Prinzessin Sidonie (Band 1/3)

Part 2

Chapter 23,622 wordsPublic domain

»So sage mir, sage mir schnell, was Du mir Gutes mitzutheilen hast!« rief die Prinzessin in gesteigerter Erregung. »Ich denke, Liebste, Du erfüllst meine Bitte und gestattest mir die Aufbewahrung des Medaillons, wenn ich Dich dagegen durch das Original desselben entschädige« -- -- bemerkte Aurelie mit Nachdruck.

»Was sagst Du!« rief die Prinzessin, von freudigem Schreck durchbebt. »Bernhard ist hier, ist zurückgekehrt? Ich soll ihn sehen, seine Stimme wieder vernehmen? O, Aurelie, Aurelie!«

Von dieser beglückenden Aussicht überwunden, umschlang sie die Freundin leidenschaftlich und barg das Haupt an deren Busen.

Laut pochte ihr Herz; ein nervöses Beben ging durch ihren Körper, dessen Kraft der unverhofften, so beglückenden Mittheilung nicht gewachsen war.

Aurelie ließ einige Augenblicke vorübergehen, ehe sie antwortete; sie bedurfte selbst der Sammlung; alsdann entgegnete sie:

»Fasse Dich, fasse Dich, meine theure Sidonie! Ja, Bernhard ist zurückgekehrt, ist seit gestern Abend hier und wünscht Dich im Auftrage Deines Bruders, des Herzogs, zu sprechen und Dir ein Glückwunsch-Schreiben zu Deinem Geburtstage zu überreichen.«

»O, welch ein glücklicher Tag!« fiel Sidonie bewegt ein. »Kaum wage ich an seine Wirklichkeit zu glauben.«

»Ueberzeuge Dich selbst. Hier ist Bernhard’s Brief, den ich gestern am Abend empfing und in welchem er mir seine Anwesenheit und Sendung an Dich anzeigt und mich fragt, in welcher Weise er sich der letzteren entledigen soll.« »Gieb, gieb!« rief Sidonie, sich hastig aufrichtend, und nahm mit zitternden Händen das ihr dargereichte Schreiben. »Ja, ja, seine Schrift, ja, ja, seine Worte!« fuhr sie in jauchzendem Ton fort, den Brief mit zärtlichen Blicken betrachtend. »Nach Jahren, nach drei langen, langen Jahren das erste Lebenszeichen von dem Freunde! O, konnte mir der Himmel ein süßeres Geschenk an dem heutigen Tage gewähren?! Nein, o nein! Wie bin ich ihm dankbar für seine Güte, die mir ein Zeichen ist, daß er mein bekümmertes Herz nicht vergessen hat. Lies, lies die lieben Worte, Aurelie; ich vermag es nicht,« bat Sidonie und reichte den Brief der Freundin dar, den sie jedoch mit Aurelien gemeinschaftlich hielt und, während diese mit leiser Stimme las, jeden Satz mit den Blicken verfolgte und unhörbar nachsprach.

Der Brief war kurz und enthielt nur die bereits von Aurelien bezeichnete Mittheilung unter Beobachtung der üblichen Formen, indem er jede, auch die leiseste Beziehung auf das zwischen ihnen bestehende freundschaftliche Verhältniß ausschloß.

»Wie förmlich seine Worte sind und der Freundschaft zu Dir nicht gedenken!« bemerkte Sidonie, nachdem sie die Durchsicht des Schreibens beendet hatten.

»Bernhard konnte nicht anders, und ich lobe ihn seiner Vorsicht halber. Seine Worte sind mit großem Bedacht geschrieben, wie es die Verhältnisse bedingen. Er konnte nicht wissen, ob der Brief außer von mir nicht auch noch von anderen Personen gelesen würde, und zeigt sich daher in diesem Briefe lediglich als den Gesandten des Fürsten, in dessen Auftrag er erschienen ist,« gab Aurelie zu bedenken.

