Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 21

Chapter 213,873 wordsPublic domain

+Barmherzig+ entdeckte darauf diese Sache den Jungfrauen des Hauses und erkundigte sich nach ihm, denn sie kannten ihn besser als sie. Da erhielt sie den Bescheid, er sei ein sehr fleißiger junger Mann, der auch für fromm gelten wolle, aber, wie sie befürchteten, die Kraft eines gottseligen Lebens nicht kenne.

„Nein, wenn es so mit ihm steht,“ sagte +Barmherzig+ „so will ich keinen Blick mehr auf ihn werfen, denn ich kann meiner Seele keinen Hemmschuh anlegen.“

+Weisheit+ erwiderte ihr: „Es bedarf keines besondern Mittels, ihn abzuschrecken, denn wenn du wie bisher in deiner Liebestätigkeit für die Armen fortfährst, so wird dies seine Liebe schnell abkühlen.“

Als Herr +Tätig+ das nächstemal wiederkam, fand er sie bei ihrer gewöhnlichen Arbeit, Kleidungsstücke für Bedürftige zu nähen.

„Wie,“ sagte er, „immer so fleißig?“

„Ja,“ antwortete sie, „entweder für mich oder für andre.“

„Und wieviel kannst du täglich wohl verdienen?“ fragte er.

„Ich tue dies,“ erwiderte sie, „+um reich zu werden an guten Werken, Schätze zu sammeln, mir selbst einen guten Grund aufs Zukünftige, daß ich ergreife das wahre Leben+“ (1. Tim. 6, 18. 19).

„Wie das,“ fragte er, „was tust du denn damit?“

„Die Nackenden bekleiden,“ antwortete sie.

Auf diese Worte veränderte sich seine Miene, er wandte ihr den Rücken und kam nicht wieder. Und als man ihn nach dem Grund seines Wegbleibens fragte, sagte er, +Barmherzig+ wäre wohl ein hübsches Mädchen, aber sie habe doch sehr überspannte Grundsätze.

Nachdem er sie verlassen hatte, sprach +Weisheit+: „Sagte ich’s dir nicht, daß Herr +Tätig+ bald von dir ablassen würde? Ja, er wird dir noch einen üblen Namen machen, denn trotz seines vorgeblichen Christentums und seiner scheinbaren Liebe zur +Barmherzigkeit+, seid ihr von so verschiedener Gesinnung, daß ich glaube, ihr werdet nie miteinander übereinstimmen.“

+Barmherzig.+ Es hat schon mehr als einer um mich geworben, worüber ich jedoch bisher noch mit niemand gesprochen habe; aber keinem wollten meine Grundsätze gefallen, obschon sie an meiner Person nichts zu tadeln fanden. So konnte es zu keiner Verbindung kommen.

+Weisheit.+ Obwohl man heutzutage gern von Werken der Barmherzigkeit spricht, wollen sich doch die wenigsten mit der Ausübung derselben befassen.

+Barmherzig.+ Nun wohl, wenn niemand mich haben will, so will ich als Jungfrau sterben oder meine Grundsätze sollen mir Gattenstelle vertreten; ich kann meine Natur nicht ändern. Und einen Mann zu nehmen, der mir in meinem Tun hinderlich wäre, zu dem kann ich mich nie und nimmer entschließen. Meine Schwester +Wohltätig+ war an einen solchen habsüchtigen Menschen verheiratet; sie konnten sich aber nie miteinander vertragen. Da sie sich aber nicht davon abbringen ließ, die Armen und Elenden zu unterstützen, so brachte ihr Mann sie zuerst öffentlich in übeln Ruf, und schließlich jagte er sie zum Haus hinaus.

+Weisheit.+ Und dabei gab er sich für fromm aus, nicht wahr?

+Barmherzig.+ Ja, fromm auf seine Weise und in der Art, wie die Welt ihrer jetzt voll davon ist. Ich aber passe zu keinem von ihnen allen.

