Peter Voß, der Millionendieb

Part 21

Chapter 212,379 wordsPublic domain

„Großartig!“ rief der Anwalt aufs höchste begeistert. „Das ist einfach eine entzückende Geschichte. Es läßt sich gar keine bessere erfinden. Wenn sie wahr wäre, was sie leider nicht ist, dann müßten Sie sofort entlassen werden.“

„Sie ist wahr!“ rief Peter Voß wütend.

„Allright!“ besänftigte ihn der Anwalt. „Nehmen wir an, sie sei wahr. Man wird es uns ohne Beweise nicht glauben. Sie behaupten, die Bücher nachträglich gefälscht zu haben. Sie werden die gefälschten Zahlen heraussuchen.“

„Ich habe sie alle im Kopfe!“ sagte Peter Voß und begann sie dem Anwalt zu diktieren.

„Wir werden diese Eintragungen von einem Schreibsachverständigen prüfen lassen. Sodann muß der Inhaber der Firma aussagen. Ich werde ihn bearbeiten. Er wird einsehen, daß er die Millionen doch nicht wiederbekommt, und er ist Ihnen schließlich zu Dank verpflichtet, natürlich immer von unserer Voraussetzung aus betrachtet, daß diese famose Geschichte wahr ist.“

„Gehen Sie zu ihm!“ sprach Peter Voß. „Es kann nichts schaden, wenn Sie ihm diese Geschichte so erzählen, wie sie sich in Wahrheit zugetragen hat.“

Zwei Stunden später stürzte der Anwalt in Peter Voßens Zelle.

„Jetzt werde ich auf Ihren Freispruch plädieren!“ rief er, noch in der Tür. „Ich habe dem Inhaber der Firma Stockes & Yarker die Geschichte erzählt, diese ganz unglaubliche Geschichte, diese rührend sentimentale Geschichte von dem Kassierer, der sich für die Firma opfert, diese Geschichte, die wert ist, in alle Weltsprachen übersetzt zu werden. Ich habe ihm die Geschichte Ihres fingierten Millionendiebstahls erzählt, und was meinen Sie? Er hat sie mir geglaubt!!! Er hat sie mir abgenommen von A bis Z. Nicht ein einziges Mal hat er den Kopf geschüttelt. Nur sehr überrascht ist er gewesen, daß er einen so treuen Kassierer zwei Jahre lang für nichts und wieder nichts durch die Welt hat hetzen lassen. Er will sogar für Sie aussagen, nur im allergünstigsten Sinne. Jetzt hoffe ich wirklich, Sie frei zu bekommen. Mr. Stockes hat mir bewiesen, daß man Ihre unglaubliche Geschichte glauben kann. Ich werde dafür sorgen, daß sich die Mehrzahl der Richter ihm anschließt.“

„Darum allein ist es mir zu tun!“ sagte Peter Voß und drückte ihm die Hand. „Es sind da aber noch einige andere Paragraphen verletzt worden. Irreführung der Behörden, Benutzung falscher Pässe und dergleichen mehr. Hoffentlich ist das mit einer Geldstrafe abzubüßen.“

„Freigesprochen werden Sie!“ entschied der Anwalt. „Sie kommen vor die Geschworenen. Wenn Mr. Stockes glaubt, werden die Geschworenen auch glauben. Sie entscheiden nach dem Gefühl. Und ein so treuer Kassierer, der sich für die Firma opfert, die ihm zudem einen wahren Hungerlohn zahlt, ein so treuer Beamter, der sich aus reinem Idealismus die größten Strapazen auferlegt, ein solcher Mensch verdient von Rechts wegen einen Orden und eine staatliche Pension.“

Er war schon mitten drin in seinem Plaidoyer.

Und der große Tag kam, an dem Peter Voß vor die Geschworenen trat. Gleich von Anfang an ging die Sache schief. Die Gutachten der Schreibsachverständigen, die zur Vorlesung gebracht wurden, leugneten ganz entschieden, daß die betreffenden Ziffern, die in Summa eine runde Doppelmillion ausmachten, nachträglich in die Bücher hineingefügt worden waren.

