Part 14
„Ja, sie hat keinen Funken von meinem Gemüt,“ sagte die Baronin traurig, „aber laß Dich das nicht anfechten, mein süßer Liebling, ärgere Dich nur nicht darüber! Du siehst schon ganz angegriffen aus, mein Heinuckelchen!“
Heinrich strich sich über die Schläfen. „Es wird vorübergehen.“
„Aber Du siehst schlecht aus, ja wirklich,“ beharrte Frau von Birken mit einer so überzeugenden Wärme, daß Heinrich ganz unwillkürlich ein leidendes Gesicht machte.
„Sag’, was hast Du denn, mein Einziges? Arbeitest Du vielleicht zu viel? Ach Gott, Jurisprudenz ist sicherlich das schwerste Studium von allen, aber Deines Geistes würdig. Nur überanstrenge Dich nicht! Schone Dich, mein Heinzemännchen, schone Dich!“ --
Und das Sich-schonen besorgte Heinzemännchen redlich. Das erwählte Studium sagte seiner träumerischen Natur nicht sehr zu. Am wohlsten fühlte er sich im Kreise der jungen und jüngsten Literaten, mit denen er sich jeden Nachmittag in einem Café traf. Man saß dort viele Stunden zusammen, trank schwarzen Kaffee und schimpfte auf die herrschenden Literaturgrößen. Dieser Zeitvertreib wurde dadurch belebt, daß auch die Weiblichkeit vertreten war. Eine junge Dichterin, die jedem, den sie kennen lernte, in den ersten fünf Minuten versicherte, daß sie „sehr pervers“ sei -- zwei Vortragskünstlerinnen vom Kabarett „Zum Regenbogen“ -- und eine Barfußtänzerin beschäftigten sich damit, den jungen Poeten himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten.
Heinzemännchen nahm einen ehrenvollen Platz in diesem Kreise ein. Die Weisheit, die er hier lernte, machte mehr Eindruck auf ihn als die im Hörsaal. Das war so recht was für ihn, diese endlosen Diskussionen bei Kaffee und Zigarette über Naturalismus, Mystizismus, Symbolismus, Neo-Impressionismus, -- -- nur unterbrochen durch den Vortrag von lyrischen Gedichten, die bei allen anwesenden Freunden des jeweiligen Autors brausende Beifallsstürme hervorriefen.
Heinrichs Gedichte hatten vor allem den Beifall der Damen.
„So gefühlvoll dichtet doch kein anderer wie unser Baron Heinzemännchen,“ sagte die Barfußtänzerin mit Tränen in den Augen, als er seine Ode: „An die violette Ampel im Schlafzimmer meiner Geliebten“ vorgetragen.
Diese literarischen Freuden waren endlos, die Gespräche waren nicht einzudämmen. Die Gesellschaft saß manchmal noch zusammen, wenn schon der Frühschein sich durch die Fenster stahl, und der Pikkolo, dessen großer Kopf vor Schlaftrunkenheit zwischen den Schultern schwankte, die unermüdliche Gesellschaft mit rachsüchtigen Augen anstarrte.
Für Heinrich war es unangenehm, daß seine Mutter immer noch auf war, wenn er nach Hause kam.
Auf alle seine Vorhaltungen erwiderte sie, sie könne doch nicht schlafen, wenn ihr Liebling nicht wohlgeborgen in seinem Bettchen ruhe. Und es wäre ja sehr häßlich von dem Liebling, seine Mutter so lange warten zu lassen, aber schlafen ginge sie nicht, ach nein! Sie opfere sich eben auf für ihn.
Heinrich unterdrückte die Aeußerung, daß er auf dieses Opfer gern verzichte. Er war seiner Mutter gegenüber durchaus rücksichtsvoll im Ton. Aber innerlich wurde ihm die überzärtliche Bevormundung immer unerträglicher.
Er schwankte noch einige Zeit hin und her, raffte sich dann aber doch zu einem Entschlusse auf und sagte ihr eines Tages, daß er von jetzt ab allein wohnen wolle.