In dieser Zeit wurde +Matthäus+, +Christins+ ältester Sohn, krank, und seine Krankheit griff ihn heftig an, denn er hatte große Schmerzen in seinen Eingeweiden. Nicht weit von dort wohnte ein alter, wohlbewährter Arzt, Herr +Geschickt+. Nach diesem schickte +Christin+. Er kam und trat in das Zimmer, und als er den Knaben eine Weile beobachtet hatte, erkannte er, daß dieser an Leibschmerzen leide[185], und er sprach zu seiner Mutter: „Was hat der Knabe zuletzt genossen?“

+Christin+ antwortete: „Er hat nichts Schädliches genossen.“

+Geschickt.+ Der Knabe hat irgend etwas gegessen, das noch unverdaut im Magen liegt und das von selbst nicht weichen wird. Er muß nun entweder ein Abführungsmittel einnehmen oder daran sterben.

„Mutter,“ rief +Samuel+, „was war es doch, was mein Bruder am Eingang dieses Weges nahe bei der Pforte abpflückte und aß? Weißt du, dort war ein Obstgarten zur Linken, auf der andern Seite der Mauer; da hingen einige Zweige darüber herunter, von diesen Früchten hat mein Bruder gepflückt und gegessen.“

+Christin.+ Du hast recht, mein Kind, er nahm davon und aß, der unartige Knabe; denn ich verwies es ihm, und er wollte doch nicht davon ablassen.

+Geschickt.+ Ich merkte es wohl, daß er etwas Ungesundes gegessen hat, und jene Früchte sind eben die allerschädlichsten. Es sind Früchte aus +Beelzebubs+ Garten. Mich wundert’s, daß niemand ihn davon abgehalten hat; viele sind schon daran gestorben.

Da fing +Christin+ an zu weinen und rief aus: „O du böser Knabe und o ich sorglose Mutter! Was soll ich nun für meinen Sohn tun?“

+Geschickt.+ Nun, verzage nicht! Es kann mit dem Knaben wieder besser werden; aber er muß abführen und brechen.

+Christin.+ Ich bitte dich, lieber Herr, versuche deine ganze Kunst an ihm, es koste, was es wolle.

+Geschickt.+ Nun, die Kosten sollen dich nicht drücken.

Herr +Geschickt+ gab also dem Knaben ein Abführungsmittel; es war bereitet aus Bocksblut, der Asche einer jungen Kuh und etwas Saft von Isop (Hebr. 9, 13. 19; 10, 1-4). Dieses Mittel erwies sich aber als zu schwach, so bereitete er ihm ein wirksameres[186], nämlich aus dem Leib und Blut Christi (Joh. 6, 54-57). Ein oder zwei Verheißungen[187] mit einer entsprechenden Quantität Salz[188] wurden beigegeben und das Ganze zu Pillen gemacht, und zwar sollte er dreimal täglich davon nehmen, bei strengem Fasten, in einem halben Viertelmaß Bußtränen. (Ihr wißt ja, Ärzte geben ihren Kranken oft seltsame Arzneien.) Als diese Arznei fertig war und dem Knaben gereicht wurde, wollte er sie zuerst nicht nehmen, wiewohl er von schrecklichen Leibschmerzen gepeinigt war, als ob es ihn in Stücke zerreißen wollte.

„Komm, komm,“ sagte der Arzt, „du mußt es jetzt einnehmen!“

„Es ekelt mir davor!“ erwiderte der Junge.

„Es muß sein; ich will, daß du es nimmst,“ sagte die Mutter.

„Ich werde es wieder von mir geben müssen,“ versetzte der Knabe.

„Bitte, lieber Herr,“ sprach +Christin+ zu Herrn +Geschickt+, „wie schmeckt es denn?“

„Gar nicht übel,“ antwortete der Doktor. Da kostete sie eine der Pillen mit der Spitze ihrer Zunge.

„O +Matthäus+,“ sagte sie, „die Pillen schmecken gar nicht bitter! Wenn du deine Mutter liebhast, wenn du deine Brüder liebhast, wenn du +Barmherzig+ liebhast, ja wenn du dein Leben liebhast, so nimm sie!“

So nahm er sie denn nach vielem Zureden und einem kurzen Gebet um Gottes Segen, und das Mittel tat seine Wirkung. Es brachte ihn in einen ruhigen Schlaf und gehörigen Schweiß und befreite ihn völlig von seinen Leibschmerzen. Bald stand er wieder auf und ging an einem Stock umher und unterhielt sich mit +Weisheit+, +Gottesfurcht+ und +Liebe+ von seiner Krankheit und wie er war gesund geworden.

