Part 3
Unter den angegebenen Umständen wird es daher natürlich erscheinen, daß der Fürst die Ausschweifungen seines Neffen übersah, der eigenen Jugend gedenkend und im Hinblick auf den herrschenden Zeitgeist.
Mit der Zeit jedoch, als sich des Prinzen zügelloses Leben steigerte, machte sich in ihm die Sorge für die Erbfolge geltend, da dieselbe lediglich auf seinem Neffen ruhte und, falls dieser kinderlos starb, auf eine Nebenlinie des fürstlichen Hauses übergehen mußte.
Das wäre dem Fürsten jedoch sehr unwillkommen gewesen, und darum war es sein Wunsch, seinen Neffen sobald als möglich verheirathet zu sehen. Er verband damit zugleich die wohlmeinende Absicht, den Letzteren dadurch seinem Treiben zu entziehen und durch die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin und das Familienleben einem würdigeren Streben zuzuführen. Denn trotz der seinem Neffen geschenkten Rücksicht übersah er dennoch die Nothwendigkeit nicht, daß der künftige Regent sich mit der Staatsverwaltung näher vertraut mache, um dereinst nicht lediglich von den Ministern und Staatsdienern abzuhängen.
Und so geschah es, daß, nachdem er den Prinzen in einer vertraulichen Unterredung auf alle die näher bezeichneten Umstände eindringlich aufmerksam gemacht hatte, er zugleich den bestimmten Willen aussprach, derselbe sollte sich sobald als möglich vermählen.
Waren dem Prinzen die Vorstellungen seines Oheims, sich um die Staatsgeschäfte fleißiger und anhaltender zu kümmern, schon unangenehm, so widerstrebte ihm der Gedanke einer Vermählung noch viel mehr, indem er in derselben das unwillkommene Hinderniß erblickte, seinen Neigungen unbeschränkt nachgehen zu können.
Der Prinz stand damals in dem vierundzwanzigsten Jahre, war ein kräftiger, schöner Mann, dem die Frauenherzen entgegen schlugen, durch und durch ein Sinnenmensch, dessen Dichten und Trachten lediglich auf die Befriedigung seiner lebhaften Triebe gerichtet war: wie sollte ihm da eine Gemahlin erwünscht sein! --
Doch der Wille seines Oheims gestattete keinen Widerspruch, ebenso erkannte er die Nothwendigkeit der Vermählung, und unterwarf sich daher, wenngleich mit großer Ueberwindung, der getroffenen Bestimmung, jedoch mit dem beruhigenden Vorsatz, sich durch seine künftige Gemahlin in seinem Treiben keine Beschränkung auferlegen zu lassen.
Sein Leichtsinn fand hierin keine Bedenken und war weit entfernt zu erwägen, welche Rücksichten er gegen seine künftige Gattin zu nehmen verpflichtet sei, und welche Berechtigung sie auf dieselben durch die Vermählung mit ihm erhielt. Von ehelichem Glück hatte der Prinz überdies keine Vorstellung, denn ihm war ein solches weder an den Höfen noch unter andern Verhältnissen bekannt geworden und hatte etwa seine Aufmerksamkeit beansprucht. Er betrachtete daher seine Vermählung lediglich als eine Staatsangelegenheit, was sie, wie ihm bekannt, in vielen andern Fällen auch nur war. Daß dabei das Lebensglück der Erwählten in Frage gestellt wurde, war ihm ziemlich gleichgiltig. Seiner Ansicht nach waren die Frauen lediglich nur dazu auf der Welt, um den Zwecken der Männer zu dienen.
Als der Prinz seinen Freunden die Absicht des Fürsten mittheilte und sich ihnen lachend als baldigen Ehemann vorstellte, antworteten ihm cynische Scherze, Unglauben und die Besorgniß, daß es nun mit dem schönen freien Junggesellenleben ein Ende nehmen würde, worauf der Prinz sie mit der Versicherung beruhigte, auch als Ehemann sein genußreiches Leben unverändert fortsetzen zu wollen und zwar im Verein seiner alten, ihm so liebgewordenen Freunde.
