Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.

Part 12

Chapter 123,254 wordsPublic domain

»Was nun die Kirchner- und Glöcknerdienste betrifft, so ist der Gehalt, den wir für diese, wie das Orgelspielen bekommen, allerdings beträchtlich genug, um ihren Verlust Leuten fühlbar zu machen, die nicht einen Thaler von ihrem Gehalte einbüßen dürfen, wenn sie nicht Mangel und Noth leiden sollen. Aber auch das, glaube ich, beruht nur auf einer thörichten Angst von unserer Seite, der wir uns um Gotteswillen nicht weiter hingeben dürfen. Es wird Niemanden von uns einfallen, sein _ehrenvolles_ Cantoramt, das Spielen der Orgel, aufgeben zu wollen, denn dort ist der Schullehrer schon deshalb auf seinem Platze, weil es in die Ausübung des von ihm gelehrten Gesangunterrichts fällt, und er die Kinder auf der Orgel unter seiner unmittelbaren Leitung behält. Die Gemeinde hat aber auch in ihrem Bezirke keinen andern, der es versteht, und einen besondern Organisten zu halten, kann ihr schon der zu hohen Kosten wegen, welche die gänzliche Unterhaltung eines solchen Mannes mit sich bringen müßte, gar nicht einfallen. Der andere Dienst aber, der Glöckner- und Küsterdienst, _muß_ wegfallen, denn er gerade ist es, der das Amt des Schullehrers bis jetzt _entwürdigt_ und diesen zum directen Diener des Pastors gemacht hat.«

»Hier in den alten General-Artikeln, von denen es eine Schmach und Schande ist, daß sie, die 1580 entworfen wurden, 1848 fast noch ohne Veränderung in Geltung sind, heißt es ausdrücklich:

»»Auch ein jeder Pfarrer, in deme seinem Glöckner zu befehlen und zu gebieten hat -- er ihm auch hierinnen billigen Gehorsam zu leisten schuldig und nicht widerstreben soll.««

»Ferner sollen sie nach Vorschrift eben dieser General-Artikel tit. XXXVIII:

»»Auf die Pfarrer in allen Kirchenämtern bei den Predigten, Taufen, Sakramentreichen und Besuchung der Kranken warten, und deswegen ohne ihr Wissen und Willen nicht ausreisen, damit sie ihrer gewiß sind.««

»Den besten Aufschluß über das Verhältniß der Schullehrer zu den Pastoren giebt aber unstreitig M. Gottlieb Schlegel's >Der Chursächsische legale Schulmann<, der mit klaren dürren Worten als Anleitung für die Schullehrer, wie sie sich zu ihren Vorgesetzten zu verhalten haben, besonders die vorgenannten Stellen citirt und daraus den, leider Gottes auch von unseren Gemeinden, und was noch schlimmer ist, von uns selbst angenommenen Schluß zieht:

»»Hieraus ersieht man, in welches Verhältniß die Landesgesetze den Schulmeister oder Küster gegen seinen Pfarrer gesetzt haben. Er ist der _Diener_ des Pfarrers und hat ihn nicht blos als seinen Vorgesetzten, sondern auch als seinen _Herrn_ anzusehn. Diese Gesetze sind keineswegs antiquiret, wenngleich ein vernünftiger Pfarrer seine Superiorität dem ihm untergebenen Schulmeister nicht, wie in vorigen Zeiten, auf eine demüthigende Weise wird empfinden lassen. Es sollen aber, heißt es in dem nur angeführten 37. General-Artikel: Auch die Pfarrer ihre Glöckner, ferner nicht, denn soviel ihr Kirchendienst belangt, mit Botenlaufen oder anderen, zu ihrem Nutzen dringen oder beschweren, sondern sie ihren befohlenen Dienst jederzeit unveränderlich abwarten lassen.««

