Pflanzenleben in Feld und Garten
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1910 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Die Buchanzeigen wurden der Übersichtlichkeit halber am Ende des Texts gesammelt dargestellt. Der Verweis auf das siebte Vollbild, welches ein rankendes Geißblatt zeigt, wurde dem Sinn entsprechend von der Überschrift der Lektion 14 (‚Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern‘) zur Kapitelüberschrift 13 (‚Kletterpflanzen‘) verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Kinderaugen in der Natur
Drittes Buch
Pflanzenleben in Feld und Garten
Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)
Einzige autorisierte Übertragung von Oberstudienrat Dr. Fritz Kriete in Halle und Oberstudiendirektor Dr. Otto Rabes in Nordhausen
Mit 8 bunten Vollbildern und 16 Illustrationen im Texte
Dritte Auflage (11.-14. Tausend)
Halle a. S. Hermann Gesenius
Vorwort.
Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.
Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.
Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant -- nicht rein beschreibend -- gestaltet.
Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu +eigenen+ Beobachtungen anregt.
Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundlitteratur als nützlich zu erweisen.
=Kriete. Rabes.=
Inhalt.
Seite
Vorwort 3
Lektion 1. Das Hirtentäschelkraut 7
„ 2. Die Arbeit der Blätter 9
„ 3. Die Geschichte einer Kohlrübe 13
„ 4. Wie ein Samenkorn wächst 17
„ 5. Wie sich neue Samen bilden 20
„ 6. Wie die Insekten helfen 25
„ 7. Früchte, die wir als Gemüse essen 29
„ 8. Der Kohlkopf 32
„ 9. Wie die Pflanzen sich schützen 35
„ 10. Feldblumen und Gartenblumen 39
„ 11. Die Rosenblütler und ihre Früchte 43
„ 12. Die Taubnessel und die Erbsenblüte 47
„ 13. Kletterpflanzen 50
„ 14. Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern 55
„ 15. Unterirdische Gemüse 59
„ 16. Wie der Samen wandert 63
Drittes Buch.
Pflanzenleben in Feld und Garten.
Lektion 1.
Das Hirtentäschelkraut.
(Erstes Vollbild.)
Es ist sieben Uhr an einem lieblichen Sommermorgen. Heraus aus dem Bett und einen Blick aus dem Fenster! Es ist eine Schande noch im Bette zu liegen, wenn die Sonne so hell scheint, die Vögel singen und die Bienen von Blume zu Blume fliegen.
Warum sind die Bienen so früh bei der Arbeit? Sie sammeln den gelben Blütenstaub, der beim Kriechen in die Blüten an ihren behaarten Körpern hängen geblieben ist, und mit Hilfe der Beine bürsten sie ihn ab und ballen ihn zu kleinen Kügelchen zusammen. Dann packen sie diese in eine Rinne an ihren Hinterbeinen und fliegen nach dem Bienenstock. Dort vermischen sie den Blütenstaub mit Honig und machen Bienenbrot daraus; damit füttern sie die jungen Bienen.
Sieh, wie geschäftig der Specht da unter der Ulme ist! Er fängt Insekten, die er nach Hause zu seinen Kleinen trägt, welche seit mehr als einer Woche ausgebrütet sind. Weiter weg im Felde kämpft eine Drossel mit einem großen Wurm; auch sie besorgt wohl ein Frühstück für ihre Familie.
Wie fleißig sie alle sind, und du liegst noch im Bette! Wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich aufstehen und Unkraut im Garten ausjäten. So kannst du dich nützlich machen und zugleich viel Interessantes lernen, während du bei der Arbeit bist.
Hier ist ein Unkraut, das zwischen den Kohlköpfen wächst. Kennst du seinen Namen? Es wird Hirtentäschelkraut genannt wegen seiner sonderbaren Samenschoten. Sie wachsen auf Stielen aus dem Stamme der Pflanze unter den kleinen weißen Blüten. Wenn eine davon vorsichtig geöffnet wird, findet man an jeder Seite eine kleine Tasche, die sich von der Mitte losreißen läßt, wenn die Schote reif ist. Die Samen bleiben dann an der schmalen Scheidewand haften.
