Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.
Part 13
»Manchmal, in recht trüben, schweren Stunden, haben mich ähnliche Gedanken überkommen, und ich zweifelte dann, wenn ich mich hie und da einmal in meinen Hoffnungen getäuscht, in meinen liebsten Plänen verlassen sah, an der Ausführung des hohen herrlichen Ziels. Aber nein, nein, es kann, es darf nicht sein,« rief er, sich plötzlich hoch und freudig emporrichtend -- »nur ängstliches Alpdrücken ist das, was uns jetzt Herz und Seele manchmal beengt, noch nicht hineinfinden können wir uns in den Gedanken an so Göttliches. -- Es ist wahr, in der Volksversammlung jauchzt die Menge nur dem Redner zu, der ihm die schwülstigsten Phrasen, die gröbsten Schmeicheleien in den Bart wirft -- mit Mismuth und Aerger hab' ich beobachtet, wie in den Versammlungen der Demokraten besonders, wo leider am wenigsten die Intelligenz vertreten war, einige Wenige die Debatte leiteten und die Masse nur dazu da zu sein schien, beim Abstimmen ihrer Führer Meinung zum Beschluß zu erheben -- aber das sind einzelne Misgriffe, die von selber in ihr Nichts zurückfallen werden. Das Volk selbst, das heißt der Kern des Volks, der Landmann, der Bürger weiß was er will und das einzige was _wir_ jetzt zu thun haben ist, ihn dazu anzutreiben, daß er auch _will_, was er weiß.«
»Gut« sagte Kraft ernst -- »so gehn Sie denn hier im Lande herum und betrachten Sie sich das, was sie den _Kern_ desselben nennen -- kommen Sie zu dem Bauer, Gärtner, Häusler, zu dem Knecht und Tagelöhner, gehen Sie selbst zu den bemittelteren Bewohnern in Horneck und Bachstetten und wie die umliegenden Ortschaften alle heißen, und _dann_ sagen Sie mir wieder, ob _das_ Republikaner sind, die Sie da finden, ob Sie sich getrauen, mit _dem_ Volk eine Republik zu gründen. Sie wissen selbst am Besten, wie Sie hier von den >Arbeitern,< weil Sie denn einmal den Titel wollen, förmlich einem wilden Thiere gleich gehetzt wurden. -- Ja ich weiß schon, damals konnten die Leute es Ihnen noch nicht ansehn, daß Sie Ihr Leben und Vermögen blos _seinem_ Wohl geopfert und Alles verlassen hatten was den Menschen an die Heimath fesseln kann, nur um die Undankbaren von ihren Fesseln zu befreien und -- glücklich zu machen. Aber jetzt -- jetzt wissen sie das Vorgegangene, jetzt wissen sie, daß man Sie damals nur verfolgte, weil Sie Ihre Meinung zu frei geäußert und die Massen versucht hatten, zur Erkenntniß ihrer selbst zu bringen. Jetzt wissen sie, daß kein Verbrechen auf Ihnen lastet, jetzt wissen sie, daß Sie nur stets des armen Mannes Bestes gewollt und erstrebt, und blind folgte Ihnen die Schaar, wohin Sie die Fahne trügen. Treten Sie ihr aber einmal mit festem Wort entgegen, versuchen Sie den Strom zu dämmen, der im Begriff ist, sein Ufer zu überschwemmen, und Alles ist vergessen, was früher geschehn, gethan, -- >Reaktionair!< brüllt die Menge, und einmal verdächtigt, könnten Sie selbst die besten heiligsten Motive vor ihrem Fluch nicht schützen. Die eigenen Führer sind die ersten, die von den siegestrunkenen _Republikanern_, wollten sie die Republik _jetzt_ proklamiren und nachher dem Mord und der Plünderung Einhalt thun, an die Laternenpfähle geknüpft würden. --«
