Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.

Part 12

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Besonders um einen Tisch in der Mitte hatte sich eine muntere Gruppe gebildet, deren Glanzpunkt ein kleiner wohlbeleibter Bauer mit rother, in's bläuliche spielender und ungewöhnlich großer Nase war. Die kleine dicke Gestalt sprudelte von einer Art trockenen Humors, und das ganze Aussehen des Mannes gab jedem, was er sagte, etwas nur um so mehr, und oft unwiderstehlich Komisches. Je öfter ihn die Umstehenden zu necken suchten, mit desto schärferer Münze zahlte er sie zurück, bis das Gespräch endlich ernster und ernster, und auch auf den jetzigen wie den künftigen Zustand der Jagd gelenkt wurde.

»Nun Beukel, und was macht _Ihr_ denn, wenn Ihr die Jagd auf Eueren eigenen Aeckern und Wiesen wirklich in Wald und Teich freibekommt, schont Ihr?« frug den Bauer einer der Revierjäger.

»Nich 's Kalb im Mutterleibe« schwur Beukel und schlug mit der schweren Hand donnernd auf dem Tisch -- »die Freude dauert doch am Ende nicht lange -- und nachher ärgerte man sich erst recht, wenn man den Großmüthigen gespielt hätte.«

»Na das wird eine schöne Aasjägerei werden -- nachher kann unser Einer nur die Flinte an den Nagel hängen.«

»Habt sie auch lange genug auf fremder Leute Grund und Boden herumgeschleppt« meinte Beukel -- »dem Bauer schmeckt sein Hase auch.«

»Daß er dran erstickte« murmelte der Jäger leise vor sich hin.

»Ne ne,« lachte aber der Bauer, der die kaum hörbaren Worte doch verstanden hatte, »_der_ erstickt schon nicht dran, überhaupt wissen die armen Leute jetzt noch gar nicht einmal, daß Hasenbraten gut schmeckt, und es wäre doch recht schön, wenn sie das bei der Gelegenheit auch einmal erführen.«

»Bei _der_ Gelegenheit nun schon nicht« sagte ein Förster, der hinter Beukels Stuhl stand und seine Pfeife stopfte.

»Bei _der_ Gelegenheit nicht? -- und weshalb? Wenn der Gutsbesitzer nicht mehr alle Hasen allein schießen darf, und die kleinen Leute auch hinausgehn können, und ihr Stück Wild hereinholen, wirds da nicht etwa besser für die Armen? -- die großen Herren haben ihnen doch wahrhaftig bis jetzt auch Nichts geschenkt.«

Die Bauern, die um den Tisch herum standen, lachten, der Förster ließ sich aber nicht irre machen und brummte dagegen:

»Die kleinen Herrn aber noch viel weniger und dann hat's mit der Jagdfreiheit auch einen anderen Haken. Daß sie Einer den Andern auf dem Felde todtschießen werden, wenn jeder mit seinem Kuhfuß draußen 'rum laufen und knallen darf, versteht sich von selbst und ist jetzt auch schon genug dagewesen, das schadet aber auch Nichts, _die_ Art Schützen mag sich unter einander selbst aufreiben, und ordentliche Jäger werden ihnen schon nicht zu nahe kommen, aber der _arme_ Mann ist gerade der, der unter der Jagdfreiheit zu leiden hat -- nicht etwa die >großen Herrn< wie sich's der Bauer immer auf allen Bierbänken rühmt.«

»Der arme Mann?« sagte Beukel erstaunt und drehte sich nach dem Förster um, »na um die Erklärung gäb' ich auch ein Töpfchen Bier.« --

»Dem armen Mann thats wuhl guat, wenn de Raichen Hasenbraten fraßen?« frug ein anderer dabei stehender Bauer lachend, und die Uebrigen stimmten mit ein.

