Pantherkätzchen

Part 9

Chapter 93,556 wordsPublic domain

Zwischen Mutter und Tochter entbrannten dieselben Meinungsverschiedenheiten wie bei der Auswahl der Möbel; jede suchte ihren eigenen Geschmack durchzusetzen. Die Mutter siegte auf der ganzen Linie, aber die Folge davon war, daß Marie nun ohne Freude die Anproben über sich ergehen ließ.

Es war überhaupt nichts von strahlendem Glück an ihr zu merken. Zu ihren Freundinnen aus Neustadt und Hahndorf sagte sie zwar mit einer gewissen Wichtigkeit: „Mein Bräutigam...“, aber wenn dieser kam, so empfing ihn kein übermäßig freundliches Gesicht.

Er machte sich übrigens nicht viel Gedanken darüber, zumal er selbst keine leidenschaftliche Verliebtheit für seine Braut entfaltete.

Sie war eben eine „so passende Partie“, paßte, was Familie, Alter, Vermögen anbetraf, vortrefflich zu ihm; ihre äußere Erscheinung genügte den Ansprüchen, die er an seine zukünftige Gattin stellte. Die Reserviertheit, die sie zur Schau trug, störte ihn nicht. Marie war mit Gefühlsäußerungen immer so zurückhaltend gewesen, daß Frau von Holtz ganz entsetzt war, als sie sie eines Tages in heißen Tränen fand.

Sie war in ihrer Tochter Wohnzimmer gekommen, um ihr eine eben eingetroffene Auswahlsendung von weißen Seidenstoffen zu zeigen.

Da fand sie Marie mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, die Hände vor die Augen gepreßt. Ein krampfhaftes Weinen ließ die schmalen Schultern erzittern.

„Marie!“

Das tränenüberströmte Gesicht hob sich empor:

„Mama, laß mich Dir sagen, ich will Wilhelm nicht heiraten, ich will nicht.“

„Was? -- Was ist denn? -- Warum...“

„Ich liebe ihn nicht.“

„Liebstes Kind, das kommt in der Ehe. Vernunftheiraten werden immer die glücklichsten Ehen.“

„Mama, ich will nicht heiraten, noch nicht! Es ist langweilig hier so allein mit Euch, aber ich will gern hierbleiben, tausendmal lieber hierbleiben, als mit einem fremden Manne fortgehen. Er ist mir ja so fremd! In meinem Innern spricht nichts für ihn. Und nun soll ich Tag und Nacht mit einem Fremden sein, soll ihm mein ganzes Leben schenken...“

Frau von Holtz war erblaßt vor Erregung.

„Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, Marie. Du wirst hysterisch. Was ist das nur auf einmal? Dich hat niemand zu der Verlobung gezwungen!“

„Nein, gezwungen nicht. Nur zugeredet habt Ihr mir. Und ich war zuerst ja ganz einverstanden. Aber jetzt, wo der Hochzeitstag näher und näher rückt, habe ich mich zu der Ueberzeugung durchgerungen: Ich kann ihn nicht heiraten!“

„Marie, besinne Dich auf Dich selbst! Du kannst doch jetzt Deinen Entschluß nicht ändern. Du hast Wilhelm Dein Wort gegeben -- Du kannst ihm das nicht antun, Dein Wort zu brechen, so ohne jede Ursache, ohne jeden Grund! -- Und wie stehst Du nachher da? Ein Mädchen, dessen Verlobung zurückgeht, wird immer scheel angesehen. Nein, was würden die Leute nur sagen, jetzt, wo schon die ganze Aussteuer fast fertig ist!“

„Ich will nicht,“ schluchzte Marie, „ich will nicht.“

Und die Mutter redete weiter, abwechselnd drohend und bittend; sie wendete ihre ganze Kraft auf, um das, was sie als eine nervöse Laune ihrer Tochter empfand, zu besiegen; sie bat und beschwor, drohte und befahl.

Dann schwieg sie erschöpft und starrte angstvoll auf Marie, die immer noch das Gesicht in den Händen verbarg.

Und endlich hob die Tochter das Haupt.

