Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 22
Bald schenkt Er reiche Gabe, bald hemmt Er meinen Flug; Doch wenn ich Ihn nur habe, so hab’ ich stets genug!
Heut salbt Er mich mit Öle und decket mir den Tisch, Erquicket meine Seele und macht den Mut mir frisch.
Und sollt’ ich morgen wenig aus Seiner Hand empfahn, So bleibt er doch mein König und ich Sein Untertan.
Er schenkt mir Seine Gnade und Seinen Geist zum Pfand, Sein Licht erhellt die Pfade mir bis zum Heimatland.
Sein Lieben ist unsäglich, drum ist Sein Preis mein Ziel; Und rühmt’ ich Ihn auch täglich, ich rühmt’ Ihn nie zu viel!
„Hört ihr’s?“ fragte +Mutherz+. „Ich zweifle nicht daran, daß dieser Knabe glücklicher ist und mehr von dem edlen Kräutlein, das +Zufriedenheit+ heißt, in seinem Busen trägt als mancher, der in Samt und Seide gekleidet ist[192]. Doch wir wollen in unsrer Unterredung fortfahren:
In diesem Tal hatte unser Herr früher ein Landhaus und weilte sehr gern hier. Er liebte es, in diesen Auen zu wandeln, denn Er fand die Luft hier so angenehm. Zudem ist dies +Tal der Demut+ ein sehr stiller Ort, fern von dem Getümmel und Getriebe dieses Lebens, wovon die Welt allenthalben so erfüllt ist. Hier kann man sich seinen ernsten Betrachtungen hingeben, ohne gestört und gehindert zu werden, wie dies anderorts so leicht geschieht. Auch wird dieses Tal nur von solchen betreten, die das Pilgerleben lieben. Und obwohl +Christ+ hier in schwere Bedrängnis geriet, indem er mit +Apollyon+ zusammentraf und sich mit ihm in einen heißen Kampf einlassen mußte, so kann doch auch gesagt werden, daß in frühern Zeiten manche hier Engeln begegnet sind[193], Perlen entdeckt[194] und Worte des Lebens gefunden haben[195]. Wie schon erwähnt, hatte unser Herr einen Landsitz hier und liebte es, sich da aufzuhalten. Ja, und für das Volk, das gern in diesen Gründen wandelt, hat Er ein jährliches Einkommen hinterlassen[196], das ihnen in bestimmten Fristen getreulich ausbezahlt wird, nämlich für ihren Unterhalt auf der Reise und zur Ermunterung auf die fernere Wallfahrt.“
„Herr,“ sprach +Samuel+ zu +Mutherz+, indem sie miteinander gingen, „mein Vater hat also in diesem Tal mit +Apollyon+ gekämpft; aber an welcher Stelle mag dieser Kampf stattgefunden haben? denn ich sehe, das Tal zieht sich in die Länge.“
+Mutherz.+ Das war dort drüben, wo ein enger Durchgang ist, gerade neben dem Rasenplatz +Vergessenheit+. Das ist wohl die gefährlichste Stelle in der ganzen Gegend; denn wenn den Pilgern irgend einmal ein Unfall begegnet, so geschieht es dann, wenn sie der empfangenen Wohltaten Gottes vergessen und nicht mehr gedenken, wie unwürdig sie derselben sind. An diesem Ort sind schon manche in harte Bedrängnis geraten. Doch wir können weiter darüber reden, wenn wir dort angelangt sind; denn es wird ohne Zweifel bis auf den heutigen Tag noch irgendeine Spur von dem Kampf oder ein Erinnerungszeichen daran vorhanden sein.