»Ich erkenne, er hat recht gethan, wenn mir auch die Abgemessenheit seines Styls anfangs nicht zusagte. O, mein von dem langen Weh durchkältetes Herz verlangt ungestüm nach dem warmen Liebeswort, um sich daran zu erquicken; darum befriedigten mich seine Worte nicht. Ich sehe jedoch meine Unbilligkeit ein. Gewiß, gewiß, er konnte nicht anders. Was der Gesandte des Fürsten zu sagen hatte, hat er ausgesprochen; was der Freund, was sein Herz zu sprechen hat, durfte nicht durch die Schrift ausgedrückt werden, das mußte von Lippe zu Lippe, von Herz zu Herzen gehen,« fiel Sidonie eifrig ein und fügte alsdann hinzu: »Und was hast Du ihm geantwortet?«

»Ich habe ihm geantwortet, daß es Dein Wunsch ist, ihn um die eilfte Stunde in Gegenwart des Hofes zu empfangen und das Schreiben des Herzogs, sowie die mündlichen Aufträge desselben entgegen zu nehmen,« entgegnete Aurelie mit Betonung.

»O, mein Gott!« seufzte Sidonie bestürzt.

»Beruhige Dich, meine Freundin; es mußte so sein. Ich erkannte jedoch auch die Nothwendigkeit, daß Du ihn vorher sehen und sprechen müßtest,« fuhr Aurelie fort.

»Von Herzen danke ich Dir!« rief Sidonie und umarmte die Freundin. »Du wußtest, wie es sein mußte, sollte ich mich nicht verrathen, was jedenfalls geschehen wäre, hätte ich ihn zum ersten Mal vor dem ganzen Hof empfangen müssen. O, wie süß und schön wird jetzt das Wiedersehen sein! Wie übermannt mich der Gedanke, den lang entbehrten Freund, den ich nicht mehr zu sehen erwartete, nun als Boten der Liebe zu schauen und Auge in Auge der schönen Vergangenheit schweigend zu gedenken. -- -- Doch wie richten wir es ein, um seinen Besuch zu verheimlichen? Erführe die Oberhofmeisterin diesen Verstoß gegen die Etikette, so würde sie sogleich Argwohn schöpfen. Du weißt, sie beobachtet mich mit der Begier, jede Regung meines Herzens zu entdecken und sich in mein Vertrauen zu stehlen, um Herrschaft über mich zu gewinnen. Verderbt, wie sie und das Leben hier am Hofe und in der Residenz ist, glaubt sie an keine Tugend des Weibes und ersehnt daher den Augenblick, in welchem ich eine Schwäche zeige, um über mich zu triumphiren und ihren Vertrauten in die Ohren zu flüstern, daß ich eine Scheinheilige wäre, wie alle Anderen, und meine Sittlichkeit mir daher keinen Platz über ihnen gestattet. Du kennst das Alles; nun sage, wie soll es mir möglich werden, den Grafen vorher unbeobachtet zu sprechen?«

»Ich habe alle diese Dinge natürlich genau erwogen und den Grafen zugleich gebeten, mich um die neunte Stunde zu besuchen, um ihm noch Näheres über die gewünschte Audienz mitzutheilen,« entgegnete Aurelie, zögerte jedoch fortzufahren, indem sie die Prinzessin bedeutsam anblickte.

»O, ich verstehe, Du Gute!« fiel Sidonie leise und freudig ein und drückte der Freundin die Hand. »Ich bin überzeugt, von Bernhard verstanden zu sein, und so wird er sich bemühen, ohne Aufsehen zu mir zu gelangen. Aus meinem Zimmer werde ich ihn dann nach dem Blumenhaus führen, dasselbe grenzt an den Gartensaal und ist durch eine offene Thür mit dem letzteren verbunden. Der Prinz ist nicht hier und wird wahrscheinlich erst um die Mittagszeit zurückkehren; seine Diener und Beamten betreten den von Dir bewohnten Flügel des Schlosses nicht, eben so wenig den Gartensaal oder das Blumenzimmer. Die Oberhofmeisterin und die übrigen Hofdamen erscheinen erst gegen die zwölfte Stunde und es ist von ihnen daher keine Störung zu befürchten. Komm’, meine theure Sidonie, um die bezeichnete Zeit unter dem Vorwande eines Spazierganges nach dem Saal, und ich hoffe, Du wirst Bernhard dort alsdann ohne Zeugen sehen und sprechen können.« --

Mit glänzenden Augen hatte Sidonie dem Munde der Freundin die mitgetheilten Worte abgelauscht, ab und zu mit dem lieblichen Haupt beifällig nickend; als Aurelie endete, schloß sie diese bewegt und schweigend in die Arme; ihr fehlten die Worte zum Ausdruck des dankbar und freudig bewegten Herzens.

