Part 15
„Ich bitte Euch alle, mir zu verzeihn. Aber es ist besser, daß ich gehe. Ich sitze in soviel Schwierigkeiten und weiß nicht ein noch aus. Ihr müßt nicht glauben, daß ich etwas Schlechtes getan hätte. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, als mich neulich eine Freundin gebeten hat, einen Brillantring für sie zu kaufen. Ich sollte ja nur eine Unterschrift geben und Geld überhaupt nicht. Sie wollte es allein bezahlen.
Aber nun will mich der Diamantenhändler beim Staatsanwalt anzeigen, weil es ein Betrug gewesen wäre und die Lonny den Ring gleich weiter verkauft hat. Das geht doch aber nicht, daß ich ins Gefängnis komme.
Ich habe Euch ja so sehr um das Geld gebeten, aber Mama wollte ja nicht, und sie hatte wohl auch recht, denn sie als Mutter mußte doch etwas streng sein, und außerdem ist die Summe auch so hoch für sie. Ich dachte, Monika würde es mir geben. Die war meine einzige Hoffnung, sie ist immer meine liebe Schwester gewesen. O Gott, wie gerne habe ich ihr was mitgebracht zum Freuen. So konnte sich kein anderer freuen, wie Monika sich früher freute.
Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht -- --“
Sie konnte nicht weiter lesen. Brennende Tränen verdunkelten ihren Blick und stürzten ihr aus den Augen. Das waren die heißesten Tränen, die sie je geweint. Es war ihr, als verbrennten sie ihr die Haut, indes sie ihr über die Wangen rollten.
Das Schluchzen schüttelte sie wie ein Sturm. Sie hörte gar nicht, daß die Tür des Nebenzimmers geöffnet wurde.
Georg trat auf seine Frau zu. Er sagte bewegt:
„Liebling, gib Dich diesem Schmerz nicht so hin.“
„Warum nicht?“ fuhr sie auf. „Warum soll ich mich diesem Schmerz nicht hingeben? Mein Bruder starb, und... durch unsere Schuld.“
„Durch unsere Schuld? -- Das sind Hirngespinste, Monika. Er suchte den Tod, weil er keinen sittlichen Halt hatte. Er war ein Kind, das sein kostbarstes Gut -- das Leben -- verschleuderte und wegwarf wie andere Kinder eine Glaskugel.“
„Er starb, weil Du hartherzig warst und ich es mit Dir.“
Er strich ihr begütigend übers Haar. Sein Gesicht wurde um eine Schattierung blasser, als sie bei dieser Berührung zurückzuckte.
„Liebling, Deine Nerven sind jetzt zu angegriffen. Das ist die Ursache, daß Du etwas so Unzutreffendes sagst. Wir waren nicht hartherzig. Kein vernünftiger Mensch konnte dem Jungen ohne weiteres die Bitte gewähren -- das habe ich Dir auseinandergesetzt.“
„Ja, das hast Du!“
Sie hatte sich erhoben, eine Zornesflamme sprühte aus ihren Augen.
„Ja, das hast Du. Und ich war dumm und charakterlos genug, um wieder eine von Deinen hartherzigen Ansichten zu der meinen zu machen! -- -- O Gott, der Junge, der arme, liebe Kerl!“
Sie schluchzte laut auf.
Und von neuem näherte sich ihr Georg: „Mein geliebter Schatz, beruhige Dich doch.“
Und von neuem wich sie seiner Berührung aus, und ihre Tränen versiegten in dem roten Zorn, der wieder in ihr emporloderte.
„Ich will mich nicht beruhigen. Ich will heulen vor Schmerz, wenn mir danach zumute ist! Ich will nicht alles in mir ersticken lassen unter dem Panzer, den Du Dir anlegst, dem Panzer von Sitte, Pflicht und Korrektheit. -- -- Da, lies, was mein Bruder geschrieben hat in seiner Todesstunde, und sein Herzblut ist drüberhin gespritzt: ‚Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht -- --‘“
„Und diese Worte eines unglücklichen, schlecht erzogenen und irregeleiteten jungen Menschen -- --“
„Haben mir gezeigt, wie es um mich bestellt ist!“ unterbrach Monika. „Ja, jedes Wort davon ist wahr! Ich habe unserer Ehe zuliebe meine ganze Persönlichkeit geopfert. Alles Beste in mir habe ich gewaltsam unterdrückt, jeden Funken von Begeisterung, von Warmherzigkeit erstickt unter einer Eisdecke von Vorurteilen! -- -- Fort will ich, -- fort von Dir, der Du alles, was in mir ursprünglich ist, tötest. Ich will wieder ich selbst sein!“
Georg von Wetterhelm war blaß bis in die Lippen.
„Monika, Dein Schmerz macht Dich ungerecht! Ich will Dir heute verzeihen, -- heute -- alles.“
„Ich brauche Deine Verzeihung nicht. Ich will fort, -- fort um jeden Preis!“
Ein sonderbar erstickter Ton rang sich aus seiner Kehle. Ein Augenblick war’s -- dann klang seine Stimme fest wie je: „Ich kann Dich mit Gewalt nicht halten.“
„Ich lasse mich auch nicht halten!“
Zwei wilde Flammen brannten in ihren Augen.
Das war nicht mehr die sanfte und korrekte Gattin, die fünf Jahre lang Georg von Wetterhelms Herzensfreude gewesen, -- die sich fünf Jahre lang gezügelt hatte ihrem Glück zuliebe. Das war wieder das unbändige Geschöpf von einst, das jeder Gefühlsregung nachgab, jede Empfindung auskostete bis zum äußersten, bis zum letzten schalen Tropfen.
Und auch diesen Becher leerte sie bis zur Neige: nicht genug Vorwürfe gab es für den, der ihr bis dahin das Liebste war auf der Welt.
„Ich habe erkannt, welch eiskalter Egoist Du bist! Warum gabst Du Karl das Geld nicht?“
„Es war nicht des Geldes wegen -- --“
„Das weiß ich! Und gerade das ist das furchtbarste: Deiner Prinzipien wegen tatest Du es nicht! Deiner starren, hartherzigen Prinzipien wegen! Die sind das einzige, was Du liebst! Du hast auch mich nie geliebt. Du hast mich geheiratet, weil +ich Dich+ liebte! Du wolltest Dein frierendes Herz erwärmen an meiner Glut!“
„Monika!“
Georg Wetterhelm preßte die harten Lippen aufeinander. Er sprach kein einziges Wort mehr... zu seinem Glück, das von ihm ging.
12.
Ein altes, winkliges Haus in einer von Zürichs Straßen. Ausgetretene Treppenstufen, schiefe Türen, an denen Dutzende von Visitenkarten mit Reißnägeln angeheftet waren. „~Stud. jur.~ Freiherr von Neuern, ~stud. med.~ Hans Fischer, ~stud. med.~ Pietro Liguro, ~stud. med.~ Olga Nikolajewna Murawska, ~stud. phil.~ Bertha Reckling.“
Vier Treppen hoch hauste Bertha, die seit einem Semester in Zürich studierte, zusammen mit der Studentin der Medizin Murawska.
Die Wohnung bestand aus drei Stübchen und einer kleinen Küche. Die letztere wurde wenig benutzt, da die Mädchen ihre Mahlzeiten in einem Restaurant einnahmen und sich zu Hause nur das erste Frühstück bereiteten. Bertha hatte zwar zuerst vorgeschlagen, hier zu kochen, aber sie hatte es bald aufgesteckt. Es war gar zu unbequem. Allein das Feuermachen erforderte so viel Zeit und Mühe, und es war so umständlich, die Vorräte die vier Treppen hinaufzuschleppen.
Außerdem war Olga Nikolajewna den kulinarischen Bestrebungen Berthas durchaus feindlich gesinnt.
Sie behauptete: viel Essen wirke schädlich auf die Gehirntätigkeit. Nur die Deutschen äßen so viel, und Bertha würde es nie zu etwas bringen, wenn sie sich nicht auch angewöhne, des öfteren nur von Tee und Zigaretten zu leben.
Auch „Ordnung halten“ erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich! Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie sie müßten.
Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven, jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren Verkehr bildete.
Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.
Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder selber mit.
Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken. Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.
Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste, die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel besaß; Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius; Marie Kramer, eine freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig gebracht, „ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu folgen“.
Und Melitta Göritz war da, ein schlankes, sehr brünettes Mädchen, das ein sehr verschlossenes Wesen hatte und von dem überhaupt niemand etwas Näheres wußte.
Dann noch ein norwegisches Ehepaar: die Steens. Merkwürdigerweise hatten die beiden äußerlich Aehnlichkeit miteinander. Sie waren beide sehr groß, sehr schlank, hatten weißblonde Haare und blaue, ein wenig vorstehende Augen, die an Fischaugen erinnerten.
Sie studierten beide Philosophie. Sie behandelten andere Leute überaus höflich und nett, sich gegenseitig aber mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit. Sie warfen sich Grobheiten an den Kopf, schimpften sich auf norwegisch und trennten sich nie, wie ein Pärchen Wellensittiche, ob aus Liebe oder Haß, blieb unerfindlich.
Auch Edith von Gräbert kam oft, eine norddeutsche Offizierstochter in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, die Lehrerin an einer Töchterschule gewesen, dann aber ihren Hang zur Medizin entdeckt.
Diese alle saßen, wie so oft, an einem Maiabend in dem kleinen Wohnzimmer, als die Korridorklingel kurz und heftig in Bewegung gesetzt wurde.
„Das ist gewiß Pietro,“ rief Edith von Gräbert lebhaft; sie hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den jungen Italiener.
Bertha, die Hausherrin, ging, um zu öffnen.
Die Gäste hörten ihren überraschten Ausruf, und gleich darauf trat sie wieder ein, begleitet von einer jungen Dame, deren Erscheinung Sensation erregte.
„Wie kommt der Glanz in diese niedre Hütte?“ murmelte Edith, nachdem sie einen taxierenden Blick auf die elegante Toilette des Ankömmlings geworfen.
Sigrid Steen stieß ihrem Gatten den Ellenbogen in den Magen, da er ihrer Meinung nach den fremden Gast bewundernd angestarrt. Dimitri Iwanowitsch setzte sein Pincenez auf und nahm es nicht wieder ab, obwohl er es sonst, um seine sehr angegriffenen Augen zu schonen, nur zum Schreiben und Lesen trug.
Hans Fischer starrte die schöne Dame so verzückt an wie ein Kind eine einladende süße Speise -- kurz es herrschte allgemeine Gemütsbewegung.
„Meine Cousine Frau von Wetterhelm,“ stellte Bertha vor. In ihrer Bestürztheit vergaß sie, nun die Namen der anderen Leute zu nennen.
Und diese alle saßen stumm wie die Oelgötzen; von allen diesen Leuten, die so gut und so viel reden konnten, wenn eine sie interessierende wissenschaftliche Frage aufgerollt war, fand keiner Worte, sobald es sich um eine leichte gesellschaftliche Unterhaltung handelte.
Monikas mondaine Gewandtheit half vorläufig über das peinliche Stillschweigen hinweg. Aber eine rechte Stimmung kam an diesem Abend nicht mehr auf. Die Gäste fühlten sich durch die elegante Fremde geniert und gingen sehr viel früher als gewöhnlich.
Monika hoffte nun mit ihrer Cousine allein sprechen zu können, aber auf dem roten Kattunsofa saß Olga Nikolajewna und rührte sich nicht. Als Bertha einen schüchternen Versuch machte, sie zum Verlassen des Zimmers zu bewegen, erwiderte sie ganz erstaunt:
„Aber wir haben doch bloß dieses Sofa!“ Wußte Bertha denn immer noch nicht, daß ihr Stühle unbequem waren?!
So verfügten sich denn die beiden Cousinen in Berthas Schlafzimmer, das mit seinen winzigen Abmessungen, mit seiner schmalen, eisernen Bettstelle einen sehr ärmlichen Eindruck machte.
Monika setzte sich auf einen Rohrstuhl am Fenster und Bertha ließ sich aufs Bett sinken; sie war noch immer unter dem Eindruck der großen Ueberraschung.
Monika hier! Und sie kam zu ihr die vier wackligen Treppen hinauf! All das kam ihr ganz unwahrscheinlich vor.
Freilich vermutete sie nicht so Entscheidendes, wie sie gleich darauf zu hören bekam.
Also Monika war fort von ihrem Mann! Für immer fort?!
Bertha fühlte bei dieser Nachricht erstaunlicherweise nicht die freudige Genugtuung, die sie bei ihren extremen Grundsätzen eigentlich hätte haben müssen. Nein, sie empfand nicht: „Gott sei Dank wieder eine, die das unwürdige Ehejoch von sich abschüttelt!“ -- sondern in diesem Augenblick überwog Berthas frühere Natur: „Wie töricht von Monika, ihrem Mann davonzulaufen!“
Gut, daß, ehe sie diese Worte geäußert, ihr ihre neuerworbenen Grundsätze einfielen. Und so sagte sie denn, sie sei weit entfernt davon, Monikas Schritt zu mißbilligen. Sich durchsetzen, seine eigene Persönlichkeit zu bewahren, das sei das Höchste für ein denkendes menschliches Wesen, und die Zeiten, da man die Frauen nicht zu den denkenden menschlichen Wesen gerechnet, seien ja erfreulicherweise vorüber!
Es sei sehr vernünftig von Mone, daß sie gleich hierher gekommen zu ihr, die ihr sehr gern mit ihrem Rate zur Seite stehen wolle.
„Es ist jedenfalls sehr nett von Dir, daß Du Dich hier meiner annehmen willst,“ sagte Monika. Sie war nicht so sicher wie sonst.
Allein, zum ersten Male war sie allein gefahren, den weiten Weg von Berlin nach Zürich, und aus des Zuges Räderrollen hatte sie eine so traurige Melodie gehört: Fort von ihm! Jeden Augenblick weiter fort von ihm, der mein Glück gewesen...
Sie hatte sich dann selbst sentimental gescholten. Da sie nun mal eingesehen hatte, daß ihres Bleibens nicht länger bei ihm war, war alles abgetan! Mußte alles abgetan sein!
Ein neues Leben!
Und ein bescheidenes Leben.
Sie wollte versuchen, mit der knappen Zulage auszukommen, die ihre Mutter ihr geben konnte.
Darüber hatte es noch eine Meinungsverschiedenheit gegeben mit Georg, der ihr einen Scheck über eine hohe Summe mitgegeben.
„Ich will kein Geld von Dir!“ hatte sie gesagt.
„Du mußt es nehmen, Monika. So lange wie Du meine Frau bist, kannst Du nicht wie eine Zigeunerin durch die Welt laufen. Wie denkst Du Dir überhaupt Dein späteres Leben pekuniär?“
„Ich will mir unbedingt selbständig meinen Lebensunterhalt verdienen, sei es schriftstellerisch oder daß ich studiere. Ich weiß es noch nicht.... Das alles ist noch so dunkel....“
„Und Du willst nicht bei mir bleiben -- statt so ins Ungewisse in die Welt hinauszugehen --?“
„Nein!“ antwortete sie hart.
Es empörte sie, daß er diese Frage so an sie gestellt hatte, so als ob ein materielles Interesse je hätte mitsprechen können, sie zu fesseln.
Ja, wenn er vor ihr niedergestürzt wäre, wenn er ihr in heißer Qual entgegengerufen: „Bleib’, ich kann nicht leben ohne Dich!“, dann hätte sie wohl nicht den Mut gefunden, fortzugehen auf Nimmerwiedersehen.
Aber so sprach Georg von Wetterhelm nicht. Nach dem „Nein“, das sie ihm entgegengerufen, hatte er nur noch streng sachlich mit ihr die einzuleitende Scheidung besprochen, die wegen böswilliger Verlassung ihrerseits erfolgen werde. Sie würde eine Aufforderung erhalten, zu ihm zurückzukehren, und wenn sie dieser nicht Folge leiste, so erfolge ein Jahr nachher die gerichtliche Scheidung.
Und sie war gegangen auf Nimmerwiedersehn.
Als sie die erste Müdigkeit nach der langen Eisenbahnfahrt überwunden, hatte ein Gefühl von Energie sie durchflutet. Ein Bad, ein Glas Sherry, ein elegantes Kleid, und sie war zu Bertha gefahren.
Diese war entschieden so hilfsbereit gewesen, wie man es nur irgend erwarten konnte. Man hatte so manches verabredet.
Monika sollte eine Wohnung im selben Hause wie Bertha nehmen, sowohl ihres schmalen Geldbeutels wegen, als damit sie Anschluß habe.
Dann sollte sie erst mal in einigen Kollegs hospitieren, um sich dann endgültig zu entscheiden.
Es würden in ihrem Wissen eine Menge Lücken auszufüllen sein. Aber das schreckte sie nicht, sie hatte ja immer so gern gelernt.
War es denn etwas anderes, was sie schreckte? Was war dieses sonderbare Gefühl, das ihr das Herz zusammenpreßte?
Sie hatte doch nun die Freiheit, konnte doch nun ihre Persönlichkeit so entfalten, wie sie es immer gewünscht.
Nun war doch der sehnlichste Traum ihrer Jugendjahre in Erfüllung gegangen: frei! -- --
Und ein neues Leben jetzt!
Nicht mehr an die grauen Augen denken, die sie zu sehr geliebt, -- an die grauen Augen, die so verächtlich erstaunt geblickt, wenn sie sich „inkorrekt“ benommen oder „wild“.
Und nicht mehr an seine Hände denken, jene schönen, harten Hände, die sie so sicher und gebieterisch dahingeführt auf schnurgerader, grauer Strecke, während auf allen Seitenwegen und Fußpfaden so viel üppig schönes Blumengerank wucherte.
Nicht mehr an ihn denken!
Schade nur, daß sie so oft, so unendlich oft an ihn erinnert wurde.
Sie sah jetzt erst, wie sehr Georg ihr die kleinlichen Sorgen des Lebens aus dem Wege geräumt, wie sehr er jede Unannehmlichkeit von ihr ferngehalten. -- -- --
Sie sah jetzt erst, was es hieß, sich selbst um die Alltagssorgen bekümmern zu müssen. --
Mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßte sie den Tag, an dem sie zu Bertha übersiedelte. Sie hatte in Berthas Wohnung angrenzende Zimmer bekommen, die bisher ein Kandidat der Medizin bewohnt.
Diese Zimmer trugen das ärmliche Gepräge, das dem ganzen Hause anhaftete, und Monika konnte sich eines kleinen Schauders nicht erwehren, als sie ihre Wohnung des näheren besichtigte.
Sie schwankte sogar einen Augenblick, ob sie nicht diese Baracke im Stiche lassen solle, um sich ein eleganteres Quartier zu nehmen. Sie hatte ja den Scheck da....
Aber sofort wies sie diesen Gedanken von sich. Nein, nein, sie wollte mit dem Zuschuß von Mama auskommen, so wenig das auch war.
Und Georg brauchte gar keine Angst zu haben, daß sein Name dadurch kompromittiert werde, wenn sie hier in so ärmlichen Verhältnissen hauste. Sie nannte sich mit ihrem Mädchennamen. Die Abneigung vor ihrer neuen Umgebung mußte eben heruntergewürgt werden! --
Sie fand sich nicht schnell in dieses neue Leben hinein, beim besten Willen nicht!
Sie fühlte sich nicht zu Hause in dieser häßlichen Wohnung.
Unzählige Male am Tage trat sie hinaus auf den kleinen Balkon vor ihrem Zimmer.
Zwischen ein paar altersgrauen Dächern erblickte man die grüne Limmat, Schwärme von schneeweißen Möwen schwirrten über den Strom; sie sah dem unruhigen Spiel ihrer Flügel zu, die sie bald hoch zum Himmel, bald tief hinab zum Wasser trugen.
Und eine unklare Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz zusammendrückte.
Aufseufzend trat sie zurück ins Zimmer, in dem dann vielleicht gerade Olga Nikolajewna, Zigaretten paffend, auf dem Sofa lag.
Monika hatte versucht, die allzu häufigen Besuche der Russin abzuwehren, aber diese hatte ihr in ihrem harten Deutsch erwidert:
„Aber Ihr Sofa ist weicher.“
Sie hielt diese Tatsache für völlig ausreichend, um von dem erwähnten Möbelstück Besitz zu nehmen.
Als Monika sich bei Bertha beklagte, hatte diese ihr mißbilligend gesagt:
„Aber sei doch nicht so unkameradschaftlich. Wir sind hier alle für Gütergemeinschaft.“
Daß das keine leere Redensart war, lernte Monika bald genug einsehen. Man betrachtete auch ihre Sachen als Gemeingut. Olga Nikolajewna goß sich den Inhalt von Monikas Parfümflaschen über Bluse und Haar. Bertha benutzte, ohne je um Erlaubnis zu fragen, Monikas Nähutensilien und ihre Bücher.
Alle die „Stammgäste“ kamen, ohne dazu aufgefordert zu sein, jetzt auch in Monikas Zimmer hinüber.
Die anfängliche Scheu, die sie vor der Fremden gehabt, war sehr bald einer kollegialen Vertraulichkeit gewichen.
Am häufigsten wurde sie von Edith von Gräbert besucht.
Diese hatte ein großes, mit Mißgunst gemischtes Interesse an Monika.
Für alles an ihr: ihre Art, sich zu bewegen, sich anzuziehen, zu lächeln....
Es war, als ob Edith von ihr zu lernen suche, sich nach ihrem Vorbild modele.
Entschieden war das ein verfehltes Beginnen, denn die beiden waren äußerlich so voneinander verschieden, daß alles, was zu Monikas Wesen paßte, für Edith deplaciert war.
Bildete doch schon Monikas weiches Gesicht einen entschiedenen Gegensatz zu Ediths herben Zügen, die übrigens durchaus ebenmäßig geformt waren.
Sie war überhaupt nicht ohne Reiz. Sie hatte eine große, gutgewachsene Figur.
Aber etwas unnennbar Hartes lag in all ihren Linien, sowohl in denen des Körpers wie in denen des Gesichts.
Ihre hellen Augen blickten klug und spöttisch unter blonden Brauen, ihre Gesichtsfarbe war von einer auffallenden Zartheit, und diese zarte, helle Haut begann schon ein wenig das Stigma des Welkens zu tragen. Die Augenlider waren schon etwas zerknittert, wie weiße Rosenblätter, die am Verblühen sind.
Edith war von einer Offenheit, die an Zynismus grenzte. Sie erzählte Monika, ohne daß diese im mindesten danach gefragt hätte, die intimsten Einzelheiten aus ihrem Leben; sie sprach von der unglücklichen Ehe, die ihre Eltern geführt. Sie verhehlte nichts, beschönigte nichts von allen traurigen Fällen, die sie oder ihre Familienangehörigen getroffen.
Monika machte mitunter Einwendungen, sagte ihr geradeheraus:
„Das sind doch interne Angelegenheiten, über die spricht man doch nicht.“
Aber Edith zeigte dann in höhnischem Lachen ihre großen, weißen Zähne:
„Ach, den Schnickschnack habe ich mir abgewöhnt. Ich habe früher auch mal so gedacht wie Sie -- o, sicher sogar sehr viel strenger gedacht als Sie. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war ich Lehrerin an der Schule von Fräulein Cersfeld und gab für hundert Mark monatlich ungezogenen Mädels Französisch und Geographie, auch Religion und andere schöne Sachen. Von acht bis eins täglich dauerte der Scherz. Fünf Minuten nach eins ging ich nach Hause, wo ich gerade rechtzeitig ankam, um einer lärmenden Szene zwischen Mama und Papa beizuwohnen. Nachmittags dann Hefte korrigieren und abends um halb zehn in die Klappe. Ach, ein Leben.... Sieben und ein halbes Jahr ist das so gegangen. Dann...“
Sie unterbrach sich.
„Ach, ist ja alles Unsinn,“ fuhr sie mit veränderter Stimme fort. „Wozu von Vergangenheiten reden! Ich fühle mich sehr wohl, seitdem mir das Familienleben Wurst ist! Es lebt sich doch sehr nett in dem ollen, ehrlichen Zürich.“
„Ja...,“ sagte Monika, und ihr Blick irrte sehnsüchtig hinaus durchs Fenster auf den grünen Strom, über dem die weißen Möwen taumelten.
Die Vorlesungen, die Monika belegt, interessierten sie teilweise sehr, aber sie gewöhnte sich nicht an das Zusammensein mit so vielen anderen.
Es saßen da in den Hörsälen Leute aus aller Herren Ländern, junge und alte, Frauen und Männer.
Alle diese Gehirne arbeiteten, dachten, waren wie Maschinen mit surrendem Räderwerk.
Und sie alle, die starken und die schwachen, die schnell arbeitenden und die trägen Gehirne, sie alle holten sich hier Nahrung, Heizmaterial, Funken von der großen Flamme des Wissens, das die Welt erhellt.
Wohl empfand Monika die Größe, die darin lag, aber das half ihr nicht darüber hinweg, daß ihr das Zusammengepferchtsein mit allen diesen unbekannten Menschen auf die Nerven fiel.
Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie denen allen hier überlegen war.
Vor ihrem Verstand war dieses Gefühl nicht stichhaltig.
Die Tatsache, daß sie eine sehr viel raffiniertere Körperpflege trieb als die alle hier, schuf ihr doch keine Ueberlegenheit?
Und daß sie weltgewandter war, abgeschliffener, -- das alles hatte doch hier keinen ernsthaften Wert.
Sie war eben wohl immer noch von Vorurteilen befangen; zu sehr hatte Georg ihre frühere Wesensart umgewandelt. Aber das würde sich schon geben mit der Zeit.
Mit der Zeit...
Sie, die früher so oft der Zeit zugerufen: „Halt an!“, hätte ihr jetzt Sporen geben mögen wie einem schlechten Gaul.
Nur schnell vorwärts! Nur Zeit legen zwischen sich und das Glück!
Und Tage kamen und gingen... Wochen... und Monate... Und noch immer war sie nervös, schreckte zusammen, wenn es klingelte, und ging immer wieder auf den Balkon und starrte hinüber auf den Strom und auf die weißen Möwen.