Pantherkätzchen

Part 4

Chapter 43,596 wordsPublic domain

Monika begann. Aber die Teufelin, der niemals etwas schnell genug ging, kam von ihrer Idee zurück. „Nein, jetzt nicht vorlesen. Ich werde einen Extrakt des Stückes geben, und dann wollen wir uns erst über die Rollenbesetzung einig werden. Also -- --“

Eine kleine Kunstpause.

Marie bemühte sich krampfhaft, ihr Interesse zu verbergen, indem sie mit unbeweglicher Miene aus den Fransen der Tischdecke Zöpfchen flocht.

„Also die Szene zeigt zwei Leutnants. Der eine von ihnen, seit kurzer Zeit glücklich verheiratet, redet dem andern zu, sich endlich auch Hymens Rosenfesseln anlegen zu lassen. Der Freund versichert, daß er durchaus nicht abgeneigt wäre, daß ihm aber die Wahl arges Kopfzerbrechen mache. Hierauf verabschiedet sich der Freund. Der Junggeselle bleibt allein und schläft ein.“

Marie stieß einen höhnischen Laut aus, worauf Monika sich in Positur setzte wie ein junger Kampfhahn. Sie fragte: „Sag’ mal, warum soll der Leutnant nicht einschlafen?“

„Hierauf erscheint die Phantasie und sagt dem Schlafenden, sie wolle ihm die jungen Damen zeigen, unter denen er wählen könne. Die Phantasie hebt ihren Zauberstab, und es erscheinen, begrenzt von einem Bilderrahmen, nacheinander die Typen der weiblichen Wesen, die den Leutnant mit ihrer Hand beglücken möchten: Sportdame, Salondame, Studentin. Sie alle lassen unseren Helden kalt. Aber als zum Schlusse das ganz unmodern erzogene, altmodisch-holdselige Mädchen erscheint, das bei Mama kochen lernt und in ihrem kleinen Herzen eine große Liebe für diesen Leutnant trägt, da wählt er sie zu seiner Lebensgefährtin.“

Einen Augenblick Stillschweigen.

„Der Sieg der Tugend,“ sagte Monika mit bescheiden niedergeschlagenen Augen.

Frau von Holtz, der die Tendenz des Werkes erst jetzt so recht aufging, zog Monika liebevoll zu sich heran und bat ihr im stillen vieles ab.

Wie nett und moralisch das liebe Kind das doch gedichtet hatte.

Marie versuchte ihre verächtliche Miene beizubehalten.

Frau von Roßberg grinste und sagte: „Den Helden muß natürlich mein Mann spielen.“

Die Etatsmäßige, die diese Aeußerung vorlaut fand, warf ihr einen verweisenden Blick zu.

Aber im Verlaufe der Beratung ergab sich, daß tatsächlich Roßberg den Helden spielen mußte, da er der einzige Herr war, der etwas theatralisches Talent besaß.

„Und ich bin das junge Mädchen, mit dem er sich verlobt,“ sagte Frau von Roßberg.

„Wir haben ja darüber noch gar nichts bestimmt,“ warf Frau von Teufel ein.

„Aber er küßt sie doch.“

„Theaterkuß!“ entschied die Teufelin. „Also bisher hätten wir: Ehemann: Herr von Hellrich, -- der Junggeselle: Leutnant von Roßberg. Die Phantasie, -- ja um alles in der Welt, wen könnten wir als Phantasie wählen?“

Monika mußte sich in die Lippen beißen, um nicht zu flehen: „Mich!!“

Sie hatte sich alles schon bis ins Detail ausgemalt: ein dekolletiertes, pfauenblaues Chiffongewand, -- Orchideen in den Haaren, schillernde Schmetterlingsflügel an den Schultern.

Es traf sie wie ein Schlag, als jetzt Frau von Teufel sagte: „Ich denke, Violette Holl paßt dafür am besten. Mit ihrer stattlichen Erscheinung und den goldblonden Haaren. Also die Phantasie: Violette von Holl. -- Die Sportsdame: ich!“

Ein nicht ganz zu unterdrückendes Erstaunen bemächtigte sich der Anwesenden. Niemand hatte geahnt, daß die Teufelin mitspielen wollte.

Sie selbst ging sehr schnell über diese Tatsache hinweg.

„Die Salondame: nun, vielleicht Frau von Roßberg, da das keine Rolle für ein junges Mädchen ist. Die Studentin: Fräulein von Holtz. Ich bin überzeugt, das liegt Ihnen, Fräulein Marie. Die Tänzerin: ich hatte Fräulein von Birken gedacht, aber Erika Holl bat so, ob sie nicht die Rolle haben könnte. Sie wird das ja auch sicherlich sehr graziös machen. Und das brave, junge Mädchen, ich denke, das ist für Fräulein von Birken.“

Monika machte ganz erstaunte Augen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß man sie als „ein braves junges Mädchen“ bezeichnete. Sie war mit der Rolle nicht sehr einverstanden. Sie hatte sich nun mal auf die Phantasie verspitzt.

„Ich dachte: Fräulein von Birken, weil sie doch die Jüngste ist; ihr muß das Backfischhafte doch am besten liegen.“

Monika fand -- ein seltener Fall bei ihr -- keine Entgegnung. Sie war noch ganz in Nachdenken versunken, als die Damen schon lange weg waren, nachdem man noch verabredet, wann die erste Probe stattfinden solle.

Zwischen den Cousinen herrschte langes Stillschweigen. Endlich rang sich Marie zu einer Art Ehrenerklärung durch. „Im übrigen muß ich Dir noch sagen, Mone, die Tendenz von Deinem Dingsda ist gar nicht so überspannt, wie Du sonst bist. Daß der Leutnant das einzig häuslich erzogene, junge Mädchen nimmt, ist riesig vernünftig.“

„Was, vernünftig?! Nur ein Beweis für seine haarsträubende Dummheit ist es. In der Ehe langweilt er sich doch tot mit dieser kleinen Gans!“

„Was?!“

„Na, natürlich, ich wollte in dem Dings doch gerade zeigen, wie solch dummer Mann allen anderen das Gänschen vorzieht, bloß weil ihm das so vertraut und bequem ist: so eine Erziehung ~vieux jeu~! -- Eine Persiflage ist’s!“

„Na so eine Falschheit von Dir! Das merkt doch kein Mensch, daß es eine Persiflage sein soll!“

„Wenn man’s gleich merkt, dann ist ja kein Witz dabei.“

„Unerhört! Das sag’ ich Frau von Teufel.“

„Dann sag’ ich, Du hast mich mißverstanden; Du hast eben meine künstlerischen Intentionen nicht gefaßt.“

„Mone, Du bist gemein!“

Mit diesem vernichtenden Urteil beschloß Marie die Unterredung, verließ das Zimmer und schmetterte die Tür hinter sich ins Schloß.

3.

„Heut’ ist der große Tag erschienen, Auf den so lang’ wir uns gefreut -- --“

Schallend klang es durchs Haus.

„Mone, Du tobst -- --“

„Schlimmer als das, Tantchen, viel schlimmer! Ich werde schon kindisch, ich fühle mich in meine zarteste Kindheit zurückversetzt: ich singe das Lied, das ich im Alter von vier Jahren zu Weihnachten sang.“

Und wieder erklang es schallend:

„Heut’ ist der große Tag erschienen, Auf den so lang’ wir uns gefreut -- --“

„Mone!“

„Tantchen, darüber kann man den Verstand verlieren, auch wenn man davon mehr besitzt als ich! Heute bin ich fünfzehn Jahre elf Monate und zwei Tage, und heute wird schon ein Stück von mir aufgeführt, -- ein Stück! Ich bin einer der frühzeitigsten Dramatiker, die es je gegeben hat.“

„Mone, Du schnappst doch noch mal über,“ sagte Marie, die eben eintrat.

Aber sie sagte das nicht mit dem grimmigen Ernst, den sie sonst ihrer Cousine gegenüber anwendete. Auch sie war freudiger Stimmung, in gespannter Erwartung auf die Ereignisse des Abends.

Und dieser Abend versammelte eine fröhliche Menschenmenge im Hahndorfer Kasino.

Wie bei allen Liebhaber-Aufführungen herrschte hinter den Kulissen ein lebhaftes Durcheinander.

Violette behauptete, die Flügel der Phantasie würden nun und nimmer festsitzen, Erika jammerte, das Tänzerinnenkostüm sei viel kürzer, als sie es bestellt.

Der Griechenjüngling fluchte, weil die Bänder seiner Sandalen immer wieder „von selbst aufgingen“, kurz, es herrschte Unruhe auf der ganzen Linie.

Aber endlich erklangen die letzten Töne der Ouvertüre, die eine Rittmeistersgattin mit viel gutem Willen und wenig Talent auf dem Flügel herunterhackte.

Der Vorhang hob sich, das obligate entzückte „Ah“ der Zuschauer:

Violette von Holl als Werthers Lotte, den Brotleib an den üppigen Busen gepreßt, umlagert von einer hungrigen Kinderschar -- es waren sämtliche Kinder der Offiziersfamilien aufgeboten worden -- in der Tür erscheinend Leutnant von Roßberg als Werther. Er machte ein entschieden unglückliches Gesicht. Ihm waren zu viel Kinder auf der Bühne. Er hatte nun mal eine unüberwindliche Abneigung gegen „Krabben“.

Zu seinem Entsetzen wurde das Bild dreimal gezeigt.

Der Oberst war ganz begeistert; er antizipierte bei dem lieblichen Anblick Großvaterfreuden.

Dann ging es programmgemäß weiter. Die „griechische Frühlingsidylle“, besonders freudig von den Leutnants begrüßt, welche Hellrich schon seit Wochen mit seinem Griechenjüngling neckten.

Dann Tasso und die Leonoren, -- eine Tanzstunde im Biedermeierstil --, in mehr oder weniger gelungener Darstellung wurden Szenen aus allen möglichen Kultur-Epochen vorgeführt.

Endlich kam die große Pause, nach welcher Monikas Werk: „Die Brautwahl“ steigen sollte.

Die Autorin stand in der Kulisse, schon im Kostüm ihrer Rolle: ein weißes Batistkleid, die Haare in zwei dicke Hängezöpfe geflochten, mit großen, blauen Schleifen darin. Ihr Gesichtchen wollte trotz seiner Jugendlichkeit nicht ganz zu dem harmlosen Backfischstaat passen. Für einen Kenner lag schon zu viel Ausdruck in den langbewimperten, dunkeln Augen, zu viel Bewußtsein um den vollen, roten Mund.

Monika markierte Sicherheit, sah unbeweglich zu, wie nun alles für die Szene arrangiert wurde.

Herr von Roßberg, der neben ihr stand, ließ sich aber durch ihre äußere Ruhe nicht täuschen.

„Die Angst, gnädiges Fräulein?! Was?!“

Monika sah dem hübschen Adjutanten voll ins Gesicht.

„Aber keine Spur! Ich bitte Sie, bei so einem Hauptakteur -- -- --“

Er verbeugte sich geschmeichelt.

Und sie lachte ihn an mit blitzenden Zähnen.

Es hatte sich aus den Proben ein kleiner Flirt zwischen den beiden entwickelt.

Entschieden war Roßberg der amüsanteste und hübscheste der Leutnants. Daß er verheiratet war, störte Monika nicht. Im Gegenteil! Sie fand das „riesig pikant“. Und außerdem fand sie ihn „viel zu hübsch für seine Frau“.

Ihr gefiel Frau von Roßberg nun mal in keiner Weise, und sie äußerte zu ihrer Cousine, Roßberg habe dieses grinsende Trudchen gewiß ihres Geldes wegen geheiratet.

Marie war außer sich gewesen, hatte ihrer Freundin alle nur denkbaren Reize zugesprochen und behauptet, daß Roßberg seine Frau schon seit Jahren glühend liebe. Sie seien Nachbarskinder gewesen, und Trudchen sei Roßbergs erste, einzige und letzte Liebe.

Monika hatte sehr interessiert zugehört, hatte dann, ungehindert durch irgendwelche Rücksichtnahmen, die sie als „Gefühlsduseleien“ zu bezeichnen pflegte, weiter mit Roßberg kokettiert, der ihr in seiner leichtsinnigen Art die Cour machte.

Dieser Flirt wurde allseitig sehr harmlos aufgefaßt, selbst Frau Trudchen hatte nur ein amüsiertes Lächeln dafür. Die einzige, die die Neckereien zwischen Roßberg und Monika mit ernsthaftem Interesse verfolgte, war Marie. Mit lebhaftem Mißtrauen beobachtete sie jeden Blick ihrer Cousine, jedes Lächeln.

So auch heute wieder, als Monika und Roßberg in den Kulissen plauderten.

Von dem Platze aus, wo sie saß, konnte sie genau hören, was die beiden sich wieder zu erzählen hatten.

„Bloß noch zehn Minuten bis zum Anfang, gnädiges Fräulein.“

„Ja,“ ein Angstseufzer entrang sich, aller Selbstbeherrschung zum Trotze, Monikas Brust.

„Und wir müssen doch noch üben, gnädiges Fräulein.“

„Was denn üben?“

„Na, den Kuß, den ich Ihnen zum Schlusse zu geben habe.“

Monika lachte.

„Theaterküsse brauchen nicht geübt zu werden.“

„Wenn Sie ganz lieb bitten, gebe ich Ihnen einen echten statt so einen dummen Theaterkuß, Fräulein Monika.“

„Oho, das sag’ ich Ihrer Frau.“

„Können Sie dreist. Ich würde es doch nur tun, um Ihr Stück naturalistischer herauszubringen. Denken Sie, vielleicht hängt der Erfolg Ihres Werkes davon ab.“

Monika lachte, lachte so ungezwungen und laut, wie sie es trotz aller Strafreden immer tat.

„Wie wenn ein Füllen wiehert,“ hatten ihre Brüder immer gesagt.

„Außerdem müssen Sie bedenken: solch verheirateter, alter Herr wie ich! Sie könnten ja meine Tochter sein, Fräulein Monika.“

„Oho, ich werde nächsten Monat sechzehn.“

„Und ich werde nächstes Jahr Oberleutnant!“

„Ach, Sie Respektperson!“

„Bin ich auch. Aus dreierlei Gründen. Erstens -- --“

„Lieber Herr von Roßberg, wenn Sie jetzt nicht bald aufhören zu erzählen, werden Sie heiser und gefährden den Erfolg meines Stückes. Bitte, bitte, seien Sie still und essen Sie etwas Zuckerkand. Ich glaube, ich habe welchen mit -- --“

Sie begann eifrig in ihrer Tasche zu suchen.

Indes trat Roßberg auf Marie zu und behauptete, der rote Stürmer stehe ihr famos.

Marie antwortete dem Manne ihrer Freundin nicht mit der burschikosen Herzlichkeit, die sie sonst ihm gegenüber anschlug.

Im Gegenteil! Sie wurde ironisch.

„Die Rolle heute paßt Ihnen wohl, Herr von Roßberg, -- -- ein Held, der von so vielen Damen begehrt wird -- --“

Er schien gar keine Spitze zu fühlen.

„Ja, entzückend,“ sagte er. „Sie haben ganz recht, die Rolle macht mir einen riesigen Spaß. Wenn nur das Auswendiglernen nicht wäre, -- noch dazu Verse, gereimte Verse. Trude hat genug zu tun gehabt, mich zu überhören. So ganz tadellos geht’s immer noch nicht.“ -- --

„Wie war das doch, Poetessa,“ -- er wandte sich zu Monika -- „wie sage ich doch zu meinem Freunde:

Wenn ich Dich reden höre, alter Knabe, So dünkt es mich wahrhaftig so, als ob Auch ich Talent zum Ehemanne habe, Denn ich bin phlegematisch, faul und grob --“

Monika schrie beinahe vor Vergnügen. „O, Herr von Roßberg, so ist es famos, viel hübscher, als ich es gedichtet habe. Sagen Sie’s so! Ja?“

„Ich werde mich schön hüten!“ erwiderte er ausdrucksvoll und ging seiner Gattin einen Schritt entgegen, die eben auf die Gruppe zukam.

Sie war im Ballkleid, in ihrer Rolle als Salondame, und drehte sich beifallheischend einmal um ihre eigene Achse, -- „wie ein Fixstern“, erläuterte ihr Gatte.

Sie hatte ein creme Seidenkleid gewählt und trug rote Rosen am Ausschnitt.

Sie fand ein freundliches Wort für Maries Anzug, ihre Hauptbewunderung aber spendete sie in ihrer offenen Art Monika. „Zu lieb sehen Sie aus, Fräulein von Birken. Ein süßes Backfischchen! Daß Sie die ganze Sache gedichtet haben, das kann man gar nicht glauben.“

Graf Herckenstedt, der Regisseur, kam ganz aufgeregt angerannt und jammerte, daß wieder alles durcheinander laufe. Jetzt sei wieder Fräulein von Holl nicht zu finden. Dabei sah er aufmerksam in alle Ecken, als ob die große Violette sich in einer solchen verborgen haben könne.

Er atmete förmlich erlöst auf, als Fräulein von Holls Walkürengestalt endlich auftauchte, im Schmucke der nun endlich sitzenden Flügel, „anzuschauen wie Zeppelin 3“, erklärte Roßberg.

Ein Klingelzeichen -- -- noch einige Minuten heftiges Durcheinander, Reden, Fragen -- -- dann wieder ein Klingelzeichen, und der Vorhang hebt sich.

Hellrich und Roßberg, beide in Litewka, beginnen ihren Dialog, und das Publikum lauscht gebannt den hübschen Versen. Nicht endenwollender Applaus am Schluß.

Monika strahlt. Ein unendliches Wonnegefühl weitet ihr die Brust, füllt ihr die Adern zum Bersten.

Das ehrgeizige Köpfchen glüht im Rausche des Erfolges. O, daß das Leben so schön sein kann... so schön...

Dann kommt der Tanz.

Monika fliegt von einem Arm in den andern. Schmeichelworte klingen ihr in die Ohren, Männerarme umfassen sie fest.

Die welkenden Blumen an ihrem Ausschnitt duften schwül und süß, und die Walzermelodien hüllen alles in einen schillernden Schleier von Schönheit, von lachendem Leichtsinn.

Der Leutnant von Roßberg tanzte an diesem Abend sehr oft mit Monika; als Hauptakteur prätendierte er besondere Rechte.

Monika behauptete, daß er sie tyrannisiere.

„Ich kann wirklich nicht mehr. Lassen Sie mir doch ein bißchen Ruhe. Ich bin so müde,“ jammerte Monika.

„Dann werden wir diesen Tanz meinetwegen verplaudern.“

Er zog ihre Hand durch seinen Arm und führte sie in eines der kleinen Rauchzimmer.

Hier saßen zwei Fähnriche bei einer Flasche Sekt; sie hatten sich grollend hierher zurückgezogen, weil sie von den Damen „zurückgesetzt“ und „niederträchtig behandelt“ worden waren.

Beim Eintritt des Regimentsadjutanten sprangen sie beide empor.

Aber es kam noch schlimmer, als sie gedacht hatten.

Roßberg machte ein geradezu entsetztes Gesicht:

„Hier finde ich Sie also, meine Herren. Ist es möglich? Ist es denkbar? Das ist Deutschlands Jugend! Anstatt im rauschenden Ballsaal, gehorsam den Winken unserer Schönen, ergeben Sie sich hier dem stillen Suff! Schlemmen in egoistischer Weise! -- An die Arbeit, meine Herren, an die Arbeit!“

Er machte eine befehlende Geste, deren Autorität eines Napoleon würdig gewesen wäre.

Die Fähnriche stoben davon.

Roßbergs ernsthafte Miene wandelte sich in strahlende Heiterkeit.

„Das haben wir fein gemacht. Was? So ist man wenigstens ungestört.“

„Inwiefern störten Sie die Fähnriche?“ fragte Monika mit unschuldsvollen Augen.

„Ach, das wissen Sie ja allein. Ihr Hauptdarsteller hat doch noch was nachzuholen.“

„Was?“

„Fräulein von Birken, ich bitte mir Offenheit aus. Sie wissen ganz genau, daß ich Ihnen bloß einen elenden Theaterkuß gegeben habe. Vorbeigeküßt habe ich. Ostentativ vorbeigeküßt! Das brauchen Sie sich nicht gefallen zu lassen!“

Monika versuchte zu lachen.

Aber sie lachte nicht so wie sonst.

„Fräulein Monika, eine Belohnung haben Sie doch verdient,“ sagte er übermütig. Sein roter Mund mit dem kleinen, blonden Schnurrbart näherte sich bedenklich ihren Lippen.

„Reden Sie doch nicht solchen Unsinn,“ stotterte Monika.

„Nun, dann will ich ernsthaft sein. Die Belohnung habe +ich+ verdient.“

Seine Lippen senkten sich auf die ihren.

Und ohne Ueberlegung erwiderte sie seinen Kuß.

Eine Minute später tanzten sie wieder im großen Saal.

Und für den Rest des Abends wich ihr Roßberg nicht von der Seite. -- -- --

Als die Familie Holtz in Sarkow ankam, dämmerte schon fahlgrau der Tag herauf.

Herr von Holtz beteuerte wie immer, daß es diesmal aber unbedingt das letztemal sei, daß er zu so einer verfluchten Tanzerei mitkomme.

Monika war im Begriffe, sich auszuziehen, als zu ihrem Erstaunen laut an ihre Tür gepocht wurde und Marie erschien.

Sie trug noch ihren Ballunterrock, hatte eine Nachtjacke angezogen und sah jämmerlich elend und bleichsüchtig aus in dem dämmerigen Tagesschein.

Monika machte erstaunte Augen: „Was gibt’s denn?“

„Das wirst Du gleich hören,“ sagte die Cousine in unheilverkündendem Tone.

Dann schwieg sie wieder, stand da, lang und hager, und sah mit vernichtendem Blicke auf das rosige Mädel herab, das vor Schreck unfähig war, sich weiter auszuziehen.

Beklemmendes Stillschweigen. Nur im Ofen knisterte es leise.

„Na?“ fragte schließlich Monika halb schüchtern, halb trotzig.

„Sagt Dir Dein Gewissen nicht, warum ich komme?“

Monika sah sie erstaunt an, blickte dann im Zimmer umher und wartete.

Aber anscheinend regte sich ihr Gewissen nicht.

Und so beantwortete sie die Frage ihrer Cousine mit einem „Nein“, dem man die Ehrlichkeit anhörte.

„So?... Na, dann werde ich Dir mal zu Hilfe kommen. Also: ich habe alles gesehen.“

„Was denn gesehen?“ fragte Monika.

Eine heiße Röte überflammte ihr Gesicht.

„Ich bin Dir nachgegangen, als Du Herrn von Roßberg aus dem Tanzlokal locktest.“

Das Falsche der Anschuldigung gab Monika ihren Mut zurück.

„Is ja gar nicht wahr.“

Die hagere Cousine reckte sich noch gerader auf, wuchs förmlich in ihrer sittlichen Entrüstung.

„Und dann habe ich gesehen, daß er Dich geküßt hat.“

„Na, dann mache doch ihm Vorwürfe und nicht mir.“

„Nur Dich trifft die Schuld. Ich weiß, wie Roßberg Trudchen liebt. Deine unpassende Koketterie ist an allem schuld, und Du solltest Dich schämen.“

Und Monika schämte sich, ehrlich und glühend. Das süße Triumphgefühl, das sie gehabt: „Mein erster Kuß...“, die naive Zärtlichkeit, die sie in jenem Augenblick für den hübschen Leutnant empfunden -- das alles wurde jetzt durch Maries grobe Worte vernichtet; es war, als ob eine zarte Blüte mit harten, roten Fingern zerpflückt wurde.

Ein Frösteln überflog Monika. Sie verteidigte sich nicht.

Sie stand regungslos da, einen starren Ausdruck in dem erblaßten Gesicht.

Maries Sicherheit aber stieg durch Monikas Haltung ins Ungemessene.

„Ja, ja, schäme Dich nur. Endlich machst Du das Armesündergesicht, das für Dich paßt... Ich habe Dir jedenfalls nur eins zu sagen: Du wirst übermorgen von hier wegfahren. Finde irgendeinen Vorwand -- was, ist mir ganz gleichgültig. Aber weg mußt Du! Ich habe keine Lust, mich meiner eigenen Cousine zu schämen!“

„Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres...“

„Arrangiere das! Wenn Du übermorgen nicht fährst, benachrichtige ich Trudchen Roßberg von Deinem Benehmen und sage Mama, was ich gesehen habe.“

Monika unterbrach kurz. „Ich werde fahren,“ sagte sie tonlos. „Sag’s Deiner Mama nicht. Die hab’ ich so lieb.“

„Ah, Du bist Dir also ganz genau bewußt, wie Deine Handlungsweise war!“

Da richtete sich Monika auf aus ihrer zusammengebrochenen Haltung.

„Meine Handlungsweise? -- Als ob ich überhaupt dabei eine Handlungsweise gehabt hätte! Ich habe -- ich -- ach, das war eben so ein Augenblick -- aber +Deine+ Handlungsweise, mir so nachzuspüren...“

„Bitte, keine Kritik,“ unterbrach Marie sie schneidend, „das wäre doch ein bißchen gar zu einfach für die leichtsinnigen Leute, wenn die nicht leichtsinnigen ... ihnen nicht nachspüren dürften!“

Durch die dumpfe Stube der Liese klingt ein Weinen.

„Ach, daß Du schon weggehst, Monchen...“

„Na, Liese, besuchst uns mal in Berlin.“

„Wird nich gehen, mein Trautstes. Wer soll denn für den Grün sorgen, für den Fritzchen, fürs Vieh und für die Ollsche?“

„Laß Dich doch vertreten!“

„Wird nich geh’n, Monchen. Fürs Vieh haben die andern nu schon gar kein Herz.“

Dicke Tränen rollen ihr über das durchfurchte Gesicht.

„Und grüß mir die Mamachen recht scheen. Und wenn sie wieder ein Paket schickt: der Kaffee war’s letztemal großartig -- der Zucker auch -- die vier Pfundchen waren ja bald weg -- aber scheen war er -- und denn ja nich wieder Nachtjacken, ich hab’ all genug -- aber einen scheenen Unterrock mit een Volang.“

„Wird bestellt, Liese.“

„Und wenn Du wiederkommst, Monchen, komm mit ’nen recht forschen Bräutigam, das ist doch das scheenste auf der Welt...“

Der Abschied von Doktor Rodenberg gestaltete sich weniger tränenschwer. Er empfing Monika sogar ein wenig sarkastisch.

„Na, lange nicht geseh’n. Die Hahndorfer Blauröcke lassen Dir wohl keine Zeit?... Was? Abschied nehmen? Du wolltest doch bis zum März bleiben.“

Monika lachte verlegen. „Ich stehe mich mit Marie nicht sehr besonders.“

„Kann ich mir lebhaft vorstellen, Kindchen. Also schon fort?“

„Ach, und ich habe Sie so wenig gesehen, Doktor. Wie schade! So vieles wollte ich Sie fragen. Das ist so komisch mit mir! Ich möchte lernen, daß mir der Kopf raucht, alle schönen und alle großen Dinge möchte ich lernen -- graben in den herrlichen und fruchtbaren Schächten der Weltgeschichte -- die Pflanzen belauschen in ihrem Werden und Vergehen -- den Tieren nachspüren, allen Tieren, bis hinab zu denen, die fast noch Pflanzen sind. Ach, lernen, immer mehr lernen! -- Und dann wieder -- dann lass’ ich alles im Stich, wenn ich bloß ein blaues Tüllkleid anprobieren soll und... und lass’ es gern im Stich! Und auf dem Ball lache ich mit den Herren und finde alles gelehrte Zeug geradezu blödsinnig. Und... und bin auch dann so rasend glücklich! Ich weiß nicht, ich verstehe mich selbst nicht...“

Sie brach ab.

Der Doktor nahm ihr rosiges Gesicht in seine beiden Hände. Er betrachtete lächelnd die schönen Augen, den naiv-genußsüchtigen, hochgewölbten Mund.

„Kind, wenn Du nicht so hübsch wärst, hätte aus Dir wahrhaftig was werden können,“ sagte er schließlich.

„Aber das Hübschsein ist doch kein Hinderungsgrund für geistige Bedeutung?“ fragte Monika kampfbereit.

„Doch Kind. Verträgt sich nicht miteinander. Das wirst Du schon noch sehen. Aphrodite und Pallas Athene haben sich nie leiden mögen.“

„Und welcher soll ich folgen?“ fragte Monika ihn mit dem ganzen inbrünstigen Vertrauen ihrer Kinderjahre.

Er lachte kurz auf.

„Du hast Dir einen schlechten Ratgeber ausgesucht. Ich hab’ mir selbst nicht raten können.“

Es war ein so bitterer Ton in seiner Stimme, daß Monika einen Augenblick sich selbst vergaß, einen Augenblick den jugendlichen Egoismus, der sich selbst das Interessanteste ist, beiseite ließ.

Ein heißes Mitgefühl blitzte in ihren Augen auf.