»Ich denke, Du hast nichts zu besorgen und Alles wird sich nach unseren Wünschen fügen,« fuhr Aurelie fort. »Wie sehr freue ich mich über des Prinzen Abwesenheit, die es uns möglich macht, eine solche Begegnung zwischen euch herbei zu führen. O, ich gestehe Dir offen, meine theure Sidonie, der Gedanke, Du solltest den Grafen in Gegenwart des Hofes zum ersten Mal wiedersehen, hat mich schwer beunruhigt, bis ich mich von der Nothwendigkeit überzeugte, die kleinere, unbestimmte Gefahr der größeren und gewissen vorzuziehen. Denn Dein Zusammentreffen mit dem Grafen in dem Gartensaal kann als die kleinere bezeichnet werden; jedenfalls würde Dich für den Fall eines Verraths keine Schuld treffen, sondern diese lediglich auf mich gewälzt werden, und ich denke, ich werde mich zu entschuldigen wissen. Geh’ nun an Deine Toilette, meine Freundin. Es ist bereits acht Uhr; in einer Stunde also führe ich Dir den Freund zu.«

Nachdem die beiden Frauen noch einige leise Worte über diese Angelegenheit gewechselt hatten, begab sich die Prinzessin nach dem Ankleidezimmer, woselbst ihrer bereits die mit der Toilette betrauten Dienerinnen harrten.

Fräulein von Ketten schaute ihr in schmerzlicher Bewegung und gedankenvoll nach und entfernte sich alsdann gleichfalls. In der Hand barg sie das bedeutsame Medaillon, das sie beim Betreten ihrer Wohnung in einer Cassette verschloß, deren Schlüssel sie stets bei sich zu tragen pflegte.

Eine große Sorge schien ihr Herz zu erleichtern, nachdem dies geschehen war.

Ehe sie das Medaillon bewahrte, hatte sie dasselbe mit großer Theilnahme betrachtet und dabei seufzend die bedeutsamen Worte vor sich hingesprochen:

»Armer Bernhard, unglückliche Sidonie!« Diese Worte des innigsten Bedauerns waren leider nur zu sehr gerechtfertigt.

Prinzessin Sidonie war die Tochter eines regierenden Herzogs und seit drei Jahren mit dem Prinzen Albert vermählt. Diese Verbindung war auf den Wunsch des Oheims des Prinzen, des regierenden Fürsten, zu Stande gekommen und konnte keine glückliche genannt werden, da die Neigungen und Charaktere der beiden Gatten eine viel zu verschiedene waren, als daß man von diesem Bunde Heil erwarten durfte. Es war zur Zeit Ludwig des Fünfzehnten, einer Zeit der höchsten Entsittlichung, namentlich an dem französischen Hofe, worin demselben die deutschen Höfe nachzuahmen bestrebt waren, wie in den französischen Gebräuchen und Moden. Dies war auch am Hofe des Fürsten im ganzen Umfange der Fall, und Prinz Albert huldigte dem frivolen Zeitgeist mit ganzer Hingabe.

Sidonie war an dem kleinen Hofe ihres Vaters erzogen und hatte sich, unberührt von jenen Einflüssen, die ihrem Elternhaus fern blieben, zur sittenreinen Jungfrau entwickelt. Ausgestattet mit einer Fülle weiblicher Reize, einem für alles Schöne und Edle empfänglichen Geist und unbekannt mit dem sittenlosen Treiben an den Höfen, hatte sie still und harmlos gelebt, gepflegt von der liebenden Elternhand und der nicht minder liebenden Hand der Freundschaft.