Lauter, beifälliger Jubel ertönte auf dieses, wie man es nannte, ~würdige~ Versprechen, und die Stunde wurde zum Dank dafür und zu Ehren des Prinzen unter den raffinirtesten Genüssen hingebracht, gleichsam um die Kostbarkeit derselben dem Gemüth des hohen Freundes noch tiefer einzuprägen und sein Begehren nach dessen Wiederholungen wo möglich noch zu steigern.
Die Sorge um des Prinzen künftige Gemahlin hatte der Fürst auf sich genommen, nachdem sein Neffe die Billigung dazu um so lieber ausgesprochen hatte, da er weder irgend eine Fürstin bevorzugte, noch auch die Lust fühlte, die Wahl nach seinen eigenen Neigungen zu treffen. So ließ denn der Fürst durch einen Vertrauten nach einer geeigneten Dame forschen, und der Ruf von Sidoniens vortrefflichen Eigenschaften bewog denselben, auch des Herzogs Hof zu besuchen. Es bedurfte nur einer kurzen Beobachtung von Seiten des Agenten, um zu erkennen, daß so viele Schönheit und Liebenswürdigkeit, wie er sie bei der Prinzessin zu bewundern Gelegenheit fand, des Fürsten Beifall erhalten müßte, und er beeilte sich daher, diesem mitzutheilen, daß die Wirklichkeit das Gerücht in Bezug auf Sidonie noch bei Weitem überträfe. Seinem Bericht von dem vortrefflichen Charakter der Prinzessin an den Fürsten wurde das Portrait derselben beigefügt, und beide gewannen sich den Beifall des Ersteren in so hohem Grade, daß dieser sich beeilte, den Prinzen sofort damit bekannt zu machen und ihm Sidonie zugleich als seine künftige Gemahlin vorzuschlagen. Das liebliche Portrait verfehlte seine Wirkung auf den Prinzen nicht; dasselbe gefiel ihm in so weit, als es ihm den Genuß einer so reizenden Mädchenblüthe begehrenswerth machte und ihn die in dem Bilde sich kundgebende Unschuld und Anspruchslosigkeit zugleich mit der Voraussetzung erfüllte, er würde in Sidonien die einfache, duldsame Gemahlin finden, wie er sie eben im Hinblick auf seine Neigungen bedurfte.
Er gab daher dem Fürsten seine Zustimmung zu der getroffenen Wahl zu erkennen, und der Erstere, erfreut, seinen Wunsch so schnell und in so befriedigender Weise erfüllt zu sehen, ließ die weiteren Verhandlungen durch den Agenten betreiben.
Der Herzog, durch den Letzteren sogleich mit des Fürsten Werbung bekannt gemacht, erklärte sich gern damit einverstanden, da dadurch zugleich seine eigenen Hoffnungen und Wünsche in der besten Weise erfüllt wurden.
Bald waren die beiden Höfe zu dem vollsten Einverständniß in dieser Beziehung gelangt und es war nur noch erforderlich, die künftigen Gatten mit einander persönlich bekannt zu machen. Um diesen Zweck zu erreichen, lud ein gütiges Handbillet des Fürsten den Herzog mit seiner Familie an den Hof, indem der Erstere zugleich die Hoffnung aussprach, bei dieser angenehmen Gelegenheit das Fest der Verlobung feiern zu können.
Erst jetzt fand es der Herzog für gut, Sidonie mit dem Geschehenen bekannt zu machen und ihr zugleich seine Freude über das Glück auszudrücken, welches ihr durch eine so glänzende Stellung, die künftige Regentin eines mächtigen Staates zu werden, geboten wurde. Zugleich händigte er ihr des Prinzen Portrait mit dem Bemerken ein, daß ihr künftiger Gemahl nicht nur ein angesehener Fürst, sondern auch ein schöner Mann sei.
In der tiefsten Seele dadurch erschüttert, stand Sidonie bleich und wortlos vor ihren Eltern, die sie mit Ueberraschung anschauten und dadurch zu erkennen gaben, wie wenig sie mit ihrer Liebe zu dem Grafen bekannt waren.
