Peter Voß, der Millionendieb

Part 18

Chapter 183,736 wordsPublic domain

Es lagen viele Schiffe im Hafen, Schiffe der verschiedensten Nationen, auch etliche deutsche, von denen aber leider keins nach Jokohama ging. Aber ein Engländer, die „City of Bristol“, war da, der dorthin wollte.

Das wär schon was! dachte Peter Voß und machte sich bereit, an Bord zu gehen.

Aber da kam eben ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd das Fahrwasser herauf und legte sich neben die „City of Bristol“.

Der ist besser! dachte Peter Voß. Schade, daß ich da nicht auch einen Michel Mohr an Bord habe!

Mit einer Kohlenschute wagte er sich hinüber und kletterte an Deck, wo er von dem wachthabenden Offizier, der ihn für einen Mann der Schiffsbesatzung hielt, fürchterlich angeschnauzt und höchst überflüssigerweise gefragt wurde, wie er sich unterstehen könne, mit seinen schmierigen Pfoten auf dem weißgescheuerten Deck herumzutrampeln.

Oben bin, oben bleib ich! dachte Peter Voß, verdrehte auf der Stelle die Augen und fiel so natürlich auf die sauberen Planken, daß der Offizier sofort dem Bootsmann flötete, um den ohnmächtigen Feuermann augenblicklich ins Lazarett bringen zu lassen. Auch als er im Bett lag, rührte Peter Voß keinen Finger. Der Schiffsarzt bemühte sich vergeblich, ihn ins Bewußtsein zurückzurufen. Er stach ihm sogar mit einer Nadel in die Herzgrube und unter die Fingernägel. Es tat einfach scheußlich weh. Aber Peter Voß hielt dieser medizinischen Tortur stand wie ein Held.

Aber mit der Wimper hatte er doch gezuckt. Deshalb glaubte der Arzt, auf die Siegellackprobe verzichten zu dürfen. Er stellte Ohnmacht fest, verordnete Ruhe, gab dem Lazarettgehilfen die nötigen Weisungen und ging auf die Brücke, um den Vorfall dem Kapitän zu melden. Aber der hatte den Kopf voll, denn der Dampfer sollte in wenigen Stunden wieder in See gehen, daß er sich durch einen ohnmächtigen Heizer nicht von der Weinflasche weglocken ließ, hinter der er mit dem Agenten saß.

„Lassen Sie den Mann ruhig liegen!“ befahl er kurz. „Er wird schon wieder zu sich kommen.“

Also schlief Peter Voß zum ersten Male wieder seit langer Zeit in einem ordentlichen sauberen deutschen Bett. Um Mitternacht erwachte er, stellte fest, daß sich der Dampfer bereits auf hoher See befand, legte sich beruhigt von Steuerbord nach Backbord und schlief weiter.

Am nächsten Morgen bei der Ronde erschien der Kapitän an seinem Bett. Peter Voß gähnte und rieb sich die Augen. Er schaute den Kapitän verwundert an.

„Wo bin ich denn?“ fragte er ganz verblüfft. „Ich glaube, ich bin gestern in meiner Besoffenheit auf ein falsches Schiff geraten.“

„Der Kerl gehört ja gar nicht zu unserer Besatzung!“ rief der erste Maschinist empört.

Peter Voß kam hoch und machte ein ganz unbeschreiblich dummes Gesicht, als wäre er soeben erst vom Himmel heruntergefallen.

„Auf welchem Dampfer bist du gewesen?“ schrie ihn der Kapitän an und schüttelte ihn kräftig.

„Auf der ‚City of Bristol‘!“ log Peter Voß bestürzt. „Meine Effekten, meine Heuer! Ich muß nach Jokohama, sonst verlier ich sie. Lieber, bester Herr Kapitän, nehmen Sie mich mit, setzen Sie mich nicht unterwegs ab. Ich bin gänzlich mittellos. Ich will gern arbeiten. Ich verlange nichts umsonst. Helfen Sie einem Landsmann.“

Und schon liefen ihm ein paar dicke Krokodilstränen über die schmutzigen Wangen.