»Doch ich predige da tauben Ohren und es ist mit der Politik, wie mit der Religion; zwei, die verschiedener Meinung sind, kommen zusammen, zanken und disputiren sich Stunden lang, gerathen in Eifer, werden oft bittere Feinde und wissen doch voraus, daß sie nie des Anderen Meinung ändern können. -- Dort unten scheint indeß das Treiben zusammengekommen zu sein; wie die armen Hasen springen, und selbst noch mit zerschossenen Läufen ihren Feinden, den Hunden, und den noch weit ärgeren, den Menschen zu entgehn suchen -- arme Thiere, Ihr seid eingekesselt, und ringsherum rücken die todtbringenden Rohre zusammen -- wählt Euch einen sicheren Schützen zum letzten Sprung, der es bald mit Euch vorüber macht, mit zerschossenen Gliedern die kalte Nacht im Felde zu liegen und dann nicht sterben zu können, muß gar traurig sein.«
»Haben Sie einen besonderen Zweck, der Sie heute nach Horneck führt, lieber Kraft?« frug Wahlert endlich nach ziemlich langer Pause, »daß ich hier sei, konnten Sie doch kaum wissen, und schienen auch erstaunt mich zu sehn.«
»Allerdings« erwiederte der Lehrer »mein Besuch gilt auch eigentlich nur dem armen alten Kleinholz, der vor längerer Zeit schon emeritirt wurde und jetzt in fürchterlichster Noth, sich an das Ministerium um Zulage gewandt hat. Er wollte aber dabei meinem Rath nicht folgen und sich _direkt_ an den Minister wenden, sondern zog den Weg durch den Pastor und zwar mit dessen Bevorwortung vor, Pastor Scheidler meinte er, oder der >Herr Pastor Scheidler,< wie er sagte, hätte ihm schon in früherer Zeit versprochen, Alles aufzubieten, was in seinen Kräften stünde, ihn in der Noth zu unterstützen und auf dessen Bericht hin, der in dem gewöhnlichen steifen amtlichen Styl gehalten wird, kann ich mir nicht denken, daß das Ministerium viel thun wird -- es kommen zu viel derartige Eingaben. Doch es ist ja möglich, und ich wollte nur einmal sehn ob es dem armen alten Mann etwas besser geht, und ich ihm vielleicht einige Unterstützung bringen kann.«
»Steht sich der alte Schullehrer hier im Orte so schlecht?« frug Wahlert, »es ist doch ein so großer Ort, und sollte sicherlich gerade _den_ Mann hegen und pflegen, der all seine Bewohner vielleicht groß, und viele zu braven wackeren Menschen herangezogen hat.«
»Du lieber Gott, darüber ließe sich so Manches sagen« erwiederte ihm Kraft seufzend. »Mit funfzig Thalern soll der Mann auskommen, sieben gesunde Kinder ernähren -- und nicht betteln gehn, -- es ist lächerlich -- aber recht traurig. Doch leben Sie wohl, lieber Wahlert -- ich habe geschwatzt und geschwatzt und die schöne Zeit damit versäumt, Wasser in die Rausche zu tragen. -- Gott bessere es -- vielleicht sehn wir uns heut' Abend im Dorfe wieder, ich werde in der Schenke übernachten und erst morgen früh nach Bachstetten zurückkehren.«
Und einen herzlichen Händedruck mit dem jungen Manne wechselnd, schritt er rasch auf dem breiten, mit gelbem Kies überworfenen Weg entlang, dem Dorf zu, das er in kurzer Zeit gerade da erreichte, wo der kleine Fußpfad nach Schule und Kirche hinüber und zwischen Sturz- und Stoppelfeldern hin, rechts abführte.
Zwölftes Kapitel.
Die Begegnung.