Ihr Befremden steigerte sich, als Sidonie bestimmt erklärte, den Prinzen nicht heirathen zu können und von dessen Portrait nicht im geringsten angenehm berührt worden zu sein.
Der Herzog forschte nach den Gründen ihrer Abneigung und wurde ungehalten, als Sidonie den Wunsch aussprach, nur dem Gatten ihrer Wahl angehören zu dürfen, eine Abneigung gegen den Prinzen zu empfinden und eben so wenig das geringste Verlangen nach der ihr in Aussicht gestellten glänzenden Stellung zu hegen.
Ihre Vorstellungen waren jedoch vergebens. Der Herzog erinnerte sie, daß ihr Herz den großen Vortheilen gegenüber, die diese Verbindung mit dem angesehenen Fürstenhause seiner Familie verschafften, unmöglich in Frage kommen könne, er dem Fürsten bereits seine Zustimmung zu dieser Vermählung zu erkennen gegeben habe, eine Weigerung von ihrer Seite daher nicht mehr gestattet sei. Er vermochte nicht einzusehen, daß ein so schöner Mann, wie der Prinz, ihren Beifall nicht gefunden haben könnte, und so schloß er seine Erörterungen mit dem bestimmten Verlangen, Sidonie möge sich in die Lage finden und auf die gewünschte Zusammenkunft mit dem Prinzen vorbereiten.
So jäh und unvorbereitet aus ihren süßen Hoffnungen gerissen, das Herz mit aller Innigkeit an ihre Liebe gefesselt, stand Sidonie betäubt, vernichtet, rathlos da.
Ihr däuchte das Vernommene ein wüster, erschreckender Traum, der zu einem lieblichen Erwachen führen müßte; denn wie sollte plötzlich der eisige Winter über den blumigen Frühling hereinbrechen können! -- Das wäre gegen jedes Gesetz der Natur, gegen die Liebe des Schöpfers, gegen Alles, was auf Erden athmet und sich der Güte eines allliebenden Gottes erfreut, gewesen.
Aber das gehoffte Erwachen blieb ihr fern; die eisige Wirklichkeit wehte hin über ihre liebliche Frühlingsseele und führte sie an ihrer kalten Hand an das dunkle, unheimliche Grab ihrer Liebe und ließ sie in die Tiefe schauen, woselbst jene ruhen sollte, ruhen auf ewige Zeiten, ohne Licht und Leben, ohne Glück und Freude, ohne Blüthen und Frucht. O wie tief, wie unendlich tief trifft der erste große Schmerz des Lebens das unbefangene, unerfahrene Herz, um wie viel tiefer, wenn dieser Schmerz dem heiligsten Gefühl unserer Jugend, der ersten, reinen Liebe gilt! --
Mit Blumen und Kränzen schmücken wir des Jünglings, der Jungfrau Sarg, die wir so früh gegen das Gesetz des Lebens dem Vergehen anheimgaben; die junge Liebe jedoch, die wir vor ihrem Entfalten gleich der gestorbenen Jugend in der still gewordenen Brust zur Ruhe betten müssen, die nimmt das Beste unserer Seele mit, den ganzen blumigen Frühling unseres Lebens! --
So war es mit Sidonien.
Des freudigen, lebensvollen Herzens Jubel war verstummt, das frische, wechselnde Leben darin verschwunden, die Ueberfülle der Genüsse in der Natur und in der eigenen Seele einer stillen, ängstigenden Einsamkeit gewichen, wie es geschieht, wenn wir einen Geliebten aus unseren Räumen zur Gruft getragen haben.
Aber Sidonie entbehrte nicht den Trost und das Mitgefühl einer treuen, aufrichtigen Freundin, an deren Brust sie sich ausweinen und das Geheimniß ihrer Seele aushauchen durfte.
Diese Freundin war Fräulein von Ketten, ihre Gesellschafterin seit Jahr und Tag und gegenwärtig ihre Hofdame. Aurelie war fast um zehn Jahre älter als die Prinzessin, und ausgestattet mit einem gebildeten Geist, einem reinen und edeln Gemüth.
