Peter Voß, der Millionendieb

Part 17

Chapter 173,751 wordsPublic domain

Der Direktor von Petrokowskji aber wartete. Er nahm das vorgeschlagene Geschäft durchaus von der ernsten Seite. Er gedachte die ersten 50 000 der nihilistischen Rubel einzustecken, dann wollte er versuchen, nicht nur die zweite Rate, sondern womöglich noch mehr zu ergattern, ohne Iwan Basarow freizugeben. Schlug das fehl, wollte er dem Gefangenen wohl die Flucht ermöglichen, um die zweiten 50 000 einzusäckeln, dann aber nicht nur Iwan Basarow, sondern auch seinen Freund und Befreier einfangen lassen. Dazu waren nicht einmal die Kosaken nötig, das konnte er von seinen Wärtern besorgen lassen. Und so wurde die Sache nicht erst an die große Glocke gehängt. Dann wollte er die beiden Nihilisten so lange peinigen, bis er ihnen die letzte Kopeke abgepreßt hatte, seinen Abschied einreichen und nach Nizza übersiedeln, nicht ohne die beiden Nihilisten seinem Nachfolger warm ans Herz gelegt zu haben.

Dodd hatte dagegen einen ganz anderen Plan. Er nahm das vorgeschlagene Geschäft von der allerernsthaftesten Seite. Da Jim Stockes das Geld geschickt hatte, war Dodd skrupellos genug, es seiner Bestimmung zuzuführen. Aber 50 000 Rubel waren auch genug! Der Haken, an dem die Aktion festgeraten konnte, lag nicht bei dem Direktor, sondern bei Peter Voß. Gutwillig würde er sich nicht befreien lassen.

Aber es gab ein vortreffliches Mittel, Peter Voßens Willen völlig auszuschalten. Und das war der springende Punkt in Bobby Dodds reichlich erwogenem Plan.

Der Direktor, der sich trotz seiner schnöden Absichten wie ein ehrlicher Makler vorkam, verlor allmählich seine Geduld und unterhielt sich inzwischen damit, seinen Iwan Basarow zu beobachten, der eben den Misthaufen zum 463. Male über den Hof karrte.

Da trat Dodd zum Direktor herein und zahlte ohne lange Einleitungen die erste Rate von 50 000 Rubel auf den Tisch.

„Danke!“ sagte der Direktor und steckte das Geld sorgfältig in die Brusttasche. „Sie dürfen jetzt zu ihm hinuntergehen.“

„O, das hat keine Eile!“ versetzte Dodd, nachdem er sich durch einen Blick aus dem Fenster überzeugt hatte, daß Peter Voß die Grenze des Irrsinns noch vor sich hatte. „Es ist mir sogar lieber, dieser Millionendieb kommt etwas aus dem Gleichgewicht. Ich warte gern die Wirkung Ihrer Methode ab. Es ist mir sogar sehr erwünscht, wenn der Mann in die Zwangsjacke gesteckt wird. Wann werden Sie ihn so weit haben? Ich muß das ungefähr wissen, da ich ihn auf einem Wagen abholen werde. Ich bringe ihn dann nach Dui hinunter und sofort auf den ersten Dampfer, der nach Japan geht. Sie haben nur dafür zu sorgen, daß die Flucht nicht vor dem dritten Tage entdeckt wird.“

„Und die zweite Rate?“ fragte der Direktor begierig.

„Die zweiten 50 000 Rubel erhalten Sie am dritten Tage nach der Auslieferung!“ versetzte Dodd ruhig. „Sie verstehen, wenn ich mir den Rücken decke. Die Dame, die mich begleitet, wird sie Ihnen auszahlen. Sie wird erst mit dem nächsten Dampfer abreisen.“

Aber er gedachte sich den Rücken noch weiter zu decken, indem er mit Peter Voß nicht nach Dui hinunter, sondern schnurstracks über die japanische Grenze kutschieren wollte. In Japan durfte er hoffen, als amerikanischer Detektiv, nicht aber als Nihilist anerkannt zu werden.

Der Direktor zeigte sich mit allem einverstanden und erbot sich endlich, den vermeintlichen Millionendieb heraufrufen zu lassen.