Als nun der Knabe gesund war, sprach +Christin+ zu dem Arzt: „Herr, womit soll ich deine Mühe und die Sorge mich und mein Kind vergelten?“

Er antwortete: „Den Lohn mußt du dem Meister aller Ärzte entrichten nach den Vorschriften, die Er für diesen Fall geboten und verordnet hat[189].“

+Christin.+ Mein Herr, wozu ist dieses Mittel sonst noch gut?

+Geschickt.+ Es ist ein Universalmittel und gut gegen jegliches Übel, das einem Pilger begegnen kann, und wenn es wohl zubereitet ist, so hält es sich auch durch die Länge der Zeit hindurch, ohne zu verderben.

+Christin.+ Bitte, lieber Herr, bereite mir zwölf Schachteln voll von diesen Pillen; denn wenn ich mit dieser Arznei hinreichend versehen bin, brauche ich mich nach keiner andern mehr umzusehen.

+Geschickt.+ Dieses Mittel ist ebenso gut, Krankheiten vorzubeugen wie sie zu heilen. Ja, ich darf’s sagen und stehe dafür ein, daß, wenn jemand öfteren Gebrauch davon macht, er dadurch wird leben ewiglich[190]. Doch, das merke dir, liebe +Christin+, daß diese Pillen nur in der vorgeschriebenen Weise eingenommen werden dürfen, wenn sie zum Segen ausschlagen sollen.

Also überreichte er +Christin+ für sich, ihre Knaben und +Barmherzig+ von dieser Arznei, ermahnte +Matthäus+, sich in Zukunft vor schädlichen Früchten zu hüten, nahm alsdann Abschied von ihnen und ging seines Weges.

Wie schon zuvor erwähnt, hatte +Weisheit+ sich den Knaben angeboten, ihnen auf allerlei nützliche Fragen zu antworten. So fragte nun +Matthäus+, der eben krank gewesen, warum doch die meisten Arzneien dem Gaumen bitter wären.

+Weisheit.+ Um zu zeigen, wie unwillkommen das Wort Gottes und seine Wirkungen für ein fleischlich gesinntes Herz sind.

+Matthäus.+ Warum pflegt die Arznei, wenn sie wirksam ist, Ausleerung und Erbrechen zu verursachen?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß, wenn das Wort kräftig wirkt, es Herz und Sinn reinigt, denn siehe, was das eine am Leib tut, das tut das andre an der Seele.

+Matthäus.+ Was sollen wir dabei lernen, wenn wir sehen, daß die Flamme des Feuers immer in die Höhe steigt, während aber die Strahlen der Sonne und ihre angenehme Wärme nach unten wirken?

+Weisheit.+ An dem Aufsteigen der Feuerflammen können wir lernen, wie wir mit inbrünstigem Verlangen nach dem Himmel trachten sollen. Daran aber, daß die Sonne ihre Strahlen und ihre belebende Wärme nach unten sendet, lernen wir, daß der Heiland der Welt, obgleich hoch erhaben, sich dennoch mit Seiner Gnade und Liebe zu uns herabläßt.

+Matthäus.+ Woher haben denn die Wolken ihr Wasser?

+Weisheit.+ Aus dem Meer.

+Matthäus.+ Was können wir hieraus lernen?

+Weisheit.+ Daß die Diener am Wort ihre Lehre von Gott haben sollen.

+Matthäus.+ Warum entladen sich die Wolken auf die Erde?

+Weisheit.+ Um darauf hinzuweisen, daß die Diener am Wort das von Gott Empfangene der Welt mitteilen sollen.

+Matthäus.+ Warum entsteht der Regenbogen durch die Sonne?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß der göttliche Gnadenbund uns in Christus versiegelt ist.

+Matthäus.+ Warum kommen die Quellen aus den Meeren durch die Erde zu uns?

+Weisheit.+ Um damit anzuzeigen, daß die Gnade Gottes durch den Leib Christi zu uns kommt.