Und mit einem Zucken ihrer schmalen Schultern, dieser Bewegung, die sie immer machte, wenn der Mutter Willen den ihren besiegte, sagte sie müde:

„Also ja -- ich werde mein Wort halten. Aber vergiß diese Stunde hier nicht... vergiß sie nie, Mama...“

7.

„Monika..!“ -- Monika hörte nicht. Sie hatte ihren „Katalogtag“. Sie behauptete, daß Kataloge studieren so ziemlich einer der größten Genüsse sei, dem man sich hingeben könne.

Oft sagte ihr solch ein Preisverzeichnis mehr als ein Roman. Sie schwelgte geradezu in Katalogen, durchlief eine ganze Skala von Empfindungen von wunschlos anbetender Bewunderung bis zum heißgierigen Habenwollen.

Das Preisverzeichnis einer Delikatessenwarenhandlung versetzte sie in Entzückungszustände. Die angepriesenen Sachen waren wie eines Baumes Aeste und Aestchen, auf denen sich ihre Phantasie, blankäugig und behend wie ein Eichhörnchen, hin und her schwang.

Sie las: „Hummern, lebende Helgoländer und norwegische...“ Da sah sie die sonderbaren Schaltiere vor sich, mit ihren komischen, gestielten Augen, mit dem harten Panzer über dem weichen Fleisch, dessen saftige Frische sie förmlich auf der Zunge fühlte.

Und sie fühlte die scharfe, salzige Luft der Nordmeere, der grauen, kalten Meere, die um starre Felsen und Klippen rauschen. Das war dasselbe ewige Meer, das einst die Drachenschiffe getragen -- dasselbe, das jetzt Panzerkreuzer und Torpedos trug, und das heute die komplizierten Wunderschöpfungen der Technik in böser Laune gerade so zerschlug und zerbrach, wie es einst die ungefügen Holzplanken zerschlagen.

Und sie las weiter: „~India green turtle meat, sundried~.“ -- Da fing ihr Herz an, ganz laut zu schlagen.

Und sie las weiter: „~India green turtle meat~,“ so heiß, daß sie nicht mehr wohltat, sondern zerstörte, dort war sie ein vernichtend flammender Feuerball in einem unerhört blauen Himmel, schüttete Strahlengarben über das Land voll Prunk und Schmutz -- über die schmalgliedrigen dunkeln Hindus mit den schmachtenden, sanften Augen -- über die stolzen, blonden Engländer, die hier die Herren waren. Und das geknechtete und mißhandelte Land war doch so oft stärker als sie, gab ihnen heimlich und böse lächelnd die Keime von Fieber, von Pest und Tod. --

Und weiter: „Truffes de Périgord“. Monikas Näschen schnupperte, als fühle sie den unvergleichlichen Duft der schwarzen Erdfrucht.

„Trüffeln“ bedeutete ihr förmlich ein Programm. Pikante Würze mit einem lockenden Dufthauch darüber. --

Und „Périgord“, Frankreichs lachende Gefilde. Graue Edelschlösser auf sanften Hügelabhängen, umwogt von einem Meer von Blütenbäumen. -- Und drinnen im Schloß ein Liebeshof -- schöne Ritter und schöne Damen in Gold und Seide, zur feierlichen Beratung versammelt über der Liebe wichtige Fragen.

Ueber alle herrschend die schöne Frau des Hauses, deren Urteil sich alle beugen, Edeldamen und Troubadours! Und der Troubadours Bester kam ihr in den Sinn, Bertrand de Born, „der mit einem Lied entflammte -- Périgord und Ventadorn ...“

Der hochmütige Troubadour, der, ein Siegerlächeln um die blutroten, üppigen Lippen, sich gerühmt, „daß ihm nie mehr als die Hälfte -- seines Geistes nötig sei!“

O dieser Mann, der Sieger, strotzend von Kräften des Körpers und des Geistes wie ein Blütenbaum im Mai, ein Meister des Liedes, ein Gewaltiger der Sprache, der Männergehirne und Mädchenherzen mit süßen und bitteren Worten lockte und bezwang...

Dieser Gedanke fand in Monika eine so starke Resonanz, daß sie ziemlich abwesend über einige Seiten hinweglas, die sie sonst mit Entzücken erfüllt haben würden.

