Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.
Part 3
»Zu viel für ein Menschenleben,« lachte der Doctor im zornigen Unmuth -- »es wäre wahrlich eine Verlockung, sich dem _Teufel_ zu verschreiben, wenn man nur vermuthen müßte, daß _solche_ Menschen einst in den Himmel kämen. Doch genug der Worte, ich habe Sie nicht aufgesucht, um mit Ihnen zu feilschen und zu handeln und um Procente zu streiten. Meine Frage gilt einfach dem _Mann_, dem ich als Mann gegenüber stehe, und die Alternative ist die, daß ich mich von hier aus auf ein Pferd werfe und morgen früh schon in der Residenz die Klage gegen den Oberpostdirector von Gaulitz beim Criminalgericht eingebe, und daß _ich_ die _Zeugen_ stelle, darauf können Sie sich verlassen. Einfach also Ihre Antwort -- hier ist das Papier -- dort steht Feder und Dinte -- wollen Sie, oder nicht?«
»Mit der Pistole auf der Brust« -- sagte verlegen der Gutsherr.
»Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte mit besonderem Nachdruck der junge Mann »ich bin unbewaffnet -- die Pistole wäre nur -- Ihr Gewissen, die Ihnen hoffentlich geladen und gespannt bis zu Ihrer letzten Todesstunde vor den Schläfen stehen soll. -- Ich bitte um Ihre Entscheidung.«
»Dreihundert Thaler jährlich? --«
»Bis zu ihrem Tod -- in dem Fall aber hundert Thaler an ihren Vater.«
Der Oberpostdirector ging mit verschränkten Armen wohl fünf Minuten lang rasch und schweigend im Zimmer auf und ab; Wahlert lehnte an der Ecke eines Spieltisches und sprach kein Wort, störte sein Nachdenken durch keinen Laut, durch keine Bewegung, nur sein Auge haftete mit seiner Adlerschärfe auf ihm, und folgte ihm, wohin er sich wandte, und es schien fast, als ob der Gutsherr das wisse, und der Blick gerade es sei, der ihn so unruhig herüber und hinüber jage, denn nicht ein einziges Mal schlug er das Auge zu dem so unwillkommenen Besuch empor. Endlich, doch wohl einsehend, daß ihm hier wirklich nur die Wahl zwischen öffentlicher Schmach und einem, wenn auch bedeutenden Geldopfer liege, schien sein Entschluß gefaßt. Er trat an den Tisch auf dem, neben dem Dintenfaß das Dokument lag, ergriff die Feder -- und noch zögerte seine Hand.
Wahlert schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ihn hinüber -- plötzlich zuckte ein triumphirendes Lächeln über seine Züge -- das Kritzeln der hastig geführten Feder kündete ihm seinen Sieg. Im nächsten Augenblick reichte ihm der Oberpostdirector das Blatt hinüber -- er warf einen Blick darauf, verbeugte sich, faltete es zusammen, schob es in seine Brusttasche und öffnete eben die Thür, das Zimmer wieder zu verlassen, als draußen eine wildverstörte, blutbedeckte, von Lumpen umhangene Gestalt mit der aufgezogenen Jagdflinte in der Hand in die Thüre sprang, und eine heisere Stimme in kaum hörbaren Lauten frug --
»Wo ist der Herr?«
»Heiliger Gott!« rief Wahlert und trat, entsetzt über den schaurigen Anblick, auf den Vorsaal hinaus, der Oberpostdirector aber, durch den Ausruf aufmerksam gemacht, folgte ihm rasch, sah zuerst die Gestalt, die er wahrscheinlich nicht einmal gleich erkennen mochte, erstaunt an und rief dann, mehr überrascht als bestürzt: --
»Fritz Holke -- was machst Du in _dem_ Aufzug hier? -- Mensch wie siehst Du aus?«
»Retten -- Schützen Sie mich!« war aber Alles, was der arme Teufel vor Erschöpfung und Angst und Aufregung über die Lippen bringen konnte -- »ich habe -- ich habe einen Menschen -- erschossen -- den Müllerburschen aus -- aus der Rauschenmühle -- sie werden -- sie werden gleich hier sein -- großer allmächtiger Gott, ich bin ein _Mörder_!«
Wahlert war an die Seite und etwas zurückgetreten, und ein schweigender aber wachsamer Zeuge der folgenden Scene.