»»Aus diesem Verhältnisse, in welchem der Schulmeister gegen seinen Pfarrer steht, folget nun, daß er den Erinnerungen desselben, und was ihm dieser im Kirchendienst befiehlt, gehorsamlich nachkommen, die Lieder, die in der Kirche gesungen werden sollen, nicht etwa durch einen Schulknaben, sondern in eigener Person abholen; nicht eher, als er sich bei dem Pfarrer gemeldet, einlauten; ihn bei Amtsverrichtungen begleiten, und wenn dergleichen bei den eingepfarrten Dörfern vorfallen, den Priesterrock tragen[2], in Abwesenheit des Pfarrers den Gottesdienst und was demselben anhängig nach der ihm gegebenen Vorschrift besorgen; die eingegangenen Missiven abschreiben; dieselben, insofern solche nicht durch eigene Boten besorgt werden, weiter befördern; die Collectengelder, wenn es nicht nach der Gewohnheit des Orts die Kirchväter thun, wie auch die Berichte des Pfarrers in Kirchen- und Schulsachen dem Superintenden einhändigen; daß er sich aber auch äußerlich gegen seinen Pfarrer ehrerbietig beweisen, in dessen Gegenwart nicht den Hut aufbehalten, nicht Taback rauchen soll, _denn welcher Herr würde seinem Diener so etwas verstatten_? So darf er auch ohne Vorwissen des Pfarrers nicht verreisen und über Nacht aus dem Hause bleiben. Da pflegen es nun manche blos zu melden, daß sie da oder dorthin verreisen würden, wenn etwa der Herr Pfarrer etwas zu bestellen hätte. Das ist aber nicht genug, sondern sie müssen ihn um Erlaubniß bitten, und zugleich anzeigen, was sie in ihrer Statt wegen der Schule und des Kirchendienstes für Vorsehung getroffen haben u. s. w. u. s. w.««

[2]: Interessant ist die Note, die zu dieser Anforderung im »legalen Schulmann« steht; ich will sie deshalb beifügen. Sie heißt:

»Ob er schuldig sei, dem Pfarrer, wenn er auf's Filial geht, den Priesterrock zu tragen, kommt auf jeden Orts Observanz an. Ich will den Fall setzen, es hätte der vorige Pfarrer zwei Priesterröcke, einen in der Mutterkirche und den andern auf dem Filiale gehabt, und Nachfolger wollte sich nur einen anschaffen und dem Schulmeister zumuthen, denselben bei jeder Amtsverrichtung auf das Filial und wieder nach Hause zu tragen, so würde Jener damit nicht fortkommen, der Schulmeister würde dieses als eine _Neuerung_ ansehn und berechtigt sein, diesfalls von dem Pfarrer eine billige Ergötzlichkeit zu verlangen. Bei Pfarr-Vacanzen hingegen kann er dergleichen von dem vicarirenden Prediger nicht fordern.«

»Ich habe Ihnen den langen und gewiß schon bekannten Satz noch einmal vorgelesen, lieben Freunde, um Sie erneut darauf aufmerksam zu machen, wie gerade die Glöckner- und Küsterdienste es sind, die den Schullehrer zum eigentlichen Diener des Pastors machen, und den Schullehrerstand überhaupt _entehren_. Meiner Ansicht nach muß es daher eine unserer Hauptsorgen sein, von diesen befreit zu werden, und nicht darf uns dabei die Furcht zurückschrecken, daß deshalb eine Verringerung unserer Einnahme stattfinden würde. Das kann, darf und wird nicht geschehn und die Ursachen dazu liegen klar genug auf der Hand.«

»Nimmt das deutsche Parlament, welches jetzt in Frankfurt vereinigt ist, die Sache auf, oder wird die Ordnung dieser Angelegenheit selbst den einzelnen Regierungen überwiesen, so werden diese, wenn wir Alle wie ein Mann zusammenstehn, der Schule ihre Recht wiederfahren lassen _müssen_, und sie von den Fesseln befreien, die sie jetzt drücken und entehren. Dann aber, und bei einer ganz neuen Reorganisation, muß auch der Lehrer so hingestellt werden, daß er mit seinen Einnahmen nicht mehr fast ausschließlich auf ungewisse Einnahmen und Deputate hingewiesen ist, und selbst von diesen nicht genug hat, sein Leben auf anständige Art zu fristen. Wie kann er dem Unterricht seiner ihm anvertrauten Kinder mit freiem fröhlichen Herzen sein ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmen, wenn es Nahrungssorgen sind, die ihn quälen, und ihn sich abhärmen lassen, wie es um ihn und die Seinen morgen und übermorgen stehen werde? Das alte fabrikmäßige >Stunde geben< könnte allerdings dabei fortbestehen, aber was würde die Folge sein? Die Kinder würden fort erzogen werden, wie sie bis jetzt erzogen sind und in Druck und Knechtheit aufwachsen, die Freiheiten, die ihre Väter für sie errungen haben, würden sie nicht begreifen, nicht zu würdigen verstehen, der günstige Zeitpunkt aber für die Möglichkeit einer solchen Reorganisation wäre verflossen, und statt des Segens künftiger Geschlechter, den wir _jetzt_ verdienen, wenn wir uns um die Bildung des gemeinen Mannes, des Bauern, des arbeitenden Theiles der deutschen Nation bemühen, erndeten wir ihren _Fluch_, mit dem sie, lassen wir Alles ungenutzt vorübergehn, unserer Lethargie, unsere Theilnahmlosigkeit, unsere unverzeihliche Verblendung, ja Feigheit verdammen müßten.«

»Doch, ich habe Ihre Aufmerksamkeit wohl schon zu lange in Anspruch genommen, und will jetzt nur noch kurz einen vermittelnden Vorschlag erwähnen, den uns Herr Pastor Scheidler heut Nachmittag gemacht. Er lautet dahin, daß er die Ansprüche anerkennt, welche die Lehrer haben, sich aus ihrer eigenen Mitte ihre Vorgesetzten zu wählen, weil er es aber für gut hält auch den geistlichen Stand dabei vertreten zu sehn, und um besonders ein zu schroffes Entgegenstehn beider, der Schule gegen die Kirche zu vermeiden, will er der nächstens zusammentretenden Geistlichkeit den Vorschlag machen, freiwillig von ihren bisher genossenen Vorrechten zu abstrahiren, und die hohe Staatsregierung, dann aber mit den Lehrern, vereint, zu bitten, eine Schulcommission von fünf Personen durch die Schullehrer selbst wählen zu lassen, von denen die Majorität, also drei, _Schullehrer_, die andern zwei aber _Geistliche_ sein sollten. So sehr, wie ich aufrichtig gestehen will, mich dieser Vorschlag im Anfang durch seine anscheinende Gerechtigkeit bestochen, so muß ich mich meines Theils für jetzt _dagegen_ erklären, und bitte die Versammlung, ihre Meinung darüber auszusprechen.«

Es entstand jetzt eine lebhafte Debatte über das eben Gehörte, das zu viel Wahrheit enthielt, um es ganz ableugnen zu können, aber auch zugleich der bis dahin so fest und gewaltig eingewurzelten Ehrfurcht gegen ihre hohen Vorgesetzten so schnurstracks entgegenlief, um nicht viel mehr Widerstand als Vertheidiger zu finden. Nur der letzte Vorschlag wurde fast allgemein freudig begrüßt und besonders äußerten die älteren Lehrer: es sei das ein neuer Beweis von des Herrn Pastors Scheidler Humanität, der ihm nur zur Ehre gereichen, und von ihnen mit verbindlichen und dankbaren Herzen aufgenommen werden müsse. Eine Trennung der Kirche von der Schule sei überhaupt etwas unnatürliches -- es wäre als ob man das Kind von der Mutter reißen wollte und könne keine segensreichen Folgen haben. Allerdings gestanden die Männer die schweren bösen Uebelstände ein, die von dem Küster- und Glöcknerdienst herkämen, gestanden ein, daß ihnen das dienstliche Verhältniß, in dem sie zu ihren verschiedenen Pastoren stünden, oft, o wie oft, drückend geworden, und mancher Mißbrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit, vorgefallen wäre, aber durfte man fürchten, daß dieß auch ferner geschehe; hatten nicht die Zeitereignisse einen ganz gewaltigen Wechsel in den beiderseitigen Stellungen hervorgebracht? Zeigten sich die Pastoren jetzt nicht viel freundlicher und herablassender als je, und war es nicht auch Schuldigkeit der Lehrer, die Hand zu ergreifen, die ihnen in Freundschaft und Einigung entgegengestreckt wurde. Ja lag es nicht im eigenen Vortheil des Lehrers das Verhältniß zwischen Pastor, Lehrer und Gemeinde, wie es bisher bestanden, auch fortbestehen zu lassen? -- War es nicht der Pastor, der so oft, und besonders wenn er »mit dem Schullehrer auf gutem Fuße stand« vor ihn gebrachte Klagen der Eltern mit wenigen Worten beseitigte, die, wenn sie hätten sollen jedesmal an die Schulinspektion gehn, gerade ihrer Unbedeutenheit wegen so fatal und unangenehm gewesen wären? Ueberhaupt, was half ihnen eine Besserung ihres Zustandes, wenn sie nachher mit denen in Unfrieden leben sollten, auf die sie bis jetzt angewiesen gewesen, und konnte das nachher überhaupt eine Besserung genannt werden? Nein -- dankbar wollten sie nehmen was man ihnen böte, sich des Gegebenen dann freuen, und mit frischen Kräften an ihr großes schönes Werk gehn, die Kinder heranzuziehen zu guten Menschen und treuen Unterthanen.

Es lag etwas Rührendes in dieser Resignation der armen bedrückten Klasse -- in der scheuen Ehrfurcht mit der sie von ihren Geistlichen sprachen, die ihnen nur in den wenigsten Fällen mehr als eben Vorgesetzte gewesen. Selbst Hennig, obgleich im Ganzen mit seinen Amtsbrüdern nicht ganz einverstanden, fühlte sich davon ergriffen, und es entstand eine ziemlich lange Pause, in der sich Jeder zu scheuen schien, das Wort zu nehmen.

Ein bleicher hagerer Mann mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden aber feurigen Augen, dabei mit edlen lebendigen Zügen, kühn gewölbter Stirn und freier Haltung, hatte bis jetzt an der entferntesten Ecke des Tisches schweigend gesessen und den einzelnen Ansichten gelauscht. Oft schien es auch als ob er, nur in seine eigene Gedanken vertieft, dem Lauf der Debatte gar keine Aufmerksamkeit weiter schenke, der rasche forschende Blick aber, der gleich darauf wieder, bei irgend einer, noch nicht geäußerten Idee aus seinen düsteren Augen blitzte, mußte jede solche Vermuthung bald verbannen und ein genauerer Beobachter hätte sogar das rasche Athmen der Brust, die wechselnde Farbe seiner sonst eigentlich fahlen Züge und die Unruhe, die in seinem ganzen Wesen lag, bemerken können. Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten.

»Mitbrüder« sagte er endlich mit leiser, doch leicht verständlicher, klangvoller Stimme -- »Ihr seid _gegen_ eine Trennung der Schule von der Kirche, weil Ihr es für das Wohl der Schule besser haltet. Ihr seid _für_ den, vom Pastor Scheidler vorgeschlagenen Schulvorstand, weil Ihr meint, die Geistlichkeit meine es ehrlich mit Euch und wolle wirklich den Fortschritt. Mitbrüder, ich bin ein alter Schulmeister, neun und zwanzig Jahre esse ich das sauere Brod eines Dorflehrers -- neun und zwanzig Jahre bin ich der Diener manches bald guten bald schlechten Geistlichen gewesen und neun und zwanzig Jahre hindurch habe ich es erprobt und als eine traurige Wahrheit befunden, daß der Geistliche _stets_ mein Vorgesetzter, _nie_ aber mir das gewesen ist, was uns Verstand und Ueberlegung sagen muß, daß er doch eigentlich sein sollte -- der rathende Freund des Lehrers. Er mag noch so gütig gegen den Schulmeister sein, stets wird er es ihn doch merken lassen, daß er ihm sub-, nicht coordinirt ist und dieses Uebergewicht, das er dadurch erhält, ist es gerade, was ich für das Gedeihen der Schule so verderblich halte.«

»Das Kind soll vor seinem Lehrer Respekt haben, das kann aber nicht der Fall sein, wenn es nicht ebenfalls sieht wie _der_ Mann, den es selber achten soll, auch von anderen Menschen, besonders von _seinen_ Eltern und Nachbarn geachtet wird. Geschieht das aber? -- Ich sage nein -- nein und tausendmal nein. Es geschieht _nicht_ und wäre es auch nur vor allen Dingen des leidigen todten Mammons wegen. Der Schullehrer bekommt 120 bis 200 Thlr. -- Sie Alle wissen wie selten mehr; beim Pastor gehört eine Stelle von achthundert Thalern keineswegs zu den bedeutendsten und schon das hebt ihn in den Augen des Bauern, der gewohnt ist, den Werth des Menschen nach Pferden und Schaafen oder Ackern Land zu schätzen, um gerade so viel, als seine Einnahme die des Schullehrers übersteigt. Das hat aber auch Einfluß auf seine ganze Rede und Ausdrucksweise, denn es fehlt ihm das feine Gefühl selber zu bestimmen, wo in einem Wort oder Blick etwas kränkendes für den fein fühlenden Mann liegen könnte. Schon die gewöhnliche Anrede giebt den Beweis: >Schullehrer< heißt's -- >wie geht's Euch< -- der Pastor wird stets mit einem ehrerbietigen _Herr_ angesprochen. Kommen die Kinder zu Hause und klagen, daß ihnen der Lehrer Unrecht gethan, so droht Vater oder Mutter mit dem Pastor, und nicht selten geschieht es, daß dieser sogar dem schuldigen Theile noch Recht, dem armen schutzlosen Schulmeister gegenüber, giebt. Ich will nur ein Beispiel hier erzählen, und ganze _Bände_ ließen sich mit ähnlichen ausfüllen.«

»Vor ungefähr zwölf Jahren war der jetzige Seminar-Direktor Gehler Pastor in T-- und ein Freund von mir wurde Knabenlehrer und Cantor daselbst. In der Zeit gab es in T-- eine wahre Brut von Jungen und es war wirklich nöthig, Strenge zu üben, um nur das eingerissene Uebel erst einmal zu dämmen, und bessere Sitte einzuführen. Dem Lehrer blieb denn auch einst, nach der beispiellosesten Geduld kein anderes Mittel, einen der schlimmsten Buben zur =raison= zu bringen, als körperliche Züchtigung, und er mag ihm die wohl auch freigebig genug zugemessen haben. Das geschah Früh. Nachmittags wird er zum Herrn Pfarrer gerufen und findet dort Niemand Anderes als eben den gestraften Buben und seine Mutter. Der Pfarrer hält nun, in Gegenwart dieser Beiden ein Verhör und tadelt den Schulmeister, daß er den Knaben geschlagen habe. Dieser will sich vertheidigen, der Herr Pfarrer hört aber nicht darauf, sondern holt einen Apfel, giebt diesen mit Liebkosungen dem Knaben, _und bittet ihn, es nicht übel zu nehmen_ -- ja der Lehrer mußte sogar noch, wollte er seine Stelle nicht verlieren, versprechen nicht wieder zu prügeln. Und das ist der nämliche Mann, der vor einigen Tagen bei einer Versammlung von Geistlichen auftrat und zu behaupten wagte, die Lehrer seien noch gar nicht reif zur Emancipation.«

»Wie muß dadurch bei den Schulkindern die Achtung vor dem Lehrer sinken und ist es zu verwundern, daß dieser zuletzt selber mismuthig und verdrossen wird, und anfängt zu verzweifeln, das schöne Ziel, nach dem er im ersten Jugendfeuer und Eifer strebte, je zu erreichen?«

»Auch das trägt nicht dazu bei, den Schullehrer in der Achtung der Kinder zu erhöhen, wenn der Pastor manchmal so recht unverhofft in die Schulstube hineintritt, um, wie die Bauern sagen, den Lehrer einmal auf einem faulen Pferde zu erwischen. Ja, nicht selten kommt es sogar vor, daß er draußen erst eine Zeitlang vor der Thüre horcht, vielleicht in der besten Meinung den Lehrer durch sein Erscheinen nicht außer Fassung zu bringen -- denn es giebt noch Thoren genug unter uns, die ihn wirklich fürchten -- vielleicht auch in schlechtester Meinung irgend einen Haken an dem ihm Untergebenen zu finden, an dem er sein Müthchen einmal kühlen, seine Autorität beweisen könne.«

»Doch das nicht allein, die ganze Stellung, die der Pfarrer hier dem Schulmeister gegenüber einnimmt, muß dazu dienen, diesen in den Augen der Gemeinde herabzuwürdigen, oder doch ihm den Lohn zu schmälern, den er auch manchmal wieder in seinem Amte finden könnte -- wenn der Pfarrer nicht wäre.«

