Pantherkätzchen

Part 16

Chapter 163,675 wordsPublic domain

Sie sprach mit niemandem über das, was sie innerlich bewegte. Den vielen Fragen von Edith von Gräbert setzte sie eine kühle Reserviertheit entgegen.

Uebrigens war Edith die einzige, die neugierig war.

Bertha fragte sie nie etwas. Nicht aus Diskretion, sondern weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war; sie steckte in ihrem Studium wie in einem Kleide, das ihr nach allen Richtungen hin zu groß war, und das sie sich wichtigtuerisch bemühte auszufüllen.

Mit dem Wesen, das sie früher gewesen, hatte sie kaum noch einen Zusammenhang. Das bewies sie deutlich, als ihre Mutter ihr eines Tages schrieb.

Sie brachte Monika den Brief hinüber mit der Aufforderung zu lesen.

Frau Reckling schrieb, daß sie heute mit einer großen Bitte an ihre Tochter herantrete, einer Bitte, die wohl geeignet sei, eine Umwälzung in Berthas Existenz hervorzurufen.

Die Untersuchung, die Berthas Vater bei einem berühmten Berliner Augenarzt habe vornehmen lassen, hätte leider die Diagnose des Hausarztes vollkommen bestätigt: es sei eine Netzhautablösung, die in nicht zu ferner Zeit zu völliger Blindheit führen müsse.

Natürlich könne der Vater seinen verantwortungsvollen Posten als Gymnasialdirektor nun nicht mehr ausfüllen.

Man würde sich nach Harzburg, dem Heimatstädtchen des Direktors, zurückziehen.

Und Bertha müsse kommen! Der Mutter Gicht habe solche Fortschritte gemacht, daß ihr die Hände oft gelähmt seien, unfähig zu jeder Tätigkeit. Die Mutter wäre ja tief unglücklich, daß Berthas hoffnungsreiches Studium abgebrochen werden solle, aber wer solle um den erblindenden Vater bemüht sein, wer die Tätigkeit ersetzen, die der Mutter gelähmte Hände nicht mehr tun konnten? Bertha solle kommen! Die einzige Tochter würde der Eltern Stütze sein.

„Meine Mutter scheint ja vollkommen durchgedreht zu sein!“ sagte Bertha. „Sie sollen sich doch eine Gesellschafterin nehmen. Es laufen ja genug junge Mädchen aus anständiger Familie herum, die für freie Station und ein Taschengeld den Beruf der Tochter des Hauses geradezu großartig ausfüllen! Wenn Mama ein Haustöchterchen haben wollte... ich hatte alle Anlage dazu! Dann brauchte sie mich nicht mit Gewalt auf diesen Weg zu führen. Auf dem bin ich und bleibe ich! Das kann niemand von mir verlangen, daß all die langen Jahre Studium, all meine Mühe und mein Fleiß umsonst gewesen sein sollen. Daß ich jetzt kurz vor dem Examen abspringen soll, ist wahrhaftig eine Zumutung!“

In diesem Sinne schrieb sie an die Mutter. Und postwendend traf die Antwort ein: ein Jammerschrei über Berthas Lieblosigkeit, die ihre kranken Eltern der Hilfe einer bezahlten Fremden überlassen wolle!

Bertha könne doch nicht so ganz jedes weibliche Fühlen verloren haben!

„Hätte sie sich früher überlegen sollen, meine gute Mama. Was soll denn das heißen: weibliches Fühlen?! Das soll weiter gar nichts heißen, als: sich selbst aufgeben zum Nutzen für andere! Wo bleibt da die Gleichberechtigung?! Wer verlangt von einem jungen Manne, der studiert, daß er nach Hause kommt, sein Studium aufgibt, um seine Eltern zu pflegen?! Wenn ich dasselbe leisten kann, was ein männlicher Student leistet, dann muß ich auch ebenso behandelt werden, dann kann ich denselben Respekt vor meiner Persönlichkeit verlangen! Und den verlange ich!... Mir tut die Krankheit meiner Eltern gewiß von ganzem Herzen und von ganzer Seele leid, aber mich selber ihnen opfern -- -- nun und nimmer! Sie werden schon eine nette Gesellschafterin finden. Ich lasse mich jedenfalls auf gar keine weiteren Unterhandlungen ein, und wenn sie mir die Zulage sperren, ist es noch so! Ich habe mein Eigenes von der Großmama. Die brave, alte Dame hatte geglaubt, ich würde meine Brautausstattung davon kaufen. Sie war noch so unmodern!“

