Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.
Part 7
Armer Fritz, wie wäre es Dir ergangen, hätten Dich Deine trunkenen Feinde in diesem Augenblick in ihre Gewalt bekommen -- wer weiß, zu welcher rohen Gewaltthat die Rotte reif gewesen, denn der Bauer hat sich bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten, was auch sonst sein Charakter seien mochte, fast stets wilder noch als die reißende Bestie des Waldes gezeigt. Hier aber sollte ihnen keine Gelegenheit geboten werden, ihre Wuth wenigstens an dem ersehenen Opfer auszulassen; Fritz war schon vor Dunkelwerden und gleich nach der Anzeige der ertappten Wilddiebe mit seinem Vater über die Rausche zurückgefahren, und nur zwei bleiche, zum Tod erschreckte, und durch den Sturz halb betäubte Gerichtsdiener zogen sie aus dem aufgerissenen Wagenschlag heraus.
Während aber nun der eine Theil der Aufrührer den befreiten Wahlert umtobte, und ihm zujauchzte und jubelte, suchten die anderen noch in voller Wuth nach dem Jäger, den ihnen der Fremden List versprochen hatte -- und die einmal zur Gewaltthat Getriebenen wären auch jetzt fast weiter gegangen, denn ein Opfer, schien es, wollten sie haben, und die Mißhandlung der unglücklichen Diener der Gerechtigkeit, die ihnen gerade in die Hände gefallen, wäre kaum genügend gewesen.
»Auf's Schloß hinunger!« rief da eine Stimme -- »da stäckt der Jiager -- brännt dem Lump der Härrschaft doch das ganze Näst iberm Schädel ab!«
»Auf's Schloß, auf's Schloß!« tobten die Rasenden, und wilde Drohungen und Schmähreden über die Wortbrüchigkeit des Gutsherrn, über den Druck unter dem sie geschmachtet, über Jäger und Beamte wurden laut -- nach Bränden schrie ein Theil, nach Brechstangen und Aexten ein anderer; aus den nächsten Häusern wurden schon die verlangten Werkzeuge herbeigeschleppt, und die wüthende Schaar wälzte sich langsam, aber mit jedem Schritt anwachsend, und mit dem lauten Gebrüll »_die Republik soll leben_!« den Hügel hinunter und dem Schlosse zu.
Um den Befreiten hatte man sich nach dem ersten Jubelruf kaum noch mehr gekümmert, und dieser fühlte sich jetzt von einer weiblichen Hand ergriffen, die ihn mitten aus dem Gedränge heraus auf die Seite zog.
»Eilen Sie in die Stadt!« sprach dabei eine Stimme, vor der er wie von einem jähen Schlag getroffen zusammenzuckte -- »noch steht der alte Staat, aber das Volk ist in Gährung, nur an einem Kopfe fehlt es zu klugen Rathschlägen, nur an einem Arme, das Banner der Freiheit voran in die Reihen der Feinde zu tragen. Heute Nachmittag erst ist wieder ein Bote aus der Stadt zurückgekehrt -- auf allen Lippen ist dort _Ihr_ Name, ein neues Ministerium zu bilden und das Reich zu retten vor Untergang und Verderben -- fort, in Ihren Händen liegt jetzt das Wohl des Landes -- treten Sie dort frei und unerschrocken auf, und Ihre Feinde, die jetzt noch mächtig sind, sinken in den Staub. -- Wirken Sie wie bisher für die Armen, und das Volk wird Sie segnen!«
»_Marie_« -- sagte Wahlert mit tiefer schmerzlicher Rührung im Ton, und wandte leise das bleiche leidende Angesicht des Mädchens gegen den hellen Sternenschein -- »Du _hier_ und -- also? -- Meine arme Marie.«
Des alten Musikanten Tochter zitterte an allen Gliedern, auf einen Augenblick stand sie wie unschlüssig zögernd, dann aber rief sie, rasch sich sammelnd, »fort, fort!« -- und wandte das Angesicht wieder ab von dem verrätherischen Schein -- »die Rasenden stürmen unten das Schloß, und Ihr Name darf nicht mit der Mitwissenschaft dieses Frevels befleckt sein -- vielleicht wäre es sogar noch möglich, sie zurück zu halten -- o eilen Sie, eilen Sie um Ihret- -- um -- Sophiens willen.«
»Sophie? -- Ha -- wie kommt der Name auf Deine Lippen?« frug Wahlert mehr erstaunt als erschreckt.