Wahlert stand noch eine lange Zeit, und schaute erst mit stierem, aber an Nichts haftendem Blick nach der Richtung hinaus, die sein alter Lehrer genommen, und dann, als dieser hinter den Gebäuden und Obstbäumen verschwunden war, in das Thal hinunter, wo die Treiberjungen eben die geschossenen Hasen auf einem Rain zusammenschleppten, und in eine Reihe legten, und die Schützen indeß in langer Linie auf einem schmalen Stoppelfeld weiter in's Revier hinunter gingen, das zweite Treiben zu beginnen. Endlich richtete er sich empor aus seinem dumpfen Brüten, stützte einen Augenblick noch die Stirn in seine linke hohle Hand, warf dann plötzlich, wie in neu erwachendem Stolz und gekräftigten Entschluß den Kopf zurück, und schritt mit verschränktem Arm rasch, und weder rechts noch links mehr schauend, in den Wald hinein.
Es war ein schöner, aber auch düsterer Morgen, links neben den Feldern hin breiteten sich weite Flächen rosig blühender Haidedecken, hier und da mit grünen Kieferbüschen wie überstreut. Dazwischen herauf aber ragten graue schroffe Felsblöcke, halb eingehüllt in den blüthengeschmückten Teppich, und einzelne entlaubte Eichen schüttelten darüber hin ihre dürren Aeste. Weiter drüben jedoch, wo das fruchtbarere Land begann, wechselten gelbe Stoppeln mit grün schimmernden Rapsflächen ab, und hier und da füllte die, in den wellenförmigen Boden eingerissenen Schluchten, junger kräftiger Baumschlag von Birken und Buchen.
Ueber diese hin lag, gerade den Gipfel des entferntesten Hügels krönend, das kleine Dörfchen Skorditz, bis auf dessen Fluren die Hornecker Jagdgerechtigkeit reichte, und ein langer, scharf gegen den Horizont abstechender Pappelnkamm, zog sich von einem Ende desselben bis zum anderen, die ganze Häuser und Baumgruppe wie mit einem Diadem umschließend, hinüber.
Wahlert hatte eben eine breit ausgehauene Waldschneuse erreicht, durch die hin er, auf die eine Seite wie durch ein Perspectiv nach Skorditz hinübersehen konnte, während er auf der anderen, von einer kleinen Anhöhe begünstigt, einen weiten, von Wald umschlossenen Wiesenplan überschaute. Es war dieselbe Stelle, in deren Nähe er damals, gerade als er die Schneuse überspringen wollte, die beiden jungen Damen getroffen, angeredet, und von dem dazukommenden Jäger so rauh behandelt war, und das Gedächtniß jener Tage mochte ihm wohl recht peinlich, und doch in ihren Folgen auch süß und tröstend durch die Seele ziehen. Er lagerte sich in das weiche, duftige Haidekraut, und schien eine lange Zeit vollkommen in seinen Gedanken und Erinnerungen verloren.
»Wunderliches Schicksal,« murmelte er vor sich hin, während sein Blick die Stelle überflog, wo er damals seine jetzige Braut zuerst gesehen, »konnt' ich wohl denken, als ich die schlanke, liebe Gestalt auf mich zugleiten sah, daß jenes holde, herzige Wesen für den Mann Mitgefühl, und dann _Liebe_ empfinden sollte, der mit zerrissenen Kleidern, mit wirrem Bart und Haar, bleich und verstört, einem Räuber ähnlicher als einem Unglücklichen, in ihren Weg sprang? -- Aber bestimmt denn auch das Kleid den Werth des Menschen? Bleibt nicht das Herz sich gleich im Bettlerrock, wie unter --« Er hielt plötzlich inne, schaute erst einen Augenblick still und starr vor sich nieder, und barg dann mit tiefem Seufzer das Antlitz in den Händen. Ein bleiches, schmerzdurchschauertes Bild zog mit vorwurfsvollen Blicken an seiner inneren Seele vorüber, und strafte die Worte Lügen, die sein Mund gesprochen.
Leichte Schritte wurden gehört, den Weg aus dem Holz heraus kam eine Frauengestalt, in ein einfach dunkles Gewand gekleidet; sie hatte einen alten Shawl fest um sich hergeschlagen, und in der rechten Hand hielt sie einen Strauß von Kornblumen, wie sie noch draußen auf den Rainen blühten. Langsam kam sie die Straße herab, und als sie die Stelle erreichte, wo der junge Mann auf der kalten Erde lag, und die Stirn noch immer in das buschige, blumige Haidekraut hineingepreßt hielt, da blieb sie stehen, und schaute halb neugierig, halb ängstlich zu ihm nieder.