Monika war peinlich berührt von Berthas Standpunkt. Wie herzlos das klang... wie gefühlsroh ... Und doch... war sie selbst denn etwa aufopferungsfähiger? Hatte sie nicht, um ihre Persönlichkeit zu wahren, ihren Mann verlassen, der so viel liebevoller zu ihr gewesen als Berthas Eltern zu ihrer Tochter?...

O gewiß, Bertha hatte ganz recht, so zu handeln! Aber ein unangenehmes Gefühl wurde Monika nicht los. Und Georg Wetterhelms Schwester fiel ihr ein, ihre Schwägerin Brigitte, deren Aufopferung sie verlacht, gleich bei jenem ersten Besuche auf Gerbitz, als sie Braut war. -- --

Erinnerungen überfluteten sie wie große Wogen, die auf sie zukamen, über sie hinweggingen, ihren Widerstand ertränkten, daß sie in die Knie sank, daß sich in heißem Schluchzen ein Name von ihren Lippen rang:

„Georg.“

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie die Herrschaft über sich zurückgewonnen.

Das war ja nur Nervosität gewesen, sicherlich!

Nur die Schuld der häßlichen, ärmlichen Umgebung. Oder die Schuld der allzu abstrakten Wissenschaft....

O, nur weg von hier, fort von Zürich. Es war nichts mit dem Studieren. Die ganze Umgebung hier, all die Leute mit den schlechten Manieren -- das alles war nicht zu ertragen, wenn man fünf Jahre lang Georg Wetterhelms Frau gewesen war.

Sie wollte fort. Irgendwo in die große bunte Welt, all die Schönheit genießen, die da aufgeschlagen lag wie ein Märchenbuch mit schönen Bildern.

Und all diese Schönheit wollte sie beschreiben, sich ganz der Kunst widmen, die der leuchtende Stern ihrer Kindheit gewesen. Sie wollte denken und dichten, sie wollte glücklich sein! Ja sie war überzeugt, daß sie dann glücklich werden mußte!

Noch am selben Tage teilte sie Bertha ihren Entschluß mit.

Diese war überrascht, nahm die Sache aber nicht sehr wichtig. Dagegen empfing Edith von Gräbert einen großen Eindruck von der Neuigkeit, daß Monika fort wolle.

Wo denn hin? Nach Luzern zuerst? -- Da käme sie mit.

Monika war überrascht von diesem Angebot; sie stand sich nicht so freundschaftlich mit Edith, als daß es gerechtfertigt gewesen wäre.

Immerhin war gegen das, was Edith sagte, nicht viel einzuwenden: sie war ermüdet, überanstrengt, mußte mal ausspannen. Sie würde sich sehr glücklich schätzen, wenn sie sich Monika anschließen dürfe.

Da stimmte Monika zu, nicht gerade begeistert, aber es war ihr doch nicht unlieb, daß sie nun nicht so allein sein würde....

13.

Der „Seepalast“ in Luzern war auch eine riesige Fremden-Karawanserei wie das Hotel, in dem Monika zuerst in Zürich abgestiegen, aber er war von einem modernen, vornehm abgetönten Luxus, den Zürich nicht aufzuweisen gehabt. Im Hochparterre lagen drei riesenhafte Gesellschaftssäle nebeneinander. Und verschwiegene Schreibzimmer mit grünen Lederpolstern, ein Lesesaal, in dem alle großen Zeitungen des Erdballs auflagen, öffneten sich im Anschluß an eine ungeheure Halle, die die Hotelgäste zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten versammelt sah.

An jedes Schlafzimmer schloß sich ein Badezimmer mit Marmorwanne und blitzenden Dusche-Apparaten.

Monika atmete auf.

Endlich wieder eine anständige Umgebung, endlich ein Hotel wie die, in denen sie mit Georg geweilt.

Georg... schon wieder Georg....

Nein, sie wollte nicht mehr an ihn denken. Lieber sich Vergessenheit trinken an all der Schönheit, die man vom Balkon ihres kleinen Zimmers im vierten Stock aus sah.

Edith störte nicht.

Die saß unten im Lesesaal und angelte nach Bekanntschaften.

Und Monika blieb allein droben auf dem Balkon und schaute auf den Vierwaldstätter See. Der hatte am Tage die Farbe eines kostbaren Smaragds.

Starre, zackige Felsen umkränzten ihn, und über dem allen wölbte sich kornblumenblau der Sommerhimmel, von dem sich die schwarzen Rauchsäulen der Dampfer abzeichneten, die über den See fuhren.

Rechts lag der Hafen von Luzern. Die Menschenmengen, die sich dort drängten, sahen von hier aus wie Ameisenscharen.

Sie saß und träumte.

Sie ging nach den Mahlzeiten gleich immer wieder in ihr Zimmer hinauf.

Edith war darüber tief enttäuscht.

Sie hatte darauf gerechnet, sich überall mit Monika zusammen zu zeigen, und nun mußte sie allein herumlaufen.

Die Bekanntschaften, die sie machte, genügten ihr durchaus nicht.

Die wirklich eleganten Hotelgäste hatten kein Interesse für dieses weder auffallend schöne noch elegante Fräulein von Gräbert.

Eines Tages wurde Monikas Einsamkeit durch einen überraschenden Besuch gestört.

Ihre Cousine Marie von Hammerhof ließ sich melden.

Marie hatte nie sehr freundliche Gefühle für Monika gehabt, und sie erschien mehr auf den Wunsch ihrer Tante Birken als aus eigener Initiative.

Sie erzählte, daß sie mit ihrem Sohne zum Sommeraufenthalt in Gersau sei und bei der Durchreise in Berlin Monikas Mutter habe versprechen müssen, sie hier aufzusuchen.

Uebrigens zeigte sich Marie freundlicher als sonst.

„Mir hat das direkt imponiert, wie Du Deinem Manne so einfach auf und davon gelaufen bist,“ sagte sie. „Ganz recht hast Du gehabt! Die Männer taugen alle nichts!“

„Daß er nichts taugt, ist unzutreffend,“ sagte Monika. „Im Gegenteil! Georg taugt sogar sehr viel. Aber ich habe eingesehen, daß er meine Persönlichkeit zerbrach, mich umformte -- --“

„Das versuchen sie ja alle,“ sagte Marie wegwerfend. „Die Männer fühlen sich nun mal alle gottähnlich und empfinden uns als ‚das schwache Werkzeug‘. Ich habe nicht einen... nein, Dutzende von Ehemännern sagen hören, daß ihre Frau nach der Heirat „sich doch unendlich herausgemacht“ habe, sowohl seelisch wie körperlich. Wie gesagt, versuchen tun sie die Umformung alle, nur sie haben nicht alle Glück damit! Mein Mann hat mich nicht geändert.“

Die hagere Frauengestalt reckte sich hochauf, ein triumphierendes Lächeln huschte über ihre scharfen Züge.

„Ich bin geblieben, wie ich war, nichts habe ich ihm von meiner Seele gegeben, nichts von meinem eigentlichen Selbst.“

„Und bist Du glücklich geworden?“

„Nein, das Glücklichsein muß wohl eine Kunst sein. Ich habe sie nie rausgehabt!... Vielleicht kommt es daher, daß ich den falschen Weg gegangen bin. Mag Gott es der Mama verzeihen, daß sie mich damals bestimmte, diesen Mann zu heiraten, den ich nicht liebte, nicht haßte, -- denn damals haßte ich ihn doch nicht -- aber der mir fremd war, ganz fremd.“

„Und hat dann nicht Eure junge Ehe eine Brücke geschlagen zwischen Euch beiden?“

„Er blieb mir immer fremd... Und dann habe ich ihn hassen gelernt, wie man eben jemand haßt, an den man gegen seinen Willen sein Leben lang geschmiedet ist. Ein Leben lang -- ein ganzes Leben -- --“

Sie war blaß geworden, so als ob sie die ungeheure Tragweite dieses Gedankens in dem Augenblicke jetzt erst restlos erfaßt hätte.

„Du kannst ja weggehn,“ sagte Monika und fügte tonlos hinzu: „Weggehn, wie ich es tat“...

„Nein, nicht wie Du, denn ich bin Mutter. Könnte ich leben ohne mein Kind?! Und der Junge bliebe meinem Mann, das ist gar keine Frage. Wenn ich Wilhelm verlasse, werde ich doch als der schuldige Teil erkannt. Glaubst Du, ich könnte ohne meinen Jungen leben? Er braucht mich doch! Und ich brauche ihn nötiger als die Luft zum Leben. Keinen Tag kann ich ohne ihn sein... Und immer, immer die Angst, die schreckliche Angst: bleibt er mir? Er ist sehr zart. Die Bronchien besonders. Jetzt war ich auch wieder in Ems mit ihm; Gersau ist uns zur Nachkur empfohlen.“

„Ist er mit herübergekommen?“

„Ja, er ist mit der Bonne im Garten. Ich habe ihn unten gelassen, weil ich mit Dir noch über manches sprechen muß. Weißt Du, Mone, mich geht’s ja eigentlich nichts an, aber wenn Du irgendeinen Einfluß auf Deine Mama hast, solltest Du sie veranlassen, daß sie Heinrich nicht jeden Unfug nachsieht.“

„Was für Unfug?“

„Na, seit er wieder bei Deiner Mutter wohnt, benimmt er sich genau so, als hätte er noch seine Studentenbude. Seine Freundinnen und Freunde gehen bei ihm ein und aus, wie in einem Taubenschlag! Er veranstaltet Symposien mit violettem Seidenpapier um die Glühbirnen rum -- „wegen des magischen Effekts“, sagt er! Bis vier Uhr morgens scheinen diese Gastmähler zu dauern. Als ich neulich bei Tante war und telephonieren wollte, sagte sie mir: das ginge nicht, denn in das Zimmer, wo das Telephon stände, könne ich nicht hinein, da säße gerade eine Schauspielerin, die auf Heinzemännchen warte, und offiziell dürfe sie als Mutter doch nichts davon wissen. Ich möchte doch bei dem Bäcker an der Ecke telephonieren, das sei ein sehr freundlicher Mann, der würde gewiß nichts dagegen haben.“

„Echt!“

„Ja, sage mal, ich finde, daß die Würde Deiner Mutter es erfordert, daß Heinrich wieder allein wohnt.“

„Nein, das geht nicht,“ sagte Monika, „Mama kann nicht allein wohnen... Das weiß ich aus den Briefen, die sie mir bald nach Karls Tode schrieb. Verzweifelt war sie, vollkommen wie verirrt. Was nun mit ihr werden solle? Ihre Kinder brauchten sie nicht, schienen sie alle nicht zu brauchen. Und das stimmte: wir brauchten sie alle nicht. Alfred in der fernen Garnison, Heinrich in seinem Studentenquartier, ich in die Welt verflogen -- und Karl in seinem Grabe. -- -- Und sie schrieb, sie müsse jemand haben, für den sie sorgen könne. So allein könne sie nicht leben. Sie müsse einen von uns haben, um ihn zu betreuen, für den sie sich mühen könne... Da habe ich an Heinrich geschrieben und habe Gott gedankt, als er ja sagte und wieder zu Mama zog. Daß er sich so benimmt, ist ja nicht schön, aber es ist besser, als daß Mama allein bleibt! Denn dann kommt sie sich vor wie Spreu, ein Halm, dem man die Fruchtkörner wegnahm und der nun wertlos ist... Also Heinzemännchen soll ruhig weiter lila Symposien geben. Ich bin froh, daß die Mama ihn hat.“

„Na, wie Du denkst. Ich empfand es jedenfalls als Pflicht, mit Dir darüber zu sprechen,“ sagte Marie spitz.

Schweigen.

Dann sagte nach einer Weile Marie:

„Uebrigens, im Falle man fragen darf, was wird denn nun eigentlich aus Dir?“

„Das muß die Zukunft lehren.“

„Nicht die Vergangenheit?“

„Wie meinst Du das?“

„Na, Mone, nimm’s mir nicht übel, aber ein rasend koketter Racker warst Du immer! Wenn ich noch daran denke, wie Du Roßberg den Kopf verdrehtest. Und dabei hat Roßberg Trudchen wirklich glühend geliebt. Es geht ihnen übrigens gut, sie haben jetzt das fünfte Kind bekommen... Na, also, kokett warst Du damals schon als halbwüchsige Göre. Ich meine immer: hat Dein Entschluß nicht doch noch eine andere Ursache als die, die Du erzählst? Ist da nicht irgendeine neue Passion von Dir im Spiel?“

„Pfui! -- ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Wie mißtrauisch Du bist!“

„Noch immer nicht mißtrauisch genug! Die paar Male, wo ich in meinem Leben vertraute, bin ich auch noch betrogen und belogen worden. Besonders von meinem Manne, immer von ihm -- ach, Du weißt ja nicht, wie viele hunderte von Malen ich mir gesagt habe: Fort von ihm, fort aus der Ehe überhaupt. Die ist wie ein Kampf bis aufs letzte! Die Ehen, die ich gesehen habe und die einen harmonischen Eindruck machten, waren immer so, daß der eine Teil der willenlose Sklave des anderen war. Dann ging’s! O, dann ja! -- Oft trägt die Frau das Joch, oft auch der Mann!... Und diese sogenannte glückliche Ehe habe ich mir nicht schaffen können. Zur Sklavin war ich nicht feige, nicht charakterlos genug, zur Herrin hatte ich kein Talent.“

„Und ich?“ schoß es Monika durch den Kopf, „was war ich in meiner glücklichen Ehe? Herrin? -- Nein. Georg war nie ein Weiberknecht. Also Sklavin? Nur das?“

Und Marie sprach weiter. Sie, die sonst so Kühle und Wortkarge, war heute von ungewohnter Mitteilsamkeit.

Es war, als hätten Monikas veränderte Lebensumstände die Schranke niedergerissen, die immer zwischen den Cousinen bestanden.

Es war, als ob Marie, nun sie zum erstenmal ihr starres Schweigen brach, den Trost empfände, der für die meisten Frauen im Sichmitteilen liegt.

Immer weiter ging ihre Rede....

Alles, was Wilhelm ihr angetan in diesen langen Jahren, alles, was sie bisher stumm und allein getragen, strömte sie aus, daß Monika zurückbebte vor dieser trüben Flut.

„Ich hasse ihn! Du weißt nicht, wie sehr ich ihn hasse! Kaum ein Tag vergeht, kaum eine Nacht, wo ich mir nicht sage: nur fort!... Nicht eine Sekunde länger bleibe ich -- --“

Sie brach kurz ab, denn es wurde an die Tür geklopft.

Und diese öffnete sich.

Ein zarter, blonder Junge in einem gestickten Russenkittelchen lief auf die Mutter zu, während das Kinderfräulein verlegen an der Tür stehen blieb.

„Mama, ich hab’ nicht länger warten wollen, Mama..“

Da beugte sich die früh verblühte Frau tief über das Kind, und qualvoll innig kam es von ihren Lippen:

„Mein einziges Glück...“

Nach diesem Besuche vergrub sich Monika wieder in ihre Einsamkeit. Die Tage strichen gleichförmig dahin.

Einmal riß ein Brief ihrer Mutter sie aus der Ruhe.

Die Baronin schrieb ganz verzweifelt. Es täte ihr schrecklich leid, Monika so furchtbare Sachen mitteilen zu müssen, aber sie habe niemanden, dem sie ihr Herz ausschütten könne.

Heinzemännchen wolle von der ganzen Angelegenheit nicht mehr sprechen hören.

Er sei zu böse auf Alfred... Um Alfred handle es sich nämlich. Er habe, trotzdem er einmal schon an einer ähnlichen Geschichte haarscharf vorübergekommen, seinen Burschen mit dem Reitpeitschengriff so über den Kopf geschlagen, daß dieser eine erhebliche Verletzung davongetragen habe.

Woher Alfred diese entsetzliche Brutalität habe, sei ihr rätselhaft. Der selige Papa sei doch sehr gutmütig gewesen, und sie selber, -- nun, Monika wisse ja allein, was für ein Gemüt die Mutter habe.

Alexander Wetterhelm wolle, der angeheirateten Verwandtschaft zuliebe, nochmal versuchen, die Sache mit Alfred irgendwie zu vertuschen, obwohl es ihm selber an den Kragen ginge, wenn es herauskäme.

Aber weg vom Regiment müsse Alfred so schnell wie möglich -- das sei Bedingung!

Er wolle nun zur Schutztruppe, und obwohl es ihr schrecklich sei, eines ihrer Kinder so weit weg zu lassen, müsse sie doch sagen, es sei wohl das beste!

Hier in Deutschland würde Alfred der Familie bloß Schande machen, -- das sei keine Frage.

Monika schrieb sofort und bat ihre Mutter in dringendsten Worten, Alfred das Afrika-Projekt auszureden.

Wenn’s nicht anders ginge, solle er Sektreisender werden oder Versicherungsagent. Nur nicht in die Tropen, wo schon manch gesunder Mensch sein seelisches Gleichgewicht verlor und Alfreds spezielle Anlagen zu einer Katastrophe führen mußten.

Der Mutter Antwort lautete: Monika sehe gewiß zu pessimistisch!

Wenn die Leute nichts taugten, schicke man sie doch immer nach Afrika oder nach Amerika.

Da würden sie zu brauchbaren Menschen gemacht!

Das sei immer so, und sie hoffe, so würde es auch Alfred ergehn. --

Ein eisiges Gefühl des Schreckens überrieselte Monika.

Sie sah ein böses Ende voraus. Alfred mit seinem ausgesprochenen Hang zur Herrschsucht und zur Brutalität in jenem Lande, in dem dem Einzelnen so sehr viel Macht gegeben war, wo nicht wie hier seinen Instinkten Zaum und Zügel angelegt waren. Wo er eine Macht bedeutete und unter Umständen Herr war über Menschenleben.

Ein böses Ende...

Und sie konnte nichts tun; mußte tatenlos zusehen, wie er seinem Verderben entgegenging.

Sie hatte Alfred nie ganz durchschaut. Die verschiedensten Charaktereigenschaften lagen bei ihm nebeneinander.

Er konnte banal sein bis zum Stumpfsinn und geistreich wie selten einer. Er war sehr mißgünstig, sehr händelsüchtig; trotzdem bei vielen beliebt wegen der unvergleichlich witzigen Art, die er oft hatte.

Er malte talentvoll, hatte einen auffallend schönen Bariton -- aber alle seine Gaben nutzte er nicht aus, von einem sonderbaren Mißtrauen gegen sich selbst erfüllt.

Stückwerk war er, wie die Birkenschen Kinder alle, wie sie selber auch!

Und Georg tauchte vor ihren Augen auf; der ging nie einen Schritt vom Wege, der ging den schnurgeraden Pfad der Korrektheit, der Sitte, der Pflicht!

Ein trotziges Aufbäumen faßte sie: nein! Die Birkenschen Kinder gingen keinen vorgezeichneten Pfad. Die gingen durch Gestrüpp und auf Irrwege, die nahmen sich, was sie begehrten, und wenn es um den Hals ging. Und wenn man zugrunde ging!

Erschreckend deutlich sah sie vor sich das wunderschöne und ein wenig traurige Jünglingsantlitz des toten Bruders.

Und sie sah Alfreds Zukunft unter Afrikas sengender Sonne, die sein wildes Gehirn immer mehr aufreizte, immer mehr... Und sie sah Heinrich, dessen Energie immer schlaffer wurde in der regenbogenfarbenen Dämmerung der Mystik und der Dichtkunst.

Und sie sah sich selbst, losgelöst von Haus und Herd, voll von strotzender Jugendkraft, voll von heißen Phantasien.

Wie ein böses und trauriges Lied, wie eine unendlich schmerzvolle Melodie klang es ihr im Ohr: „zugrunde gehn?“

14.

„Wenn Sie Ihre Freiheit dazu erobert haben, um Tage über auf dem Balkon zu sitzen und nachts den Schlaf des Gerechten zu schlafen, dann.. dann brauchten Sie eigentlich diese Freiheit verflucht wenig!“ sagte Edith eines Tages.

Das traf Monika. Edith hatte recht. Was tat sie mit der heißbegehrten Freiheit? Und mit plötzlichem Entschluß sagte sie:

„Ja, Sie haben recht, Edith. Es ist lächerlich, daß ich mich so abschließe.“

Nicht mehr wie bisher ging sie gleich nach den Mahlzeiten nach oben, sondern blieb mit Edith in der Halle. In dem großen, prunkvollen Raume mit seinen riesigen Spiegeln, den hohen Marmorvasen, in dem exotische Pflanzen blühten, war besonders zur Zeit des Fünf-Uhr-Tees ein buntscheckiges Publikum versammelt. Hier wiegte sich auf dem Rocking-Chair eine goldblonde junge Amerikanerin, den Strohhalm ihres Ice-Drink zwischen den purpurn geschminkten Lippen; ihre weitvorgestreckten Füße ließen ihre violetten Seidenstrümpfe und breithackige Lackschuhe sehen, auf deren Spangen Brillant-Agraffen blitzten. Und über diese Agraffen beunruhigte sich eine deutsche Bürgerfamilie, die, angelockt durch das Plakat: „Täglich von 5 bis 7 Zigeuner-Musik“, sich hierherbegeben. Der Familienvater suchte sich immer von neuem dadurch Contenance zu geben, daß er sein Pincenez zurechtschob. Das alles hier herum war ihm sehr ungemütlich. Diese babylonische Pracht in der Runde sowohl wie die Blicke, mit denen seine gestrenge Gattin kontrollierte, ob er den extravaganten Damen hier Aufmerksamkeit schenke.

An einem der nächsten Tische saß ein altes, englisches Ehepaar, das so häßlich war, daß man nicht verstehen konnte, wie es zu der wunderschönen Tochter kam, die es spazieren führte.

Ein paar Südamerikaner mit stechenden schwarzen Augen in olivbraunen Gesichtern, Mister Raspkeeper, der Petroleumkönig, dessen mageres Gesicht über dem entfleischten Halse etwas Geierhaftes hatte, die schöne Niniche, eine weltbekannte Tänzerin, die von echten und falschen Reizen strotzte, Herr von Aro, ein angekränkelter deutscher Rittmeister, Graf Lork, ein eleganter Russe, von dessen Reichtum man Fabelhaftes erzählte, und das alles trank Tee und Cocktails, aß Petits Fours und Sandwiches. Durch die riesigen Spiegelscheiben glänzte das tiefe und kostbare Grün des Sees, grüßte des Bürgenstocks wildzackiger Umriß.

Und die Zigeuner in ihren roten Jacken spielten auf stöhnenden Geigen von der Liebe...

~Quand l’amour se meurt~...

Da schlug Monikas Herz so qualvoll... Ihre Liebe zu Georg war ja tot.

Sie nahm sich zusammen, hörte nicht mehr auf den schmachtenden, traurigen Walzer, der davon erzählte, wie die Liebe stirbt..

Ins Leben hinein, -- ins Leben! --

Sobald Monika aus ihrer Reserve herausgetreten, hatte sie bald Freundschaften und Bekanntschaften die Menge. Natürlich waren es besonders Herren, die es sich angelegen sein ließen, ihr Gesellschaft zu leisten.

Des Morgens beim Rudern, nachmittags beim Tennis und beim Tee, abends nach dem Diner, wo ein großer Teil der Hotelgäste wieder in der Halle versammelt war, um neuen musikalischen Darbietungen zu lauschen -- immer war sie von einer Anzahl Verehrer umgeben.

Uebrigens benahm sie sich ihnen gegenüber durchaus reserviert. Sie hatte nichts mehr von der herausfordernden Koketterie ihrer Mädchenjahre. Die Zurückhaltung war ihr mehr in Fleisch und Blut übergegangen, als sie selbst es geahnt. Wetterhelmsche Schule!