+Matthäus.+ Warum entspringen manche Quellen auf dem Gipfel hoher Berge?

+Weisheit.+ Um zu zeigen, daß der Geist der Gnade ebensowohl in einigen der Hohen und Mächtigen wie in vielen Armen und Geringen hervorquellen will.

+Matthäus.+ Warum haftet das Feuer an dem Docht des Lichtes?

+Weisheit.+ Zu zeigen, daß, wenn die Gnade nicht das Herz entzündet, kein wahres Licht des Lebens in uns ist.

+Matthäus.+ Warum werden Docht, Talg und alles verzehrt, um das Licht auf dem Leuchter zu unterhalten?

+Weisheit.+ Um damit anzuzeigen, daß Leib und Seele und alles, was wir sind und haben, der in uns wirkenden Gnade Gottes zur Verfügung stehen und wir uns ihr zuliebe ganz verzehren sollen, um sie bei uns kräftig zu erhalten.

+Matthäus.+ Warum reißt sich der Pelikan mit seinem Schnabel die eigene Brust auf?

+Weisheit.+ Damit er seine Jungen mit seinem eigenen Blut ernähre und uns lehre, daß Christus, der Hochgelobte, Seine Küchlein, das ist Sein Volk, also liebt, daß Er es durch Sein Blut vom Tod erlöst.

+Matthäus.+ Was können wir daraus lernen, wenn wir einen Hahn krähen hören?

+Weisheit.+ Es soll uns erinnern an des Petrus Verleugnung und seine Reue. Der Hahnenschrei kündet auch den anbrechenden Tag an; so werde dadurch eingedenk des letzten schrecklichen Tages des Gerichts!

Nachdem die Pilger sich allhier einen Monat aufgehalten hatten, teilten sie ihren Gastgebern mit, daß es nun an der Zeit sei, bald wieder weiterzuziehen.

Da sprach +Joseph+ zu seiner Mutter: „Vergiß nicht, jemand nach dem Hause des Herrn +Auslegers+ zu senden und ihn zu bitten, daß er uns auf unserm übrigen Weg wieder Herrn +Mutherz+ als Geleitsmann mitgebe.“

„Du liebes Kind,“ sagte sie, „das hätte ich beinahe vergessen.“

Also setzte sie eine Bittschrift auf und bat den Pförtner +Wachsam+, diese durch einen zuverlässigen Boten an ihren treuen Freund, Herrn +Ausleger+, zu übermitteln. Als dieser die Schrift empfangen und gelesen hatte, sprach er zu dem Boten: „Gehe hin und sage ihnen, daß ich ihn senden wolle.“

Wie nun die Zeit des Abschieds nahte, versammelten sich alle Glieder des Hauses, um ihrem König Dank zu sagen, daß Er ihnen so werte Gäste zugeschickt; und sie sprachen alsdann zu +Christin+: „Sollen wir dir, wie wir’s den Pilgern zu tun pflegen, nicht auch etwas zeigen, worüber du dann auf dem Wege nachdenken kannst?“

So führten sie +Christin+, ihre Knaben und +Barmherzig+ in ein Gemach und zeigten ihnen eine Frucht. Und sie fragten +Christin+: „Weißt du, was das ist?“ Sie antwortete: „Ich weiß es nicht, entweder ist es Speise oder Gift.“ Nun wurde ihr gesagt, es sei eine von den Früchten, von denen Eva gegessen und wovon sie auch ihrem Mann gegeben, daß er aß, und um deswillen sie beide aus dem Paradies hatten weichen müssen (1. Mos. 3, 6 ff.). Da hob +Christin+ erschreckt die Hände in die Höhe über dem Ernst der Sünde.

Von hier wurden sie an einen andern Ort gebracht, wo sie Jakobs Leiter (1. Mos. 28, 12) sehen durften, und siehe, Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Alsbald wollten sie weitergehen, um den Pilgern noch etwas andres zu zeigen, da sagte +Jakob+ zu seiner Mutter: „Bitte, sage ihnen, daß sie hier doch ein wenig länger verweilen, denn dies ist gar merkwürdig anzusehen!“ Sie kehrten wieder um und blieben stehen und weideten ihre Augen an dem so lieblichen Bild.