„Mir ist,“ fiel +Barmherzig+ hier ein, „so wohl in diesem Tal, wie ich es kaum irgendwo auf unsrer ganzen Reise empfand; es stimmt so alles zu meiner Gemütsart. Hier hört man keinen Straßenlärm, kein Peitschengeknall und Wagengerassel. Solch stille Plätze sind so recht dazu angetan, daß man wieder zu sich selber kommen kann und dessen eingedenk wird, wie und was man ist und wozu der König uns berufen hat. Es ist ein Ort für solche, die zerbrochenen Herzens und zerschlagenen Geistes sind, deren Augen überfließen wie die Teiche zu Hesbon (Hohesl. 7, 5). Wohl denen, die rechtschaffen durch dies Tal gehen, die machen daselbst Brunnen, und ihre Brunnen werden gefüllt durch die milden Regengüsse, die Gott selbst vom Himmel sendet über die, welche Ihm hier von Herzen nachwandeln (Ps. 84, 6. 7). Dies ist das Tal, aus welchem der König den Seinen ihre Weinberge geben will (Hos. 2, 17), und daselbst werden sie singen, wie +Christ+ sang trotz seiner Begegnung mit +Apollyon+.“
+Mutherz.+ Es ist wahr; ich bin des öftern durch dieses Tal gezogen, und es ward mir nirgends wohler als hier. Ich habe auch manche Pilger begleitet, die alle dasselbe bezeugt haben. „+Ich sehe an den Elenden+,“ spricht der König, „+und der zerbrochenes Geistes ist und der sich fürchtet vor Meinem Wort+“ (Jes. 66, 2).
Nunmehr kamen sie an den Ort, wo der vorhin erwähnte Kampf vorgefallen war. „Dies ist die Stätte,“ sprach der Führer, „hier stand +Christ+, da +Apollyon+ auf ihn eindrang. Und seht, sagte ich es nicht? es sind noch Spuren von deines Mannes Blut auf diesen Steinen zu sehen! Seht, wie da und dort noch Splitter von den zerbrochenen Pfeilen +Apollyons+ umherliegen! Seht nur, wie sie den Boden mit ihren Füßen zertreten haben, um sich gegeneinander zu behaupten. Ja, von den Hieben, die fehlgingen, sind selbst die Steine in Stücke zerschlagen worden! Wahrlich, +Christ+ hat sich hier als Mann erwiesen und sich tapfer gezeigt wie ein wahrer Herkules. Als +Apollyon+ geschlagen war, nahm er seinen Weg in das nächste Tal, genannt das +Tal der Todesschatten+, durch das auch wir nun ziehen werden. Seht, und dort steht ein Denkmal, auf welchem +Christs+ Kampf und Sieg zu seinem Ruhm für kommende Geschlechter eingegraben ist. Da das Denkmal gerade hart am Weg stand, traten sie hinzu und lasen die Schrift, die also lautete:
Hier fand einst statt ein furchtbar mächtig Ringen, +Apollyon+ den +Christen+ wollt’ bezwingen; Erbittert war der Streit, es kam zum Handgemenge, Schon bracht’ +Apollyon+ den Treuen ins Gedränge; Doch der faßt’ Gottes Schwert, versetzt ihm Streich auf Streich -- Geschlagen fuhr der Feind hinab ins Höllenreich. Drum dieses Denkmal soll es jedermann bekunden, Daß +Christ+ im harten Kampf mit Gott weit überwunden.
Als die Pilger an dieser Stelle vorüber waren, kamen sie in das +Tal der Todesschatten+. Es war dies Tal länger als das erstere und wurde merkwürdigerweise von unheimlichen bösen Wesen sehr beunruhigt, was ihrer viele bezeugen können. Diese Frauen und Kinder konnten sich daher glücklich schätzen, daß sie noch Tageslicht hatten und daß +Mutherz+ als Führer bei ihnen war.
Schon bei ihrem Eintritt in das Tal glaubten sie Jammertöne und lautes Stöhnen zu vernehmen wie von Sterbenden und solchen, die sich in äußerster Qual befanden. Darob zitterten die Knaben, und auch die Frauen entfärbten sich; aber ihr Führer hieß sie gutes Mutes sein.
Während sie weiterschritten, war es ihnen, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte und der Weg hohle Stellen hätte; auch hörten sie ein Zischen wie von Schlangen, ohne daß sie jedoch von dergleichen etwas sehen konnten. Da fragten die Knaben: „Sind wir noch nicht am Ende dieses schrecklichen Tales?“ Der Führer sprach ihnen abermals Mut zu und hieß sie auf ihre Füße zu achten, damit sie nicht in eine Schlinge gerieten.