>[3]Man bringt das Kind, den rohen Sohn der Natur, zur Schule; acht volle Jahre hat der Lehrer an ihm sein mühevolles Tagewerk zu treiben; er kann oft kaum sprechen und die einfachsten Begriffe sind ihm fremd. _Der Pfarrer nimmt ihn auf_. Das Kind macht mehr oder mindere Fortschritte. _Der Pfarrer beurtheilt dieselben, und versetzt es nach den Prüfungen, zu Ostern oder Michaelis_. Es hat die Klasse durchlaufen: _Der Pfarrer versetzt es in eine höhere_. Zöge es weg von seinem bisherigen Schulorte, -- so schreibt der Lehrer allerdings das Zeugnis, allein es mangelt noch an Legalität: _Der Pfarrer unterzeichnet es_. Das Kind versäumt die Schule, der Lehrer schreibt die Versäumnißtabelle, _der Pfarrer aber unterzeichnet sie_. Ostern und Michael nahen heran, und mit ihnen die Prüfungen: _Der Pfarrer schreibt die Ordnung der Gegenstände vor_. Die Prüfung fällt nun so oder so aus -- _der Pfarrer lobt oder tadelt_, oft nach den momentanen Produktionen; oft das Kind, das der schlechteste Schüler im ganzen Halbjahr war, mit Lob überschüttend, oft den besten fleißigsten Schüler durch herben Tadel zurückschreckend. Der Schulmann ist in seinem Amt -- _Der Pfarrer inspicirt alle vierzehn Tage_ -- der alte Polizeistaat, der in jedem Menschen einen treulosen erblickt, zeigt sich hier in seiner vollsten Glorie. Der Lehrer will ein neues Schulbuch einführen, er hat's geprüft, es ist ihm von Anderen empfohlen worden. _Der Pfarrer muß seine Genehmigung dazu geben_, mag er auch noch so wenig davon verstehen. Das Kind verläßt endlich die Schule. Acht Jahre sauren Schweißes hat es dem Lehrer gekostet: _Der Pfarrer entläßt es_, nachdem der Lehrer noch vorher das Wort väterlichen Ernstes an dasselbe gerichtet. Glücklich der Lehrer, dem man es zugesteht, daß nicht der letzte Confirmanden-Unterricht, sondern _sein_ treuer Fleiß es wesentlich gefördert haben. Gab es ein Schulfest im Lauf des Jahres: _Der Pfarrer hatte es zu genehmigen, denn ohne ihn vermag der Lehrer nichts_.<

[3]: Sächsische Schulzeitung.

»>Die Lehrer haben Nichts zu ordnen, zu verfügen, zu bestimmen, sie haben immer ihre Stellung im Auge zu behalten!< sagte einst ein Ephorus zum Director eines bedeutenden Lehrervereins und es ist bis jetzt leider Gottes nur zu wahr gewesen. Auch die schmählichen geheimen Inspections- und Revisionsberichte, Schulprotocolle und geheimen Conduitenlisten, die der Pfarrer an das Consistorium einsendet, ohne daß dem Lehrer das Recht zugestanden wird, zu erfahren was _gegen_ ihn gemeldet worden, damit er sich vertheidigen oder rechtfertigen könne, sind ein _Fluch_ unseres jetzigen Zustandes und müssen uns vor allen Dingen die Augen öffnen, wie der Schulmeister zum Pfarrer eigentlich steht, und was wir von einem Vorschlag wie Herr Pastor Scheidler ihn unserem alten Freunde Kleinholz und Hennig gemacht hat, zu erwarten haben. Auch ich bin, wie Herr Hennig, _gegen_ den Vorschlag -- die alte Ehrfurcht steckt noch zu viel im Schulmeisterrocke -- er sieht in dem Pastor noch immer wirklich etwas Besseres, als er selbst ist, und so rasch ist das auch nicht heraus zu treiben. Bekämen wir also jetzt wirklich eine solche fünfköpfige Schulinspection von drei Schullehrern und zwei Pastoren, wobei sicherlich und mit Recht die ältesten Schullehrer zu solchem Ehrenamt gewählt würden, so wäre es doch sonderbar, wenn unter den dreien sich nicht _Einer_ fände, der von den beiden Pastoren zu ihren Beschlüssen gewonnen werden könnte, und die Majorität wäre dann, aber mit noch weit böseren Folgen als bisher, auf jener Seite, denn bis jetzt duldeten wir nur, weil wir unterdrückt waren und nicht anders konnten; dann würden wir aber gar kein _Recht_ mehr haben uns zu beklagen, denn es wäre unsere freie Wahl gewesen, und ausgelacht würden wir noch über unsere Thorheit.«