Die Preisverzeichnisse von Konfektionsgeschäften, von Wäschefirmen waren kaum weniger dazu angetan, ihr ein schwelgerisches Genießen zu verschaffen.

Bei den Hemdeinsätzen aus Brüsseler und Brügger Spitzen dachte sie an die belgische Spitzenfabrikation, sah kleine flandrische Städtchen, saubere Häuschen mit blitzblanken Spiegelscheiben, den „Spion“ am Fenster -- das Glockenspiel klingt vom Beffroi.

Im Beginenkloster des toten Brügge klöppelten blasse Nonnenhände die zarten Gebilde aus dünnen Fäden. -- Und es gab Spitzen, die wurden in Kellern gearbeitet, die Luft mußte feucht sein, damit beim tausendfältigen, kunstvollen Durcheinanderwirren der Faden nicht brach, der -- dünn wie Spinnengewebe -- durch die Hände der bleichsüchtig armseligen Mädchen lief, welche Stunde um Stunde klöppelten, ohne aufzusehen. Die Mädchen hatten gewiß so kraftlos ausgesehen wie Kellerblumen; mit blutlosen Fingern hatten sie die Spitzen gearbeitet, die dazu bestimmt waren, die Wäsche und die Kleider leichtsinniger Schönen zu zieren, die bunt und glänzend wie Paradiesvögel oder Pfauen durchs Leben geschritten.

Und dann die Verzeichnisse der Parfumfabriken. Die waren vielleicht doch das Schönste von allen. Ach, das Duften, das berauschende Duften, das aus des Büchelchens Seiten stieg.

„White rose“ -- herb und süß. Kaum erschlossene Rosenkelche, mondlichtüberflutet in einem Park von Englands Schlössern. -- Eine blonde Herzogin, die sich aus dem Festgewühl hinabschleicht in den Park, der feucht ist vom Tau der Nacht. -- Und nach einer kleinen Weile verschwindet droben aus dem lichter- und gästeerfüllten Saale ein schlanker Kavalier. Die weißen Rosen duften so süß. --

Und dann „Chypre“. Aufreizend und schwül, der Duft für eine Frau, die launisch ist und süß und grausam wie die Göttin der Insel Cypern selbst.

„Ambra“! Der Orient wird lebendig, das Gewühl der Märkte und Basare, die wollüstigen und blutdürstigen Geschichten der tausend Nächte und der einen Nacht. Ueppige Prinzessinnen, die schönen Gesichter schleierverhüllt, schlanke Wüstensöhne, die starben aus Liebe.

„Goldregen“ und „Flieder“, „Ylang-Ylang“ und „Coeur de Jeannette“, „Cuire de Russie“ und „Tuberosen“ -- alles wurde eine Geschichte. --

Ganz geistesabwesend sah Monika dann aus, wenn man zu ihr sprach, wenn ihre Mutter wieder einmal sagte:

„Nimm Dir doch endlich was Vernünftiges vor! Wie kann man sich nur in solch langweilige Kataloge vertiefen?“

Und wenn Alfred behauptete:

„Ich habe ja schon viel von Stumpfsinn gesehen, aber etwas derartiges, wie sich hinsetzen und solche Verzeichnisse lesen, das hab’ ich noch nicht gesehen!“

Die Brüder waren überhaupt Monikas größtes Kreuz; sogar auf gesellschaftlichen Veranstaltungen war sie vor ihnen nicht sicher. War es etwa nötig, daß sie mit zu dem Wohltätigkeitsbasar „Am Posilipp“ kamen?

Zuerst war die Mutter geneigt gewesen, Monikas Protest: „Gymnasiasten gehörten überhaupt noch nicht auf solche Feste!“, anzuerkennen. Aber Alfred hatte die Worte seiner Schwester mit einem Höllenlachen aufgenommen.

„Das könnte Dir wohl so passen, mein Kind, dort ohne unsere Aufsicht rumzukokettieren?“

Und Heinzemännchen hatte erklärt, daß, da doch nun mal seit Papas Tode die ganze Verantwortung auf seinen Schultern läge, er nicht gestatten könne, daß Monika ohne ihn diesen Basar mitmache. Außerdem wünsche er sich von „dem italienischen Stimmungszauber dort lyrisch anregen zu lassen“.