Um diese Zeit fing +Jakob+ an, unwohl zu werden, wahrscheinlich aus Angst. Da gab ihm seine Mutter ein wenig von dem stärkenden Getränk, das sie in des +Auslegers+ Haus empfangen hatte, dazu drei von den Pillen, welche Doktor +Geschickt+ bereitet hatte. Und der Knabe erholte sich wieder.
Als sie sich ungefähr in der Mitte des Tales befanden, sprach +Christin+: „Mich dünkt, ich sehe dort etwas vor uns auf dem Weg, eine Gestalt, wie ich noch niemals eine gesehen habe.“ Da rief +Joseph+: „Mutter, was ist es?“ -- „Ein abscheuliches Wesen, mein Kind, ein abscheuliches Wesen,“ antwortete sie. „Aber Mutter, wem sieht es ähnlich?“ fragte er wieder. „Ich weiß nicht, wem es gleichsieht,“ erwiderte sie, „jetzt ist es nicht mehr weit entfernt. Jetzt ist es ganz nahe.“
„Wohlan,“ sprach +Mutherz+, „wer sich fürchtet, der halte sich ganz nahe zu mir!“ So kam der Feind heran; aber als ihm der Führer entgegentrat, verschwand er vor ihrer aller Augen. Und sie gedachten an das Wort, das ihnen gesagt war: „+Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch!+“ (Jak. 4, 7) Mit erleichterten Herzen zogen sie weiter.
Nach einer Weile, als +Barmherzig+ sich gerade umwandte, siehe, da kam ein Ungeheuer schrecklich brüllend und in großen Sätzen hinter ihnen hergerannt. Seine Gestalt war wie die eines Löwen, und sein Gebrüll erfüllte das ganze Tal, so daß die Herzen der Frauen und Kinder darob erbebten. +Mutherz+ trat nun vor und machte sich kampfbereit[197]. Das Untier kam in raschem Lauf auf ihn zu; aber als es sah, daß man ihm zu widerstehen entschlossen war, da zog es sich zurück und ließ sich nicht mehr blicken.
Bald kamen sie an eine Stelle, wo über die ganze Breite des Weges eine Grube aufgeworfen war; doch ehe sie sich anschicken konnten hinüberzugehen, überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis, so daß sie nichts vor sich sehen konnten. „Ach,“ riefen die Pilger aus, „was sollen wir nun tun?“
„Fürchtet euch nicht,“ sprach der Führer, „und wartet ruhig ab, bis uns auch aus dieser Not wird geholfen werden!“ Also blieben sie stehen, weil ihr Pfad versperrt war, und es war ihnen, als hörten sie nun um so deutlicher das Geschrei und Toben der Feinde. Auch das Feuer und der Rauch aus dem Abgrund konnten immer besser unterschieden werden.
„Nun sehe ich,“ sagte +Christin+ zu +Barmherzig+, „wo mein armer Mann hat hindurchgehen müssen, und zwar ganz allein und das bei Nacht. Die höllischen Geister machten sich an ihn heran, als ob sie ihn in Stücke zerreißen wollten. Ich habe früher viel von diesem +Tal der Todesschatten+ gehört; aber man kann es sich nicht recht vorstellen, bis man selber hineingekommen ist. Das Herz kennt sein eigen Leid, und in seine Freude kann sich kein Fremder mengen (Spr. 14, 10). Es ist schrecklich, hier zu sein.“
+Mutherz.+ Hier ist’s, als wenn man mit großen Wassern zu kämpfen hätte und in die Tiefe hinunter müßte; es ist, als ob man auf dem Grund des Meeres säße oder in die Klüfte der Berge versänke, ja als ob die Riegel der Berge sich über uns für immer verschlossen hätten. Aber „+die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint, die sollen hoffen auf den Namen des Herrn und sich verlassen auf ihren Gott+“ (Jes. 50, 10). Was mich betrifft, so habe ich euch schon gesagt, daß ich des öftern durch dieses Tal gekommen bin und dabei viel Schwereres zu bestehen gehabt habe als jetzt, und doch stehe ich, wie ihr seht, noch vor euch. Es sei jedoch ferne von mir, mich zu rühmen, als allein dessen, der mich aus dem allem erlöst hat, und ich bin der guten Zuversicht, daß auch uns wird herrlich geholfen werden. Kommt, laßt uns den um Licht anrufen, der unsre Finsternis erleuchten kann und nicht nur dieses, sondern alle Teufel der Hölle daniederzuschlagen vermag.