Das hat man nun davon, wenn man gar zu gut fälscht! dachte Peter Voß ärgerlich.

Der Prokurist des Hauses Stockes & Yarker schilderte die Entdeckung des Diebstahls. Peter Voßens juristische Aktien sanken von Minute zu Minute. Bobby Dodd ließ überhaupt kein gutes Haar an ihm und schilderte ihn als den Verbrecher der Verbrecher.

Nun kam Jim Stockes an die Reihe, der sich bis dahin außerhalb des Sitzungssaales befunden hatte. Er konnte, obschon er alles zugab, was Peter Voß und sein Anwalt von ihm verlangten, doch nicht mehr die gänzlich verfahrene Karre auf das rechte Gleis ziehen.

Der Staatsanwalt beantragte zwanzig Jahre schweren Kerkers, nachdem er die rührende Geschichte von dem treuen Kassierer in ihre unglaublichen Einzelheiten wie ein Gänseblümchen zerpflückt hatte. Jim Stockes bekam von ihm für seine bewiesene Sanftmut einen Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt, wodurch seine für den Angeklagten günstigen Aussagen erledigt waren.

Der Anwalt blieb bei der Stange und versuchte das Unmögliche. Da er aber selbst nicht an Peter Voßens Unschuld glaubte, wirkte seine Rede nur unfreiwillig humoristisch.

Als sich die Geschworenen zur Beantwortung der Schuldfrage zurückgezogen, wurde Peter Voß zum erstenmal schwül zumute. Er kam bös in die Klemme, wenn Jim Stockes nicht den Mund auftun wollte. Der aber saß auf der Zeugenbank, sah geradeaus und schaute nicht links und nicht rechts. Sein bleiches Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Keine Fiber zuckte darin. Er wartete auf den Spruch der Geschworenen.

Die kamen bald wieder in den Saal und erstatteten Bericht von ihrer geheimnisvollen Tätigkeit, indem sie die Schuldfrage mit allen Stimmen bejahten.

Jetzt stand Jim Stockes langsam auf und machte drei Schritte gegen die Schranke, hob zwei Finger auf und sprach mit lauter Stimme: „Peter Voß ist kein Dieb. Wir haben die Sache damals zusammen verabredet.“

Nach diesem Bekenntnis war es eine ganze Weile mäuschenstill im weiten Sitzungssaale. Nicht ein einziger zweifelte an der Wahrheit der Aussage, nicht einmal der Staatsanwalt, obschon sie gar nicht beschworen worden war.

Nachdem die Richter ihr grenzenloses Erstaunen bemeistert hatten, setzten sie die juristische Strafmaschinerie wieder in Gang.

Nun kam die andere Hälfte der Wahrheit ans Licht. Im Zuhörerraum wurde jede Aussage Peter Voßens mit wachsendem Beifallsgetrampel begrüßt. Das Gefühl für diesen treuesten aller Bankkassierer brach sich Bahn. Die Volksseele entlud sich stürmisch. Auch die Geschworenen zeigten den Enthüllungen gegenüber wachsendes Interesse. Am meisten imponierte ihnen die Sicherheit, mit der Peter Voß das Steigen der Kupferpapiere vorausberechnet hatte. Dagegen wogen alle die kleinen Delikte, die er auf seiner Flucht begangen hatte, federleicht.

Das Rechtsgefühl siegte, der Paragraph unterlag. Peter Voß wurde zu 50 Dollar Geldstrafe verurteilt wegen schlechter Buchführung.

Der erste, der ihm gratulierte, war Bobby Dodd.

Das Publikum im Zuschauerraum klatschte wie bei einer wohlgelungenen Theateraufführung.

Als Peter Voß am Arm Jim Stockes’ aus dem Gerichtsgebäude trat, wurden sie beide von der begeisterten Volksmenge auf die Schultern gehoben und im Triumph durch die Straßen getragen. Die Zeitungen tobten drei Tage lang in spaltenlangen Artikeln über diesen einzigartigen Fall. Bobby Dodds Ruhm stieg in die Puppen. Aber er war daran unschuldig. Peter Voß wurde interviewt und bekam von Barnum & Bailey eine Einladung, seine geniale Flucht vor dem Detektiv für eine Welttournee auf der Zirkusmanege zu inszenieren, was er aber ablehnte.

Und die Firma Voß, Stockes & Yarker in St. Louis mußte ihr Personal verdreifachen, um die Aufträge, die von allen Seiten einliefen, erledigen zu können.

„Voß!“ sagte Stockes zu seinem neuen Kompagnon, als die Tage wieder ein wenig ruhiger geworden waren. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Aber ein zweites Mal riskiere ich das Manöver nicht.“

„Ich auch nicht!“ gestand Peter Voß.

Und dann lagen sie sich in den Armen.

Jim Stockes war wieder der alte Draufgänger, der am liebsten alles auf eine Karte setzte, und besonders jetzt, wo Dick Patton mit spielender Leichtigkeit bezahlt worden war und die Firma an der Spitze aller westunionistischen Bankfirmen marschierte. Er war ein alter Eigensinn, aber Peter Voß war ein junger Eigensinn und gab erst recht nicht nach. Allen Herzenswünschen Jim Stockes’ widersetzte er sich hartnäckig. Der wurde schließlich wütend über die mangelnde Einsicht seines neuen Teilhabers und fuchtelte mit Bleistift und dem Notizblock, der seine Beweisführung trug, höchst despektierlich in der Luft herum.

Da beugte sich Peter Voß, der ihm gegenübersaß, weit über die beiden Schreibtische, nahm Jim Stockes zuerst den Bleistift und dann den Notizblock aus den Fingern und setzte sich wieder.

„Gehen Sie spazieren, Mr. Stockes!“ bat er ihn freundlich. „Aber nicht auf die Börse, sondern lieber auf den Carondeletpark zu. Holen Sie meine Frau ab und gehen Sie mit ihr ins Theater oder sonst wohin. Sie dürfen so liebenswürdig zu ihr sein, wie Sie es als alter Junggeselle können.“

Jim Stockes machte ein Gesicht wie eine verärgerte Dogge.

„Wenn wir so spekulieren, wie Sie wollen,“ fuhr Peter Voß fort, „dann muß ich in spätestens zwei Jahren wieder die Bücher verbessern und eine Weltreise machen. Nur daß dann niemand mehr auf den Schwindel hineinfällt. Ich pensioniere Sie mit halben Gehalt, wenn Sie sich nicht bessern.“

Jim Stockes lächelte über diese Drohung, gab nach und ging. Nach einer Stunde kehrte er ziemlich niedergeschlagen zurück.

„Haben Sie meine Frau nicht getroffen?“ fragte Peter Voß verwundert.

„O doch!“ antwortete Jim Stockes und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Aber sie hatte für heute abend schon eine Einladung. Ich habe sie begleitet, aber es war eine Strapaze. Sie wollte mich verheiraten. Und Sie wissen doch, wie ich über diesen Punkt denke.“

„Stockes!“ sprach Peter Voß, trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie sind ein eingefleischter Junggeselle. Und deshalb brauchen Sie Gesellschaft. Ich werde an meinen Onkel telegraphieren. Der langweilt sich da drüben in Strienau genau so schauderhaft wie Sie hier. Denn das werden Sie wohl gemerkt haben, im Geschäft kann nur einer herrschen. Sie haben genug geschafft, jetzt ruhen Sie sich aus. Sie kommen nur noch morgens eine Stunde her, um mir die nötigen Unterschriften zu liefern. Dann haben Sie den ganzen Tag frei. Bis mein Onkel da ist, können Sie sich die Zeit bei den Elevatoren vertreiben. Oder Sie fahren meinem Onkel bis nach New York entgegen. Er ist ein prächtiger Herr, der gut zu Ihnen passen wird. Auch für Ihren Klub bringe ich ihn in empfehlende Erinnerung. Daß Sie ihn aber unbeschädigt abliefern und ihn nicht gar zu arg unter Whisky setzen. Denn für eine Taufe braucht man zwei Paten.“

Jim Stockes streckte beide Hände aus, um auf diese unerwartete Nachricht hin zu gratulieren.

„Danke!“ lächelte Peter Voß vergnügt. „Es hat schwer genug gehalten. Wir haben beschlossen, es Jim Bobby zu taufen, wenn es ein Junge wird. Was ich übrigens so gut wie sicher glaube. Der Erbe der Firma Voß, Stockes & Yarker ist unterwegs. Und ich bin der Verantwortliche.“

Jim Stockes ging zu den Getreideelevatoren und hernach in den Klub, wo noch immer von nichts anderem gesprochen wurde als von den zwei Millionen, die nicht vorhanden gewesen waren und doch gestohlen werden konnten.

Am nächsten Morgen, als Stockes seine Unterschriften geliefert und sich empfohlen hatte, meldete sich Bobby Dodd bei der Firma Voß, Stockes & Yarker.

„Sie wollen gewiß Mr. Stockes sprechen?“ fragte Peter Voß und bot ihm einen Stuhl an.

Aber Bobby Dodd verneinte und rückte sofort mit seinem Anliegen heraus. Er wollte der Firma sein nicht unbeträchtliches Vermögen zwecks spekulativer Vermehrung anvertrauen. Außerdem gedachte er sich ein kleines Landgut mit Park und Villa zuzulegen, da er seinen Beruf ganz aufgeben wollte.

„Aha!“ lachte Peter Voß und bot ihm eine Zigarre an. „Ich habe Ihnen das Geschäft ein bißchen verleidet. Es ist eben leichter, einen Schuldigen zu greifen, als einen Unschuldigen, der nicht durch ein böses Gewissen beschwert ist.“

„Nein!“ erklärte Bobby Dodd einfach. „Ich möchte nicht wieder in die Lage kommen, einen Unschuldigen verfolgen zu müssen. Und das mit den Zeitungen hat mich auch stutzig gemacht. Ich bin vielleicht gar nicht der geniale Detektiv, für den mich die Leute ausposaunt haben.“

„Mr. Dodd!“ rief Voß begeistert und umarmte ihn. „Ich werde Ihr Vermögen in kurzer Zeit verdoppeln und verdreifachen. Sie sind ein Mensch, den man trotz seiner Schwächen liebhaben muß. Sie wollen sich zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Dazu gehört eine Frau. Gehen Sie zu Mrs. Voß. Sie hat gestern den Versuch gemacht, Jim Stockes unter die Haube zu bringen. Aber es war ein Versuch am untauglichen Objekt. Gehen Sie ruhig zu ihr, wenn Sie auch kein gutes Gewissen haben. Sie hat Ihnen schon längst verziehen. Lassen Sie sich von ihr glücklich machen. Sie versteht das. Sie hat Routine darin. Bei Ihnen kommt natürlich nur das indirekte Verfahren in Betracht. Sie hat sicher was für Sie auf Lager. Sie hat eine ganze Reihe Freundinnen, die alle zum Anbeißen sind.“

„Im Ernst?“ fragte Dodd interessiert.

„Aber gewiß!“ lachte Peter Voß. „Im vollen Ernst. Sie hat ein Heiratsbureau. Jede Frau, die glücklich verheiratet ist, ist eine gewerbsmäßige Heiratsvermittlerin ohne Konzession. Gehen Sie hin und schütten Sie ihr das Herz aus. Es wäre wunderhübsch, wenn Sie eines von diesen patenten Mädels, die immer um sie herum sind, wegfischten. Denn sie fallen mir, offen gestanden, schon ein bißchen auf die Nerven. Ich denke es mir großartig, wenn wir den freundschaftlichen Verkehr, den wir dort drüben in Europa begonnen haben, weiter pflegen würden. Malen Sie sich das Bild aus. Wir sitzen Sonntag nachmittags da draußen irgendwo in Ihrem entzückenden Landhaus bei einer Ananasbowle und tauschen unsere Erinnerungen aus.“

Dodd malte sich das Bild aus und war einige Wochen später auf dem besten Wege, es in die Wirklichkeit zu verwandeln.

Dann kam Landgerichtsrat Pätsch an und ging mit Jim Stockes zu den Elevatoren.

Und so waren sie alle zufriedengestellt.

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