»Sie ist unten im Schloß!« sagte eintönig Marie.
»Die Hand der Bauern wird sich nicht gegen ihres Pastors Tochter erheben,« rief Wahlert rasch, »aber wie dem auch sei, Du hast recht, das Entsetzliche darf nicht geschehen, nicht Mord noch Brand die Bahn bezeichnen, die der Freiheit Spuren hinterlassen. -- Dank Dir für den Wink, und auf jetzt, einem freien herrlichen Ziel entgegen.«
Mit flüchtigen Sätzen flog er den Hügel hinab der Stelle zu, von wo wüstes Toben und Geschrei zu ihm herüberdrang, und eben im günstigen Augenblick kam er, um die entfesselte Wuth der Rasenden zu zähmen, die sich im wilden Ansturm über den friedlichen Hof ergießen wollte. Das Schloß des Thores war gesprengt, und mit lautem Jubelruf schwang Krautsch, der Führer der Schaar eine gewichtige Brechstange um das bloße, von wirrem struppigen Haar umflatterte Haupt, als Wahlerts Riesenstimme, die mit dem kräftigen Wohlklange ihres Organs den leisesten Schall seiner Worte schon über Tausende von gespannten Zuhörern hingesandt, sein dröhnendes »_Halt_« zwischen die Massen donnerte.
Wie von einem Zauber gebannt blieben sie stehen, und aller Blicke wandten sich der kühnen edlen Gestalt zu, die sich rasch auf die niedere Mauer des dicht an das Schloß stoßenden Obstgartens schwang.
»Zurück, Ihr Männer von Horneck!« rief der Mann, und sein Arm streckte sich aus über die lautlos zu ihm aufschauende Rotte -- »zurück! -- wollt Ihr Mord und Verwüstung tragen in ein friedliches Haus, und die Kraft die Euch gegeben ward zum ersten Mal, wo Ihr sie fühlt in Eurem Arm, nicht nützen, sondern gleich mit schmachvoller That _entweihen_? Der Republik bringt Ihr ein freudiges Hoch, und während das Wort über die Lippe klingt, schändet Eure Hand den Namen, den der Lufthauch noch nicht entführt. Heilig sei Euch das Eigenthum -- gegen den Arm, der das Schwert wider Euch geführt, nicht wider das Schwert selber braucht Eure Kraft -- die Wurzel reißt aus dem Boden, die jene giftigen Schößlinge getrieben, nicht die Schößlinge schneidet ab, denn mit jedem Frühling würden ihr neue entwuchern. Fest zusammen steht wie _ein_ Mann, wie _ein_ Herz, aber macht nicht wahr was Eure Feinde von Euch sagen, daß gerade Ihr es wäret, die unter Republik und Freiheit nur Mord und Plünderung verständen, daß gerade Ihr es wäret, die, blind und taub gegen jedes ruhige Wort, nur dem wie wild gewordenen Stiere folgten, der Euch zu roher gesetzloser That den blutigen Feuerbrand voraus trüge. Macht zu Schanden die Lügen und Verläumdungen, die jene heimlich bohrende Reaction gegen Euch ersonnen und ausgestreut, daß Ihr nicht reif wäret, ein freies Volk zu sein, nicht reif zu menschlichen Rechten und Gerechtsamen, nicht reif zu selbstständigem Handeln und Regieren -- machet die Lügen zu Schanden, Ihr bedürftet einer strengen starken Hand, die Euch den Zügel fest und eisern im Gebiß erhielte, wenn Ihr nicht, wie das ungebändigte Roß, toll und rücksichtslos über die Felder toben und Saat und Erndte in den Boden hineinstampfen und verwüsten solltet.«