»Gewiß thats ihm gut« fiel aber hier der Förster mit Wärme ein, »denn während der Reiche Wildpret verzehrte, konnte er kein anderes Fleisch essen, und Rindfleisch z. B. behielt einen Preis, den dann und wann auch wohl einmal ein _armer_ Mann bestreiten und bezahlen konnte. Wie wird das aber jetzt werden, wenn das Wild, wenn Hasen und Rehe alle weggeschossen sind, heh? -- Wir wollen einmal die Residenz nehmen; zu ganz geringem und durchschnittlichen Maasstab gerechnet sind dorthinein bis jetzt jährlich doch wenigstens 20000-25000 Hasen geschafft und darin consumirt worden -- ebenso eine verhältnißmäßige Quantität Rehe, Hühner, Birkwild, Fasanen, etc. Wer verzehrt dieß Alles? -- Die Reichen und fehlt ihnen das Wild, so sind die natürlich die Letzten, die _ohne_ Fleisch leben; können sie kein Wildpret, keine Hühner, Rehe und Hasen bekommen, ei so essen sie Rind- Kalbs- oder Schweinebraten, diese 20000 Hasen und die vielen tausend Pfund anderes Wild fehlen aber jetzt, dafür wird anderes Fleisch also verbraucht, und dieses muß natürlich bei einem so gesteigerten Bedarf auch ebenso verhältnißmäßig im Preise steigen. Wird der Arme nun _noch_ im Stande sein, sich dann und wann ein Huhn in seinen Topf oder ein Pfund Rindfleisch zu kaufen? -- Fragt einmal übers Jahr wieder nach, und Ihr werdet hören, wie sie in den Städten darüber schimpfen.«

»Ah bah, in den Städten mögen sie's thun« lachte Beukel, »so schöpfen wir auf dem Lande doch wenigstens das Fett von der Suppe.«

»Wir? -- die schöpfen es, welche die Schüssel schon bis jetzt immer vor sich gehabt« sagte ärgerlich der Jäger -- »die armen Häusler und Tagelöhner, die kein eignes Feld haben, kriegen immer noch nichts. Uebrigens schöpft nur -- ein, höchstens zwei Jahr habt Ihr noch ein paar Rebhühner zu schießen, und nachher wird Sturm geläutet, wenn sich einmal ein Hase auf dem Felde draußen blicken läßt.«

»Treiber vor!« tönte eine Stimme draußen auf der Diele, und die Treiber, die sich in der Stube befanden, bewegten sich langsam der Thüre zu, um sich draußen zu präsentiren und hinaus zu der Stelle geführt zu werden, von wo das erste Treiben ausgehen sollte.

»Wo hören wir denn eigentlich wieder auf?« frug da ein Verwalter aus der Nachbarschaft, »wenn wir nicht hierher zurückkommen, möcht' ich auch meinen Mantel fortschicken.«

»In Skorditz« sagte der alte Holke, der in diesem Augenblick in's Zimmer getreten war und die Anwesenden zu überzählen schien -- »gleich neben der Windmühle.«

»Die Skorditzer Bauern haben gesagt, wenn die Schützen auf _ihre_ Felder kämen, schlügen sie Generalmarsch im Dorfe und rückten aus« meinte ein Bauer aus Horneck, der mit dem Verwalter an einem Tische saß.

»Die Skorditzer Bauern können zu -- Grase gehn,« brummte Holke, ohne sich in seinem Zählen irre machen zu lassen -- »sechs und zwanzig, -- sieben und zwanzig, -- acht und zwanzig, -- denen ist auch zu wohl, und sie wollen erst einmal versuchen wie's thut, wenn man einen Haufen Militair im Orte hat -- neun und zwanzig -- dreißig -- hol sie der Teufel alle mit einander -- eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben und dreißig im Ganzen -- hm wird wohl langen -- ist Fritz noch nicht dagewesen?«

»Er war erst vor einer Viertel Stunde bei den Treibern draußen, Herr Förster,« sagte das Schenkmädchen mit freundlichem Gruß und stellte ein Glas gewärmten Bieres vor ihn hin -- »vielleicht ist er hinüber zur Herrschaft gegangen -- soll ich einmal nachsehn?«

»Nein, danke schön -- es wird bald ausgeblasen!«

Er goß das Bier mit raschem Zuge hinter, strich sich den grauen großen Bart aus und verließ mit einem »Gleich wirds fortgehn,« das Zimmer wieder.