Weiter kamen sie in einen Saal, wo ein goldener Anker hing. „Nimm ihn herunter,“ sprachen sie zu +Christin+, „ihr sollt ihn mit euch nehmen, denn er ist euch durchaus notwendig, daß ihr ihn haltet als einen festen Anker eurer Seelen, der auch hineingeht in das Inwendige des Vorhangs (Hebr. 6, 19), und damit ihr unbeweglich dasteht, wenn euch Sturm und Ungewitter überfallen[191].“ Mit großer Freude nahmen sie diese Gabe an.

Alsdann führte man sie auf den Berg, auf welchem Abraham, unser Vater, seinen Sohn Isaak darbrachte, und man zeigte ihnen den Altar, das Holz, das Feuer und das Messer, denn sie sind noch zu sehen bis auf diesen Tag (1. Mos. 22). Als sie das gesehen hatten, hoben sie ihre Hände auf und priesen sich selig und sprachen: „O welch ein Mann der Liebe zu seinem Herrn und in der Verleugnung seiner selbst war Abraham!“

+Weisheit+ brachte hierauf die Pilger in den Speisesaal, wo ein vortreffliches Saiteninstrument stand. Darauf spielte sie und sang dazu das Lied von dem, was sie soeben gesehen:

Ihr habet sie gesehen, die lockendschöne Frucht, Wovon das erste Elternpaar genossen Und so das Paradies der Menschheit zugeschlossen; Bedenkt es wohl, wenn Satan euch versucht!

Wie waret ihr entzückt ob Jakobs Himmelsleiter; Das Herz hinaufgeschickt, -- wallt eure Straße weiter!

Der Anker, den wir euch zum Troste mitgegeben, Er spendet große Kraft in Not und in Gefahr. Wie Vater Abraham seid willig immerdar Zum Opfer und zum Dienst, gilt es selbst Gut und Leben.

Inzwischen war nun +Mutherz+ angekommen, er meldete sich am Tor und wurde alsbald eingelassen. Mit großem Jubel empfingen ihn die Frauen und Knaben, denn ihnen allen trat aufs neue wieder vor die Seele, wie er den alten Riesen +Blutdurst+ erschlagen und sie von den Löwen errettet hatte.

Mutherz sprach zu +Christin+ und +Barmherzig+: „Mein Herr sendet einer jeden von euch zur Stärkung auf dem Weg eine Flasche Wein und etwas Gebackenes nebst ein paar Granatäpfeln, dazu auch für die Knaben einige Feigen und Rosinen.“

In Begleitung von +Weisheit+ und +Gottesfurcht+ brachen sie nun auf. Am Tor fragte +Christin+ den Pförtner, ob unlängst jemand vorbeigekommen sei.

Er antwortete: „Nein, doch habe ich erfahren, daß vor kurzem auf des Königs Heerstraße, die ihr jetzt ziehen werdet, ein großer Raub verübt worden sei. Die Diebe wären aber ergriffen worden und hätten ihr Verbrechen mit dem Leben einzubüßen.“

Da erschraken +Christin+ und +Barmherzig+, +Matthäus+ aber sagte: „Mutter, fürchte dich nur nicht, solange Herr +Mutherz+ mit uns geht und unser Führer ist!“

„Herr,“ sprach +Christin+ nun zu dem Pförtner, „ich bin dir zu großem Dank verpflichtet für alle deine Liebe und Güte, die du mir und meinen Kindern in dieser ganzen Zeit erwiesen hast. Ich weiß nicht, wie ich dir deine Freundlichkeit vergelten soll. Ich bitte dich, du wollest aber als Zeichen meiner Achtung gegen dich dieses wenige annehmen.“ Damit drückte sie ihm ein Goldstück in die Hand. Er verneigte sich vor ihr und sagte: „+Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln!+ (Pred. 8, 8) +Barmherzig+ möge leben und nicht sterben und ihrer Werke seien viele!“ (5. Mos. 33, 6.) Und zu den Knaben sprach er: „+Fliehet die Lüste der Jugend, jaget nach der Gottseligkeit+ (2. Tim. 2, 22) und haltet euch zu denen, die weise und ehrbar wandeln! So werdet ihr euer Mutter Herz mit Freude erfüllen und von allen Verständigen gepriesen werden.“

Sie dankten dem Pförtner und reisten ab.

