Prinzen Empfehlung hatte ihr dieselbe zugeführt, und es war ihr überhaupt ziemlich gleichgiltig, von welcher Dame diese Stellung eingenommen wurde, wenn dieselbe nur überhaupt ein von ihr gewünschtes Verhalten beobachtete. Und dies war bei der Baronin durchaus der Fall. Mit dem Charakter der Prinzessin bald genügend vertraut, war sie bedacht, sich im Wesen und Benehmen ganz deren Wünschen anzubequemen, und diese Klugheit sicherte ihr eine gute Aufnahme bei Sidonien. Da sie sich überdies auch gegen des Prinzen Verhalten erklärte und darin durch ihren Sohn in der bereits angegebenen Weise wesentlich unterstützt wurde, so zweifelte Sidonie nicht an der aufrichtigen Theilnahme der Baronin und dankte ihr dafür durch ein gütiges Entgegenkommen. Fern lag ihr die Vermuthung, wie sehr sie sich täuschte und daß Mutter und Sohn lediglich ein und dasselbe Ziel verfolgten, und so geschah es, daß sie auch der Baronin gleich deren Sohn den Zutritt in ihre Abendcirkel gestattete. --

Wir kehren nach diesen Erläuterungen zu den Berathungen der Letzteren zurück.

»Der Prinz hat also seine Tänzerinnen satt?« fragte die Baronin.

»Durchaus, wie das vorauszusehen war. Sie kennen ja seinen Charakter und wissen, daß er nur in dem fortwährenden Wechsel der Genüsse Befriedigung findet.«

»Es fehlt also an einem Ersatz?«

»So ist es, und dieser Ersatz wird um so schwerer zu erhalten sein, da der Prinz durch die letzten Debauchen allen Geschmack an Aehnlichem verloren hat.«

»Um so besser, so wird eine Dame aus guter Familie, mit Schönheit und dem erforderlichen Benehmen ausgestattet, leicht seinen Beifall gewinnen.« »Möglich. Kennen Sie eine solche Dame?«

»Allerdings. Es ist Fräulein von Lieben. Sie machte mir neulich in Begleitung ihrer Mutter einen Besuch, und diese deutete in vertraulicher Weise die große Verehrung an, welche ihre schöne Tochter für den schönen Prinzen hege, und dies reicht hin, Weiteres in Deinem Sinn zu veranlassen. Die Liebens sind, wie Du weißt, ziemlich ohne Mittel, ihr Vermögen ist derangirt; eine Liaison mit dem Prinzen würde ihr daher sehr gelegen kommen, auf welche sie es vielleicht auch abgesehen hat.«

»Die Lieben ist also hübsch und in die Künste der Koketterie eingeweiht?«