Von dem lieblichen Fürstenkinde sogleich angezogen, verwandelte sich diese Zuneigung bald in die innigste Freundschaft, in die vollste Hingebung an Sidonie, wofür ihr diese eine nicht mindere Zuneigung entgegen brachte.
Aurelie war der Prinzessin nicht nur eine angenehme Gesellschafterin, sondern auch die rathende und belehrende Freundin, der sich Sidonie gern unterwarf, von der Vortrefflichkeit der gegebenen Rathschläge überzeugt.
So war es denn auch geschehen, daß Aurelie der Prinzessin die Wünsche des Herzogs, sie mit einem angesehenen Fürsten dereinst zu vermählen, bisweilen angedeutet hatte, ohne daß es ihr jedoch gelang, Sidonie davon zu überzeugen.
Gewöhnlich pflegte diese alsdann lächelnd zu entgegnen, daß sie vor dergleichen Bewerbungen hinreichend durch die Unbedeutendheit des Standes sowol als der Person geschützt wäre, und es nur die Vorliebe ihrer Freundin für sie sei, die ihr dergleichen Erinnerungen einflößte.
Fräulein von Ketten wünschte in Stillen, es möchte so sein, denn ihr war die große Zuneigung der Prinzessin für den Grafen nicht entgangen und sie zu sehr überzeugt, daß Sidonie nur als dessen Gemahlin ganz glücklich werden könnte. Eben so wenig war ihr das warme Interesse des Grafen für ihre Freundin verborgen geblieben, wenngleich sie auch seine Zurückhaltung und sein edles, würdiges Benehmen gegen die Prinzessin richtig beurtheilte und nicht nur von ganzem Herzen billigte, sondern auch bewunderte. Dasselbe beruhigte sie in Beziehung auf Sidoniens künftiges Geschick, indem sie sich, durch die beschränkten Verhältnisse des herzoglichen Hofes bestimmt, zugleich der angenehmen Hoffnung hingab, daß Sidonie von den Fürsten in ihrer Abgeschiedenheit nicht aufgesucht werden und daher einst ganz ihrem Herzen würde folgen können.
Es konnte unter den näher bezeichneten Umständen nicht ausbleiben, daß auch sie mit dem Grafen in nähere Beziehungen trat und dieser ihr seine volle freundschaftliche Achtung schenkte, wie sie es verdiente.
In den von Sidonien mit dem Grafen gepflogenen vertraulichen Umgang wurde sie nicht nur durch ihre Stellung, sondern noch viel mehr durch die ihr von der Prinzessin geschenkte Freundschaft gezogen, was dem Grafen durchaus angenehm war, da die herkömmlichen Formen bei Hofe eine solche Theilnahme an demselben durch eine Vertrauensperson erheischten.
Und so geschah es, daß diese drei Menschen, schon durch die Eigenschaften des Geistes und Herzens einander genähert, durch den ungezwungenen und angenehmen Umgang nur noch fester verbunden wurden.
Die Werbung des Prinzen um Sidonie hatte nun das schöne Zusammenleben plötzlich in seinen Grundfesten zerstört, indem ihnen zugleich der Ausspruch des Herzogs jede Hoffnung raubte, es könnte dasselbe jemals wieder in seiner früheren Weise hergestellt werden.
In dem stillen, traulichen Gemach, das so oft ihr fröhliches Geplauder, die ernsten Gespräche vernommen hatte, saßen nun die beiden Freundinnen tief betrübt und rathlos.
Leise tönte Aureliens Zuspruch; sanft streichelte ihre Hand Sidoniens Haupt, das in ihrem Schooß ruhte, während sie zugleich die Thräne zurück zu halten bemüht war, die der Schmerz um ihres Lieblings trauriges Geschick ihrem Auge erpreßte.