Ihr Herz fühlte sich in dem engen Kreise ihrer Familie, in dem unbeschränkten Genuß der sich ihr in großer Schönheit darbietenden Natur und in dem eben so unbeschränkten Umgang mit ihren Jugendfreundinnen und Freunden vollkommen befriedigt, und es drang nicht die leiseste Ahnung in ihre unbefangene Seele, ihr glückliches Leben könnte jemals enden oder eine unheilvolle Wendung nehmen. Dieser beglückende Glaube fand um so mehr Raum in ihrem reinen Herzen, da sie, fern von aller Eitelkeit und dem Ehrgeiz, eine hervorragende Rolle zu spielen und also einst einem bedeutenden Fürsten verbunden zu werden, sich in der Hoffnung beglückt und befriedigt fühlte, dem Manne ihrer Liebe dereinst angehören zu dürfen.

Graf Bernhard Römer war dieser Mann, der, um etwa zehn Jahre älter als sie, ihre Zuneigung in hohem Grade gewonnen hatte. Ihre Liebe zu ihm keimte bereits in dem Kindesherzen und entwickelte sich in der heranreifenden Jungfrau, durch die eigenthümlichen Umstände begünstigt und genährt, zur schönsten Blüthe.

Der Graf war nämlich ein an dem Hofe von Sidoniens Vater gern gesehener Gast und fand dadurch Gelegenheit, dem aufblühenden Mädchen häufig nahe zu sein, das von seiner edlen, ritterlichen Persönlichkeit, von seinem männlichen, ernsten, durch Milde und Seelengüte verschönten Wesen um so stärker angezogen wurde, da sie ein unbefangenes und für das Edle empfängliches Herz besaß, das in jeder Hinsicht mit dem seinen übereinstimmte. Mit jener vertraulichen Unbefangenheit, welche der reizende Vorzug eines reinen weiblichen Herzens zu sein pflegt, kam ihm Sidonie entgegen, und der Graf nahm das ehrende Geschenk des Vertrauens und der Achtung um so dankbarer an, da er Sidonie schon als Kind geliebt und sich seine Neigung während ihrer reizenden Entwicklung zur Jungfrau nur noch gesteigert hatte.

Er war jedoch besonnen und edel genug, ihr seine Neigung zu verhehlen und sich ihr gegenüber stets als der achtungsvolle Freund zu zeigen, wie es sich für ihn im Hinblick auf ihren fürstlichen Stand geziemte. Fühlte er sich auch durch ihre liebende Hingebung hochbeglückt und verlieh ihm dieselbe einen gewissen Anspruch auf ihren Besitz, so übersah er dennoch nicht, daß ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit sie zu einer hohen Stellung berechtigten, und erachtete es für eine Ehrenpflicht, ihr bei dem Eintreten einer solchen Wendung das Entsagen seiner Liebe durch ein Geständniß oder Entgegenkommen nicht zu erschweren, oder vielleicht unmöglich zu machen. Der Graf liebte zu tief und zu rein, um jemals das Wohl Sidoniens aus dem Auge zu verlieren. Die Eltern der Letzteren ahnten von der gegenseitigen Zuneigung nichts; das zwischen beiden bestehende freundschaftliche Verhältniß erschien natürlich, da es sich bereits seit der Kindheit der Prinzessin gebildet und man sich also mit der Zeit daran gewöhnt hatte.

Ueberdies schätzten sie des Grafen Umgang besonders hoch, da derselbe nicht nur unterhaltend war, sondern auch auf Sidoniens geistige Entwicklung einen nicht unwichtigen Einfluß ausübte.

Denn der Graf bot eine sehr lobenswerthe Ausnahme unter seinen Standesgenossen dar, indem er, was in jener Zeit sehr selten geschah, sich eine wissenschaftliche Bildung angeeignet hatte und den damals üblichen, ziemlich rohen und seichten Belustigungen des Adels nichts weniger als huldigte. Seine ganze Naturanlage hielt ihn davon zurück, ebenso seine Vorliebe für Künste und Wissenschaften. Sein Wesen war ernst und zurückhaltend, doch auch herzlich und entgegenkommend, sobald er sich Gleichgesinnten nahte, die seine Seele sympathisch berührten.

