Part 6
„Ach, Ihr heuchelt bloß wieder, Jungens. Lebt Ihr denn der Mama zuliebe? Wenn Alfred für achtzig Mark Schulden macht im Zigarrengeschäft und Heinrich sich verbotene Bücher kauft und Karl den ganzen Zucker stibitzt -- na, ich will ja gar nichts gegen Euch reden. Mir ist das alles egal. Ich bin froh, wenn Ihr mich zufrieden laßt. Aber das ist nicht zu leugnen, daß Ihr Euch selbst zuliebe lebt! Und das tun überhaupt alle Menschen!“
„Mone, wie Du das sagen kannst, mir sagen kannst, bei meinem Gemüt!“ entrüstete sich Frau von Birken. „Meine ganze Jugend habe ich Euch hingeopfert. Immer bin ich im Kinderzimmer gewesen, auch als Ihr zwei Gouvernanten gleichzeitig hattet: Miß Smith, die liebe Person, und Mademoiselle Marguerite, das entzückende Mädchen.... Ich -- habe ich je mir selbst zuliebe gelebt? Habe ich je an mich selbst gedacht? -- Wo gibt es noch eine Mutter, die ihre Kinder so verwöhnt hätte wie ich, sie so gestopft -- ja geradezu gestopft mit Leckerbissen -- und mit Euch gespielt hab’ ich und mit Euch gelernt. -- Und das habt Ihr auch gewußt. Ja, als Ihr klein wart, wart Ihr noch dankbar. Gebrüllt habt Ihr, wenn ich auf Bälle ging -- Euch an mein Kleid geklammert, damit ich dableiben solle... Das cremeseidene mit der griechischen Stickerei hast Du mir direkt entzweigerissen, Mone, als Du fünf Jahre alt warst, an dem Abend, als ich zum Regimentsball nach Hahndorf wollte... Und Heinzemännchen wollte sich direkt aus dem Fenster stürzen, aus der ersten Etage in Sarkow, als wir in großer Gesellschaft einen Schlittenausflug unternahmen ... Gott, wie heute weiß ich es noch! Ich war gerade im Begriff, in den Schlitten zu steigen -- einen grauen Samtmantel hatte ich an mit Chinchillabesatz, und ein kleines Barett, wie es damals neueste Mode war -- außer mir trug es noch niemand im ganzen Kreise. -- Und Herr von Schmettwitz bietet mir die Hand zum Einsteigen -- und plötzlich wird in der ersten Etage ein Fenster aufgerissen, und auf dem Fensterbrett steht Heinzemännchen und schreit... schreit, daß mir die Ohren gellen: er spränge runter, wenn ich ihm nicht verspräche, dazubleiben. -- Ach Gott, den Augenblick vergesse ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Ich rufe und schreie: ja, ja, ich bleibe! -- Aber Heinzchen beugt sich noch weiter vor. -- Und Euer Papa wie ein Sturmwind die Treppe hinauf und reißt den Jungen in seine Arme. Hauen wollte er ihn! Aber das habe ich natürlich nicht erlaubt! Und weil ich doch natürlich den Ausflug nicht versäumen wollte, habe ich Heinzchen mitgenommen. Ach, wie süß er aussah in seinem blauen Mäntelchen mit dem echten Persianerkragen... Ja, so geliebt habt Ihr mich! -- Und jetzt ist das der Dank. Daß Mone solche Sachen sagt und mich des Egoismus bezichtigt...“
„Aber, Mama, ich habe doch nichts von Dir gesagt, sondern daß die Menschen im allgemeinen...“
„Dann hättest Du mich wenigstens davon ausnehmen sollen. Wenn Du Euch so charakterisiert hast, dagegen kann ich ja gar nichts einwenden. Ihr seid auch alle egoistisch! Nicht einer, der mein Gemüt geerbt hätte!“
Aufseufzend warf die zierliche Frau einen Blick in die Runde, betrachtete die vier Gestalten mit den breiten Schultern, dem trotzigen, kurzen Genick -- sah auf die üppigen Münder, hinter denen die blanken Zähne lauerten, sah in die vier jungen Augenpaare, in denen der trotzige Spruch geschrieben stand:
„Mir selbst zuliebe!“
Wildpflanzen waren sie alle vier! -- Schon in ihrer zarten Jugend waren die Birkenschen Kinder bekannt gewesen für ihre Ungezogenheit.
Der Baron hatte die Erziehung seiner Sprößlinge völlig seiner Frau überlassen: er selbst war vollauf damit beschäftigt gewesen, das Grandseigneur-Leben zu führen, das er liebte.
Er war seinerzeit als wenig begüterter Junker bei den Hahndorfer Dragonern eingetreten; trotz seiner geringen Zulage hatte er von allen Herren des Regiments am elegantesten gelebt.
Er hatte Glück. Gerade als seine Schulden anfingen, bedenklich zu werden, starb sein Onkel, der kinderlose Besitzer von Sarkow, der einst ihm, dem Verwaisten, Vormund gewesen und ihm nun Sarkow vererbte.
Er hatte sich sofort zur Reserve überführen lassen. Der Dienst hatte ihm, der einen starken Hang zur Bequemlichkeit hatte, nie viel Freude gemacht. Es war mehr die Tradition seiner Familie als innere Notwendigkeit gewesen, die ihn zum Soldaten gemacht.
So hatte er denn ganz gern den bunten Rock mit dem Frack vertauscht, den er an lustigen Abenden in Monte Carlo, Spa, Trouville und Biarritz trug.
Johann Birken war fast zwei Jahre auf Reisen gewesen, ehe er sich persönlich der Verwaltung seines Gutes widmete.
Er fand Sarkow sehr langweilig -- so langweilig, daß er auf die Idee verfiel, sich zu verheiraten.
Er verliebte sich bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt in die Tochter eines dortigen Universitätsprofessors: die schöne Mali.
„Die schöne Mali“ hieß hauptsächlich darum so, weil ihre Schwestern gar so häßlich waren.
Vier Schwestern hatte sie, die waren unsinnig gebildet, und es ging die Sage von ihnen, daß sie ihrem Vater bei den schwierigsten Arbeiten halfen, daß sie Latein und Griechisch redeten wie ihre Muttersprache.
Von diesem klassisch gebildeten Hintergrund hob sich die schöne Mali doppelt wirkungsvoll ab.
Statt der philosophischen Gelehrsamkeit besaß sie schöne, dunkle Augen und einen leichten Sinn.
Neben dem blassen Teint der Schwestern wirkten ihre blühenden Farben desto schöner; neben der Schwestern knochiger Größe nahm sich ihre zierliche, geschmeidige Figur doppelt graziös aus -- kurz, man konnte sich keine vorteilhaftere Folie denken für die schöne Mali.
Baron Birken, der seinen stark ausgeprägten Adelsstolz auf seinen Reisen, inmitten der internationalen Milieus, zum großen Teile abgestreift hatte, hielt kurz entschlossen um des Professors schöne Tochter an.
Achtzehn Jahre war sie alt, hübsch, temperamentvoll, nicht unbemittelt -- kurz, diese Liebesheirat schien ihm außerdem nicht unvernünftig.
Die Ehe war alles in allem weder glücklich noch unglücklich zu nennen gewesen.
Der Baron ärgerte sich oft über den Hang zur Unordnung, den seine Frau hatte; sie besaß ein geradezu hervorragendes Talent, ihre Sachen durcheinander zu werfen und zu verlegen.
Mitunter fand er Mali auch reichlich kokett und äußerte dann seine Mißbilligung in harten Worten. Aber ihr jugendlicher Charme, ihre liebenswürdige Gemütsart versöhnten ihn immer bald wieder.
Mali hatte sich in ihrer Ehe oft „unverstanden“ gefühlt.
Ihr Mann besaß so sehr wenig geistige Bedürfnisse, besaß auch nicht „so viel Gemüt“, wie sie es gewünscht hätte. In ihren ganzen Lebensanschauungen gingen die Eheleute sehr auseinander.
Die liberalen Ansichten, die Mali aus ihrem Vaterhause mitgebracht, stimmten schlecht zu den Meinungen des Gatten, der -- wenn auch nicht in extremer Weise -- durchaus konservativen Anschauungen huldigte.
Doch gab es Punkte, in welchen die beiden in ihren Gesinnungen durchaus zusammentrafen: sie hatten beide einen sehr ausgeprägten Sinn für Gastfreundschaft, liebten Gesellschaften und rauschende Vergnügungen -- Luxus jeder Art.
Da bei ihnen diese Anlagen durch keinerlei Selbstdisziplin gezähmt wurden, so hatte es nicht lange gedauert, bis ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sich verschlechterten.
Die Jeu-Leidenschaft des Barons beschleunigte den pekuniären Abstieg, und schließlich hatte Birken froh sein müssen, als ihm sein Schwager, Herr von Holtz, das total überschuldete Sarkow für einen anständigen Preis abkaufte.
Mit dem kleinen Kapital, das sich als Ueberschuß ergeben, ging’s nun der Großstadt zu, dem Schlachtfelde, auf dem die schwankenden Existenzen siegen oder verderben.
Der Baron Birken war keine Siegernatur gewesen, wenn es arbeiten hieß. Er gehörte zu den Leuten, denen man alle guten Eigenschaften zubilligt, solange sie im Besitz von Stellung und Vermögen sind.
Wenn sie auf den Höhen des Lebens stehen, scheinen diese Leute in eine Waffenrüstung gekleidet, geschützt und umpanzert, bewehrt und bewaffnet mit gutem Stahl, aber das sind Turnierwaffen, glänzende Nichtigkeiten, machtlos wie Pappschwerter, wenn es kein Turnier mehr gilt, sondern eine Schlacht, die Schlacht des hartgrinsenden Lebens.
Was half es Birken, daß er ein ausgezeichneter Reiter war, wenn er sich um eine Stellung als Versicherungsinspektor bewarb? --
Was halfen ihm seine tadellosen Manieren, als er dem Chef, der den Posten eines Disponenten zu vergeben hatte, gestehen mußte, daß er von Buchführung keine Ahnung hatte? --
Was half ihm seine Gentleman-Gesinnung, als er nach „Branchekenntnis“ gefragt wurde bei dem Schuhwarenfabrikanten, der einen gut bezahlten Vertrauensposten zu vergeben hatte? --
Die blanken Waffen des Barons Birken waren Kinderspielzeug, als die Not ihn rief. Und er ergab sich, war besiegt, ohne sich gewehrt zu haben, -- ein gebrochener Mann!
Seine schönen Hände mit den rosigen, manikürten Fingerspitzen waren nicht von jenen, die zupacken mit tödlich sicherem Griff, waren nicht von jenen, die sich zu trotzig willensstarken Fäusten ballen. Schöne Hände waren es, schöne, nutzlose Hände, nur gemacht, um einen Pferdezügel zwischen den Fingern zu fühlen, ein paar Kartenblätter zu halten, Goldstücke zu verstreuen.
Und diese schönen Hände lernten es, sich zusammenzukrampfen in Not, in tatenloser Verzweiflung.
Es stand schlecht um die Familie.
Mali jammerte von früh bis spät. Was sie aber nicht verhinderte, oft recht glücklich zu sein. Oft trug sie ihr Leichtsinn über Abgründe hinweg, in denen andere schaudernd versinken.
Wohl strengte sie oft ihre Lungen in geradezu übermäßiger Weise an, um ihren Mann an seine Pflicht zu erinnern: „Du mußt aufstehn, Johann. Glaubst Du, Du bekommst eine Stellung, wenn Du jeden Tag bis ein Uhr im Bett liegst?! Du mußt doch für uns sorgen!! Ich laufe immer noch mit dem Kleid vom Frühjahr herum, und Alfred und Heinzemännchen klagen, der Lehrer hätte sie schon zum zweiten Male nach dem Schulgeld gefragt...... O Gott, wie soll das alles noch enden?“
Eine Antwort war ihr auf diese Frage nicht zuteil geworden. Herr von Birken war weniger expansiv als seine Frau. Was er gelitten haben mochte in der ihn demütigenden Rolle des Bittstellers, das wußte niemand. Das Leben, das er führte, hatte ihn bald mürbe gemacht: sein willensschwacher Charakter hielt nicht stand, -- sein Charakter verkümmerte wie ein Baum, den man der Heimatserde entrissen.
Dann kam eine Lebensperiode, die Frau Mali als Aufschwung bezeichnete: der Baron Johann von Birken-Sarkow hatte eine Stellung als Sektreisender gefunden. Er war blaß wie Kalk, als er seiner Frau diese Neuigkeit mitteilte. Seine Zähne waren so fest zusammengekrampft, daß sich die Worte nur mit Mühe zwischen ihnen Bahn brachen.
Aber das hatte Frau Mali nicht bemerkt. Sie war ganz begeistert, -- eine so berühmte Firma -- -- ein so reichliches Gehalt! --
Gott sei Dank, nun würden die bösen Tage vorüber sein. Mit der kleinen Rente, die man aus dem Schiffbruch gerettet, ließ es sich doch auch gar zu schlecht leben.
Aber Mali war, wie so oft, zu hoffnungsfreudig gewesen. Ihr Mann, der früher immer ärgerlich jeden solchen „Sektfritzen“ abgewiesen, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, war nicht die geeignete Persönlichkeit, um nun selber die andern zum Kaufen anzuregen.
Die Firma hielt ihn einige Zeit wegen seines klingenden Namens, seiner vornehmen Erscheinung, aber schließlich kam der Tag, an welchem sein Chef ihn darauf aufmerksam machte, daß seine Gesundheit vielleicht diesem Reiseleben nicht gewachsen sei. Herr von Birken bat darauf um seine Entlassung.
Und dann ging es schnell abwärts. Eine schwere Nierenkrankheit ruinierte diesen mächtigen Körper.
Mali entfaltete in der Leidenszeit ihre besten Eigenschaften, mit aufopfernder Sorgfalt und unermüdlicher Hingabe pflegte sie den Schwerkranken.
Wieder trat ihre seltsame Charaktereigenschaft zutage: hauptsächlich die Leute gut zu behandeln, denen es recht schlecht ging.
Ueber den Ernst der Krankheit war sie sich nie ganz klar; sie jammerte zwar über ihr schweres Los, aber an eine Lebensgefahr dachte sie nicht.
Die Kinder wurden in dieser Zeit etwas vernachlässigt; es blieb wirklich keine Zeit, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Alfred wurde aus dem Kadettenkorps, in dem er nur wenige Monate zuvor aufgenommen worden war, zurückgeschickt. Sein störrischer Charakter, sein Mangel an Autoritätsglauben hatten es den Erziehern ratsam erscheinen lassen, ihn aus dem Korps zu entfernen.
Zu Hause zeigte er sich verschlossen und seltsam wie immer, dazu unbotmäßig gegen die Mutter, die ihm ja nie weder Liebe noch Respekt eingeflößt hatte.
Monika, die bis dahin ein sehr herzliches Verhältnis zur Mutter gehabt, in regstem Gedankenaustausch mit ihr gestanden, begann nun geistig eigene Wege zu gehen, schwelgte in Gedankengängen, deren heiße Phantastik ihrer Entwicklung Gefahren bot.
Heinrich wurde noch verschlossener, als er es schon gewesen, und Karl bildete seine hervorragende Begabung fürs Lügen noch weiter aus. Er „schwänzte“ oft mehrmals wöchentlich die Schule, fand immer neue Entschuldigungsgründe dem Lehrer sowie der Mutter gegenüber, und blickte bei seinen haarsträubendsten Lügen mit so taubenhaft unschuldigen Augen und so gleichmäßig rosigen Wangen in die Welt, daß man ihm immer wieder glaubte.
In dieser Atmosphäre von Krankenstubenluft und wirtschaftlichem Rückgang begann eine böse Saat aufzukeimen in den vier jungen Seelen. Zwischen diesem langsam sterbenden Vater, dessen tiefe Apathie mitunter durch aufflackernde Wutanfälle unterbrochen wurde, und der fahrigen Mutter mit den ewig mädchenhaften Bewegungen und dem Mangel an Selbstdisziplin wuchsen diese vier Kinder empor, schossen in Blüte wie Unkraut.
Es war keine Faust über ihnen, die mit sicherem Griff ihr Leben in gebahnte Gleise gelenkt hätte. Sie gingen ihre eigenen Wege. Ihre Wünsche durchsetzend um jeden Preis, begannen sie ihr Leben zu leben einfach und brutal, jung und genußsüchtig...
5.
Die ersten Tage nach Monikas Rückkehr konnte sich Frau von Birken nicht dem großen Einfluß entziehen, den ihre Tochter auf sie ausübte. Keines ihrer anderen Kinder war von so strahlender Lebenslust erfüllt wie Monika, keines der anderen hatte eine so amüsante Art.
Trotzdem stand in den Gefühlen der Mutter Heinrich unbedingt obenan.
Monika erhielt den zweiten Platz, in weitem Abstande folgte Karl und in unmeßbarer Distanz Alfred.
Die Lieblingskinder hatten Vorrechte, die den anderen nie zuteil wurden. Frau von Birken machte da die merkwürdigsten Unterschiede: Heinzemännchen bekam ein gutes Frühstück ans Bett, Monika ein weniger reichhaltiges auch ans Bett, Karl mußte aufstehen, bevor er frühstückte, und für Alfred wurden überhaupt keine Umstände gemacht.
Seitdem jetzt Monika zurückgekehrt, hatte die Mutter viel Zeit für sie. Wenn die Jungen vormittags im Gymnasium waren, setzte sich Frau von Birken oft zu ihrer Tochter ans Bett. Monika war im Gegensatze zu ihrer Mutter, die sich schon um sieben Uhr früh im Haushalt beschäftigte, nur schwer zum Aufstehen zu bewegen. Arbeit im Haushalt war ihr vollends verhaßt.
Frau von Birken hielt ihr diese beiden Punkte ihres Betragens täglich in tadelnder Weise vor, aber sie erreichte nicht das mindeste damit; sie wußte auch eigentlich ganz genau, daß das alles in den Wind gesprochen war. Aber das hielt sie nicht davon ab, Monika jeden Morgen dieselben Vorwürfe zu machen.
„Was soll bloß aus Dir werden?! Wenn ich ein so großes Mädchen wäre, ich würde mich schämen, faul im Bette zu liegen, wenn meine Mutter arbeitet. Ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, was aus Dir werden soll. Mit der Schule bist Du jetzt fertig, -- heiraten wirst Du nicht, -- heutzutage heiratet man kein armes Mädchen. Mehr als eine ganz kleine Rente das Jahr kann ich Dir nicht mitgeben. Der Papa hat so wenig hinterlassen; wenn er nicht so hoch versichert gewesen wäre, könnten wir jetzt Hunger leiden. Und mit dem winzigen Zuschuß, den ich Dir geben kann, findest Du keinen Mann. Hübsch bist Du auch nicht besonders -- --“
„Ohh -- -- --,“ flehte Monika, „ohh --“
„Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, -- Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, -- ich habe heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende Kinderaugen muß es haben.“
„Na, groß sind doch meine Augen genug!“
„Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! -- Und ein kleines, kleines Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.“
„Nur die Lumpe sind bescheiden!“
„Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an. Also: hübsch bist Du nicht. Klug, -- ja, das will ich nicht leugnen. Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige Ausbildung legen, -- zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.“
„Ich möchte Schriftstellerin werden.“
„Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin doch Deine Mutter, -- na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich Manuskripte abgeschickt -- und alle, alle habe ich sie zurückbekommen. Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept, -- -- und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr Gemüt habe als Du --“
„Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,“ versicherte Monika.
„Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,“ klagte die Mutter weiter, „um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der Papa auch schon immer gesagt: „um meine Söhne ist es mir nicht angst, aber um Monika.“ -- Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten wäre es vielleicht, Du würdest studieren.“
„Aha, Tante Kläres Prinzipien,“ bemerkte die Tochter.
„Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch leichter lernst.“
„Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren zu raten?“
„Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine geachtete gesellschaftliche Position. ‚Fräulein Doktor‘ ist doch ganz was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt, -- er hätte es „unstandesgemäß“ gefunden, -- aber ich habe solche Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit mit.“
„Und mit Tante Kläre -- --,“ sagte Monika ironisch.
Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.
Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres so ungünstig beurteilt; die anderen Leute fanden sie doch hübsch, sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte Abneigung gegen den Begriff der „Studentin“ gehabt hätte. Sie selbst kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.
Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen vorbereitet wurden.
Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor ihre knappen Fragen stellte.
„Ihr Name?“
„Freiin Monika von Birken.“
„Alter?“
„Sechzehn.“
„Bisheriger Bildungsgang?“
„Ich habe die Töchterschule von Fräulein von Zieritz absolviert.“
„Als ~prima omnium~,“ fiel Frau von Birken ein, mit liebenswürdig verlegenem Lächeln; sie hatte vor dem gestrengen Fräulein Doktor viel mehr Angst als Monika.
Fräulein Doktor Stark würdigte die Baronin nicht einmal eines Seitenblicks.
„Wie denken Sie über die Stellung der Frau im gegenwärtigen Leben?“ inquirierte sie Monika weiter.
Die Angeredete war etwas verblüfft; ihre sonstige Schlagfertigkeit schien sie im Stiche lassen zu wollen.
„Hm, wir haben es doch schließlich eigentlich in den meisten Sachen bequemer als die Männer,“ sagte sie.
Fräulein Doktor zuckte empört die Achseln und sagte:
„Eine bedauerliche Unreife! Aber sonst spricht nichts gegen Ihre Aufnahme in meine Gymnasial-Kurse. Ihre Ansichten werden Sie bei uns schon ändern.“
Diese Ueberzeugung der Gestrengen erwies sich als nicht stichhaltig.
Nachdem Monika eine Zeitlang an den Kursen teilgenommen, war ihre Lebensauffassung immer noch die gleiche.
Infolge ihrer eminent leichten Auffassungsgabe gehörte sie nach kurzer Zeit zu den besten Schülerinnen, ausgenommen in Mathematik, einer Wissenschaft, von der sie nie auch nur das geringste verstand.
Alles in allem machten ihr diese Kurse sehr viel weniger Eindruck, als sie erwartet. Es war eigentlich wie in der Schule von Fräulein von Zieritz, nur daß man hier mit dem Vatersnamen aufgerufen wurde, statt wie dort mit dem Vornamen, und daß die Schülerinnen hier nicht einheitlichen Alters waren, sondern in den verschiedensten „Jahrgängen“. Und die Damen stammten aus den verschiedensten Milieus.
Neben Fräulein von Roch, der Tochter eines aktiven Generals, mit den korrekten Manieren der preußischen Offizierstochter, saß Olga Iwanowna Safiro, eine Russin von vager Herkunft und recht asiatischem Benehmen.
Neben Frau Kramer, einer Frau mit ergrauenden Schläfenhaaren, die zu Hause zwei halbwüchsige Kinder hatte, saß ein kaum sechzehnjähriges Mädel, das vor wenigen Wochen noch die Schule besucht.
Neben dem abgerissen gekleideten Mädchen, das sich nicht satt aß, um Geld für die Kurse aufzubringen, saß die Tochter eines Kommerzienrats, die einen wahren Juwelierladen zur Schau trug.
Uebrigens waren so ziemlich alle in dieser aus allen Windrichtungen zusammengewehten Schar von ehrlichem Lerneifer erfüllt. Und fast alle waren sie durchdrungen von der Idee, daß nun eine neue Zeit für die Frau hereinbreche.
Vielleicht war Monika die einzige, die das ganze Studieren als eine Art Spiel auffaßte, die die „Mission“ nicht sehr ernst nahm.
Bei vielen der ernst strebenden Mitschülerinnen erregte ihre Art direkt Unwillen, um so mehr, als sie hier, wie auch früher in der Schule, einen ganzen Troß von Verehrerinnen und Anhängerinnen hatte, die jeden ihrer Witze dankbarst belachten.
Ihre erbittertste Feindin war Magda Kirchstett, ein schlankes, brünettes Mädchen von sechsundzwanzig Jahren. Von allen in der Klasse war sie wohl am meisten von der Wichtigkeit dessen, was man hier tat, durchdrungen. Oft hielt sie flammende Agitationsreden.
„Pioniere sind wir einer neuen Kultur, Schrittmacher für die Tausende von anderen, die nach uns kommen werden. Wir alle müssen durchdrungen sein von dem stolzen Gefühl: mit zu den Ersten zu gehören, die sich frei machen von jahrtausendelanger, alter Schmach. Der Mann hat uns schlimmer behandelt, als man Tiere behandelt. Er hat uns körperlich und geistig gemißhandelt und hat uns ausgebeutet in jeder Beziehung, er hat uns rechtlos gemacht, uns tausendfach gekreuzigt!