Aber mehr als diesen tröstenden und beruhigenden Zuspruch vermochte die Freundin leider nicht zu geben; denn wie durfte sie es wagen, dem Herzog Vorstellungen zu machen, oder ihm gar das Geheimniß von Sidoniens Liebe verrathen, um ihn für deren Wünsche zu gewinnen? -- Es wäre um ihre Stellung geschehen gewesen, hätte der Herzog den eigentlichen Grund von Sidoniens Weigerung erfahren, indem man ihr wahrscheinlich den Vorwurf gemacht, die Prinzessin nicht besser behütet oder nicht früher schon die pflichtmäßige Anzeige von deren Zuneigung gemacht zu haben. Ein Aufgeben ihrer Stellung hieß auch, Sidonie der einzigen treuen Freundin, der sie unter den obwaltenden trüben Verhältnissen mehr denn je bedurfte, berauben.
So konnte und mußte sie schweigend mit ihr leiden, und war mit dem ganzen Aufwand ihrer treuen Liebe bedacht, Sidoniens gebrochenes Herz wieder aufzurichten und für das zu bringende Opfer zu kräftigen.
Obwohl der Graf, wie wir wissen, auf eine von dem Herzog gewünschte Werbung um Sidonie seit Jahren vorbereitet war und darum seinen Ansprüchen auf deren Besitz fast entsagt hatte, wurde er dennoch durch das Eintreten des vorgesehenen Falls viel tiefer erschüttert, als er es fürchtete. So lange ihn die Hoffnung noch belebte, seine Wünsche vielleicht einst erfüllt zu sehen, waren ihm die Tage in angenehmer Ruhe dahingegangen; jetzt jedoch, jäh geendet, forderten sie ihn zu den höchsten Seelenanstrengungen heraus, um sich Sidonien und dem herzoglichen Hofe gegenüber in seiner Resignation würdig zu behaupten.
Nachdem ihm des Prinzen Werbung bekannt geworden war, verstand es sich von selbst, daß auch sein Umgang mit Sidonien ein Ende hatte; dies verlangten die üblichen Formen. Er durfte darum jedoch seine Besuche an dem herzoglichen Hof nicht aufgeben, wollte er sein Interesse für die Prinzessin nicht verrathen. Von ihrer Weigerung, sich mit dem Prinzen zu vermählen, hatte er bereits Kenntniß erhalten, ohne daß er daraus irgend welche Hoffnung für seine Liebe schöpfen durfte. Zu gut kannte er des Herzogs Wünsche in Bezug auf Sidonie, um nicht überzeugt zu sein, daß diese für ihn nun auf immer verloren wäre.
Dunkle Stunden gingen an ihm vorüber, Stunden des mächtigen, inneren Kampfes und der Selbstbeherrschung, aus welchem er jedoch siegreich hervorging.
Niemand -- Aurelie und Sidonie ausgenommen -- gewann jedoch eine Ahnung von demselben, nur sein krankhaft-bleiches Aussehen und das trübe Auge ließen auf ein Leiden schließen, das der Graf auch auf Befragen nicht abläugnete, jedoch als eine vorübergehende Unpäßlichkeit bezeichnete.
Da nahte der Tag, an welchem er in gewöhnter Weise einen Besuch an des Herzogs Hof zu machen pflegte; er durfte nicht ausbleiben und fuhr darum nach der Residenz.
Er wurde von dem Herzog und dessen Gemahlin mit vermehrter Höflichkeit empfangen und ihm die bereits bekannte Nachricht von des Prinzen Werbung mit offener Freude mitgetheilt.
Er stattete dagegen dem herzoglichen Paar seine besten Glückwünsche ab, und es gelang ihm dies um so leichter, da er von dem Herzog vernommen hatte, daß Sidonie einer Unpäßlichkeit halber nicht erscheinen würde.
Er fürchtete von dem Wiedersehen der Letzteren in Gegenwart Anderer weniger für sich als für die Prinzessin, deren geringe Beherrschungskraft er kannte und daher auch mit Bestimmtheit erwarten mußte, sie würde nicht nur ihren Schmerz, sondern auch ihre Liebe zu ihm verrathen, was er zu ihrer eigenen und der Ruhe des Herzogs mit allen Kräften zu verhindern bedacht sein mußte.