Ein nicht geringerer Vorzug war sein fester, besonnener Charakter und die ihm innewohnende Energie, mit welcher er seine Absichten und seinen Willen durchführte. Trotz der eben bezeichneten edeln Entschlüsse hatte der Graf dennoch nicht auf das Glück der Liebe und den Besitz der Prinzessin verzichtet. Denn welche Liebe wäre ohne alle Hoffnung, ihre heißen Wünsche erfüllt zu sehen! -- Von Sidoniens voller Hingabe überzeugt und ebenso überzeugt, daß sie selbst die glänzendste Stellung ihrer Liebe mit Freuden opfern würde, däuchte seinem Selbstgefühl Sidoniens fürstlicher Stand kein unbesiegbares Hinderniß.

Seine Familie gehörte zu dem ältesten und begütertsten Adel, war hochangesehen bei seinem Fürsten und ein Zweig derselben bereits mit einem regierenden Fürstenhause durch Vermählung verbunden.

Was ihn jedoch zu der bezeichneten Zurückhaltung gegen Sidonie ganz besonders bewog, waren die von dem Herzog zufällig gemachten Andeutungen über die Berechtigung seiner Tochter zu einer glänzenden Stellung, zu welcher ihn die sich immer reicher und schöner entfaltenden Vorzüge Sidoniens zu veranlassen schienen.

Es wiederholt sich dasjenige in den fürstlichen Familien, was ein Gegenstand hohen Interesses in allen anderen Ständen zu sein pflegt: man bemüht sich, seinen Kindern eine vornehmere und glänzendere Lebensstellung, als es die eigene ist, zu verschaffen, indem man dadurch für sich selbst ein höheres Ansehen zu erzielen hofft, ganz abgesehen von dem natürlichen Verlangen, seine Kinder dadurch zu beglücken. Der Herzog besaß nur diese eine Tochter und außerdem zwei Söhne, von welchen der älteste ihm einst in der Regentschaft folgte und der jüngere eine militärische Stellung in dem Heere des Oheims des Prinzen Albert einnahm; es konnte also nur durch Sidonie seinem Hofe dereinst ein vermehrter Glanz durch die Vermählung mit einem mächtigen Fürsten verliehen werden.

Dem Grafen war dies Alles bekannt, und es stand der Entschluß daher in ihm fest, bis zu dem Zeitpunkt, in welchem Sidonie ein gereifteres Alter erreicht hatte, ruhig auszuharren und dem Weiteren entgegen zu sehen, ehe er mit seiner Werbung vorging.

Bewahrte sie ihm ihre Liebe und bestätigten sich die Voraussetzungen des Herzogs nicht, so hoffte er alsdann mit um so größerer Sicherheit auf Erfolg seinen Antrag machen zu können.

Ueberdies däuchte ihm das Harren nicht zu schwer.

Seine Besitzung lag an der Grenze des kleinen, in einer Stunde zu erreichenden herzoglichen Hofes und gestattete ihm daher den lebhaftesten Verkehr mit der Geliebten; er entbehrte sie daher nicht und fühlte sich in ihrem Umgange beglückt. In ihrer Liebe besaß er sie ja; jeder neue Tag, den er mit ihr verlebte, überzeugte ihn immer mehr davon, überzeugte ihn, wie weit entfernt Sidonie war, die Pläne ihres Vaters zu theilen, ja nicht einmal zu ahnen.

So hatte die Prinzessin das achtzehnte Jahr erreicht und sich zur reizenden Jungfrau entfaltet, worauf ihre Liebe zu dem Grafen und dessen bildender Umgang einen sehr wesentlichen Einfluß ausgeübt hatten. Mit stiller Wonne ruhte des Grafen Auge auf ihr, sei’s, wenn er mit ihr plaudernd den Garten durchwanderte, oder ihre Pferde auf weiteren Ausflügen neben einander gingen, und vielleicht mehr noch, wenn ein ernstes Gespräch sie vereinte, oder Sidonie ein Lied sang und mit der Harfe begleitete, die sie meisterhaft spielte.

