Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.

Part 4

Chapter 43,619 wordsPublic domain

»Manches zu besprechen? Lieber Gott,« dachte Hennig -- »die alte Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herabläßt, mit dem Schulmeister etwas zu besprechen, so bedeutet das gewöhnlich weiter gar nichts, als er will ihm wieder einmal den Text lesen -- und das nennt er nachher _besprechen_.« Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab zu gehen -- ein sicheres Zeichen, daß irgend ein Sturm im Anzug sei -- dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Räuspern zum Tisch trat, und ein Zeitungsblatt -- die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes, »die Leuchte« in die Hand nahm.

Hennig lächelte, denn er wußte jetzt Wort für Wort, was kommen würde, wunderte sich aber doch darüber, den Pastor einer solchen Sache wegen so ernst zu finden.

»Lieber Hennig,« nahm Pastor Scheidler nach einigem Zögern und einem, scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort -- »Sind Sie wirklich der Redacteur dieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmäßig erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?«

»Allerdings, Herr Pastor,« erwiederte ihm Hennig, »und mit Gott hoff' ich, zum Nutzen und zur Aufklärung der Menschen recht viel Gutes damit zu wirken.«

»Ich dächte, Sie hätten sich immer beklagt, daß Ihnen so wenig Zeit zu Ihren Studien bliebe?« frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche -- »hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit hätten, als ein Lehrer, der eine schon übergesetzliche Zahl von Kindern zu unterrichten hat, haben sollte.«

»Lieber Herr Pastor,« antwortete ihm Hennig mit wehmüthigem Lächeln -- »das Gesetz verstattet aber auch in seiner grenzenlosen Milde dem Lehrer neun bis zehn volle Stunden Schlaf und Ruhe, und von denen, die doch mein Eigenthum sind, benutze ich drei an jedem Abend zu solchen Arbeiten, die meinem Geist eine angemessene Beschäftigung gewähren, meinen Gefühlen und Gesinnungen entsprechen, und mir zu gleicher Zeit eine, ich kann wohl sagen _nöthige_ Unterstützung geben sollen, ohne die ich am Ende nicht einmal auskommen könnte.«

»Nicht auskommen könnte, lieber Hennig?« frug der Diaconus erstaunt; »wenn ich nicht irre, haben Sie fast den doppelten Gehalt jetzt, den Sie damals, als ich in Horneck noch Diaconus war, hatten? -- davon sollten Sie doch leben können.«

»Ja, -- wenn ich den armen alten Kleinholz dabei _verhungern_ lassen will,« sagte Hennig ruhig.

»_Verhungern_?« rief aber jetzt Pastor Scheidler auffahrend -- »Herr Hennig, in _meinem_ Dorfe ist noch nie ein Mensch _verhungert_ -- am wenigsten der Schullehrer, und es klingt -- Sie nehmen mir das nicht übel, wenn ich aufrichtig zu Ihnen spreche -- fast ein wenig -- wie soll ich denn gleich sagen -- ein wenig -- anmaßend von Ihnen, zu thun, als ob _Sie_ allein der Erhalter des alten Kleinholz wären. Bekommt er nicht etwa regelmäßig seinen Gehalt als emeritirter Lehrer? -- Wir müssen _Alle_ sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen, es thut aber auch ein _Jeder_, was in seinen Kräften steht, mein guter Hennig, ein _Jeder_.«

»Herr Pastor,« erwiederte Hennig ruhig -- »dürfte ich Sie wohl fragen, wie viel Ihr jährliches Einkommen beträgt? -- bitte, beantworten Sie mir das.«

»Das ist eine sehr merkwürdige und hier gar nicht her gehörende Frage,« sagte Pastor Scheidler, durch den Absprung aber doch etwas außer Fassung gebracht.

Pastor Brauer schüttelte mit dem Kopfe, erwiederte aber gar nichts.

»Sie könnten mir aber doch, wenn ich Sie darum bitte, die Frage beantworten,« beharrte Hennig.

