Part 5
„Ja, Doktor, es ist doch eigentlich sonderbar, daß Sie Ihr Leben hier so vertrauern. So rasend klug wie Sie sind und gebildet! Sie könnten doch eine Rolle spielen, könnten in großem Maßstabe wirken für die Allgemeinheit!“
Er lächelte höhnisch.
„Wenn mir die Allgemeinheit bloß nicht so verdammt gleichgültig wäre!“
„Oh!“
„Sieh mal, Kind, ich hab’ in meinen Brausejahren ja auch die Welt aus den Angeln heben wollen. Und zum Arzt war ich gewiß nicht gemacht. Ohnmächtig hingeschlagen bin ich, als ich das erstemal in den Seziersaal kam. Alles in mir hat sich aufgebäumt gegen den Anblick von Gebresten und Tod. Zu meiner Mutter bin ich hingestürzt: ‚Umsatteln! Ich will nicht Medizin studieren. Literaturhistoriker.‘ --
Na, die Antwort hättest Du hören sollen! Arzt werden sei ein Brotstudium, und das habe sie als Witfrau doch wohl um mich verdient, daß ich sie in absehbarer Zeit ernähre. Na, schön, ich habe nachgegeben. Man gewöhnt sich ja auch. Aber man sieht bei diesem Beruf zu sehr, was für ein armseliges Ding der Mensch ist! Und um nicht verrückt zu werden über all den gräßlichen Bildern, hab’ ich mich in die Philosophie geflüchtet, habe mich in die seltsamen, narkotischen Philosophien des Ostens vertieft: China und Indien.“
Er starrte träumerisch geradeaus.
Da traf Monikas Antwort sein Ohr. „Feig’ ist das!“
Wie ein Schlachtruf klang’s. „Feig’! Sein Leben zu verträumen und verdösen in solch künstlicher Gemütsruhe. Wie ein Sumpf ist das. Ich aber will raus, raus in die See! Und wenn ich tausend blutige Schmerzen haben werd’, so werd’ ich auch tausend brennende Freuden haben! Und werd’ leben, es in allen Adern fühlen, das herrliche, blutrote Leben!“
Ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Eine so heiße Welle von Kraft ging von ihr aus, daß sie zu dem müden Manne hinüberstrahlte, seine Nerven aufzucken ließ in sekundenlangem Leben.
„Hättest früher kommen sollen, Mone. Bist zwanzig Jahre zu spät geboren für mich. Viel früher hättest Du kommen sollen.“
Es war ein dumpfer Klang in seiner Stimme.
Und dann breitete er beide Arme aus und drückte sie fest an sich: „Leb’ wohl, Mone. Adieu, Kätzchen. Wenn Du wiederkommst, bin ich wohl nicht mehr da.“
„Oh!“ schrie sie erschreckt auf.
„Stille. Sehr lange spielt mein Herz wohl nicht mehr mit. Der edle Alkohol wird ihm zu viel. Stille, Kind! Eines lehren meine weisen Freunde aus dem Osten: anständig zu sterben...“
Monika war so erschüttert über diesen letzten Besuch bei Doktor Rodenberg, daß ihr der Abschied von Sarkow nicht so fühlbar wurde, wie sie geglaubt. Sie wollte von hier aus zu einer Schwester ihrer Mutter, um dort noch einige Zeit zu bleiben, ehe sie nach Hause zurückkehrte.
Herr und Frau von Holtz nahmen sehr herzlich von ihr Abschied.
Marie begleitete ihre Cousine zur Bahn. Sie hatte sich das selbst ausbedungen. Es war, als ob sie immer noch Angst hätte, daß Monika dableiben könne.
„Na, denn komm nur, Du Gefangenwärter,“ rief ihr Monika, die schon im Schlitten saß, zu.
Die Pferde zogen an. Leicht glitt der Schlitten über den blendenden Schnee, und die Glocken klingelten hell.
Die einförmige Fahrt wurde durch kein Gespräch unterbrochen. Schweigend saßen die Cousinen nebeneinander.
Ein paar Kilometer vor Neustadt wurde die tote, weiße Landschaft lebendig.
Eine Schwadron Dragoner kam daher.
Monikas Züge hellten sich auf. Sie lachte vergnügt den Soldaten zu, die ihr bewundernde Blicke zuwarfen, indes sie langsam an dem Schlitten vorbeizogen.
Die Offiziere grüßten.
Als letzter kam Roßberg, der sofort seinen Trakehner anhielt.
„Sie reisen?“ fragte er erstaunt.
„Ja,“ sagte Monika mit einer Schmollmiene, deren Koketterie Marie innerlich rasen ließ.
„Wie schade!“
„Ja, schade. Aber ich muß fort.“
Er sah ihr mit herzlichem Bedauern in die Augen:
„Kommen Sie bald wieder. Wir werden uns alle sehr freuen.“
Ein Händedruck -- und er sprengte hinter den anderen her.
Monika streifte mit einem Seitenblick das zornrote Gesicht ihrer Cousine. Eine plötzliche Empörung wallte in ihr auf gegen ihren unerbittlichen „Gefangenwärter“.
Trotzig warf sie den Kopf ins Genick und pfiff laut vor sich hin:
„Muß i denn -- muß i denn Zum Städtle ’naus Und du, mein Schatz, bleibst hier...“
Der Erfolg trat prompter ein, als sie erwartet.
Marie stieß mit geballten Händen einen unartikulierten Zorneslaut durch die Zähne. Und durch die klare Luft kam deutlich das Echo aus dem Munde des davongaloppierenden Reiters -- so lockend klang’s:
„Muß i denn, muß i denn Zum Städtle ’naus -- U -- und -- du -- mein Schatz...“
4.
„Heinzemännchen...“
Der Angeredete, der, in ein Buch vertieft, in einem roten Plüschsessel saß, gab ein unwilliges Grunzen von sich.
Aber Frau von Birken ließ nicht locker. „Heinzemännchen, willst Du den Kalbsbregen mit oder ohne Sardellen gekocht?“
„Mit!“ sagte Heinzemännchen energisch und versank von neuem in sein Gedichtbuch. Lyrik war seine Passion.
Frau von Birken, deren zierlich schlanker Erscheinung und deren hübschem Gesicht mit den blühenden Farben man ihre siebenunddreißig Jahre nicht anmerkte, setzte sich auf die Armlehne des Sessels und küßte das storre, braune Haar ihres Lieblingssohnes.
„Wieder in Poesie aufgegangen, mein Heinzichen? Was hast Du denn da? Den Eichendorff. Ach, himmlisch. Und wie Du gleich wieder so was Schönes herausgefunden hast...“
Sich über das Buch beugend, las sie:
„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen -- Als wir das letztemal im Park beisammen?“...
Sie las diese Zeilen mit pathetischer Betonung, indes sie begeistert den Kopf hin und her bewegte.
Heinzemännchen grunzte. Er war heute in trübsinniger Gemütsstimmung und gar nicht dazu aufgelegt, seine poetischen Empfindungen mit der Mutter zu teilen.
„Was hast Du heute eigentlich, mein Einzigstes? Wieder Aerger in der Schule? Nein? -- Das Mittagessen hat Dir doch geschmeckt? -- Der Schmorbraten war doch wirklich gut, und die grünen Erbsen so weich. Was hast Du denn? -- Heinzi, sag’s doch.“
Der Knabe stöhnte tief auf; er klappte schmerzlich die Lider halb über die braunen Augen und sagte:
„Eine schwere Jugend habe ich -- sehr, sehr schwer.“
„Aber, Liebling, warum? Ich tue Dir doch alles zuliebe.“
„Eine schwere Jugend,“ wiederholte Heinrich, „seit Papas Tode ruht alles auf meinen Schultern.“
„Heinzchen!“
„Ja, es ist doch aber so. Alles auf meinen Schultern. Denke Dir das Verantwortungsgefühl, das ich habe! Wie ich auf die andern aufpassen muß! Karls Leichtsinn gibt mir viel zu denken. Und Monika -- Gott, Monika ist meine schwerste Sorge.“
„Sie ist doch ein sehr gutes Mädchen, Heinzemännchen.“
„Ja, aber sie hat so gefährliche Anlagen. Das schreibt auch Deine Schwester Kläre...“
Heinrich zog ein Portefeuille heraus und entnahm diesem einen Brief.
„Ach, an mich...“
„Ja, Mama, ich vergaß, es Dir zu sagen. Aber es ist nichts Eiliges; ich habe ihn schon gelesen. Eine Charakteristik Monikas...“
Frau von Birken nahm ihrem Sprößling den Brief hastig aus der Hand und begann zu lesen:
„Liebe Mali,
Deine Bitte, Dir genau mitzuteilen, wie Monika sich hier bei uns macht, erfülle ich gern. Nach allem, was Du mir von ihr geschrieben, bin ich nicht ohne Besorgnis gewesen, sie bei uns aufzunehmen. Leider hat unsere Tochter Bertha schon sowieso nicht den Ernst, welcher nötig ist, um die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, für welche ich sie bestimmt habe. Bertha findet einstweilen an kindischen Vergnügungen: Schlittschuhlaufen, Tanzstunde usw. viel zu viel Vergnügen. -- Sie bereitet sich jetzt unter Leitung meines Mannes auf das Abiturium vor. Leider weiß sie das Opfer, das ihr Vater ihr bringt, indem er ihr so viel von seiner Zeit widmet, die doch durch seinen verantwortungsvollen Beruf als Oberlehrer schon so sehr in Anspruch genommen ist, nicht genügend zu würdigen.
Offen gestanden, ich habe sehr gefürchtet, daß Monika, wie Du sie mir geschildert hast, einen ungünstigen Einfluß auf Bertha ausüben würde -- um so mehr, als sie gerade aus Sarkow kam.
Du weißt: Deine Schwägerin, Frau von Holtz, nötigt mir nicht gerade hervorragende Achtung ab. Sie ist so recht eine Frau von der alten Schule -- ohne jedes Verständnis für die ungeheure Bewegung, die sich seit Jahrzehnten in der Frauenwelt vollzieht.
Sie erzieht auch ihre Tochter in tadelnswert unmoderner Weise, hat das dringende Bestreben, Marie bald zu verheiraten, lehrt ihre Tochter, in der Heirat das Endziel jeden Frauendaseins zu sehen. Ich weiß das alles von Monika, welche ja leider für ihre Tante Holtz sehr viel Zuneigung entfaltet.
Entschieden hat Frau von Holtz auf Monika nur verderblich gewirkt. Als Deine Tochter ankam, schwärmte sie uns vor von dem blauen Ballkleide, das ihre Tante ihr hatte arbeiten lassen -- denke Dir: dekolletiert! -- meiner Meinung nach sehr ungeeignet für solch junges Mädchen.
Ich möchte Dir auch nicht verhehlen, liebe Mali, daß Frau von Holtz Deiner Monika wie auch ihrer Tochter Marie vor den Bällen das Gesicht mit Reispuder gepudert hat -- eine Handlungsweise, die sich zu sehr charakterisiert, als daß ich sie näher bezeichnen möchte.
Erfreulicherweise wird Monika sich nicht dauernd von diesen frivolen Ratschlägen beeinflussen lassen.
Mit Dank und Verständnis nimmt sie es auf, wenn ich ihr klarmache, daß es nicht das Lebensziel einer modernen Frau sein darf, hübsch auszusehen und liebenswürdig zu sein, sondern daß es der innere Wert ist, der eine Frau zu dem Vollmenschen gestaltet, den unsere Zeit verlangt.
In unserem Bekanntenkreise gefällt Monika ganz ausgezeichnet. Gestern kamen mir in unserem Damenklub sehr schmeichelhafte Aeußerungen über sie zu Ohren. So sagte mir z. B. die Frau Geheime Baurat Wegener: „Ihre Nichte ist wirklich ein äußerst interessantes Mädchen.“ Andererseits kann ich Dir nicht verhehlen, liebe Mali, daß Deine Tochter auch gefährliche Anlagen besitzt...“
„Da hörst Du’s,“ unterbrach Heinzemännchen in bedeutungsschwerem Tone.
Mit ängstlichen Augen las die Baronin weiter.
„Erstens: Monika ist adelsstolz. So oft, wie ich ihr schon auseinandergesetzt habe, daß nicht ererbter Adel eine Zierde des Menschen ist, sondern einzig und allein nur der Adel der Bildung -- sie scheint mir nicht überzeugt zu sein.
Auch benutzt sie Briefpapier mit ostentativ großer Krone. Ferner zeigt sich bei ihr oft ein Hang zur Oberflächlichkeit, der die Freude an dem sonstigen Hochstand ihres geistigen Niveaus nicht ungetrübt erscheinen läßt.“
„Sogar sehr oberflächlich,“ bestätigte Heinzemännchen mit mißbilligendem Kopfnicken -- „gefährliche Eigenschaften hat sie.“
Eine Sorgenfalte grub sich in seine schmale Stirn.
Er hätte sich wohl des weiteren über seine Schwester ausgelassen, wenn nicht die Tür aufgerissen worden wäre. Karl, der jüngste Bruder, stürmte herein.
„Mamachen, bitte, eine Stulle mit Wurst.“
„Aber Karl, das ist die elfte heute.“
„Dafür habe ich auch kein Mittag gegessen.“
„Das ist es ja eben. Du verdirbst Dir den Appetit mit dem ewigen Butterbrotgestopfe. Du kriegst aber auch nicht eine einzige Stulle mehr,“ schalt die Mutter und verfügte sich mit bewunderungswürdiger Konsequenz in die Küche, um die verlangte Stulle herzustellen.
Karl zog mit seiner Beute triumphierend ab, und Heinrich versank wieder in die grünen Waldgründe Eichendorffs.
Frau von Birken aber verblieb einstweilen in der Küche. Sie hatte sich in ein Gespräch mit Martha, dem hübschen „Mädchen für alles“, verwickelt.
Die Baronin hegte eine glühende Anteilnahme für das Geschick aller Dienstboten, die sie je gehabt, sowie überhaupt für alle Angehörigen der unteren sozialen Schichten, die sie mit dem Sammelnamen: „die armen Leute“ zu bezeichnen pflegte.
In Sarkow war keine Tagelöhnerfamilie gewesen, in welcher die Baronin nicht jeden einzelnen Sprößling beschenkt hätte, und hier in Berlin widmete sie ihr Interesse den Portierfamilien sämtlicher Häuser, in denen sie schon gewohnt; es waren ihrer eine ganze Anzahl, denn länger als ein Jahr wohnte Frau von Birken in der Regel nicht in einer Wohnung. Warum sie so oft wechselte, wußte sie übrigens selbst nicht: sie war mit der jeweiligen Wohnung immer sehr zufrieden. Aber wenn der Kündigungstermin näher rückte, wurde sie nervös -- vielleicht würde eine neue Wohnung doch noch schöner sein?
Es war wohl besser, zu kündigen. Und so schnell würde ja die bisher innegehabte Wohnung auch nicht vermietet werden: wenn man nichts Besseres fand, konnte man ja immer noch bleiben. Also, sie kündigte.
Die Folge davon war, daß die jetzige Wohnung oft schon längst einen Mieter gefunden, wenn Frau von Birken sich noch gar nicht für eine neue entschieden hatte.
Sie tat das gewöhnlich erst einen Tag vor dem Umzug, zu welch letzterem dann keine „Ziehleute“ mehr aufzutreiben waren. Ein -- zwei Tage schwebte die Baronin dann in wahrer Verzweiflung, wußte nicht aus noch ein. Aber wenn dann der Umzug endlich vor sich gegangen -- meistens wurde dabei viel zerbrochen und beschädigt -- glätteten sich die Wogen der Erregung bald. Die neue Wohnung wurde entzückend gefunden, bis im nächsten Jahre dasselbe Spiel von neuem wieder begann.
Zu ihren Dienstboten verhielt sich Frau von Birken gerade wie zu ihren Wohnungen: sie fand sie begeisternd, aber sie wechselte sehr gern.
Uebrigens verabschiedete sie sie nie aufs Ungewisse hin.
Mit geradezu rührender Sorgfalt suchte sie ihnen neue Stellungen aus, erließ diesbezügliche Annoncen und schrieb ihnen Zeugnisse, nach denen die Mädchen von hervorragenden Eigenschaften geradezu strotzten.
Die jetzige war natürlich auch wieder eine Perle. Und wie nett sie zu erzählen wußte! Frau von Birken nahm lebhaften Anteil an den Schwankungen des Liebesverhältnisses, das Martha mit einem Schutzmann unterhielt. Die Herrin debattierte stundenlang mit dem Mädchen über die Frage, ob Otto sich zur Heirat entschließen würde oder nicht. Er konnte doch eine Frau ernähren bei der schönen Anstellung, die er hatte. Aber ob ihm zu trauen war?
„Nehmen Sie sich nur in acht, Martha.“
Gestern war er also wirklich nicht zu dem verabredeten Sonntags-Rendezvous gekommen? -- Das war doch entschieden sehr auffallend. Nun, vielleicht dienstlich verhindert?
„Aber er hätte jedenfalls schreiben können.“
Die beiden waren so in dieses passionierende Gespräch vertieft, daß sie das Läuten an der Korridortür überhörten.
Erst als Heinrich grämlich hereinrief, daß wohl erst die Klingel abgerissen werden solle, ehe sich Martha zum Oeffnen entschlösse, lief die letztere zur Tür.
Frau von Birken hörte ihren erstaunten Aufschrei. Gleich darauf wurde die Tür aufgerissen -- zwei Arme schlangen sich um den Hals der Baronin, ein ungestümer Mund preßte sich auf den ihren: Monika.
Die Mutter war zu überrascht, um Worte zu finden, aber Heinrich, der, seinen Eichendorff fest unter den Arm geklemmt, sich in der Küchentür sehen ließ, sagte ahnungsbang:
„Du wirst wohl wieder was Nettes angestellt haben, Mone.“
Monika ließ sich den brüderlichen Pessimismus nicht sehr zu Herzen gehen; sie umarmte den jungen Melancholiker freudestrahlend:
„Heinzemännchen, Du siehst schon wieder so lebensüberdrüssig aus wie ein asthmatischer Mops. Freust Du Dich denn nicht, daß ich wieder da bin? Oder belastet schon wieder die Verantwortung für mein Betragen Deine schwachen Schultern? Heinzemännchen, beruhige Dich -- ich habe immer noch weder Wechsel gefälscht, noch einen Leutnant entführt.“
Frau von Birken fand nun endlich Worte. „Was hast Du bloß für einen komischen Umhang um?“ fragte sie und strich erstaunt über die kapuzinerbraune Umhüllung aus schwerem Loden, welche Monika trug.
„Das? -- Ein Geschenk von Tante Kläre -- ein ausrangiertes von ihr. Sie sagt: ‚Frauen, die Toiletten-Luxus treiben, sind keine Vollmenschen.‘ -- Da ich aber zu einem solchen erzogen werden sollte...“
„O, Mone, Mone...“
„So bin ich ausgerückt. Hurra, hurra, hurra!“ Monika warf ihre geliebte Pelzmütze in die Luft. „Martha, was zu essen, aber viel und gut! Ist was in der Speisekammer? Nein? Na, natürlich -- wie gewöhnlich. Gehen Sie bloß schnell was holen: Leberwurst und Semmeln und Butter und zwei Zuckerkringel -- ich bin ganz verhungert.“
Martha eilte fort, und Frau von Birken sagte mißbilligend: „Mone, wieder so materiell! Gleich in der ersten Minute des Wiedersehens ans Essen zu denken...“
„Und Du hast in der ersten Minute nur an meinen Umhang gedacht, an den braunen Umhang. Wir nehmen uns nichts, Mamachen. Du denkst an die Kleidung, ich ans Essen -- fürs Epikureische sind wir alle beide, Gott sei Dank.“
„Ach, Mone, Du bist genau wie immer,“ klagte Frau von Birken, indes sie ihrer Tochter ins Eßzimmer folgte. „Und ich hatte gedacht, Du würdest Dich geändert haben. Gerade von Tante Kläre habe ich Einfluß auf Dich erwartet.“
„Ach, es ist komisch, Mamachen, es hat eigentlich niemand Einfluß auf mich. Ich habe so andere Ansichten. Die würde ich ja gern ändern, wenn mich irgend jemand durch Argumente überzeugen könnte. Aber was die andern sagen, das ist nie stichhaltig: das zerfetze ich mit ein paar Worten. -- Wenn mich irgend jemand überzeugen könnte, mir eine Direktive geben -- ~mais je ne demande pas mieux~.“
„Nun sage lieber bloß schon gleich, was Du angestellt hast,“ sagte das geliebte Heinzemännchen trocken.
„Was ich angestellt habe? Ach, gar nichts. Bloß daß sich der Doktor Schelling in mich verliebt hat.“
„Aha, ein Mann,“ bemerkte Heinrich.
„Na -- sozusagen,“ erwiderte Monika gedehnt. „Er ist kleiner als ich und schmäler als ich, und außerdem hinkt er auf dem linken Fuß...“
„Mone, Deine Art, auf Aeußerlichkeiten Gewicht zu legen, ist schrecklich: ich kenne den Doktor Schelling -- ein sehr geistreicher, feinsinniger Mann...“
„Aber, Mama, wie er aussieht -- direkt verboten!“
„Mone, Du wirst wieder gemütsroh. Wo Du das nur herhast? Wenn ich so denke: das Gemüt, das +ich+ habe! Bei meinem Gemüt, Mone...“
„Gott sei Dank hab’ ich das nicht geerbt, Mama. Aber um auf den Doktor Schelling zurückzukommen: der ist Tante Kläres Seelenfreund, Partisan der Frauenbewegung natürlich. -- Großartig, was sich die beiden jeden Tag zwischen fünf und sechs zu erzählen haben. Bertha und ich wurden dann immer mitzugezogen, um zu modernen Mädchen, zu Vollmenschen heranzureifen; ‚neue Horizonte eröffnen‘, nannte das Doktor Schelling.“
„Und Du hast Dich gewiß unpassend benommen?“
„Aber keine Spur! Reizend war ich, direkt niedlich. Ich habe sogar Goethe zitiert, den ich doch eigentlich nicht ausstehen kann. Natürlich Leonore -- natürlich:
‚Ich höre gern, wenn kluge Männer reden, Daß ich verstehen lerne, wie sie’s meinen...‘“
Frau von Birken atmete erleichtert auf.
„Wahrhaftig, Du warst nicht ungezogen?“
„Aber im Gegenteil! Ich war so artig, daß sich der gute Hinkepot in mich verliebte. Er hat bei Tante um meine Hand angehalten. Ich wußte gar nichts davon: mir hat er gar nichts gesagt -- bloß, daß ich schöne Augen hätte und entzückende Hände und so. --
Aber Tante hat mir, als sie mir seinen Antrag übermittelte, einen kolossalen Krach gemacht: nur durch meine Koketterie und meinen Hang zur Frivolität hätte ich den großartigen, ernsthaften Doktor Schelling zu solch einer Dummheit verleitet -- zu der Dummheit, einen völlig unerzogenen Backfisch heiraten zu wollen, der überhaupt gar kein Vollmensch wäre! --
Und als ich dann der Tante sagte, ich dächte gar nicht daran, ihn zu heiraten, weil er so häßlich wäre und weil ich keinen Bürgerlichen möchte, da wurde sie erst recht böse und sagte, ich wäre ohne jeglichen Fond! Na, das wurde mir schließlich zu viel. Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen. „Ohne jeglichen Fond.“ Da kommt man sich ja schließlich zu dumm vor. -- Also, da bin ich ausgerückt. Geld hatte ich bloß sehr wenig. Da bin ich dritter Klasse gefahren. Scheußlich! -- Unterwegs hat mir ein Pferdehändler gesagt, er möchte sich gern mit mir verloben.“
„Mone!“
„Mamachen, keinen Verzweiflungsausbruch! Ich habe doch gar nichts getan. Was kann ich dafür, wenn sich Leute in mich verlieben? -- Ah, da kommt Martha mit der Leberwurst. Leberwurst und zum Dessert Zuckerkringel. Der alte ehrliche Wagner hat doch recht:
‚Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!‘“
Am Abend war die ganze Familie um den großen Tisch im Eßzimmer versammelt. Sogar Alfred war erschienen, Alfred, der sonst seine Abende außerhalb des Hauses zubrachte, vage Erklärungen für sein Fernbleiben gab, die niemand ihm glaubte, seine Mutter am wenigsten.
Sie war von einem beständigen Mißtrauen gegen Alfred erfüllt. Für diesen ältesten Sohn hatte sie nie viel übrig gehabt -- von seiner Geburt an nicht.
Warum, war ihr selbst unklar.
Doch Alfreds Verhalten ließ ihren Mangel an Zuneigung oft recht gerechtfertigt erscheinen; er war alles andere eher als ein guter Charakter. Er war bei allen, die ihn kannten, seiner Boshaftigkeit wegen gefürchtet; es gab kaum ein größeres Vergnügen für ihn, als seine Bekannten gegenseitig aufeinanderzuhetzen. Er lernte ungern, war faul und genußsüchtig -- dabei unleugbar von glänzender Begabung. Doch diese Begabung hatte etwas merkwürdig Partielles. In vielen Fächern leistete er absolut nichts, in anderen war er unübertrefflich. Er war ein mißtrauischer Charakter, der bei allen anderen Böses witterte, mitunter aber überraschte er durch einen Zug von Gutmütigkeit.
Auch seine äußere Erscheinung wies kein einheitliches Gepräge auf. Sein kräftiger Körperbau und seine breiten Schultern ließen auf einen hochgewachsenen Menschen schließen, aber er erreichte kaum das Mittelmaß.
Mit seinem Gesicht konnte er dagegen zufrieden sein. In der Tat war dieses Gesicht sehr schön -- alle Züge von vollendeter Regelmäßigkeit. Er hatte kalte, blaue Augen und einen üppig geschwungenen, auffallend roten Mund, dessen Inkarnat noch leuchtender erschien durch den dunkeln Flaum auf der Oberlippe.
Mit der Mutter stand Alfred in sehr gespannten Beziehungen, mit den Geschwistern kühl.
Ueber Monikas Kommen heute hatte er anscheinend auch keine Freude empfunden.
Heinzemännchen dagegen war es angenehm, daß Monika da war. Nun konnte er ihr wieder Lyrik vorlesen.
Monika ärgerte ihn nicht wie die Mama dadurch, daß sie seine Deklamationen unterbrach, selbst die Verse vollendete, und noch dazu mit falschen Versfüßen.
Heute abend kam er zu Monika mit Eichendorff, den er eben „entdeckt“ hatte.
Mit tiefem Gefühl und übertriebener Betonung las er ihr vor, jenes schönste:
„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen, Als wir das letztemal im Park beisammen? Wild standen rings des Abendrotes Flammen, Ich scherzte wild -- du lächeltest durch Tränen. Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest -- Was andre Leute drüber deuten, sagen -- Sonst scheu -- heut’ magst du nicht nach allem fragen, Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest...“
„Da siehst Du’s, Heinzemännchen,“ jubelte Monika: „‚Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest -- was andre Leute drüber deuten, sagen‘... Da siehst Du’s! Das ist alles schnuppe, wenn man liebt. So beim Lesen findest Du’s sehr schön, und wenn ich in Wirklichkeit so wäre...“
„Laß Dir das nicht einfallen,“ grunzte Heinzemännchen, plötzlich aus seinen poetischen Himmeln gerissen.
Alfred warf seiner Schwester einen Blick zu. Er sprach kein Wort. Aber dieser eiskalte Blick war eine schärfere Drohung als seines Bruders Worte.
Karl kaute unbekümmert weiter an seiner Stulle. Frau von Birken aber sagte ganz erregt: „Mone, ich bitte Dich, nicht immer solch exzentrische Redensarten. Laß doch das endlich -- mir zuliebe...“
„Dir zuliebe?“ fragte Monika gedehnt. Sie warf den Kopf ins Genick: „Ich lebe doch für mich -- nicht bloß Dir zuliebe, Mama. Man ist doch nicht bloß dazu da, um so zu sein, wie es zufällig gerade der Geschmack der betreffenden Eltern ist.“
„Nettes Früchtchen,“ sagte Alfred spöttisch zur Mutter.
Und Heinrich sagte strafend:
„Wenn man Dich so anhört, man sollte es rein nicht für möglich halten.“