Er athmete daher beruhigter bei der obigen Nachricht auf, zugleich erfreut, seinen Besuch abkürzen und sich dadurch der Beobachtung entziehen zu können. Denn sein Aussehen hatte die Herzogin bereits zur Nachfrage nach seinem Befinden veranlaßt.
Von der Nothwendigkeit überzeugt, Sidonien so viel als möglich Zeit zur Sammlung zu gestatten, ließ er eine längere Zeit dahin gehen, ehe er seinen Besuch wiederholte, und that dies erst dann, als er von dem Herzog die Nachricht von Sidoniens besserem Befinden erhielt.
An dem Hofe angelangt, erfuhr er von der Herzogin, die nur allein anwesend war, daß ihr Gemahl sich zu einem Nachbarfürsten zur Jagd begeben, so wie, daß Sidonie den Wunsch geäußert habe, ihn zu sprechen. Zugleich theilte sie ihm mit, daß sich dieselbe mit ihrer Gesellschafterin auf einem Gange durch den Garten befände, und stellte es seinem Belieben anheim, sie in gewohnter Weise daselbst aufzusuchen, oder deren Rückkehr im Schloß abzuwarten.
Nichts konnte dem Grafen in diesem Augenblick erwünschter sein, als die ihm gestattete Freiheit, Sidonie aufzusuchen; dankend nahm er dieselbe an und beeilte sich, die von der Prinzessin gern betretenen Wege zu erreichen, überzeugt, sie daselbst zu finden.
Seine Voraussetzung täuschte ihn nicht; bald entdeckte er sie an dem einsamen, nur von wildem Wassergeflügel bewohnten Weiher, ihr Lieblingsort, an dem er oft mit ihr verweilt hatte.
Schon aus der Ferne erkannte er ihr Gewand, das durch die Gebüsche schimmerte und ihm ihre Nähe verrieth. Laut klopfte sein Herz, so laut und ungestüm wie nie, und er blieb stehen, um sich zu sammeln. Dennoch däuchte ihm jeder Augenblick in der Ungeduld, Sidonie zu sehen, unendlich lang, und so kürzte er die Zeit der Sammlung ab und nahte sich ihr mit nichts weniger als zögernden Schritten.
Hatte ihn die Prinzessin an dem heutigen Tage erwartet, oder war es die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Anblick, die ihre Sinne außerordentlich geschärft hatte -- wer vermag das Seelenleben, namentlich innig Liebender, zu enträthseln -- genug, sie errieth seine Annäherung, ehe sie noch seinen leisen Tritt zu vernehmen vermochte.
Erschreckt und zugleich freudig bewegt fuhr sie auf und unterbrach plötzlich die Unterhaltung mit Aurelien, indem sie das Haupt dem Nahenden zuwandte, und kaum hatte sie ihn erblickt, so streckte sie ihm zitternd die Arme entgegen, während sich die Worte von ihren Lippen stahlen: »Endlich, endlich!«
Ehe diese Worte noch verhallt waren, befand sich der Graf bereits an ihrer Seite, hatte ihre Hände ergriffen und blickte ihr mit nicht mehr zu beherrschender tiefer Bewegung in das blasse, schmerzerfüllte Antlitz.
Welche Veränderung hatten so wenige Tage in demselben hervorgerufen! -- Wie ein vom Sturm geknicktes Rohr erschien die kurz vorher noch so lebensvolle, elastische Gestalt, schwach und hilflos.
Mit unendlich traurigen Augen, aus welchen jedoch auch zugleich volle liebende Hingebung sprach, schaute sie ihn an, seine bebenden Hände mit ihren feinen Fingern fest umfassend, und fragte in einem, des Grafen Seele schmerzvoll durchschneidenden, wehmüthigen Ton: »Sie wissen, Graf?« Dieser, keines Wortes mächtig und bemüht, das bebende Mädchen vor dem Niedersinken zu hüten, bejahte nur durch geringes Neigen des Hauptes.