„O!“ rief Dodd und sprang auf. „Sie wollen die Methode unterbrechen? Das wäre sehr schade. Ich müßte dann noch länger warten. Erlauben Sie, daß ich mich zu ihm hinunterbegebe, um festzustellen, wie weit er schon ist.“

Bald darauf trat Dodd zu Peter Voß, der bei jedem Spatenstich einen Fluch ausstieß.

„Das ist ja rein zum Verrücktwerden!“ stöhnte er auf englisch, als er Dodd bemerkte, und schob mit hochgetürmter Karre ab.

„Peter Voß!“ rief Dodd und stellte sich ihm in den Weg. „Wo haben Sie die Millionen versteckt?“

„Millionen?“ erwiderte Peter Voß auf englisch und setzte sich gemütlich auf die Karre. „Ich vermute sie in diesem Misthaufen, deshalb wühle ich ihn um und um. Und ich finde sie sicher, wenn ich nicht vorher verrückt werde.“

„Das ist auch der Zweck dieser Arbeit!“ klärte ihn Dodd auf. „Der Direktor hat diese Methode ersonnen, um unbequeme und gefährliche Sträflinge dem Narrenhaus überliefern zu können.“

„So ein Satansbraten!“ versetzte Peter Voß, ohne seine Miene zu verändern, denn er sah, daß der Direktor oben am Fenster stand und die Szene beobachtete. „Ich habe es längst geahnt. Jedenfalls bin ich Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie mich auf diese Gefahr aufmerksam machen.“

„Es gibt ein sehr einfaches Mittel!“ bemerkte Dodd freundlicher, „um diese Dankbarkeit zu beweisen.“

„Ich weiß es,“ sprach Peter Voß. „Aber ich weiß wirklich und beim besten Willen nicht, wo die Millionen sind. Es ist ein Jammer, daß Sie es mir nicht glauben. Und wenn die ganze Erde ein einziger Misthaufen wäre, Mr. Dodd, ich würde sie Ihnen zuliebe von vorn bis hinten durchwühlen, nur um die vertrackten zwei Millionen zu finden.“

„Machen Sie keine Flausen!“ rief Dodd ärgerlich. „Die Sache ist für Sie außerordentlich ernst.“

„Gewiß!“ bestätigte Peter Voß mit Grabesstimme. „Ich habe so ein ganz deutliches Gefühl, als wenn ich noch im Laufe dieses Tages verrückt werden müßte. Nur weiß ich noch nicht, ob ich mir an jener oder an dieser Mauer den Schädel einrennen werde. Oder meinen Sie, daß ich im Irrenhaus auch Mist karren muß? Dann bleibe ich lieber vernünftig. Man sieht hier wenigstens das Meer, und wenn man auch nur einen kleinen Zipfel davon sieht.“

„Sie sind ein Narr!“ sprach Dodd und wandte sich, mit Rücksicht auf den Direktor am Fenster, unter einer ärgerlichen Bewegung ab.

Heimlich aber freute er sich, daß sein Plan gedieh. Wenn alles glückte, so steckte Peter Voß heute abend in der Zwangsjacke.

„Der Mann ist schon halb verrückt!“ sprach Dodd, als er wieder zum Direktor trat, mit zufriedener Miene. „Sein Gedanken verwirren sich schon.“

„Sehen Sie!“ rief der Direktor triumphierend. „Meine Methode! Sie ist unfehlbar, so simpel sie ist.“

Dann standen sie beide am Fenster und beobachteten den karrenden Sträfling, der sich bei jedem zehnten Spatenstich herzhaft in die Hände spuckte und noch immer nicht das erste Anzeichen der beginnenden Geistesverwirrung zeigen wollte.

Dodd kehrte nach Dui zurück und berichtete Polly von seinem Erfolg.

„So halten Sie den Vertrag?“ rief sie empört.

„Vertrag oder nicht Vertrag!“ rief er triumphierend. „Ich habe den Dieb und werde ihn zu halten wissen.“

Jim Stockes erhielt telegraphischen Bericht.

„Abwarten!“ schmunzelte der. „Von Sachalin bis St. Louis ist ein weiter Weg.“

Dann warf er einen besorgten Blick auf den Kupferkurs, der noch immer nicht anziehen wollte, ging in den Klub und behielt das Telegramm für sich. Er war kein Freund von blindem Feuerlärm.

