Pantherkätzchen

Part 3

Chapter 33,571 wordsPublic domain

Als Monika zu Hause ankam, ziemlich beunruhigt, wie diese neue Durchgängerei wohl aufgenommen werden würde, kam sie zu ihrer großen Freude völlig unangefochten in ihr Zimmer.

Sie war eben daran, mit einigen energischen Bürstenstrichen ihr zerzaustes Haar zu ordnen, als Auguste, das sechzehnjährige Abwaschmädchen, das eine besondere Zuneigung zu Monika entwickelte, hereinpolterte.

Sie erzählte in dem besten Deutsch, das sie aufzubringen vermochte, daß bei der Gnädigen Besuch aus Hahndorf sei und sie und Fräulein Marie und die Gäste eben im Salon Kaffee tränken.

„Hat Tante schon nach mir gefragt?“ sagte Monika hastig.

Auguste bejahte, fügte aber mit verschmitztem Grinsen hinzu, sie habe dem Diener gesagt, Fräulein Monika sei in den Ställen und werde wohl sofort wieder hereinkommen.

„Schönen Dank, Auguste. Und jetzt hilf mir mal die Bluse zuhaken.“

Mit Blitzgeschwindigkeit hatte Monika eine andere Bluse übergeworfen.

Besuch aus Hahndorf! Also jedenfalls Dragoner! -- --

Um so enttäuschter war sie, als sie im Salon nur Damen fand.

„Ach, Monika, ich ließ Dich schon herbitten,“ sagte die Tante -- und dann zu der neben ihr sitzenden Dame gewendet: „Meine Nichte Monika Birken.“

„Ah, Baroneß Birken,“ sagte die hagere, ältliche Dame mit einer offiziersmäßig scharfen Stimme, „ich habe Ihren Papa gut gekannt.“

Und ohne eine Entgegnung Monikas abzuwarten, wandte sie sich wieder zu Frau von Holtz, die ihrer Nichte einen Wink gab.

Gehorsam ging Monika zum Erker, in dem ihre Cousine mit einer jungen Frau saß.

Marie machte sie bekannt. Es war die Frau des Regimentsadjutanten von Roßberg. Sie war lang, schlank und häßlich. Im übrigen seit acht Wochen verheiratet, wie sie Monika in den ersten fünf Minuten erzählte.

„Wonnegrinsend“ erzählte, konstatierte Monika in ihrem Innern und sah wie gebannt auf die langen Vorderzähne, welche die junge Frau beim Lachen enthüllte.

Marie behandelte ihre Freundin mit ostentativer Verehrung, Hochachtung und Zuneigung.

Monika war ganz erstaunt über die Gefühlstöne, welche die sonst so bittere Cousine anschlug.

„Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir gebangt habe, Trudchen. Es war trostlos einsam.“

„Nun, Du hattest ja Gesellschaft an Deinem Cousinchen,“ sagte die junge Frau höflich.

Marie zog ein Gesicht, beredter als tausend Worte.

Und Monika sagte mit der ihr eigenen fröhlichen Unbefangenheit:

„Meine Cousine kann mich nämlich nicht ausstehn, Frau von Roßberg.“

„Ach, rede doch nicht so,“ sagte Marie ohne jede Ueberzeugung, und dann zu ihrer Freundin gewendet:

„Mone ist doch gar nicht in einem Alter mit mir, Trudchen. Noch keine sechzehn und noch gar nicht in die Gesellschaft eingeführt -- --“

„Aber zu unserem Balle kommen Sie doch wohl mit, Fräulein von Birken?“

„Welcher Ball?“

Marie fuhr dazwischen. „Ich glaube nicht, daß Mone hier schon ausgehn soll.“

„Ein Ball in Hahndorf?“ fragte Monika aufleuchtend.

„Ja, unser erster Regimentsball diesen Winter. Frau von Teufel zur Höll wollte mit Ihrer Tante etwas besprechen wegen lebender Bilder, und da bin ich mitgefahren, um Mariechen zu sehn.“

„Frau von Teufel zur Höll?“ wiederholte Monika begeistert und mit so wenig gedämpfter Stimme, daß Marie sie ärgerlich in den Arm kniff.

„Ja, die Dame, die dort mit Ihrer Tante spricht, die Gattin unseres Etatsmäßigen.“

„Ach, welch schöner Name, welch fabelhaft schneidiger Name,“ wiederholte Monika ganz begeistert. „Von Teufel zur Höll, -- -- so möchte ich mal heißen. Hat Ihr Etatsmäßiger nicht irgend einen unverheirateten Bruder?“

Frau von Roßberg brach in Lachen aus, in das albern klingende, grinsende Lachen, das ihr eigentümlich war.

Frau von Teufel zur Höll rief herüber: „Nun, die Jugend amüsiert sich wieder mal ausgezeichnet. Da werden wohl Pläne für unsere lebenden Bilder entworfen. Entwickeln Sie nur recht viel Erfindungsgabe, meine Damen. Wir möchten diesmal etwas ganz Apartes bringen.“

Monika näherte sich, förmlich wie von einer magischen Gewalt gezogen, der Sprecherin. In ihren Augen stand eine so intensive Anteilnahme, daß Frau von Teufels eisiger Gesichtsausdruck einem halben Lächeln Platz machte:

„Na, das Tanzfieber fängt wohl jetzt schon an?“ sagte sie.

„Darf ich denn mit?“ fragte Monika.

Ungläubig klang’s und doch lag schon ein Jubel darin.

Frau von Holtz neigte lächelnd den schönfrisierten, weißhaarigen Kopf.

Da flog Monika auf ihre Tante zu und umarmte sie in so kindlich echtem Jubel, daß sogar Frau von Teufel zur Höll -- im Regiment selbstverständlich „die Teufelin“ genannt -- ihr darob nicht böse sein konnte.

Monika hatte sich noch nicht beruhigt, als die Damen gegangen waren. Im Gegenteil: ihre Freude äußerte sich in Ausbrüchen, die ihre Cousine als „geradezu indianerhaft“ bezeichnete. Aber urplötzlich schlug der Jubel ins Gegenteil um. Mit tragischem Gesichtchen erinnerte sich Monika, daß sie „nichts, aber absolut nichts“ anzuziehen habe. Frau von Holtz beruhigte sie: selbstverständlich würde für sie ein Kleid geschneidert werden und Marie müsse auch ein neues haben. „Morgen früh kommt Mine Petermann,“ fügte sie verheißungsvoll hinzu.

Und am nächsten Morgen um zehn Uhr war Mine Petermann da, -- die unförmlich dicke Gestalt in ein prallsitzendes, schwarzes Kleid gezwängt, -- auf dem mächtigen Busen eine ganze Armee von Stecknadeln, -- um die Taille eine grüne Schnur, an der die Schere hing, und unterm Arm eine ganze Ladung Mode-Journale.

Auch Stoffmuster hatte Mine schon da, war in aller Herrgottsfrühe schon nach Neustadt hin- und zurückgestiefelt und hatte sich bei Kaufmann Kleinmichel Proben vom „Neuesten, Schönsten und Modernsten“ geben lassen.

Ja, die Mine war eine rührige Person, -- nicht umsonst beehrte die ganze Nachbarschaft sie seit zwanzig Jahren mit ihrer Kundschaft.

Das war ein gar wichtiges Fragen und Beraten, was nun begann.

Mine war vor dem Beginn erst im Vorzimmer mit einem Glase Portwein und zwei Buttersemmeln mit Leberwurst gestärkt worden, was erfahrungsgemäß ihre Inspiration sehr anzuregen pflegte.

Sie ging auch gleich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit, erklärte, für das gnädige Fräulein Marie sei „Empire“ wie geschaffen.

Begeistert tippte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger auf ein Modell: ein verführerisches Dämchen zeigte dort ihre Reize in einem überaus anschmiegenden Empirekleide aus nilgrüner Seide mit Perlenstickerei.

Frau von Holtz wiegte bedenklich den Kopf, enthielt sich aber einstweilen jeder Meinungsäußerung, wogegen Marie, kaum daß sie einen Blick auf das Modebild geworfen, ihre lebhafteste Abwehr zu erkennen gab. Sie erklärte diese Mode „für direkt schamlos“ und „hätte Fräulein Petermann mehr Geschmack zugetraut“!

Das dicke, alte Fräulein zog ein beleidigtes Gesicht, zeigte aber doch pflichtgemäß alle Abbildungen, die vorhanden waren. Vor Maries Augen fand nichts Gnade. Und ihre Miene entwölkte sich auch nicht, als nun Frau von Holtz selbständige Anregungen gab, und mit der ganzen Liebe einer Mutter sich mühte, etwas recht Vorteilhaftes für ihr Kind zu finden.

„Ich denke, Mariechen, als Farbe rosa. In rosa siehst Du nicht so blaß aus. Und ums Décolleté einen Chiffon-Volant, oder lieber zwei, das macht Dich schön breit in den Schultern.“

„Ich will aber nichts vortäuschen.“

„Aber, Kind, was für Ausdrücke.“

„Ich glaube, Marie möchte am liebsten mit ’nem Trotteurrock und ’ner Bluse mit ’nem Stehkragen zum Ball gehn,“ rief Monika, die die Cousine oft mit ihrer Vorliebe für die etwas nüchterne Kleidung neckte.

„Du kannst Dir Deine Naseweisheiten sparen,“ rief Marie, und auch Frau von Holtz warf ihr einen ernst verweisenden Blick zu: ihr war die momentane Situation zu ernst, um sie durch Witze unterbrechen zu lassen. „Also, glaube mir, Mariechen, oben die Volants und den Rock unten weit ausfallend, eine recht steife Balayeuse unten hinein -- --“

„Ach, mach’s nur, wie Du willst,“ sagte die Tochter übellaunig. Ihre Miene heiterte sich auch nicht auf, als Fräulein Petermann ihr Maß nahm. Die dicke Dame erklärte, das gnädige Fräulein habe seit letztem Winter um zwei Zentimeter Brustumfang zugenommen. Frau von Holtz zeigte sich über diese Neuigkeit sehr erfreut, aber Marie sah die Mine nur verachtungsvoll an und sagte dann: „Denken Sie sich doch mal was Neues aus, Mine -- denn das mit dem Brustumfang behaupten Sie ja doch jedesmal!“

Mine überhörte mit parlamentarischer Gewandtheit die Bemerkung und diskutierte eifrig mit Frau von Holtz über die Blumen, die zu der rosa Toilette getragen werden sollten. „Heckenröschen“ fand beiderseits Billigung, aber Marie schrie förmlich vor Empörung.

„Heckenröschen, -- warum nicht lieber Gänseblümchen?! Schrecklich! Ich will überhaupt keine Blumen.“

Allgemeines Entsetzen folgte diesem Ausspruche.

Besonders Frau von Holtz war völlig zerschmettert.

„Marie, ein junges Mädchen ohne Blumen auf dem Ball?! Wenn Du mir das antust -- --“

„Ich kann doch nu mal all das Grünzeug nicht leiden! Und es paßt auch gar nicht zu mir.“

Frau von Holtz erhob sich, jeder Zoll gekränkte Königin.

„Dann gehen wir nicht auf diesen Ball. Fräulein Petermann, Sie sind entlassen.“

Monika wurde blaß bis in die Lippen.

Und auch die herbe Marie bekam einen hörbaren Schreck. Das wurde Ernst!

Wenn Mama „Fräulein Petermann“ sagte statt „Mine“ -- --

Sie lenkte also ein, in mürrischer Weise, -- aber ihr Stolz war gebrochen. Sie gab klein bei. Nur „Heckenröschen“ sollte die Mama ihr nicht antun.

Man einigte sich also auf Akazienblüten.

Und dann -- endlich! -- wurde an Monika gedacht.

Das war leichtere Arbeit. Sie zeigte sich von allem entzückt; was man ihr vorschlug, fand sie alles „großartig“ und „feenhaft“ und strahlte vor Seligkeit, als Frau von Holtz sich dann für hellblau entschieden, rund ausgeschnitten, als Garnierung Kirschblütenzweige.

„Und auch ins Haar? Auch ins Haar Kirschblüten?!“ fragte Monika flehend.

„Ja.“

Sie verstummte vor Begeisterung.

Und in Frau von Holtz stieg es wie ein bitteres Gefühl auf: wenn doch Marie etwas von Monikas warmherzigem Wesen gehabt hätte, von ihrer glücklichen Gemütsart, ihrer Dankbarkeit.

Und am Tage des Balles war es wieder ein Vergleich, der sich der Mutter aufdrängte, als sie die beiden in ihrem Staat sah.

Marie, deren Hagerkeit das duftige Kleid nicht milderte, mit dem straff frisierten Haar, von dem die Akazienblüten steif abstanden, und daneben Monika, die in ihrem Ballstaat eine ganz andere schien. Die wenig hübschen Kleider, die sie sonst trug, hatten ihrer blühenden Jugend Eintrag getan. Das Hellblau ihres neuen Kleides hob ihren prächtigen Teint hervor, -- der runde Ausschnitt enthüllte vollendet schöne Schultern und Arme und darüber lachte das selige Kindergesicht, gutmütig strahlend, lebensdurstig, durstig nach Glück!!

Der Ball wurde für Monika ein Erfolg.

An und für sich war es für die Hahndorfer Dragoner ein Ereignis, wenn ein „neues“ junges Mädchen auftauchte. Waren doch nur zwei unverheiratete Damen im Regiment: die Kommandeurstöchter, und mit denen tanzte man nun glücklich den dritten Winter, und außerdem waren sie nichts weniger als hübsch.

Möglich, daß jede von ihnen an sich ganz nett gewirkt haben würde, aber man sah sie immer zusammen -- und zusammen sahen sie geradezu komisch aus. Violette -- sie hieß tatsächlich Violette -- ihre verstorbene Mutter hatte ein ~faible~ für poetische Namen gehabt -- gab an Größe dem längsten Leutnant des Regiments nichts nach, und an Breite übertraf sie ihn bedeutend. Sie hatte große, runde blaue Augen, einen Helm von goldblondem Haar und wäre als Urbild einer germanischen Heldenjungfrau gar nicht übel gewesen, wenn man nicht beständig Erika neben ihr gesehen hätte.

Erika war so ziemlich das Kleinste und Zierlichste, was man sich vorstellen konnte, ein wahres Porzellanpüppchen! Dazu eine Fülle dunkelsten Haares und zwei ausdrucksvoll dunkle Augen in einem Spitzmausgesichtchen.

Sie ließ ihre Schwester ungeschlacht erscheinen und dabei sah sie neben dieser Schwester „nach gar nichts“ aus, -- kurz, sie beeinträchtigten sich gegenseitig auf das schärfste.

Die Leutnants pendelten ratlos zwischen ihnen hin und her, und das Resultat war, daß immer noch keine von ihnen verlobt war, obwohl ihr Vater keinen innigeren Wunsch hegte.

Außer den beiden waren an jungen Mädchen nur noch einige Gutsbesitzerstöchter aus der Umgegend erschienen, die keine besonderen Attraktionen boten. Und nun eine „Neue“! -- Und noch dazu die Tochter eines alten Herrn vom Regiment, des „fidelen Birken“, von dessen Taten man genug gehört. Und noch dazu Monika, die in den ersten fünf Minuten mehr gute Witze gemacht als sonst ein halbes Dutzend junger Mädchen zusammen.

Nachdem sie in möglichster Eile den Damen ihren Knix gemacht, widmete sie sich völlig den Leutnants und entfesselte durch ihre Konversation derartige Lachstürme, daß man im Reiche der Mütter bedenklich die Köpfe zusammensteckte.

Die jungen Frauen fanden den „Kiekindiewelt“ empörend, die jungen Mädchen erklärten sie für „schamlos kokett“.

Monika aber ließ sich die unverhohlene Mißbilligung, die ihr von weiblicher Seite zuteil wurde, nicht anfechten. Sie benahm sich übermütig froh. Ihr war zumute wie in einem Rausch; mit all ihrer unverbrauchten Begeisterung genoß sie diese Stunden, genoß den hohen Saal mit dem strahlenden Licht, die flirtenden Leutnants, die Bewunderung, die aus so viel Männeraugen sprach, und den Tanz, den Tanz, in dem sie selig dahinglitt.

Schade, daß diesem Rausch so bald eine Ernüchterung folgte!

Schon im Schlitten, der die Familie Holtz nach Hause fuhr, begann Marie die Schale ihres Zornes über Monika auszuschütten. Sie sparte nicht mit den schärfsten Ausdrücken, und Frau von Holtz tat ihr nicht wie sonst Einhalt, sondern schwieg verstimmt.

Nur der Onkel, der, bevor er sich zum Whist niedergesetzt, eine Weile dem Tanze zugesehn, wiegte gutmütig den Kopf und murmelte schlaftrunken vor sich hin:

„Die Marjell, -- genau wie die Mali! Kokett -- kokett.“

Die anderthalb Stunden Fahrt wurden für Monika ein Martyrium.

Sie seufzte hörbar und erleichtert auf, als endlich, endlich der Schlitten zu Hause hielt. Der Schnee knirschte scharf unter den Schlittenkufen. Und ehe noch die Pferde ganz zum Stehen gebracht waren, setzte Monika mit mächtigem Schwunge hinaus und rannte, ohne jemand gute Nacht zu sagen, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

Eine eisige Kälte empfing sie; die taperige Auguste hatte wohl wieder mal vergessen, nachzulegen.

Aber Monika störte die Kälte nicht. Rann doch ihr Blut so brennend heiß durch die Adern! Sie stellte sich vor den Spiegel und hielt die Lampe hoch. Also so -- -- so hübsch war sie! Die brennenden Wangen -- die flammenden Lippen -- die dunkeln Augen, über die sich die Lider mit den langen, schwarzen Wimpern langsam bewegten, wie wenn müde Schmetterlinge mit den Flügeln schlagen. Und darunter die blendend weiße Haut des Halses und der Schultern -- -- --.

Monika hätte vor Glück schreien mögen, wie neulich, als sie durch den Schnee rannte.

So hübsch war sie -- -- Welch ein Glück! --

Maries Strafpredigten hatten ihr weiter keinen Eindruck gemacht. Nur daß sie bedauerte, jetzt niemanden zu haben, mit dem sie von all den Eindrücken sprechen konnte.

Nur jetzt noch nicht schlafen!

Das war doch nicht möglich, jetzt schlafen, still liegen -- --

Sie summte ein paar Walzertakte vor sich hin: -- -- ein heißes Glücksgefühl überrieselte sie.

Noch einmal die süße, süße Melodie. -- --

Monika schlief nicht viel in dieser Nacht. Aber trotzdem war sie am Morgen die einzige, die frisch in die Welt schaute.

Frau von Holtz hatte Migräne.

Ihr Gatte sah verkatert aus, ihm bekam das lange Aufbleiben gar nicht.

Marie machte einen überaus angegriffenen Eindruck, schlich, wie immer nach Bällen, mit hochgezogenen Schultern in vornübergebeugter Haltung herum und hüstelte, was ihre Eltern mit lebhafter Besorgnis erfüllte.

Frau von Holtz vergaß die eigenen Schmerzen, um Marie beständig zu Hustenbonbons zu nötigen, und Herr von Holtz rührte unter beständigem Schimpfen auf die „verfluchte Tanzerei“ ein Eigelb mit Zucker, das Marie unweigerlich sofort zu essen hatte.

Am Nachmittag, als man um den Kaffeetisch versammelt war, kam Besuch: die Leutnants von Seeburg, von Hellrich und Graf Herckenstedt kamen im Krümperschlitten an und erlaubten sich „gehorsamst zu fragen, wie den Damen der gestrige Ball bekommen“.

Da die Herren sonst nie solche Lendemainvisiten gemacht, war Marie in bitterböser Laune, und mit der bei ihr üblichen Unverfrorenheit brachte sie ihre Gefühle zum Ausdruck.

Frau von Holtz mußte mehrmals vermittelnd eingreifen, wenn ihr unliebliches Töchterlein wieder eine gar zu scharfe Bemerkung gemacht.

Von seiten Monikas war keine Schroffheit zu fürchten. Im Gegenteil! Da hatte man nur in der entgegengesetzten Richtung einen Dämpfer aufzusetzen.

Wie sie jetzt den Herckenstedt wieder anstrahlte!

„Ja, getanzt haben Sie am allerbesten, Graf. Sie sind natürlich Kadiser gewesen? Die tanzen alle gut.“

„Monika, man sagt „Kadett“. Deine Art, die Worte zu verstümmeln -- -- -- --“

„Ach, Tantchen, das kommt doch nicht so genau darauf an unter uns Leutnants -- --“

Frau von Holtz fand keine Entgegnung. Es widerstrebte ihr, in Gegenwart eines Besuches unaufhörlich zu tadeln. Andererseits war ihr die burschikos-kokette Art ihrer Nichte entsetzlich.

Sie selbst war immer sehr zurückhaltend gewesen, sehr prüde, und ihre Tochter hatte diese Eigenschaft in verdreifachtem Maße geerbt.

Und zwischen ihnen beiden saß nun Monika und kokettierte mit einer Unbefangenheit, die geradezu verblüffend wirkte.

Mit einer für ihr Alter durchaus unangemessenen Sicherheit dirigierte sie die Unterhaltung, die den Leutnants zwar sehr ungewohnt, aber dafür desto interessanter war.

Marie äußerte dazu in sehr sicherem Tone Ansichten, die sich gerade nicht durch Geistesschärfe auszeichneten.

Frau von Holtz aber, die mit ihrem ganzen Sein und Wesen in den realen Forderungen des Alltags wurzelte, war ehrlich ärgerlich.

Mit einem scharfen Ruck lenkte sie das leichte Gespräch in andere Bahnen. Sie fragte, was man in Hahndorf diesen Winter noch für Vergnügungen vorhabe.

„Ja, hoffentlich werden nun bald die lebenden Bilder kommen, deren wir diesmal verlustig gegangen sind,“ sagte Seeburg.

Und Hellrich erklärte Monika, es sei ewig schade darum, denn in seinem Kostüm als Griechenjüngling hätte er berauschend ausgesehen, und dann hätte sie ihn sicher nicht so grausam behandelt wie in seiner preußischen Dragoner-Uniform.

„Und warum ist mir nun eigentlich dieser Genuß entrissen worden?“ fragte Monika.

„Ja, Baroneß, das liegt nur an Frau von Teufel zur Höll’ -- --“

„Die Teufelin,“ schob Monika verständnisinnig ein.

„Die ist nämlich höllisch --“

„Natürlich!“

„-- anspruchsvoll, und so hat sie behauptet, unseren lebenden Bildern fehle der Clou.“

„Und dabei war es so reizend,“ klagte Herckenstedt.

„Ich als Griechenjüngling,“ betonte Hellrich.

„Ja, mit Erika von Holl als Partnerin in einem „griechischen Frühlingsidyll“. -- Und Fräulein Violette von Holl als Werthers Lotte und Roßberg als Werther --“

„Das ist der hübsche Adjutant?“ fragte Monika eifrig.

„Der hübsche? Dieser Ehekrüppel?“ erwiderte Herckenstedt entrüstet.

Und Seeburg sekundierte: „So ’n alter, verheirateter Herr!“

„Acht Wochen verheiratet!“ zitierte Monika und kopierte das Gesicht, das Frau von Roßberg immer machte, wenn sie jemandem diese welterschütternde Tatsache mitteilte.

Die Leutnants unterdrückten nur mit Mühe einen Heiterkeitsausbruch.

Marie aber wollte eben zu einer kräftigen Entgegnung ansetzen, -- denn wenn jemand eine ihrer Freundinnen angriff, so faßte sie das noch schlimmer auf, als wenn es gegen sie selbst ging, -- doch der gewandte Herckenstedt verhinderte den Ausbruch, indem er in möglichster Eile weitererzählte, daß noch ein Bild „Tanzstunde“ geplant gewesen sei und das seit Methusalem rühmlichst bekannte: „Der Blumen Erwachen!“ -- -- Aber alles das habe dem stolzen Sinn von Frau von Teufel nicht genügt. Nun ja, wenn man ein ganzes Jahr bei der Garde gestanden, wie die Etatsmäßige! Und so sei die Aufführung der lebenden Bilder auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

„Bis einem von uns mal was Geniales einfällt,“ sagte Seeburg betrübt.

„Und dabei hätten wir bald die schönste Gelegenheit: nächsten Monat hat der Kommandeur Geburtstag,“ jammerte Hellrich, der es anscheinend nicht verwinden konnte, sich nicht in seiner griechischen Schönheit zeigen zu dürfen.

„Aber das ist doch nicht so schwer, einen guten Einfall zu haben,“ rief Monika. „Ich werde schon was finden.“

„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,“ begutachtete Seeburg zweifelnd. Aber Hellrich zeigte sich vertrauensvoller. „Ich bin überzeugt, daß Sie was Großartiges zustande bringen, Baronesse. Sie haben so was in den Augen, -- ich finde da nicht gleich das richtige Wort dafür, -- wissen Sie, eben so was Besonderes.“

„Ich fürchte, Monika überschätzt ihre Fähigkeiten,“ sagte Frau von Holtz, die es für geraten hielt, die Bäume nicht in den Himmel wachsen zu lassen.

Aber nun protestierten alle drei Leutnants.

Und als die Herren abfuhren, war es beschlossene Sache: sie würden der „Teufelin“ Mitteilung machen, daß Fräulein von Birken sich anheischig mache, etwas ganz Apartes für die Aufführung zum Geburtstage des Kommandeurs zu erfinden.

„Da hast Du Dich ja schön in die Nesseln gesetzt,“ sagte Marie schadenfroh, als das lustige Glockengeklingel des Krümpers in der Ferne verstummt.

„Warum?“ fragte Monika kampfbereit.

„Weil Du einen netten Kohl zusammenschreiben wirst.“

„Abwarten!“ sagte Monika lakonisch.

Nachdem sie beim Onkel Aktenbogen und Bleistift erbeutet, legte sie sich auf den Teppich und begann eifrig zu kritzeln.

Am nächsten Morgen legte sie Frau von Holtz ihr Machwerk vor, die es mit lebhaftem Mißtrauen in die literarischen Fähigkeiten ihrer Nichte las.

Wider ihren Willen fand sie es sehr nett. Aber sie traute ihrem Urteil nicht. Sie las sonst nie etwas anderes als Zeitungen, fand Poesien überspannt und war sich ehrlich bewußt, „von all diesen Sachen nichts zu verstehen“.

Marie lehnte ab, Monikas Erzeugnis zu lesen, obwohl sie vor Neugierde darauf brannte. Aber Monika sollte sich ja nicht einbilden, daß sie für ihre Dummheiten etwas übrig habe.

Mit stiller Verzweiflung sah die Dichterin, daß Tante auch nicht die mindesten Anstalten machte, das Opus nach Hahndorf abzuschicken. Und nachdem sie drei Tage in gräßlicher Nervenspannung verbracht, griff sie zu einem heroischen Mittel: sie packte ihr Werk ein und adressierte es selbst nach Hahndorf. Nicht etwa an die Teufelin. Vor der hatte sie zu großen Respekt. „Leutnant Graf Herckenstedt“ stand auf dem Kuvert und auf das Manuskript hatte sie gekritzelt: „Wie Sie sehen, habe ich mein Versprechen gehalten. Hoffentlich gefällt’s!“

Sie paßte den Briefträger ab und händigte ihm selbst das umfangreiche Kuvert ein. Als er umständlich die Adresse gelesen, grinste er freundlich und grinste noch freundlicher, als Monika ihm ein kleines Trinkgeld in die Hand gedrückt.

Als einige Tage später Frau von Teufel zur Höll und Frau von Roßberg zum Besuch vorsprachen, war der jungen Autorin doch recht unbehaglich zumute.

Aber ihre Besorgnisse hielten nicht lange vor, da die Teufelin ihr gleich beim Eintreten förmlich freundlich zugelächelt und dann Frau von Holtz versicherte, daß „ihre liebe Nichte wirklich eine ganz reizende Idee gehabt“.

Frau von Holtz schwebte im Unklaren, wußte nicht recht, wie sie sich zu der ganzen Sache stellen sollte, aber sie wurde auch gar nicht gefragt.

Frau von Teufel vertiefte sich sofort in ein detailliertes Gespräch mit Monika, Marie zog mit ihrer Freundin in ihre Privatgemächer, und Frau von Holtz blieb nichts weiter zu tun, als Tee zu bestellen.

Als dann dieser Tee und ein riesenhafter Napfkuchen die Parteien um den runden Tisch versammelt hatte, bat Frau von Teufel Monika, ihr Werk nun vorzulesen, damit man gemeinsam den Eindruck beurteilen könne.