„Du mußt mir das nicht übel nehmen, Mama, aber bei Dir werde ich kein Mann, wie er fürs Leben paßt. Dieses ewige Bemuttern und Streicheln und Küssen, -- ich bin doch schließlich kein Wiegenkind mehr. Und ich komme natürlich sehr oft zum Besuch.“
„Heinrich, das ist doch nicht möglich! Verlassen willst Du mich?! Das kannst Du mir doch nicht antun. Mir... Deiner Mutter, die sich zeit Deines Lebens so für Dich aufgeopfert hat.“
Im Tone ihrer Stimme zitterte all ihr Gefühl für diesen Sohn, das größte und tiefste Gefühl ihres Lebens.
Sie sprach nicht laut wie sonst, wenn sie erregt war. So tonlos klang’s... mit versagender Stimme: „Heinrich, ich habe doch alles getan, was ich Dir an den Augen absehn konnte, -- alles... alles...“
Er zögerte.
„Ja, ich weiß das auch zu schätzen, Mama. Sicher... Halte mich nicht für undankbar! Ich bin doch jetzt ein erwachsener Mensch, ich muß doch mal endlich auf eigenen Füßen stehen lernen.“
Sie fand keine Worte mehr, -- sie, bei der sonst die Rede so lustig sprudelte wie ein Bächlein über Stock und Stein. Der Schlag war zu unerwartet gewesen, kam zu sehr aus heiterem Himmel. Sie hoffte immer noch, Heinrich werde seine Absicht nicht ausführen. Das konnte er ihr doch gar nicht antun!
Aber sie kannte ihr eigenes Fleisch und Blut schlecht. Die Birkenschen Kinder gaben keinen Plan auf.
Das war einer der schwersten Schläge ihres Lebens, der Tag, an dem Heinzemännchen von ihr ging.
Er hatte sich ein möbliertes Zimmer gemietet, im Studentenviertel, und kam sich in seiner endlich errungenen Freiheit sehr stolz und glücklich vor.
Seine Mutter hatte gehofft, daß er schon nach den ersten Tagen wiederkommen würde, daß ein Leben ohne ihre Sorgfalt und Mühe nicht auszuhalten sei. Aber sie täuschte sich.
Heinrich aß sogar sein zähes Restaurationsschnitzel, das er nun statt der herrlichen mütterlichen Fleischtöpfe vorgesetzt bekam, mit einem Gefühl der Befreiung. Sicher, die Mama war immer rührend um ihn besorgt gewesen, aber dieses Uebermaß hielt man nicht aus!
Seiner im Grunde gutmütigen Natur entsprechend, besuchte er sie zuerst täglich. Dann aber wurden die Bande, die ihn an seine Kaffeefreundinnen und -freunde knüpften, immer festere, und die Besuche bei seiner Mutter erfolgten in immer größeren Zwischenräumen.
Frau von Birken konnte und konnte sich nicht in die Trennung von ihrem Lieblingssohn fügen. Ihr schien ihr Leben plötzlich seines besten Inhalts beraubt.
Was war das für ein Aufwachen jetzt, seit sie wußte, daß sie nicht wie sonst nur eine Tür zu öffnen brauchte, um das geliebte Gesicht ihres Jungen im tiefen Morgenschlafe zu sehn!
Was war das für ein Tag, der ihr keine Sorgen mehr darüber brachte, was Heinrich essen würde, womit man ihm eine Freude machen könne....
Sie empfand ihr Mutterschicksal als ein unverdient unglückliches. Was hatte sie nun von ihren Kindern?! Daß Alfred sie verschwindend selten besuchte, war ihr nicht so wichtig. Mit dem hatten sie ja nie sehr intime Bande vereint.
Daß Monika sich so verändert, darunter litt sie. Was war Mone früher für ein anschmiegendes, warmherziges Kind!
Was Heinzemännchen anbetraf, so gab sie ihm keine Schuld an seiner Fahnenflucht, -- er war ja ein so edler Mensch, da mochten eben irgendwelche Einflüsse mitgespielt haben, dunkle Mächte, über die sich Frau von Birken selber nie klar wurde. Aber mochte es nun gewesen sein, was es wollte, -- das Unglück war jedenfalls da: der Liebling war ihrem mütterlichen Herzen entrissen. Das unglückliche Kind hauste jetzt in einem Zimmer, auf dessen Bett nur Decken lagen, „nicht einmal ein Federzudeck“, und des Morgens bekam er statt Tee, Toast, Schinken, Setzeier und Marmelade -- nun Zichorienkaffee und Schrippen mit Margarine. -- --
Nur Karl blieb jetzt der Mutter. Und Karl war kein ausreichender Trost.