„Also besoffen warst du, du Schwein!“ schnauzte der Kapitän, schon weniger wütend. „Marsch, in den Heizraum mit dir!“

Der erste Maschinist übergab ihn dem zweiten Maschinisten, der Peter Voß vor das mittelste Kesselfeuer stellte, wo es am heißesten war.

He! dachte er, nahm den Twistlappen in die Hand und fuhr mit dem Schürhaken in die höllische Glut. Mich kannst du nicht meinen! Ich fürcht mich noch lange nicht!

Sie liefen noch etliche Zwischenhäfen an. Als er nach dem Namen gefragt wurde, gab er an, Franz Lehmann zu heißen. Es gefiel ihm sehr gut zwischen seinen neuen Kollegen. Das Trimmen besorgten chinesische Kulis. Er fühlte sich als doppelter Millionendieb zwischen den Feuertüren dieses Ozeandampfers vollständig sicher.

Der zweite Maschinist bezeigte ihm des öftern seine vollste Zufriedenheit und schenkte ihm sogar einen alten, abgelegten Anzug.

„Es ist hier viel schöner als auf der ‚City of Bristol‘!“ sagte er eines Tages zu ihm. „Ich hätte schon Lust, hier an Bord zu bleiben.“

„Wir wollen mal sehen, was sich machen läßt!“ meinte der Maschinist gutmütig und ging, die Manometer und die Wasserstandsgläser zu kontrollieren.

18.

Als Peter Voß in Jokohama ankam, pumpte er seine Kollegen im Heizraum um ein paar Jen an und ging in dem abgelegten Anzug des zweiten Maschinisten auf die Suche nach der „City of Bristol“ in der festen Hoffnung, daß sie noch nicht angekommen oder schon wieder abgefahren sei. Das letztere wäre ihm natürlich viel lieber gewesen.

Aber sie war leider da. Sie hatte sogar, um nur recht aufzufallen, über die Toppen geflaggt.

Schade! dachte er, warf dem Lloyddampfer einen Abschiedsblick zu und ging in eine Hafenschenke, um sich in aller Ruhe zu überlegen, wie er sich weiter durch die Welt schlagen könnte, ohne Dodd in die Hände zu laufen. Zunächst mußte er sich über den Kursstand der amerikanischen Kupferpapiere orientieren. Zu dem Zweck blätterte er in der englischen Tokio-Times, suchte aber darin vergeblich die Kupferkurse, für die sich die japanische Oeffentlichkeit offenbar nicht mehr interessierte, weil sie gar zu tief standen. Dagegen fand er etwas anderes, was für ihn noch interessanter war, nämlich seinen Steckbrief. Die genaue Beschreibung seiner Physiognomie und seiner früheren Kleidung ließ nichts zu wünschen übrig. Als Unterschrift trug der Steckbrief: Bobby Dodd, Tokio, Tokio-Hotel.

Hm! dachte Peter Voß, der sich in dem abgelegten Maschinistenanzug, dem die Uniformknöpfe fehlten, durchaus sicher fühlte. Ich muß doch mal sehen, ob Polly noch bei ihm ist!

Mit der Eisenbahn fuhr er die kurze Strecke nach Tokio hinauf und hatte bald das Hotel gefunden. Von dem gegenüberliegenden Teehause aus hielt er das Portal des Hotels unter scharfer Beobachtung. Als Deckung diente ihm eine große amerikanische Zeitung, in deren Kurszettel er sich vertiefte. Da aber diese Nummer schon vor drei Wochen gedruckt worden war, konnte sie ihm über die Kupferpapiere, die tatsächlich in den letzten Tagen leise angezogen hatten, noch nichts Erfreuliches mitteilen.

Da sauste eine Jinrikscha, eine von einem Kurumaya, dem Wagenmann, gezogene zweirädrige Karre, die in Tokio die Stelle der Droschke vertritt, die Straße herauf und hielt vor dem Hotel. Ein Mann stieg aus, der Peter Voß sehr bekannt vorkam.

Es war kein anderer als Bobby Dodd, sein Verfolger. Er schien sehr große Eile zu haben, denn er vergaß sogar, dem lahmen Bettler, der neben dem Hotelportal hockte, ein Almosen zu geben, obschon ihm dieser arme Mann sein löffelförmiges Sammelbrett dicht unter die Nase hielt. Mit langen Schritten schoß Dodd ins Hotel.