Fußnoten:

[184] Dem Volk Israel wurde beim Auszug aus Ägypten geboten: Ihr sollt ein Lamm ohne Fehl schlachten gegen Abend und sollt also das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, mit ungesäuertem Brot, und sollt es mit bittern Kräutern essen (2. Mos. 12, 5-8). Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! (Joh. 1, 29.)

[185] Das sind Gewissensbisse.

[186] Es ist unmöglich, durch Ochsen- und Bocksblut Sünden wegzunehmen (Hebr. 10, 4); das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde (1. Joh. 1, 7).

[187] Ich will dich wieder gesund machen und deine Wunden heilen (Jer. 30, 17).

[188] Es muß ein jeglicher mit Feuer gesalzen werden (Mark. 9, 49).

[189] So lasset uns nun opfern durch Ihn das Lobopfer Gott allezeit, das ist die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen (Hebr. 13, 15).

[190] Jesus spricht: Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch, welches Ich geben werde für das Leben der Welt (Joh. 6, 51).

[191] Du bist der Geringen Stärke, der Armen Stärke in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten wie ein Ungewitter wider eine Wand (Jes. 25, 4).

Sechstes Kapitel.

Im Tal der Demut und der Todesschatten.

Bald hatten sie die Höhe des Berges erreicht, da blieb +Gottesfurcht+ plötzlich sinnend stehen und rief aus: „Ach, ich habe vergessen, was ich +Christin+ und ihrem Gefährten mitgeben wollte; ich will zurückgehen und es holen.“ Also lief sie, um es zu holen. Als sie fort war, dünkte es +Christin+, als höre sie aus einem Wäldchen, das zur rechten Hand ein wenig abseits lag, eine wunderbare Melodie ertönen; sie lauschte und glaubte folgende Worte zu verstehen:

Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; Das zähl’ ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit!

Und während sie noch horchte, kam es ihr vor, als ob eine andre Stimme der ersten antwortete:

Dies laß ich kein Geschöpf mir rauben, dies soll mein einzig Rühmen sein. Auf dies Erbarmen will ich glauben; auf dieses bet’ ich auch allein; Auf dieses duld’ ich in der Not; auf dieses hoff’ ich noch im Tod!

+Christin+ fragte +Weisheit+, von wem denn diese seltsamen Töne kämen.

„Es ist der Gesang der Vögel dieses Landes,“ antwortete sie, „im Frühling, wenn die Blumen hervorkommen und die Sonne warm scheint, kann man sie den ganzen Tag so jubilieren hören (Hohesl. 2, 11. 12). Durch ihre fröhlichen Weisen machen sie die Wälder, Haine und einsamen Plätze zu einem lieblichen Aufenthaltsort, daß es mich oft dorthin zieht, um mich daran zu erbauen. Wir halten aber auch einige zahm in unserm Hause, und sie sind uns in trüben Stunden eine sehr angenehme Gesellschaft.“

Inzwischen war +Gottesfurcht+ wieder angelangt. „Siehe,“ sagte sie zu +Christin+, „hier bringe ich dir eine Abbildung von all den Dingen, die du in unserm Hause gesehen hast. Dadurch kannst du dich zur Stärkung und zum Trost wieder alles dessen erinnern, wenn dir das eine oder andre aus dem Gedächtnis entschwunden ist.“

Nun galt es den Berg hinabzusteigen in das +Tal der Demut+. Der Weg fiel hier steil ab und war schlüpfrig; aber sehr behutsam gingen sie vor und kamen glücklich hinunter. Im Tal angekommen, sprach +Gottesfurcht+ zu +Christin+: „Dies ist der Ort, wo dein Mann auf den bösen Feind +Apollyon+ stieß und wo er den heftigen Kampf mit ihm bestand. Ich weiß, du mußt davon gehört haben. Aber sei nur gutes Mutes! Solange du Herrn +Mutherz+ als Führer und Begleiter bei dir hast, hoffen wir, wirst du besser fortkommen.“

Nachdem +Gottesfurcht+ und +Weisheit+ die Pilger noch der Obhut ihres Führers anbefohlen, wandten sie wieder um.

Also ging +Mutherz+ voran, die Frauen und Kinder folgten ihm nach, und er sprach zu ihnen:

„Wir brauchen uns vor diesem Tal nicht so sehr zu fürchten, denn es kann uns kein Leid geschehen, wofern wir es uns nicht selber durch Unvorsichtigkeit zuziehen. Wohl hatte +Christ+ gegen +Apollyon+ einen harten Stand, doch dies war allein die Folge seiner Fehltritte, die er beim Abstieg des Berges getan hatte. Fehltritte dort bringen nämlich Kämpfe hier, und daher kommt’s auch, daß dies Tal einen so schlechten Ruf hat. Es ist leider so: wenn der gemeine Mann hört, daß an einem bestimmten Ort jemand ein Unfall begegnet ist, so gerät er gleich in den Wahn, daß dort grimmige Feinde und höllische Geister hausen müßten, während es doch die Frucht ihrer eigenen Werke ist, wenn ihnen dergleichen zustößt. Dieses +Tal der Demut+ ist an sich ein ebenso fruchtbarer Ort wie jeder andre, über den die Vögel dahinfliegen; zudem muß hier irgendwo, wie ich meine, eine Inschrift stehen, die uns darüber Auskunft gibt, warum +Christ+ allda so hart bedrängt worden ist.“

Da rief +Jakob+ seiner Mutter zu: „Sieh, dort steht eine Säule, und mir scheint, als ob etwas daran geschrieben stände. Laßt uns hingehen und sehen, was es ist!“ Sie traten hinzu und lasen: „Mögen +Christs+ Fehltritte, die er tat, ehe er hierherkam, und die Kämpfe, die er an diesem Ort zu bestehen hatte, allen Vorübergehenden zur Warnung dienen!“

Hierauf fuhr +Mutherz+ fort: „Es gereicht dies jedoch +Christ+ nicht zu größerer Unehre als so vielen andern, die mit ihm dasselbe Los und Schicksal gehabt haben; denn es ist leichter, diesen Berg zu ersteigen als wieder hinunterzukommen, wie das bei etlichen Bergen in allen Weltteilen der Fall ist. Aber wir wollen von dem lieben +Christ+ nun absehen; denn er ruht jetzt nach wohl erkämpftem Sieg aus. Laßt uns Gott, der im Himmel wohnt, bitten, daß es uns nicht ärger denn ihm ergehe, wenn die Stunde der Prüfung über uns kommt.

Um wieder auf das +Tal der Demut+ zurückzukommen, es ist das beste und fruchtbarste Stück Land in dieser ganzen Gegend. Der Boden ist fett, wie ihr’s an den Wiesen ersehen könnt. Wenn jemand zur Sommerszeit hierherkommt wie wir jetzt und einen Sinn hat für die Schönheiten in Gottes Natur, so muß ihm dieser Anblick zu hoher Freude gereichen. Seht, wie grün das Tal und wie schön es mit Lilien geschmückt ist! Ich habe auch manche Arbeiter gekannt, die in diesem +Tal der Demut+ zu großem Wohlstand gelangt sind; +denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade+ (1. Petr. 5, 5). In der Tat, es ist ein erstaunlich fruchtbarer Boden und bringt überflüssig ein. Mancher hat daher schon gewünscht, daß dies der nächste Weg zu seines Vaters Haus wäre und es keine weiteren Hügel und Berge mehr zu übersteigen gäbe; aber man ist hier eben noch auf dem Weg und nicht am Ende.“

Während sie noch also miteinander redeten, gewahrten sie einen Knaben, der seines Vaters Schafe hütete. Seine Kleidung war sehr dürftig, er hatte aber ein frisches, munteres Aussehen, und wie er so dasaß, sang er für sich ein Lied.

„Horcht,“ sagte +Mutherz+, „auf das, was der Hirtenknabe singt!“ Sie horchten, und er sang:

Mich führt durch Licht und Nächte des guten Hirten Hand; Er lehrt mich Seine Rechte in diesem Pilgerland.