»Zeigt, daß Ihr wirkliche Republikaner seid -- stellt jenen schmähenden Lügenzungen den kalten besonnenen Mannes-Ernst und Stolz entgegen, aber weicht auch zurück vor einer That, die Euern Namen mit Schmach bedecken und Euere Feinde triumphiren lassen würde -- gönnt ihnen die Freude nicht, Euch schwach gesehen zu haben, gebt ihnen nicht die Waffen gegen Euch selbst, durch solche That in die Hände. Verachtung dem, der Euch bisher in starrem Joch gehalten -- Verachtung dem, der bisher sich nicht entblödete, der Henkersknecht eines schurkischen Systems zu sein, das nur, wie ein künstliches Maschinenwerk, die Kraft des Einzelnen nicht aufkommen ließ, und ihn, hob er sich dennoch, unter die tausend geschäftigen, wirbelnden, schwirrenden Räder warf -- aber dorthin die Stirn gerichtet, dorthin die Lanzen eingelegt, dorthin den Geist und Arm gestählt zu freiem Wort und freierer That, wo die Hand ruht, die bis jetzt den Mechanismus dieser furchtbaren Räder gelenkt -- gegen die Wurzel den Streich geführt, und kommt dann die Zeit, wo Deutschland Eueres Armes bedarf, dann Freunde, dann Brüder heran zum fröhlichen Siegeslied, zum schönen Waffentanz, und gebe dann Gott, daß er mir erlaubt, Euch, Mitbürger unseres schönen herrlichen Vaterlandes, das schwarz-roth-goldene Banner in luftigem Windeswehen und vom scharfen Stahl geschützt, voran zu tragen.«
»Zu Hause jetzt mit Euch, ihr Leute, zu Hause, und bald, bald hoff' ich, grüßen wir uns wieder im freien _einigen_ Reich.«
Ein laut donnernder stürmischer Beifallsruf folgte den Worten des Redners, und zu ihm hin drängte die Menge nach der Mauer hinüber, dem aber wollte er entgehen. Rasch sprang er hier herunter und wollte unbemerkt an den Gartenmauern und Häusern in das Dorf hinein schlüpfen, um von da aus die große, nach der Residenz führende Hauptstraße zu erreichen, als ein kleiner Bursche seinen Arm ergriff und ihm zuwinkte, seitab durch die Obstbäume, die den schmalen Weg begrenzten, zu folgen. Da die Richtung ungefähr die rechte war, säumte er auch nicht, und befand sich bald auf einem Fußweg, der ihn durch eine hier an das Dorf stoßende kleine Lichtung nach wenigen hundert Schritten schon auf die weiß in die Dunkelheit hinein schimmernde Chaussee brachte.
Dort an einem Kirschbaum stand ein ungesatteltes Pferd angebunden, weiter aber war Niemand zu sehen, und der kleine Junge sagte lachend:
»So -- nu setzt üch uff, un immer grad naus, un denn kennt är nich fählen.«
»Aber wem ist das Pferd?« frug Wahlert erstaunt.
»S'is vun der Herrschaft,« kicherte der Kleine, »aber das macht nischt; wenn er an's Thor kimmt, läßt er'n Rappen widder loofen un vor Morgen is der lange im Stall.«
Es war augenscheinlich eines der Pferde, die ihn seinem Kerker hatten entgegenführen sollen, und jetzt stand es hier, bestimmt, ihn zu Freiheit und Ehre zu tragen -- der Wechsel schien überraschend und Wahlert konnte, besonders nach der letzten Versicherung des Knaben, daß das Pferd seinem Eigenthümer keinesfalls verloren gehen würde, der Versuchung nicht widerstehen. Als ein gewandter Reiter schwang er sich rasch auf des geduldigen Thieres Rücken, dem Knaben ein kleines Geldstück zuwerfend, drückte er seinem Gaul die Schenkel in die Flanken, und fort klapperten in luftiger Schnelle über die harte stubengleiche Chaussee die Hufe des munteren Renners, als er den kühnen nächtlichen Reiter seinem Ziele entgegentrug.
In Horneck verlief sich indessen die Menge nicht sogleich, als es nach dem ersten Eindruck der Rede wohl den Anschein hatte; die Gemüther waren zu erregt, um sobald in das alte Bett ruhigen Gleichmuths zurückzukehren; aber der unbändige Zorn, der ihren Geist noch vor wenigen Minuten zu wilder, gefährlicher That getrieben, war beschworen -- der Ruf an ihr Ehrgefühl hatte seine segensreiche Wirkung nicht verfehlt. Aber Luft mußte die Stimmung haben, Luft auf eine oder die andere Art -- war's nicht im Bösen, so doch im Guten, und Krautsch selbst, dem der starke Trank jetzt mehr und mehr den Sinn verwirrte, brachte das erste gemüthliche Lebehoch auf Herrn von Gaulitz aus.