17.

Der Direktor des Strafbergwerkes Petrokowskji merkte allmählich, daß aus Dodd keine Kopeke mehr herauszupressen war, und wandte sich daher an Peter Voß _alias_ Iwan Basarow.

„Merk auf, mein Söhnchen!“ sprach er und rieb sich nachdenklich die Wodkanase. „Dein Freund will nichts für deine Freiheit zahlen. Wieviel ist sie dir wert?“

„Nichts!“ erwiderte Peter Voß mit Gleichmut. „Die Freiheit ist eine Schimäre. Ich habe hier eine sehr gesunde Beschäftigung. Die ist mir mehr wert als die Freiheit, faulenzen zu müssen.“

„Nun gut!“ schmunzelte der Direktor und nahm einen herzhaften Schluck aus der Flasche. „Ich werde dich an die Mauer schließen und dich faulenzen lassen. Zur Abwechslung kannst du jeden Tag zwanzig Knutenhiebe bekommen.“

„Das wäre mir, offen gestanden, weniger angenehm!“ bekannte Peter Voß ehrlich. „Wieviel kostet meine Freiheit?“

„50 000 Rubel! Nicht eine Kopeke weniger.“

„Viel Geld!“ seufzte Peter Voß.

„Ihr Nihilisten habt viel Geld, mehr als die Regierung. Also her damit. Zahle 50 000 Rubel, und ich lasse dich laufen.“

„Aber woher nehmen und nicht stehlen?“

„Das ist deine Sache! Denk nach, mein Söhnchen. Schreib an das Komitee.“

„Schreiben?“ dachte Peter Voß und kraute sich hinterm Ohr. „Das hilft nichts. Die Leute verlangen Sicherheiten.“

„Und ich auch!“ trumpfte der Direktor auf. „Erst das Geld, dann die Freiheit.“

Peter Voß zergrub sein Hirn nach neuen Möglichkeiten.

„Ich hab’s!“ rief er plötzlich und tippte sich an die Stirn, daß die Ketten rasselten. „Ihr behaltet meinen Freund als Bürgen zurück, und ich gehe und hole das Geld.“

„Hm!“ knurrte der Direktor, erwog den Plan und fand ihn annehmbar. „Das ist eine gute Idee. Wird dein Freund damit einverstanden sein?“

„Kaum!“ wagte Peter Voß zu zweifeln. „Aber er wird gar nicht gefragt. Unser Solidaritätsgefühl verlangt es. Wenn er nicht imstande ist, die 50 000 Rubel loszueisen, mir ist es eine Kleinigkeit. Ich bin der Sekretär des Pariser Komitees, während er nur einen kleinen Posten in New York vertritt. Ich wundere mich überhaupt, daß man einen so unbedeutenden Menschen für diese Mission ausgewählt hat. Er kann ja nicht einmal ordentlich Russisch. Er ist ein Idiot. Lassen Sie ihn Mist karren, bis ich wiederkomme.“

„Ich will es mir überlegen!“ versetzte der Direktor nach einer Pause angestrengtesten Nachdenkens.

Peter Voß kehrte zu seiner Beschäftigung zurück und schaufelte den längst zu Staub zermahlenen Misthaufen in die andere Ecke hinüber.

Bobby Dodd aber saß in Dui und feilte auf Teufel komm heraus, er feilte Schlüssel. Die Wachsabdrücke hatte er sich von den Universalschlüsseln, die in dem Bureau des Direktors hingen, genommen. Darin übertraf Dodd den fingerfertigsten Einbrecher.

Und er brachte die Schlüssel zustande, einen großen, der das äußere Tor, einen mittleren, der die Zellen, und einen kleinen, der die Fesseln öffnete. Alle drei verband er durch einen Schlüsselring. Auf dem Ringe gravierte er den Namen Polly ein.

Gegen Abend begab er sich nach Petrokowskji hinauf. Der Wärter, der das Tor öffnete, empfing ihn mit einem vergnügten Schmunzeln, das Dodd mit einem Trinkgeld belohnte.