»Die Bauern wollen's nicht leiden, daß wir in Skorditz jagen?« frug ein Controleur aus der Stadt und schnallte sich den neben ihm liegenden Muff dabei um.

»Ne,« sagte einer der Treiber, der noch hinter seinem Stuhle stand und eben im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, »se han gesaiht se werren erscht alle de Jiagers met Schtung un Stiel usrotten, ähe se se uf ehre Fälder liaßen -- das sin Mordskerle -- die ferchten sich vor'n Deibel nich.« --

Er schüttelte lachend mit dem Kopf und sprang schnell hinaus als draußen das Signal zum Sammeln geblasen wurde -- die meisten der Jäger standen ebenfalls auf, dem Ruf Folge zu leisten, während die älteren, und mit dem gewöhnlichen Gang des Treibens schon mehr vertrauten, noch ruhig bei ihrem Glase oder Warmbier sitzen blieben, den »Schwarm« erst ablaufen zu lassen, und nachher mit aller Gemüthsruhe einzurücken.

* * * * *

Die Jäger zogen mit den Treibern in einem dichten, nur hier und da durch einzelne Ausläufer umgebenen Trupp, einen engen Dorfpfad, der von niederen Mauern eingeschlossen zwischen den höher liegenden Gärten hinführte, dem Felde zu, und etwa zweihundert Schritte hinter ihnen kamen, zwei und zwei mit einander plaudernd, hier und da auch Einer allein in stillem Ernst die »Herrschaften.« Den Schluß bildeten einzelne Nachzügler, oder später Gekommene.

Dieser schmale Gartenweg lief ziemlich südöstlich aus dem Dorfe hinaus, und weiter oben, gerade nach Norden hinauf lag die größere, schon öfter erwähnte, und unfern von da in's Holz, nach Sockwitz laufende Fahrstraße, von der aus man gerade die Felder, auf denen das erste Treiben gehalten werden sollte, überschauen konnte.

Auf dieser hin schritt langsam, in schwarzem Filzhut und braunem mit Schnüren besetzten Burnus, ein Mann, hielt dann und wann an, die rege Gruppe der Jäger zu beobachten, die gerade ihren Sammelplatz auf einer flachen Wiese erreicht hatte, und von dort, um das ganze Treiben zu umzingeln, nach rechts und links Schützen und Treiber abwechselnd aussandte, und blieb endlich an dem nämlichen Steine stehen, an welchem wir dem alten Schulmeister Kleinholz gleich im Anfang unserer Erzählung begegneten.

Eine Viertelstunde mochte er so gestanden haben, und das Treiben unten, das auch einzelne der kleinen Schluchten mit umschloß, war ziemlich zugezogen, als auf der Straße von Sockwitz her ein anderer Mann im einfach braunen, etwas abgetragenen Ueberrock, den schwarzen alten Filz ebenfalls auf dem Kopf, langsam den Weg niederschritt, und eben grüßend an dem jungen Mann vorübergehen wollte, als dieser, der vorher nur einen flüchtigen Seitenblick nach ihm hinübergeworfen, sich rasch umdrehte, und ihm die Hand entgegenstreckend, ausrief:

»Kraft!«

»Wahlert?« -- sagte der Schullehrer, unser alter Bekannter, noch von der Versammlung her, erstaunt. »Sie hier in Horneck? -- Was um des Himmels willen hat Sie hergeführt -- Ihre Freiheit ist doch nicht mehr bedroht?«