Einmal im Zug und die Bahn schien leicht gefunden -- an demselben Abend bekamen noch -- zu seinem nicht geringen Schrecken -- der Pastor, der Schulze, der Wirth und die mißhandelten Flurschützen, die man in ihre Wohnungen geschafft hatte, jeder eine unbestimmte Anzahl von Vivats, ja selbst auf die Jäger hätte sich dieses Wohlwollen ausgedehnt; das Haus derselben lag aber leider am anderen Ufer der Rausche und der Fluß selbst zu weit von der Schenke ab, nach der sich die jetzt vollkommen harmlose Schaar in später Nachtstunde noch zurückzog, dort einen sogenannten »Schlaftrunk« nahm, und dann, höchst zufrieden mit dem genossenen Abend, die eigene Heimath -- so gut das eben ging -- aufsuchte.
Siebentes Kapitel.
Wie es in Horneck aussah.
Acht Monate waren seit den, im letzten Kapitel berührten Umständen verflossen; in Deutschland hatte es in loderndem Freiheitsmuth gekocht und gegährt, und an allen Orten und Enden waren die züngelnden Flammen vorgebrochen. An allen Orten und Enden standen aber jetzt auch die Fürsten wieder bereit, die für das ganze so morsche, und doch noch nicht zusammengebrochene Staatsgebäude schon kaum mehr gefährliche Feuersbrunst, wo sie sich nur zeigen würde, mit vollen kältenden Wasserfluthen zu empfangen und zu unterdrücken. -- _Die_ Gluth, welche, auf einen Punkt concentrirt eine Welt hätte zusammenschmettern müssen, knisterte und knatterte jetzt in nutzlosen Sprühteufeln und Raketen zwischen den Füßen der lächelnd zuschauenden Potentaten herum und die Revolution lag, wie ein verwundeter Leu -- furchtbar noch in ihrem Tod und der Erinnerung an die Kraft, die einst diesen jetzt machtlosen Körper belebt, mit ausquellenden Adern sterbend am Boden.
Sterbend? -- und tagte nicht noch in Frankfurt am Main das deutsche Parlament? -- saßen nicht dort noch die Männer des Volks, die eben aus der Revolution hervorgegangenen Vertreter des deutschen Vaterlandes zusammen, und schmiedeten sie nicht noch rüstig fort an den künftigen deutschen Rechten eines einigen Reiches?
Ja, die _Vertreter_ des Volkes saßen noch zusammen, und der Sturm und Kanonendonner von Wien, und die tausend und tausend blinkenden Bayonette Berlins waren nicht im Stande gewesen einen direkten Einfluß auf den ruhigen Geist einer Versammlung zu üben, die den besten Saft und Mark von Deutschlands treusten Herzen in sich schloß, wo aber war das Volk selber, das einige deutsche Volk, das seine Gesandten nach der alten Reichsstadt geschickt hatte und aus ihren Händen ihr künftiges Heil erwartete? Von ehrgeizigen tollen Hitzköpfen an allen Orten erregt und aufgewühlt, riß es auf der einen Seite nieder, während auf der anderen gebaut wurde. Gewissenlose Menschen, meist in Verhältnissen lebend, in denen sie, bei einem Umsturz alles Bestehenden, nie etwas verlieren und immer nur gewinnen konnten; herumziehende politische Comödianten, die von Stadt zu Stadt reisten und in Volksversammlungen -- und Gott weiß es, was Alles unter _Volks_versammlungen verstanden wird -- die Jugend mit ihren tausend und tausendmal wiederholten und wiedergekäuten Phrasen aufreizten, Subjekte, die »im Großen nichts verrichten konnten und es nun im Kleinen anfingen,« machten die so heiß von Deutschland ersehnte und endlich so herrlich realisirte Hoffnung des deutschen Parlamentes zum Kinderspott. Kaum sahen sie ihre aus der Majorität der Wähler hervorgegangenen Gesandten eingesetzt, als sie in machtlosem Ingrimm, nicht selber mit da oben tagen zu können, an dem Gebäude zu rütteln anfingen, das erst eben errichtet worden. Anstatt jetzt wie _ein_ Mann zusammenzustehn und den Beschluß der Männer, die das Wohl des Vaterlandes nach besten Kräften berathen sollten, mit ihren eigenen Leibern zu schützen, wenn etwa die Reaction sich gegen die, schon durch diese Wahl bewiesene Souverainetät des Volkes auflehnen sollte, damit die Vertreter der Nation auch Vertrauen faßten zur deutschen Stärke und Einigkeit, wiegelten sie die rohe ungebildete Masse gegen sie auf, verdächtigten ihre Beschlüsse, oft noch ehe sie ausgesprochen worden, reizten zu Mistrauensadressen, die von Leuten mit unterschrieben wurden, denen es bis jetzt noch nicht einmal klar geworden, was eigentlich die Männer in Frankfurt sollten, riefen, das Werk überstürzend, die Gleichgesinnten zu einem neuen Parlamente auf, säten also Haß und Unfrieden und verlangten Heil und Segen davon zu erndten.