Da erhob sie plötzlich das Antlitz zu ihm auf, schaute ihm mit unendlicher Liebe in die Augen, und rief in ausbrechendem Schmerz der Verzweiflung und unter einem ihren Augen entstürzenden Thränenstrom: »O, retten Sie mich, retten Sie mich!«
Mit diesen Worten sank sie gebrochen an seine Brust, an welcher sie das Haupt mit unbefangener Hingabe barg.
Gleich einem schuldlosen, schmerzbewegten Kinde ruhte sie in seinen Armen.
Aurelie eilte dem tief ergriffenen Grafen zu Hilfe, indem sie mit seinem Beistande Sidonie sanft auf dem Ruhesitz niederließ. Auch ihr fehlten die Worte, und nicht minder tief erschüttert, als der Graf, feuchteten Thränen ihre Wangen.
Sidonie verhehlte ihre Empfindungen nicht, sie vermochte es nicht. Ihrem namenlosen Leid gegenüber galt keine Zurückhaltung mehr, kein Verläugnen ihrer Gefühle, da galt nur die ewige Sprache der Natur und des vernichteten, schuldlosen Herzens.
Der Graf ließ sich neben ihr nieder, ergriff ihre Hand und drückte diese mit Innigkeit an die Brust, indem er in leisem zärtlichen Ton ihren Namen nannte. Mehr zu sprechen war ihm unmöglich.
O, welch ein unbeschreiblich süßes Lächeln rief sein Wort in Sidoniens Antlitz hervor; wie innig dankte ihm der Druck ihrer Hand für diese erste Gabe seiner Liebe.
»Ich wußt’ es wohl!« lispelte sie so leise und heimlich vor sich hin, daß kaum der Graf die Worte vernahm. »Ich wußt’ es, daß er mich liebt!« wiederholte sie.
In diesem Bewußtsein verloren, schien sie ihr trauriges Geschick vergessen zu haben und in der Seligkeit des Momentes aufzugehen. Darauf deutete der freudige Ausdruck ihres ein wenig gerötheten Antlitzes hin, das in diesem Moment wieder in der ganzen ehemaligen Lieblichkeit strahlte.
Der Graf, in der Erkenntniß der Nothwendigkeit, seinen Gefühlen kein Recht einzuräumen, und zugleich in dem Bewußtsein der Pflicht, durch sein Benehmen und seine Worte Sidoniens fast krankhafte Aufregung zu beschwichtigen, um zu einer ruhigeren Besprechung der unheilvollen Angelegenheit zu gelangen, bemühte sich mit allen ihm in diesem so erschütternden Augenblick zu Gebot stehenden Seelenkräften, Fassung zu gewinnen. Dies gelang ihm nach kurzem Kampf auch in der That so weit, daß er, wenngleich mit noch unsicherer Stimme, zu bemerken vermochte:
»Ich weiß, es bedarf meiner Versicherung nicht, wie innig ich mit Ihnen fühle, meine theuerste Sido -- -- Prinzessin.«
»O nein, o nein! Ich habe Sie ja im Geiste belauscht und Ihnen mein Leid geklagt, und Ihr bleiches Antlitz sagt mir, daß ich darunter nicht allein gelitten habe. O, ich wußte es ja!« fiel Sidonie mit wehmüthigem Ton ein und drückte ihm leise die Hand. »Und was rathen Sie mir, meinem traurigen Geschick zu entkommen?« fragte sie nach kurzem Zögern und hob das treue Auge zu ihm auf. Diese einfache, im Ton des vollsten Vertrauens gesprochene Frage erschütterte den Grafen im Gefühl seiner Machtlosigkeit, ihr helfen zu können, so tief, daß er vergeblich nach einer Antwort rang und erst nach längerer Pause mit leiser Stimme die Worte fand:
»O, wüßten Sie, wie tief und schmerzlich Ihre Frage mich berührt, und um so schmerzlicher, da ich mich unfähig fühle, Ihnen darauf eine befriedigende Antwort geben zu können! O, daß ich es nicht vermag, statt mit Worten, mit der That darauf zu antworten, zerreißt mir die Seele!« --
»So muß ich also dem Willen meines Vaters folgen?« fragte Sidonie rasch und ängstlich in seinem Antlitz forschend.