Er war ja ein netter, gutmütiger Junge, aber er hatte so gar keine Interessen, die ihn mit der Mutter verknüpften, so gar nichts von der geistigen Begabung ihrer anderen Kinder.
Er war jetzt beinahe achtzehn Jahre alt und saß immer noch in Unter-Sekunda.
Aeußerlich war er ein auffallend hübscher Mensch. Noch immer Cherubim. Kein Barthaar beschattete seine weichgeschwungene Oberlippe, seine Haut war weiß und rosig wie die eines Babys. Noch immer hatte das Haar seinen Goldschimmer und die dunkeln Augen ihren unschuldsvollen Ausdruck.
Noch immer war er gottergeben und leichtsinnig, nur daß diese Leichtsinnigkeiten jetzt einen sehr viel größeren Umfang angenommen als früher. Er raubte jetzt nicht mehr Nickel, aber er ging Schuldverschreibungen ein, die seine Mutter dann mit Ach und Krach, mit Lamentieren und Wehklagen einlöste. Oft, wenn sie ihm gar nichts mehr geben wollte, ging er zu Monika, die immer ein paar Goldstücke für ihn übrig hatte.
Das Zuhören in den Lehrstunden gewöhnte er sich allgemach ganz ab. Das alles war so anstrengend und unverständlich. Er mußte ja hingehen aufs Gymnasium, das war klar, -- das Einjährige zum mindesten mußte er haben.
Aber das würde er schon irgendwo machen, das würde sich schon arrangieren lassen. Es arrangierte sich ja immer alles...
Nur sein Körper saß auf der Schulbank. Sein Geist duselte in seligen Fernen.
Es waren durchaus keine aufregenden Genüsse, die er sich vorstellte. Nur etwa so: stille daliegen auf dem weichen Sandstrande eines blauen Sees, die nackten Glieder von Luft und Sonne umspielen lassen... Und Stille ringsum und Schweigen... nichts tun, nichts denken, -- -- in die flimmernden Wellchen starren, die der See kräuselt, und Zigaretten rauchen... Oder: sehr gut essen, viel und gut, saftige Braten und kühle Fruchtgelees... Oder: ein hübsches Mädchen, das sehr nett und lieb zu ihm war...
In Wirklichkeit waren viele Mädchen lieb zu ihm. Seine Schönheit, sein liebenswürdiges Wesen erschlossen ihm viele Herzen. Er selbst war nicht gerade leidenschaftlich, aber er nahm mit Freuden alle Liebe, die ihm dargebracht wurde.
Frau von Birken war außer sich über die rosa Briefe, „noch dazu die meisten unorthographisch“, die ihm ins Haus flogen. Sie fing diese Briefe ab, öffnete sie, hielt sie dem Schuldigen vor, erging sich in Zornesausbrüchen über seine Liederlichkeit, worauf er mit einem ehrlichen Nichtverstehn ihr nur erwiderte:
„Aber da ist noch nichts dabei, Mama, -- -- es ist wirklich ein sehr nettes Mädchen.“
„Mein Gott, was soll bloß aus Dir werden?“ stöhnte die Mutter.
Er zuckte ratlos die Achseln.
„Aber Du kannst doch nicht als Rentier leben, dazu haben wir ja gar nicht die Mittel. Ein Mann muß doch etwas tun, einen Beruf haben, -- Pflichten erfüllen! Sag’ doch selbst, wozu Du Lust hast! Wozu Du Talent hast, -- -- irgend etwas!“
„Zu gar nichts,“ sagte Karl gottergeben.