Peter Voß war nicht überrascht und handhabte die schützende Zeitung mit gesteigerter Vorsicht. Gleich darauf sah er Polly, wie sie ein Fenster im zweiten Stock aufstieß und neugierig auf das bunte Straßengewühl herunterschaute. Peter Voßens Herz tat einen Freudensprung. Zum Anbeißen schön war sie. Sie lächelte sogar und schien gänzlich unbekümmert zu sein, als sei ihr Mann soeben Mitinhaber der Firma Stockes & Yarker geworden.

Tausend Möglichkeiten schossen durch sein Hirn, wie er sich ihr gefahrlos nähern könnte, aber alle verwarf er, getreulich seinem Grundsatz, lieber tausend Prozent Vorsicht zu viel als ein Prozent zu wenig aufzuwenden.

Neben dem Hotel standen einige Jinrikschamänner mit ihren leichten Gefährten. Wenn er mit einem die Rollen tauschte, dann würde er, wenn Polly erschien, sich herandrängen, um mit ihr im rasenden Tempo davonzufahren, bis die Gegend einsam genug war, daß er ihr um den Hals fallen konnte. Da aber in diesem Moment ein mindestens drei Zentner schwerer holländischer Pflanzer aus dem Hotel trat und schnaufend auf eines der Wägelchen kroch, sah Peter Voß auch von diesem Plane ab. Es war ihm überdies schon was Besseres eingefallen. Der alte, lahme, kahlköpfige Bettler schien ihm für einen Rollentausch geeigneter zu sein. Fast jeder Hotelgast, der aus dem Portal trat, legte dem Unglücklichen etwas auf das breite Sammelbrett. Der Mann brauchte gar nicht den Mund aufzutun. Peter Voß beobachtete ihn längere Zeit sehr genau und prägte sich seine Gesten und seine bejammernswerte Miene ganz genau ein. Er sah auch wirklich rein zum Erbarmen aus. Ueber dem linken Auge klebte ihm ein schwarzes Pflaster, und die Finger seiner Hände waren von irgendeiner schrecklichen Krankheit nach den verschiedensten Richtungen krumm gezogen.

Der Kerl hat eine gute Einnahme! dachte Peter Voß und überzählte in Gedanken seine wenigen Jenstücke. Was er wohl dafür verlangt, um mich ein paar Stunden an seinen Platz zu lassen? Ich könnte ihm ja auch die Hälfte der Einnahme geben!

Und er wartete. Als die Hitze am heftigsten stach und das Leben auf der Straße und vor dem Hotel einschlief, setzte sich der lahme Bettler auf allen Vieren in Bewegung. Dicht bei Peter Voß kam er vorbei. Seine Hände stützte er auf zwei Griffbrettchen, das Sammelholz hielt er zwischen den Zähnen. Peter Voß nahm sofort seine Verfolgung auf. An der dritten Straßenecke aber gab es für ihn eine große Ueberraschung. Der Bettler sprang urplötzlich auf seine zwei gesunden Beine, steckte die Handstützen und die Sammellöffel ein, riß das Pflaster von seinem linken Auge und trabte mit einer bewundernswerten Schnelligkeit davon.

Na warte, du Kujon! dachte Peter Voß und sauste hinter ihm drein. Jetzt hab ich dich!

Und er erwischte ihn glücklich, als der so wunderbar schnell geheilte Krüppel in einem niedlichen Häuschen verschwinden wollte. Der harmlose Betrüger erschrak furchtbar, als er sich ertappt sah. Er konnte genug Englisch, um die Drohungen seines Entlarvers zu verstehen, und zitterte vor Angst. Als Peter Voß ihn erst so weit hatte, zog er sanftere Saiten auf und machte ihm begreiflich, daß er ihn auf ein paar Stunden vertreten müsse, um eine Wette zu gewinnen.

„Tausend Dollar!“ rief Peter Voß und hantierte mit allen zehn Fingern durch die Luft, um dem Bettler diese schwindelerregende Zahl begreiflich zu machen. „Die Hälfte sollst du haben!“

Das wirkte. Der falsche Krüppel zog Peter Voß in sein Häuschen und entwickelte eine fabelhafte Schnelligkeit und Geschicklichkeit, aus dem Fremden sich selbst zu machen. Er schor ihn kahl, schmierte ihn mit einer braunen Salbe ein, klebte ihm das linke Auge zu und behängte ihn mit seinen Lumpen.