Ein so inniger Umgang war nur zu sehr geeignet, ihre Seelen mit der Zeit immer fester zu verketten und sie mit dem heißen Wunsch zu erfüllen, es möchte ihr Glück nie und nie aufhören.

Sidonie hatte sich darin bereits so ganz eingelebt, daß ihr der Gedanke durchaus fern lag, es könnte jemals anders werden; denn so sehr auch der Graf bemüht war, ihr seine Zuneigung durch ein stets achtungsvolles und zurückhaltendes Benehmen zu verhüllen, hatte sie dennoch mit dem ihr innewohnenden Feingefühl schon lange seine Liebe zu ihr erkannt und gehörte ihm darum mit ganzer Seele an.

Zweites Kapitel.

Was der Graf vorausgesehen, traf sehr bald ein, Der Ruf von Sidoniens Liebenswürdigkeit verbreitete sich und zog einen und den andern Fürstensohn an des Herzogs Hof, der in der Absicht kam, sich um sie zu bewerben. Alle verließen denselben jedoch, ohne ihre Wünsche erfüllt zu sehen; Sidoniens Benehmen hatte ihnen jede Hoffnung genommen, irgend welchen Eindruck auf sie gemacht zu haben.

Dem Herzog war das durchaus genehm, da die Bewerber nicht nach seinem Sinn und Söhne nur unbedeutender Fürstenhäuser waren.

Diese Bewerbungen übten jedoch auf Sidonie einen besondern Einfluß aus, indem sie durch dieselben zu der Betrachtung geleitet wurde, warum der Graf nicht bei ihren Eltern um ihre Hand warb, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Was konnte ihn davon abhalten? so fragte sie sich; wußte er nicht, daß sie ihn liebte und ihm angehören wollte, und liebte er sie nicht auch? -- Weshalb zögerte er daher, das sie so beglückende Wort auszusprechen? -- Sie konnte es nicht begreifen; hegte jedoch zu viel Vertrauen und Achtung vor ihm, um sich seinem Willen nicht gern zu unterwerfen. Gewiß, so sagte sie sich, hatte der Graf bestimmte Gründe, die ihn davon zurückhielten.

So wollte sie sich geduldig fügen, und that dies um so bereitwilliger, da sie überzeugt war, früher oder später ihm anzugehören. Sie ahnte des Grafen Entschlüsse in dieser Beziehung nicht, und wurde in ihren Erwartungen um so mehr befestigt, da ihr Vater die Ablehnung der stattgehabten Bewerbungen billigte, indem ihr dieser Umstand zugleich als der sichere Beweis diente, daß man sie bereits als die künftige Gemahlin des Grafen betrachtete. Um so unbesorgter gab sie sich ihrer Liebe und den angenehmsten Hoffnungen für die Zukunft hin.

Sie sollte leider sehr bald zur Einsicht ihrer lieblichen Täuschungen gelangen.

Des Prinzen Albert Oheim war zwar vermählt, seine Ehe jedoch kinderlos geblieben, auch befand sich das fürstliche Ehepaar in einem so hohen Alter, daß auf eine Nachfolge nicht mehr gerechnet werden durfte.

Der Fürst hatte daher nach dem Tode seines Bruders, des rechtmäßigen Thronfolgers, den ältesten Sohn desselben, den Prinzen Albert, als seinen Nachfolger den Ständen des Reichs bezeichnet, der seitdem als der künftige Regent betrachtet wurde. Diese Bestimmung entsprach zwar dem Staatsgesetz; es fragte sich jedoch, ob sich das Volk zu derselben Glück wünschen durfte. Leider wurde diese Frage im Allgemeinen verneint, und mit nicht eben geringer Besorgniß sah man dem Augenblick entgegen, in welchem Prinz Albert den Thron besteigen würde.

Das bisherige ausschweifende Leben des Prinzen, seine Abneigung für ernste Staatsgeschäfte, noch mehr sein leichtsinniger, jähzorniger Charakter, der sich eben so wechselnd wie seine Neigungen und Launen zeigte, die übelste Schwäche eines Fürsten, Schmeichlern und Heuchlern gern Gehör zu schenken, waren wenig geeignete Momente, um zu der Erwartung zu berechtigen, ein mit dergleichen Schwächen und Fehlern behafteter Mann könnte einst ein guter Regent werden.

Alle die genannten Fehler und vielleicht noch andere mehr waren dem Prinzen eigen, die sich mit dem Augenblick gewiß noch erhöhten, in welchem er sich als einstigen Regenten betrachten durfte. Nicht nur wurde ihm eine namhafte Apanage bewilligt, die ihm die Mittel gewährte, seinen übeln Neigungen nachzugehen, sondern dem künftigen Regenten standen auch alle Kassen offen, und die Geldleute drängten sich an ihn, um sich der Ehre zu erfreuen, denselben unter die Zahl ihrer Schuldner zählen und daraus die besten Vortheile für die Folge ziehen zu können. Der herabgekommene und verarmte Adel, die aus fremden Ländern nach der Residenz geströmten Parvenus, welche daselbst Carrière zu machen hofften und zu denen besonders Paris ein namhaftes, in alle Ausschweifungen eingeweihtes Contingent lieferte, reihten sich den Geldleuten an. Diese Leute drängten sich in die Nähe des Prinzen, um nicht nur sein genußvolles Leben zu theilen, sondern sich ihm auch durch allerlei gewünschte Dienste zu verbinden und diesen fester an sich zu fesseln, um dereinst durch einträgliche Staatsämter ihren zerrütteten Finanzen und dem verblichenen Glanz ihres Hauses aufzuhelfen.

Daß die Frauen dabei eine sehr wichtige Rolle spielten, darf kaum bemerkt werden, und des Prinzen Freunde waren bedacht, seine Vorliebe für dieselben in ihrem eigenen Nutzen zu verwerthen, indem sie ihm nicht nur die galanten Damen des Ballets, sondern auch selbst diejenigen aus ihren eigenen Familien zuführten.

Eine Schaar verführerischer Odalisken hatte sich an des Fürsten Hof gedrängt, und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, an einem und dem andern deutschen Hof eine zweite Madame Pompadour zu finden, der, wie am Hofe Ludwig des Fünfzehnten, die rechtmäßige Gemahlin hintenan gesetzt wurde.

Es war damals Hofton, das Beispiel des französischen Königs nachzuahmen, indem man, über jedes Sittengesetz erhaben, dergleichen eben so kostspielige als verderbliche Einrichtungen als selbstverständlich betrachtete, wie man dies hinsichts einer herrschenden Mode zu thun pflegt. Ja, man war nur zu sehr geneigt, diejenigen zu bespötteln, welche die Moral über die gebräuchliche und als vornehm und fürstlich bezeichnete Sitte zu stellen sich bewogen fühlten.

Es darf kaum bemerkt werden, daß die letztere sich nicht auf die Höfe allein beschränkte, sondern in alle Schichten der Gesellschaft drang und so die besseren und edleren Gefühle untergrub.

Die Genußsucht bedurfte zu ihrer Befriedigung Mittel, und so war alles Thun und Trachten auf die Beschaffung derselben gerichtet, um sich der ersteren nach Wünschen hingeben zu können. Alle Wege, dieselben mochten noch so verwerflicher Art sein, wurden dazu eingeschlagen, gleichviel, ob dabei die Ehre verunglimpft, die Unschuld geopfert und die heiligsten Bande zerrissen wurden.

Die Selbstsucht frägt nicht nach den Mitteln zur Erreichung ihrer Zwecke, und diese war damals in erschreckender Weise ausgebildet.

Der Oheim des Prinzen hatte selbst eine stürmisch durchlebte Jugend hinter sich und war daher an den herrschenden Ton gewöhnt und weit entfernt, die Menschen, die er wenig achtete, bessern zu wollen. Ein Freund der Wissenschaften und obenein Cyniker, lagen ihm dergleichen Bestrebungen fern. Trotzdem war er ein vortrefflicher Regent und bei dem Volk beliebt.