»Sind Sie krank, Fremder?« sagte sie endlich mit gedämpfter mitleidiger Stimme -- »kann ich etwas helfen?«
Wahlert hob rasch den Kopf empor, sah das bleiche Mädchen dicht vor sich, über ihn hingebeugt, und strich sich schnell mit der Hand über die feuchte Stirn, als wenn er sich erst wirklich überzeugen wolle, ob er wache oder noch fort träume in seinen wilden, wehdurchzuckten Phantasien.
»Marie?« -- sagte er emporspringend, und mit noch immer zweifelnder, kaum verständlicher Stimme -- »Du hier? -- im Wald -- allein?«
Ueber des Mädchens Züge hatte sich Todtenblässe gebreitet, und die beiden hellrothen Flecke glühten in eigenthümlichem fieberhaften Feuer, aber sie sprach kein Wort -- kein Laut des Erstaunens kam über ihre Lippen, den Mann hier zu finden, dessen Anwesenheit im Dorf ihr schon Herz und Seele mit peinlich quälender Angst erfüllt hatte.
So standen sich die Beiden viele Minuten lang schweigend gegenüber, es war fast, als ob sich Jedes scheute, den Zauber zu brechen, der über dem Begegnen lähmend ruhte. Marie war die erste, die sich sammelte.
»Guten Tag, Herr Wahlert!« sagte sie leise, und wandte sich zum Gehen --
»Marie,« bat da der junge Mann, und ergriff die Hand, die sich nur schwach dagegen sträubte, der seinigen zu begegnen, -- »wie geht es Dir -- Du siehst bleich, krank und -- leidend aus, (er konnte das Wort _dürftig_, das ihm auf den Lippen lag, nicht aussprechen) kann ich etwas für Dich thun?«
»_Sie_?« sagte das Mädchen, und schaute ihn erstaunt mit ihren großen, fast geisterhaften, dunkeln Augen an -- »_Sie_? -- Was können _Sie_ für mich thun, Herr Wahlert? Sie, der Bräutigam Sophiens, der im Begriff steht, sein Vaterland und seine Familie zu verlassen, um in fernen Zonen an der Seite der Geliebten eine neue Heimath zu suchen?«
»Und sollen wir _so_ auf immer scheiden?« frug Wahlert, von dem weichen Ton der Jungfrau schmerzlich berührt, »Du gabst mir damals die Freiheit wieder, Marie, als mich die Häscher dem Kerker entgegenführten -- rettetest vielleicht dadurch mein Leben, denn es lag ihnen in der Zeit viel daran, _mich_ gerade unschädlich zu wissen.«
»Und jetzt sind Sie von keiner Gefahr mehr bedroht?« frug mit monotonen Lauten das Mädchen.