»Ein Mörder?« rief der Gutsherr jetzt wirklich bestürzt, und blickte die Leidensgestalt, in deren Antlitz jeder Zug die Wahrheit der Worte bestätigte, forschend an, »Mensch, Du siehst fürchterlich aus!«
Fritz erzählte jetzt mit flüchtigen Worten, und so gedrängt als möglich, den ganzen Vorfall, wie er von den Bauern mishandelt, mit was er bedroht worden, und endlich nur in letzter Verzweiflung, seiner selbst fast unbewußt, nach der Waffe gegriffen und die Mündung dem vorspringenden Feind drohend vorgehalten habe -- dann war der Schuß gefallen -- der Mann -- als er sich nach ihm umschaute, gestürzt, und weiter wußte er selber Nichts mehr, weder von sich selbst noch von der ihn umgebenden Welt -- Flucht war sein einziger Gedanke gewesen, Flucht, vor dem Erschlagenen fast mehr als den verfolgenden Menschen, und er, der Gutsherr, der ihm selber befohlen habe, streng gegen alle Wildfrevler zu verfahren, sei der Mann, der ihn schützen werde, schützen _müsse_ vor der Rache der Bauern.
»Nun _das_ hätte mir noch gefehlt!« rief jetzt der Herr von Gaulitz, der in dem Interesse, das er an der athemlosen Erzählung seines Jägerburschen nahm, die Anwesenheit des dritten Mannes ganz vergessen zu haben schien. -- »_Ich_ soll mich in deine Streitigkeiten mit dem Bauergesindel mischen, und wohl gar noch einen Mörder und Todtschläger in meinem Hause beherbergen, daß sie mir nachher das Dach über dem Kopf anstecken? -- nein wahrhaftig nicht -- wer hieß Dich gleich abdrücken, der, der Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden, steht in der heiligen Schrift -- >wo Jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit List erwürget, so sollst Du denselben vor meinen Altar nehmen, daß man ihn tödte< und >Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule!<«
»Herr des Himmels« stöhnte da Fritz in Todesangst, -- »_Sie_ sagen das, _Sie_, der Sie mir hier an dieser Stelle, wo wir jetzt bei einander stehn, zuriefen -- >Schieße die Wildfrevler nieder -- und auf _meine_ Verantwortung?< An mich gehalten hab' ich und Alles ertragen, um nicht ein Mörder zu werden, die Feindschaft aller Bauern dabei durch den Eifer auf mich gelenkt, den ich in Ihrem Dienst bewiesen, und jetzt -- jetzt, wo ich in Selbstvertheidigung vielleicht mein Leben, oder was noch mehr ist, meine Ehre retten mußte -- jetzt, wo ich den ärgsten Wilddieb, der je auf Hornecker Revier mit der Flinte herumgezogen, _auf_ Hornecker Revier, niedergeschossen habe, jetzt bin ich ein ruchloser Mörder und soll allein, elend in die Welt hinausgestoßen werden. Gut, ich will gehen, den Bauern will ich entgegengehn und sagen hier -- hier Ihr Schurken -- hier nehmt Rache an dem vergossenen Blut -- Auge um Auge, Zahn um Zahn -- aber _mein_ Blut kommt über den Gutsherrn drinn und Gott möge ihm einst in seiner letzten Stunde --«
»Poller -- Poller!« rief der Oberpostdirector, in voller Aufregung zu der schmalen steilen Treppe gehend, die in die Bedientenstube hinunterführte -- »Poller!«
»Zu Befehl Euer Gnaden!« antwortete die bereite Stimme des Dieners, der unten an der Treppe gehorcht, sich aber wohl gehütet hatte, seinen Kopf oben blicken zu lassen.
»Ruf mir den Christoph und Dietrich -- schnell -- sie sollen mir den Burschen da aus dem Hause prügeln.«
»_Prügeln_!« rief der arme mishandelte und in den Staub getretene Jägerbursche, und wie unwillkürlich fuhr er mit der gewohnten Waffe empor.