Da schrien sie und beteten, und Gott sandte ihnen Licht und Rettung, so daß sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Doch sie hatten das Ende des Tales noch nicht erreicht und wurden durch den entsetzlichen Gestank und die widerlichen Gerüche, die hier entstanden, sehr belästigt.
„Wahrlich,“ sagte +Barmherzig+ zu +Christin+, „das ist kein so angenehmer Aufenthaltsort wie an der Pforte oder bei dem Ausleger oder in unsrer letzten Herberge.“
„Gewiß,“ erwiderte einer der Knaben, „aber es ist immerhin noch nicht so schlimm hier durchzugehen, als hier zu bleiben. Und daß wir diesen Weg nehmen müssen, wird dazu dienen, daß uns unsre zukünftige Heimat um so lieblicher erscheinen wird.“
+Mutherz.+ Ganz recht, +Samuel+, jetzt hast du wie ein Mann geredet.
„Ja, wenn ich von dannen wieder herauskomme,“ fuhr der Knabe fort, „werde ich wohl das Licht und einen guten Weg höher schätzen als je in meinem ganzen Leben.“
+Mutherz.+ Wir haben nun den größten Teil dieses Tales hinter uns.
„Kann man das Ende noch nicht sehen?“ fragte nach einer Weile +Joseph+.
„Gib lieber acht auf deine Füße,“ antwortete der Führer, „daß du nicht in einen Fallstrick gerätst, deren auf diesem Wege viele gelegt sind.“ Sehr behutsam zogen sie weiter, aber trotzdem machten ihnen diese Schlingen viel zu schaffen.
Ein wenig abseits auf der linken Seite des Weges sahen die Pilger einen Mann in einer Grube liegen, dessen Körper ganz zerfleischt und zerrissen war. „Das ist +Unachtsam+,“ sagte der Führer, „er liegt schon lange hier. Während er gefangen und erschlagen wurde, gelang es seinem Begleiter, namens +Achtsam+, zu entfliehen. Schon viele sind in dieser Gegend getötet worden, und gleichwohl sind die Leute so verwegen und leichtsinnig, daß sie sich ohne Führer auf die Pilgerfahrt begeben. Es ist ein Wunder, daß +Christ+ hier durchkam. Aber er war seinem Gott lieb, und er hatte ein mutiges Herz, sonst wär’s ihm nimmer gelungen.“
Sie näherten sich nun dem Ende des Tales. Da, wo +Christ+ seinerzeit eine Höhle gesehen, trat ein Riese namens +Hammer+ hervor. Dieser pflegte die jungen Pilger durch seine trügerischen Reden hinter das Licht zu führen. Er rief mit lauter Stimme: „Herr +Mutherz+, habe ich dir nicht schon oft verboten, diese Dinge zu treiben?“ -- „Was denn für Dinge?“ fragte +Mutherz+.
„Das weißt du recht wohl,“ antwortete der Riese, „aber ich will dir nun ein für allemal das Handwerk legen.“
„Aber, bitte,“ sagte Herr +Mutherz+, „bevor wir miteinander kämpfen, muß ich wissen, wessen du mich beschuldigst!“
Da sprach der Riese: „Du beraubst das Land in Gemeinschaft mit den ärgsten Dieben.“
„Das sind ganz allgemeine Reden,“ erwidert +Mutherz+, „sprich dich deutlicher aus!“
„Du treibst das schändliche Gewerbe eines Seelenverkäufers,“ sagte der Riese, „und lockst Weiber und Kinder an dich und schleppst sie in ein fremdes Land; damit schädigst du das Reich meines Fürsten.“
+Mutherz.+ Ich bin ein Diener des Allerhöchsten. Mein Amt ist, die Sünder zur Buße zu rufen. Es ist meine heilige Pflicht, Männer, Frauen und Kinder aus der Finsternis zum Licht zu führen und aus der Gewalt Satans zu Gott. Und wenn nun dieses der Grund deines Scheltens ist, wohlan, so will ich es mit dir ausfechten, sobald du willst.