War es den in ihren Grundvesten schon erschütterten Thronen da zu verdenken, daß sie, in der Uneinigkeit der Völker die eigene Macht wieder zu befestigen suchten? und wurden ihnen nicht gerade von den blind und wahnsinnig sich überstürzenden Demokraten die schon fast verlorenen Zügel selber, ja ohne nöthigen Versuch einer Reaction, wieder in die Hand gedrückt?
Die wenigen ehrgeizigen gewissenlosen oder auch blinden Menschen, die entweder nicht sehen wollten, daß Deutschland noch nicht reif zur Selbstregierung sei, und daß es an intellektuellen Kräften fehle, das Ruder einer Republik fest und sicher durch den Sturm der bewegten Zeiten zu führen, oder die selbst verblendet genug waren, sich für fähig zu halten, das siegestrunkene, aber unselbstständige Staatsschiff zu leiten, oder die endlich, welche wirklich mit treuem und ehrlichem Herzen für eine große deutsche Republik geschwärmt, und in all ihrem Dichten und Träumen nur nicht bedacht hatten, daß man zu einer Republik auch Republikaner bedürfe, reizten das Volk, das unter Selbstregierung nur Freiheit von Steuern und Gesetzen verstand, zu wilden und durch Worte nicht mehr zu bändigenden Schritten an. In Versammlungen, wo die gewöhnlichen und alltäglichen Phrasen ihnen nicht schmeichelten, sie nicht freie und zu jeder Regierungsform reife Menschen nannten, wurde jedes parlamentarische Gesetz mit Füßen getreten, die Freiheit der Wahlen selbst durch Terrorismus beschränkt, den Abgeordneten der Ständekammern, die frech genug waren nach eigenem besten Gewissen handeln zu wollen, mit allem gedroht, was nur versprach, eine Wirkung auf etwas zaghafte Gemüther auszuüben. Kurz ein so verworrener Zustand trat ein, daß selbst ein großer Theil der früheren Freiheitsschwärmer, wenigstens alle die, welche nur etwas kälteres Blut besaßen, zurückschraken, wenn sie bedachten, daß sie mit diesen Horden _einen_ Weg gehen sollten, und die ungeheuere Zahl der ruhigen Bürger, die bis dahin einem Fortschritt keineswegs abgeneigt gewesen, und sicherlich für eine höchst liberale Vertretung ihrer selbst gestimmt hätten, plötzlich in Todesangst gerade zum Extrem übergingen, um jetzt, da sie glaubten, daß es noch eine Wahl für sie gäbe, lieber den alten, wenn auch faulen Zustand zurückzuführen wünschten, ehe sie solche Menschen an der Spitze einer nicht _Regierung_, sondern _Zerrüttung_ Deutschlands sähen.
Berlin war in Belagerungszustand erklärt und die Nationalversammlung aufgelöst worden; vom Stephansthurm zu Wien flatterte die schwarzgelbe Fahne und Fürst Windisch-Grätz durfte es wagen, sogar ein Mitglied der für unverletzlich erklärten Nationalversammlung Frankfurt's hinzurichten -- bedarf es eines weiteren Commentars, um den Zustand Deutschlands zu schildern?
»Die Reaction hat für den Augenblick gesiegt und der neue Frühling muß uns auch eine neue, aber blutigere Siegespalme bringen« riefen zähneknirschend die Democraten, oder die, die sich Democraten nannten -- denn _der_ Name ist leider Gottes in letzter Zeit wahrhaft gemishandelt worden. --
»Der Anarchie sind die Hände gebunden,« schmunzelten auf der anderen Seite die platt gesichtigen schwänzelnden Hofmenschen, die Speichellecker der Fürsten und sogenannten Großen -- »ein gesetzlicher Zustand ist zurückgekehrt« -- und Adressen reichten sie ein an die Generäle, die das Machtschwert in den Händen hielten, den Belagerungszustand nur noch ja und um Gotteswillen ein wenig zu verlängern, oder wenn es anginge, viel zu verlängern -- vielleicht -- o süßer Gedanke -- ihn ganz fortbestehen zu lassen -- o wie wohl sich dieses knechtische Geschmeiß unter dem Schutze der Kanonen fühlte.
