Part 2
„Ja, wir sind ja nu all vier Jahre verheiratet. Und er is so, wie Männer nu eben so sind. Er tut ja seinen Dienst bei de Bahn ganz ordentlich und hat auch das Allgemeine Ehrenzeichen gekriegt. Es is ja auch ein sehr scheener Mann. Du weißt, Monchen, ich war immer sehr für de Scheenheit.“
„Na also.“
„Ich wer’ Dir was sagen, Monchen: er ist zu alt. An die fuffzig is er jetzt...“
„Na, und Du, Liese?“
„Fünfundvierzig.“
„Das paßt doch eigentlich ganz gut.“
„Ach, er hat nu schon den ganzen Kopp voll graue Haare. Und so die richtige Forsche is auch nich mehr in ihm. Weißt Du, wenn ich dagegen an den Hanschen denk’, den Stubenmaler aus Stallupönen ...“
„Wer ist denn das?“
„Mein erster Bräutigam, Kind. Ein forscher Kerl war das. Groß wie so ’n Baum und den ganzen Kopp voll Locken und rote Backen. Und zwanzig Jahre war er alt... und ich achtzehn.“ Eine Sehnsucht glomm aus in den dumm-pfiffigen Augen.
Mit ahnungsbangen Augen sah das knospende Mädchen hinüber zu der verblühten Frau, die von erster Liebe sprach.
„Liese, es ist schrecklich spät. Ich glaube, ich muß weg.“
„Ja, das mußt Du, mein Trautstes, aber erst muß ich Dir mal die Stub’ zeigen. Nu all die ganze Zeit hier in die Küche...“
Liese öffnete die Tür zur Stube. Auch hier herrschte die gleiche bedrückende Luft. Ein großes Bett nahm die eine Längswand ein; es war auf allen vier Seiten von einem roten Kattunvorhang umgeben.
„’n Himmelbett muß der Mensch haben,“ behauptete Liese stolz.
„Und nu kiek mal her, Monchen...“ Triumphierend wies Liese auf die Kommode, wo vier Photographien von Monika in verschiedenen Lebensaltern standen.
„Hier aber is das Feinste for Dich,“ sagte die Liese geheimnisvoll und führte sie ans Fenster. Auf dem Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in welchem ein junges Myrtenstämmchen ein kümmerliches Dasein führte. „Für Deinen Brautkranz, Monchen...“
Monika lachte. „Du, die Mama hat gesagt, arme Mädchen werden heutzutage überhaupt nicht geheiratet.“
„Ach, Monchen, so scheen wie Du bist mit Deinem Gesicht wie Milch und Blut -- Dir wird früh genug einer holen.“
„Desto besser, Liese, desto besser! Ich denke mir das Heiraten großartig!“
Lachend wandte sich Monika zum Gehen, zuckte aber mit einem Ausruf des Schreckens, als plötzlich aus einer Ecke des Zimmers hinter dem Ofen hervor ein Stöhnen klang.
„Die Ollsche,“ sagte Liese erklärend.
Monika gewahrte dann, daß, in einen Stuhl gekauert, eine uralte Frau hinter dem Ofen saß: sie hielt die Augen geschlossen. In dem von tausend Falten durchfurchten Gesicht zuckte kein Muskel, wie aus Stein gehauen saß sie da.
„Die Ollsche, ’ne Tante vom Grün, Monchen. Sie is nu all siebenundachtzig und all ein bißchen lititi im Kopp. Na, da hab’ ich sie hergenommen.“
Draußen auf dem Hof stand Fritzchen und hielt mit beiden Händen die Vorderpfoten eines nudeldicken, weißen Spitzes, der, auf den Hinterbeinen sitzend, genau so groß war wie der Knabe; die beiden sahen sich stumm und liebevoll in die Augen.
„So steh’n sie manchmal ’ne halbe Stunde,“ sagte Liese.
Und dieses freundliche Bildchen war das letzte, was Monika bei diesem Besuch erblickte.
So schnell sie konnte, eilte sie nun zurück.
Die frühe Winterdämmerung lag auf dem ebenen Lande und tauchte die endlose Schneefläche in ein fahles Blau. Der Wind hatte sich aufgemacht und blies durch Monikas dünnen Mantel, daß ihr ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Aber sie rannte freudig vorwärts.
Und Worte kamen ihr -- sie wußte selbst nicht woher -- die sie laut vor sich hinsang.
„Das ist der Wind meiner Heimat, Der über das Schneefeld braust -- Das ist der Wind meiner Heimat, Der heut mir die Locken zerzaust.
O tobe und tobe nur weiter, Herr Wind, Und erfriert auch der See und die Zweige im Wald -- -- Meine heiße, blühende Jugend, Die machst Du doch nimmermehr kalt!“
Warm und selig war ihr zumute.
Mit aller Kraft ihrer Lungen sog sie die kühle Schneeluft ein.
Wie anders das war als der Großstadt Luft. O, diese Schnee-Einsamkeit, durch die der Wind sang statt der tobenden Straßen Berlins. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Natur rann warm und beseligend durch Monikas Adern. Sie mußte sich mit Gewalt zusammenreißen, um einigermaßen gesittet das Haus zu betreten.
Allerdings war der Empfang, der ihr zuteil wurde, ganz dazu angetan, ihre Stimmung schleunigst zu dämpfen.
Marie empfing sie mit schadenfrohem Gesicht, und die Tante, die in ihrem Boudoir mit einer Stickerei beschäftigt war, trug in ihrem Gesichtsausdruck hoheitsvolle Würde zur Schau -- ein böses Zeichen!
Sie sagte einstweilen gar nichts, sondern zog mit gewählt schönen Bewegungen den Faden durch die Arbeit. Man hörte in dem hübschen, eleganten Zimmer keinen anderen Laut, als den schweren Schlag der großen Uhr.
Monika konnte diese gespannte Stimmung nicht lange aushalten. Und so sagte sie, halb trotzig, halb flehend: „Tantchen, ich war bloß bei der Liese.“
Wenn sie geglaubt hatte, daß das ein Milderungsgrund sei, so sah sie sich getäuscht.
Tante wurde noch mehr als früher zürnende Gottheit, und dann ergoß sich über Monika eine Standpauke, die kein Ende zu finden schien. Erstens was die Unsitte betraf, allein auszugehen, zweitens der Mangel an Pünktlichkeit, drittens der unhygienische Leichtsinn, in eine Armeleutewohnung zu gehen, und so fort.
Immerhin schienen allmählich mildere Regungen in der Tante aufzudämmern, denn sie schloß mit den Worten: „Und nun klingle, daß man Dir den Kaffee nachserviert und den Napfkuchen. Du wirst einen schönen Hunger haben.“
Am Abend schrieb Monika ihrer Mutter einen Brief.
„Liebste Mama,
jetzt bin ich also wieder in dem geliebten Sarkow. Die Verwandten sind sehr nett zu mir, ausgenommen Marie, die so hacksig ist wie immer.
Bei der Liese war ich auch schon.
Liebe Mama, ich wollte ja sehr gern von zu Hause weg, aber als der Zug sich in Bewegung setzte und ich Euch gleich darauf nur noch aus der Ferne sah, da wurde ich doch riesig traurig. Ich habe mich auf der langen Fahrt hierher gefragt, warum eigentlich alles so gekommen ist, und warum wir uns die letzte Zeit so schlecht standen, wo es doch früher so herrlich war. -- Damals, als ich noch klein war und Dir alles, alles sagte. --
Du hast in der letzten Zeit manchmal gesagt: wenn Dein Vater noch lebte, wärst Du nie so geworden!
Aber das ist ganz falsch. Das hat gar nichts mit Papas Tode zu tun -- als ob ich jetzt weniger Angst hätte! Denn Angst habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehabt!
Aber mir sind im letzten Jahre so viele Gefühle und Empfindungen gekommen, ich weiß selbst nicht woher -- so vieles, was gar nicht zu definieren ist.
Ich kann Dir nur sagen: wie Ihr mich zu Hause behandelt habt, das ist mir oft vorgekommen, als wenn man eine Pantherkatze wie einen Kanarienvogel erziehen will! Ach Gott, wie schön muß das sein, wenn man frei ist! Frei in der herrlichen Welt, sich sein Glück zu erkämpfen. Ich +möchte+ Glück! Ich möchte alles haben, was schön ist und reich! Ich möchte den Ruhm und die große Liebe und Rausch und Glanz!
Jetzt wirst Du wieder sagen, ich sei zu frühreif. Ja, aber Frühreife ist doch auch eine Reife! Und dabei dann gequält werden mit tausend Verboten und Vorschriften, und mit Klavierüben und Anstand und Staubwischen! Gequält werden mit tausend Nichtigkeiten und Kinkerlitzchen! --
Uebrigens, ich hätte Dir zuliebe sehr viel davon ausgehalten, liebe Mama, aber was nicht auszuhalten war, das war die Behandlung, die Du mir durch Alfred und Heinrich angedeihen ließest. Warum waren die mir zu Aufpassern und Richtern bestellt? Warum? -- Sind sie besser als ich oder reifer? --
Ich würde mich schämen, wenn ich nur die Hälfte so dumme Streiche machte wie die.
Sind sie klüger als ich? -- Ich möchte wissen wo!
Da sind sie nun im Gymnasium, haben die besten Lehrer -- und sind so faul, daß sie die eine Hälfte ihres Pensums nicht wissen und die andere Hälfte abschreiben.
Und ich mit meinem glühenden Wissensdurst und meiner ungewöhnlich guten Auffassungsgabe werde mit dem Bröckchen der Mädchenschulerziehung abgespeist und alle Werte der Menschheit erhalte ich ~ad usum Delphini~ zurechtgemacht -- wenn Du soviel Latein verstehst, Mamachen.
Und dann in anderer Beziehung: Ich will nicht davon sprechen, welche Sorte „Flammen“ Alfred und Heinrich haben, aber daß meine Brüder die Frechheit besitzen, über meine Liebesgefühle zu Gericht zu sitzen, das ist nicht zu ertragen!
Warum soll ich denn weniger empfinden als sie? Habe ich denn nicht auch Fleisch und Blut und Nerven und Empfindungen? -- Na, lassen wir das. Ich ärgere mich bloß, wenn ich daran denke.
Und ich will mich nicht ärgern, sondern selig sein, daß ich jung bin, und daß das Leben schön wird. Vorläufig stehe ich ja noch davor wie vor einem verschlossenen Garten. Die Mauer ist hoch, aber drüber her hängt doch manch ein Blütenzweig. Der zeigt mir an seinen kleinen, rosigen Blüten, wie süß die tausend Frühlingswunder sein müssen, die hinter der Mauer sind -- im Garten des Lebens.
Ich wollt’, ich dürfte schon hinein!
Monika.“
2.
Monika fügte sich besser in die Hausordnung, als man es nach dem ersten wilden Tage erwarten durfte. Sie war von überquellender Herzlichkeit zu ihrer Tante, die sie sehr liebte, weil sie sie so schön fand.
Mit dem Onkel stand sie auf einem lustigen Neckfuß: nur mit Marie konnte sie zu keinem wärmeren Tone gelangen. Marie verhielt sich allem Entgegenkommen Monikas gegenüber durchaus ablehnend. Sie hatte eine instinktive Abneigung gegen das vollsaftige junge Geschöpf mit dem heißen Hirn und dem heißen Herzen.
Die Cousinen sahen sich selten allein. Nur wenn Marie mal irgendein Anliegen an Monika hatte, bat sie sie in ihr Wohnzimmer. Und Monika tat ihr gern jeden Gefallen.
Uebrigens beneidete Marie die Cousine nicht etwa um ihre kleinen Talente. Sie sah auf Monika herab mit der ganzen Sicherheit, die die feste Position ihres Vaters ihr gab, und fühlte sich als einziges Kind des sehr wohlhabenden Herrn von Holtz dazu berechtigt, Ansprüche an ihre Zukunft zu stellen.
Sie betrachtete Monika als tief unter sich stehend, gleichsam ausgeschieden aus den Reihen der guten Gesellschaft in ihrer Eigenschaft als Tochter einer vermögenslosen Witwe.
„Du wirst natürlich Dein Lehrerinnen-Examen machen,“ sagte sie ihr.
„Ich denk’ nicht dran!“ trotzte Monika.
„Na, was sollst Du denn sonst tun? Deinen Lebensunterhalt mußt Du Dir doch mal verdienen und für ein Mädchen aus unseren Kreisen gibt es doch keine andere mögliche Erwerbsart.“
„Ich könnte doch Schriftstellerin werden; die sollen ja so ’ne Menge Geld für Romane kriegen,“ warf Monika ein.
Marie stimmte ein Hohngelächter an:
„Ach, mach’ Dich doch nicht lächerlich. Schriftstellerin! -- Als ob das so leicht wäre! Denkst Du, mit Deinen paar Verschen ist sowas zu machen? Du und Schriftstellerin!“
„Will ich auch gar nicht! Hab’ ich eben bloß so gesagt. Ich bin viel zu hübsch, um Schriftstellerin zu werden! Ich heirate einen Prinzen und lade Dich zur Hochzeit ein, obwohl Du es nicht um mich verdient hast.“
„Rede doch kein Blech!“ Marie wurde nun im Ernst ärgerlich.
Aber Monika ließ sich nicht stören.
„Sollst mal sehen: einen Prinzen! Einen mit blauen Augen und weißblonden Haaren und einem süßen, kleinen Schnurrbärtchen, so wie ein Bürstchen geschoren. Riesig groß muß mein Prinz sein und ganz schlank und wahnsinnig elegant. So hohen Stehkragen und als Krawattennadel eine Perle für zehntausend Mark!“
Nach diesem Trumpf trat Monika einen beschleunigten Rückzug an, da Marie in einen bedenklichen Grad von Wut geraten war.
Marie rächte sich dann auch grausam für Monikas „Größenwahn“, als an diesem Tage die Nachmittagspost die Journalmappe brachte.
Monika fand Marie behaglich ausgestreckt auf dem Teppich liegen, die zweiundzwanzig verschiedenen Journale malerisch um sich herumgruppiert.
Monika legte sich sofort auch bäuchlings auf den Teppich und pürschte sich langsam und vorsichtig an ihre Cousine heran.
„Du, Mariechen...“
Ein kühler Blick ward ihr zuteil.
„Du wünschest?“
„Würdest Du mir vielleicht erlauben, daß ich auch was davon lese?“
„Nein.“
„Nur, was Du schon gelesen hast.“
„Bedaure.“
„Ach, sei doch nicht so! Ich möchte doch so sehr gern. Gib mir bloß irgendeine ganz kleine Zeitschrift!“
„Nein.“
„Und warum nicht?“
„Weil man einem Mädchen von Deinen Anlagen keine Romane in die Hand geben darf.“
Aufseufzend ging Monika hinaus.
„Alter Zeitungstiger!“ rief sie ihrer Cousine noch zu, die sich aber dadurch nicht stören ließ, sondern weiter in ihren Zeitschriften schwelgte.
Monika saß indessen mit bitteren Gefühlen in ihrem Zimmer und rauchte eine dem Onkel „gestriezte“ Zigarette.
Die schlechte Behandlung weckte wieder alle ihre oppositionellen Instinkte, die jetzt mehrere Tage lang geschlummert hatten.
Ein kühner Griff nach der geliebten Pelzmütze, und gleich nachher lief Monika eilfertig ins Dorf hinunter.
Zuerst fünf Minuten hinein zur Liese, die sie mit lärmender Freude begrüßte und tiefunglücklich war, daß Monika „nur auf so ein Augenblickchen“ gekommen war.
„Ich will zu Doktor Rodenberg, Liese. Tante läßt mich nicht hin, obwohl ich ihr gesagt habe, daß ich ihm Grüße von Mama bringen soll.“
„Na, denn lauf’ man hin, Monchen. Dem Doktor is die Freude zu gönnen, daß er Dir mal sieht. Lange leben tut der nich mehr, der sauft sich ja zu Tod!“
„Pfui, Liese, wie kannst Du sowas sagen! Der sauft gewiß nicht. So ’n superiorer Mensch wie der Doktor!“
„So ’n was?“
„Ach, das verstehst Du doch nicht. Nun gib mir schnell noch ’n Kuß und komm bald mal zu uns. Tante hat gesagt, wenn ich Dich sehen wollte, müßtest +Du+ mich besuchen und nicht ich Dich. Also komm bald. Ja?“
Die Liese brummte etwas vor sich hin, was nicht gerade eine Schmeichelei für Frau von Holtz bedeutete, und sah Monika dann nach, die die Dorfstraße weiterstürmte.
Immer geradeaus, bis es rechts und links keine Bauernhäuser mehr gab und endlos sich die verschneite Landstraße dehnte.
Auf freiem Felde lag Doktor Rodenbergs kleines Haus. Ein häßliches Haus war’s aus roten Ziegeln. Auf der Haustür ein Schild, das anzeigte, wann der ~Dr. med.~ Ernst Rodenberg seine Sprechstunden abhielt.
Monika riß heftig an der Klingel, die mit wahrhaft ohrenbetäubendem Lärm anschlug.
Eine große, hagere Greisin öffnete die Tür.
Die sonderbar geformte weiße Haube auf ihrem Kopf gab ihr etwas Nonnenhaftes. Ihr Gesicht sah aus, als habe es einer der primitiven Meister des Mittelalters aus Holz geschnitzt. In ihren hellgrauen, gleichsam verblaßten Augen war der Ausdruck eines steinernen Schmerzes.
„Den Doktor wollen Sie sprechen? Ja, mein Sohn ist hier.“
Sie öffnete eine Tür. Ein Geruch von Jodoform quoll Monika beißend entgegen.
Der Doktor saß an seinem Schreibtisch und drehte sich nicht um, als Monika eintrat und die Tür hinter sich ins Schloß drückte.
„Herr Doktor...“
„Ja, sofort.“
Er schrieb noch ein paar Augenblicke, dann wendete er sich um und musterte erstaunt das junge Mädchen.
„Doktor, wer bin ich?“ fragte sie strahlend.
„Gott, die Mone!“ rief er, „die Mone...“
Mit zwei Schritten war er bei ihr und schüttelte ihr die Hände.
„Wie lieb, daß Du gekommen bist! -- Daß Du hier bist, habe ich im Preußischen Adler schon gehört, aber ob Du herkommen würdest...“
„Na ob,“ sagte Monika und blickte ihm lachend ins Gesicht.
Sie sah jetzt erst, wie verändert dieses Gesicht war. Die früher so schönen Züge begannen zu verfetten und ein trüber Glanz glomm in den dunkeln Augen.
Seine Musterung dagegen fiel äußerst befriedigend aus.
„Hübsch bist Du geworden, Mone, und wirst noch hübscher sein in drei Jahren.“
Er betrachtete sie genau in dem hellen Nachmittagslicht.
„Von der Mama hast Du gar nichts. Das ist der Vater, das ist Birkenscher Wuchs: die breiten Schultern und die schmalen Gelenke. Und auch das Birkensche Gesicht. Nur nicht so kalt siehst Du aus wie die alle... Die Wärme, Mone, die Wärme hast Du doch von der Mama.“
Das war ein Fragen und Antworten, ein Plaudern und Lachen hin und her.
Die steinerne Mutter, die hereinkam, um Tee zu bringen, bekam einen förmlichen Schreck vor Erstaunen.
Wie lange war es doch her, daß ihr Sohn nicht mehr gelacht!
Monika schwelgte in „Jugenderinnerungen“.
„Lieber Doktor, da ist gar nichts zu lachen. Ich erhalte das aufrecht: Jugenderinnerungen! Es sind ja ganze sechs Jahre, daß ich Sie nicht mehr gesehen habe. Ich war ein Gör von zehn Jahren, als wir von hier wegzogen.
Lieber, lieber Doktor, wissen Sie noch, wenn Sie mich jeden Morgen zum Spazierengehen abholten. Ach, war das schön, wenn Sie mich jede Pflanze kennen lehrten und jeden Stein, jeden Käfer und jeden Schmetterling. -- Aber das schönste war doch, wenn Sie mir erzählten: Trojas Untergang oder von Siddharda, dem indischen Königssohn. Oder vielleicht war die germanische Mythologie doch noch schöner. Ach, Baldurs Tod oder wie Schwanhild von den gotischen Rossen zerstampft wurde. Und die Götterdämmerung. -- Ich kann Ihnen ja nie genug für das alles danken. Das sind die stärksten Eindrücke meines Lebens gewesen. Ich glaube, so ein nagelneues, taufrisches Kindergehirn nimmt die Eindrücke wohl am allerschärfsten auf. Ja?“
„Ach, Du kleine Weisheit. -- Na, und wer ist inzwischen Dein Lehrmeister gewesen?“
„Niemand,“ seufzte Monika. „Der Papa hat sich ja nie für solche Sachen interessiert, und die letzten Jahre war er ja auch so krank, der arme Papa. Und Mama, ach, der bin ich ja schon lange über den Kopf gewachsen.“
„Du Gelbschnabel.“
„Doktor, es ist doch wahr! Die Mama ist eine liebe, süße Frau! Aber sie ist so kindisch!“
„Wirst Du wohl nicht so despektierlich reden, Du Racker! Das glaube ich schon, daß sie Dich nicht klein kriegt!“
„Nein, und in der Schule haben sie mich auch nicht klein gekriegt. Seit Oktober mit der ~Ia~ durch, Doktor, ein Jahr jünger als alle andern und ~prima omnium~ natürlich. Das wundert Sie doch nicht, alter Mentor? Mama hat mir oft genug erzählt, daß Sie mich schon im zarten Kindesalter für „geistig abnorm begabt“ erklärt haben. Inzwischen hat sich das ja etwas ausgeglichen und es gleicht sich wohl noch weiter aus. Wenn ich heirate, werde ich wohl einen normalen Geist aufzuweisen haben, und wenn ich silberne Hochzeit feiere...“
Der Doktor lachte Tränen.
„Mone, Du warst immer eine Perle und das bist Du geblieben.“
Als das junge Mädchen gegangen war, verfiel Rodenberg wieder in das stumme Brüten, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.
Seine Gedanken flogen zurück in die Zeiten, von denen Monika gesprochen.
In der geistigen Vereinsamung, in der er hier immer gelebt, war es ihm geradezu ein Genuß gewesen, die empfängliche Kindesseele zu bilden, Monikas auffallend früh entwickeltem Geiste stets neue Nahrung zu geben. Mit dem Interesse des Arztes und Forschers hatte er beobachtet, wie gierig das Kinderhirn jeden Eindruck verarbeitete, wie jedes Wort auf fruchtbaren Boden fiel.
Für den Doktor war es ein Schlag, daß Birkens fortzogen. Es wäre ihm eine wahrhafte Freude gewesen, Monika auch fernerhin geistig zu formen. Auch war das Birkensche Haus das einzige, in dem er verkehrte. In seinem öden Leben war die strahlende Freundlichkeit der Baronin Birken ein Lichtpunkt gewesen.
Die lebhafte, hübsche Frau mit der unnatürlich schlanken Taille und der kunstvollen Frisur hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den Doktor.
Sie war liebenswürdig, kokett, sehr kapriziös, dabei ohne jede Energie -- ein schlankes, schwankes Schilfrohr.
Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo sie dem Herzen des Doktors gefährlich gewesen war. Ein paar unvergessene Sommerabende auf des Herrenhauses Terrasse, während vom Park herauf der Flieder duftete.
Ja, so hatten die Fliederbüsche wohl nie wieder geblüht wie in dem Jahre -- in so lastender Fülle -- und so betäubend hatten sie wohl nie mehr geduftet wie damals.
Baron Birken war, wie so oft, bei „seinem“ Regiment in Hahndorf gewesen. Und der Doktor las auf der Terrasse Frau von Birken vor: Mirza Schaffys Gedichte.
Er hatte die heißen Worte gesprochen, wie man nur sprechen kann, wenn man liebt!
Und ihre Augen schienen Antwort zu geben auf all seine stummen Fragen...
Eine trunkene Hoffnung schwellte in diesen Tagen des Doktors ganzes Sein.
Nicht lange nachher wurde er zu einem Gartenfest nach Sarkow geladen. Da sah er, daß die hübsche Schloßherrin, wenn sie mit Kerkow von den Hahndorfer Dragonern sprach, genau ebenso liebevoll und verständnisinnig aussah wie an jenen Abenden, als der Flieder blühte.
Und als der schöne Schmettwitz erschien, hatte sie nur für dessen Hünenfigur noch Augen und strahlte förmlich vor Glück, als sie mit ihm die Polonäse schritt.
Der Doktor überwand die Enttäuschung schnell und freute sich nun nach Ueberwindung der sentimentalen Krise, ohne Nebengedanken des freundlichen Empfanges, dessen er auf Sarkow immer gewiß war. Der Hausherr war ein brillanter Gesellschafter, und Frau von Birken legte beim Erscheinen des Doktors regelmäßig eine Freude an den Tag, als ob sie einen geliebten Freund nach langjähriger Trennung wiederfände.
Sie war dann in reizender Weise um den Doktor besorgt, besonders in kulinarischer Beziehung leistete sie Ueberraschendes. Jedesmal gab es eine ganze Reihe ausgezeichneter Gerichte, deren Zubereitung sie womöglich selbst überwachte.
So oft es ihr ihr Gatte, der diese Art sehr unvornehm fand, auch verboten, sie fand doch immer wieder „ein Momentchen“, um in die Küche hinunterzulaufen und dort der Bertha, der in Birkens ganzem Bekanntenkreise berühmten alten Bertha, nochmals einzuschärfen:
„Aber recht viel Schmand an die Sauce, Bertha,“ oder „daß mir die Kaulbarsche bloß nicht zu lange kochen.“
Bertha pflegte diese Ermahnungen nur mit einem verachtungsvollen: „Weeß ich alleene!“ zu beantworten.
Ja, als der Doktor einmal krank war und sich recht verlassen und elend fühlte, allein in seinem Hause mit einer bäuerlichen Aufwärterin, hatte Frau von Birken ihm täglich alle Mahlzeiten hinausgeschickt und sich, was die Menüs anbetraf, geradezu selbst überboten.
Daß ihre Gefühle nicht nur im Materiellen wurzelten, bewies sie sowohl durch die Blumensträuße, die sie den nahrhaften Gaben beifügte, als auch durch die ausgewählten Büchersendungen.
Ja, sie war schon eine liebe Frau.
Und sie blieb sich gleich.
Man konnte kein Aelter-, kein Reiferwerden an ihr konstatieren.
Sie hatte ihre backfischhafte Koketterie noch, als die Kinder heranwuchsen, als Alfred schon ein großer Quintaner war und Monika schon den Trojanischen Krieg in unleugbar talentvollen Versen besang.
Ja, Monika! -- Die war wohl des Doktors reinste Freude gewesen. Die anbetende Bewunderung und das grenzenlose Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, ihr glühendes Miterleben, wenn er ihr von den uralten Märchen der Menschheit sprach, wenn sie bittere Tränen vergoß um das Schicksal des männermordenden Peliden oder selig strahlte über eine gelungene List des edlen Dulders Odysseus.
Mit der Freude, die ein Gärtner hat, wenn an einer von ihm gezogenen Pflanze eine neue Knospe sprießt, war er ihrer Entwicklung gefolgt.
Aber schon als sie zehn Jahre alt war, hatte der Birkensche finanzielle Zusammenbruch, der die Familie veranlaßte, nach Berlin zu gehen, Monika seinem Einflusse entzogen.
So wie er sie heute wiedergesehen, versprach sie viel für die Zukunft, versprach, körperlich und geistig ein Edelexemplar zu werden.
Wieviel sie davon halten würde?
Ein müdes Zucken hob die Schultern des Doktors.
Er hatte schon zu viele schöne Knospen gesehen, die gar vulgäre Blumen wurden.
Und dann -- es war ja schließlich gleichgültig -- es war ja alles so gleichgültig.
Mit müder Gebärde schenkte er sich aus der Rumflasche ein und blies in dichten Wolken den Qualm seiner billigen Zigarre vor sich hin. --