So war denn, Karl ausgenommen, die ganze Familie „Am Posilipp“. So hatte der „Frauenverein zum Wohle von Lungenkranken“ sein diesjähriges Fest getauft. Von allen möglichen und unmöglichen Standorten herunter wehten die weiß-rot-grünen Flaggen Italiens mit dem Wappen des Hauses Savoyen.

An den Wänden roh hingeworfene Dekorationen und Bemalungen, die jetzt das elektrische Licht verklärend und verschönend übergoß.

Ein buntes, wirres Durcheinander von gut und schlecht angezogenen Leuten, von Gesellschaftstoiletten und italienschen Kostümen und auch von anderen Volkstrachten.

Mit der Nationalität schien man es nicht so genau zu nehmen.

Die Damen in den Verkaufsbuden waren in jedem Alter und in jedem Typ vorhanden. Die einzelnen Buden waren hübsch arrangiert. Die feilgebotenen Gegenstände, wie immer bei solchen Gelegenheiten, geschmacklose Ware.

Jede ~dame patronesse~ hatte außer den Gehilfinnen in ihrer Bude noch eine Anzahl „fliegender Verkäuferinnen“, junge Mädchen, die wie Bienen emsig und unerschrocken den Saal durchschwirrten, ihren Vorrat an Blumen, Lotterielosen, Zigaretten den Herren anboten und dann von Zeit zu Zeit an ihre Verkaufsstände zurückkehrten, zwar nicht wie die Bienen mit Blütenstaub, sondern mit Mammon beschwert.

Monika gehörte zu den „Fliegenden“ von Frau von Wetterhelms Blumenstand.

Frau von Wetterhelm war auf allen Wohltätigkeitsveranstaltungen bekannt wie ein bunter Hund. Sie kam, sie war da und unterzeichnete im „Festausschuß des Ehrenkomitees“: „Frau Oberst von Wetterhelm“. Das „geborene Krause“ ließ sie weg.

Das „Frau Oberst“ war eigentlich eigenes Patent.

Sie war von Wetterhelm geschieden worden, als dieser noch Leutnant war. Der hatte dann bald darauf zum zweitenmal geheiratet, hatte aus dieser zweiten Ehe fünf Kinder und bekümmerte sich nicht im mindesten um das Schicksal seiner ersten Gattin, an der er -- wie der bekannte Villenkäufer -- nur zwei Freuden erlebt hatte: den Tag, an dem er sie bekam, und den Tag, an dem er sie losward!

Auch sie hatte nie mehr versucht, seinen Lebensweg zu kreuzen, aber sie avancierte mit! Sobald sie erfuhr, daß ihrem Gatten eine höhere Charge zuteil geworden, ließ sie sich neue Visitenkarten drucken. So war der „Frau Oberleutnant von Wetterhelm“ im Laufe der Jahre eine „Frau Hauptmann“ gefolgt; jetzt war sie bei „Frau Oberst“ angelangt.

Da sie eine auskömmliche Rente hatte und sich um ihren Lebensunterhalt nicht zu sorgen brauchte, so verbrachte sie ihre Zeit mit Besuchemachen und Teilnahme an Wohltätigkeitsfesten. Bei diesen war sie, wie gesagt, gar nicht zu vermeiden, und ebensowenig war es möglich, ihr die Blumenbude zu entreißen. „Blumen sind das Poetischste!“ sagte sie, „und gerade ich mit den so unendlich schweren Lebensschicksalen, -- ich müßte ja verzweifeln, wenn ich mich nicht in die Poesie flüchten würde! -- -- Das verstehen Sie? Nicht wahr, das müssen Sie verstehn?! -- --“

So behielt sie die Poesie und die Blumenbude und machte gewöhnlich recht gute Geschäfte, da sie es verstand, reizvolle, hübsche Mädchen und Frauen als Gehilfinnen zu werben.

Als sie vor wenigen Wochen in einer befreundeten Familie Monika kennen gelernt, hatte sie dieselbe sofort für den Posilipp dingfest gemacht.

Und Monika war begeistert. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als so losgelöst zu sein vom Zwange des Alltags? Ganz ungetrübt war ja ihr Glück nicht wegen der Anwesenheit der Brüder.

Alfred hatte sein brüderliches Ueberwachungsamt zwar gleich im Stich gelassen, als eine blonde Neapolitanerin ihm zugelächelt.

Heinzemännchen aber nahm seine Verpflichtung ernster.

Mit unermüdlicher Ausdauer lief er hinter seiner leichtfüßigen Schwester her und holte Mama zur Verstärkung, wenn Monika wieder einmal allzulange Dialoge mit einem blumenkaufenden Leutnant führte.

Natürlich stachelte diese Ueberwachung Monikas Trotz erst recht; sie ärgerte sich in eine förmliche Empörung hinein! Also nicht mal hier konnte man ihr Ruhe lassen! War sie denn wirklich so viel schlimmer als alle die anderen jungen Mädchen, die sich hier ungestört ihres Lebens freuten?!

Was hatte sie denn schließlich begangen? Die paar Flirts, die paarmal, wo sie verliebt gewesen war, was sich hauptsächlich auf das Dichten guter Verse beschränkt hatte -- --

Eine heiße Zornwelle flutete in ihr empor. Nun erst recht! Wollen doch mal sehn, ob wir nicht Heinzemännchen, dem Tugendbold, ein Schnippchen schlagen können?!

Mit Blitzesschnelle hatte sie sich in das Leinwandzelt von Fräulein von Toring, die als Wahrsagerin fungierte, geflüchtet. Durch einen Spalt beobachtete sie Heinrichs ratloses Gesicht; er hatte nicht bemerkt, wohin sie so plötzlich entschwunden. Sein bestürzter Ausdruck war so komisch, daß Monika sich nur mit Mühe enthielt, laut aufzulachen.

Dann sah sie ihre Mutter zu Heinrich herantreten, der er dann anscheinend einen Kriegsplan entwickelte; gleich darauf schwenkte er nach links ab, während Frau von Birken das Terrain nach rechts absuchte.

Diesen Augenblick benutzte Monika, um aus dem Zelt zu rasen, die Treppe hinauf, die in den ersten Rang führte, wo all die Logen waren; dort würde man sich gut verstecken können.

Wie ein Pfeil schoß sie hinauf, bog um die Ecke und prallte so heftig an einen Herrn an, daß nur dessen schnelles Zufassen sie vor einem Falle bewahrte.

„Na, wohin so eilig?“ fragte er lächelnd.

Monika war zu atemlos, um zu antworten; sie blickte stumm den Fragenden an.

Er war ein Kavalier in der Mitte der dreißiger Jahre, ein vollendeter Typus des norddeutschen Aristokraten. Er war groß, auf breiten Schultern saß ein stolz getragener Hals, ein schmaler Kopf. Er hatte die hochsattelige Nase der vornehmen Rassen, kühle graue Augen, einen bürstenförmig kurzgeschnittenen Schnurrbart über dem harten Mund. Er betrachtete mit Interesse das glühende, schöne Mädchen. „Vor wem sind Sie denn auf der Flucht? Vor welchem Argus?“

„Argus stimmt auffallend,“ lachte Monika.

„Hier finden Sie ein tadelloses Versteck.“ Er öffnete die Tür einer der Logen, die leer war.

Monika ließ sich auf einen der Stühle nieder.

„Erst mal atmen!“ sagte sie.

Ihr schlug das Herz zum Zerspringen, von dem schnellen Laufen sowohl als auch wegen der ungewohnten Situation: allein mit diesem schönen Unbekannten, auf drei Seiten von schirmenden Logenwänden umschlossen und vor sich den Blick auf des Ballsaals tobendes Gewühl da unten.

Ihre anfängliche Befangenheit schwand schnell bei der überlegen sicheren Art, mit der ihr Begleiter das Gespräch führte. Bald vergaß in angeregtester Konversation Monika ihre Verkäuferinnenpflichten.

Mit hellem Lachen nahm sie die scharfen Urteile auf, die ihr Begleiter über die Leute da unten im Ballsaal fällte.

Er kannte eine Menge Menschen; er nannte die Herren, die sich beflissen um die Sektbude der Frau Geheimen Kommerzienrat von Dresdener drängten und nannte ihr auch die Summen, mit denen diese Herren den adelsfreundlichen Kommerzienrat angepumpt.

Das rosa Mullkleid der Gräfin Himmlingen-Wolfsfeld war wahrhaftig jugendlicher als das ihrer jüngsten Enkelin, die im Nebensaale verkaufte.

Die jungen Mädchen, welche eben in einer Rotte von etwa einem Dutzend auf den Prinzen Balduin losstürzten, den seine riesenhafte Gestalt und der Hausorden des Hauses Hohenzollern weithin kenntlich machten, glich einer Horde von Haifischen, „ja, den Haifischen bei Saint-Thomé“.

„Haben Sie die selbst gesehn?“ fragte Monika interessiert.

„Ja, bei Saint-Thomé am Aequator. Das Wasser ist dort so sonderbar durchsichtig wie Glas. Bei fünfzehn Meter Tiefe sieht man noch den Grund, sieht all das Tierzeug, besonders viel Haifische. Und wenn einer von uns an Bord unserer Jacht bei den Schießübungen, die wir aus Langerweile anstellten -- wir schossen auf die Haie in der Tiefe -- dann so eine Bestie traf, dann stürzten die anderen Haie mit unnennbarer Gier über ihn her. Grad’ wie dort unsere jungen Damen über den Prinzen Balduin.“

Monika lachte diesmal nicht.

„So klar ist das Wasser dort?“ fragte sie.

Ihre Stimme hatte plötzlich etwas Träumerisches bekommen.

„O Gott, so tief kann man da hinuntersehn -- --? Wie durch Glas? Wie durch Kristall? -- Und all die Geheimnisse der Tiefe sind plötzlich aufgetan? Man sieht die grünen Algen und die Korallenbäume, rosa und weiß, tausendfach verästelt. Und die Quallen, jene sonderbaren Wesen, die halb Blumen sind und halb Tiere, treiben dahin und leuchten wie Opale und Amethysten -- --“ Ihre Augen schauten sehnsüchtig vor sich hin.

„Sie dichten ja,“ sagte er erstaunt, lebhaft interessiert von dem Geist, der in diesem jungen Gesichte war und den Ausdruck dieser Züge so oft wechseln ließ.

„Sind Sie zu Jagdausflügen in die Tropen gegangen?“

Monikas Phantasie ließ sie in ihrem Begleiter einen Nabob vermuten, einen Globetrotter, der nur der Haifische wegen nach Saint-Thomé fuhr.

Er lächelte ein wenig sarkastisch. „Nein, mein gnädiges Fräulein, ich war dienstlich drüben, als Vize-Konsul.“

„Ach wie interessant! Und wie schön gefährlich es drüben sein muß. Sind Sie oft krank gewesen? -- Malaria?“

Er lachte. „Nein, ich muß Sie enttäuschen. Es war nicht der Rede wert. Ueber achtunddreißig Grad hat es mein Thermometer nicht gebracht! Wir alle in der Familie sind so widerstandsfähig!“

Unwillkürlich reckte er seinen schönen, kräftigen Körper noch höher empor.

Sie warf ihm einen bewundernden Blick zu, sagte aber trotzdem: „Ich denke es mir eigentlich nett, hohes Fieber zu haben und schöne Fieberphantasien!“

„Ihre Anschauung ist ebenso originell wie unzutreffend. Fieber ist natürlich häßlich wie jede Krankheit, häßlich wie alles, was den Menschen aus dem seelischen oder körperlichen Gleichgewicht bringt.“

„O, Gleichgewicht ist so langweilig!“ sagte Monika. Ihre Augen und Zähne blitzten; sie fühlte ein starkes Bewußtsein von Kraft sie überfluten, wie immer, wenn sie sich gegen die Norm auflehnte. Und wie immer verbiß sie sich in den einmal gefaßten Gedanken, drehte und wendete ihn, zeigte ihn in verschiedenen Beleuchtungen wie einen Edelstein, auf dessen Schleiffläche man das Licht fallen läßt.

Sie sagte: „Das Gleichgewicht? Schrecklich ist das! Das schließt ja von vornherein alles aus, um das es sich lohnt zu leben: jeden Rausch schließt es aus, jedes Wunder schließt es aus.“

Der sarkastische Zug um seine Mundwinkel vertiefte sich.

„Glauben Sie an Wunder?“

„Ja.“

Sie war hinreißend schön in diesem Augenblick; ihre Züge waren wie verklärt vom heißen Glauben der Jugend, dem nichts unmöglich scheint, nichts unerreichbar. Der sich Wunder schafft mitten im grauen Alltag.

„Möglich, daß Sie beneidenswert sind,“ sagte er. „Ich habe nie an Wunder geglaubt, ich bin ein nüchterner Mensch, an allzuviel Phantasie leidet meine ganze Familie nicht.“

Dann ging das Gespräch weiter. Monikas elektrische Art ließ den Mann mehr aus seiner norddeutschen Reserve heraustreten, als er sonst wohl tat. Er fühlte sich angeregt wie selten, im Banne dieser dunkeln Augen, dieses lachenden, roten Mundes, der frühreif geistreiche und kindisch dumme Sachen durcheinanderplauderte.

Er hätte gern gewußt, welchen sozialen Kreisen Monika angehörte; ihr Wesen und ihre Bildung ließen auf beste Herkunft schließen, aber zwischendurch äußerte sie mal plötzlich eine Frivolität oder eine recht naturalistische Auffassung, die nicht zu dieser Vermutung passen wollte.

Jedenfalls war sein Ton dadurch freier zu ihr, als er es gewesen wäre, wenn er ihr in einer Privatgesellschaft vorgestellt worden.

Er überlegte gerade, ob er sie um ein Rendezvous bitten solle, als die Logentür heftig aufgerissen wurde.

Monika fuhr mit einem halblauten Schreckensschrei zusammen; sie vermutete einen Racheengel in der Gestalt von Heinzemännchen, der sie zwar nicht mit flammendem Schwerte, aber mit der Drohung von der „verletzten Familienehre“ aus diesem Paradiese vertreiben würde. Aber es war nur ein Artillerieleutnant mit liebebedürftigem Gemüt, der sich, eine üppige, schwarzgelockte Pseudo-Italienerin am Arme, in diese Logen-Einsamkeit zu flüchten suchte. Enttäuscht klappte er die Tür gleich wieder zu.

Man blieb von neuem allein, aber in Monika regte sich nun doch das Gewissen; sie raffte den Korb mit den Rosen auf, der die ganze Zeit ihr zu Füßen gestanden, und bezichtigte sich selbst einer schreienden Herzlosigkeit gegenüber den unglücklichen Lungenkranken. Da sitze sie nun seit einer guten halben Stunde hier, statt ihre Blumen zu verkaufen.

„Bitte, bitte, bleiben Sie doch,“ bat er, „ist es denn wirklich ein größeres Vergnügen, sich da drunten abzuhetzen und allen möglichen Leuten Rosen anzubieten?“

„O, sicher ist es hübscher hier,“ sagte Monika mit naiver Offenherzigkeit, „aber meine Rosen -- --“

„Ich kaufe sie Ihnen alle ab, dann bekommen die Lungenkranken auch ihr Scherflein, und Sie brauchen sich nicht anzustrengen, sondern bleiben noch ein bißchen hier und erzählen mir von den Wundern, an die Sie glauben!“

Monika war unschlüssig. Sie wußte nicht, ob der vorgeschlagene Handel korrekt war. Aber sie ließ es geschehen, daß der Unbekannte ihr die Rosen aus dem Körbchen nahm und eine Banknote dafür hineinschob.

Und sie blieb mit schlechtem Gewissen, in Angst vor Strafe, -- aber sie blieb. Und fühlte sich selig wie noch nie im Leben! Es war ihr förmlich ein körperliches Wohlgefühl, in diese kalten, grauen Augen zu sehn, diese scharfe, ans Befehlen gewöhnte Stimme zu hören.

Noch eine Viertelstunde..... und noch eine.... Aber endlich rang sie sich es doch ab, wieder hinunterzuwollen an die Stätte der Pflicht, den Verkaufsstand ihrer ~dame patronesse~.

„Wirklich, -- wirklich, ich muß jetzt weg.“

Sie stand vor ihm, in so offenbarer Betrübnis, diesem Beieinandersein ein Ende machen zu müssen, daß ihm ganz warm ums Herz wurde.