Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.
Part 7
»Aber wo ist er jetzt? ist er gefährlich verwundet?« sagte der Doctor rasch und erschreckt.
»Hm -- 's kann g'rade nicht so gefährlich sein,« meinte der Jäger kopfschüttelnd, »'s Auskratzen ging wenigstens nachher noch so ziemlich gut. Schweiß konnten wir auch nicht finden, aber mit meinem Fritz und den Holzschlägern bin ich ihm nachher nach, und richtig kriegten wir ihn auch wieder zu Gesicht, denn wir trieben das ganze Weidicht unten ordentlich ab. Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flügel und wie wir oben an die Schwarzholzecke kamen, stellten wir Beide uns nach dem Dorf zu vor, und ließen die Holzmacher links herauf schwenken. Der Kerl war auch weiß es Gott im Treiben, und wollte, gleich wo's nachher nach dem Fluß zu geht, wie ein alter Fuchs durch die Treiber brechen. Das wäre ihm auch, da sie doch wenigstens funfzig Schritt auseinander gehn mußten, beinah gelungen, denn das Unglück wollt' es, daß er gerade zwischen dem alten lahmen Gottlieb und Richters Jungen hinein kam, die ihn alle Beide nicht wieder eingeholt hätten. Gerade da aber, wo er durchbrechen wollte, war ein offener Haidefleck -- der Streifen Feld da oben, Wagner, wo wir vor zwei Jahren die jungen Kiefern steckten -- und wie er eben über den hinspringen will, läuft der alte Gottlieb mit seinem Stock auf ihn an und schreit ihm zu, er soll sich ergeben. Hol' mich der Teufel, wie der den Stock auf sich gerichtet sieht, wobei er wahrscheinlich auch schon an das Blei dachte, das er bei sich trug, stieß er einen lauten Schrei aus, und sprang wie ein Donnerwetter in die dichten Büsche zurück.«
»Und was ist nachher aus ihm geworden?«
»Der Teufel weiß es« brummte der Jäger, »er ging wieder nach vorn, und wenn er nicht nachher doch noch einen Rückwechsel gefunden hat, so bleibt weiter gar nichts anderes möglich als daß er durch das Ufer des trockenen Baches, gerade unter den Dornen hin in das Dorf gekrochen ist.«
»In das Dorf?« riefen der Verwalter und Gerichtsschreiber, die jetzt ebenfalls an des Jägers Tisch getreten waren, »das kann ja doch gar nicht sein; der Graben oder was es ist, läuft gerade in Pastors Garten aus, und er wird sich doch wahrlich nicht, wenn einmal verfolgt, aus dem ihm allein noch Sicherheit bietenden Wald, mitten zwischen seine Feinde wagen?«
Der Doctor sagte kein Wort mehr, ging aber eine ganze Weile, und zwar im tiefsten Nachdenken, im Zimmer auf und ab, bis er wieder in die Nähe des Jägers kam; dort blieb er stehn, wandte sich noch einmal an diesen und frug ihn:
»Und Ihr glaubt wirklich, daß er durch den Graben nach dem Dorfe zu entkommen wäre?«
»Ich weiß wenigstens nicht wie er sonst durchgeschlüpft sein könnte,« meinte der Jäger, »ohne daß ihn Einer von uns auch nur gesehn, oder in dem Laube gehört hätte. Der Wald ist dort viel zu licht, als daß Einer, erst dort hinein getrieben, lange Verstecken spielen dürfte.«
»Könnte er aber nicht in einen Baum geklettert sein?« frug der Doctor noch einmal, im letzten verzweifelten Versuch, auch nur an die Möglichkeit einer anderen Flucht glauben zu dürfen, aber der Forstmann schnitt ihm auch diese Hoffnung ab.
»Oh was,« brummte er, »in die Rauschenecke hatten wir ihn hinein, soviel ist gewiß, und dort waren wir ihm, wenn's auch da wirklich Bäume gäbe, in die man sich verstecken könnte, viel zu dicht auf den Hacken, als daß er an so etwas hätte denken dürfen. Der ist im Dorf, und wenn er's hier nicht ganz schlau anfängt, so kriegen wir ihn doch noch, denn ich habe unten am Garten sowohl da, wo's nach der Straße niedergeht, wie oben nach dem Wald zurück, und an dem Weg in's Dorf hinein meine Wachen ausgestellt, die keine Katze, vielweniger einen so baumlangen Kerl durchlassen.«
»Hm, hm --« murmelte der kleine Mann vor sich hin, und drängte sich, ohne etwas weiter darauf zu erwiedern, der Thüre zu. Am Schenkstand bezahlte er seine Zeche und verschwand gleich darauf, die einbrechenden 90,000 Freischaarer und die rothe Republik gänzlich der Gnade und Ungnade der Zurückbleibenden überlassend, aus der Wirthschaftsstube.
Auch das fremde Mädchen verließ das Zimmer, schritt aus dem Haus bis unter die große Linde, setzte sich auf die dort angebrachte hölzerne Bank, in den Schatten des gewaltigen Baumes, barg das bleiche Antlitz zwischen den dünnen abgemagerten Fingern, und schluchzte leise und heftig.
Die Sterne blitzten und funkelten aus dem dunkeln, von keinem Mondenstrahl erhellten Himmel nieder, durch die breitästigen Wipfel der Linden rauschte und brauste der kühlfeuchte Nachtwind; im Dorfe herrschte Todtenstille, nur manchmal tönte das Bellen eines treuen Wachthundes aus Hof oder Garten her, oder der Schritt der jetzt einzeln aus der Schenke Heimkehrenden schallte hohl von dem harten Boden wieder. Auch die Lichter der verschiedenen Wohnungen waren fast alle verlöscht, nur in der Pastorwohnung, das Haus ließ sich deutlich erkennen, denn dicht dabei stieg der dunkle kahle Thurm starr und schroff empor, brannte noch in einem der oberen Fenster ein einsames Lämpchen.
»Marie!« rief die Stimme des alten Musikus von der Thüre der Schenke aus -- »Marie -- wo zum Donnerwetter steckt mir die Dirne nun wieder -- _Marie!_ will ich doch verdammt sein, wenn mir die nicht noch die Galle an den Hals ärgert. Ei so geh' zum Teufel« brummte er noch eine Weile, als er vergebens gehorcht und gewartet hatte, denn die dunkle Gestalt unter der Linde rührte und regte sich nicht -- »wenn sie Dich ausschließen, magst Du sehn wie du in's Haus kommst.«
Und schimpfend warf er die schwere Thüre in's Schloß.
Hell und freundlich schienen die liebenden funkelnden Sterne auf die stille Erde nieder; in den Zweigen und Aesten des alten Baumes rauschte und flüsterte es geheimnißvoll und das Käuzchen, das mit geräuschlosem Flügelschlag über die Häuser strich, setzte sich auf das nächste Dach und rief sein wehmüthiges unheimliches »Komm mit -- komm mit.« -- Unbeweglich aber lehnte an dem knorrig rauhen Stamm das einsame Mädchen, fest und schweigend hafteten an den fernen glänzenden Himmelskörpern ihre feuchten Blicke, und erst als vom düsteren Thurm drüben die Glocke Mitternacht schlug, schlich sie durch die Thüre, die ihr der Vater offen gelassen zu ihrem kalten harten Lager hinauf, unter das Dach der Schenke.
Siebentes Kapitel.
Die Pfarre.
Als Fräulein Anna Schütte sah, wie der Fremde nach Sophiens Arme griff, und sich nur einen Augenblick unbeachtet wußte, ja auch schon dann vielleicht, als sie den ersten panischen Schrecken überwunden hatte, daß ein wild aussehender Mensch aus dem stillen Holz, wie ein Blitz aus heiterem, sonnenklaren Himmel auf sie herniederfahren konnte, floh sie in flüchtigen Sätzen die Straße entlang, und erfüllte mit ihrem Geschrei den friedlichen Waldesdom. Selbst der Heher schwieg, bestürzt vor den gellenden Tönen, und dachte erst später daran, sie wie das übrige Vogelgeschrei, mit spottendem Flügelschlag nachzuäffen; die übrigen Waldvögel aber mieden scheu den Platz, wo ihrer Ansicht nach, etwas Entsetzliches passirt sein mußte. Sie wäre auch sehr wahrscheinlich eben in solcher Art bis in das Dorf hineingerannt, hätte sie nicht glücklicher Weise gerade am Ausgange des Waldes einen Ackerknecht getroffen, dem sie ohne weiteres um den Hals flog, und nun hier so zu weinen und jammern anfing und solche gräßliche Geschichten von Mördern und Räubern erzählte, die dicht hinter ihr wären, daß es dem armen Teufel selber ganz angst und bange wurde, und er nicht recht wußte, was er am Meisten zu fürchten habe, die nahenden Räuber, oder den Zustand der fremden Dame, der ihm schon anfing mehr als bedenklich zu erscheinen.
Der Bursche war übrigens unter solchen Umständen eben so wenig von der Stelle zu bringen; denn im Walde hatte er nach der erhaltenen Beschreibung gar Nichts weiter zu suchen, und zu Hause, von woher er erst kam, wollte er auch nicht gleich wieder. Fräulein Schütte schien jedoch ebenfalls nun, da sie zum Glück einen Beschützer gefunden, fest entschlossen, keinen Schritt weiter allein zu thun, und so trafen sie noch Hennig und Sophie, als sie aus dem Walde auf das freie Feld traten.
Sophien schien es lieb zu sein, die Freundin noch hier zu finden, sie eilte gleich auf sie zu, ergriff ihren Arm, und versprach ihr, sie zu Hause zu geleiten, bat sie aber auch zugleich, von dem Vorgefallenen im Dorfe Nichts zu erzählen, da solche Sachen immer gleich verschlimmert und dem »armen Flüchtling,« der sie im Walde angeredet, vielleicht gar wieder die entsetzlichsten Absichten untergelegt würden.
Davon wollte nun freilich Fräulein Schütte im Anfang Nichts hören, ließ sich jedoch zuletzt überreden, und bat nur Sophien, als sie endlich zu Hause angelangt war, wenigstens so lange bei ihr zu bleiben, bis die Mutter, die irgend einen Besuch gemacht hatte, zurückkehre, »denn wenn sie jetzt, und mit Dunkelwerden allein im Zimmer sitzen solle, fürchte sie sich zu Tode.«
Das sagte ihr Sophie gern zu, denn sie selbst mochte nicht gerade jetzt gleich, und in der Aufregung, in der sie sich befand, nach Hause zurückkehren.
An dem nämlichen Abend beendete, ungestört und nicht behindert durch Singen oder Rufen, Feodor Strohwisch ein humoristisches Gedicht, -- es war früher einmal ein altes Liebesgedicht gewesen, das er in süßer schwärmerischer Stunde gemacht, und er hatte es heute zu einem launig politischen Epos umgeändert -- es blieb nichts zu wünschen übrig, viermal hinter einander las er es sich mit immer wachsendem Beifall selbst laut vor, und sprang endlich in aller Freude auf, schritt rasch zu dem ihn erstaunt anschauenden Haubenkopfe hin, streichelte ihm die zinnoberrothen Backen, und nannte ihn »sein liebes, frommes, schweigsames Mädchen.«
* * * * *
In der Dämmerung war es indessen, daß durch den kleinen Obstgarten, der dicht hinter der Pfarrerwohnung lag, und hier zugleich die Grenze des Dorfes nach dem Walde zu bildete, eine menschliche Gestalt aus dichtem Gestrüpp und Dornenwerk hervorkroch, und an der Hecke hin und von dieser gedeckt der kleinen hölzernen Thüre zu schlich, die hinaus auf einen schmalen Pfad führte, der den steilen, mit Obstbäumen bepflanzten Hügel hinab, und durch das Dorf, dem Flusse zu lief. Dort aber kaum angelangt und schon mit der Hand auf dem Thürdrücker, zuckte er plötzlich von jähem Schreck berührt, zusammen, denn dicht über sich, so nahe, daß er den Sprecher hätte mit der Hand erreichen können, hörte er eine Stimme, die ihm nur zu deutlich die Gefahr verrieth, in der er sich befand.
»Du, Kahle«, sagte Einer der dort Stehenden, »der kann hier gar nich 'nein sin, sonst werd' er ja doch nicht in den Diarndern stecken bleiben -- der is widder in's Hulz zurück, un mer stehn hier umsunst, un han Maulaffen feel.«
»Schweig still,« brummte der Andere dagegen mit unwilliger, aber leiser und unterdrückter Stimme, -- »in den Graben is er nein, un wär't Ihr mir gefulgt, so hätten mer'n jetzt; nu aber kennen mer de halbe Nacht hier schtehn, un erwischen en doch nich. Na, Fritze muß gleich mit den Angeren kummen, un nachher laassen mer den Hund nein -- _der_ find't en!«
»Wenn er aber nu drüben 'nausfährt?« frug die andere Stimme besorgt.
»Haste keene Angst nich,« sagte Kahle mit leisem, heiserem Lachen, »davor is gesurgt, 'raus kommt er hier nich, wenn er nich beim Paster nein fährt, und da is de Thire verschlossen. Doch bis jetzt ruhig -- 's is wohl noch hälle, in den Bischern drinn kennte er aber doch so nahe 'ran kriechen, daß er Eenen heren kennte, und nachens wärsch Essig.«
Der Flüchtling lag zitternd unter die Hecke gedrückt, und schaute verzweifelnd nach einem Ausweg auf Rettung umher. Kam die gedrohte Verstärkung mit dem Hunde, so war er verloren, und hier, von allen Seiten umstellt, -- es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Pfarre, dort hinein mußte er.
Ein dichter Holunderbusch, der schon fast vollständig seine Blätter getrieben hatte, machte es ihm möglich, unentdeckt wieder die Mitte des Gartens zu gewinnen, und von hier aus kroch er in einer Vertiefung, einer Art trockenem Graben, der dazu diente, das an der Hausthür ausgegossene schmutzige Wasser, wie auch den vom Dache niederträufenden Regen in die Schlucht hinab zu führen, bis dicht zum Haus hinan. Vorsichtig hob er sich empor und ergriff die Klinke. -- Die Dämmerung wurde glücklicher Weise immer dichter, und gerade dieser Theil des Hauses lag in tiefem Schatten. -- Aber wehe. -- Die Thür war wirklich verschlossen, und den Berg herauf -- er horchte mit klopfendem Herzen den nahenden Tönen -- kamen Menschen, und Hundegebell tönte dazwischen.
»Tod und Teufel!« murmelte er vor sich hin, »und so unbewaffnet diesen Bauerlümmeln in die Hände zu fallen -- versuche ich's aber durchzubrechen nach dem Walde hin, so schießen sie mir wie einem tollen Hunde auf den Leib, -- trag' ich denn nicht selbst jetzt die Schrote von dem Schuft in der Haut, und hat nicht nachher schon wieder Einer der blutdürstigen Hallunken auf mich angelegt? Und geradezu herausgehen und mich ergeben? -- das wäre ein verdammt gewagtes Ding -- weiß der Böse, wie auch all' die Sachen so ganz auf einmal gegen mich aufgetaucht sind. Ja, wäre mit dem Volke hier etwas zu machen, da ließe sich der Geschichte leicht eine andere Wendung --«
Er erschrak, denn dicht neben ihm wurden inwendig im Pastorshause Schritte laut, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und Wahlert behielt nur noch eben genug Zeit, hinter ein paar, dort gerade neben der Thür lehnende Breter zu treten, als sich diese öffnete, und die Magd mit einem großen Kübel voll Wasser heraustrat, etwa zwanzig Schritte weit nach dem Graben zu ging, in welchem er eben heraufgekrochen, und das Wasser dort hinein ausgoß. Eine solche Gelegenheit kam nicht wieder, Wahlert glitt unter den Bretern hin, in's Haus hinein, und die knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock. Hier sah er noch eine kleine Treppe, über deren dritter Stufe ebenfalls eine kleine Thür befindlich war -- jedenfalls ging die auf den Boden, sie war auf, und er sprang hinein.
»Alle Wetter,« murmelte er aber, und prallte daraus zurück -- »das ist ja ein Zimmer --« durch den matten Lichtstrahl, der noch durch's Fenster fiel, konnte er den weißen Ueberzug eines Bettes und über den einen Stuhl hängende Frauenkleider erkennen.
Er wollte das Gemach rasch wieder schließen, und sein Heil wo anders suchen, da hörte er auf der Treppe Schritte, der Strahl eines Lichtes fiel herauf, und es blieb ihm nun gar keine andere Wahl, als geradezu wieder zurück zu springen, und die Thüre hinter sich zu zu ziehen; er mußte auf günstigeren Zeitpunkt warten, ein sichereres Versteck zu suchen.
Es war die Magd, die mit einem großen Kübel Wasser in den Händen, und das Licht in den einen Finger geklemmt, die Treppe langsam heraufstieg. Vor der Kammer, in welcher Wahlert stak, blieb sie stehen, hob den Kübel auf die Stufen, schob ihn dicht an die Thür, stellte das Licht daneben, und ging dann wieder hinunter, noch mehr Apparate zu ihrem Scheuerfeste zu holen.
Wahlert versuchte jetzt, die Thür wieder zu öffnen, um über den Gang hinüber wo möglich die Bodentreppe auszuspähen, aber -- fest und unweichbar stand das schwere Wassergefäß davor, nicht einmal einen Zoll breit konnte er seinen Kerker lüften, und sollte er Gewalt brauchen? -- Das ging auch nicht, dann warf er den bis zum Rand gefüllten Kübel gerade zu die Stufen hinab, und das Gepolter, und die in's Haus niederströmende Flut mußte ihm die Verfolger auf den Hals hetzen. Er behielt aber auch nicht einmal lange Zeit zum Ueberlegen, das Mädchen kam bald wieder zurück, und blieb nun oben auf dem Gange, den sie gleich darauf mit Scheuerbesen und Tüchern wacker in Angriff nahm.
Wie sollte das enden, wer wohnte überhaupt in dem Zimmer? Wahlert warf sich, den Kopf sinnend in die hohle Hand gestützt, auf einen der ihm nächsten Stühle, und überdachte seine Lage -- die Möglichkeit seines Entkommens, -- bedachte die Gefahr, der er ausgesetzt war, wenn er wirklich gerade jetzt, wo noch den Gerichten, wenigstens hier im Lande, nicht alle Macht genommen worden, in ihre Hände fiele. Auch die Erlebnisse ging er in seinem stillen Brüten durch.
Den, nach ihm ausgesandten Häschern glücklich entgangen, stand ihm jetzt die Welt offen -- er konnte fliehen, konnte vielleicht die französische Grenze erreichen -- aber was sollte er nachher dort? -- Womit seine Existenz sichern, was überhaupt dort wirken, schaffen, nützen? -- Nein, hier in Deutschland lag sein Ziel -- Deutschland forderte von ihm seine Thätigkeit.
Das alte System, was sich lange Jahre hindurch, den Völkern zum Trotz und Hohn auf ihrem Nacken behauptet, war durch die jetzige Revolution nicht gestürzt, nein, nur kaum erst erschüttert worden, und nun galt es, daß die Männer der Freiheit Hand an's Werk legten, das schmachvolle Joch gänzlich darnieder zu schmettern und den neuen Tempel der Volkssouveränetät in herrlicher Schöne aus seinen Trümmern emporsteigen zu lassen. Und war _er_ nicht vor tausend Anderen der Mann, der im heiligen Kampf vorangehen mußte, den Unschlüssigen? War ihm nicht die Gabe der Rede verliehen? Hatte er nicht seit dem 18. März schon zweimal das Volk zu wildem stürmischen Enthusiasmus erregt, und war es beide Male etwa nicht den »Bayonetten« gelungen, die überreif aufschwellende Knospe der Freiheit zurück zu halten und zu bewältigen? Fluch der alten Disciplin, die dem Soldaten noch wie Blei in den Gliedern lag, und ihn nicht wollte begreifen lassen, wie auch er ja nur eines Bürgers Sohn selbst wieder zum Bürger würde, wenn er den Rock auszöge, der ihm im Kampfe gegen seine Brüder nicht mehr ehre, sondern schände.
Der Zeitpunkt war jetzt erschienen, wo die letzte Hand an das große Werk gelegt werden mußte, wenn es nicht -- wie das Jahr 1830 geschehen war, als ein bloßes Possenspiel endigen sollte -- der Zeitpunkt war erschienen, wo es galt, das ganze ungeheure Gewicht der Volksherrschaft den Privilegien der Fürsten und des Adels gegenüber in die Schaale zu werfen, und Fluch dem _knechtischen_ Volke dann, wenn es nicht _mit_ ihm jubelte, daß der Schrei -- ein Todesröcheln der Tyrannei -- durch alle deutschen Gauen drang -- »es lebe die deutsche Republik!«
Doch hier mußte er erst einen Halt unter dem Volke gewinnen, die Masse war noch zu roh, und ein energisches Auftreten von ihrer Seite, ohne vorherige wirkliche Veranlassung kaum zu hoffen -- was konnte aber von _hier_ aus auch geschehen, sie zu begeistern? -- Gar Nichts, in die Residenz zurück mußte er vor allen Dingen, die Katastrophe des gewaltigen Werkes selber mit zu leiten, und nur ein Mann lebte hier im Orte, der ihm dazu behülflich sein konnte -- der Doctor Levi, ein alter Bekannter von ihm, und ein Charakter, der ihm zum Werkzeug dienen konnte, seine _edleren_ Pläne auszuführen. -- Wie aber war er im Stande, dessen Haus erstlich heraus zu bekommen, und wenn das wirklich geschehen, es unentdeckt zu erreichen? -- Wo wohnte der Doctor, und befand er sich gegenwärtig wirklich in Horneck? -- Tod und Teufel! -- der Gedanke war Wermuth und Galle in die kühne Seele dessen, der sich hier für die Freiheit eben des Volkes aufopferte, das ihn wie einen Verbrecher verfolgte, wo er sich nur öffentlich zeigte, mit Kerker und Eisen bedrohte, und wie auf ein wildes reißendes Thier nach ihm schoß. Aber fort mit dem Gedanken, das Volk war nicht schlecht, nur ein Schleier lag noch vor seinen Augen, und mit der Bürgerkrone würde es den bald lohnen, der ihm die Sehkraft wieder gab, und die Waffe in die riesenhafte Rechte drückte.
In wilden, wechselnden Bildern zuckten ihm die Gedanken und Pläne rasch und bunt durch das Hirn, bald aber wurde er wieder, und auf eben nicht tröstliche Weise zur trüben, trostlosen Gegenwart zurückgerissen. Das Mädchen draußen auf dem Gange rückte ihr Scheuerfaß und er fuhr rasch und lauschend von seinem Stuhl empor -- noch aber hatte er Nichts zu fürchten -- sie war nur zu einem andern Platz gegangen, und begann hier gleich wieder von Neuem.
»Wenn ich nur das Haus dieses Doctor Levi wüßte,« murmelte der Gefangene für sich hin, »was für Folgen aber selbst die einfachste, an einen fremden Menschen gerichtete Frage für mich haben kann, ist mir heute bewiesen worden. -- Wie das eine liebe Kind erschrak -- -- daß der Teufel den Jäger hole.« Vorsichtig ließ er sich wieder auf den eben verlassenen Stuhl nieder, und fuhr eben so leise fort -- »ich hätte mir's übrigens denken können, daß so schüchterne Dinger Zeter schreien würden, wenn ihnen ein solches dornzerrissenes wild aussehendes Subjekt wie ich jetzt bin, vor die Augen träte; -- ich bin, beim Himmel, in einer verzweifelten Lage.«
Ein neues Geräusch vor der Thür mahnte ihn, auf seiner Hut zu sein -- der Kübel wurde bewegt. -- Er legte das Ohr an das Schlüsselloch -- Gott sei Dank, endlich nahm die verwünschte Magd den Kübel von der Thür und trug ihn -- ja, sie ging damit fort, er konnte es deutlich an ihrem Gange hören -- den Corridor hinunter. Jetzt war ihm auch die Möglichkeit gegeben, diesen gefährlichen Aufenthaltsort zu verlassen, wo er jeden Augenblick entdeckt werden konnte. Nur so lange mußte er warten, bis draußen die verschiedenen Ingredienzien fort und, allem Vermuthen nach, in eine der entfernteren Stuben transportirt waren.
Aber auch draußen vor dem Fenster wurde es laut -- das mußten seine Verfolger sein -- ob er es wagte, sich dorthin zu schleichen? -- ei, wenn er leise ging, konnte ihn unten, falls wirklich Jemand darunter wohnte, doch Niemand hören: auf den Zehen schlich er deshalb bis an das Fenster und schaute aus der dunkeln Stube heraus vorsichtig hinter den Gardinen vor in den Hof hinab, wo, wie er noch recht deutlich erkennen konnte, eine Anzahl von Männern versammelt stand und eifrig mit einander sprachen. Um aber zu hören, über was sie sich unterhielten, hätte er das Fenster öffnen müssen, und das durfte er nicht wagen. Er preßte das Ohr an die Scheibe, aber nur unverständliche Sylben waren es, die zu ihm herauf tönten. Er suchte die Gestalten zu erkennen -- Einige trugen Flinten oder Stöcke, er vermochte nicht deutlich zu sehen was -- wahrscheinlich das erstere -- man deutete auf die Pfarrwohnung -- er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, leise, leise schob er den vorgedrehten Fensterriegel zurück und suchte nun den Flügel so geräuschlos als nur möglich zu öffnen; glücklicher Weise knarrte das Holz auch nicht im mindesten; alt und vom Zahn der Zeit schon angegriffen, bewegte es sich weich und ohne Laut aus seinen Fugen und es gelang ihm, das Fenster gerade genug zu öffnen, um Alles zu hören und doch von unten aus nicht gesehen zu werden.
Da wurden plötzlich Stimmen auf dem Vorsaal laut -- eine Hand lag auf der Klinke -- Wahlert's Herz schlug wie ein Hammerwerk in der Brust, nicht einmal Zeit blieb ihm, das Fenster wieder zu schließen, nur eindrücken konnte er es und dann zurück in die dunkle Ecke neben die Gardinen springen, als sich die Thüre öffnete und eine weibliche Gestalt eintrat. Sie blieb aber auf der Schwelle stehen, legte Hut und Mantel ab, und wollte eben wieder zurücktreten, als der Luftzug auf's Neue den Flügel aufstieß und sie sich rasch danach umwandte.
»Ueber die Mädchen,« murmelte sie, als sie die Thür hinter sich schloß und der Stelle, wo Wahlert fest in dem engen Winkel geschmiegt stand, zuschritt, »ausdrücklich habe ich hier noch heute Morgen gesagt, mein Fenster ja fest zuzumachen, aber Gott bewahre, da ist doch eine wie die -- _ha!_«
Ein laut gellender Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, denn während sie mit der Linken das Fenster schloß, wollte sie mit der Rechten die vorgefallene Gardine zurückschieben, und ihre Hand kam dabei mit der hier versteckten Gestalt des Flüchtlings, die dabei unwillkürlich zusammenzuckte, in Berührung.
»Um Gotteswillen, mein Fräulein, verrathen Sie mich nicht,« rief aber Wahlert, der bei dem helleren Lichte des Fensters das Antlitz der jungen Dame erkannt hatte, und nun wohl vermuthen konnte, wen er vor sich hatte, schnell entschlossen -- »ein Wort von ihren Lippen und ich bin ein Kind des Todes!«