Alsbald kam der Riese mit seiner Keule heran, +Mutherz+ zog sein Schwert und ging ihm entgegen. Der Kampf begann, und der Riese schlug +Mutherz+ mit dem ersten Streich nieder, daß er aufs Knie sank. Da schrien die Frauen und Kinder laut auf. +Mutherz+ erhob sich indessen schnell wieder, griff den Riesen noch einmal tapfer an und verwundete ihn an seinem Arm. So stritten sie miteinander bei einer Stunde mit großer Heftigkeit, daß der Atem aus des Riesen Nasenlöchern hervorbrach wie der Dampf aus einem kochenden Kessel.
Darauf hielten sie einen Augenblick inne, +Mutherz+ aber wandte sich zum Gebet. Auch die Frauen und Kinder taten, solange der Kampf währte, nichts andres als seufzen und schreien. Nachdem sie Atem geschöpft und sich ein wenig erholt hatten, fielen sie wieder aufeinander los, und diesmal streckte +Mutherz+ den Riesen mit einem wuchtigen Schlag zu Boden.
„Halt!“ schrie dieser. „Laß mich doch noch einmal aufkommen!“ +Mutherz+, ein Ritter, wie er war, ließ ihn nochmals gewähren, und von neuem begann der Kampf. Es fehlte wenig, so hätte ihm jetzt der Riese mit seiner Keule den Schädel zerschmettert. Als +Mutherz+ dies gewahrte, drang er mit der vollen Hitze seines Mutes auf den Gegner ein und traf ihn unter der fünften Rippe. Da fing der Riese an zu wanken und vermochte seine Keule nicht länger zu schwingen. +Mutherz+ schlug ihn vollends nieder und hieb ihm den Kopf ab. Hierüber jauchzten die Frauen und Kinder vor Freuden, und +Mutherz+ pries Gott für den Sieg, den Er ihm gegeben hatte.
Sie richteten nun miteinander eine Säule auf und hefteten des Riesen Haupt daran; darunter aber schrieben sie, so daß es alle Vorübergehenden lesen konnten:
Beschaue dir dies Bild und sprich: Gott sei gepriesen, Der Seiner Pilgerschar so großes Heil erwiesen! Der, dem dies Haupt einst war, gar manchen grausam trog, Verletzte, brachte um, der hier vorüberzog, Bis Führer +Mutherz+ ihm, ein Pilgerfreund ohn’ Zagen, Nach tapferm, heißem Strauß den Kopf vom Leib geschlagen.
Fußnoten:
[192] Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet sich genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns genügen (1. Tim. 6, 6-8).
[193] Jakob kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn; auch hat er ihn ja zu Beth-El gefunden (Hos. 12, 5). Maria sprach zu dem Engel Gabriel: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (Luk. 1, 38).
[194] Da der Kaufmann, der gute Perlen suchte, eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie (Matth. 13, 45. 46).
[195] Es ist mir lieb, daß Du mich gedemütigt hast, daß ich deine Rechte lerne (Ps. 119, 71).
[196] Jesus spricht: Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen (Matth. 11, 29).
[197] Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widerstehet, fest im Glauben! (1. Petr. 5, 8. 9.)
Siebentes Kapitel.
Redlich, ein treuer Mitpilger.
Der Weg führte nun über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck aufgeworfen war, damit die Pilger hier einige Aussicht hätten. Es war derselbe Hügel, von wo aus einst +Christ+ seinen Freund +Getreu+ erblickte. Allda hielten sie kurze Rast, aßen und tranken von dem, was sie bei sich hatten, und ihre Herzen waren voll Lob und Dank gegen Gott ob all Seiner herrlichen Durchhilfe.