Der Oberpostdirector wandte sich in diesem Augenblick nach ihm um, sah die drohende Bewegung des so schon zur Verzweiflung getriebenen Jägers, der mit flatternden Haaren und blutbedecktem Antlitz, wie ein zum Sprung bereiter Panther vor ihm stand, und trat, mit einem nur halblaut ausgestoßenen Schrei einen Schritt zurück. Dicht hinter ihm aber waren die Stiegen, er verfehlte die oberste Stufe, glitt aus, griff nach dem Geländer -- der schwere Körper gewann aber das Uebergewicht und polternd, und Hülfe rufend, stürzte er die wohl zwanzig Fuß tiefe, sehr steile Treppe, mit dem Kopf voran, unaufhaltsam hinunter.
»Gebe Gott, daß er den Hals gebrochen hat!« sagte Wahlert ruhig, während Fritz in stummem Entsetzen zur Treppe sprang, um nach zu sehn, ob sich der Gutsherr wirklich Schaden gethan. Wahlert aber ergriff seinen Arm, zog ihn mit sich nach der Thür und sagte hier rasch und leise:
»Jetzt fort mit Ihnen -- überlassen sie den Cadaver seinem Schicksal -- ob er todt oder lebendig ist, braucht uns wenig zu kümmern -- es wäre ein Gottesgericht gewesen -- aber auch zu milde, denn wenn es überhaupt Gerechtigkeit in der Welt giebt, hatte ich immer noch gehofft _den_ Schurken einmal hängen zu sehn. Für Sie ist aber kein Bleibens mehr im Ort -- auch drüben bei Ihrem Vater können Sie sich nicht aufhalten, Sie würden jedenfalls, dem souverainen Volk jetzt gegenüber, eingezogen -- vielleicht gestraft, und doch sagt mir Ihr ganzes Aeußere, daß Sie recht gehandelt.«
»Aber wo soll ich hin?« rief Fritz verstört und unschlüssig -- »in diesem Aufzug --«
»Dazu kann Rath werden« erwiederte Wahlert -- »hier« -- und er zog seinen Burnus aus, hing ihn dem Jägerburschen über und drückte ihm dann den eignen Hut in die Stirn. -- »So, hier drinn steht eine Flasche mit Wasser, da -- nehmen Sie dieß Taschentuch, so -- über dem Auge ist noch etwas -- oh das ist eine Wunde, nun die wird schon heilen; ziehen Sie den Hut ein wenig in's Gesicht und gehn Sie jetzt geraden Wegs nach Bachstetten hinüber zum Schullehrer -- halt -- der ist heute Abend hier in Horneck -- desto besser -- so kann er Sie selbst mitnehmen -- jetzt nur fort. Oben wo der Graben in den Wald läuft, in welchem ich damals von gewissen Leuten verfolgt, heraus und nach der Pfarre zu kroch, treffen wir uns -- fort -- die Leute kommen mit dem Gestürzten herauf.«
»Aber meine Flinte? --«
»Nehme ich unterdessen und werde dafür sorgen, daß sie wieder in Ihre Hände kommt.«
»Und mein Vater?«
»Soll durch mich erfahren, daß Sie in Sicherheit sind.« --
»Und --«
»Und _wer_?« -- Fritz antwortete nicht -- »Fort denn,« sagte Wahlert, »Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!«
Er zog den Jäger mit sich aus der Thür, die er hinter sich wieder schloß, brachte ihn vor das Gut hinaus und sah dort noch eine Weile hinter ihm drein, als er nach flüchtigem aber herzlichen Dank in der mehr und mehr einbrechenden Dämmerung auf schmalen dunkeln, ihm aber wohlbekannten Gartenpfaden durch das Dorf hinauf und wahrscheinlich direkt der ihm von Wahlert bezeichneten Stelle zufloh, wo er später einen sicheren Versteck sollte angewiesen bekommen.
Drittes Kapitel.
Fritz Holke's Flucht.
Die Aufregung, die durch den Tod Müller Friedens in all' die umliegenden Ortschaften kam, war entsetzlich. -- Das Gerücht ging, der Horneck'sche Jäger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen hätte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon getragen, that ebenfalls sein Möglichstes, die Wuth gegen den ihm ohnedies verhaßten Jäger noch zu schüren und zu erhöhen, und die Gerichte, von allen Seiten bestürmt, mußten wohl auf den flüchtigen, seit jenem Abend aber verschwundenen Mörder fahnden, wollten sie nicht besorgliche Auftritte heraufbeschwören, die doch am Ende die Ruhe der hochweisen Polizei vielleicht gestört hätten.
Und der Postdirector von Gaulitz?
Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett -- und phantasierte, als er endlich wieder zu sich kam, von entsetzlichen Sachen, die den Umstehenden das Haar zu Berge sträubten. Die Frau von Gaulitz ließ auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem überhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingeräumt worden war, damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgänglich nothwendig in der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des Postdirectors schwebte lange in höchster Gefahr.
Im Anfang hieß es dabei sogar, der Jägerbursche, dessen drohende Stimme Poller unten in seiner Stube gehört haben wollte, hätte den alten Mann, der dem Mörder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert, Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrücklichste als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestürzt sei, ohne daß ihm der Jäger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wäre. Das rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine spätere, allerdings zu späte Untersuchung, darthat, die Hüften ausgerenkt und zwei Rippen gebrochen hatte.
Der Jäger war indessen glücklich in seinen Versteck entkommen, durfte aber gar nicht daran denken, selbst in späterer Zeit nach Horneck zurückzukehren, und mußte sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen, wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath gründen könne. Ohne Abschied von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich er von hier zur Schulwohnung hinüber, das bekannte Zeichen rief sein darüber zum Tod erschrockenes Mädchen, der das entsetzliche Gerücht schon zu Ohren gekommen, vor die Thür hinaus, und dort gelobten sich die beiden armen Kinder noch einmal -- unter dem freien hellbestirnten Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre Bahnen werfen, ihr Leben gestalten möge. Fritz war dabei schon fest entschlossen, was seinen künftigen Plan betraf -- er wollte nach Amerika, dort sich mit Fleiß und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine kleine Farm kaufen zu können, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes Lieschen, nachholen. Dazu schüttelte aber diese gar traurig den Kopf, den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein zurück lassen -- nein, das ging unmöglich an. -- Aber der Vater bekam bald Zulage -- eine Unterstützung vom Ministerium -- und der Pastor hatte ihm ja ebenfalls Hülfe zugesagt -- Das waren Alles _fremde_ Menschen, wie das arme Mädchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zügen sagte, die _versprachen_ Alle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie angewiesen, und hätte sie den Greis in dem Zustande verlassen können, Fritz selbst würde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung, nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.
Dagegen half keine Einsprache -- Fritz nahm Abschied von ihr, mit dem ausdrücklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verließ, jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen künftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune stand und mit ängstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte, eilte dieser, so schnell ihn seine Füße trugen, dem ihm von Wahlert bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends spät der Bachstettener Schullehrer -- der Wahlert zu Liebe noch an dem nämlichen Abende in sein Dorf zurückkehrte -- abholte und mit sich zu Hause nahm.
Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegen Fritz Holke, Jägerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urplötzlich nicht mehr ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten -- Niemand wußte wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer, ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Häuser einmal um eine Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte über das »Gesindel«, bis ihm Wahlert den rückständigen Zins in die Hand drückte und den Zürnenden dadurch zum Schweigen brachte.
Was konnte er jetzt thun, um die Unglücklichen wieder aufzufinden? -- Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle umliegenden Dörfer aus und versprach Gensdarmen und Forstläufern ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten brächten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wüßten, doch Alles ohne Erfolg.
So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewählt hatten, so viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jägerburschen kaltes Dachstübchen, in dem er jetzt, bei plötzlich eintretendem Frost, besonders in der ersten Nacht fast erfroren wäre. Dort konnte er nicht länger bleiben, als ihn aber der gutmüthige Kraft die nächste Nacht herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden, und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die übelsten Folgen nach sich ziehen, mußte so schnell als möglich gedacht werden.
Fritz verließ am nächsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh -- natürlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt davon in Kenntniß gesetzte Hennig zwei Tage, mit größter Gefahr für sich selbst, zu verbergen wußte. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan entworfen, den sie künftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit in den Kriegsrath gezogen und der Beschluß gefaßt, daß Fritz jetzt ohne Weiteres voraus nach Amerika überfahren und dort das Land einige Monate durchziehen solle. Zum Frühjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung ausgewählt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.
Und Lieschen? -- Ach dem armen Kinde standen die großen hellen Thränen in den Augen, daß es nicht mit ziehen konnte in das freie herrliche Land, wo es keine Noth mehr gab und -- keine Nahrungssorgen, wo der Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und Elend verderben mußte. Aber -- es ging nicht -- Vater und Geschwister durfte, konnte sie hier nicht allein zurücklassen und wehmüthig nickte sie nur mit dem Köpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernähren und sie dann alle mit einander nachholen zu können.
Noch in derselben Nacht verließ er, von Wahlert hinlänglich mit Geld unterstützt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck, setzte nach der Rauschenmühle über, nahm dort von seinem Vater, den er auch in späterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen -- auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Paß, und von dort aus erreichte er schnell die französische Grenze und Havre de Grace.
Lieschen schwebte indessen in Todesangst -- jedes fremde Gesicht, das ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und er wird jetzt in Ketten wieder zurück transportirt. -- Keine derartige Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mußte sie jetzt, da der Steckbrief nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein konnte -- hoffen, daß er glücklich entkommen sei -- dennoch war ihr die Ungewißheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und traurig dahin.
Viertes Kapitel.
Pastor und Schulmeister.
Der neunte December brach trübe und düster an; im Nordwesten hatten sich dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdämmerung sah es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen müsse. Auch waren schon mehrere Züge wilder Gänse schnatternd und schwirrend dicht über Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wärmeren Süden zugestrichen -- ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters -- um neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr nach Süden herum, und ein kalter, dünner Regen, der im Anfang wie Staub auf den Kleidern lag, um später desto sicherer einzudringen, fiel geräuschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.
Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich am Pfarrhügel liegenden Teich zu naß geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem schwerfälligen Marsch -- eine hinter der anderen genaue Linie haltend -- unter die Pflaumenbäume, wo sie erst eine ganze Weile die Köpfe schüttelten, als ob sie selbst nicht wüßten, was sie über den dießjährigen Herbst denken sollten, dann sich die Flügel und das bewegliche Schwänzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedächtig still saßen, die Köpfe hinten in den Nacken drückten, und mit halb geschlossenen Augen träumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die Höhe schauten.
Der Gänsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die bloßen Füße in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles Bauermädchen im bloßen Kopf, das ein Gefäß in der Hand trug, und von seiner Mutter wahrscheinlich in den nächsten Kaufmannsladen geschickt war, um Essig, oder sonst eine Flüssigkeit zu holen, schien Gefallen an dem Fußbad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgültig nach ihr sich umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfältig die eine Spitze des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie die Fluth in trüben Perlen auf dem schwarzen Fett hängen blieb -- dabei wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fuß, und dann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum Ergötzen des schadenfrohen Gänsejungen zu tief trat, so daß das Wasser ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann führte.
Hier und da schaute ein mißmuthiges Gesicht aus den Fenstern der benachbarten Bauernhäuser heraus, und der Knecht, der sonst immer pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her, während selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schüttelnd, und nicht rechts noch links schauend, wie verdrießlich in den Deichselketten hingen, daß der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken käme.
Aus den Scheunen tönte das monotone Dreschen herüber, immer trüber und trüber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer in seinem Regenmantel.
Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig, froh endlich einmal der dunstigen Schulatmosphäre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinüber, wo er den Kindern Musik, und Sophien -- o wie er sich die ganze lange Woche hindurch auf die _eine_ selige Stunde freute -- Zeichenstunde gab. Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum großen Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag -- der einzige Erholungstag der ganzen Woche, auf solche Art ganz schändlich und heimtückisch gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren -- Wahlert war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der Zeichenstunde zurück, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten können, so daß er eine volle halbe Stunde -- sehr zum Entsetzen der »jungen Pastors,« die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinüber in die Pfarre ging.
Dort war aber erst gestern Abend der frühere Diaconus Brauer, jetzt Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde wenigstens -- und wie lachten die »junge Pastors« -- die Clavierstunde ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stören, wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie Manches mit einander zu besprechen hätten.