»_Hier_ von keiner, das Volk hat gesiegt, und Glück und Wohlstand wäre ihm verbürgt, wenn es jetzt, o nur jetzt, fest und treu zusammenhielte.«
»Glück und Wohlstand,« murmelte Marie, und wickelte sich fröstelnd fester in ihren Shawl ein -- »Glück und Wohlstand -- und wenn es fest und treu zusammenhielte« -- wiederholte des Musikanten Tochter die Worte des jungen Mannes mit schmerzlicher Bitterkeit -- »was aber kann der eine Theil dafür, wenn sich der andere kalt und -- treulos von ihm abwenden -- von ihm losreißen _will_? -- Was verschuldete _er_, um in Unglück und Elend hinausgestoßen zu werden -- während der Andere das Glück einer Welt in seine Arme zieht? Glück und Wohlstand für Alle -- für Alle, nur nicht für die Elenden und in den Staub Getretenen, nur nicht für --«
Das Mädchen, dessen Wangen bei den letzten Worten eine fliegende Gluth wie mit überirdischem Glanz übergoß, und ihr für Momente mit dem feurigen Strahl der großen Augen, fast die frühere Schönheit wieder auf ihr Antlitz zurückzauberte, hielt plötzlich inne, strich sich mit der einen Hand die in die Stirn gefallenen Haare zurück, wandte sich dann ab und sagte mit leiser, wieder ganz ruhiger Stimme:
»Es ist besser, wir scheiden so, und kein Wort wird weiter unter uns gewechselt -- ich will keinen Stachel der Reue in Ihre Seele drücken, jetzt, wo Sie die Pflicht übernommen, ein treu an Ihnen hängendes Mädchenherz mit starker, nicht schwankender Hand durch's Leben zu führen -- nur eines noch, eines liegt mir auf der Seele, und selbst Gott könnte nicht von mir verlangen, daß ich _das_ Bewußtsein sollte mit in mein Elend -- mit in mein Leben hineinziehn.«
»Marie, was ist Dir, Du bist fürchterlich erregt?« sagte mit Mitleid in Ton und Blick der junge Mann.
»Sie glaubten mich _schuldig_,« fuhr die Unglückliche, sich wieder zu ihm hinwendend und seinem Auge mit festem offnen Blick begegnend, fort -- »ich bin es _nicht_.«
»_Nicht_?« rief Wahlert erschreckt und schaute mit ängstlicher Spannung auf das erregte Antlitz der einst, ach so heiß Geliebten -- »nicht schuldig? -- aber großer Gott -- wie kam es da -- weshalb -- wie ist mir denn, mir wirbelt der Kopf vor Allem, was sich mir toll und sinnverdrehend hineinwirft -- nicht schuldig -- und Dein Kind?«
Marie barg das Antlitz eine Zeit lang in den Händen und große schwere Thränen drängten sich zwischen ihren Fingern hindurch.
»Mein armes Kind!« flüsterte sie leise.
»Du sprichst in Räthseln.«
»Deren Lösung Ihnen das Herz brechen würde,« erwiederte Marie, jetzt plötzlich sich gewaltsam zusammenraffend -- »genug -- genug -- nur nicht als Schuldige, Treulose wollte ich in Ihrem Gedächtnisse leben, der Gedanke war mir zu fürchterlich in all' dem Leide, das überhaupt auf meinem Pfade liegt. -- Sie wissen, daß ich Sie _nie_ belogen, und werden mir glauben -- jetzt leben Sie wohl und -- glücklich -- recht glücklich, und wenn Sie manchmal der armen Marie gedenken, sei es -- in -- in Mitleid -- aber nicht in Haß.«
Mit flüchtigen Schritten eilte sie davon, wenige Secunden später aber stand Wahlert auch an ihrer Seite und ihren Arm ergreifend, und sie fest dadurch an die Stelle bannend, rief er rasch und heftig:
»Marie, nicht so -- beim ewigen Gott, nicht so -- ruht hier ein dunkles Geheimniß, so muß ich es lösen, und will es wissen -- sprich, wenn noch ein Strahl von Liebe für mich in Deinem Herzen lebt, sprich.«
»Aus eben dem Grunde sollte ich schweigen,« sagte die Unglückliche -- »weshalb dieselbe Last auf ein zweites Herz übertragen, wenn das erste dadurch nur um ein so geringes erleichtert wird -- es wäre Sünde. Gehe wie bisher Deine Bahn, kalter, erbarmungsloser Mann, und schaue, mit Deinem Ziel im Auge, nicht nach den Blumen zurück, die Du zertreten hinter Dir läßt.«
»Du bist grausam, Marie, und folterst mich durch Dein Schweigen -- nur die beiden Fragen beantworte mir, wenn Du den Frieden meiner Seele höher achtest, als den Stein, den Dein Fuß aus Deiner Bahn wirft -- wer ist der Vater Deines Kindes?«
»Meine Schmach,« stöhnte Marie und barg Stirn und Augen in ihrer Linken.