»Es kommt ja hier gar nicht auf hohen oder geringen Gehalt an, lieber Hennig,« eilte hier der frühere Diaconus dem bedrängten Collegen zu Hülfe -- »lassen wir das -- dieß neue Blatt war es ja wohl, weshalb Herr Pastor Scheidler mit Ihnen zu sprechen wünschte.«

»Bitte, lassen Sie mich, Herr Pastor,« sagte ruhig der Lehrer -- »es ist besser, wir machen erst die eine Frage ab, sie hilft mir zugleich zur Erledigung der zweiten -- Sie, Herr Pastor Scheidler, haben circa zwölf bis vierzehnhundert Thaler Gehalt, und sagen dabei, wir müssen _Alle_ sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen -- und der alte Kleinholz -- großer allmächtiger Gott, mit _funfzig_ Thalern, die _Sie_, Herr Pastor, alle vierzehn Tage beziehen, soll der arme unglückselige Greis _das ganze Jahr_ mit seinen sieben Kindern auskommen. Ist das _möglich_.«

»Sie vergessen, daß ich selbst um Zulage für ihn eingekommen bin,« entgegnete ihm, die indirecte Anklage parirend, der Pastor -- »ich habe meinen ganzen Einfluß angewandt, es durchzusetzen.« (Er hatte eine ganz gewöhnliche Eingabe gemacht, da er nur kurz vorher ein dringendes Gesuch an das Ministerium, einem Neffen zu Liebe gestellt, und doch nicht gleich zweimal hinter einander mit dringenden Bitten kommen wollte.)

»Gebe Gott, daß jenes Gesuch erfolgreich sei,« sagte Hennig seufzend -- »sonst kommt es zu spät.«

»Ist Kleinholz so krank?« frug Brauer besorgt -- »ich will doch nachher einmal hinüber gehen.«

»Sie werden ihm viele Freude damit machen,« sagte Hennig -- »er spricht viel und gern von Ihnen -- Sie waren sonst immer so freundlich gegen ihn.«

»Also nur um ihr Einkommen zu vergrößern, haben Sie die Redaction dieses Blattes übernommen?« frug, auf den ersten Punkt jetzt wieder zurückkommend, der Pastor Scheidler -- »ist dem so?«

»Nein,« erwiederte ihm Hennig kopfschüttelnd, »dem ist nicht so, Herr Pastor -- nicht allein des _Geldes_ wegen, wenn auch, Gott sei es geklagt, ein armer Dorfschulmeister der Letzte sein sollte, der von Geld verächtlich spräche -- bin ich dazu gekommen, mir die Zeit am Schlaf abzusparen, und als Schriftsteller mit meinen geringen Kräften in die Welt zu treten -- das Bedürfniß war es, über das, was mir so heiß und heilig am Herzen lag, über die Schulreform, über das Verhältniß der Schullehrer zu einander, über das, was den Kindern nützt oder schadet, und in dieser verschiedenen Wirkung Einfluß auf ihr ganzes künftiges Leben ausübt, mich einmal so recht tüchtig und gründlich aussprechen zu können. Die sächsische Schulzeitung verfolgt denselben Zweck, ist aber in unserem Ländchen viel zu wenig gelesen, und mein kleines Blatt dringt da vielleicht als helle, trostbringende Leuchte in manches arme düstere Lehrerherz, und ruft es mit auf zum heiligen Kampf für Wahrheit, Licht und -- Gerechtigkeit. Selbst die gutgesinnten Geistlichen werden uns darin nicht entgegen sein, denn ihnen ist sicherlich mehr daran gelegen, gute, freudig wirkende und eifrige Schullehrer zur Seite zu haben, die mit ihnen Hand in Hand an dem schönen Werke der Volkserziehung arbeiten, als Menschen zu _beaufsichtigen_, denen man nur _mittelbar_ das Stundenhalten anvertraute, die aber, wie das Gesetz angenommen zu haben scheint, fortwährend unter strenger Controle gehalten sein wollen, um nur nicht lässig und faul in ihrem _Dienst_ zu werden.«

»Dann rechnen Sie _mich_ also nicht mit zu den gutgesinnten Geistlichen,« sagte Herr Pastor Scheidler, und zog die Brauen, den Lehrer scharf dabei ansehend, hoch herauf.

»Herr Pastor!« rief dieser --

»Nein, nein, nein, nein, Herr Hennig, nein und nochmals nein,« sagte der geistliche Herr, sich mehr und mehr ereifernd, »ich muß Ihnen, da wir endlich einmal auf das Kapitel gekommen sind, auch meine Meinung, wie sich das gehört, frisch und frei heraussagen. Im Anfang, und im Beginn der politischen Bewegung -- oder nennen wir es lieber mit dem richtigen Namen -- des _Aufruhrs_ in Deutschland, mochte ich diesem Emancipationsstreben nicht so schroff entgegentreten, die Gemüther waren überdieß aufgeregt, und ich hielt es nicht für gut, solche Stimmung noch mehr zu reizen, jetzt aber hat das _Wühlen_, denn das allein ist der richtige Ausdruck dafür, lange genug gewährt, und ich bin nicht gesonnen, es länger selbst unter meinen Augen zu dulden!«

»Herr Pastor?« sagte Hennig erstaunt.

»Nein, nicht zu _dulden_, Herr!« fuhr aber der Geistliche, der jetzt das lang gesuchte Bett für die Stromflut seines Zornes gefunden -- eifrig fort -- »Was müssen die anderen Geistlichen, was müssen meine Collegen denken, wenn hier, ich möchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen geschmiedet würden, mit denen man sie -- und warum denn überhaupt auch nur _sie_, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst -- fortwährend angreift und bekämpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig -- treiben Sie mich nicht zum Aeußersten -- ich kann Ihnen allerdings, unseren jetzigen liebenswürdigen Gesetzen nach -- die Herausgabe eines _solchen_ Blattes nicht officiell _verbieten_ -- und werde das auch nicht -- geben Sie es aber _doch_ heraus, achten Sie das, was ich darüber denke, so gering, und wollen Sie der _ganzen_ Geistlichkeit, und also auch _mir_ feindlich gegenüberstehen, so messen Sie sich auch die Folgen bei, die das für Sie haben würde. _Noch sind_ wir die Herren -- _noch_ gelten unsere Berichte, und die Schlußfolge können Sie sich selber daraus ziehen. -- -- Ich hoffe aber,« fuhr er nach ziemlich langer Pause, in der keiner der übrigen Männer ein Wort erwiederte, etwas ruhiger fort -- »daß Sie über das oben Gesagte -- über Ihre Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich dächte sogar, ich hätte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab' ich Sie z. B. je in der Schule belästigt, ist die nicht allein Ihrem Wirken und Fleiße überlassen? -- Was Anderen geschieht, geht _Sie_ aber Nichts an, um das mögen sich auch Andere kümmern. Und das alte Verhältniß ändern? -- Lieber Hennig, glauben Sie nur, ich habe darin mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte hinein, als Sie glauben möchten -- die Umsturzpartei _hätte_ das vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Händen; jetzt aber ist es zu spät -- mit dem Bade schütteten sie das Kind heraus, die ganze Welt traten sie auf den Fuß, und wollten sich dann nicht einmal entschuldigen; nun -- stehen _wir_ aber wieder fester, als wir, möcht' ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also überlegen Sie sich das, lieber Hennig -- denken Sie an das Gleichniß mit der Mauer -- ein Kopf ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernünftiger Mann darf nichts _Unmögliches_ versuchen wollen.«

Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verließ das Zimmer -- als ihm Hennig wie träumend nachschaute, bemerkte er erst, daß Sophie Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell -- er glaubte scheu -- zu Boden nieder.

Hennig stützte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor sich nieder.

»Hennig« sagte da Pastor Brauer und ergriff des Freundes Hand -- »Sie wissen, daß ich in früherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung getheilt habe.«

»In _früherer_ Zeit?« frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf -- »haben _Sie_ sich da verändert, oder ich mich, daß das nicht mehr der Fall sein sollte?«

»Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben« lächelte da Brauer, »aber die -- _Zeiten_ haben sich geändert -- in der Welt selber ist vieles Anders -- manches schlechter geworden, als es früher war, und dem Menschen ward deshalb der überlegene Geist gegeben, daß er nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern überlege, prüfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden, _handele_, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen gewesen.«

»Und sind es auch hoffentlich _noch_ nicht« rief Hennig in erschrecktem, fast bittenden Ton -- »es wäre hart gerade jetzt im schwersten Kampf einen solchen Freund zu verlieren.«

»Ich bin es _noch_ nicht« bestätigte Pastor Brauer, »aber doch auch nicht in so ausgedehntem Maaße, wie Sie vielleicht zu vermuthen scheinen. Der Lehrer muß in seinem Einkommen, in allem, was seine pecuniären Verhältnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner befreit werden von den lästigen Küster- und Glöcknerdiensten, deren Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat ausgezahlt wird, zu vermissen braucht -- was aber die _Inspection_ des Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da weiß ich doch nicht, ob es nicht -- in den meisten Fällen natürlich nur, denn eine Ausnahme davon sind Sie zum Beispiel -- nicht doch besser wäre, wenn es --«

»Eben beim Alten bliebe --« ergänzte Hennig monoton, und schaute voll und klar zu dem Geistlichen auf.

»Nun Gott ja, wenn Sie's so, --« sagte etwas verlegen lächelnd, Brauer, während er mit dem Frühstücksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, »wenn auch das Wort, >beim Alten lassen< im letzten Jahre etwas verpönt geworden ist. -- Ich will übrigens gar nicht, daß es ganz beim Alten gelassen werden soll, der Herr Pastor Scheidler hat Ihnen früher schon selber einen trefflichen Vorschlag, gründliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem Schulvorstand zur Majorität die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin ich doch fest überzeugt, daß Sie sich nicht darüber beklagen dürfen und thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«

»Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr Pastor Brauer, als Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen fort, »daß sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem Sinne ausgesprochen haben -- Sie wissen ja sogar was die Hornecker darüber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, daß sie _wohlgesinntere_ Inspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu hoffen haben. Die Schulmänner sind nicht selten -- ich spreche hier von den alten starren Fachleuten -- anmaßend und pedantisch, und würde Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem beaufsichtigt, überwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht, der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl einer, vielleicht sehr geringen Majorität zu ihrem Vorgesetzten gemacht wurde? -- Der Geistliche kann auch am kräftigsten dahin wirken, bei seiner Gemeinde die Theilnahme für die Schule zu wecken und zu erhöhen. Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in die Hand arbeiten, den Lehrer schützen und stützen können gegen Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hüter werden.«

»Ein _Hüter_ -- das war das richtige Wort« sagte Hennig rasch, aber mit einem recht wehmüthigen Ausdruck in den Zügen -- »>auch Du mein Sohn Brutus< -- sehen Sie _Herr Pastor_, das thut mir recht in der Seele weh, daß wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen können wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht geändert -- die _Zeiten_ ändern sich nie -- die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre Ansichten, und es ist traurig, daß die stets durch ihre Verhältnisse bestimmt werden. Wäre das freilich nicht, so würden wir vollkommen sein. So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, der _Pastor_ scheint sich aber in das gefügt zu haben, was den _Diaconus_ als unerträglich drückte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche -- nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. -- Sagen Sie mir lieber, was Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat -- ich bin bereit, es zu hören.«

»Aufgetragen?« frug Pastor Brauer leicht erröthend, »aufgetragen in der That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die Zeitung, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kündet erscheinen zu lassen. -- Sie machen sich viele Feinde und richten _dadurch_ wahrlich Nichts, weder für sich noch ihre Standesgenossen aus. Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn, dann werden Sie den wachsenden Baum schöne und herrliche Früchte tragen sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstören Sie gerade das, was Sie zu wecken wünschen.«

Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen, Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:

»Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schönen Ziele entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten, und Gott wolle verhüten, daß _die_ Zeit, die schöne Zeit vorüber sei. Hier aber handelt es sich um das Höchste was der Mensch in seinem Innern erkennen sollte -- um seine Ueberzeugung -- hier handelt es sich um das, wonach ich mit allen meinen schwachen Kräften getrachtet und gestrebt -- hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder verzweifelnd _jede_ Hoffnung aufgeben zu müssen -- von einem Rücktritt kann da keine Rede sein. Ich sehe in der Selbstständigkeit des Lehrers die einzige Möglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in dieser wieder nur die Aussicht auf eine mögliche Selbstständigkeit desselben -- _sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie heranzubilden_? Und ist der Lehrer etwa _nicht_ geknechtet, liegt nicht jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht die schmählichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen Geist niederbeugen müssen? Nein, wohl weiß ich, daß sich viele Lehrerconferenzen _gegen_ die Trennung der Kirche von der Schule ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht, daß sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen -- sie begreifen nicht, wie alle die Uebelstände, die sie jetzt aus einer Ueberwachung der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das Aufhören des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstürzen müßten. Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr für mich, und ein Schritt weiter zurück, kündet uns auch hier die Ursache. Wie werden die Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt -- wie erbärmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen Willen des >Hausmanns< angewiesen sind -- wie gedrückt ihre Behandlung -- _das Alles_ muß anders werden, der Lehrerposten muß ein _Ehren_posten werden im Staat, und _daß_ er das werde, dahin geht mein Streben. Ueberzeugen Sie mich, daß ich den falschen Weg gehe und ich will umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, überzeugt mich _nicht_.«

»Aber der Herr Pastor Scheidler.«

»Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn muß, ich handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten -- das Vehmgericht des Schulvorstandes -- werden hoffentlich auch bald ihr Ende erreichen.«

»Ich sehe, wir überzeugen einander doch nicht,« sagte Brauer lächelnd -- »Sie sind einmal unverbesserlich -- doch, Sie haben wohl auch gar hier Stunde zu geben, da will ich nicht stören.«

»Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen,« sagte Sophie, die bis dahin, dem Gespräch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nähtisch gesessen hatte.

»Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn?« frug Pastor Brauer den Schulmeister.

»Er wird sich herzlich freuen« -- erwiederte dieser -- »wir haben ihn heute, wo die Schulstube doch nicht gebraucht wird, herunter in diese geschafft, damit oben nur einmal gelüftet werden kann. Er ist übrigens um vieles besser, und ich denke, wir werden ihn wohl durchbringen.«

Pastor Brauer nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen Fräulein Scheidler, nickte Hennig freundlich zu und verließ das Zimmer. --

Fünftes Kapitel.

Die Zeichnenstunde.

Als Pastor Brauer die Thür hinter sich zugezogen hatte, räumte das Mädchen die noch vom Frühstück dastehenden Teller und Gläser hinaus, und Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu beginnen.

Hennigs Wangen glühten von der gehabten Unterredung in fieberhafter Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewöhnlichen Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die gewöhnlichen Stunden auf gewöhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen war's ihm leicht und hell geworden -- das klare Bewußtsein, der feste Wille, sein schönes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderniß, keine Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine größere Elasticität, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefühlt und empfunden.

Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf -- der ganze schöne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell an seiner Seele vorüber und wie von Seraphsklängen durchschauert, hörte er den süßen zitternden Laut, der in heiligen, ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.

»Herr Hennig!« sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien entging, obgleich sie, während sie sprach, die Augen auf das Papier geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.

»Fräulein Scheidler --«

»Ist Ihnen nicht wohl?« frug Sophie, der die plötzliche Blässe des jungen Mannes auffiel -- »Sie sehen so bleich aus.«

»Nein -- ich danke tausendmal -- es ist wahrlich Nichts -- nur die Aufregung vorher, vielleicht -- ich war in der Vertheidigung meiner Lieblingsidee warm geworden, ich fühle mich jetzt schon wieder ruhiger.«

»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie -- »sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an Sie thue.«

»Mein Fräulein. --«

»Nun gut -- sehn Sie -- Sie -- Sie meinen es mit der Schule und Ihrem Stande gewiß recht gut, und -- sollte ich so recht frei vom Herzen weg reden -- und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube, ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres >Gute Nacht< von ihm -- als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas nachsehn -- überhaupt -- und nicht wahr, Herr Hennig, _mir_ werden Sie über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer --«

»Fräulein Scheidler --«

»Also will ich's wagen -- ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der Seite an -- »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise erwarten muß, daß er ein _guter_ Mensch sei, die Oberaufsicht über die Schule führe? -- und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie -- nur ein ganz klein wenig von Ihren Ansichten -- abweichen -- wenigstens die häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat wirklich -- aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort davon sagen -- die besten Absichten mit Ihnen. -- Es steht Ihnen eine ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor -- nur ein klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte, sondern nur still und wehmüthig _vor_ sich niedersah, fort -- »es ist wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«