»Nicht mehr hier -- was in Berlin der Fall wäre, möchte eine andere Frage sein,« lächelte der junge Mann -- »ja ja, lieber Freund, so wechseln die Schicksale, erst wie ein gemeiner Verbrecher von Steckbriefen und Häschern verfolgt, dann nach mir geschossen, wie nach einem wilden, reißenden Thiere -- dann gefangen -- wieder befreit -- der Abgott des Volkes, von Fürsten gesucht, im Rath der erste zur Ministerpräsidentschaft berufen, aus der Nacht mit einmal zum höchsten strahlenden Lichtesglanz emporgeschleudert -- und jetzt? -- ein flüchtiger, oder doch wenigstens geflüchteter Demagog, ein _mißliebiger_ Republikaner, der mit seinen schönen Träumen endlich wahrscheinlich -- _auswandern_ muß, um sie, wenn auch nicht mehr in Deutschland, doch wenigstens in _Deutschen_ realisirt zu finden.«

»Auswandern?« frug Kraft erstaunt -- »weshalb denn gerade _auswandern_?«

»Es wird Nichts in Deutschland,« sagte Wahlert, finster vor sich niederblickend, »jetzt wenigstens noch nicht, bis nicht eine frische Anregung von außen kommt, und die jetzt vorzubereiten, das sei das Werk derer, die wie wir es ehrlich mit dem Vaterlande meinen.«

»Anregung von _Außen_« wiederholte Kraft, traurig dabei mit dem Kopfe schüttelnd; »ach, lieber Wahlert, so lange wir in Deutschland nicht selber im Inneren reif zu einer Selbstregierung sind, da hilft uns auch keine Anregung von Außen, komme sie, woher sie wolle; sie kann die Ordnung wieder zerstören, die Gesetze umstoßen, das ungebildete Volk reizen, und zum wilden zerstörenden Aufruhr locken, ihm aber die Kraft und Einigkeit und besonders die Einsicht geben, deren es, ach leider so nothwendig bedarf, um seine schlimmsten Feinde zu erkennen, und keinen Unterschied mehr zwischen schleichenden Reaktionairen oder bramarbasirenden Wühlern zu machen, _das_ kann eine Anregung von außen _nicht_, das muß Fleiß und Ausdauer im Inneren wirken.«

»Reif, reif und immer nur reif,« sagte Wahlert unwillig, »sind auch Sie Einer von denen, die das Wort zum Mantel brauchen, ihre eigene Furcht darunter zu verstecken? -- Reif -- weshalb soll der Deutsche nicht eben so gut reif zur Freiheit sein, wie ein anderes Volk -- weshalb ist er plötzlich _reif_ und ein _Republikaner_, wenn er über die See und nach Nordamerika kommt? reift ihn etwa die Seeluft oder wird dort ein besonderer chemischer Proceß vorgenommen, der ihn in mistbeetartiger Schnelle die hier noch nicht besessene Reife giebt?«

»Sein Sie nicht böse auf mich, meiner Aeußerung wegen,« sagte Kraft freundlich, »Sie wissen aber noch von früherer Zeit wohl her, wo ich in der Residenz als Lehrer Ihres Vaters Haus besuchte, daß ich frei und derb mit meiner Meinung herauskomme, und nicht >meine Furcht unter einem Mantel< verstecke.«

Wahlert reichte ihm schweigend und das rauhe Wort abbittend, die Hand, der alte Lehrer fuhr aber lächelnd fort:

»Lassen Sie's gut sein, Sie sind ein junger Brausekopf, und ich sehe das lebendige Leben eben so gern in dem jugendlichen Körper, wie den Geist im Champagner und den Uebermuth im jungen Roß, nur einen Irrthum will ich auf ihrer Seite berichtigen, einen Irrthum, der besonders in dem letzten Semester auf eine traurige Weise ausgebeutet worden ist, Unerfahrene zu überrumpeln und einen Beweis für etwas zu liefern, das sich auf eine andere Art eben nicht beweisen ließ. Sie wissen, lieber Wahlert, daß ich, ehe ich in die Residenz zurückkehrte, von wo aus ich gleich, durch des Herrn Generalsuperintendenten Vermittelung und Fürsprache --«

»Weil Sie seinem Sohne aus der Flut das Leben gerettet --«

»-- Eher vielleicht, weil er mich passend für die Stellung hielt,« fuhr Kraft fort -- »die Stelle in Bachstetten bekam, mich eine Zeit lang in Amerika herumgetrieben hatte. Wir haben oft darüber zusammen gesprochen, und ich suchte Ihnen stets von unseren Landsleuten in Amerika eine so günstige Meinung beizubringen wie nur möglich -- ich liebe mein Vaterland und dessen Söhne und wäre der Letzte, der einer ungerechten Beschuldigung gegen sie Worte gäbe, wollen Sie mir aber mit _denen_ beweisen, daß die zurückgebliebenen Bewohner unseres Deutschlands ebenfalls reif wären, so rennen Sie da in einen Irrthum hinein, den Sie nie schmerzlicher einsähen, als wenn Sie selbst nach Amerika kämen.«

»Daß der Deutsche _unfähig_ sei, sich in einer Republik zu regieren, das wolle Gott verhüten, daß ich das behaupte -- es hieß, ihm sein gesundes Herz, seine Fähigkeiten absprechen und leugnen, er ist aber eben nur _fähig_ dazu, und wie das Kind, das den künftigen Gelehrten noch im ersten innersten Keime mit sich herum trägt, und nicht einmal lesen kann, ehe es ihm von älteren Leuten gelehrt wurde, so muß auch der Deutsche vor allen Dingen noch _lernen_, sich selbst zu regieren, ehe er diese schwere Kunst, soll es nicht zu seinem Verderben zu früh geschehn, in Ausführung bringen kann.«

»Aber Amerika -- die Amerikaner selber --«

»Sind mir der Beweis dessen, was ich hier gesagt -- Amerika schüttelte damals das englische Joch ab, proclamirte die Republik und wurde damals der blühendste Staat der Welt; sind aber dessen damalige Verhältnisse mit den unseren hier in jetziger Zeit auch nur im Entferntesten zu vergleichen? Nein, wahrlich nicht -- Amerika war vom ersten Augenblicke an, wo die Separatisten-Colonie in den Schiffen _Mayflower_ und _Speedwell_ zu Plymouth im Jahre 1592 landeten, eine Republik. Schon an Bord des ersten Fahrzeuges entwarfen und unterzeichneten sie ein Instrument, das zur nöthigen Gründung und Bestätigung ihrer künftigen Einrichtungen dienen sollte, und in jenem einfachen Document wurde schon, und zum ersten Male, das große Princip einer freiwilligen Conföderation von _unabhängigen_ Männern ausgesprochen, die einen Staat gründeten, >nicht der Regierenden, sondern der Regierten wegen<. Dort begann sie auf einem freien, noch unentweihten Feld ihre staatliche Einrichtung, und wenn auch England sein Scepter darüber hielt, so bestand doch die ganze Botmäßigkeit, die es über seine amerikanischen Colonien ausüben konnte, nur eigentlich in der Einsetzung von englischen Gouverneuren, in dem Vorbehalt, ihm mißliebige Gesetze ändern oder annulliren zu können, und in der Auflage von Steuern und Taxen. Der freien Entwickelung des Volkes konnte vom Mutterland aus nicht entgegengearbeitet werden, die in Amerika Gebornen wuchsen, von heißer Liebe für ihr Vaterland beseelt, und mit nur geringen Sympathien für Alt-England auf, und wie ihnen endlich der Druck von dort her zu beengend und unerträglich wurde, da schüttelten sie eben nur das über das Meer her aufgelegte Joch ab und -- waren frei. Sie hatten kaum etwas weiteres zu thun, als in die Stelle der vertriebenen Gouverneure eigene einzusetzen, die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig verändert, in Rhode-Island zum Beispiel fast gänzlich beibehalten und kein Mensch wird hiernach die Amerikaner als ein Volk zum Beispiel aufstellen können, das rasch von der Monarchie zur Republik übergegangen wäre.«

»Was aber nun die _Deutschen_ betrifft, die dort hinüber auswandern, und von denen auch Sie leider, lieber Wahlert, vor wenigen Minuten dieselbe Phrase gebrauchten, die im Munde der sogenannten Republikaner bei den unteren Schichten unserer Gesellschaft so vieles Glück macht, >ob die Deutschen, die nach Amerika gingen, etwa auf der See Republikaner würden, daß sie es drüben so ganz auf einmal, und hier doch gar nicht gewesen wären<, so will ich Ihnen nur darauf einfach antworten, >_sie werden es auf der See, und auch selbst drüben nicht_, bis sie nicht ihre gehörige Lehrzeit bestanden haben<. Denn wollen Sie das nur zum Beweis gelten lassen, daß sie _wählen_, so macht doch wahrlich die Abgabe seiner Stimme den Republikaner noch nicht.«

»Wie aber wollen Sie beweisen, daß die herüber gekommenen Deutschen _nicht_ Republikaner im edlen Sinne des Wortes seien?« frug Wahlert begierig, »sind nicht eben die Deutschen ihres Vaterlandes und ihres ehrlichen, treuen und umsichtigen Charakters wegen, gerade in Nord-Amerika allgemein geachtet und geliebt?«

»Wollte Gott, ich könnte _die_ Frage mit _Ja_ beantworten, dann säße ich nicht hier im Vaterlande und äße das schwere sauere Brod -- und eben auch nur Brod, eines Dorfschulmeisters, der sich noch glücklich schätzen muß, durch einen freundlichen Gönner eine der _wenigen guten_ Stellen von -- 200 Thaler jährlichen Gehalt bekommen zu haben, und dafür jetzt Aerger und Verdruß, Sorge, Entbehrungen und Beschwerden das ganze geschlagene Jahr in vollem Maße einärntet.«

»Wie soll ich das verstehen?« frug Wahlert erstaunt.

»Es ist einfach genug,« sagte Kraft, »und ich will es Ihnen, da es doch genauen Bezug auf unser jetziges Gespräch hat, mit kurzen Worten mittheilen. Auch ich kam damals mit all den schönen Hoffnungen von Deutschthum nach den Vereinigten Staaten, und glaubte in der That, der Name >ein Deutscher< werde dort schon gewissermaßen allein als ein Freipaß zur ehrenvollsten Aufnahme gelten -- Großer Gott, wie hatte ich mich getäuscht. Nur kurze Zeit hielt ich mich in Neu-York auf, das ganze Wesen und Treiben der Deutschen dort gefiel mir nicht, auch schien mir eine Art Haß zwischen diesen und den Amerikanern zu bestehen. Nach Cincinnati zog es mich, der >Königin des Westens<, dort im Westen, mußte auch der Deutsche, seines Fleißes und sittlichen Betragens wegen, geachtet sein -- so dachte ich, und was fand ich? -- >=You shall call me a dutchman=< -- >Du sollst mich einen Deutschen nennen, wenn das und das wahr ist<, -- lautete das Sprichwort der Amerikaner und leider nicht nur der niederen Klassen. =God damn the dutch= tönte es wohl hundert Mal des Tags in meine Ohren, und das Herz, glaubte ich, sollte mir brechen vor Weh und Scham. -- Ich zog in die Wälder, trieb mich viele Jahre in den dünnen Ansiedlungen der weißen Pioneere, -- Jahre lang zwischen den halbcivilisirten Indianern herum, und kehrte endlich, eines geselligen Verkehrs bedürftig, nach den Vereinigten Staaten zurück. Und was fand ich dort? -- gerade zur Zeit der Wahlkämpfe traf ich in Philadelphia ein -- auch Deutsche brauchten ihr Recht, das Recht der freien Wahl, das Recht eines freien Bürgers -- und _wie_ brauchten sie es? Kaufen ließen sie sich von Whigs oder Demokraten, nicht wer das meiste bot, denn _schlecht_ waren sie eigentlich nicht, nein, wer das _erste_ bot, wer ihnen zuerst in den Weg kam und sie zu überreden wußte, dem überließen sie sich. Keinen Begriff hatten sie von dem, was die Wahl eigentlich bedeute, was sie für einen Einfluß auf sie selbst, auf das ganze Land, ausüben könne -- >ach was< hört ich Viele sagen, >ob ich den oder den Wisch in den Kasten stecke, darum bleibt Amerika doch stehn und wir kriegen auch nicht mehr Lohn.< Anderen machte ich Vorwürfe über ihr schändliches schaamloses Betragen und erhielt die Antwort: >Geht zum Teufel -- wir sind hier freie Amerikaner, und können stimmen wie wir wollen.<«

»Und das waren meine Landsleute, das waren die Männer, die ich mir als >Republikaner< geträumt, für die ich geschwärmt, die ich zum Beispiel für Andere, gerade wie Sie es gethan, aufgestellt hatte. Und von _solchen_ Menschen könnten wir in Deutschland eine Besserung der Zustände erwarten? -- Lange kämpfte ich damals mit mir selbst, was ich thun, wie ich handeln sollte, endlich war mein Entschluß bestimmt -- nach Deutschland kehrte ich zurück und in Deutschland lag ferner, so lange diese schwachen Kräfte noch ausreichten, mein Wirkungskreis. Das Volk, oder wenigstens den kleinen mir anvertrauten Theil desselben, wollte ich heranziehn nach besten Kräften, wollte _Männer_ aus ihnen machen, Männer, die wissen, was sie sich und ihrem Vaterlande -- seien sie nun darin geboren oder aus freier Wahl hervorgezogen -- schuldig sind -- wollte mit einem Worte würdige _Republikaner_ heranbilden, die ihre Zeit begriffen und verstanden. Was ich dabei unter Republik verstehe, vertrüge sich auch recht gut mit einer constitutionellen Monarchie, wenn diese Form, der Masse wegen, beibehalten werden müßte, aber ein König oder Kaiser würde dann auch nur der Präsident der Staaten sein und die Macht in der Majorität -- im Volke ruhen.«

»Das, mein guter Herr Wahlert, ist _meine_ Politik und ob ich recht gehabt, mag die Zeit lehren. Unser -- Deutschlands Heil liegt nicht in der Gegenwart, obgleich ich gar nicht leugnen will, daß die letzte Revolution heilsam, ja sogar nöthig war, die starre Rinde erst einmal zu brechen, die uns mit ihren Banden umschlossen hielt -- die Freiheit mußte _geboren_ werden, ehe sie überhaupt bestehen konnte, jetzt aber haben wir sie heranzubilden und zu pflegen nach besten Kräften, daß sie in der aufwachsenden, von ihr beseligten Jugend eine starke, einige Stütze finde und nachher, lieber Wahlert, nachher wollen wir wieder von der Abänderung der jetzigen Staatsform sprechen. Ist dann die Majorität des Volks, mit ihrem vollen Bewußtsein _für_ Republik, ei lieber Gott, _wer_ will sie ihr dann vorenthalten können, und ist sie es nicht? Gut, dann wird sie auch wissen weshalb, und sich der Majorität zu fügen, ist selbst Pflicht des Republikaners. -- Wenn er nämlich wirklich auch ein Republikaner im Herzen ist, und sich nicht blos in eitlem prahlerischen Dünkel den Namen und die rothe Cokarde beilegt, zugleich aber gegen die Titel und Orden, die doch in dem Fall nur ganz dasselbe sind, in phrasenreichen Reden donnerte. Und Sie schweigen?«

Wahlert stand, den linken Fuß auf den Stein gehoben, den linken Ellbogen auf das Knie, in die Hand den Kopf und die rechte auf seinen Stock gestützt, still und schweigend wohl mehrere Minuten da und sagte endlich leise: