Peter Voß, der Millionendieb

Part 20

Chapter 203,678 wordsPublic domain

„Peter!“ flüsterte sie ängstlich. „Du bist ja ein Dieb!“

„Und ein Einbrecher!“ fügte er hinzu, wies auf die Koffer und holte die dazu gehörigen Schlüssel, die er Dodd abgenommen hatte, aus seiner Tasche. „Es gehört zum Beruf eines Detektivs. Ich bin sogar in die Taschen des Verbrechers eingebrochen. Im übrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, Mrs. Voß, daß Sie mich nun schon zum zweiten Male mit Ihrem Manne verwechselt haben. Beim dritten Male ziehe ich die Konsequenzen.“

Jeden Morgen ging Peter Voß aufs Achterdeck des „King Edward“, der mit dreizehn Knoten Fahrt durch den Stillen Ozean auf Valparaiso zustrebte, schaute durchs Türloch, um sich zu überzeugen, daß sein Häftling noch vorhanden war, und fragte ihn, wo er die zwei Millionen Dollar versteckt hätte.

Bobby Dodd würdigte ihn tagelang überhaupt keiner Antwort.

„He!“ rief Peter Voß dringender. „Du wirst schon mürbe werden, du verdammter Millionendefraudant. Ich setze dich auf halbe Rationen, bis dir der Magen knurrt, und du vor Hunger um Gnade winselst.“

Dann aber schickte er ihm die doppelte Portion und zwei Flaschen Sekt.

Kapitän Flintwell wunderte sich darüber.

„Trinken Sie doch lieber den Sekt allein!“ meinte er beinahe beleidigt.

„Nur, wenn Sie mir Gesellschaft leisten!“ erwiderte Peter Voß und winkte dem Steward. „Ich habe meine eigene Methode. Die Verbrecher werden dadurch zutraulich und geben schließlich ihr Geheimnis preis. Mit der Güte kommt man immer am weitesten. Vielleicht kann man dem Mann eine weitere Erleichterung verschaffen, indem man ihm jeden Tag zwei Stunden zum Spazierengehen freigibt. Es müßte natürlich dafür gesorgt werden, daß er mit den Passagieren nicht in Berührung kommt.“

Das war für den Kapitän eine Kleinigkeit. Zwei Matrosen wurden abkommandiert, die Dodd während seines Spazierganges auf dem Achterdeck zu bewachen hatten. Er fand sich schließlich in die fatale Lage mit einigem Humor. Ob er nun im Hospital auf dem Achterdeck oder in der Kajüte auf dem Promenadendeck die Ueberfahrt machte, konnte ihm gleichgültig sein. Daß Peter Voß mit an Bord war, blieb die Hauptsache. In Valparaiso war die Sache doch zu Ende. Es galt nur die Gefahr abzuwenden, daß der Verbrecher in Valparaiso verschwand, bevor sich Dodd vor den Behörden legitimieren konnte.

„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ wiederholte Peter Voß zum zehnten Male seine Frage.

„Sie sind ein Narr!“ knurrte Dodd ärgerlich und drehte ihm den Rücken zu.

Peter Voß erkannte daraus, daß eine weitere Unterhaltung vorläufig zwecklos sei, und ging zu Polly, die auf dem Promenadendeck in einem langen Stuhle saß.

„Mr. Dodd!“ empfing sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und reichte ihm die zarte Hand, die er an den Mund führte, wobei er ihr zärtlich in den kleinen Finger biß. „Was macht der Gefangene?“

„Er scheint Sehnsucht nach Ihnen zu haben!“ versetzte Peter Voß. „Wollen Sie ihn nicht trösten gehen?“

„Nein!“ erwiderte sie sehr abweisend. „Ich will ihn nicht wiedersehen, er hat meine Liebe für immer verscherzt. Ich sehe es nun ein, einen Millionendieb liebt man nicht.“

Die Passagiere, die Dodds Spaziergänge beobachteten und deren Neugier befriedigt werden mußte, begnügten sich mit der Erklärung, daß der Mann verrückt geworden sei. Sie bedauerten seine arme Frau und fanden es verständlich, daß sie sich von Peter Voß, aus dem sie geschwind einen Irrenarzt machten, etwas trösten ließ. Kapitän Flintwell, der sie am liebsten selbst getröstet hätte, fand Peter Voßens Verhalten etwas merkwürdig.

„Sie sind ziemlich vertraut mit Mrs. Voß!“ meinte er anzüglich.

„Was bleibt mir anderes übrig?“ lächelte Peter Voß. „Auch bei ihr versuche ich es in Güte. Sie ist, wie Sie ja wissen, seine Komplicin, sie weiß ganz sicher den Versteck des Geldes, aber sie ist noch zäher als er.“

„Hm!“ machte der Kapitän nachdenklich. „Aber warum hat sie ihn denn verraten?“

„Sie kennen eben die Weiber nicht, Herr Kapitän!“ belehrte ihn Peter Voß wohlwollend. „Das ist ein besonderes Kapitel in der Weltgeschichte. Sie hat ihn verraten, weil sie ihn los sein will. Sie will die zwei Millionen ohne ihn verzehren. Sie wird sich jedenfalls siebenunddreißig Liebhaber anschaffen, sobald ihr Mann im Zuchthaus sitzt. Und dann hat sie doch gleich einen ganz famosen Scheidungsgrund.“

Dem Kapitän traten ob solch tiefer Verworfenheit die Haare kreuzweis zu Berge. Sie begaben sich erst bei der vierten Flasche Sekt in ihre Gewohnheitslage zurück.

Dodd aber zerbrach sich den Kopf. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, den Kapitän auf seine Seite zu ziehen. Er machte sich den Steward, der ihm das Essen brachte, geneigt, indem er ihm seine goldene Uhrkette schenkte. Dafür sollte er ihm eine Unterredung mit dem Kapitän ermöglichen. Der Steward richtete auch treulich seinen Auftrag aus, ohne aber von der Uhrkette etwas zu verraten.

Kapitän Flintwell fragte Peter Voß nach seiner Meinung.

„Immer gehen Sie zu ihm!“ erwiderte der zuvorkommend. „Vielleicht gesteht er Ihnen, wo er die Millionen versteckt hat. Vergessen Sie nicht, daß zweitausend Dollar zu verdienen sind.“

Der Kapitän begab sich zu Bobby Dodd, der erst gar nicht den Versuch machte, den Kapitän von seinem Irrtum zu überzeugen. Er fing es von der andern Seite an.

„Sie halten mich für Peter Voß!“ begann er ruhig. „Es wird sich in Valparaiso herausstellen, daß ich Bobby Dodd bin. Sie werden dort eine sehr lächerliche Figur machen, daß Sie sich von einem solchen Schurken haben hinters Licht führen lassen. Das kann Ihnen aber nicht gleichgültig sein. Deshalb schlage ich Ihnen vor, setzen Sie diesen Mann hier neben mich gefangen und übergeben Sie uns beide der Polizei. Wenn er wirklich Bobby Dodd ist, dann wird er kaum gegen diesen Vorschlag etwas einwenden dürfen.“

„Oho!“ rief der Kapitän entrüstet. „Meinen Sie vielleicht, es ist angenehm, in diesem Loch zu sitzen?“

„Es genügt, wenn er sich kurz vor unserer Ankunft hineinbegibt!“ schlug Dodd vor. „Sie besitzen auf dem Schiffe die Polizeigewalt. Man kann Ihnen keinen Vorwurf machen, wenn Sie Vorsicht üben. Mein Vorschlag ist durchaus loyal. Das werden Sie ohne weiteres zugeben.“

„Verrückt ist er!“ lachte der Kapitän los. „So dumm bin ich nicht. Ich soll den Detektiv einsperren, damit Sie hinterher auskneifen können. Nein, mein bester Herr, darauf falle ich nicht hinein. Ihre Frau hat Ihre Identität bezeugt. Punktum!“

„Es ist seine Frau!“ brauste Bobby Dodd auf.

„Ihre Frau ist seine Frau, und seine Frau ist Ihre Frau!“ lachte der Kapitän belustigt. „Sie haben also zusammen eine Frau. Das soll vorkommen. Sie können sich in Valparaiso darüber weiter unterhalten, wem sie von Rechts wegen gehört. Ihre Frau hat Sie im Stich gelassen. Well, sie will die Millionen allein durchbringen. Ich sollte die Weiber nicht kennen!“

Damit ließ er ihn sitzen.

Bobby Dodd wühlte sich in den Haaren. Kein Zweifel, Peter Voß hatte alle Stichkarten in der Hand. Auch an Land war ihm so leicht nicht beizukommen. Ehe Dodds Signalement von St. Louis nach Valparaiso telegraphiert werden konnte, mußte Bobby Dodd erst einmal dorthin telegraphieren können. Das aber konnte verdammt lange dauern. Bis dahin war der Verbrecher längst über die Anden.

Es galt zu handeln. Und Dodd handelte. Den Steward machte er sich ganz geneigt, indem er ihm zu der goldenen Kette die dazugehörige Uhr schenkte. Stockes mußte es bezahlen. Dafür schmuggelte ihm der Mann eine Feile in die Zelle.

Denn Dodd wollte ausbrechen, ausbrechen wie ein richtiger Millionendefraudant, der sich wider Willen in den Händen der menschlichen Gerechtigkeit sieht. Er wollte vor Valparaiso, noch ehe das Schiff zu Anker ging, aus der Zelle schlüpfen, sich irgendwo gut verstecken und erst an Land gehen, wenn Peter Voß nicht mehr an Bord war. An Land zu schwimmen wagte er nicht, denn mit seinen Schwimmkünsten war es nicht weit her.

Der amerikanische Konsul mußte ihm helfen.

Drei Nächte blieben ihm noch für die Arbeit, und er feilte noch ärger drauf los als in Dui. Peter Voß, der die Augen offen hielt, verfolgte gespannt den Fortgang der Arbeit und unterließ jede Störung. Im Gegenteil, er freute sich millionendiebisch darüber. Er hatte Dodds Gedankengang sofort erraten und wachte.

In der letzten Nacht war die Arbeit vollendet. Als der „King Edward“ in der Morgendämmerung auf die Reede von Valparaiso einschwenkte und eine halbe Seemeile von der Küste den Anker warf, bog Dodd das Fenstergitter nach außen und streckte den Kopf durch das Loch. Hinter dem Hospital waren noch ein halber Meter Decksplanken. Dann kam das Bordgeländer. Der Steward hatte ihm ein sicheres Plätzchen im Magazin reserviert.

Es mußte gewagt werden.

„Guten Morgen, Mr. Voß!“ begrüßte ihn Peter Voß mit dem Revolver in der Hand. „Sie haben mich verdammt lange warten lassen. Konzentrieren Sie sich bitte rückwärts, sonst knall ich los. Das könnte Ihnen so passen! Ueber Bord springen, an Land schwimmen, so wie damals vor Southampton! Und ich kann mir wieder einmal die Hacken ablaufen, bis ich Ihre werte Spur wiedergefunden habe.“

„Sie werden nicht schießen!“ schnaubte Dodd, ohne sich zurückzuziehen. „Sie werden nicht neben Ihrer Defraudation noch einen Mord auf Ihre Seele laden!“

„Sie haben recht, Mr. Voß!“ bekannte Peter Voß und steckte den Revolver weg. „Ich bin ein Gemütsmensch. Ich tauge aus diesem Grunde eigentlich nicht zum Detektiv. Ich werde nicht schießen. Und Sie werden nicht über Bord springen. Das Baden im Hafen von Valparaiso ist polizeilich verboten, schon wegen der zahlreichen Haifische.“

Und schon tauchten zwei Matrosen auf. Die chilenische Hafenpolizei kam an Bord. Dodd wurde gefesselt. Das zerfeilte Fenstergitter bewies hinlänglich seine Schuld. Er sträubte sich nicht und beschränkte sich darauf, gegen diese Behandlung zu protestieren. Zwei Wachtleute packten ihn links und rechts.

„Zweitausend Dollar Belohnung sind ausgesetzt!“ sprach Peter Voß zu dem Hafenkommissar. „Ich werde dafür sorgen, daß sie Ihnen ausgehändigt werden. Geben Sie mir Ihre Adresse. Nur lassen Sie den Mann nicht entwischen.“

Dann öffnete er ihm die Augen über die Eigenarten und die außerordentliche Gefährlichkeit des Verbrechers. Peter Voß begleitete den Transport bis zum Gefängnis. Bobby Dodd verlangte fortgesetzt, zum amerikanischen Konsul geführt zu werden.

„Meine Verhaftung ist ein Justizirrtum!“ rief er an der Tür des Gefängnisses. „Ich bin Bobby Dodd, der Detektiv!“

„Jede Verhaftung ist in den Augen des Verhafteten ein Justizirrtum!“ beruhigte ihn Peter Voß sarkastisch und klopfte ihm höhnisch auf die Schulter. „Bemühen Sie sich nicht weiter, Mr. Voß, und erholen Sie sich in diesem behördlichen Hotel von den Strapazen der Seereise. Die Sache bei dem nordamerikanischen Konsul vermag ich auch ohne Ihre Hilfe zu ordnen.“

Das war zu viel für einen Mann wie Bobby Dodd. Er riß sich los, stürzte sich auf Peter Voß und würgte ihn.

„Du Hund!“ brüllte er außer sich. „Ich will dich zeichnen, daß dich jeder auf den ersten Blick wiedererkennt.“

Dabei griff er nach Peter Voßens linker Ohrmuschel in der festen Absicht, sie ihm abzureißen. Aber es glückte ihm nur zum Teil. Immerhin gab es einen sehr bösen Riß, und das Blut lief in Strömen. Bobby Dodd wurde von den beiden Polizisten energisch zurückgerissen und mußte auf weitere Tätlichkeiten verzichten. Man schaffte ihn in die sicherste Zelle des Gefängnisses, schloß ihn seiner Gefährlichkeit halber an die Wand und ließ ihn allein.

Peter Voß gab dem Gefängniswärter ein Goldstück.

„Pflegen Sie ihn gut!“ bat er den Mann. „Er ist nicht ganz normal. Er wird wohl eher im Irrenhause als im Zuchthause endigen.“

„Sie bluten, mein Herr!“ rief der Wärter und deutete auf das lädierte Ohr.

„Ich weiß!“ versetzte Peter Voß und wischte das Blut mit dem Taschentuch fort. „Mein Beruf ist ein wenig gefahrvoll. Man muß sich damit abfinden und es nicht zu ernst nehmen.“

Er ging zum Arzt und ließ sich verbinden. Dann konferierte er mit dem amerikanischen Konsul. Der wies ihn wegen der Auslieferungsverhandlungen an die Botschaft in Santiago und versprach, den Gefangenen unter Beobachtung zu halten.

„Daß Sie ihn besuchen, ist nicht nötig!“ beruhigte ihn Peter Voß. „Ich sorge schon für ihn.“

Peter Voß aber fuhr nicht nach Santiago. Er hatte gar keine Sehnsucht, die persönliche Bekanntschaft des Botschafters zu machen. Er fragte bei der Kosmosagentur, ob die sechstausend Mark für Franz Müller eingelaufen seien, und ließ sie zurückgehen. Dann begab er sich an Bord des „King Edward“, schenkte Kapitän Flintwell zum Andenken und zum Dank für seine Hilfe bei der Dingfestmachung des Verbrechers Dodds silberne Zigarettendose und ging mit Dodds Koffern von Bord. Polly war schon allein an Land gegangen und wartete auf ihn bei der Post.

Darauf zog er sich mit Polly in ein stilles Café zurück, um zu beraten, was weiter zu tun sei. Es kam alles auf die Kupferpapiere an. Peter Voß langte die Prensa vom Nagel und durchsuchte den Kurszettel.

„Hurra!“ rief er plötzlich und schwenkte das Riesenblatt wie eine Fahne. „Kupferhausse! Wahnsinnige Kupferhausse! Nach Hause! Schnell nach Hause!“

Als er mit Polly acht Wochen später über Buenos Aires und New Orleans auf der Union-Station in St. Louis eintraf, rannte er im Gewühl mit einem Mann zusammen, der eben mit einem Zuge aus San Francisco angekommen war. Es war Bobby Dodd, der sich inzwischen in Valparaiso auf legalem Wege die Freiheit zu verschaffen gewußt hatte und nun nach St. Louis zurückgekehrt war, um der Firma Stockes & Yarker den unausführbaren Auftrag zurückzugeben.

Er stutzte einen Augenblick, packte zu und brüllte: „Peter Voß!“

Drei Polizisten kamen ihm zu Hilfe, aber sie hätten es gar nicht nötig gehabt.

„Endlich!“ lachte Peter Voß, ohne sich im geringsten zu sträuben. „Das hat lange genug gedauert, Mr. Dodd.“

So fing er doch noch den Millionendieb.

Die Firma Stockes & Yarker aber war gerettet.

20.

Peter Voß stand im Justizpalast von St. Louis vor dem Richter, der die Voruntersuchung führte.

„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ fragte ihn der mit streng gefurchter Stirn.

„Um die Millionen verstecken zu können,“ erwiderte Peter Voß ebenso ernsthaft, „müßte ich sie doch erst einmal gehabt haben. Diese Annahme Ihrerseits ist aber ein Irrtum. Ich erkläre hiermit zum dreihundertfünfundsechzigsten Male, daß ich die Millionen überhaupt nicht gestohlen habe. Ich sitze ganz unschuldigerweise in Untersuchungshaft und müßte längst auf freien Fuß gesetzt worden sein.“

„Damit Sie sich die Millionen holen!“ sprach der Richter. „Wir kennen diesen neuen Trick der Millionendiebe. Sie stehlen, verstecken, reißen aus, stellen sich dann freiwillig, um ein möglichst mildes Urteil herauszuschlagen, behaupten, sie hätten das Geld verloren oder es sei ihnen von dritter Seite wieder gestohlen worden, sitzen ihre Strafe ab und leben dann als Millionäre vergnügt bis an ihren Tod. Wir kennen, wie gesagt, diese schöne Praxis und haben die feste Absicht, sie nicht um sich greifen zu lassen. Sie werden es sich noch sehr überlegen, ob Sie die Millionen mit zwanzig Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit bezahlen wollen. Es wird sogar ein Antrag auf lebenslängliche schwere Kerkerhaft gestellt werden, mit der Einschränkung, daß die Strafe auf fünf Jahre leichte Haft zu ermäßigen ist, sobald sich durch die Hilfe des Verurteilten die gestohlenen Millionen wiederfinden lassen.“

„Ich beglückwünsche Sie zu dieser Erfindung!“ rief Peter Voß begeistert. „Sie werden sich den Dank aller nordamerikanischen Bankhäuser verdienen. Aber bei mir die Wirkung dieser Methode zu erproben, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar widersinnig. Denn ich habe die Millionen nicht nur nicht versteckt, sondern sie überhaupt gar nicht gestohlen. Ich bin kein Millionendieb.“

„Dies ist eine Behauptung, der leider der Beweis fehlt!“ versetzte der Richter achselzuckend. „Oder sind Sie imstande, diesen Beweis zu erbringen?“

„Imstande wohl!“ antwortete Peter Voß. „Ich habe einen Zeugen.“

„Einen Komplicen!“ verbesserte ihn der Richter. „Sie haben also den Diebstahl nicht allein ausgeführt.“

„Nein, einen richtiggehenden Zeugen!“ rief Peter Voß. „Einen so guten, so vortrefflichen Zeugen, wie er noch keinem des Millionendiebstahls Beschuldigten zu seiner völligsten Entlastung zur Verfügung gestanden hat. Dieser Mann braucht nur den Mund aufzutun und zu sagen: Peter Voß ist kein Millionendieb! Und kein Mensch, der es hört, wird an der Wahrheit dieser Aussage zweifeln. Auch Sie nicht, Herr Richter. Sie werden es dem Mann sogar glauben, ohne daß er seine Aussage durch einen Eid bekräftigt.“

„Nun gut!“ schmunzelte der Richter. „Nennen Sie den Zeugen. Nach Ihrer Behauptung zu urteilen, muß ich ihn nicht nur kennen, sondern auch von seiner absoluten Glaubwürdigkeit überzeugt sein. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß ich an eine absolute Zeugenglaubwürdigkeit nicht glaube. Aber trotzdem, nennen Sie den Namen. Es gibt Umstände, die eine partielle absolute Glaubwürdigkeit möglich erscheinen lassen. Wenn zum Beispiel der Entlastungszeuge sich durch seine Aussage eines mit dem Millionendiebstahl in direkter Verbindung stehenden Mordes bezichtigen würde. Der Fall aber wird nach menschlichem Ermessen niemals eintreten. Also auch bei Ihrem Delikt nicht, wobei übrigens nach meinem Wissen niemand ermordet worden ist.“

„Nach meinem auch nicht!“ bestätigte Peter Voß diese freundliche Annahme.

„Also nennen Sie Ihren Komplicen!“ forderte ihn der Richter zum dritten Male auf.

„Das verbietet mir leider meine Noblesse!“ erwiderte Peter Voß und warf sich in die Brust. „Ich bin diesem Zeugen zu großem Danke verpflichtet, und ich werde ihn niemals in eine unangenehme Situation bringen.“

„Aber das ist ja heller Wahnsinn!“ fuhr ihn der Richter an. „Nur um einen Menschen nicht in eine unangenehme Situation zu bringen, lassen Sie sich zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilen.“

„Lebenslänglich!“ betonte Peter Voß. „Darauf kommt es an. Der Mann hat mir nämlich einmal das Leben gerettet. Und ich leide an einem vorzüglichen Gedächtnis. Außerdem gibt es noch eine Revisionsinstanz. Ich hoffe jedoch zuversichtlich, schon im ersten Justizgange freigesprochen zu werden.“

„Woraufhin?“ fragte der Richter verblüfft.

„Auf die Eröffnungen, die ich noch zu machen habe!“ sagte Peter Voß. „Ich behalte sie mir für die Verhandlung vor. Aus rein taktischen Gründen.“

„Sie wollen sich also jetzt auf die Aussage beschränken, daß Sie die Millionen nicht gestohlen haben?“ fragte der Richter kopfschüttelnd.

„Jawohl!“ antwortete Peter Voß kopfnickend. „Das genügt vorerst. Ich überlasse es der Justiz, den Beweis zu erbringen, daß ich die Millionen gestohlen habe. Im übrigen pflege ich mein Pulver niemals vor der Zeit zu verschießen. Sorgen Sie nur dafür, daß der Termin recht bald angesetzt wird.“

Darauf verabschiedete er sich mit einer korrekt-liebenswürdigen Verbeugung.

In der Zelle erhielt er den Besuch des Anwalts. Das war ein selbst für amerikanische Verhältnisse äußerst gerissener Junge.

„Selbstverständlich!“ sagte er zu Peter Voß. „Sie haben die Millionen versteckt und wollen Sie späterhin nutznießen. Das ist Ihnen nur zu gönnen. Bitte unterschreiben Sie Vollmacht und Garantieschein. Mit dem Honorar gedulde ich mich, bis Sie wieder aus dem Zuchthaus heraus sind. Es liegt Ihnen natürlich daran, nur auf möglichst kurze Zeit hineinzukommen.“

„Freigesprochen will ich werden!“ gestand Peter Voß ehrlich. „Und zwar mit Glanz, Pauken und Trompeten.“

„Lieber Freund!“ schmunzelte der Anwalt und klopfte ihm auf die Schulter. „Sie schrauben Ihre Ansprüche zu hoch. Sagen wir drei Jahre Zuchthaus. Das kann ein so kerngesunder Mensch wie Sie mit Leichtigkeit durchhalten. Für zwei Millionen Dollar ist das ein Spaß. Ich würde sie auch absitzen, wenn man mir zwei Millionen Dollar dafür gibt.“

„Aber ich nicht!“ rief Peter Voß entrüstet. „Und zwar einfach aus dem Grunde nicht, weil ich die Millionen gar nicht gestohlen habe.“

„Hm!“ lächelte der Anwalt verständnisinnig. „Sie haben das schon dem Untersuchungsrichter gegenüber behauptet. Ich habe die Akten soeben eingesehen.“

„Wer hat Sie mit meiner Verteidigung beauftragt?“ forschte Peter Voß.

„Wer sonst als Ihre Frau!“ rief der Anwalt. „Ein entzückendes Frauchen. Sie muß Sie sehr lieb haben, denn sie ist felsenfest von Ihrer Unschuld überzeugt. Nun, ich habe ihr den schönen Traum nicht zerstört. Sie wird Ihnen treu bleiben, auch wenn Sie lebenslänglich ins Zuchthaus müßten. Sie würde dieses Urteil stets für einen Justizirrtum halten.“

„Ich auch!“ rief Peter Voß.

„Gut, gut!“ lachte der Anwalt. „Mir brauchen Sie nichts vorzumachen. Ich soll also auf Ihren Freispruch plädieren. Wird gemacht! Aber woraufhin? Etwa auf Ihre famose Behauptung, daß Sie die Millionen nicht gestohlen haben? Mir müssen Sie schon reinen Wein einschenken. Also im Vertrauen gesagt, wo haben Sie die Millionen versteckt?“

„Das ist doch rein um mit Keulen drein zu schlagen!“ schrie Peter Voß in komischer Verzweiflung und reckte die geballten Fäuste gegen die Wand.

„Dazu ist nicht der geringste Grund vorhanden, mein Lieber!“ beruhigte ihn der Anwalt. „Sie werden von mir unmöglich verlangen können, daß ich mich lächerlich mache. Sobald ich jedoch auf Ihren Freispruch plädiere, mache ich mich unsterblich lächerlich. Sie haben die Millionen gestohlen. Ich komme soeben von der Lektüre Ihrer Akten. Es ist ein schönes Bündel. Es liegen die von Ihnen geführten Geschäftsbücher der Firma Stockes & Yarker dabei. Sie sind musterhaft geführt. Das wird Ihnen sogar der Staatsanwalt bestätigen. Auch die Berichte Bobby Dodds liegen dabei. Sie lesen sich wie ein spannender Roman, wenn nur der Stil nicht gar zu trocken wäre. Und aus all den Beilagen geht mit unverrückbarer Gewißheit hervor, daß Sie und kein anderer die Millionen gestohlen haben. Auf welche Ausrede hin soll ich Ihren Freispruch erzielen können? Wie wollen Sie diese Beweise entkräftigen?“

„Sehr einfach!“ versetzte Peter Voß, der inzwischen eingesehen hatte, daß er von seinem aufs beste getrockneten Pulver diesem Anwalt gegenüber ein wenig losbrennen mußte. „Ich habe den Diebstahl nur fingiert.“

Der Anwalt lächelte ungläubig.

„Ich bin Kassierer bei der Firma Stockes & Yarker gewesen,“ erklärte Peter Voß; „der Chef dieser Firma, übrigens ein braver Mann, hat in der Zeit meines Kassiererseins zwei Millionen Dollar verspekuliert. Nicht auf einmal, sondern im Laufe einiger Jahre. Ich war der einzige, der über den Vermögensstand der Firma genau orientiert war. Der Inhaber der Firma hat sich immer auf mich verlassen. Die Firma ging dem sichern Ruin entgegen. Ich hatte eine gute, vortrefflich bezahlte Stellung, die ich unbedingt verloren hätte, wenn die Firma aufgeflogen wäre. Ich begann deshalb die Bücher zu fälschen, allerdings erst im letzten Quartal, da uns das Wasser bereits an der Kehle stand. Ich hoffte immer noch auf einen guten Coup. Aber der Chef war ein ausgemachter Pechvogel.“

Das ungläubige Lächeln des Anwalts verstärkte sich.

„Zuletzt ging es nicht mehr weiter. Wo das Bargeld fehlt, helfen die bestgefälschten Bilanzen nicht. Da habe ich, um die Firma über Wasser zu halten, zwei Millionen Dollar aus dem Geldschrank gestohlen, die gar nicht darin vorhanden waren. Ich habe die Firma vor dem Zusammenbruch gerettet, denn die gestohlene Summe wurde ihr von dem Gläubiger gestundet.“

Der Anwalt lachte nun schallend auf.

„Ich habe mich fast zwei Jahre lang als Millionendieb verfolgen lassen, bis sich die Firma wieder erholt hatte. Das ersah ich aus dem Kurszettel. Wir hatten uns nämlich an Kupferpapieren überkauft, die damals total auf den Hund waren. Und nun stehen sie zweimal so hoch wie beim Einkauf. Die Firma Stockes & Yarker steht glänzend da. Sie wird die zwei Millionen, die ihr damals gestundet worden sind, gewiß längst zurückbezahlt haben. Und deshalb habe ich mich von dem Detektiv fangen lassen.“