Peter Voß hatte sein Tagewerk beendet und löffelte in der Zelle seine Suppe. Dodd ging dicht an dem Misthaufen vorbei und ließ unversehens die drei Schlüssel fallen, die sich kraft ihrer Schwere tief in den Staub einbohrten.

Im Bureau des Direktors wurde er von drei handfesten Wärtern gepackt, trotz seines Protestes gefesselt und in eine leere Zelle gesteckt.

„Ich bin amerikanischer Bürger!“ schrie er.

„Du bist ein russischer Nihilist, mein Söhnchen!“ klärte ihn der Direktor freundlich auf. „Mach kein Geschrei, sonst kriegst du die Knute. Und morgen wirst du für deinen Freund Mist karren, bis er die anderen 50 000 Rubel bringt.“

Bobby Dodd stand da wie eine Bildsäule.

Peter Voß wurde seiner Ketten entledigt. Vergnügt rieb er sich die Handgelenke. Er bekam Dodds Kleider, und sie paßten ihm auch. Nur die Hosen waren ihm etwas zu kurz. In der hinteren Tasche fand sich etwas Kleingeld, das dem Direktor entgangen war.

„Beeil dich, Iwan Basarow!“ rief der Direktor und bot ihm sogar einen Wodka an. „Mach, daß du wiederkommst.“

„Wiederkommen?“ meinte Peter Voß und machte ein sehr kritisches Gesicht. „Ich werde Euch die 50 000 Rubel lieber schicken. Es ist sicherer. Denn am Ende sperrt Ihr mich wieder ein und laßt meinen Freund laufen, damit er mich auslöst. Das gäbe eine Schraube ohne Ende.“

„Du bist ein ganz durchtriebener Bursche!“ erwiderte der Direktor und opferte noch einen Wodka.

Abends um zehn Uhr verließ Peter Voß das Gefängnistor, dem Wärter, der ihm öffnete, gab er zehn Rubel aus Dodds Tasche.

Dann blieb er mitten auf der Straße stehen und überlegte. Polly war in Dui. Seine Sehnsucht nach ihr war geradezu überwältigend. Aber er bezwang sich und schlug sich südwärts auf die japanische Grenze zu.

Am nächsten Morgen wurde Dodd in Ketten zum Misthaufen geführt, um Peter Voßens Arbeit da aufzunehmen, wo er sie liegen gelassen hatte.

Schon beim dritten Spatenstich traf er auf die drei Universalschlüssel. Aber er nahm sie nicht auf, denn der Wärter stand zu nahe. Dodd arbeitete mit einer wahren Wut.

Gegen Mittag, als er den Haufen zum siebenundzwanzigsten Male disloziert hatte, zeigten sich schon deutliche Spuren einer Geistesverwirrung.

Am Abend, als er den Haufen zum fünfzigsten Male um und um gewendet hatte, wurde er tobsüchtig.

Unter furchtbarem Gebrüll fuhr er mit seinem Kopf in den Misthaufen hinein, wühlte mit beiden Fäusten darin herum und brachte dabei die drei Schlüssel in seine Tasche, ohne daß es der Wärter, der ihn zu betreuen hatte, oder der Direktor, der auf das Gebrüll hin zum Fenster geschossen war, bemerkt hätten.

Bobby Dodd hatte einen so täuschenden Tobsuchtsanfall, schlug mit Armen und Beinen so ziellos um sich, rollte die Augen, fletschte die Zähne und brüllte, brüllte, brüllte, wobei er jede Gewalt über seine Stimme verloren zu haben schien, daß sich der Wärter in respektvoller Entfernung hielt.

„In die Zelle zurück!“ schrie der Direktor hinunter. „Siehst du denn nicht, daß der Mann tobsüchtig geworden ist?“

Zum Beweise nahm Bobby Dodd beide Hände voll Mist und wollte sie in seinen Mund stopfen, als sei er der Meinung, auf einem Haufen Beluga-Kaviar zu sitzen. Das Hinzuspringen des Wärters bewahrte ihn davor, diesen wenig geschmackvollen Beweis zu Ende zu führen. Ein zweiter Wärter lief herbei. Dodd wurde bei den Handgelenken und beim Kragen gepackt, und so schleppten sie ihn, halb schwebend, halb schleifend, in seine Zelle, wo sie ihn mit drei Ketten fest an die Wand schlossen.