So ist also die Schote eine Art Börse mit zwei Taschen, und man kann die Samen als das Geld darin ansehen.
Nimm die Pflanze in die Hand, und ich will dir dann die einzelnen Teile derselben nennen. Sieh dir zuerst die Wurzel an. Diese wächst immer nach unten in den Boden hinein. Sie hat feine Wurzelfasern, die von ihr ausgehen. Die Wurzel und die Wurzelfasern haben alle zarte Spitzen, die aus dem Erdboden die Nahrung für die Pflanze einsaugen.
Du weißt, daß dein Vater Dünger in die Erde bringt, ehe er Samen aussät oder Obstbäume pflanzt. Dann dringt der Regen in die Erde und löst den Dünger auf. Dies gibt eine sehr reichliche Nahrung, die die Wurzeln einsaugen, und so wird die Pflanze kräftig.
Dann sieh dir den Stengel an. Du kannst ohne weiteres sehen, wo er anfängt; denn ein Kranz von Blättern wächst dicht über dem Erdboden hervor. Eine Wurzel hat niemals Blätter, so muß also da, wo Blätter wachsen, der Stengel sein.
Sieh diesen Blätterkranz sorgfältig an. Du wirst dann sehen, daß die Blätter nicht genau übereinander stehen. Die in der oberen Reihe stehen immer genau zwischen denen der unteren Reihe. Und wenn der Stengel weiter wächst, und die Blätter weiter voneinander getrennt sind, wachsen sie immer noch so, daß sie nicht gerade übereinander stehen.
Was ist nach deiner Ansicht der Grund, daß sie so wachsen? Weil sie so viel Sonne wie möglich haben möchten. Wenn sie gerade übereinander ständen, so würde das obere Blatt die Sonne von dem unteren fernhalten. Aber auf jene Weise bekommen sie so viel davon, wie nur irgend möglich.
Du siehst also, daß die Pflanze eine Wurzel hat, die nach unten wächst, um Wasser aus dem Erdboden zu saugen, und einen Stengel, der nach oben wächst und die Blätter in das Sonnenlicht hinaufträgt. Was die Blätter zu tun haben, wollen wir in der nächsten Lektion lernen.
Lektion 2.
Die Arbeit der Blätter.
Die Blätter brauchen sehr viel Sonnenschein und Luft; denn sie sind den ganzen Tag lang beschäftigt, Nahrung zu bilden. Hast du jemals daran gedacht, wie wunderbar es ist, daß Pflanzen ihre eigene Nahrung bereiten können? Weder du noch die Tiere sind dazu imstande. Alles, was du ißt, stammt entweder vom Tiere oder von der Pflanze. Zu einem Kuchen zum Beispiel kommt das Mehl aus Weizenkörnern, die Korinthen von einer Weinrebe, der Zucker von Zuckerrüben, die Gewürze von verschiedenen Bäumen und die kandierte Schale (Zitronat usw.) von Früchten.
Alles andere, was man ißt, wie Fleisch, Fische, Vögel, Gemüse und Früchte, ist einmal belebt gewesen.
Pflanzen ernähren sich nicht auf diese Weise. Ihre Wurzeln ziehen Wasser und andere Stoffe, wie Kalk, Soda und Pottasche, die im Wasser aufgelöst sind, aus der Erde. Die Blätter nehmen Gase (Kohlensäure) aus der Luft auf. Für uns sind Erde, Luft, Wasser keine Ernährungsstoffe. Wir können nicht davon leben. Aber die Pflanze kann es.
Die hübschen grünen Blätter, die wir so gern haben, arbeiten angestrengt. Wenn die Sonne sie bescheint, so können sie das Wasser und die Gase in lebende Nahrung verwandeln, und diese Nahrung erzeugt wieder Blätter, Blumen und Früchte, die uns zur Nahrung dienen.
Wie nützlich sind doch die Pflanzen! Wenn sie keine Nahrung erzeugten, so könnte es nichts Lebendes auf der Welt geben. Insekten fressen Pflanzen, und Vögel fressen Insekten. Schafe fressen Gras, und wir essen Schafe. Kaninchen fressen Pflanzen, und Füchse und Wiesel fressen Kaninchen. Wenn es keine Pflanzen gäbe, so könnten auch keine Insekten, Vögel, Tiere und Menschen leben.