Dann hatte er eine plötzliche Eingebung. „Ich möchte gern aus dem Gymnasium raus, Mama.“
Frau von Birken rang die Hände. „Karl, das wagst Du mir zu sagen?! Das wagst Du?! -- -- Jetzt willst Du weg, noch vor dem Einjährigen? Karl, weißt Du denn nicht, welcher Familie Du angehörst? Dein Großvater war Universitätsprofessor! Und Deine Schwester ist bis Ober-Sekunda gekommen, obwohl sie nur ein Mädchen ist. Und wenn nicht diese Heirat dazwischengekommmen wäre, so wäre sie heute Fräulein Doktor. Jawohl! -- -- Und Alfred hat doch wenigstens das Abiturium gemacht, ehe er Offizier wurde. -- -- Und Heinzemännchen! -- -- Den Aufsatz, den er zum Abiturium gemacht hat, habe ich einbinden lassen... in grünes Leder... zur Erinnerung für Kinder und Kindeskinder ... +so+ ist der Aufsatz! -- -- Karl, wenn Du so ungebildet bleiben willst, das überlebe ich nicht!“
„Na, wollen mal sehn, wollen mal sehn,“ sagte Karl begütigend. Aber sehr hoffnungsvoll klang es nicht.
Immerhin schöpfte die optimistische Frau von Birken auf diese so maßvolle Aeußerung hin neuen Mut.
Karl war ja ein guter Junge und würde sich nun wohl wirklich endlich bessern.
Es war deshalb ein schwerer Sturz aus ihren neuerweckten Hoffnungen, als schon acht Tage nach diesem Gespräch Karl vor sie hintrat mit dem dringenden Ersuchen, ihm zweitausend Mark zu geben.
Sie war außer sich. Was dachte er sich denn eigentlich? Wozu brauchte denn ein Schüler überhaupt so viel Geld? --
Die Erklärungen, die er gab, waren so phantastisch, daß die Mutter trotz all ihrer Leichtgläubigkeit auch nicht ein Wort davon für wahr hielt.
Aber wie immer war aus Karl nichts herauszubekommen.
Wenn man ihm eine Lüge nachgewiesen, fand er flugs eine andere. Ohne den leisesten Schimmer von Verlegenheit, ohne einen Augenblick des Nachsinnens strömten ihm die Ausflüchte zu. Er, der sonst eine so wenig rege Phantasie, eine so wenig lebhafte Geistestätigkeit besaß, war nie einen Augenblick verlegen darum, die kompliziertesten Geschichten zu erfinden.
Er faßte die Weigerung seiner Mutter, ihm auch nur einen Pfennig zu geben, ernster auf, als er sonst zu tun pflegte.
Sein rosiges Gesicht war blaß geworden; er klemmte die Unterlippe so fest zwischen die Zähne, daß ein Blutstropfen niederperlte.
„Ich muß das Geld haben, Mama.“
„Wir werden ja sehen, ob Du mußt.“
Er drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Er ging zu Monika.
Da es eine verhältnismäßig frühe Stunde war, war sie noch nicht fertig angezogen. Sie saß in einem Peignoir vor dem Spiegel, und ihre Jungfer bürstete ihr die schönen kastanienfarbenen Haare, die in mächtigen Wogen niederflossen.
Sie hatte Karl ohne weiteres in ihr Toilettenzimmer treten lassen; sie behandelte ihn noch ganz als Kind. Alle Leute behandelten Karl als Kind.
Er setzte sich in einen der weißen Louis-XV.-Sessel und sah zerstreut zu, wie die Jungfer die Frisur vollendete. Dann wurde das Mädchen auf seine Bitte hinausgeschickt, und nun bat er in seiner langsamen, ein wenig ungeschickten Sprechweise seine Schwester um die zweitausend Mark, deren Zahlung seine Mutter so entrüstet abgelehnt.
Auch bei Monika fand er kein Entgegenkommen.
„Lieber Junge, ich habe nie ein Wort gesagt oder gefragt, wenn Du zwanzig Mark haben wolltest oder vierzig. Aber zweitausend? -- -- Wofür brauchst Du zweitausend Mark?“
„Es ist eine Ehrenschuld.“
„Sekundaner haben keine Ehrenschulden.“
„Doch.“
Sein sanftes Gesicht bekam einen verstörten Ausdruck.
„Erzähl’s mir, Karl.“
„Ach, Mone, davon wird’s auch nicht besser! Gib mir doch das Geld. Sieh mal, Du bist der einzige Mensch, den ich um sowas bitten kann, Mama hat Zetermordio geschrien, als ich sie darum gebeten. Alfred und Heinrich gebrauchen selber mehr als sie haben. -- Mone, gib mir’s.“ Er drückte ihr die Hände.
„Ich, -- -- ich hab’s ja auch nicht,“ sagte sie, schon schwankend geworden, „Du weißt doch, Karl, ich hab’ kein Geld. Und Georg kauft mir zwar alles, was ich haben will, aber er gibt mir doch kein Geld in die Hand. Ich kann Dir die zweitausend Mark gar nicht geben.“
„Dann sag’s Deinem Mann,“ rief er mit ungewohnter Entschiedenheit.
„Na schön,“ sagte sie nach sekundenlangem Besinnen, „ich werde es ihm heute nach dem Lunch sagen.“
„Und ich komme mir die Antwort heute abend holen.“
„Komm nicht. Wir sind zum Diner eingeladen. Ich schreibe Dir aber und schicke Dir schon heute nachmittag den Brief durch den Diener.“
Mit einem erlösten Aufatmen beugte er sich über ihre Hand und küßte sie dankbar.
Als er das Haus verließ, schien er seine ganze Spannkraft wiedergefunden zu haben.
Monika aber hielt ihr Versprechen. Gleich nach dem Lunch, das man zu zweien eingenommen, bat sie ihren Mann, ihr die zweitausend Mark für Karl zu geben.
„Höflich abgelehnt,“ sagte er.
„O Georg...“
„Lieber Schatz, es wäre ein haarsträubender Unsinn, einem noch nicht achtzehnjährigen Schüler eine solche Summe in die Hand zu geben. Wozu will er es denn überhaupt haben?“
„Er sagt, es sei eine Ehrenschuld.“
„Ehrenschuld? Mit dem Worte bezeichnen viele Leute recht unehrenhafte Schulden.“
„O, Karl ist solch ein lieber, netter Junge.“
„Gewiß, er ist ein sehr netter Mensch, aber das ist doch kein Grund, um seinen Hang zum Leichtsinn, zu bodenloser Liederlichkeit zu unterstützen! Was ist denn der Effekt davon, wenn wir ihm das Geld geben?! Er gibt es in leichtsinniger Weise aus!“
„Aber wenn er es doch für Schulden haben will...“
„Dann bezahlt er vielleicht diese und macht sofort neue und zwar in noch größerem Maßstabe. Er hat ja dann die sichere Ueberzeugung, daß sie auch bezahlt werden.“
„Ach, Georg, sei nicht geizig.“
„Liebes Herz, die Aeußerung da hast Du Dir wohl nicht überlegt. Hast Du mich je geizig gefunden?“
„Für mich nicht, aber für andere hast Du doch eigentlich nie was getan.“
„Jeder ist sich selbst der Nächste, seine Familie natürlich miteingeschlossen. Bei dem uferlosen Mitleid für alles und alle kommt nie was Gutes heraus.“
„Aber Karl ist doch Dein Schwager.“
„Eine juristische Verpflichtung zur Unterstützung eines Schwagers besteht nicht, eine moralische unter Umständen, die hier nicht vorhanden sind. Wenn Dein Bruder durch Krankheit unterstützungsbedürftig wäre oder eine Summe brauchte, um sich eine Existenz zu gründen, so würde ich Dir zuliebe eventuell sogar ein größeres Opfer bringen! Aber für einen derartig leichtsinnigen Bengel, der gar nicht ahnt, gar nicht faßt, was Pflicht heißt!“
„Ja, die sogenannte Pflicht ist uns wohl nie genug eingetrichtert worden,“ sagte Monika nachdenklich.
„Die strenge Hand hat Euch gefehlt. Dein Vater starb zu früh.“
„Und vorher hat er sich auch nicht um unsere Erziehung bekümmert, und der Mama sind wir zu schnell über den Kopf gewachsen, alle vier.“
„Ja, da Du davon sprichst, Monika -- Du weißt, ich rede nie ungefragt über Deine Angehörigen, aber da das Thema nun einmal aufgerollt ist: Deine Brüder machen mir überhaupt Sorge. Ich hörte da neulich durch meinen Vetter Alexander, der Bataillonskommandeur von Alfred ist, -- er gibt ihm keine zwei Jahre mehr im bunten Rock.“
„O -- --“
„Ja, daß er Schulden hat, wäre schließlich nicht so schlimm, aber da ist eine Soldatenmißhandlungsgeschichte, bei der er eben noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. Alfred gilt als der brutalste, händelsüchtigste Offizier im Regiment.“
„Er war schon als Kind so wenig gutmütig.“
„Und Heinrich scheint sich auch nicht gerade in bester Gesellschaft zu bewegen. Im Amt erzählte mir neulich jemand, daß ein Baron Birken als ‚Amateur-Dichter‘ Verse im Kabarett „zum Regenbogen“ vorgetragen, und fragte mich, ob der Jüngling zu Deinen Verwandten gehöre. -- Und Karl, von dem ich eigentlich hoffte, er würde ein Normalmensch und seinerzeit ein brauchbarer Offizier werden, läßt sich ja jetzt auch recht niedlich an.“
„Eine nette Familie sind wir! Und dabei hast Du in Deiner bekannten Höflichkeit mich und meine gefährlichen Anlagen noch gar nicht mal erwähnt,“ lachte Monika.
„O, Du bist sehr schnell eine tadellose Frau geworden, und das weißt Du auch ganz genau.“
„Wetterhelmsche Schule.“
„Und, Liebling, was Karls Bitte anbetrifft, so siehst Du ein, daß es inkorrekt wäre, seine Dummenjungenstreiche zu unterstützen.“
„Ja, Du hast ganz gewiß recht, nur, er bat so herzlich -- --“
„Keine falsche Gutmütigkeit! Schreibe ihm ruhig, daß Du das Geld nicht hättest, und daß ich es Dir nicht gäbe für Sachen, die so zweifelhafter Natur sind, daß Karl selber sie nicht erzählen kann! Und schärfe ihm ein bißchen das Gewissen in bezug auf seine Lebensführung -- das geht doch nicht so weiter!“
Und Monika schrieb ein paar Zeilen, die ganz im Sinne des eben stattgefundenen Gespräches waren -- und ging mit dem Gefühl einer gut erfüllten Pflicht zu dem Diner. -- --
Als das Dessert aufgetragen wurde, bat ein Diener Frau von Wetterhelm ans Telephon.
Monika folgte ihm erstaunt, ein wenig beunruhigt. Wer wußte denn überhaupt, daß sie hier war?
Karl telephonierte. „Ich bin hier bei Euch, Mone. Der Diener hat mir gesagt, wo Ihr seid. Ich muß Dich sprechen.“
„Aber, Karl, um Gottes willen, was gibt es denn?“
„Ich brauche das Geld, und Mama hat es mir eben zum letztenmale abgeschlagen.“
„Aber wozu brauchst Du es?“
„Das ist doch schließlich gleichgültig. Aber ich muß es sofort haben, Mone, spätestens morgen früh muß ich’s haben. Sprich mit Deinem Mann.“
Mit einer ärgerlichen Bewegung ließ sie den Hörer sinken, entschloß sich aber doch, Georg rufen zu lassen.
Als er hörte, worum es sich handelte, griff er mit einer ihm sonst ungewohnten Heftigkeit nach dem Hörer.
„Karl.... Du -- --?“
„Ja.“
„Wenn Du mir oder meiner Frau was zu sagen hast, so warte gefälligst, bis Du uns zu Hause antriffst, und störe uns nicht, wenn wir bei anderen zum Besuch sind. Schluß!“
Er klingelte energisch ab. Dann wandte er sich an Monika.
„Lieber Schatz, was ich eben Deinem Bruder sagte, hättest Du ihm sagen sollen im ersten Augenblick, als er telephonierte. Mich noch herrufen zu lassen, war überflüssig. Es erregt unnötiges Aufsehen, wenn wir beide zu dieser späten Stunde in einem fremden Hause ans Telephon gerufen werden. Also nicht wahr, ein andermal etwas mehr Sinn für Korrektheit, lieber Schatz.“
„Verzeih, ich hätte Dich nicht rufen lassen sollen.“
Zusammen betraten sie wieder den Eßsaal, und im Verlaufe des sehr angeregten Abends vergaß Monika den Zwischenfall. --
Aber am nächsten Morgen beschloß sie, gleich mal nach Karl zu sehen. Es war Sonntag, also war er nicht im Gymnasium.
Monika ließ sich anziehn, sagte ihrem Manne, daß sie zum Lunch zurück sei, und fuhr zu ihrer Mutter.
Das Dienstmädchen sagte ihr, die gnädige Frau sei schon vor zwei Stunden zum Baron Heinrich gefahren mit einer großen Punschtorte, die man ihm zum Sonntag gebacken. Monika unterdrückte mit Mühe ein Lächeln; ihre Mutter war mehr in der Studentenbude von Heinzemännchen als in ihrer eigenen Wohnung.
Aber es paßte ihr ganz gut, daß sie Karl nun allein sprechen konnte. Da würde sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen.
„Hat Karl schon gefrühstückt?“
„Nein, Herr Karl schläft noch, am Sonntag schläft er immer so lang’,“ sagte das Mädchen und lächelte strahlend. Wie die meisten weiblichen Wesen hatte sie für Karl ein faible.
Monika sah nach der Uhr. Halb zwölf. Um halb eins mußte sie zu Hause sein. Da konnte sie wirklich nicht warten, bis der Langschläfer erwachte; da mußte sie ihn gleich wecken.
Sie schritt den Korridor entlang bis zu dem abgelegenen Hinterzimmer, das Karls Reich bildete. Sie klopfte.
Und lauter dann... und noch einmal...
Keine Antwort. Seinen Schlaf schienen seine Geldsorgen einstweilen nicht zu stören. Wahrscheinlich hatte er gestern übertrieben wie schon so viele Male. Wahrscheinlich war der Hundertmarkschein ihm gar nicht sehr nötig, den sie in die Oeffnung ihres linken Handschuhs geschoben, um ihn Karl gleich beim Gutentagsagen geben zu können. Dieser Schein war ihm als Schmerzensgeld zugedacht für die abschlägige Antwort, die sie ihm gestern gegeben. Ihr Mann hatte sie vollkommen überzeugt. Es wäre gegen ihre Pflicht gewesen, Karls bodenlosem Leichtsinn noch Vorschub zu leisten.
„Karl -- --!“
Noch immer keine Antwort.
Da drückte sie die Klinke auf und trat ein.
„Na, Du Faulpelz,“ sagte sie, geblendet von der goldenen Sonne, die durch das Fenster drang.
Näher trat sie zum Bett, trat näher... und sah...
Und faßte es nicht.
Das war doch... das war doch Blut, dieses dunkle Gerinnsel auf dem Boden, auf der Bettdecke, auf der nackten Brust da vor ihr...
Mit beiden Händen griff sie nach ihres Bruders Schultern... und fuhr im selben Augenblicke schaudernd zurück vor der Eiseskälte, die ihr entgegenströmte.
Das... das war doch nicht möglich! Er schlief doch bloß! Seine Augen waren friedlich geschlossen, die langen Wimpern lagen dunkel auf den Wangen. Der ein wenig geöffnete Mund, in dem die weißen Zähne schimmerten, hatte einen traurigen Ausdruck. Ja, ein wenig traurig sah er aus, ernster als sonst.
Dieses wunderschöne und traurige Gesicht über der blendend weißen Jünglingsbrust, diese großen Blutflecke allüberall, die wie dunkle Blumen waren ... das war doch ein Traum, ein Fiebertraum!
Das konnte doch nicht Wahrheit sein!
Ein Traum auch der Revolver, an den ihr Fuß jetzt stieß? Ein Traum die paar Blätter aus dem Schulheft, die da auf dem Nachttisch lagen, und auf denen Worte standen, über die Blut gespritzt war, Worte, die sie lesen wollte und nicht verstand, weil wilde Farbenspiele vor ihren Augen kreisten.
Sie las diese Blätter erst viel später. Drei Tage später, als all das Schreckliche vorbei war: der Augenblick, als der herbeigerufene Arzt statt aller Worte nur die Achseln gezuckt, -- der Mutter Verzweiflungsausbrüche --, das Begräbnis. --
Und nun saß Monika allein in ihrem Toilettenzimmer und versuchte, jene Zeilen zu lesen. Da stand in ihres Bruders unbeholfener Handschrift, mit der man ihn so oft geneckt: