Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.
Part 11
»Mit _mir_?« rief der alte Schulmeister, und sprang über das Fürchterliche solcher Beschuldigung entsetzt, von seinem Sitze auf.
»Mit Herrn Brauer,« fuhr Hennig, den Greis beschwichtigend, fort, »den zweiten, _stärkeren_ aber erst in der That heute Morgen, und zwar durch einen Artikel der letzten Nummer der sächsischen Schulzeitung von J. Melde geschrieben, und _Aufmunterung_ betitelt.«
»Sie haben die Zeitung bei sich?« frug der Pastor mit wieder ganz freundlichem aufmunternden Lächeln, das nur dem alten Kleinholz unheimlich vorkam, weil er allein von allen Uebrigen den vorigen Zornesblick aus den nämlichen Augen blitzend, gesehen hatte.
Hennig holte als Antwort das Papier aus der Tasche, und überreichte es dem Pastor, dieser schlug es auf; ein mit Bleistift bezeichneter Satz fiel ihm vor allen Dingen in die Augen, und er las:
»Kann Deutschland frei werden, ohne eine freie Volksschule? Kann das deutsche Volk stark und einig werden ohne eine freie Volksbildung? Können sich die freien Institutionen, welche unsere freisinnigen Fürsten gaben, dauernd erhalten, ohne eine gediegenere Volksbildung? Das sind Fragen, die insonderheit den deutschen Lehrerstand erfüllen sollen.«
»Die Volksbildung kann und darf nicht mehr einseitig und klerikal betrieben, die Lehrer können und dürfen nicht mehr wie Kinder bevormundet und bemaßregelt werden. Die Schule soll und darf nicht mehr als Magd betrachtet und behandelt werden; soll anders der große, himmelanstrebende Bau der deutschen Volksfreiheit nicht wie ein Haus auf Sand gebaut, zusammenstürzen.«
»Ja ja,« sagte er, während er die vorher aufgesetzte Brille wieder abnahm, und neben das Papier legte -- »das klingt nicht übel, und ich kann mir denken, wie es durch sein bestechendes Aeußere junge Leute wie Sie sind, lieber Hennig, mit fortreißen mag. Glauben Sie denn aber wirklich, daß _uns Geistlichen_ etwas daran gelegen wäre, die Schule mit der Kirche eng verbunden zu halten, wenn wir es nicht der guten Sache wegen thäten? Glauben Sie wirklich, daß die Schule _ohne_ die Kirche fort bestehen kann? -- Sehen Sie, lieber Hennig,« fuhr er fort, ohne dem jungen Manne Zeit zu einer Antwort zu lassen: »Das sind eben _Fragen_, die dem Publicum hier vorgelegt werden -- ich will nicht sagen, _um_ es irre zu machen, aber doch etwa mit demselben Erfolge; Deutschland kann allerdings nicht ohne freie Volksschule -- _frei_ werden, wenn Sie es denn einmal so nennen wollen, das deutsche Volk eben so wenig >stark und einig< ohne freie Volksbildung sein, und ebenso gehört eine gediegene Volkserziehung dazu, die Völker der Gaben werth zu machen, die sie bis jetzt von ihren gnädigen Herren und Fürsten erhalten haben. Diese drei Fragen will ich Ihnen also von Herzen gern, und ganz in Ihrem, wie in des Schreibers Sinn, mit _nein_ beantworten, nun aber beweisen Sie mir einmal, daß wir _keine_ freie Volksschule haben; daß unsere freie Volksbildung _gehemmt_ sei, und daß uns nicht Alles freistehe, was wir als vernünftige Menschen thun wollen und können, das Volk gediegener zu bilden? -- Hab' ich z. B. Ihrem von Ihnen selbst entworfenen Schulplane je etwas in den Weg gelegt? Hab' ich mich hineingemengt, was Sie den Kindern in Geschichte und Geographie, in freien Ausarbeitungen und Verstandesübungen lehrten? -- nie -- nur das für den jungen Geist Gefährliche half ich aussondern, und das Erz reinigte ich mit Ihnen von den Schlacken; unsere Schule _ist_ frei, denn daß der Geistliche als der Vorstand derselben dasteht, scheint mir, als Einwirkung auf die Sache selbst, nur von geringer Bedeutung. Uebrigens, und um Ihnen zu beweisen daß ich Verbesserungen wie sie wirklich das Wohl der Schule befördern können, keineswegs feindlich gesinnt bin, habe ich sogar selber schon darauf gedacht eine Aenderung in diesem, wie Sie sagen für den Schullehrerstand drückenden Verhältniß herbeizuführen und den sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen -- doch davon später ein mehres. Für jetzt, mein guter Hennig, erlauben Sie mir, auch Ihnen ein paar Fragen vorzulegen, die _nicht_ in dieser _Aufmunterung_, wie der Artikel ja wohl überschrieben ist, stehn, vorausgesetzt, daß Sie eine Trennung der Kirche von der Schule wünschen. Diese Fragen sind:
»Möchten Sie den _Religionsunterricht_ der Kinder verlieren? und ist dieser nicht gerade das, was das kindliche Herz so innig an den Lehrer fesselt? -- ist er nicht gerade die Mittheilung jenes geheimnißvollen göttlichen Waltens -- der Erschluß, möchte ich sagen, eines bis dahin in des Kindes Brust noch ungeahnten Gefühls, der es mit scheuer liebender Ehrfurcht zu dem Lehrer hinzieht? Und das wollten Sie muthwillig, für das todte nichtssagende Wort >Freiheit der Schule,< aufgeben? -- ich glaube kaum; wenn die Lehrer untereinander die Sache nur erst einmal ordentlich überdacht haben werden -- kommt jedenfalls ein anderes Resultat heraus, als das bisherige. Noch liegen wir im fröhlichen Jubelrausch der so unverhofft gewonnenen Errungenschaften -- aber es ist eben auch nur ein Rausch, der bald verfliegen und die, die ihm fröhnten, nüchtern und mit Reue über ihr thörichtes unbedachtes Streben zurück lassen wird.«
»Aber das ist noch nicht Alles -- ich habe das nur vorher erwähnt, was des _Lehrers_, des wahren guten und treuen Lehrers Seele am ersten rühren und bestechen muß -- die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler; nun kommt das noch, was leider mit seinem Geiste Hand in Hand gehn muß, und eine Zurücksetzung eben so wenig verträgt, wie dieser, da es sonst zu störend auf ihn zurückwirken würde -- und das ist der _Körper_ -- das leibliche Wohl des Schullehrers.«
Der Diaconus trommelte schärfer auf der Scheibe und Hennig, der während der letzten Worten den Kopf gesenkt und das zurückerhaltene Zeitungsblatt fester und fester zusammengedreht hatte, sah jetzt wieder zu seinem Vorgesetzten auf, als ob er gespannt dessen weitere Auseinandersetzung erwarte.
»Daran haben Sie noch nicht gedacht, nicht wahr?« schmunzelte der Pastor, dem die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen war; »ja lieber Hennig, wenn sich die Schule von der Kirche absolut trennen _will_, und unsere hohe Staatsregierung natürlich ihre Einwilligung dazu giebt, was übrigens kaum zu erwarten steht und Gott verhüten möge, dann bleibt der Schullehrer auch natürlich nur auf seine _Schuleinnahme_ angewiesen, und Alles was er bis jetzt an Glöckner-, Küster- und Cantor-Accidenzien eingenommen, fällt, wie sich das von selbst versteht, weg. Es wird nämlich wohl kein Schulmeister so thöricht sein, seinen vollen Gehalt für Läuten, Orgelspielen etc. etc. nach wie vor zu verlangen, da ja das Dorf dann noch besonders einen anderen Mann zu halten und zu bezahlen gezwungen wäre -- und _doppelt_ zahlen die Bauern _Nichts_, ich dächte das bedürfte, Ihnen Beiden gegenüber, keiner weiteren Bestätigung. Nun berechnen Sie sich selbst was Ihnen alles, wenn Sie sich wirklich in den Fall einer Trennung setzten --«
»Bester Herr Pastor.«
»Ich nehme ja nur den möglichen -- für jetzt _erdachten_ Fall, guter Kleinholz -- was Ihnen Alles, sage ich abginge an Ihrem jetzt schon nichts weniger als brillanten Gehalt -- Sie würden vielleicht nicht einmal im Stande sein zu _leben_ und glauben Sie, daß Sie einem besseren Loos entgegengingen, wenn Sie von den Bauern allein abhängig in Ihrer Besoldung wären?«
»Sehn Sie, meine Freunde, jede Sache hat, wie ich Ihnen das auch eigentlich gar nicht mehr zu sagen brauche, ihre zwei Seiten -- eine gute und eine böse -- und es ist nicht allein nothwendig, nein es ist auch unsere Pflicht, die Schattenseiten dessen, was einst einen so wichtigen Theil unseres Lebens ausmachen soll, zu beleuchten, um sie entweder vorher kennen zu lernen oder -- wenn wir sie für gar zu schwierig halten, zu vermeiden.«
»Damit habe ich Ihnen Beiden übrigens keineswegs alle die Unannehmlichkeiten aufgezählt, die eine Trennung der Schule und Kirche für den Lehrer haben müßte; nein, das lag auch gar nicht in meiner Absicht, denn Sie können sich wohl denken, daß es mir, des Nutzens wegen, den es mir bringt, ziemlich gleichgültig sein kann, ob ich Schulvorstand bin oder nicht; es ist das ein Amt, was mir _viel_ Zeit raubt und gar Nichts einbringt, aber, da wir doch einmal gerade daraufkamen, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen wenigstens meine Ansichten darüber mitzutheilen -- überlegen Sie sich die Sache nur selbst und prüfen Sie -- Ihr gesunder Geist wird Sie dann schon das richtige _wählen_ lassen.«
»Doch, was eigentlich die Hauptsache dessen war, worüber ich mit Ihnen zu sprechen wünschte, -- Sie haben wohl heute hier in Horneck eine Art Conferenz der benachbarten Lehrer?«
»Allerdings«, sagte Hennig, »ich glaube sogar, daß sie schon größtentheils eingetroffen sein müssen, wenn sie nach dem Mittagsgottesdienst von zu Hause weggegangen sind.«
»Horneck liegt so von all den umliegenden Dörfern in der Mitte« entschuldigte Kleinholz die Versammlung.
»Ei ja wohl, ich finde das ganz natürlich« fiel rasch und beistimmend der Pastor ihm in's Wort, »es ist mir aber lieb, daß es sich so getroffen hat, und ich vorher noch im Stande war, Ihnen etwas mitzutheilen, was jedenfalls von Interesse für Sie und Ihre Freunde sein wird. Es ist nämlich keinem Zweifel mehr unterworfen, denn meine Berichte aus der Residenz sind ziemlich zuverlässig, daß die Minister einer Trennung der Kirche von der Schule vollkommen entgegen sind, wenigstens werden sie nie die Zustimmung der ersten Kammer dazu bekommen, wir Geistlichen selbst sehen aber ein, daß eine Reform in den jetzigen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade unumgänglich nöthig, doch jedenfalls nicht ganz unzweckmäßig wäre, wir finden es sogar billig, daß den Schullehrern auch das Recht zustehn müßte, ihre Schulen selbst und durch aus ihrer eigenen Mitte gewählte und sachverständige Männer revidiren zu lassen.«
Der Diaconus wandte sich erstaunt nach dem Pastor um, und auch Hennig horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem Zugeständniß, das er nie erwartet hatte von des Geistlichen eigenen Lippen zu hören.
»Um also Allem und Jedem zu genügen, was nur vernünftigen Menschen, die nicht gerade das Unmögliche, und mit dem Kopf absolut gegen die Wand rennen wollen, auch vernünftiger Weise verlangen können, geht mein Plan dahin, daß künftig der Schulvorstand aus _fünf_ Mitgliedern oder Theilhabern bestehe, von denen _drei_, also die Majorität _Schullehrer_ -- _zwei_ aber, und zwar die Minderheit, _Geistliche_ sein müssen, wobei zugleich sonst jeder dazu gewählt werden kann, der den Betheiligten, also dem Schullehrerstande überhaupt, am meisten zusagt. Ist das geschehen, so denk' ich können Sie versichert sein, daß keine Klagen weiter über Uebergriffe der Pastoren vorfallen können, die Majorität des Schulvorstandes, also die Lehrer hätten sich das nur sonst selbst zuzuschreiben. Dieß ist also ein Gegenstand, der Ihre größte Aufmerksamkeit verdient, und es wäre mir sogar lieb, mein guter Herr Hennig, wenn Sie es heute Nachmittag in Ihrer Versammlung zur Sprache bringen wollten. Mit einigen meiner Amtsbrüder hab' ich darüber schon verkehrt, werde auch ebenfalls der nächstens zusammentretenden Geistlichkeit den Vorschlag machen, und bin ihrer Einwilligung ziemlich gewiß. Es wäre vielleicht auch nicht unpassend, wenn wir Alle zusammen, Lehrer und Geistliche eine gemeinschaftliche Bittschrift hierüber an ein hohes Ministerium aufsetzten und übergäben, damit dieses sich von der wahren Stimmung im Lande überzeugen und danach handeln und wirken könnte. Ich glaube bestimmt, daß Ihre Collegen ein solches Entgegenkommen von unserer Seite freudig begrüßen werden, und wie segensreich das dann auf die uns anvertraute Jugend zurückwirken muß, wenn wir, die wir für die Bildung des Geistes und der Seele vereinigt dastehen, auch vereinigt und freundschaftlich handeln, brauche ich Ihnen doch wahrlich nicht erst weiter auseinanderzusetzen.«
»Jetzt also, mein lieber Kleinholz, will ich Sie Beide Ihren Freunden nicht länger entziehen; morgen vielleicht, oder wenn Sie die Sache näher besprochen und überlegt haben, reden wir weiter darüber!«
Die beiden Schullehrer erhoben sich bei diesen Worten von ihren Sitzen, empfahlen sich dem Pastor, der ihnen freundlich und mit einigen gütigen Abschiedsworten die Hände drückte, und verließen das Zimmer. Der Diaconus wollte sie begleiten; diesen aber hielt der Pastor noch zurück und Hennig und Kleinholz schritten allein und schweigend, Jeder mit seinen Gedanken über das eben Gehörte beschäftigt, in die Schulwohnung langsam hinüber.
Zehntes Kapitel.
Die Schulmeister.
Zu Hause fanden die beiden Männer schon die Botschaft ihrer Collegen, die voraus in die Schenke gegangen waren, und sie bitten ließen, so bald als möglich nachzukommen. Der Pastor hatte sie gar so lange aufgehalten, und ungesäumt folgten sie dem Rufe; Papa Kleinholz, dem übrigens seines Hülfslehrers Keckheit beim Herrn Pastor fast den Athem versetzt hatte, benutzte den kurzen Weg von der Schule in die Schenke hinunter, um ihn darüber zur Rede zu stellen, und zu bitten, doch nur um des Himmels Willen zu bedenken, in welche Verlegenheiten er sich dadurch bringen, und was für Folgen so etwas für ihn und seine künftige Laufbahn haben könne.