„Herr +Mutherz+,“ redete +Christin+ den Führer an, „hast du aus dem Kampf mit dem Riesen keine Verletzung davon getragen?“
„Nein,“ antwortete er, „außer einer kleinen Wunde habe ich keinen Schaden erlitten. Sie soll mir als Ehrenzeichen gelten, und ich freue mich, daß ich meiner Liebe zu meinem Herrn Ausdruck verleihen durfte, indem ich mein Leben für euch aufs Spiel setzte. Ich weiß, es wird mir dies auch nicht unbelohnt bleiben.“
+Christin.+ Aber, lieber Herr, ist dir denn gar nicht bange geworden, als du ihn mit seiner Keule herankommen sahst?
+Mutherz.+ Ich habe gelernt, von meiner eigenen Kraft ganz abzusehen und allein auf +den+ meine Zuversicht zu setzen, der stärker ist als alle.
+Christin.+ Aber wie war dir zumute, als er dich mit dem ersten Hieb zu Boden brachte?
+Mutherz.+ Nun, ich dachte, daß meinem Herrn dasselbe widerfahren sei, und daß Er dennoch zuletzt überwunden habe[198].
+Matthäus.+ Was du auch gedacht haben magst, das eine ist gewiß, daß Gottes Güte sich wunderbar an uns erwiesen hat, indem Er uns aus der Hand unsrer Feinde errettet und uns wohlbehalten aus diesem Tal herausgebracht hat. Nein, angesichts solcher Tatsachen sehe ich wahrlich keinen Grund, warum wir je an Gottes Liebe zweifeln sollten.
Die Pilger brachen nun wieder auf und zogen weiter. Sie kamen bald an einer Eiche vorüber, unter der sie einen alten Pilger in tiefem Schlaf fanden. Daß er ein Pilger war, erkannten sie an seinem Kleid, Gürtel und Stab. Der Führer weckte ihn auf. Der alte Herr fuhr aus seinem Schlaf und rief: „Was gibt’s? Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
+Mutherz.+ Nur nicht so hitzig, mein Freund! Du hast von uns nichts zu befürchten.
Dennoch sprang der alte Mann auf und blieb auf der Hut, bis er wußte, wer sie wären. Da sprach der Führer: „Mein Name ist +Mutherz+; ich bin der Führer dieser Pilger, die nach der himmlischen Stadt ziehen.“
„Ach, verzeiht mir,“ sagte Herr +Redlich+ (denn so hieß er), „ich fürchtete, ihr könntet von der Bande sein, die vor einiger Zeit dem +Kleinglauben+ all sein Geld raubte; aber ich sehe, daß ihr ehrliche Leute seid.“
+Mutherz.+ Nun, wenn wir wirklich zu jener Bande gehört hätten, was würde es dir genützt haben, gegen uns anzugehen?
+Redlich.+ Was es mir genützt hätte? Ei, ich hätte gekämpft auf Tod und Leben, und ich bin gewiß, daß ich nicht unterlegen wäre. Denn ein Christ kann nimmermehr überwunden werden, es sei denn, daß er klein beigibt.
+Mutherz.+ Du hast die Wahrheit gesagt, Vater +Redlich+; daraus erkenne ich, daß du einer von der rechten Art bist.
+Redlich.+ Und ich merke ebenfalls, daß du weißt, was es mit der rechten Pilgerschaft auf sich hat; denn es ist die Meinung weitverbreitet, als ob wir gar leicht über den Haufen zu werfen seien.
+Mutherz.+ Da wir so glücklich sind, einander hier zu treffen, so laß mich doch, bitte, deinen Namen und deine Herkunft wissen!
+Redlich.+ Meinen Namen, den kann ich dir nicht sagen; aber ich bin aus der Stadt +Stumpfsinn+ gebürtig, die nur etwa vier Stunden hinter der Hauptstadt +Verderben+ liegt.
+Mutherz.+ So, das ist dein Geburtsort? Dann meine ich, so halb und halb erraten zu können, wer du bist. Dein Name ist +alte Redlichkeit+, ist’s nicht so?
„+Redlichkeit+ zwar nicht,“ sagte der alte Herr errötend, „sondern +Redlich+ ist mein Name, und ich wünschte, daß mein Wesen mit diesem mir beigelegten Namen übereinstimmte. Aber, Herr, wie konntest du erraten, daß ich dieser Mann sei, bloß weil ich dir meine Vaterstadt nannte?“
+Mutherz.+ Durch meinen Herrn habe ich schon von dir gehört, denn Er weiß alles, was auf Erden geschieht. Ich hätte es kaum je für möglich gehalten, daß jemand aus diesem Ort sich auf die Pilgerfahrt begeben würde; denn die Stadt +Stumpfsinn+ übertrifft an Gottlosigkeit selbst die Hauptstadt +Verderben+.
+Redlich.+ Ja, wir liegen noch weiter ab von der Sonne, und sind daher kälter und unempfindlicher. Aber wohnte einer gleich mitten in einem Eisberg, so müßte dennoch sein erstarrtes Herz auftauen, sobald die Sonne der Gerechtigkeit über ihm aufgeht. Und so ist es mir gegangen.
+Mutherz.+ Ich glaub’s, Vater +Redlich+, ich glaub’s; denn ich weiß, daß dies wahr ist[199].
Der alte Herr wandte sich hierauf zu den Pilgern; er grüßte sie alle aufs herzlichste, fragte sie nach ihrem Namen und wie es ihnen bisher auf ihrer Pilgerreise ergangen sei.
„Ich denke,“ hob +Christin+ an, „meinen Namen hast du schon nennen hören, denn der liebe +Christ+ war mein Mann, und diese vier Knaben sind seine Kinder.“
Über dieser Mitteilung geriet der Alte fast außer sich vor Freude; er lachte und sprang und bewillkommte sie mit tausend Segenswünschen. „Ja,“ sprach er, „von deinem Mann habe ich vieles gehört, von seiner Reise und seinen Kämpfen, die er bei seinen Lebzeiten erduldet. Ich kann dir versichern, der Name deines Mannes hat überall einen guten Klang; sein Glaube, sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine Treue haben ihn berühmt gemacht.“
Nachdem er nun die Namen der Knaben erfahren, sprach er zu ihnen: „+Matthäus+, werde du Matthäus, dem Zöllner, gleich, nicht in der Sünde, sondern in der Nachfolge! (Matth. 9, 9.) +Samuel+, sei du gleich dem Propheten Samuel, der ein Mann des Glaubens und des Gebets war! (1. Sam. 7, 8. 9.) +Joseph+, sei du keusch wie Joseph in des Potiphars Haus und fliehe die Versuchung! (1. Mos. 39.) Und du, +Jakob+, tritt in die Fußstapfen des Jakobus, des Gerechten, des Bruders unsers Herrn!“ (Gal. 1, 19.)
Auch von +Barmherzig+ wurde ihm erzählt, wie sie ihre Heimat und Freundschaft verlassen hätte, um +Christin+ und ihre Söhne zu begleiten. Und der alte +Redlich+ sprach zu ihr: „+Barmherzig+ ist dein Name; Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang, und du wirst einst den Herrn, die Quelle der Barmherzigkeit, schauen von Angesicht zu Angesicht.“
Der Führer +Mutherz+ hatte seine herzliche Freude an diesem neuen Reisegefährten, und während sie miteinander gingen, hatten sie folgendes Gespräch:
+Mutherz.+ Vater +Redlich+, hast du nicht auch einen gewissen Herrn +Ängstlich+ gekannt, der aus deiner Gegend auf die Pilgerschaft gezogen ist?
+Redlich.+ Ja, ich kannte ihn sehr wohl. Er war ein Mann, der das +eine+ besaß, das not tut; aber er war einer der ängstlichsten Pilger, die ich je in meinem Leben getroffen habe.
+Mutherz.+ Ich merke wohl, du kennst ihn, denn du hast ihn ganz richtig geschildert.
+Redlich.+ Wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich bin lange Zeit sein Gefährte gewesen, und wir sind ein gutes Stück Weges miteinander gepilgert. Schon in den ersten Anfängen seines neuen Lebens hatte ich Umgang mit ihm.