»Du schweigst?« flüsterte Wahlert, und der eigene Laut seiner Stimme machte die Jungfrau erschreckt zu ihm aufschauen.
»Und auch jetzt noch Mißtrauen?« sagte sie und warf noch einen Blick auf den vor ihr Stehenden mit leisem Vorwurf im Ton -- »so sei es denn, und dies Geständniß möge mir Gott zur Sühne meiner Sünden rechnen -- der Oberpostdirector von Gaulitz.«
»Der Bube!« zischte Wahlert zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch.
»Sie wissen,« fuhr Marie, jetzt wieder hochroth von Schaam übergossen, und von Wahlert abgewandt, fort -- »daß die traurigen Verhältnisse meines Vaters mich zwangen, mein Brod mir außer dem Hause zu verdienen; -- Sie lernten mich dort kennen -- lieben. Mein unseliges Verhängniß wollte aber, daß jene herrliche Frau, bei der ich fast wie ein eigenes Kind gehalten wurde -- starb -- ich mußte meine Stellung aufgeben und ein böser Geist führte mich in das Haus des Oberpostdirectors von Gaulitz als Wirthschafterin. Sie selbst waren kurze Zeit vorher auf Reisen gegangen. Jener weißhaarige Bösewicht hielt nicht lange mit seinen schändlichen Anträgen zurück -- ich wies sie mit Abscheu von mir und wollte sein Haus verlassen -- die letzte Nacht -- heiliger Gott, ersparen Sie mir das Geständniß -- ein höllischer Saft, den ich unbewußt trank, muß mir die Besinnung geraubt haben -- am andern Morgen war ich verrathen und -- elend.«
»_Teufel_ der,« rief Wahlert, mit dem Fuße stampfend.
»Ich floh zu meinem Vater,« sagte Marie mit kaum hörbarer Stimme, »und hoffte von Stunde zu Stunde auf Ihre Rückkehr -- Sie _kehrten_ zurück, aber nicht zu mir. Ein Brief, den ich an Sie, mit der ganzen Erzählung der an mir verübten That -- mit der Bitte, um Hülfe, um _Gerechtigkeit_ sandte -- kam uneröffnet wieder in meine Hände. Mein Kind starb, in der Residenz fand ich bei anständigen Leuten, da ich nicht einmal die Mittel besaß, mich ordentlich zu kleiden, kein Unterkommen mehr -- mit meinem Vater, dessen rohe Vorwürfe mir täglich die Seele zerfleischten, zog ich von da an durch das Land -- und wir sangen vor den Thüren der Leute -- um unser Brod.«
»Marie,« rief da, von wildem Schmerz ergriffen, Wahlert, und schwere Thränen rollten seine bleichen Wangen herab, »arme, mißhandelte, unglückselige Marie, o sprich -- giebt es ein Mittel auf der weiten Gotteswelt, Dir nur in etwas das Leiden zu vergüten, was Du erduldet, denn von jetzt an sollst Du wenigstens keine Noth mehr leiden -- keine Sorge mehr kennen -- von jetzt an --«
»Nicht um Almosen zu betteln, hab' ich Ihnen mein Schicksal erzählt,« sagte das Mädchen und richtete sich stolz empor -- »nicht Ihr Mitleiden wollte ich wecken -- nicht Ihre Reue, nur gerechtfertigt -- nicht schuldig, nicht sündhaft wollte ich in Ihrer Erinnerung -- neben Sophien meinen Platz gewahrt wissen. -- Leben Sie wohl, Wahlert, -- leben Sie glücklich -- _mich_ sehn Sie nimmer wieder.«
»Marie!« rief Wahlert, und streckte bittend die Arme nach ihr aus.
»Denken Sie an Sophien,« sagte die Unglückliche ernst, den Arm gegen ihn erhebend; dann drehte sie sich ab von ihm und wanderte still und ohne sich wieder nach ihm umzuschauen, aber mit raschen festen Schritten, die Straße entlang dem Dorfe zu.
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:
Seite 13: "«" entfernt (fest entschlossen war, von selber los zu gehn.)
Seite 14: "dem" geändert in "den" (mit den unausweichbaren papageigrünen Glacéhandschuhen)
Seite 22: "»" eingefügt (»Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen)
Seite 22: "«" eingefügt (Sie machen sicher nur Gestank.«)
Seite 22: "»" eingefügt (»Alles war im Anfang gut auf Erden)
Seite 24: "erlegte" geändert in "er legte" (er legte das Papier vor sich nieder)
Seite 33: "»" eingefügt (auf- und abgegangen war; »erstlich ist mir das Sprengen)
Seite 51: "Staatsbüger" geändert in "Staatsbürger" (und die Masse der »gutgesinnten« Staatsbürger)
Seite 52: "-" eingefügt (seines General-Superintendenten Sohn zu befreien)
Seite 68: "Fieberforst" geändert in "Fieberfrost" (bebte wie im Fieberfrost)
Seite 72: "deßhalb" geändert in "deshalb" (deshalb sind sie wahrscheinlich so eifrig bemüht)
Seite 75: "»" eingefügt (»_vielleicht_ lassen sie ihn frei)
Seite 77: "," eingefügt (in das blaue seelenvolle Auge, ergriff dann)
Seite 77: "ihn" geändert in "ihr" (andere Gedanken drängten ihr aber in das)
Seite 81: "»" eingefügt (»un was wärsch, wenn se's hiarten?)
Seite 81/82: "»" eingefügt (ihn die anderen Beiden kurzweg nannten, »in dem dichten Grase)
Seite 91: "." eingefügt (um des Burschen ohnmächtigen Zorn weiter zu kümmern.)
Seite 120: "«" entfernt (durch die Straße lärmenden Schaar zu ihr hernieder tönten.)
Seite 123: "etzt" geändert in "jetzt" (der Bauer hat sich bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten)
Seite 140: "«" eingefügt (und diese »würdige Weise« bestand denn auch allerdings)
Seite 145: "nnd" geändert in "und" (nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben)
Seite 148: "brechtigt" geändert in "berechtigt" (vielleicht berechtigt sein durfte zu erwarten)
Seite 154: "«" eingefügt (der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen«)
Seite 160: "«" eingefügt (er verachtet die -- Dirne.« -- Sie schauderte zusammen)
Seite 161: "ei" geändert in "sei" (nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne)
Seite 168: "e nsterbret" geändert in "Fensterbret" (lehnte sich, um nicht zu stürzen, an das Fensterbret)
Seite 174: "anf" geändert in "auf" (ging dann auf seinen Zögling zu)
Seite 176: "«" eingefügt (Alle mit einander, wie heißt der? --«)
Seite 178: "»" entfernt (Die Knaben schienen das im Anfang)
Seite 179: "zn" geändert in "zu" (heimlich zu desertiren, fand aber)
Seite 196: "«" eingefügt (noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr« -- unterbrach ihn)
Seite 196: "»" eingefügt (zu Worte kommen zu lassen, »auf's Neue)
Seite 203: "«" eingefügt (und mir wieder gnädige -- _Herren_ sein.«)
Seite 220: "«" eingefügt (»die Herren Schützen,«)
Seite 225: "«" entfernt (eine Tasse Eierbier eingeschenkt bekamen.)
Seite 228: "eine" geändert in "ein" (frug ein anderer dabei stehender Bauer lachend)
Seite 239: "sie" eingefügt (die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig verändert)
Seite 242: "«" eingefügt (und können stimmen wie wir wollen.<«)
Seite 245: "Versammlung" geändert in "Versammlungen" (wie in den Versammlungen der Demokraten besonders)
Seite 258: "»" eingefügt (»ich bin es _nicht_.«)
Seite 262: "Denkeu" geändert in "Denken" (»Denken Sie an Sophien,«)]