Part 18
Und sie lachte und sprach, und sie war lebhaft, liebenswürdig wie nie zuvor.
An diesem Tage erzählte sie zum ersten Male Harry Lork von ihren schriftstellerischen Versuchen.
Er bewies ein glühendes Interesse, schmeichelte ihr das Versprechen ab, ihm noch heute abend irgendeines ihrer Manuskripte zu geben.
„Aber es sind eigentlich alles nur Notizen,“ sagte Monika verlegen, „gar nichts Fertiges, nur Betrachtungen. Ich habe sie eigentlich nur für mich selbst geschrieben.“
„Aber das ist ja unendlich interessanter, als wenn es anders wäre,“ rief er lebhaft. „Ich habe bei allen Kunstwerken mehr Interesse für die erste Skizze als für das fertige Werk.“
Und am Abend gab ihm Monika wirklich ein paar Seiten, die sie geschrieben.
Sie hatte mit sich gekämpft, ehe sie es getan. Aber dann sagte sie sich, daß sie doch nicht allein für sich schreibe, sondern daß sie für ein Publikum arbeiten wolle; daß es doch gerade ihr Lebensberuf sein würde, ihre Gedanken der Menge preiszugeben.
Ja, sie hatte gedacht: „der Menge... preiszugeben ...“
Warum empfand sie nicht mehr wie früher, als es ihr höchste Seligkeit erschienen war, ihre Gefühle anderen zugänglich zu machen, sie mit teilnehmen zu lassen an Freuden und Schmerzen?
Jetzt war in ihr ein Zurückschauern vor diesem Gedanken.
Waren das wieder Vorurteile, die Georg ihr in die Seele gepflanzt?!
Nun, die wollte sie wohl noch besiegen....
Und trotzig griff sie aufs Geratewohl in den kleinen Stoß von Heften in ihrem Schreibtisch, nahm eines davon heraus und gab es nach dem Diner dem Grafen Lork.
Auf den Blättern stand:
„In die Vasen auf meinem Kaminsims habe ich weiße Rosen gestellt. Halberblüht sind sie. Ihre schweren Kronen sehen aus wie aus Elfenbein geschnitzt; geschnitzt von einem primitiven Meister, denn ihr Kern ist noch plump. Die blassen Blätter liegen so fest übereinander, daß sie eine einzige Masse bilden.... Nur zwei, drei der äußersten Blütenblätter fangen an, sich von dem festen Kern zu lösen, und unter ihnen sitzen die zwei Hüllenblätter, weit auseinandergetan, sonderbar tiefrosig überhaucht.... Wie blutbefleckt sehen diese offenen Kelchblätter aus.
Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist. Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.
Vollendung!...
Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?
Ach, diese Rosen beschreiben -- wie kann man das? So beschreiben, daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter sieht... und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich weich und kühl diese Blütenblätter sind.
Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.
Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können, weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu bezeichnen.
Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu einfach, unsere Waffen zu stumpf.
Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd ahnt, wie schön die Sprache sein +könnte+, wenn man sie pflegte und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.
Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen kann die Nuancen geben.
Schade! Worte sind doch alles.
An Worten hängt unser Schicksal. Wie wenig haben Taten oft zu bedeuten! Taten gibt es, die nicht mehr zu erkennen sind unter der Last von tausenden schwirrenden Worten. Taten, die entstellt werden durch Worte, wie ein schönes Jünglingsantlitz durch Wunden, wie ein holdes Mädchengesicht von fressendem Aussatz.
Andere wieder werden durch Worte so wundersam verschleiert wie eine Landschaft durch einen Nebelhauch.
Ach, Worte...
Und zu fühlen: die Worte, die wir kennen, sind zu schwach, sie, die uns Flügel sein sollten, sind uns nur Krücken!
Wohl könnte ich sagen, was für Rosen in den Vasen auf meinem Kamin blühen, aber wie soll ich das Glück beschreiben, das ich empfinde beim Anschauen dieser Pracht, beim Anschauen dieser schwellenden Rosen, die schönheitsstrotzend ihrem Tode entgegenblühen?“ -- --
Am nächsten Tage, während der Morgen-Bootfahrt, sagte Lork zu Monika:
„Ich kann Ihnen nicht sagen, einen wie tiefen Eindruck Ihre Zeilen mir gemacht haben. Besonders darum, weil sie Gedanken enthalten, die ich oft gefühlt und die ich nie in Worte habe bringen können. Zum Beispiel das, was Sie über die Sprache sagen. Wie oft habe ich das empfunden: es gibt tausendfache Gefühlsnuancen, für die wir keine Worte haben. Besonders, wenn es sich um Liebe handelt. Gerade das Erwachen der Liebe ist mit Worten nicht zu bezeichnen, jenes Stadium, das eigentlich noch keine Liebe ist, auf das aber die Liebe so unbedingt folgt wie Frühling auf den Vorfrühling. Jenes Stadium, wo man einer Frau die Hand küßt und dabei anfängt, an ihre Lippen zu denken.....“
Und Graf Lork beugte sich bei diesen Worten tief über Monikas Hand.
15.
Von diesem Tage ab gab Monika ihm oft etwas, was sie geschrieben, Phantasien, Betrachtungen, manchmal ein Gedicht. Und immer aufs neue war sie erstaunt von dem Verständnis, das er ihr entgegenbrachte. Ein Verständnis, das bis ins einzelste ging und jede flüchtige Nuance zu würdigen wußte.
Sie empfand ein lebhaftes Erstaunen darüber. Wenn man Lork kennen lernte, vermutete man so gar nichts Aehnliches in ihm. Die ganze erste Zeit ihrer Bekanntschaft war er ihr als weiter nichts erschienen als ein Mann von guten gesellschaftlichen Formen und von banaler Liebenswürdigkeit. Und nun dieses feinsinnige Eingehen auf jeden ihrer Gedanken.
Und die grenzenlose Mühe, die er sich gab, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr jede Laune zu erfüllen, kaum daß sie ausgesprochen war. -- -- Sie verstand ihn erst dann, als sie ihn einmal Klavier spielen hörte.
An einem brütend heißen Nachmittag war’s. In der Halle hatte man die großen Stores heruntergelassen, und diese dünne Scheidewand genügte, um das rote Brennen des Sommertages in eine opalblasse Dämmerung zu verwandeln.
In den Korbstühlen und Schaukelstühlen lagen ein paar Hotelgäste in „aufgelösten“ Stellungen herum.
Eine sehr hübsche Russin war sogar im Peignoir erschienen, in einem nilgrünen und goldgestickten Peignoir, dessen Farben mit einem tiefen, metallischen Glanze aufleuchteten in dem sanften Halblicht, das man in der Halle hergestellt hatte.
Ein Engländer verpflanzte tropische Angewohnheiten hierher, indem er sich ein nasses Handtuch auf den Kopf gelegt und einen der Liftboys angestellt hatte, ihm Kühlung zuzufächeln. -- Kein Punkah war’s, den er bewegte, sondern einer der bunten Papierfächer, die das Hotel als Reklame-Angebinde den Damen widmete, die dort soupierten.
In der Bar, die an die Halle anstieß und in der ein übernächtigt aussehender Mixer immer neue ~Ice-drinks~ mischte, saßen Lork, Monika, Edith, Berningen und Milorski.
Berningen war tief betrübt von seinem Ausflug ins Holländische zurückgekehrt, seitdem vor zwei Tagen zwei Offiziere der niederländischen Kolonial-Armee angekommen: der eine, Major, war der Gatte der schönen Mutter, und der Leutnant der Verlobte der pikanten Tochter, dessen Existenz sie bisher unterschlagen.
Aber seitdem er da war, hatte sie jedenfalls nur für ihn noch Augen, und die schöne Mama bezeigte ihrem Manne eine hingebende Liebe, die als geradezu vorbildlich für eheliches Glück hätte gelten können.
Berningen machte jetzt aus Verzweiflung Edith die Cour, Monika war seiner Ueberzeugung nach „in festen Händen“; Lork wich ihr ja nicht von der Seite.
Edith sagte sich, daß die Redensarten Berningens nicht den mindesten Wert für sie besäßen. Sie wußte, daß er sich mit seiner knappen Zulage nur mit Mühe bei den Kronprinz-Ulanen zu halten vermochte; er konnte unbedingt nur ein reiches Mädchen heiraten.
Und doch blieb es nicht ohne Eindruck auf sie, wenn er ihr Schmeicheleien sagte.
Und wenn sie zehnmal wußte, daß das nur dumme Redensarten waren... sie hatte zu lange Jahre gedarbt, um jetzt nicht auch Brosamen zu genießen.
Sie versuchte gegen das Wohlgefühl anzukämpfen, das sie durchrieselte, wenn die hübschen, leichtsinnigen Leutnantslippen ihr Freundliches zuflüsterten. Sie versuchte ganz bewußt, diesen Flirt dazu auszunutzen, um Lork eifersüchtig zu machen, aber das schien vergebliche Mühe. --
Herr von Milorski war entzückt von der Hitze und zog sich die Verwünschungen der anderen zu, als er „hoffte, es würde noch monatelang so fortgehen“.
Ja, er hoffte es!... Lag doch oben seine furchtbare Ehehälfte, machtlos hingestreckt im verdunkelten Zimmer, und im Zimmer nebenan, ebenso machtlos, ebenso unschädlich gemacht die dräuende Schwiegermutter.
So saß man nun in der Bar des Hotels und trank auf Lorks Rat Whisky.
Monika konnte zwar ein gewisses unangenehmes Gefühl nicht loswerden. Der Whisky schmeckte ihr, sogar sehr -- aber wie Georg das wohl gefunden haben würde, wenn eine Dame in der Bar saß und Whisky trank?
Ach was, Georg! Schon wieder Georg.... Trotzig bejahte sie, als Lork sie fragte, ob sie noch ein Glas wolle. Und von neuem rann der seltsam brennende Trank ihr durch die Kehle.
Das Gespräch kroch dahin wie ein verwundetes Tier; langsam.. schleppend.. plötzlich ein paar krampfhaft schnelle Vorwärtsbewegungen.. und wieder.. der langsame Trott...
Da sagte Lork in eine Stille hinein, in der man nur die Fliegen summen gehört: „Ich werde Ihnen etwas Musik machen.“
„Spielen Sie denn?“ rief Edith lebhaft.
Er hatte sich erhoben. Man ging in eines der Gesellschaftszimmer. Blauseidene Vorhänge dämpften dort das Licht. Durch einen Spalt fiel eine schräge Sonnenbahn ins Zimmer, Millionen Sonnenstäubchen flirrten goldig.
Und dieser zuckende Flimmerschein beleuchtete Harry Lorks Züge, als er spielte. War es diese unruhige Beleuchtung, die sein Gesicht so verändert erscheinen ließ? Wo war nun die träumerische Weichheit, die sonst in seinen Augen lag?
Zwei Fackelbrände waren aufgelodert in diesen Augen, zwei harte Linien zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunter, der Unterkiefer war vorgeschoben, wie in Gier und Qual...
Und seine Hände, seine sonst so kraftlosen Hände mit den schmalen Gelenken hatten eine fanatische Energie, seit sie die Tasten berührt. Melodien stiegen empor.. brennend wie der Sommerwind, der den Blüten den Samen aus den Kelchen gerissen ... Melodien, die die Zuhörer aufwühlten, daß die Männer blaß wurden und die Frauen erröteten...
Die Leidenschaft war’s, die aus diesen Tasten schrie.. und eine Frage.. eine sehnsuchtzitternde, qualvoll inbrünstige Frage....
Eine Frage war’s, das fühlten sie alle hier.
Und die, an die diese Frage gerichtet war, verstand plötzlich. Verstand, daß da neben ihr und für sie die rote Rose Leidenschaft aufgeblüht war, von deren heißer Schönheit sie ihr Leben lang geträumt.
Ein Wirbel von Empfindungen war in ihr, sie war keines klaren Gedankens fähig.
In ihrem von der sengenden Hitze und den machtvollen Tonwellen überreizten Gehirn bebte nur ein Gedanke: die rote Rose Leidenschaft...
Gleich darauf trennte man sich. Die Damen gingen in ihre Zimmer hinauf, um sich zum Diner umzuziehen.
Und während Monika damit beschäftigt war, die Haken ihres weißen Chiffonkleides zu schließen, öffnete sich die Tür, die zu Ediths Zimmer führte.
Ohne angeklopft zu haben, trat Edith herein und sagte mit vor Aufregung verzerrtem Gesicht:
„Sie scheinen ja Ihre Freundschaftsmission recht hübsch ausgeführt zu haben.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Daß Sie Lust nach einem zweiten Gatten spüren, ehe Sie den ersten los sind.“
Eine brennende Zorneswelle überflutete Monika. Sie wollte auf Edith los, ihr die Faust mitten in das blasse, höhnische Gesicht hineinschlagen, aber mechanisch gehorchte sie den Worten, die ihr, wie von Georgs Stimme gesprochen, in den Ohren klangen: „Ruhe, Selbstbeherrschung...“
Und so sagte sie nur: „Kein Wort weiter.“
„Ja, das könnte Ihnen so passen: kein Wort weiter!“ klang es keifend zurück, „nachdem Sie mir heilig versprochen haben, Lork für mich einzunehmen, haben Sie ihn mit Ihrer raffinierten Koketterie für sich selbst geködert!“
Eine Flut von Verwünschungen, von Vorwürfen stieß sie hervor.
„Woraus schließen Sie denn eigentlich, daß ich Lork erobert habe?“ fragte Monika kalt, als eine Augenblickspause ihr gestattete, ein Wort einzuschieben.
„Woraus ich das schließe? Das habe ich eben im Gefühl.“
„Sie behaupten doch sonst, daß Gefühle vor dem Verstand keine Geltung haben.“
Aber Edith war nicht in der Verfassung, sich auf logische Gespräche einzulassen. Ihr Körper zuckte in stummem Schluchzen; sie preßte die Faust an den Mund, drückte sich die Zähne tief ins eigene Fleisch. Aber die hysterische Krise war nicht mehr zurückzudämmen. Ein paar Augenblicke später wälzte sich Edith auf dem Boden und stammelte unter stoßweisen Schluchzen und Schreien, wie unglücklich sie wäre.
Monika stand ein paar Schritte davon. Ihr Mitgefühl wurde ausgelöscht von der Abneigung, die sie gegen diese Unbeherrschtheit empfand. Mit einer Art dumpfen Erstaunens dachte sie:
„Vor ein paar Jahren, als junges Mädchen, habe ich mich gerade so angestellt, wenn ich etwas nicht erreichte.“
Unfaßlich erschien ihr das jetzt.
Als Edith endlich wieder drüben in ihrem Zimmer war, war es sehr spät geworden.
Monika beschloß, gar nicht hinunterzugehen, sondern sich oben servieren zu lassen.
Das Zimmertelephon schlug an.
Graf Lork fragte an, ob die Damen heute nicht zum Essen kämen.
„Nein,“ erwiderte Monika, „und morgen auch nicht. Ich habe einen Ausflug vor.“
Am nächsten Morgen verließ sie das Hotel zu einer ungewöhnlich frühen Stunde.
Sie mietete ein Motorboot für den Tag.
„Irgendwohin,“ erwiderte sie dem Bootsmann auf seine Frage, nach welchem Orte sie wolle.
Und sie lag, auf dem Rücken ausgestreckt, im Boot, das durch die durchsichtig grünen Wogen schnitt, an lachenden grünen Ufern vorüber.
Die höhersteigende Sonne sandte Fluten von Licht und Wärme herunter.
Monikas Gedanken waren wie taumelnde Schmetterlinge, die im fieberhaften Fluge über die Blüten irren...
Sie kam erst spät am Abend ins Hotel und ging gleich in ihr Zimmer hinauf.
Sie war todmüde und konnte doch nicht schlafen; eine sonderbare Helligkeit war in ihrem Kopfe...
Wie rote Brände zuckte es vor ihren Augen.
Das war wohl der lange Sommertag, der ihr Blut so überhitzt hatte, all die Glut, die auf sie niedergebrannt war, alle die Gerüche, die sie geschlürft: der herbe Hauch vom See, das frische Duften der Laubbäume und das strenge Aroma der Nadelwälder.
Oder war es die Frage, die sie nicht schlafen ließ, die Frage, die gestern aus den Tonwellen auf sie eingedrungen?
Am Morgen endlich verfiel sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem eine schrill krähende Stimme sie weckte.
„Wer ist denn heute bei Fräulein von Gräbert?“ fragte sie das Stubenmädchen, das gerade den Tee gebracht.
Die brave Schweizerin machte erstaunte Augen. „Aber das ist ja Mademoiselle Bussy d’Armagnac de Montnoir, die da singt. Die haben wir seit gestern abend hier. Fräulein von Gräbert ist gestern doch schon mit dem Mittagszuge weg.“
Ja, Edith war fort, ohne ein Wort des Abschieds. Monika atmete im ersten Augenblick wie erleichtert auf, also Szenen wie die gestrige waren nicht mehr zu befürchten.
Aber als sie sich dann zum Lunch anzog, wollte es doch wie Bangen in ihr aufsteigen: zum ersten Male ganz allein.
Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Frau von Milorski und deren Mutter bitten solle, sie an ihrem Tische Platz nehmen zu lassen, aber gleich darauf sagte sie sich, daß es doch ein Unsinn sei, sich zur Tischgenossin dieser unliebenswürdigen Frauen zu machen, bloß weil es vielleicht nicht ganz passend war, ohne weibliche Begleitung zu sein.
Und so ging sie denn auf den Tisch zu, an dem wie sonst Berningen und Lork schon warteten.
Das Gespräch war sehr lebhaft. Monika zwang sich, so munter wie nur möglich zu sein. Sie plauderte unaufhörlich. Nur kein Stillschweigen wollte sie aufkommen lassen, das gefährlicher war als alle Worte.
Beim Dessert sprach Lork von dem Jubelfeste, das heute auf dem See stattfände, der Festtag der Eidgenossenschaften.
„Darf ich Sie bitten, sich das Feuerwerk von meinem Balkon aus anzusehen?“ fragte er Monika.
Sie starrte ihm erschrocken ins Gesicht.
Er aber fuhr ganz harmlos fort: „Die Milorskischen Damen haben zugesagt -- --“
„Und ich bin erfreulicherweise auch geladen,“ fügte Berningen hinzu, „von uns allen hat nämlich nur Lork den Balkon nach der Westseite.“
„Wir gehen gleich nach dem Essen zu mir hinauf,“ sagte Lork.
Monika nickte stumm.
Die Milorskischen Damen sahen sich mit kaum verhehltem Neide um, als sie die von Lork bewohnten Räume betraten, die Fürstenzimmer des Hotels. Auf der Terrasse, die sich an einen schönen blauen Louis-XV.-Salon schloß, versammelte sich die Gesellschaft.
Herr von Milorski bewunderte die Korbmöbel aus gediegenem grauen Geflecht mit Goldornamentierungen.
„Bequem wie’n Klubsessel,“ sagte er und dehnte sich behaglich in einem der Sessel, -- „wenn ich denke, wie früher die Korbstühle waren! -- -- Die Welt schreitet doch alle Tage weiter. Es ist fabelhaft ... Nicht?...“
Er erhielt auf diese Auslassungen keine Antwort. Seine Frau und seine Schwiegermutter waren in den Salon zurückgekehrt, wo sie die Nippes besahen. Berningen hatte sich auf das Geländer der Terrasse gesetzt und kokettierte von da aus in den Hotelgarten zu zwei niedlichen Amerikanerinnen hinunter.
Monika und Lork standen ganz links, an der Seeseite. Monika sah in die Ferne, und Lork stand über ihren Stuhl gebeugt, so nahe, daß ein verschmitztes Lächeln das gutmütige Gesicht Milorskis überflog.
Die Sonne war schon untergegangen, aber noch lag die ganze Schwüle dieses endlos langen Julitages über Luzern. In dieser durchsichtigen Dämmerung zogen sich die riesigen Laubmassen der Platanenallee am Kai hin wie ein schwarzes Band. In den Straßen drängten Menschenscharen, die in diesem Lichte unbestimmte Formen annahmen. Dunkel drohten die Felsmassen vom gegenüberliegenden Ufer des Sees.
Wie ein dumpfer Druck lag es über Monika, wie eine atemraubende Erwartung.
Berningen begann sich inzwischen zu langweilen. Seine neuen Flirts, denen es im Garten wohl zu tauig geworden sein mochte, waren ins Hotel zurückgegangen.
„Die braven Schweizer werden ihr Feuerwerk wohl erst um Mitternacht loslassen. Hier geht ja alles so langsam,“ murrte er. Dann steckte er sich eine neue Zigarette an und überlegte die Situation. Die Milorskischen „Drachen“ konnten jeden Augenblick wieder auf die Terrasse heraustreten; Monika ließ der Lork doch nicht aus den Fingern, und Milorski schlief schon halb vor einer Flasche Hennessy, -- -- kurz, es war hier nichts los.
So beschloß er denn, sich zu drücken, ging stolz über die Terrasse. Von den dreien hier achtete doch keiner auf ihn. Mit unendlicher Vorsicht schlängelte er sich an den Drachen im Salon vorbei.
Dann schlenderte er zum Hafen.
Die Schweizer waren mit Kind und Kegel von ihren Bergen heruntergekommen. Vierschrötige Gestalten, rotbäckige Gesichter. Aus hellen Augen starrten sie bewundernd auf das großstädtische Treiben und auf alle die internationalen Erscheinungen, die sich hier zwischen ihnen herumdrängten.
Und diese Menge, die so verschiedenartig war wie die tausendfarbigen Steinchen eines Kaleidoskops, wurde zusammengehalten durch ein Band: die Schaugier!
Ein „Ah“ ging über sie alle hin, als das erste geschmückte Schiff hinausglitt auf den See. Das gleiche „Ah“ kam von all diesen Lippen, den groben und den feinen, den schmutzigen und den gepflegten, den welken und den blühenden. -- -- Es gefiel ihm nicht, und reumütig schlug er den Weg wieder ein zu Lorks weißer Terrasse.
Als er dort ankam, fand er zu seinem Erstaunen die Milorskische Familie vollzählig im Salon von Lork, damit beschäftigt, Whist zu spielen.
„Na, und das Feuerwerk?“
„Es hat ja noch nicht angefangen, -- und meine Schwiegermutter ist so gewöhnt, um diese Zeit ihr Spielchen zu machen,“ sagte Milorski kleinlaut. „Liebes Kerlchen, tun Sie mir den Gefallen und spielen Sie mit statt des Strohmanns,“ fügte er hinzu.
„Und Lork?“
„Ist auf der Terrasse.“
„Zu zweien -- --,“ sagte Frau von Milorski sarkastisch.
Berningen beschloß innerlich, dann „lieber nicht zu stören“, und setzte sich resigniert zum Whist nieder.
Auf der Terrasse herrschte tiefes Schweigen.
Die beiden sahen hinaus in die samtschwarze Nacht, und Monika fühlte mit fast schmerzhafter Deutlichkeit die elektrische Spannung des Mannes an ihrer Seite.
Die Minuten strichen so langsam dahin -- tropften dahin...
Und Nacht und Schweigen...
Bis plötzlich ein blutroter Schein aufflammte in dieser samtschwarzen Nacht...
Und wieder einer...
Und hundert plötzlich... Brennende Feuerräder, die in ungeheurem Bogen über den tiefdunkeln Himmel emporgeschleudert wurden und in einer wilden Strahlengarbe hinabstürzten in den See. Strahlenkränze von roten Lichtern auf all den Masten und Rahen der Schiffe, die auf dem Wasser kreuzten.
Alle diese Schiffe aber blieben im Dunkeln. Man sah nur die Girlanden von Licht -- wie Tausende roter Leuchtkäfer über dem See.
Und wieder feurige Schlangen, die empor in den Himmel zischten, Kometen, die eine Flammenbahn über den Horizont zogen, feurige Blumen, die aus einem überreichen Füllhorn emporgeschleudert wurden -- -- ein wilder Taumel von Feuer, der von der Erde emporraste in den Himmel hinein und hinabstürzend im Wasser starb.
Und wieder Nacht und Schweigen. -- -- Nein, Schweigen nicht...
Worte flammten auf, heiß und rot, wie es die Feuerblumen eben gewesen...
„Ich muß Ihnen von meiner Liebe reden, Monika. Ahnen Sie denn, wie sehr diese Liebe von mir Besitz genommen hat? Ich bete Sie ja an: Ihre süße Schönheit... Ihren Geist... Ihre Gutherzigkeit ... alles! Mein Denken bei Nacht und Tag ... mein süßes Glück... meine schöne Pantherkatze, -- sag’ ein einziges Wort... ein einziges, liebes Wort.“
Sie fühlte seinen brennenden Atem über ihre Wange streichen, fühlte, wie es ihn unwiderstehlich, übermächtig zwang, sie in die Arme zu nehmen...
Und sich gewaltsam dem heißen Zauber entziehend, trat sie hastig einen Schritt zurück.
„Still! Sagen Sie mir jetzt nichts weiter.“
„Aber morgen muß ich Sie sprechen, Monika.“
Sie antwortete nicht, trat hastig in den Salon, wo die Vier über ihrem Spiel das Feuerwerk vergessen hatten.
Sie taumelte ein wenig, als sie ins Zimmer trat, und schloß die Augen vor der Helle des elektrischen Lichts -- und hatte eben doch mit offenen Augen in ein viel heißeres, rotes Feuer gesehen.
Am nächsten Morgen hatte sie mit Lork die von ihm erbetene Aussprache.
Solange sie nebeneinander auf der weißen Landstraße einhergingen, sprachen sie kein Wort. Dann bogen sie in einen Fußpfad ab, der an Wiesen und schattigen Laubbäumen vorbei hügelan führte.
Monika setzte sich auf die Bank an irgendeinem Aussichtspunkte und hielt ihren weißen Spitzensonnenschirm vor das Gesicht, weniger zum Schutze gegen die Sonne als zum Schutze gegen seinen Blick. Und sie sagte hastig:
„Sie dürfen nicht zu mir sprechen wie gestern abend, Graf Lork. Sie wissen ja überhaupt nichts von mir...“
„Doch! Fräulein von Gräbert sprach mit mir, ehe sie fortfuhr.“
Eine heiße Röte überflammte Monikas Gesicht. Edith hatte also vor ihrer Abreise noch ein Zusammentreffen mit Lork arrangiert. Wer weiß, was sie da für Verleumdungen über sie aufgetischt haben mochte!
„Ich war unendlich glücklich über das, was Fräulein von Gräbert mir sagte. Ich hörte, daß Sie im Begriff sind, sich scheiden zu lassen. Ist das wahr?“