„Starker Tobak!“ sagte Peter Voß, als er sich in einem Spiegelscherben betrachtete. „Ich sehe nicht gerade zum Verlieben aus. Wenn sie nur nicht in Ohnmacht fällt.“

Dann ließ er sich von dem Mann einen Bleistift geben und schrieb auf die eine Seite des Bettelbretts: „Liebe Polly: Erschrick nicht zu sehr. Ich bin Dein Mann Peter Voß.“

Das Mann unterstrich er dreimal. Den Bleistift steckte er ein. Dann ließ er sich von dem Bettler an die Straßenecke bringen, wo unbedingt mit dem Kriechen begonnen werden mußte. Er krümmte seine Finger zu abenteuerlichen Gebilden, packte damit die Handstützen, nahm den Gabenlöffel, mit der Schrift nach unten, zwischen die Zähne und kroch mit einer Gewandtheit und Sicherheit durch das inzwischen wieder erwachte Straßengewühl, als wenn er sich seit seinem ersten Lebensjahr nicht anders als auf allen Vieren fortbewegt hätte.

Etwas mühsam! dachte er und spuckte einem Kurumaya, der ihm zu nahe gekommen war, auf die staubigen Füße.

Endlich hockte er auf dem blankgescheuerten Parkettplatz vor dem Tokio-Hotel. Seine Miene war so wirkungsvoll und seine Maske war so echt, daß sich auch der dickfellige Holländer, der eben von seiner Ausfahrt zurückkam, nicht des Mitleids erwehren konnte.

Peter Voß hielt jedem das Sammelbrett hin, mit der Schrift nach unten. Er hatte schon ein erkleckliches Sümmchen beisammen, als Bobby Dodd und Polly heraustraten. Dodd begann sofort mit zwei Jinrikschamännern zu verhandeln, während Peter Voß die Gelegenheit wahrnahm und Polly die Schrift vor die Augen hielt.

Sie las und erschrak nicht. Im ehelichen Verkehr mit einem steckbrieflich verfolgten Millionendieb durfte man keine übermäßig erregbaren Nerven haben. Sie fiel also weder in Ohnmacht, noch erschrak sie. Peter Voß drehte befriedigt den Löffel wieder um.

„Oh!“ rief Polly und legte einen blanken Dollar auf die unbeschriebene Löffelseite. „Du armer Mann! Wie du leidest. Kommen Sie, Mr. Dodd, und schenken Sie ihm auch einen Dollar.“

Dodd gehorchte, und Peter Voß steckte dabei die allerjämmerlichste Miene auf, die jemals ein lahmer Bettler auf dieser Erde zur Schau getragen hatte.

„Ekelhaft!“ entfuhr es Dodd unwillkürlich, als er sich mit einer Bewegung des Abscheus von ihm wandte.

Polly stieg ein. Dodd nahm den zweiten Wagen.

„Nach dem Museumspark!“ hörte Peter Voß ihn noch rufen, dann stürmten die beiden Jinrikschamänner davon.

Peter Voß begab sich sofort wieder auf die Wanderschaft, kroch in irgend einen dunkeln Winkel der Nebenstraße, schliff an einem rauhen Stein die Schrift, die ihre Schuldigkeit getan hatte, ab und ersetzte sie durch ein neue: „Fahre ohne Dodd aus, ich folge.“

Dann kehrte er auf seinen alten Platz zurück und machte vortreffliche Geschäfte, denn die Gäste kehrten jetzt zum Dinner zurück. Auch Polly und Dodd erschienen wieder, ohne daß Peter Voß Gelegenheit gehabt hätte, ihr die verbesserte Löffelrückseite vor Augen zu führen. Sie nahm überhaupt keine Notiz von ihm.

Während des Dinners aber erschien sie auf einen Augenblick vor dem Portal und ließ achtlos eine kleine Papierkugel fallen, die wie von ungefähr dem Bettler vor die Füße rollte. Als Peter Voß die Papierkugel erst in den Fingern hatte, begann er seine Kriecherei von neuem, gab sie aber schon hinter der ersten Straßenecke auf, weil er auf zwei Beinen mindestens die zehnfache Knotenzahl zurücklegen konnte.

So fiel er denn dem falschen Krüppel, den er vertreten und der vor seinem Häuschen schon voller Sorgen nach ihm ausgeschaut hatte, fast in die Arme.

„Gewonnen!“ schrie er, riß sich die Lumpen vom Leibe, wobei die gesammelten Geldstücke auf den Fußboden fielen, und schwang den Zettel, der die hastig hingekritzelten Worte enthielt: „Morgen früh fährt Dodd nach Jokohama. Ich hoffe dich im Museumspark zu treffen. Tausend und abertausend süße Küsse von deiner Polly.“

„Und ob du mich treffen wirst!“ lachte Peter Voß vergnügt und wollte wieder in seinen alten Anzug hineinkriechen.

Allein der kahle Kopf und die gelbe Hautfarbe wollten durchaus nicht dazu passen. Unterdessen hatte der gesunde Krüppel die Geldstücke zusammengelesen und war so überrascht von der Höhe des Gewinnstes, daß er Peter Voß allen Ernstes vorschlug, bei ihm zu bleiben, um das Geschäft gemeinsam zu betreiben. Wie es sich nun herausstellte, besaß der Mann nicht nur das Häuschen zu eigen, sondern verfügte außer seinen Lumpen über die Garderobe eines reichen Japaners, die er aber nur des Abends benutzte, wo er sich von seiner täglichen Kriecherei zu erholen pflegte. Er bot Peter Voß einen seidenen Kimono an, der sich schon sehen lassen konnte. Alles, was zur Ausstattung eines japanischen Gigerls gehörte, von den Sandalen bis zum Sonnenschirm, war vorhanden.

Peter Voß ging scheinbar auf das Anerbieten ein und blieb bei dem Bettelkomödianten über Nacht. Am nächsten Morgen drang er von neuem in ihn, sein Kompagnon zu werden, da ihn keiner so gut vertreten könne als er.

Peter Voß versprach ihm, sich die Sache zu überlegen, und verließ das Häuschen als wohlgekleideter Japaner. Eine Jinrikscha brachte ihn zum Museumspark im Norden Tokios. Hier spazierte er im japanischen Kostüm mit der Grandezza eines Altkastiliers und der unerschütterlichen Würde eines nordamerikanischen Multimilliardärssohnes auf den zierlichen gewundenen Pfaden einher, bis Polly auftauchte. Sie erkannte ihn nicht, aber er ließ sie nicht lange im ungewissen, folgte ihr bis an eine Stelle, wo die Büsche dicht genug waren, und vertrat ihr den Weg.

„Peter!“ jauchzte sie und hing schon an seinem Halse.

Die Begrüßung dauerte bedeutend länger, als es sich für einen von dem berühmten Bobby Dodd verfolgten doppelten Dollarmillionendieb schickte. Er kam zuerst zur Besinnung und zog sie tiefer in die Büsche hinein, wo er schon vorher eine verschwiegene Bank entdeckt und sich den Platz genau gemerkt hatte.

„Peter!“ flüsterte sie. „Ich verzehre mich vor Sehnsucht nach dir. Ich halte es einfach nicht länger aus.“

Er antwortete ihr nur mit Küssen.

„Höre, Peter!“ rief sie und drängte ihn von sich. „Ich habe etwas gefunden, etwas sehr Wichtiges. Rate wo? In Dodds Koffer. Er hatte heute morgen vergessen, ihn zu verschließen. Ich habe in seinen Papieren herumgestöbert. Gewiß, es ist schändlich, aber ich habe es getan. Ich hatte es mir schon lange vorgenommen.“

Damit zog sie aus ihrer Handtasche ein in acht Teile zerrissenes und wieder zusammengeklebtes Telegramm, auf dem zwei Reihen Zahlen standen. Es stammte aus Strienau und bewies durch sein Vorhandensein, daß Dodd trotz des unverschlossenen Koffers ein sehr ordnungsliebender Mann war.

Peter Voß schüttelte den Kopf.