Hennig antwortete all' diesen Vorstellungen aber nur höchst einsylbig, oft zerstreut; des Pastors Worte hatten einen wilden Sturm feindlicher Gefühle in seiner Brust erweckt, und Pflicht und Liebe schlugen in dem armen Herzen ihre erste, aber deshalb gewiß nicht minder heftige Schlacht. Schweigend schritt er an seines Vorgesetzten Seite dem verabredeten Berathungsplatze zu und unschlüssig kämpfte er mit sich, was er in dieser Sachlage thun, wie er handeln und auftreten solle.
In der Schenke zu Horneck hatten sich indessen zahlreiche Gäste eingefunden; der Wirth verstand selber die kunstgerechte Bereitung der edlen Gerste und braute ein ganz vorzügliches Bier, und der Horneck'sche Kartoffelkuchen war weit und breit berühmt; kein Wunder denn, daß das warme Frühlingswetter, das dem Mai selbst an Milde und Lieblichkeit nichts nachgab, eine Menge Hungriger und Durstiger herbeigezogen hatte, die nun im Garten oder in dem neuen, Veranda ähnlichen Ausbau des Hauses saßen, und den einzelnen Melodien des »Orchesters« lauschten.
Kleinholz und Hennig hielten sich jedoch nicht zwischen den Gästen auf, nur herüber und hinüber grüßten sie, wo sie vielleicht einen alten Bekannten sitzen sahen, drängten sich durch die zahlreich in der Hausflur und dem Billardzimmer nach dem Garten vielfach hin und her Wandernden, und stiegen zu einem kleinen stillen Hinterstübchen hinauf, das ihrer Conferenz von dem Wirthe eingeräumt worden.
Hier von dem Lärm und der Musik unten nicht gestört, da seine Fenster nicht nach dem Garten, sondern nach dem Dorfe aussahen, saßen um einen langen, in die Mitte gerückten Tisch die Schullehrer der benachbarten Ortschaften, und waren, allem Anschein nach, schon recht tief und eifrig in die Debatte hinein gerathen. Bei der Neuankommenden Eintritt wurde diese nun allerdings auf kurze Zeit unterbrochen, doch nur so lange, als es bedurfte, eine Bank, da es heute bei dem Andrange von Gästen an Stühlen fehlte, zum Tisch zu rücken, auf der dann Kleinholz und Hennig zusammen Platz nahmen.
Bis das Mädchen wiederkam, welches den Schullehrern bei ihrer Ankunft ein Glas Bier oder ein Schnäpschen besorgt hatte, schoben ihnen die Nachbarn ihre eigenen Gläser näher, und der Präsident, ein alter würdiger Schullehrer von Kosholz, der die Verhandlungen leitete, wiederholte nochmals mit kurzen Worten den schon besprochenen Gegenstand der Debatte -- die Trennung der Schule von der Kirche, _für_ die sich zwei, _gegen_ die sich aber schon vier Stimmen erhoben hatten. Er setzte auseinander, wie nöthig es sei, daß sie sich über diesen Gegenstand, der in gar kurzer Zeit alle ihre Energie in Anspruch nehmen müsse, vorher klar und bewußt würden, daß jeder selber darüber ein Urtheil bekäme und nicht blos, entweder von seinen Vorgesetzten auf der einen, oder auch von leichtsinnigen, neuerungssüchtigen Menschen, die nur immer Freude am Niederreißen und nimmer am Aufbau fänden, auf der anderen Seite getäuscht und irre geleitet würden.
»Meine lieben Amtsbrüder,« nahm da Vater Kleinholz, von seinem Sitze aufstehend, mit zitternder Stimme das Wort, »ich bin kein Redner, und das, was ich auf den Herzen habe, kann ich nur mit kurzen und nicht zierlich gestellten Worten herausbringen, aber es kommt auch dafür gerade _vom_ Herzen, und ich möchte es Ihnen ebenfalls an die Herzen legen. Ich bin _gegen_ eine Trennung der Schule von der Kirche, und zwar aus recht vielen und wichtigen Gründen. Wir kommen Beide eben, Herr Hennig und ich, vom Herrn Pastor Scheidler, der mir stets, mit _sehr_ wenigen Ausnahmen, ein freundlicher Vorgesetzter gewesen ist, und ich glaube, wir können uns mit dem, was er, als Geistlicher, uns selber vorschlägt, recht gut begnügen. Ich bin gegen eine Trennung der Kirche und Schule, weil es mir in der Seele weh thun würde, wenn wir mit dem Religionsunterricht auch das süße Einverständniß verlören, was wir jetzt, durch diesen, über den Geist der Kinder gewinnen; ich bin aber auch gegen die Trennung, weil sie für uns unmöglich ist, weil der Schulmeister ohne die verschiedenen Einnahmen, die ihm sein Kirchner-, Glöckner- und Cantordienst abwirft, möglicher Weise gar nicht mehr existiren könnte. Ich habe jetzt mit meiner Familie etwa 100 Thaler jährlich, und der Herr weiß es, oft genug esse ich in Sorgen mein Brod, und grüble und grüble, wie ich es nur anzufangen habe, einfach auszukommen. -- Das Jahr ist lang -- die Kinder wollen das _ganze_ Jahr essen und gekleidet sein, und 100 Thaler sind eine entsetzlich kleine Summe für eine so gewaltig lange Zeit. Wären wir im Stande, uns ohne jene außer der Schule liegende Einnahme zu behelfen? -- _nein_, das wären wir nicht, wir gingen der Noth und dem fürchterlichsten Elend entgegen, und wollen wir also den Nutzen nicht aufgeben, den wir durch jene Arbeiten genießen, so dürfen wir uns auch der Mühe und den Unbequemlichkeiten nicht entziehen, die daraus hervorgehen. Meine Stimme ist deshalb _gegen_ eine Trennung, und ich hoffe, auch Ihr lieben Freunde werdet zuletzt einsehen, daß sie uns und der Schule nur zum Nachtheil gereichen, keineswegs aber eine gehoffte Besserung herbeiführen würde.«
Vater Kleinholz setzte sich wieder nieder, und von mehreren Seiten standen die Redner auf, die alle, wie der vorhergehende Sprecher, gegen eine Trennung waren, Viele beriefen sich dabei auf ihre eigenen Geistlichen, die mit ihnen ausführlich über die Sache gesprochen, Alle aber waren darin einig, daß das Aufgeben des Religionsunterrichtes ein Verlust für den Lehrer sein würde, den gar kein errungener Vortheil wieder aufwiegen oder ausgleichen könne.
»Mitbrüder und liebe Genossen,« sagte da endlich Hennig, der bis jetzt noch kein Wort in die Debatte gesprochen und manchmal fast augenscheinlich mit sich gekämpft hatte, jetzt aber plötzlich zu einem festen bestimmten Entschluß gekommen zu sein schien. »Ich bin zwar noch jung, viel jünger, als Manche hier, die in ihrem Ehrenamte ergrauten, aber desto weniger bin ich auch vielleicht mit den alten Gewohnheiten verwachsen, die es nachher so viel Mühe kostet, wieder abzuschütteln. Ich fühle eben so gut, wie Sie, daß wir dem Religionsunterrichte der Kinder nicht entsagen dürfen, der Lehrer würde durch den Verlust dieses Zweiges zu einer bloßen künstlichen Maschine, die den Kindern nur das Ein mal Eins und das Geheimniß der Buchstabenstellung einbläut. Herr Pastor Scheidler hat uns Beiden zwar heute Nachmittag gesagt, daß wir ihn wirklich einbüßen müßten, wenn wir uns von der Kirche losrissen, aber es ist das doch auch nur die Meinung eines einzelnen Mannes, noch dazu eines bei der Sache interessirten, die wahrlich nicht maßgebend für uns sein darf.«
»Aber bester Herr Hennig,« sagte Kleinholz erschreckt.
»Er mag es,« fuhr Hennig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »vielleicht recht gut mit uns Schullehrern meinen, ich will das gar nicht bezweifeln und -- wäre der letzte der ihn kränken möchte, aber ich glaube, er sieht die Sache mit zu schwarzen Farben, und ich will Euch deshalb _meine_ Ansicht darüber mittheilen. Wer hat uns denn schon eigentlich verbürgt, daß wir, bei einer Trennung der Schule von der Kirche, auch nothwendiger Weise den Religionsunterricht verlieren _müßten_? Wer hat uns das bis jetzt gesagt, als nur allein die Geistlichen selber, und sind wir denn so gewiß, daß das nicht hier und da, und im Anfang vielleicht, auch größtentheils deshalb mit geschehen ist, um uns in unserem Streben irre zu machen, oder davon abzubringen? Der Religionsunterricht ist eben ein _Unterricht_ und gehört zur Schule und so wenig wie er in den Schulen der großen Städte fehlt, die gleichfalls schon der keineswegs für den Lehrer ehrenvollen Beaufsichtigung der Geistlichen entzogen sind, eben so wenig wird er in den Landschulen fehlen dürfen und wirklich fehlen. Selbst hier liegt übrigens ein Ausweg für uns ganz klar und leicht zu Tage; wir wollen uns ja gar nicht losreißen von der Kirche und dieser feindlich gegenüberstehen, im Gegentheil; das Wirken der Schule und Kirche ist ein so gleiches -- oder sollte doch wenigstens ein so gleiches sein -- daß ein förmliches Losreißen keinem zum Vortheil, Beiden aber vielleicht zum großen Nachtheil werden könnte; stehen Kirche und Schule aber neben einander, und glaubt der Staat, daß es nothwendig für die religiöse Erziehung der Kinder sei, den Pastor, wie bisher, Theil am Religionsunterrichte nehmen zu lassen, ei dann schadet das auch nichts, und gewährt uns höchstens eine wenn auch kleine Erleichterung unserer schweren Pflichten; an uns ist es nachher noch immer, den Stundenplan zu machen, in unsere Hand gegeben auch außer den vom Prediger ertheilten Lectionen durch moralische Belehrung den vollen Einfluß auf das kindliche Herz zu behalten, dessen wir uns bis jetzt erfreut haben. Ich meinestheils würde darin sogar einen neu errungenen Vortheil sehen, wenn wir der wirklichen Dogmen enthoben würden, und es dem Pastor überlassen könnten, diese zu lehren und -- zu vertreten. -- Der Lehrer mag dann sehen, ob er im Stande ist, auch ohne die Bibel den Glauben an Gott in des Kindes Brust zu festigen und die herrliche Natur wird ihm das Buch sein, in dem er auf jedem Blatt, wohin er sich auch wendet, die heiligste Bestätigung seiner Lehre findet. Laßt es denn einen Wetteifer werden, lieben Brüder, in einem ehrenvollen und selbst für die Kinder segensreichen Kampfe, in dem Ihr noch dazu so unendlich im Vortheil seid, denn der Geistliche wird, wie bisher, die jungen Gemüther in scheuer Ehrfurcht vor dem kaum geahnten Thron eines _allmächtigen_ Gottes stehen lassen, während Ihr Euere Schutzbefohlenen mit lächelndem Angesicht in die unmittelbare Nähe des _Alliebenden_ führt.«
»Aber selbst das ist noch keine nöthige Folge einer Trennung der Schule von der Kirche, denn war der Schullehrer bis jetzt noch befähigt genug, den Religionsunterricht zu ertheilen, so sehe ich nicht ein, weshalb das später nicht eben so gut der Fall sein soll. Die _Aufsicht_, die der Pastor darüber gehalten, fiele allerdings weg, aber es müßte uns erst bewiesen werden, daß die nöthig gewesen ist, und daß sie auch wirklich der Erziehung der Kinder genützt, nicht _geschadet_ habe.«