Aber dies ist nicht die einzige nützliche Arbeit, die die Pflanzen verrichten. Ihr wißt, daß, wenn viele Menschen in einem Raum eingeschlossen sind, sie die gute Luft verbrauchen und schlechte Luft ausatmen, die nicht wieder gebraucht werden kann. Nun gebrauchen die Pflanzen diese für uns schlechte Luft. Sie atmen dieselbe durch ihre Blätter ein und benutzen die darin befindlichen Gase zum Wachstum. So verwandeln sie nicht nur Gase in Nahrung, sondern sie verbrauchen dabei auch die schlechte Luft, die wir ausatmen und geben sie uns rein und frisch zurück. Deshalb ist das Leben auf dem Lande so gesund, weil hier so viele Pflanzen sind.
Es ist sehr lehrreich, die Pflanzenblätter zu betrachten, ihre Formen zu beobachten und zu sehen, wie sie am Stengel angeordnet sind, um Licht und Luft zu bekommen.
Ihr kennt doch wohl die gemeine Taubnessel, die einer Brennessel so ähnlich ist, aber nicht sticht. Sie wächst in Hecken und hat eine hübsche, helmförmige, weiße oder rote Blüte. Ihre Blätter sind paarweise um den Stamm geordnet, und jedes Paar steht genau quer über dem unteren Paar, um diesem genug Licht zu lassen.
Die glänzenden grünen Blätter des Efeus an der Mauer liegen flach und haben lange Stiele, so daß sie weit in die Luft hinausragen.
Die Blätter der Kresse in unseren Gärten sind wie ein runder Schild geformt. Der Stiel steht unter der Mitte des Blattes und ist sehr lang. So sieht das Blatt grade zum Himmel empor und bekommt eine Menge Luft und Licht.
Das Blatt der Roßkastanie ist in mehrere Teile geteilt, so daß es aussieht, als bestände es aus 5 oder 7 Blättern, und jeder einzelne Teil breitet sich dem Licht entgegen.
Die Blätter des Sauerklees, welche die Kinder gern essen, weil sie sauer schmecken, haben drei runde Blättchen wie das Kleeblatt, und diese legen sich in der Nacht oder an einem Regentage zusammen, stehen aber weit geöffnet, wenn die Sonne scheint.
Und nun wollen wir zu unserem Hirtentäschelkraut zurückkehren. Wir haben noch nicht nach seinen Blüten gesehen. Sie wachsen auf Stielen, die zwischen den Blattstielen und dem Stengel herauskommen. Auf diesen Stielen stehen einige kleinere Blätter und eine Menge Samentaschen.
Über den Samentaschen an der Spitze des Stieles stehen einige weiße Blüten dicht zusammen. Sie sind so klein, daß man ihre einzelnen Teile kaum unterscheiden kann. Aber man vermag doch zu sehen, daß sie vier äußere grüne Blätter und vier innere weiße haben. In der nächsten Lektion werden wir mehr darüber lernen.
Sammle sechs Pflanzen mit verschieden geformten Blättern und untersuche, wie sie am Stengel wachsen.
Lektion 3.
Die Geschichte einer Kohlrübe.
Die Blüten des Hirtentäschelkrauts sind sehr klein, daher wollen wir die Blüten einer anderen Pflanze zur Hilfe nehmen, um etwas über sie zu lernen. Wenn man im Garten eine Kohlrübe finden kann, die in Samen geschossen ist, so wird man sehen, daß sie Blüten hat wie die des Hirtentäschelkrauts, sie sind nur größer und gelb statt weiß.
An beiden Blüten haben wir vier äußere grüne Blätter. Sie heißen +Kelchblätter+, denn sie bilden den +Kelch+ der Blüte. Dann sehen wir noch vier farbige Blätter, die über den Kelchblättern wachsen. Sie heißen +Blumenkronblätter+, weil sie die Blumenkrone der Blüte bilden. Sie sind weiß beim Hirtentäschelkraut und gelb bei der Kohlrübe. Aber in beiden Blüten stehen sie in Form eines Kreuzes.
Nun kommen sechs dünne Fäden mit kleinen Köpfchen an der Spitze. Zwei derselben sind kurz und vier lang. Sie heißen +Staubfäden+. Die Köpfchen heißen +Staubbeutel+, die den gelben +Blütenstaub+ oder +Pollen+ enthalten. In der Mitte der Blüte finden wir endlich den +Fruchtknoten+. Beim Hirtentäschelkraut ist dieser wie ein Herz geformt, bei der Blüte der Kohlrübe wie eine lange Schote.
Die Schoten wachsen auf kleinen Stielen am Stengel. Sie waren einst von Blütenblättern umgeben, aber diese sind verwelkt, und die Schoten sind groß geworden.
Einige der besten Gemüse in unseren Gärten haben Blüten wie diese in der Form eines Kreuzes und vier lange und zwei kurze Staubgefäße. Mehrere, wie die Kohlrübe und das Radieschen, haben Wurzeln, die sehr wohlschmeckend sind. Von anderen, wie z. B. dem Weißkohl und dem Braunkohl, essen wir die Blätter, vom Blumenkohl dagegen die Stiele des Blütenstandes mit den Blütenknospen.
Wir wollen nun zur Kohlrübe zurückkehren. Was hat sie für eine prächtige dicke Wurzel! Man findet eine Art von Kohlrübe wild wachsend, aber die Wurzel ist hart -- du würdest sie nicht essen können. Unsere Rüben dagegen sind weich und deshalb so gut, weil sie in fruchtbarem Boden gewachsen sind, der seit vielen Jahren in bester Weise bearbeitet worden ist, und weil nur der beste Same ausgesät wird.
Ihr werdet nun vermutlich glauben, daß die Kohlrüben nur für uns dasein müßten, da wir den Boden umgraben und den Samen säen. Aber es gibt viele Tiere und Insekten, die auch ihren Anteil daran haben wollen. Sobald die Pflanze ihre ersten grünen Blätter herausstreckt, ist schon ein kleiner Käfer da, um sie zu fressen. Wenn seine Flügel geschlossen sind, ist er nicht größer als der Buchstabe „=o=“ in der Überschrift dieser Lektion. Er hat lange Hinterbeine und kann sehr gut springen, und deshalb wird er Erdfloh genannt.
Im Winter schlafen diese Käfer unter der Erde oder unter verwelkten Blättern. Wenn der Frühling kommt, erwachen sie und nähren sich vom Hirtentäschelkraut oder irgend einem anderen Unkraut, das früh im Jahre aufschießt. Dann legt das Weibchen seine Eier unter die Blätter, und bald kriechen kleine Larven aus und fressen Löcher in dieselben.
In vierzehn Tagen sind sie fett. Dann fallen sie auf den Boden und spinnen sich in Kokons ein, gerade wie die kleinen Ameisen im Ameisenhaufen. In weiteren vierzehn Tagen werden sie kleine Käfer.
Um diese Zeit stecken die frühen Kohlrüben gerade ihre ersten Blätter hervor, und der Erdfloh hüpft herbei, um sie zu fressen. Dann findet man, wenn man eines Morgens aufsteht, das Kohlrübenbeet kahl gefressen, und wenn man scharfe Augen hat, kann man die kleinen, schwärzlich glänzenden Käfer, die das Unheil angerichtet haben, fangen.
Wenn man früh im Jahre alles Unkraut ausjätet, und den Boden hackt, so daß die jungen Rüben schnell wachsen, so kann man den Erdfloh fernhalten. Aber dann fordern andere Geschöpfe ihren Teil. Der Kohlgallenrüsselkäfer legt seine Eier in die Wurzel unter der Erde, wie der Nußbohrer in die Haßelnuß (vgl. Buch ~I~). Wenn man eine Kohlrübe sieht, an der kleine Klumpen oder Gallen sitzen, so kann man sicher sein, daß eine Larve dieses Käfers im Inneren ist.
Wenn dann die großen Kohlrübenblätter gewachsen sind, wird eine hübsche orangefarbige Blattwespe ihre Eier auf diese legen, so daß die Larven viele wegfressen. Dann wird das Kaninchen, wenn es herankommen kann, die Spitzen fressen, während die Mäuse die Wurzeln benagen. Und wenn man endlich Samenkohlrüben baut, so wird der kleine grünlich-schwarze Rapsglanzkäfer seinen Anteil fordern und die Blütenknospen fressen.
So hat die Kohlrübe, wie man sieht, viele Freunde, aber noch mehr Feinde. Ein guter Gärtner hat Freude daran, zu lernen, wie man diese Gartendiebe fernhält.
Nimm die Blüten des Goldlacks, der Levkoie, des Ackerpfennigkrauts, der Kohlrübe und des Hirtentäschelkrauts und beobachte ihre Ähnlichkeit in der Form und der Anordnung ihrer Teile.
Lektion 4.
Wie ein Samenkorn wächst.
Wir sahen in den beiden letzten Lektionen, daß eine Pflanze eine Wurzel, einen Stamm, Blätter, Blüten und Früchte hat. Heute will ich euch erzählen, wie diese Teile wachsen.
Wenn der Lehrer dich einen kleinen Versuch machen lassen will, so kannst du selbst beobachten, wie eine Pflanze aus dem Samen aufwächst. Nimm eine Untertasse und ein kleines Stück Flanell. Lege den Flanell in die Untertasse und gieße Wasser darüber, bis er ganz naß ist. Dann laß dir von jemand etwas Senfsamen geben und streue ihn auf den Flanell. Setze das Ganze dann in die Fensterbank oder auf den Tisch und sorge dafür, daß der Flanell immer feucht ist. Dann achte darauf, was geschehen wird.
Am zweiten Tage, nachdem du den Samen gesät hast, wirst du finden, daß er weich und aufgequollen ist. Er hat Wasser aufgesogen und braucht dasselbe zum Wachsen. Am dritten Tage werden viele der Samenkörner eine zierliche Wurzel ausgetrieben haben, welche sich an den Flanell anklammert.
Die Spitze der Wurzel wird nun noch mehr Wasser aufsaugen, und wenn man ein Samenkorn öffnet, so findet man, daß es sich in zwei Teile gespalten hat. Aus jeder der beiden Hälften wird ein Blatt werden. Aber diese sind nicht grün, sie sind noch ganz weiß, und man kann sich kaum denken, daß es Blätter sind.
Wenn du am vierten Morgen zur Schule gehst, wirst du wahrscheinlich finden, daß die beiden Hälften aus ihrer Umhüllung herausgewachsen sind. Einige sind noch weiß, aber andere werden schon an den Spitzen grün und unten rot, und jeder würde sie jetzt als Blätter ansehen. Sie wachsen auf einem Stiel, und die leere Umhüllung der Samen hängt an der Stelle, wo der Stiel und die Wurzel sich treffen.
Beachte wohl die Form dieser Blätter. Sie bestehen aus zwei Halbkreisen mit einer Kerbe in der Mitte. Es sind die +Keimblätter+ des Senfs. Sie sind aus dem Samen aufgewachsen und haben die Nahrung, die darin war, benutzt, um sich auszubreiten und in das Sonnenlicht emporzusteigen. Und wenn das Licht nun auf sie niederströmt, so werden sie grün und bereiten sich selbst Nahrung aus den Luftgasen und dem Wasser, das die Wurzeln einsaugen. Denn die Wurzel hat nun viele kleine Würzelchen und Wurzelfasern getrieben, wie man sehen kann, wenn man eine aus dem Flanell herauszieht.
In einigen Tagen zeigt sich eine grüne Spitze zwischen den beiden Keimblättern und wächst zu zwei weiteren Blättern heran. Diese haben zwischen sich wieder eine kleine Knospe, die wieder Blätter bildet, und so wird die Pflanze größer und größer.
Aber die neuen Blätter sind in ihrer Form ganz verschieden von den Keimblättern. Sie sind lang und haben fünf Lappen, einen großen an der Spitze und zwei kleinere an jeder Seite.
Was nun mit dem Senfsamen auf dem Flanell vor sich geht, ist dasselbe, was mit jedem Samen geschieht, den man in den Erdboden sät. Zuerst schwillt er auf, wenn der warme Regen ihn erreicht. Dann treibt er eine zarte Wurzel. Die Keimblättchen strecken sich, ihr Stiel wächst, sie schlüpfen aus ihren Umhüllungen und wachsen aus der Erde hervor.
Dann werden sie im Sonnenlichte grün und fangen an, Nahrung zu bereiten. Damit ernähren sie Stengel und Blätter, bis sie zu großen Pflanzen oder selbst zu Bäumen heranwachsen.
Ein anderer hübscher Versuch, den man machen kann, ist der, eine Bohne in warmem Wasser einzuweichen und sie auf einen mit Erde gefüllten Blumentopf zu legen. Halte die Erde feucht und beobachte die Bohne, wie du es bei dem Senfsamen getan hast. Das Wachsen derselben nimmt längere Zeit in Anspruch. Es kann eine Woche dauern, ehe die Wurzel den Weg in die Erde findet und eine weitere Woche, ehe die großen grünen Keimblätter aus ihrer Umhüllung hervorbrechen.
Es ist sehr merkwürdig, die Wurzel zu beobachten. Zuerst sendet die Bohne nur eine Keimwurzel aus, dann mehrere. Die schwere Bohne liegt noch auf der Erde, während der Stiel weiter wächst. So bildet derselbe einen Bogen, mit dem Samen an dem einen Ende und der Wurzel an dem anderen. Wenn nun die Pflanze die Nahrung in den Keimblättern verbraucht, werden diese allmählich leichter und der Stengel wird kräftig genug, sie zu heben, so daß sie sich nach oben richten. Sie lassen die Samenhülle nicht unten wie der Senfsamen. Sie tragen dieselbe mit empor, und sie vertrocknet und fällt ab. Dann kann man zwischen den Keimblättern die neue Knospe sehen, die sich bald zu wirklichen Blättern entfaltet.
Streue Senfsamen auf feuchten Flanell. Weiche eine Bohne eine Nacht lang in warmem Wasser ein und lege sie auf sehr feuchte Erde in einen Blumentopf.
Lektion 5.
Wie sich neue Samen bilden.
(Zweites und drittes Vollbild.)
Wir verließen unsere Pflanzen am Ende der letzten Lektion, wie sie grüne Blätter im Sonnenlichte bildeten. Nun wachsen sie schnell heran. Ihre Wurzeln saugen Wasser aus dem Boden, und ihre Blätter nehmen Gase aus der Luft auf.
Wenn die Pflanze reichlich Wurzeln und Blätter gebildet hat, so beginnt sie Nahrung aufzuspeichern, um Blüten hervorzubringen, in denen neuer Same erzeugt wird. Dies ist ein sehr wichtiges Werk; denn Samen sind nötig, um neue Pflanzen zu erzeugen, und es werden so viele von Vögeln und Insekten vertilgt oder von anderen Pflanzen erstickt, daß es sehr viele geben muß, damit die Pflanze nicht ausstirbt.
Daher ist der Fruchtknoten, in dem die Samen sich bilden, sehr sorgfältig geschützt. Er wächst gerade in der Mitte der Blüte, wo er dicht in die Knospe eingehüllt werden kann. Selbst wenn er unter der Blüte wächst, wie beim Geißblatt, sitzt die klebrige Spitze, auch Narbe genannt, immer sicher im Innern der Knospe.
Pflücke eine Schlüsselblume und eine Butterblume auf dem Felde und eine Erbsenblüte aus dem Garten und betrachte ihre Fruchtknoten. Inmitten der Blüte der Butterblume wirst du sehr viele finden. Sie haben die Form von Birnen, deren Stiele nach oben gerichtet sind, und in jedem der Fruchtknoten liegt die Anlage eines kleinen Samens.
Man muß die gelbe Blumenkrone der Schlüsselblume abreißen, ehe man den kleinen grünen Fruchtknoten in dem grünen Kelche sitzen sieht. Aus demselben wächst eine Röhre hervor, die in einem runden Knöpfchen endet.