„Das ist dein Telegramm aus Berlin!“ klärte ihn Polly auf. „Ich habe selbst gesehen, wie Onkel es zerrissen und in den Papierkorb geworfen hat.“

„Aber wie kommt es in Dodds Hände?“ fragte er ratlos.

„Durch die Haushälterin!“ flüsterte sie und sah sich ängstlich um. „Onkel hat sie auch im Verdacht gehabt.“

„Was du sagst!“ rief er. „Also die unverehelichte Martha Zippel. Das sieht der ganz ähnlich. Aber das ist ja großartig. Da haben wir ja ein unfehlbares Mittel, ihn auf den Holzweg zu schicken und unsere unterbrochenen Flitterwochen ungestört fortsetzen zu können. Und dazu noch in Japan!“

„Ja!“ flüsterte sie etwas verschämt. „Ich habe es mir schon ganz genau ausgedacht, wie wir es machen müssen. Ich habe eine Zeitung mitgebracht, darin mußt du einen Dampfer suchen, der nach San Franzisko fährt. Aber ein recht langsamer muß es sein, daß Dodd ihn mit dem nächsten Schiff überholen kann. Einen Tag, bevor er abfährt, schicken wir ein Telegramm nach Strienau, worin du Onkel um Geld bittest. Er soll es an irgend eine Agentur in San Franzisko schicken. Die Haushälterin wird das Telegramm finden und es Dodd sofort übermitteln. Er wird mit dem nächsten Dampfer, auf dem er dich vermutet, nach San Franzisko fahren. Und wir beide bleiben hier!“

„Wir?“ lächelte Peter Voß kopfschüttelnd. „Ich wohl, aber du nicht. Meinst du, daß Dodd nicht sofort etwas merkt, wenn du hier zurückbleiben willst? Unterschätze den Mann nicht, wenn auch sein Ruhm zum größten Teil auf dem Zeitungspapier steht. Und das ist bekanntlich sehr geduldig.“

„Ich habe es mir so schön ausgedacht!“ schmollte sie und ließ die Unterlippe hängen. „Wir können es ja einmal versuchen. Vielleicht fährt er doch allein und läßt mich hier!“

„Nein!“ entschied er, und seine Stirn furchte sich vom anhaltenden Nachdenken. „Dazu ist dein Plan viel zu fein, daß wir ihn so leichtsinnig aufs Spiel setzen dürften. Ich werde ihn zum großen Teil benutzen und einen viel besseren daraus schmieden. Wir werden alle drei hinüberfahren, aber nicht nach Nordamerika, sondern nach Südamerika, und zwar auf ein und demselben Schiff.“

Polly fuhr erschreckt zusammen.

„Auf ein und demselben Dampfer!“ wiederholte er mit ernster Entschiedenheit. „Ich in der Maschine, und du mit Dodd in der Kabine.“

„Um Gottes willen!“ stieß sie erschreckt heraus. „Wenn er das merkt?“

„Das laß nur meine Sorge sein!“ tröstete er sie und gab ihr das Telegramm zurück. „Leg es wieder in den Koffer, genau an dieselbe Stelle, wo du es weggenommen hast. Und dann gib mir Geld. Wieviel hast du?“

„Fünfzigtausend Rubel!“ erwiderte sie und holte ein kleines Paket aus der Tasche. „Von Stockes.“

Und nun tauschten sie ihre russischen Erlebnisse aus. Peter Voß nahm nur eine Tausendrubelnote, schon um Dodd keinen Grund zum Argwohn zu geben. Dann wurde der Schlachtplan entworfen.

„Es ist wahrscheinlich, daß die Zippel Dodds Adresse weiß!“ meinte er zum Schluß. „Um aber ganz sicher zu gehen, werde ich ein zweites Telegramm nach Strienau in deinem Namen schicken, und zwar sofort. Darin werde ich dem Onkel die nötigen Aufklärungen geben, daß es auch klappt. Ich werde darin die Haushälterin von Dodd grüßen lassen. Das zweite Telegramm kommt dann von mir, wenn ich die passende Schiffsgelegenheit ausgeknobelt habe. Das ist nämlich das schwierigste. Es ist auch möglich, daß wir nach Australien müssen. Die Sache muß ganz scharf auskalkuliert werden, daß sie im richtigen Augenblick einschnappt wie ein gut geöltes Sicherheitsschloß.“

„Peter, Peter!“ seufzte sie matt und umschlang ihn. „Was hast du vor?“

„Das weiß ich noch nicht ganz genau!“ lachte er und küßte sie zum Abschied. „Es kommt alles auf die Schiffsverbindungen an. Aber wenn es sich irgendwie arrangieren läßt, dann wird es eine ganz tolle Geschichte. Denn je toller eine Sache, um so eher gelingt sie. Denk an den Hauptmann von Köpenick.“

Er begleitete sie bis auf die Straße, wo der Jinrikschamann, mit dem sie hergekommen war, noch wartete, und verabschiedete sich von ihr wie von einer fremden Dame, die er auf den rechten Weg gebracht hatte.

Dann nahm er die neueste Nummer der Tokio-Times, die sie ihm mitgebracht hatte, und studierte die Schiffahrtspläne. Dank seiner Fixigkeit und seiner seemännischen Sachkenntnis hatte er bald eine brauchbare Kombination gefunden. In drei Tagen lief von Jokohama der nordamerikanische Dampfer „Klondyke“ über die Hawaiinseln nach San Franzisko und hatte in Honolulu Anschluß an den englischen Dampfer „King Edward“, der von den Philippinen kam und nach Valparaiso ging.

Vierundzwanzig Stunden vor der „Klondyke“ ging ein Dampfer der japanischen Konkurrenzreederei von Jokohama über Honolulu nach San Franzisko. Die Hafenverhältnisse in Honolulu kannte Peter Voß genau, er war als Matrose schon zweimal dort gewesen. Auch den alten „King Edward“ hatte er schon dort getroffen.

Am nächsten Abend liefen in Strienau beim Landgerichtsrat a. D. Pätsch kurz hintereinander zwei Telegramme ein, das eine aus Tokio, das andere aus Jokohama. Die Haushälterin geriet sofort in eine begreifliche Aufregung. Der Landgerichtsrat, der auf seine Erholungsreise verzichtet hatte, um immer auf dem Posten zu sein, öffnete das erste. Es stammte von Peter Voß und lautete nach der Dechiffrierung also: „Herzliche Grüße aus Tokio, wo Polly und Dodd im Tokio-Hotel. Zippel steckt mit Dodd unter einer Decke. Also Vorsicht. Grüße sie von Dodd und sage ihr seine Adresse. Dieses Telegramm verbrennen. Das andere auf dem Schreibtisch liegen lassen. Daß du das Geld schickst, ist nicht unbedingt nötig.“

Der Landgerichtsrat öffnete das zweite Telegramm, das folgende unchiffrierte Mitteilung enthielt: „Muß noch heute über Honolulu nach Valparaiso. Schicke sofort sechstausend Mark dorthin an Kosmos-Agentur unter Franz Müller.“

Der Onkel überlegte ein wenig. Als erfahrener Jurist hatte er den springenden Punkt bald erfaßt. Die Hauptsache war nicht das Geld, sondern die Uebermittlung des zweiten Telegramms an Dodd. Der Mann sollte irregeführt werden. Dazu brauchte es nicht der Mitwirkung der unverehelichten Zippel. Es war jedenfalls unsicher, ihr die Zurückbeförderung des Telegramms anzuvertrauen. Schon die hohen Telegrammgebühren konnten sie kopfscheu machen.

Darum verzichtete der Landgerichtsrat darauf, ihr den fingierten Gruß zu übermitteln, steckte beide Telegramme ein und ging zu seinem Bankier, um sechstausend Mark für Franz Müller nach Valparaiso übermitteln zu lassen. Dann begab er sich auf die Post, wo er, um unliebsames Aufsehen der Beamten zu vermeiden, das zweite Telegramm nach dem alten Schlüssel chiffrierte und an Bobby Dodd sandte. Auf dem Heimweg zerriß er die beiden Telegramme in kleine Stücke und warf sie in den Stadtgraben. Die Haushälterin hatte diesmal das Nachsehen.

Das gut geölte Sicherheitsschloß war fertig zum Einschnappen.