Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.

Part 8

Chapter 83,726 wordsPublic domain

Den Verlust hätten die Hornecker nun allerdings verschmerzen können, ein weit schmerzlicherer stand ihnen aber in der Versetzung ihres Diaconus bevor, dem Pastor Scheidler, aus »Wohlwollen für den Diaconus«, wie er selber sagte, eigentlich aber wohl aus einem anderen Grunde, eine kleine Pfarre in einem ganz abgelegenen Winkel des Rauschenthales verschafft hatte. Der Diaconus war nämlich, um die Sache gleich beim rechten Ende anzufassen, für die Bauern in Horneck ein klein bischen zu gescheut, und -- denn das allein wäre kein Fehler gewesen, wenn er es nur gut zu benutzen verstand -- als Hauptmißgriff zu _offen_ mit den Leuten. »Denken Sie sich nur, Herr von Gaulitz,« hatte der durch solche Unvorsichtigkeit auf's Höchste bestürzte Geistliche einst zum Gutsbesitzer gesagt, »der Mensch (er meinte den Diaconus) kommt neulich mit einigen Bauern zusammen, die fragen ihn, nach ihrer albernen Weise >auf's Gewissen<, was es mit der Trennung der Schule von der Kirche für eine Bewandtniß habe, und ob es wahr sei, daß die Kinder dann gar keinen Religionsunterricht mehr kriegten und »so« aufwüchsen, und der Leichtsinnige redet ihnen das nicht allein gänzlich aus, sondern vertheidigt auch noch die Trennung -- ja was sage ich Trennung -- das Auseinanderreißen der beiden so innig verbundenen Institute -- ja Herr von Gaulitz, versichert den holzköpfigen Bauern gar, daß ihre Kinder dann eine bessere Erziehung bekommen würden, weil der Mann, der sie lehrte, frei seinem eigenen Plane folgen könne, von den Kindern, wenn er sich Achtung und Liebe zu verschaffen wüßte, auch wirklich geachtet und geliebt würde, und nicht der untergeordnete Diener des Geistlichen, wie das jetzt für den ganzen Stand eine wahre Schmach gewesen, mehr sei. -- Der Mensch ist wahnsinnig, denn er wüthet gegen das eigene Fleisch und Blut.«

Der Herr von Gaulitz lächelte jedoch damals und erwiederte nur ruhig:

»Mein lieber Pastor, _derlei_ Sachen kennen wir besser; der Diaconus ist jetzt noch ein sehr freisinniger, vielleicht ein für seinen Stand etwas zu freisinniger Mann, aber das giebt sich, Herr Pastor, das giebt sich -- nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben einen ganz anderen Klang.«

Nach diesem Vorfalle versteht es sich übrigens von selbst, daß der Pastor Scheidler aus allen Kräften dahin wirkte, den Diaconus, der ihm auch die Zeitungen viel zu radical, ja nach seiner Meinung sich selbst zum Republikanismus hinneigend, auslegte, aus Horneck fortzubringen. Die geheimen Conduitenlisten, die er mehr als regelmäßig an das hohe Consistorium einsandte, gaben ihm dazu die beste Gelegenheit. In der aufgeregten Zeit, wo gerade das hohe Consistorium überhaupt, von jeder Seite her den ersten Schlag erwartete, und fortwährend auf dem Sprunge stand, sich in seine ursprünglichen Bestandtheile aufzulösen, gehörte eben auch nur ein Wink, eine Andeutung dazu, um dessen guten Willen und Hülfe im höchsten Grade zu erwerben, und der Diaconus fand sich bald, allerdings als selbstständiger Pfarrer, aber auf einem so ärmlichen, traurigen Winkelchen der Erde, daß es selbst seinen, gewiß bescheidenen Erwartungen nicht entsprach und er einer geraumen Zeit bedurfte, sich nur nothdürftig daran zu gewöhnen.

Eine andere in Horneck vorgefallene Aenderung aber, eine höchst traurige, hatte in der Schule selbst stattgefunden, und zwar nicht für die Schule, sondern für den armen, in ihrem Dienst ergrauten Lehrer derselben, den alten Papa Kleinholz. Der Geist hätte in dem alten Manne vielleicht noch mit den unbedeutenden Beschäftigungen, die ihm oblagen, wie Buchstabiren und Lesen Schritt gehalten, aber der Körper, durch Mangel und Noth geschwächt, von den dürftigen Kleidern nicht einmal warm gehalten, und in der dunstigen Schulstube, die ihm zum steten Aufenthalte dienen mußte, endlich ganz untergraben, hielt nicht mehr aus.

Er wurde bettlägerig und so krank, daß durch die stete Transpiration des Leidenden der Aufenthalt unten in der Schulstube selbst für die Kinder unangenehm, ja sogar schädlich werden mußte, und Hennig sah endlich kein anderes Mittel, als daß er selbst dem alten Manne sein kleines Dachkämmerchen einräumte und hinunter in die dunstige Schulstube zog. Zwar erholte sich Papa Kleinholz, wohl am meisten durch Lieschens aufopfernde und unermüdliche Sorgfalt und Pflege, nach einiger Zeit in etwas, so daß sein Zustand wenigstens nicht mehr als lebensgefährlich gelten konnte, aber an Schulehalten war nicht zu denken -- der böse Husten ließ ihn keine zehn Worte hinter einander sprechen; anstrengen oder ärgern durfte er sich nun gar nicht -- und Schulmeister sein und sich _nicht_ ärgern, zwei unmöglich von einander zu trennende Sachen!

Eine Weile ließ das der Pastor geschehen, und Hennig nahm sich mit so warmem Eifer der Schule an, daß die Eltern nicht über Vernachlässigung ihrer Kinder klagen durften, da die Arbeiten jetzt ganz auf _eines_ Lehrers Schultern ruhten, wo früher, wenn auch nur dem Namen nach, zwei gewaltet und gelehrt hatten; nach einem halben Jahre aber durfte der Geistliche, wie er meinte, dem hohen Consistorium nicht länger verheimlichen, daß Vater Kleinholz unfähig geworden sei, dem schweren Amt eines Schullehrers mit Erfolg vorzustehen, und deshalb -- o wie dem alten armen Lehrer das Herz zuckte, als er das so lange gefürchtete Schreckenswort ausgesprochen hörte -- _emeritirt_ werden müßte. -- Emeritirt, mit einem Dritttheil seines Gehalts und -- sieben Kindern -- acht Personen, unter denen sieben kräftig und gesund waren, und Tag für Tag ihre richtigen Portionen Essen verlangten, wenn sie eben nicht geradezu hungern sollten, von _fünfzig_ Thalern jährlich zu ernähren -- der Gedanke kam ihm furchtbar vor, und er barg das bleiche Haupt in den spärlichen Kissen, und schluchzte wie ein kleines unglückseliges Kind.

»Das also ist Dein Lohn, Du armer alter Mann -- seit sieben und vierzig Jahren hast Du Dich nach besten Kräften und Gewissen für die Kinder abgearbeitet und gemüht -- bist Du nicht im Stande gewesen, das zu leisten, was man von einem Manne, der die Jugend zu wackeren selbstbewußten Staatsbürgern heranziehen sollte, vielleicht berechtigt sein durfte zu erwarten, so kann nicht Dir die Schuld dafür beigemessen werden, sondern denen, in deren Interesse es in früherer Zeit gelegen, das Volk in Unwissenheit und Knechtschaft aufwachsen zu lassen, _Du_ thatest Dein Möglichstes, Du hast Dir Nichts, Nichts auf der weiten Gotteswelt vorzuwerfen, Du hast Kummer und Noth die langen langen Jahre hindurch, immer wachsend mit jedem neugeborenen Kind, und zu größter Höhe anschwellend bei der Mutter Tod, ohne Murren, ohne ein einziges hartes beschuldigendes Wort gegen die, welche den Gehalt der Lehrer unter den eines Ackerknechtes stellten, ertragen und nur jetzt, jetzt, da Deinem bleichen vom Kummer durchfurchteten Antlitz auch noch die scharfe Dornenkrone des letzten Entsetzlichen in die Stirn gedrückt wird, da bricht Dir der Schmerz das arme gequälte und zum Zerspringen volle Herz und Du klagst nicht das Schicksal -- nicht die Tyrannei der Menschen an, nein Du beklagst nur Dein und der Deinen Loos und bist unsäglich elend.«

Hennig, der in des alten Mannes Stelle eingetreten war, that allerdings was nur in seinen Kräften stand, um dessen Lage zu erleichtern, ja überließ sogar dem alten Manne einen großen Theil dessen, was er selbst mehr bekam, so wenig das auch immer sein mußte; er selbst hatte jetzt aber auch mehr Auslagen, denn seine Kleider, die bis dahin ausgereicht, wurden alt, und er mußte sich neue schaffen, da ihm der Pastor schon mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, der Bauer halte etwas darauf, daß sein Schulmeister einen anständigen Rock trage und seinem Dorf keine Schande mache. Allerdings erwiederte er darauf, »wenn der Bauer das will, weshalb giebt er denn auch nicht dem, der seine Kinder zu ordentlichen rechtlichen Menschen heranbilden soll, so viel, daß es ihm möglich ist, den Magen auch nur einen Tag über dem Rücken zu vergessen?« Er änderte damit aber Nichts, und da ihm selber daran lag, nicht gerade abgerissen in der Pfarre zu erscheinen, mußte er endlich wohl in den saueren Apfel beißen, und sich in die für seine Casse erschöpfende Auslage fügen. Nichts destoweniger ließ er den alten greisen Schullehrer nicht hungern, das Verhältniß zwischen ihnen bestand nach wie vor, und wären die theuren Medicinen nicht gewesen, so hätte Hennig der wirklich Sohnesstelle am kranken Kleinholz vertrat, diesen selbst durch die schwere Winterszeit glücklich durchgeschleppt, so aber reichten selbst die vereinigten Kräfte Beider nicht aus -- des alten Mannes karges Stückchen Gnadenbrod war schon auf ein Vierteljahr vorher verzehrt, selbst Hennig einige Thaler in Schulden hineingerathen, und der emeritirte Lehrer sah sich endlich, so ungern er das auch that, dazu gezwungen, um eine Unterstützung, d. h. um eine Erhöhung seiner sogenannten Pension einzukommen, wenn er nicht in Noth und Elend vergehen wollte.

Er baute dabei seine feste unerschütterte Hoffnung auf den »Herrn Pastor Scheidler« -- der hatte ihn ja früher oft und oft versichert, er werde wenn er, der Schulmeister, später einmal nicht mehr so recht fort könne, schon Alles thun was in seinen, des Herrn Pastors Scheidler, Kräften läge, ihn zu unterstützen, und die Zeit war jetzt wirklich und in vollem Maaße gekommen. Er konnte nicht allein nicht mehr recht fort, sondern lag sogar ganz und gar, und gab es jemals eine Periode, wo er der Unterstützung von Seiten des Geistlichen bedurfte, so schien das die jetzige.

Er reichte deshalb sein Bittgesuch bei diesem ein, kroch selber, mehr als er ging, auf die Pfarre hinüber, um die Bevorwortung desselben dem Herrn Pastor noch einmal recht dringend an's Herz zu legen, und sank an dem Abend, zwar erschöpfter als je, aber auch nicht wenig beruhigt von dem gütigen Empfang und Wort seines Vorgesetzten, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit fast freudiger Hoffnung auf sein Lager nieder.

Was Hennig selbst betraf, so hatte er sich, besonders in letzterer Zeit ungemein eifrig mit der neuen Gestaltung der Schule beschäftigt, und Lieschen, die doch recht gut wußte, wie er Pastors Sophiechen so recht aus innerster Seele liebe, konnte sich gar nicht genug darüber wundern, daß der Schulmeister, wie Hennig jetzt, als in diese Würde eingetreten, schlichtweg hieß, nur allem Anschein nach darauf los arbeitete, sich den Vater seiner Liebsten zum ingrimmigsten Feind zu machen. Das war, das allerwenigste gesagt, nicht im mindesten politisch von ihm, und er hätte das seiner Liebsten schon nicht zu Leide thun dürfen.

In der That hatte Lieschen, von ihrem Standpunkt aus, vollkommen recht und Hennig selber fühlte, wie er sich dadurch ein späteres Hinderniß mit eigenen Händen aufbaue, ein anderes, weit gewaltigeres mußte aber erst hinweggeräumt werden, und dann hoffte er auch dieses, als das viel unbedeutendere mit fröhlichem Herzen zu beseitigen. Wie die Verhältnisse _jetzt_ nämlich standen, blieb es sich, in Bezug auf seine Aussicht, Pastors liebliches Töchterlein je als sein liebes Weib nicht in _diese_ Schulwohnung, aber doch wohl in eine bessere Stellung einzuführen, ganz gleich, ob ihm der _Vater_ gewogen war oder nicht, denn an eine Verbindung seiner Tochter mit _nur_ einem Schulmeister dachte dieser so wenig wie das Mädchen wahrscheinlich selbst, das, wenn es den jungen Mann auch wirklich gern sah, doch viel zu genau die ärmlichen, drückenden, _abhängigen_ Verhältnisse kannte, in denen ein deutscher Schullehrer zu leben gezwungen sei, um irgend eine Neigung zu spüren, eine _solche_ Existenz je mit ihm zu theilen. Ja, Hennig hätte ihr das, wäre sie selbst dazu geneigt gewesen, nicht einmal zumuthen, es nicht einmal dulden mögen, und seinem schönen Ziel, der Schule eine unabhängige Gestalt zu gewinnen und den Lehrerstand zu heben, lag jetzt noch ein neuer, ihn zu voller Aufopferung treibender Beweggrund unter, da er mit diesem auch vielleicht die Hoffnung seines eigenen Herzens erreichen konnte. Stand er erst einmal als unabhängiger Lehrer, mit liberalem und zum Leben genügenden Gehalt nicht mehr unter, sondern neben dem Geistlichen, -- war ihm die Jungfrau selber dann nur nicht abgeneigt -- (und grüßte sie _ihn_ nicht gerade immer so freundlich wie _keinen_ weiter im ganzen Orte?), so vergaß der Pastor auch bald den Unwillen, den er jetzt nur über das _Streben_ des Lehrers fühlte, und sicherlich nicht auf das _Errungene_ ausgedehnt hätte.

Daß Sophie einen Fremden, ja gar den Flüchtling liebe, aus dessen Händen er sie einst selber befreit, konnte er dabei natürlich nicht ahnen, still und unberührt stand der Stern noch für ihn am Himmel seines Glücks, und jeder Abend, der ihn träumend auf seinem Lager fand, schloß ihm die müden Lider mit dem leisen, hoffenden Gebet -- Sophie!

Achtes Kapitel.

Das Geständniß.

Nöthig möchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glücklichen Flucht aus den Händen des Gerichts gesehen, zu werfen.

Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der Befreiung zugerufen, »nur an einem Kopf zu klugen Rathschlägen, fehle es in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen« -- seiner Ankunft, seines donnernden Wortes hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von außen angeregt, und in Gährung gehalten war, brach aus in _einem_ gewaltigen und deshalb fürchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und Männer des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten Ehrenposten getragen.

Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines Ministerpräsidenten auszufüllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und seine ganze Thätigkeit auf dieß eine kleine Land concentriren würde, anzunehmen. Wohl war er von schönster Hoffnung für ein einiges freies Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute für eben so reif und tüchtig wie Frankreichs heißblütigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen deutschen Parlament die Souverainetät derer zu erklären, die man bis dahin gewagt hatte, _Unterthanen_ zu nennen, und die -- das viel schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht verhehlen, daß der bei weitem größte Theil der Anregung noch zu sehr und unausgesetzt bedürfe, während wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl niederwarfen, und an Mähne und Nüstern zurückgehalten werden wollten, um nur nicht in ihrem blinden unverständigen Eifer da zu verderben, wo sie zu nützen, da einzustürzen, wo sie zu bauen suchten.

Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wieder einen geordneten ruhigen Gang gehn -- denn Frieden mußte im Reiche herrschen, bis die Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne stürzen und die acht und dreißig Scepter mit einem Schlage zerbrechen sollte -- so zog er auf seinen fröhlichen Pilgerflug durch das Land aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befördern, denn dessen bedurfte es nicht mehr -- es fühlten Alle, daß nur in Einigkeit ihre Kraft lag, -- sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen Liebe für das Vaterland zu beseligen, die sie freudig für dieses selbst das eigene Leben opfern ließe.

Eine Zeitlang hörte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hieß es nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der äußeren Vorstädte gegen die schwärmenden Kroatenhaufen gekämpft und wäre dann, als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber doch glücklich nach Berlin entkommen -- das Gerücht hatte wenigstens in der Pfarre -- vielleicht nach einem Brief aus der Residenz -- seinen Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum ersten Mal ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerüttelt hatte, schien vergessen.

Vergessen? -- ja, von der großen Menge vielleicht, vor deren Augen Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorüber gezuckt und dann verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, für die keine Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten hätten, daß Gott sein theures liebes Haupt beschützen möge.

So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefühl, dieser heimlichen, heiligen Liebe für den Fernen sein mochten, so verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und Sophie, des Pfarrers Töchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwähnt, was sie doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschüttet hätte. Und dennoch war Marie fast täglich in ihres Vaters Hause, wo besonders in letzter Zeit viel für die Kinder zu nähen und arbeiten gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles Vertrauen zu dem armen leidenden Mädchen gefaßt zu haben, und behandelte sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeit bei ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das ernste, so wehmüthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewußte Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.

Marie, die sich, ihrem äußeren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden schien als früher, und auch durch Sophiens Hülfe anständiger gekleidet ging, brach das Schweigen über den Abwesenden eben so wenig; kein Wort kam, selbst jenen Abend betreffend, über ihre Lippen und was die Herzen in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefühle keine Worte.

In den letzten Tagen des November 1848 war es, daß die beiden Mädchen auch einmal wieder zusammensaßen und an einem warmen Rock für Sophiens Mutter nähten, denn das Haidekraut blühte gar so schön und roth draußen, und das kündete strenge Kälte, der man doch wenigstens begegnen mußte; als der Pastor plötzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat, und der Tochter ankündigte, daß er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem Sohn des Herrn Generalsuperintendenten erhalten habe -- es gehe ihm gut, und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn -- er bemerkte gleich darauf die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster und verließ mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien zuzuwenden, das Zimmer.

Marie ließ die Hände in den Schooß sinken, saß mehrere Minuten mit todtenbleichen erregten Zügen da, und starrte still und schweigend vor sich nieder.

»Er kehrt nach _Horneck_ zurück!« flüsterte sie endlich leise mit kaum sich bewegenden Lippen -- »nach Horneck wo« -- sie brach plötzlich ab, barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Händen und gab sich mit so peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, daß man, wie ihr das Herz auch laut und stürmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, hätte nicht das Zittern ihres ganzen Körpers ihr Leben verrathen, die Gestalt selbst mußte einer todten regungslosen Statue gleichen.

Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche -- sie stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.

»Weshalb quäle ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit meiner eigenen unbegründeten Furcht,« flüsterte sie endlich und strich sich die Hand fest und schnell über die bleiche, marmorkalte Stirn -- »Furcht! -- und darf ich da auch noch _fürchten_? ist mir denn überhaupt auch nur eine _Hoffnung_ geblieben? -- Er erschrak, als er damals meine Stimme hörte -- er verachtet die -- Dirne.« -- Sie schauderte zusammen, und dicht an die Scheibe gepreßt, daß ihr Hauch das Glas deckte, fuhr sie nach kurzer Pause fort -- »Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten? -- Darf er mich -- darf er mich gerade in diesem Hause? -- und warum nicht?« sagte sie plötzlich laut, und richtete sich schnell und fast stolz empor -- »klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich mit dem alten traulichen _Du_ anredete, und mich _seine_ arme Marie nannte? -- o heiliger Gott, wie gern wäre ich ihm damals an's Herz gesunken und hätte gerufen Franz, Franz, Du hast mir böses schmerzliches Unrecht gethan -- unglücklich ist Deine Marie, aber schuldig nie -- nie -- die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefühl für mich selbst -- ich weiß nicht einmal mehr, was ich sprach -- Sophiens Name --«.

Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher Husten zwang sie, sich niederzusetzen.

Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte, als er den Husten hörte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam näher, ließ sich, ohne das Mädchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem Sopha nieder und las die Zeitung.

Von diesem Tage an fühlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als sie Abends ihre ärmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten Fieberanfall und mußte am nächsten Tage das Bett hüten; der Vater, der in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen, deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache Kartoffelsuppe, und ließ sie dann mit sich und ihren Gedanken allein, bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem Glase einfachen Bieres gesessen, zurückkehrte.

Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, daß der Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne. Marie war schon um vieles wohler, ging aber doch noch nicht zu ihrer Arbeit hinauf -- der Vater stellte sie mehrmals deshalb zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schützte noch peinlichen Kopfschmerz vor und blieb.

So brach der vierte Morgen an -- es war der letzte Tag im November und ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in das ärmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf dem einzigen hölzernen Stuhle, der in der Stube stand, saß Marie, und schaute träumend nach den gegenüberliegenden grauen Strohdächern einer langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinüber, als es plötzlich rasch und lebhaft an die Thüre pochte, und sich diese, selbst vor dem einladenden »Herein«, schnell öffnete.

»Fräulein Scheidler!« rief das Mädchen, überrascht von ihrem Stuhle aufstehend.

»Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie!« sagte Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, »Wie geht es Ihnen? -- Sie sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus -- warum haben Sie sich so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich krank? -- Ach, ich wäre so gern schon früher einmal herüber gekommen, aber -- aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun, so viel zu besorgen, daß man wirklich manchmal gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht.«

»Ich hörte eben, daß sie Besuch hätten,« sagte Marie leise, »und fürchtete eben zu stören, auch --«

»O nicht im Mindesten, gutes Kind,« unterbrach sie rasch und erröthend das liebe Mädchen, »wir -- wir werden Ihre Hülfe überdies vielleicht recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen -- ich habe einige recht nothwendige Arbeiten vor.«

»Ich bin wirklich unwohl gewesen,« fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden suchend, fort -- »so unwohl, daß ich fürchte, kurze Zeit wohl noch der Ruhe pflegen zu müssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere Arbeit zu unternehmen.«