Schließt nur! dachte er. Ich kann auch schließen! Und das viel besser als ihr!

Und er brüllte, daß die Wände bebten, schlug um sich, daß ihm die Gelenke unter den eisernen Manschetten schmerzten, und brüllte wie ein Stier.

Darauf fiel er in Ohnmacht, verfolgte aber ganz genau, was um her ihn vorging. Der Arzt, selber ein Sträfling, kam, und stellte _furor maniacus_ fest.

„Meine Methode!“ sagte der Direktor und rieb sich freudig die fetten Wurstfinger.

Es war eine stockfinstere Nacht. Die Gefängnisuhr schlug gerade drei, als Bobby Dodd unbemerkt den allzu gastlichen Ort verließ. Im Gegensatz zu Peter Voß schlug er sich auf Dui zu, wo er am Morgen einem ausreitenden Kosakenpikett in die Hände fiel. Er wurde dem Gouverneur von Dui übergeben, der ihn zunächst ins Gefängnis setzte.

Peter Voß aber hielt die südliche Richtung inne, indem er immer durch das Unwegsamste strebte. Da war er vor den Kosaken am sichersten.

Dodds Flucht wurde am Morgen entdeckt. Der Direktor benachrichtigte sofort den Gouverneur von Dui und die Grenzstationen davon. Dodd bestritt, Iwan Basarow zu sein, und Polly kam ihm zu Hilfe. Also blieb er vorerst im Gefängnis von Dui sitzen. Der Fall lag zu verzwickt, als daß die russische Justiz ihm sofort gewachsen gewesen wäre.

Inzwischen kletterte Peter Voß in den Felsen herum, die den Tiaraberg umgaben, und suchte nach etwas Eßbarem. Die wenigen Beeren, die er fand, waren nur geeignet, seinen Appetit noch heftiger zu reizen. Seit sechsundreißig Stunden hatte er keinen ordentlichen Bissen mehr gegessen. Am Tage durfte er sich nicht über den fünfzigsten Breitengrad wagen, der in Sachalin die Grenze bildete. Und bis zur Dunkelheit konnte er, seinem Riesenhunger nach zu urteilen, schon dreimal verhungert sein. Es blieb ihm nichts weiter übrig, er mußte aus den Felsenregionen hinabsteigen, um zu Menschen zu kommen. Und er suchte und suchte, stieg auf freistehende Felsen, um Umschau zu halten, kletterte auf Bäume. Doch nirgends sah er eine Spur von Rauch, die auf eine Ansiedelung hätte schließen lassen können.

Bei dieser Kletterei aber fand er ein Vogelnest mit sechs Eiern. Er hätte es nicht gefunden, wenn er das brütende Weibchen nicht unversehens aufgescheucht hätte. Nun saß es auf dem nächsten Ast und schimpfte mörderlich. Das Männchen kam herbei und half nach Noten. Diese Vögel waren braun und etwas größer als Drosseln.

„Entschuldigen Sie!“ sagte Peter Voß und lüftete die Mütze. „Ein reisender Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe. Hoffentlich haben Sie die Eier noch nicht zu stark angebrütet.“

Und er trank sie unter dem Protest der beiden Erzeuger der Reihe nach leer. Nur das letzte schmeckte ein wenig bitter.

In der Not frißt der Teufel Fliegen! dachte er, bedankte sich höflich für die Bewirtung, kletterte vom Baum herunter und suchte weiter nach Nestern, denn die Jahreszeit war dafür günstig.

Und da fand er einen Mann mit einem großen, wilden, schwarzen Bart, gelbbrauner Hautfarbe und mit rauhen Fellen bekleidet, die durch Bastbinden zusammengehalten wurden. Er hatte zwei große Hunde bei sich und trug ein frisch erlegtes Reh auf der Schulter. Als er Peter Voßens ansichtig wurde, erschrak er. Die beiden Hunde nicht minder.

„Ich habe Hunger!“ sagte Peter Voß auf russisch.

Doch der Mann verstand es nicht, er verstand überhaupt keine europäische Sprache. Da machte Peter Voß die Bewegung des Essens nach dem offenen Munde hin.