Und der jungen Freiheit wurden indessen die Flügel beschnitten, Presse und Vereinsrecht beschränkt und die wenigen Errungenschaften des Frühlings verkümmert und gekürzt; das Volk aber wüthete indessen gegen sich selbst und brach seine Kraft in unnützem schimpflichen Streit und Unfrieden.
So stand es in Deutschland -- aber auch in Horneck, der kleinen, in mancher Hinsicht für sich abgeschlossenen Welt, hatte sich Vieles verändert. »Was seine äußere politische Gestaltung nämlich betraf, so war auch Horneck,« wie der Pastor nämlich mit wohlwollendem Lächeln meinte, »in höchst merkwürdiger Weise mit der Zeit fortgeschritten,« und diese »würdige Weise« bestand denn auch allerdings in _einer_ »Errungenschaft« -- die sie aber gern schon wieder los gewesen wären und diversen anderen »Versprochenschaften«, nach einem neueren, durch die Zeit gebornen Ausdruck.
Die Errungenschaft war der Communalgardendienst, denn nach den verschiedenen tumultuarischen Auftritten vor dem Schlosse, ja besonders der gewaltsamen Befreiung des Gefangenen wegen, hatte Herr von Gaulitz der Gemeinde angezeigt, daß er, »zum Schutz des Eigenthums« Militair requiriren werde. Dagegen war aber Doctor Levi mit aller Kraft seiner lispelnden Beredtsamkeit aufgetreten -- der Schrei »Volksbewaffnung« ging damals durch das Land, und »Volksbewaffnung« mußte auch den Bewohnern von Horneck werden -- es war das ein _Recht_, was sie zu _fodern_, keine Gunst, die sie zu erbitten hatten, und Militair -- verweigerte das Dorf.
Die Rede gefiel den Bauern ungemein, denen an der Einquartierung aus mehr als einem Grunde gar nichts gelegen war, sie foderten Volksbewaffnung und erhielten sie mit der Vorausbedingung, »daß sie dann auch für die Ruhe des Ortes haften müßten«, was, wie die Bauern meinten, sich von selbst verstände.
Doctor Levi meinte aber gerade das Gegentheil, für die Ruhe eines Ortes könne keine Gemeinde haften, denn man wisse gar nicht, was jeder Tag für neue Ereignisse gebären möge, die gerade Unruhe im wahren Sinne des Wortes verlangten, und da sei ein solch' gegebenes Versprechen nachher etwas sehr Unpolitisches. So schön er aber auch diese seine Ansicht motivirte, so blieb er doch damit in einer höchst bedeutenden Minorität und die Bürgerwehr wurde in Horneck, dem Grundsatze nach, daß alle Bürger im Staate einander gleich, also auch gleich berechtigt seien zum Besten und Schutz ihres Vaterlandes Waffen zu tragen, organisirt. Um übrigens wahrscheinlich den Grundsatz der Gleichheit besser ausführen zu können, theilte sich die kleine Gemeinde, die ohnedies kaum _eine_ ordentliche und vollzählige Compagnie stellen konnte, in _zwei_, weil die _Bauern_ und _Häusler_ (solche, die kein Bauerngut haben, sondern nur, gewöhnlich vom Gut gepachtet, ein Haus bewohnen) doch unmöglich Seite an Seite in Reih und Glied stehen konnten. Es machte sich dabei wie zufällig, daß die Bauern, die »mit vieren fuhren«, den ersten, die hingegen, die nur mit zwei Pferden fahren konnten, den zweiten Zug bildeten, die Offiziersstellen bekamen natürlich solche anvertraut, die, wenn sie das Commando auch noch nicht verstanden, doch angesehene Leute im Dorfe waren, und ihrer Compagnie keine Schande machten. Sie hätten wohl einen unter sich gehabt, der sich zum Hauptmann ganz vortrefflich geeignet hätte, es war das ein alter gedienter Soldat, der die Feldzüge von Dreizehn als Corporal mitgemacht, und das Commando aus dem Grunde verstand, das war aber leider ein ganz armer Schlucker, der keine Hufe Landes besaß, und deshalb mußte allerdings von ihm abgesehen werden.
Doctor Levi hatte übrigens später Horneck verlassen, um dem Demokratencongreß in Berlin beizuwohnen, war aber vorher noch nach Wien gegangen, und dort im Belagerungszustand verschollen, wenigstens drang keine Kunde von ihm nach Horneck.