Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.
Part 8
»Härr Jäses, Frälen, was geiht's denn do?« rief die Magd in dem Augenblicke draußen auf dem Gange, und kam rasch herbeigeschlurrt -- »was hewe Se denn?«
»Ihretwegen bin ich hier und _Sie_ wollen mich dem Henker überliefern?« flüsterte noch einmal der Entdeckte -- »mein Leben liegt in Ihrer Hand.«
Sophie sammelte sich mit krampfhafter Anstrengung und schritt auf die Thüre zu, in der jetzt eben die Magd, glücklicher Weise ohne Licht, erschien.
»Ich habe Dich doch gebeten, das Fenster nicht aufzulassen,« sagte sie, ihr entgegentretend.
»Aber Frälen, ich hob' es weeß der Himmel zugadriaht -- was hatten Se denn nuar?«
»Das Fenster stand auf, und wie ich es schließen wollte, stieß ich mich in's Auge -- es that weh -- ich habe wohl geschrien?«
»Als wenn Se am Spieße stiaken,« lachte das Mädchen, »Härr Jeses, ich dachte der Deibel wär' lus -- wullen Se Licht hawe?«
»Nein, ich danke Dir, ich komme gleich hinunter; essen sie schon?«
»Se sitzen gerade drim herim, der Härr Pastor is aber noch nich heeme.«
Und das Mädchen nahm ihren Eimer, klappte damit die Treppe hinunter und öffnete die Thüre wieder, um ihn auszugießen.
»Was war denn im Hause?« frug in dem Augenblicke unten vor der Thüre eine Stimme die heraustretende Magd -- »wer schrie denn so -- ist der Kerl etwa drinn?«
»Megte wissen wie,« lachte das Mädchen, »unser Frälen hat sich blos an'en Kopp geschtußen -- na is die schreckhaft -- wenn iche jedesmal kreischen wullte, wo ich wo anrenne, nachen's hätt' ich Arbet.«
Sophie, die oben mit klopfendem Herzen in der Thüre stand und den Worten lauschte, konnte nichts weiter verstehen, denn die Redenden traten mehr vor das Haus und gleich darauf wurde auch das Thor wieder geschlossen. Sie drückte ihre eigene Thüre in's Schloß, schob den kleinen Riegel vor, that ein paar Schritte gegen das Fenster und sagte hier mit leiser, aber vor innerer Angst zitternder Stimme:
»Was um Gotteswillen hat Sie unglücklicher Mann in dies Haus getrieben -- wie kamen Sie in dies Zimmer, und wer hat sie hereingelassen?«
»Der Zufall und mein gutes Glück ließen mich, unbemerkt von Anderen, die rechte Thüre treffen,« sagte jetzt Wahlert, und trat, durch das Gefährliche seiner Lage gezwungen, eine Nothlüge zu machen, leise auf sie zu -- »aber Sie, mein Fräulein, Sie allein waren die Ursache, die mich hierher geführt.«
»Ich? -- wie um Gottes Willen -- ich?«
»Gehetzt wie ein wildes Thier,« fuhr der Flüchtling mit leiser aber bitterer Stimme fort, »bin ich seit heute Morgen durch Wald und Forst gestreift, und weshalb -- weil ich ein freies Wort gesprochen, weil ich dem Volke Glück und Freiheit geben wollte, und nicht darauf achtete, ob ich dabei die Großen der Erde erzürnte. Aus jahrelangem Schlaf ist Deutschland erwacht, die Fesseln der Tyrannei wirft es fort, und wären wir ein einziges Volk, jetzt, jetzt blühte die Zeit, wo wir mit _einer_ Kraftanstrengung die Nacken heben, das Joch brechen könnten, aber während sich in dem einen Staate, in der einen Stadt das Volk in keckem Todesmuthe den Bayonetten entgegenwirft, sieht das Nachbarländchen müßig zu, und wartet, bis auch an seine Grenze die Reihe kommt, und die Fürstenknechte erst in dem einen Gebiete gesiegt haben, um nun auch in dem anderen, falls es dann noch Lust verspüren sollte, sich wirklich zu erheben, die Bande fester schürzen, die Knechtschaft unzerreißbarer machen zu können. Ihr dann, die Ihr der Gewalt kühn die Stirne bietet, werdet verfolgt, gefangen, und hält Euch erst einmal der Kerker umschlossen, o Ihr Armen, dann, wehe, wehe Euch, Ihr seht das Licht nicht wieder.«
»Aber mein Herr --«
»Verzeihung, Fräulein -- ich dachte an Deutschland -- nicht an mich -- so hören Sie denn. -- In eine fremde Gegend hierher geschleudert, wo mir Weg und Steg fremd war, wußte ich nicht, an wen ich mich, von Verfolgern umgeben, wenden könne, um die nächste Richtung nach der Grenze zu erfahren -- jeder Mann, den ich anredete, konnte ein Feind sein. Da sah ich von meinem Versteck aus Sie vorübergehen -- Ihr holdes Angesicht, in dem kein Falsch lag, kein Verrath lauerte, gab mir Muth, ich trat auf Sie zu, wollte mit wenigen Worten ihre Furcht über meinen Anblick beschwichtigen, das Wort der Bitte dann an Sie richten, da -- ein sicherer Schütze war es, der das Blei nach mir sandte -- doch vielleicht war es gut -- es kürzt meine Leiden ab.«
»Großer Gott -- Sie sind verwundet?« rief Sophie rasch und erschreckt.
»Lassen Sie das --« sagte Wahlert mit leiser Stimme und ein Gedanke an Rettung zuckte ihm durch das Hirn -- »mein Halstuch hat die Blutung gestillt und ich finde vielleicht morgen Jemanden, der mir die Kugel aus der Wunde zieht -- ich wollte -- ich wollte nur nicht der Gefahr ausgesetzt sein, vielleicht -- vielleicht an Blutverlust im Walde liegen zu bleiben -- ohne vorher wenigstens bei Ihnen rein dazustehen -- die andere Dame schien mich für einen Räuber zu halten, der hülflose Frauen --«
»Heiland der Welt,« bat Sophie in Todesangst -- »wie können Sie glauben -- ich war -- ich wußte --«
»Sophie!« rief in dem Augenblicke eine Stimme von der Treppe herauf -- »Sophie!«
Die Jungfrau eilte zitternden Schrittes zur Thüre, öffnete diese und antwortete:
»Ja Mutter -- ich komme gleich.« --
»Nein, Kind, machst Du lange,« sagte die Stimme unten, »die Suppe wird ja ganz kalt -- der Vater ist auch eben gekommen.«
»Ich komme den Augenblick, Mutter!«
Die Thüre unten ging wieder zu.
»Sie müssen fort -- gleich fort,« wandte sich jetzt das arme Mädchen in Todesangst an den Fremden, »aber wohin wollen Sie fliehen, wohin _können_ Sie, verwundet und ohne Beistand.«
»Wenn ein Wundarzt hier im Orte wäre, dem ich mich anvertrauen dürfte,« flüsterte der Flüchtling, »es soll hier ein Doctor Levi in Horneck wohnen.«
»Das war ein glücklicher Gedanke,« rief schnell Sophie, »auch ist der seiner radicalen Gesinnungen wegen bekannt, und wird Sie nicht verrathen!«
»Aber wie find' ich sein Haus -- wie verlass' ich diesen Ort, ich bin ja wie ein Wolf, wie ein gehetztes Thier des Waldes umstellt -- doch was thut's -- was schadet es, hab' ich mich doch jetzt wenigstens in _Ihren_ Augen gerechtfertigt -- halten _Sie_ mich doch nicht mehr für schlecht -- was kümmert mich's da, wie die Welt von mir denkt, was die Welt jetzt mit mir thut.«
»Bleiben Sie jetzt noch hier oben, bis wir gegessen haben,« sagte Sophie rasch und entschlossen, »ich werde Gelegenheit finden, dem Doctor ein paar Zeilen zu schreiben, später soll er Sie abholen; mit Hülfe von meines Vaters Hut und Mantel wird das möglich sein. Wenn auch Wachen ausstehen, kann man Sie nicht in _der_ Kleidung vermuthen. -- Heiliger Gott, mein Vater kommt -- wenn er hier einträte. --«
Der schwere Schritt des Pastors wurde auf den knarrenden Stiegen laut -- im nächsten Augenblicke klopfte er an der Tochter Zimmer.
»Sophie,« sagte er dabei, »mach' rasch, daß du hinunter kommst. Die Mutter wartet und wird schon ganz ungeduldig -- aber -- wie ist mir denn -- hier -- hier ist ja gescheuert -- ich will doch nicht hoffen« -- er eilte schnellen Schrittes nach seiner weit offen stehenden Stube hinter, und die laut zürnende Stimme verrieth bald, _was_ er dort gefunden haben mußte.
»Nein da hört Alles auf -- Sophie -- Frau -- nun das hat mir noch gefehlt -- Sophie -- wo ist das Mädchen, Christel, Rose oder Grete, wie heißt sie denn nur eigentlich -- Christel.«
»Halten Sie sich ruhig -- ich hole Sie bald ab,« flüsterte Sophie, schob den Riegel zurück und glitt rasch aus dem Zimmer, das sie hinter sich wieder verschloß.
»Aber Mütterchen, was giebt es denn nur?«
»Wer hat dem unglückseligen Geschöpf von einem Mädchen gesagt, daß es meine Stube scheuern soll?« frug hier der gestrenge Herr Pastor und stand, mit dem Lichte in der Hand, dem Hut auf dem Kopfe und den Mantel noch umgehangen, auf der Schwelle seiner Stube -- »wer hat der Liese oder Christel oder Grethe, wie sie heißt, aufgetragen, mich hier mit meinen Papieren unter Wasser zu setzen?«
»Ih Du meine Güte, was giebt es denn da oben nur eigentlich, warum kommt Ihr denn heute gar nicht zum Essen?« frug die Frau Pastorin, und ihr Kopf erschien eben hoch genug, um durch das hölzerne Treppengitter hin den Gang entlang sehen zu können. »Was hast Du denn, Scheidler? Du machst ja einen entsetzlichen Spektakel?«
»Wer hat meine Stube scheuern lassen!« frug der Pastor hiergegen in lakonischer Kürze -- »wer war der Unglückliche.«
»Deine Stube?« rief die Frau Pastorin erschreckt und kam rasch die Treppe ganz herauf -- »ei Du lieber Gott, wenn man seine Augen doch auch nicht allerwegen hat -- Rieke -- Rieke -- wo nur das Wettermädel wieder steckt -- Sophie, ruf mir doch einmal die Rieke herauf, sie soll den Augenblick herkommen.« Und mit den Worten nahm sie ihrem Gatten das Licht aus der Hand, und hob dieses, die Stube betretend, aus der ihr ein feuchter warmer Dunst entgegenquoll, hoch empor.
Allerdings hatte aber auch der Pastor Ursache, erzürnt zu sein, und er wurde es erst noch, als er den vollen Umfang der angerichteten Verwirrung vollkommen überschauen konnte.
Die ganze Stube war gescheuert, aber nicht allein die Stube, sondern auch alles Holzwerk, es mochte nun Wasser vertragen oder nicht. Die Bücherbreter standen abgeräumt und naß, und auf den Stühlen, auf dem Ofen, auf Bett und Sopha lagen die Bücher, sorgfältig aber wild zusammengeschichtet über einander. Ja selbst der einfache Schreibtisch war der Scheuerwüthigen nicht entgangen, die Papiere, deren sie doch allein Anschein nach nicht sämmtlich Herr werden konnte, staken rücksichtslos in die oberen Fächer hineingestopft, oder flogen jetzt, da in diesem Augenblicke das Mädchen gerade unten mit einer neuen Tracht Wasser in's Haus kam, durch den Zug der geöffneten Thüre getrieben, von Bett und Sopha aus zerstreut in der nassen Stube herum. Kein Blatt, kein Buch, kein Stuhl lag oder stand an seinem alten gewohnten Platze, und der Raum glich eher jedem andern Zimmer, als dem stillen Studierstübchen eines fleißigen Pastors am Sonnabend Abend, wo er sich erst recht sorgsam auf die morgen zu haltende Rede vorbereiten sollte.
Der Pastor schritt rasch auf seinen Schreibtisch zu, sah sich hier mit ängstlich forschenden Blicken überall um, und wandte sich dann in stummer sprachloser Verzweiflung gegen die Thüre, wo eben die zankende Stimme seiner Frau laut und das bestürzte dummverdutzte rothbreite Antlitz der Magd sichtbar wurde.
»Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen, Christel? -- rede Sie, Sie unglückseliges Geschöpf!«
Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem »Christel« gemeint sei, ängstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber gar Nichts --
»Rieke heißt sie,« fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt, ein, »wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir überhaupt gesagt, daß Du hier im Zimmer scheuern solltest?«
»Härr Jeses,« klagte das Mädchen, »das muß mer nur wissen, aber de Schtube sach so erschrecklich aus, un _der_ Schnupptaback drinne, un _die_ Flecken un _die_ Papierschnitzeln --«
»Wo _sind_ die Papierschnitzeln, Grethe« -- rief jetzt der Pastor, immer mehr sich ereifernd und vergebens bemüht, den Namen des heute erst angezogenen Mädchens zu behalten, »wer hat Ihr gesagt, daß Sie Ihre Fäuste an meine Papiere legen soll.«
»Nu, wo sollen se sin,« brummte die Magd, »ufgereimt han ich se, das versteht sich doch? -- Die sin Se los -- de großen Stücken han ich in den Korb da gästeckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen -- ich han's Feier mit angemacht, daß es schnell dreige wären sülle.«
Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Gräßliche war wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dünnen Holzscheiten genährt ein kleines gemüthliches Feuer, und die leichte graue Papierasche, die ihm entgegenflog, bestätigte jedes Wort, was das Mädchen gesprochen.
»Die großen Stücken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den Ofen,« stöhnte der Pastor und faltete die Hände, »meine kostbaren Citate und Bibelstellen, nach großen und kleinen Papierschnitzeln sortirt -- Herr vergieb mir meine Sünde, aber bei dieser Gelegenheit möchte ein frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren -- Miene, Miene, Sie hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse -- und meine Predigt -- entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die auch verbrannt hat, muß Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn, wieder aus dem Hause.«
Der Pastor konnte schwer überredet werden, sein Suchen vor der Hand aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und einsam auf dem Tische stand. Glücklicher Weise fand er wenigstens den größten Theil des Vermißten wieder, und die _weitere_ Nachforschung bis nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh abzulegen, draußen vor der Thür auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm, in ihre Stube legte, die Thüre wieder verschloß, und dann, um keinen weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.
Das Abendgespräch bildete natürlich zuerst das eben angerichtete Scheuerunglück und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehört, wie auch, daß er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des »Unglücklichen« wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schütte, einen wilden Angstschrei ausstoßend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jäger aber wäre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu schießen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig oder unschuldig sei.
Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen »Wühler« und »sehr gefährlichen Menschen«, der sich aber auch sonst noch habe viel Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schloß mit dem herzlichen Wunsche, daß er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen werden möge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen in's Verderben führe.
Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschöpft -- klagte über heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter, Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu dürfen, daß er ihr ein Fläschchen von den Tropfen schicke, die ihr früher so gut gethan.
»Ich möchte dem Mädchen aber wohl den Namen aufschreiben,« sagte sie, als sie aufstand, es zu bestellen -- »wer weiß, was sie mir sonst ausrichtet.«
»Gewiß, gewiß,« rief der Vater schnell, und zündete sich das Licht wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das überhaupt noch möglich war, zu heben -- »und schreib's ihr ausführlich auf, _der_ ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog, hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne, war sie denn doch wahrhaftig nicht -- daß sie mir nur nicht wieder über meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.«
Und damit verließ er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer hinauf.
Eine Viertelstunde später ging das Mädchen in das Dorf zum Doctor, der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein kleines Fläschchen, das sie auch glücklich zerbrach, ehe sie hundert Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, ließ sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch einmal umkehren ging nicht an -- der Wächter im Dorfe tutete eben zehn, und mit thränenden Augen und Todesangst ging sie zum »Frölen« hinein und klagte ihr Unglück.
Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber warum ging das »Frölen« nur nicht zu Bette -- da wurde bei Rieken der Kopfschmerz immer gleich wieder gut. -- Sophie wollte noch ein Bischen auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen kühlten ihre Schläfe und thaten ihr wohl. --
»Nu Härr Jeses, do nähm ich mer doch was mit ze Bette,« meinte die Magd.
»Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach,« sagte des Pastors zitterndes Töchterlein, und barg die fieberglühende Stirn an dem kühlen Polster.
Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der Eine saß zwischen wüsten Bücher- und Papierhaufen, die zu ordnen er an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der Außenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens stückweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heiße Stirn an die Fensterscheibe gepreßt, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und zählte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der düstere, links über den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schläfrig zu ihm herüber wimmerte -- schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft an den funkelnden Sternbildern vorüber glitten, und horchte mit klopfendem Herzen dem leisesten Geräusch, das aus Garten oder Hofraum zu ihm herauf tönte.
Der Dritte aber, die scheue, angstdurchschauerte bebende Jungfrau, stand, die Hände krampfhaft auf den furchtsam wogenden Busen gefaltet, im kalten Zuge der Hausflur, und harrte in athemloser Erwartung des verlangten Zeichens.
Endlich -- endlich wurden draußen leise, vorsichtige Schritte hörbar -- dreimal klopfte es an -- tick, tick, tick -- tick, tick, tick -- tick, tick, tick, und leise aber ohne Zögern erwiederte sie die Parole.
Kein Wort wurde gesprochen, rasch nur glitt sie die Treppe hinauf und kehrte nach wenigen Secunden mit einer in einen Mantel gehüllten, den Hut tief in die Augen gedrückten Gestalt wieder zurück.
»Hier, nehmen Sie, und Gott sei mit Ihnen,« flüsterte sie leise, und drückte dem Flüchtenden die kleine Börse, all' ihr Erspartes, in die Hand.
»Sophie,« sagte Wahlert, und eine eigene Rührung überkam sein sonst sanften Regungen nicht leicht zugängliches Herz -- »ich weiß nicht -- darf ich --«
»Nehmen Sie, die Augenblicke sind kostbar -- es ist nur ein Darlehn, das sie mir in glücklicher Zeit zurückerstatten können.«
»Du mitleidsvoller Engel, aber nicht kränken will ich Dich jetzt durch kalte Weigerung -- Dank -- Dank, tausend Dank und -- Lebewohl --«
Leise umfaßte sein Arm die zitternde willenlose Gestalt -- er zog sie an sich und ein langer, glühender Kuß brannte auf den bleichen, kalten, unentweihten Lippen der Jungfrau.
Leise entzog sie sich endlich seiner Umarmung.
»Fort -- fort --« flüsterte sie -- »an jeden Augenblicke kann sich das Verderben hängen.«
Rasch, doch geräuschlos schob sie den schweren Riegel zurück -- auch das Schloß wich, und ächzend öffnete sich die Thür -- aber der Pastor oben vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte, tiefbrütend saß er über der schwülstigen Rede, die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern sollte, und durch den Garten draußen, an der Hecke hin, den schmalen Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf führte, und in dieses hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitästigen Kastanien beschatteten Häuschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei Männer und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter ihnen schließende Thür.
In ihrem Kämmerchen aber, das holde thränenfeuchte Angesicht fest, fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen Gedanken, dem einen Bewußtsein tiefen unsäglichen Schmerzes erfüllt, lag die Jungfrau und weinte -- weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an alle und jede Freude auf der weiten schönen Gotteswelt abgestorben und gebrochen wäre.
Achtes Kapitel.
Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.
Es war ein freundlicher sonntägiger Frühlingsmorgen, der zweite April im Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig über die schöne, blüthengeschmückte Erde, der Wald lag schlummernd unter der leichten, maigrünen Laubdecke, die Lerchen stiegen fröhlich wirbelnd empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig und ernst oben auf dem Kirchendach, ließ sich nicht stören durch den munteren Krähenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krächzte, und schaute gar bedächtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig wäre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, köstlichen Wetter wohl in die kalte, feuchte, dumpfige Kirche käme, um zu seinem Gott zu beten, und es nicht vorzöge, draußen im Freien, in jeder Blüthenknospe, in jedem zwitschernden, jubelnden Sänger des Waldes und Feldes seinen Schöpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu verehren.
Unten an den Glockensträngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener Schulkinder, und riß an den hanfenen Seilen, während droben der Klöppel summend und dröhnend gegen seine metallene Hülle schlug, und manche geschäftige Mädchenhand eilte das Mieder rascher zu schnüren, und die bandgeschmückte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die struppige Stirn seines Eigenthümers drückte und ihm das schwarzhäutige Gebetbuch unter den Arm schob.
Und drüben, am dunkelgrünen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes, scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehörten, aber doch unbegriffenen Tönen hinüber; auch der Storch drehte manchmal den Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klöppel oben oder die wilde Jugend unten am ersten überdrüssig würde, und die Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den schwellenden Tönen getragen, höher und höher; die aber zitterten durch die blaue, weißhauchige Luft, über die thauschweren Blüthen und Halme hin, nach dem Wald hinüber, und dem hehrrauch gefülltem Thal; und in die fernen Schlüchte und Gründe, in die Zweige und Büsche hinein, schmiegte sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne über die Halden, über die Hänge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie ahnungsvoll und grüßend hinüber nickten, und die perlenschweren Kelche wiegten und schaukelten.
Fromme, oder wenigstens pünktliche Kirchengänger zogen die engen Pfade entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mädchengesichter, die Augen züchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt, und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf _getragen_ würden, den sie jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmüde, -- denn der junge Lenz pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen -- hinauf wandelten.
Warm und wohlthuend schien die schon hoch über dem fernen Wald stehende Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Gärtchen, das von seines Töchterleins fleißiger Hand gepflegt, der lieben Blumen und Blüthen gar viele und herrliche trieb; Frühtulpen und Narcissen, Veilchen und Aurikeln, Maiglöckchen und Leberblümchen wetteiferten im Farbenschmelz und süßem Duft, und Schulmeisters Töchterchen selber war nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.