Nun begriff der Mann, der dem aussterbenden Volke der Aino angehörte, legte das Wildbret nieder, zog ein Messer und löste einen Ziemer los, den er dem Flüchtling reichte.

Peter Voß schüttelte den Kopf und suchte dem Manne begreiflich zu machen, daß er kein rohes Fleisch vertragen könne. Er hatte schnell erkannt, daß der Wilde ein sehr gutmütiger Mensch war, und gab ihm nun durch einen großen Aufwand von erläuternden Gebärden zu verstehen, daß er mit nach seiner Hütte gehen wolle.

Und der Mann nahm ihn mit. Nach einer halben Stunde erreichten sie ein Dorf, das aus einem Dutzend größerer und kleinerer Hütten bestand, die auf kurzen Pfählen saßen und mit Binsen behangen waren. Die hervorstechendste Eigenschaft dieser Niederlassung war der Schmutz, der sich in einer wahrhaft beängstigenden Weise überall bemerklich machte. In einem Raum, der kaum drei Meter im Geviert maß, hockte eine siebenköpfige Familie, die Peter Voß beim Abendbrot zusah. Eine riesige Schüssel Hirsebrei stand vor ihm, aus der er mit den Händen löffeln mußte.

Andere Völker, andere Sitten! dachte er und bemühte sich, möglichst wenig von der verpesteten Luft, die in dem Raume herrschte und die sich ihm sogar auf den Appetit legte, einzuatmen.

Nachbarn kamen hinzu, den Fremdling zu betrachten, und bald war die Unterhaltung im Gange. Peter Voß führte das Wort. Es gab einige unter den Leuten, die etwas Russisch verstanden. Sie wußten auch, daß er ein entsprungener Sträfling war. Da sie aber recht unverdorbene Naturkinder waren, deren Faulheit ebenso groß war wie ihre Gutmütigkeit, und da Peter Voß so vorzüglich zu betteln verstand, gaben sie ihm alles, was er haben wollte, einen Sack mit Mundvorrat, einen Spieß, ein Messer und ein bißchen Kautabak, der allerdings, weil er auf Sachalin gewachsen war, nichts Hervorragendes an sich hatte.

Ueberglücklich fiel Peter Voß der ältesten, häßlichsten und schmutzigsten Ainogroßmutter, die anwesend war, um den Hals und gab ihr einen echt russischen Kuß. Damit hatte er die Herzen aller erobert. Zwei junge Leute erboten sich sogar, ihn auf einem Schleichweg über die Grenze zu bringen. Gleichzeitig gedachten sie die günstige Gelegenheit zu benutzen, um auf dem Rückweg zu schmuggeln. Denn der Spiritus war in Japan bedeutend billiger als in Rußland.

Um Mitternacht brachen sie mit Peter Voß auf. Hunde nahmen sie nicht mit. Deren Gebell hätte sie nur verraten können. Diese Leute, die jeden Fußsteig im Finstern fanden und Peter Voß in die Mitte nahmen, wußten mit einer Treffsicherheit sondergleichen genau an dem Punkt den fünfzigsten Breitengrad und damit die Grenze zu überschreiten, wo die Kosakengefahr am geringsten war.

Am Morgen erreichten sie das erste japanische Ainodorf, wo Peter Voß wieder mit Hirsebrei bewirtet wurde.

„Das verträgt mein Magen auf die Dauer nicht!“ sagte er, bedankte sich bei den Führern und machte, daß er weiter nach Süden kam.

Das Gebirge, in dessen Schutze er die Grenze überquert hatte, fiel langsam zur Terpjenjabai ab. Sein Augenmerk war auf zwei Dinge gerichtet, erstens möglichst schnell ans Meer zu gelangen, und zweitens möglichst weit von der Telegraphenlinie abzubleiben, die auf der andern Seite der Bai weit nach Süden hinablief.

Als er endlich das Meer aufblinken sah, bemerkte er einen Bohrturm und ein paar Petroleumbassins daneben. Auf der Reede, nicht weit vom Strande, lag sogar ein Petroleumdampfer, der nach Nagasaki bestimmt war.

Jokohama wäre mir allerdings lieber gewesen! dachte Peter Voß und ging an Bord, um sich dem Kapitän als Matrose anzubieten.

Das war ein kleiner, geschmeidiger Japaner, der ein paar Brocken Englisch konnte, aber keine Lust hatte, einen russischen Flüchtling mitzunehmen.

Aber er mußte ihn doch mitnehmen. Peter Voß hatte bei seinem Besuch genug gesehen, um in der Nacht wieder an Bord gelangen zu können. Er schwamm eine kurze Strecke, erreichte eine Schute, die längsseits lag, und versteckte sich im Kettenkasten des Dampfers.

Als der Anker am Morgen heraufgeholt wurde, nahm sich Peter Voß in acht, daß er mit der schweren Kette nicht in Kollision kam. Vier Stunden später erschien er an Deck.

Der Kapitän überschüttete ihn mit einem Schwall wutgetränkter Worte und wollte ihn höchsteigenhändig über Bord werfen. Peter Voß streifte sich langsam beide Aermel hoch, da kamen ein paar tätowierte Seemannsarme zum Vorschein. Das schien den Kapitän einigermaßen zu beruhigen. Er verlangte von Peter Voß, er solle in den Heizraum steigen, um Kohlen zu trimmen.

„Warum nicht!“ lachte Peter Voß und gehorchte. „Arbeit schändet nicht. Besonders, wenn es eine vernünftige Arbeit ist. Lieber japanische Kohlen trimmen als russischen Mist karren!“

Und er trimmte, daß den beiden japanischen Heizern angst und bange wurde, so flogen ihnen die schweren Kohlenkörbe an den Nasen vorbei. Aber dafür aß Peter Voß noch einmal so viel als sie beide zusammen.

Dodd aber saß in Dui und kämpfte mit der ihm eigenen Zähigkeit um seine Freiheit. Er telegraphierte nach St. Petersburg, nach Moskau, nach New York, nach St. Louis. Nichts wollte helfen. Schließlich wollte er es mit der Kraft des blanken Rubels versuchen. Da aber stieß er auf Pollys Widerstand, die das Geld in Verwahrung hatte.

„Halten Sie so unsern Vertrag?“ rief Dodd zähneknirschend.

„Davon steht nichts drin!“ erwiderte sie ruhig und ließ ihn sitzen.

Er telegraphierte an Stockes & Yarker um fünftausend Dollar. Aber Jim Stockes war diesmal schwerhörig.

Da kam ihm Hilfe von Peter Voß, der inzwischen in Nagasaki angekommen war und nun in aller Sicherheit an Polly telegraphierte:

„Tokio, Tokio-Hotel.“

Das Telegramm wurde Polly erst ausgehändigt, nachdem es vom Gouverneur begutachtet und Bobby Dodd vorgelegt worden war.

Außerdem trafen jetzt die fünftausend Dollar von Stockes & Yarker ein. Und so konnte Bobby Dodd die Verfolgung weiter aufnehmen. Noch von Dui aus machte er die japanische Polizei mobil, indem er ihr den Steckbrief des Millionendiebs Peter Voß telegraphisch übermittelte.

„Geben Sie das Rennen noch nicht auf?“ fragte Polly lächelnd.

„Nein!“ stieß er heraus und ballte die Fäuste. „Ich habe sogar die Hoffnung, daß er sich noch den Hals brechen wird. Damit wäre uns allen geholfen. Sie brauchten sich dann nicht erst von ihm scheiden zu lassen.“

„Ich bewundere Ihre Geduld!“ lachte sie.

Dann brachen sie nach Japan auf. Sie mußten über Wladiwostok fahren. Von hier telegraphierte Dodd nach Strienau, aber nicht an den Landgerichtsrat, sondern an seine Haushälterin. Das Telegramm enthielt nicht viel mehr als seine zukünftige Adresse: Tokio, Japan, Tokio-Hotel.

Die unverehelichte Martha Zippel begriff sofort diese freundliche Erinnerung und hielt den Telegrammverkehr des Landgerichtsrats auch weiterhin unter schärfster Kontrolle.

Peter Voß, der Trimmer, aber war in Nagasaki und sah sich nach einer Gelegenheit um, billig nach Jokohama zu kommen.

Diesmal reiste er sogar ohne Zahnbürste!

Dodds Anzug war durch den Aufenthalt im Kohlenbunker bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt.