Part 12
„Ja, ein offenbarer Unsinn,“ stürmte sie weiter, „ein lebendiges, warmes Liebes- und Lebensglück zu opfern aus töchterlichem Pflichtbewußtsein! Man lebt doch nicht für seine Mutter!“
Sie brach ab, erschreckt über das Verhalten ihres Bräutigams, der zu seiner Mutter getreten war. Er beugte sein erblaßtes Gesicht über die alte Frau und sagte, indem er wie beschwörend seine Hand auf ihren Arm legte:
„Hör’ nicht hin, Mama, sie meint es nicht so. Sie ist noch so sehr jung.“
Die böse Stimmung, die dieser Zwischenfall hervorgerufen, hielt an. Die Wetterhelmschen Damen brachten kaum ein Wort mehr über die Lippen.
Gut, daß Frau von Birkens Redefluß auch bei dieser Gelegenheit nicht versiegte. Ihre Begabung, über die nichtigsten Dinge sehr viel zu reden, war ihrem zukünftigen Schwiegersohne zum erstenmale eine Freude. So herrschte wenigstens nicht dauernd Stillschweigen.
Mit dem Abendzuge fuhr man fort. Auf der Rückfahrt berührte Wetterhelm mit keinem Worte den Vorfall, der ihm tiefgehenden Eindruck gemacht. Bei seiner langsam denkenden Art wollte er erst mit sich selbst ins Reine kommen, ehe er mit Monika sprach.
Die fühlte zwar, daß sie auf Georgs Angehörige keinen allzu günstigen Eindruck gemacht, aber sie nahm das ganze nicht wichtig.
Sie wurde auch dadurch abgelenkt, daß sie zu Hause die Korrekturbogen ihres neuen Gedichtzyklus fand.
Dieser Zyklus, der eine Ueberraschung für ihren Bräutigam sein sollte, war für die nächste Nummer des „Leuchtturm“ bestimmt.
„An Georg“ hieß die Ueberschrift dieser sechs Gedichte, deren eines das andere an klingenden Worten und leidenschaftlichen Empfindungen übertraf.
Monika war von ihrem eigenen Werke erschüttert, als sie die Korrekturbogen las. Ihr schienen diese Gedichte wie sechs voll erblühte Rosen, farbenflammend, duftsprühend... und die Dornen, die sonst Rosen tragen, hatte sie ihnen abgebrochen mit zärtlichen Fingern. Dornenlose Rosen waren’s nun, lauter Liebe und Leidenschaft und heißes, heißes Glück!
Eine heftige Ungeduld erfaßte sie plötzlich, Georg schon jetzt diese Verse zu senden. Nicht, wie sie sich vorgenommen, erst am nächsten Mittwoch, wenn das neue Heft des Leuchtturms erschienen war.
Sie schrieb ein paar Zeilen, kuvertierte diese und die Druckbogen und schrieb mit ihrer weitausladenden, arroganten Handschrift die Adresse ihres Verlobten.
Dann rannte sie fort, um den Brief selbst in den Kasten zu tragen; sie ließ Briefe an Georg nie durch jemand anders besorgen.
Sie schlief nicht viel in dieser Nacht; immer wieder mußte sie daran denken, wie Georg sich wohl freuen würde, wenn er diese glühenden Liebesgeständnisse las und durch ihre Zeilen erfuhr, daß er es nicht allein war, der diese Gedichte las, sondern daß Tausende von anderen Menschen, von mitfühlenden, mitvibrierenden anderen Menschen es lesen würden -- -- --
„An Georg“.
Nun, bald würde sie ja wissen, wie sehr er sich gefreut. Er kam ja morgen zum Abendbrot -- -- nein, nicht morgen. Heute! Es hatte ja eben schon zwei geschlagen durch die stille Nacht.
Erst als es hell wurde, schlief Monika ein.
Der Tag ging hin, wie jetzt alle Tage hingingen: in Erwartung ihres Bräutigams.
Als sie sich eben für den Abend umgezogen hatte, kam Georgs Diener mit einem Briefe von ihm, den er Auftrag hatte, dem gnädigen Fräulein selbst zu übergeben.
Monika schloß sich mit dem Schreiben ins Schlafzimmer ein; sie wußte, daß man sie sonst doch nicht bei der Lektüre ungestört ließ.
Und sie las:
„Liebe Monika,
es wird mir unendlich schwer, Dir diese Zeilen zu schreiben. Ich habe schwer mit mir gekämpft seit gestern abend. Nach reiflicher Ueberlegung aber halte ich es nun doch für besser, Dir zu sagen: wir passen nicht zueinander. Ich bin weit entfernt davon, die wundervollen Geistes- und Körpereigenschaften zu verkennen, mit denen die Natur Dich überschüttet hat. Aber Du hast Grundsätze, Anschauungen, Prinzipien, die für +meine+ Frau unmöglich sind!
Ich habe das zuerst alles für Kindereien gehalten, aber wie Du gestern meiner alten Mutter ins Gesicht hinein erklärtest, daß das hohe Liebeswerk, das meine Schwester an ihr getan, „barer Unsinn“ sei, das gab mir einen Choc, den ich nicht überwinden kann.
Dann kam Dein Brief -- -- -- Die Verse sind gewiß sehr schön und talentvoll, aber für ein junges Mädchen wenig passend. Die Tatsache, daß Du sie veröffentlichen willst, entspringt einem mir geradezu unbegreiflichen Mangel an Zartgefühl.
Wie kann man so intime Empfindungen der großen Menge preisgeben, sie der höhnischen Kritik jedes Uebelwollenden aussetzen. Wie kann man Gefühle, die in das tiefste Dunkel Deines Mädchenherzens gehören, an das grelle Licht der Oeffentlichkeit zerren?! -- --
Aber genug von alledem!
Mit tiefem Schmerze reiße ich mich los von Dir in der Erkenntnis, daß unsere beiden Naturen zu grundverschieden sind, um je in eine harmonische Ehe zu verschmelzen.
Ich sage Dir brieflich Lebewohl, weil ich weiß, daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann. Du bist die Erste, bei der mein Gefühl stärker war als mein Verstand. Ich weiß und fühle, daß diese Schwäche Dir gegenüber für mein ganzes künftiges Leben eine Gefahr bedeutet, eine Gefahr hauptsächlich darum, weil Du Deinen ganzen Anschauungen nach mich oft zu Handlungen und Unterlassungen wirst veranlassen wollen, die meiner innersten Natur widerstreben.
Lebe wohl, mein geliebter kleiner Schatz.
Georg.“
Monikas Hand, die den Brief gehalten, sank schwer herunter. Ihr wirrer Blick traf zufällig auf den Spiegel, vor dem sie gestanden. Und dieser Blick wurde allmählich bewußt, erkannte das Spiegelbild, und wie ein grenzenloses Erstaunen ging es ihr durch den Kopf: „Herrgott, kann man denn überhaupt so blaß sein?!“
Einige Sekunden lang irrte ihr Sinn noch herum wie ein Vogel, den die Kugel traf, der ängstlich flattert mit zuckenden Flügelschlägen und dann plötzlich, sich des Schmerzes bewußt werdend, aufschreit und niederstürzt.
Und dann Nacht...
Eine tiefpurpurne Finsternis, aus der sich die Sinne nur langsam und qualvoll allmählich wieder zum Bewußtsein ringen.
Das... das war doch nicht möglich! Das war doch nicht denkbar... nein, nicht auszudenken, daß diese Liebe, die strahlende Sonne, die ihr ganzes Leben erleuchten und erwärmen sollte, nur ein Irrlicht war, das eine flüchtige Sekunde aufschimmerte und dann versank...
Nein, nicht möglich! Und doch? Was stand da in dem Briefe? In dem Briefe, der ihren Fingern entglitten war, den sie nun vom Boden emporriß und von neuem las?
Und noch einmal...
Und wieder...
Sie verwundete sich an jedem Worte mit der wahnsinnigen Schmerzensgier einer Märtyrerin, die sich immer von neuem Dolchspitzen in ihr schauderndes Fleisch bohrt.
Und dann -- wie eine Eingebung -- leuchtete in dem wirren Toben ihrer Empfindungen plötzlich ein Gedanke auf, wie das klare Licht eines Leuchtturms im Dunkel einer sturm- und wogendurchtobten Nacht:
Handeln jetzt! Nicht tatenlos zusehn, wie ihr Glück zerbrach!
Ihre Pupillen erweiterten sich, brannten wie schwarze Flammen in ihrem tieferblaßten Gesicht.
Ihre Hände ballten sich zusammen, krampften sich zu Fäusten, als wollte sie das Glück festhalten, -- das Glück!
Handeln jetzt! Zu ihm!
Wie stand es doch in diesem Brief, von dem jetzt jedes Wort in ihrem Gehirn eingegraben stand wie mit ehernen Lettern?
„Daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann“.
Dem Zauber... meiner... Gegenwart...
Mit Gedankenschnelle hatte sie den Hut in die Haare gedrückt.
Und die Treppe hinunter.
Sie hielt die nächste Auto-Droschke an, rief dem Chauffeur die Adresse zu.
Das Auto glitt über den Asphalt, ziemlich langsam, denn ein grauer Regen rieselte leise über Berlin, hüllte die Riesenstadt in einen dünnen Tropfenschleier.
An Monikas Augen glitten die steinernen Häusermassen vorbei, das Gelbrot der Gaslaternen und das bläulich-schimmernde Licht der elektrischen Lampen leuchtete in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf.
Leute kamen vorüber... Automobilhupen tönten, Hufschlag, -- -- das schrille Klingeln der elektrischen Bahnen.
Monika sah und hörte das alles, aber es kam ihr nichts ins Bewußtsein.
Sie fühlte auch keinen Schmerz.
Sie sah und hörte und fühlte nichts als ihr Ziel: das Glück wiederhaben... das Glück...
Das Auto hielt, sie stieg aus, bezahlte den Chauffeur und ging die Treppe hinauf zu der Wohnung von Georg von Wetterhelm.
Der Diener vermochte trotz seiner Wohlgeschultheit nicht seine Ueberraschung zu verbergen. Er stotterte, daß der gnädige Herr ausgegangen sei.
„Wann kommt er zurück?“
„Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein.“
„Gleichgültig. Ich werde ihn hier erwarten.“
Sie schritt den Korridor entlang und öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer. Sie kannte den Weg von dem Male her, als Georg sie und die Mama und die Brüder zum Tee eingeladen.
Mit was für anderen Gefühlen als heute hatte sie da in dem Gemache gestanden, dessen strenge, vornehme Einrichtung so überaus gut zu Georgs Wesen und Sein paßte.
Sie setzte sich in den grünen Ledersessel und wies kurz den Diener zurück, der eintrat, um Licht zu machen.
Sie starrte mit brennenden Augen in das Dunkel ringsum, das nur matt erhellt war von dem Schein der Straßenlaternen, der von draußen durch die Gardinen fiel.
Sie überlegte nicht, was sie Georg sagen wollte, wenn er kam, sie dachte nur: das Glück wiederhaben ... das Glück...
Leise, leise schlug der Regen an die Scheiben. Sie hörte jede Sekunde das Ticken der großen Standuhr, hörte jede Viertelstunde ihr dumpfes Schlagen.
Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. Ihr war es, als sei sie schon endlos in dieser weichen Dunkelheit. Da hörte sie einen Schlüssel in der Korridortüre.
Schritte näherten sich dem Zimmer -- dann das Knipsen am Schalter des elektrischen Lichts -- eine grelle Helligkeit, die das Dunkel zerriß, -- -- und Georgs Aufschrei:
„Du hier?“
Sein Gesicht war ihr nie so ehern erschienen wie jetzt.
„Du hättest das nicht tun dürfen, Monika! Warum machst Du’s uns beiden so schwer?“
„Georg...,“ würgte sie hervor.
„Kind, es ist mir so schon schwer genug geworden. Aber es ist besser so für uns beide. Ich werde mich nie in Deine Art fügen lernen, und Du Dich in meine auch nicht!“
Sie trat näher zu ihm heran.
„Aber ich will ja alles, was Du willst! Ich will ja werden, wie Du willst... glaub’ mir das! In alles kann ich mich fügen... unserem Glück zuliebe!“
Ihre Stimme, die fast versagt hatte, wurde fester; wie ein Feuer, das zuerst nur zögernd knistert und hie und da einen Funken aufleuchten läßt, bis es allmählich zur Glut wird, und zur flammenden Lohe dann -- so wuchs ihre Rede. Wuchs über sie empor und über ihn, wurde das Hohelied von der Liebe -- von der Liebe, die stark ist wie das Leben, stark ist wie der Tod -- --!
Sie wußte selbst nicht, woher ihr die Worte kamen. Sie wußte nicht, woher sie den Mut und die Kraft nahm, ihm all das zu sagen, den letzten Schleier von ihrem Seelenleben zu ziehen, ihn alle Höhen und alle Tiefen der Liebe schauen zu lassen, der Liebe, die sie zu ihm trug...
Das waren nicht bloß Worte, die da auf ihn eindrangen und an sein kühles Herz klopften. Das war, als ob Monikas ganzes Sein sich auflöste in einen Strom, der zu ihm hinüberdrang, glühend und besiegend ...
Wie von selbst breiteten sich seine Arme auseinander und schlossen sich um das Mädchen, das sich mit einem unartikulierten Laut an seine Brust warf.
„Georg, -- -- Georg -- -- hast Du mich lieb?“
„Zu sehr, mein kleiner Schatz, zu sehr -- --“
Er preßte seine Lippen auf ihren Hals und wie ein Stöhnen klang’s: „Ich komme ja doch nicht mehr von Dir los.“
Da hob sie den Kopf, und ihr Gesicht glühte von Liebe und glühte von Güte, von holdseliger, weiblicher Güte:
„Und Du sollst das nicht bereuen, mein Lieb! Ich will mich ja bessern, will mich ja nach Deinen Wünschen formen, -- in allem... unserem Glück zuliebe...!“
10.
Eine scharfe Brise kräuselte des Mittelländischen Meeres blaues Wasser, aber der große Dampfer zog ruhig und sicher weiter seine tiefaufwühlende Furche.
Es waren wenig Passagiere auf Deck. Außer ein paar Engländern, die mit hochgeklapptem Rockkragen, die Mütze tief in der Stirn und die Stummelpfeife zwischen den Zähnen herumspazierten, nur Georg von Wetterhelm mit seiner Frau.
Monika hatte den Sturmriemen ihrer Mütze heruntergezogen und ließ sich den Wind ins Gesicht wehen. Sie sah so strahlend glücklich aus, daß des Konsuls harte Züge ein Schimmer von Zärtlichkeit überflog.
„Du bist schon ein liebes Kerlchen, Mone! -- Wie viele Frauen würden jammern über das schlechte Wetter, das wir bisher hatten.“
„Aber, Georg, das Wetter war doch großartig.“
Er lächelte. „Na, Liebchen, seit den zwölf Tagen, die wir verheiratet sind, ist noch kein Tag ohne Regen gewesen. -- Schade! Ich hatte mir diese Seereise so nett gedacht.“
„Aber sie ist doch entzückend! Weißt Du, es soll so viele Leute geben, die in der Phantasie wer weiß wie sehr genießen und von der Wirklichkeit enttäuscht sind! Das ist doch zu dumm... Ich habe es mir ja gewiß immer wunderschön gedacht, mit Dir verheiratet zu sein, aber daß es so über alle Begriffe schön ist, das habe ich nicht gewußt!“
Er zog sie an sich und küßte das junge Gesicht, auf dem der kühle Hauch des Meeres lag.
„Und zu denken, daß dieses Glück nicht aufhört, Georg, -- daß ich jetzt immer bei Dir sein darf, immer... und mit Dir zusammen die herrliche Welt sehn soll -- -- -- --“
Ein tief erzitternder Atemzug hob ihre Brust, als könne sie das Uebermaß von Glück nicht fassen.
Der Konsul hatte sich seine Hochzeitsreise „vernünftig gelegt“. Er war nach Bombay berufen, hatte noch sechs Wochen Urlaub; in Genua wollte man eine Zeit Aufenthalt nehmen, von da nach Rom und Neapel und von da aus zu Schiff weiter.
Die Schiffsreise Hamburg-Genua war durch schlechtes Wetter getrübt worden. Als aber der Dampfer sich dem langgestreckten Hafen von Genua näherte, zerriß der Wolkenschleier am Himmel, und eine strahlende Sonne überflammte Genua ~la superba~, das sich im mächtigen Halbkreis auf den steil ins Meer abfallenden Bergen erhob. Die stolze, uralte Hafenstadt mit dem Gewirr ihrer Gassen und Märkte, mit ihren ragenden Marmorpalästen war ganz in Sonne getaucht und in Sommer. Maiblüten über grauen Mauern bedeckten vielhundertjährigen Marmor mit jungem Leben.
Wenn Monika mit ihrem Gatten durch diese Stadt schritt, wenn sie mit ihm die Treppe zum Dogenpalast betrat oder im Palazzo Rosso vor einem Reiterbildnis von van Dyck stand oder vor Veroneses „Judith und Holofernes“, wenn sie im Boot zu dem Molo Duca di Galliera fuhr, von wo aus man die trotzige Stadt und das trotzige Gebirge in seiner ganzen wilden Schönheit sah, dann fühlte sie: das ist ein Höhepunkt!
Und sie hätte dann der Zeit wie einem allzu feurigen Renner zuschreien mögen: „Halt an!“ Es konnte ja nicht mehr schöner werden!
Und doch wurde es noch schöner. Als sie die kleine Villa fanden, droben in San Lorenzo.
Auf einer Spazierfahrt hatten sie sie gesehn, hatten sie, angelockt durch das Vermietungsplakat, besichtigt, und Monika hatte erklärt, daß sie gern auf Rom, Neapel und alle übrigen Städte des gesegneten Italien verzichten wolle, wenn Georg für den Monat, der ihnen noch an Urlaub blieb, dieses kleine Haus mieten wolle mit seiner großen Terrasse, mit seinem herrlichen Garten über dem Meer.
Georg hatte gezögert. Eigentlich gehörte es zu seinem „Programm“, seiner jungen Frau die Kunstschätze Italiens zu zeigen, aber Monika hatte so herzbewegend gebeten und das Haus war so hübsch, daß er einwilligte. Ueber die Mangelhaftigkeit der italienischen Dienstboten, die man für den Monat nahm, kam er zwar nicht so leicht hinweg, -- auch sonst gab es manches zu tadeln, -- aber alles in allem fühlte auch er: meines Lebens schönste Zeit!
Sein kühles Herz blühte auf in der heißen Liebe, mit der seine Frau ihn umgab. Seine nüchternen Sinne wurden angeregt durch ihre sprühende Art, ihre stürmische Begeisterung.
Jeder Tag war eine Kette von Wundern.
Jeder Morgen kam wie ein junger Sieger.
„Helios!“ sagte Monika, „der junge Sonnengott, der auf seinem goldenen Wagen einherkutschiert, die Zügel zwischen den Fäusten. Die mächtigen Pferde schäumen in ihr goldenes Gebiß und bäumen sich hochauf... Aber das tut ihm nichts... Er ist der Sonnengott, er ist der Sieger! Und da fährt er nun durch den Azur und verschwendet Sonne, vergeudet Sonne. Ach, in unserm armen Deutschland müssen wir einen halben Winter damit haushalten, was der hier an einem Maimorgen ausgibt! -- -- Jetzt verstehe ich erst den Sonnenkultus, verstehe alle die Völker, die Perser und Lydier und Phrygier und Griechen und Römer, die sich anbetend niederwerfen vor dem Leuchtenden da droben!“
Sie streckte die Arme hoch, in einer spontanen Gebärde, zur Sonne empor. -- --
Dann ging man wohl mitunter an den Bergabhängen entlang, die hinunter nach Genua führten. Von den Kräutern, die an den Felsabhängen standen, ging ein herber und süßer Duft aus. Die Sonne drang mit Gewalt in sie hinein, in alle diese spröden amethystfarbenen und silbergrauen und weißen Kräuter mit den stacheligen Blättern; sie drang in sie hinein und sog ihnen den Duft aus den Kelchen. Und neben der harten Bergwelt, neben all diesem Gewucher von Minze, Ginster und Heidekraut lockte die weiche, sinnliche Pracht der Rosen.
Und Olivenbäume bedeckten in unzähligen Mengen alle Berge, alle Schluchten; ihre Milliarden schmaler Blätter schoben sich wie silbergraue Schleier vor die Aussicht, und durch diese Blätternetze hindurch sah man das Meer, das blaue Juwel. Auf den Segeln der träumerisch dahingleitenden Schiffe blitzte die Sonne wie in einem Brennspiegel. -- --
Oder war es noch schöner, wenn die Sonne schon untergegangen?
Der Himmel zeigte dann noch purpurrote Streifen. Die tönten sich ab in Violett, das in Veilchenblau überging, und, tiefer hin immer blasser werdend, zeigte der Himmel da, wo er mit dem Meere zusammenstieß, denselben durchsichtig blaßblauen Ton wie das Wasser, verschmolz in eins mit ihm in zärtlicher Umarmung.
Die riesigen Fischernetze waren lang über den Strand hingebreitet, sorgsam auseinandergezogen, daß man das Gitterwerk ihrer Maschen sah, -- ihre tief rotbraune Farbe gab einen düsteren Ton in diesem Zusammenklingen von leuchtenden und hellen Farben.
„O dieses Rotbraun, -- -- das ist so richtig eine Farbe für Mordwerkzeuge,“ sagte Monika, „wie geronnenes Blut sieht es aus, so richtig eine Farbe für diese Netze, in denen sich Tag für Tag Hunderte und Tausende von lebendigen Fischen verstricken, um so qualvoll zu sterben.“
Durch den flammenden Horizont taumelte im Zickzackflug eine Fledermaus, gefolgt von dem werbenden Männchen.
Unten auf der Straße, die sich hart am Meere dahinzog wie ein endloses weißes Band, glitten auf Gummirädern ein paar Automobile vorüber. Ein paar Sekunden lang zerriß der gellende Schrei der Hupe den Abendfrieden -- dann waren sie vorüber.
Von dem alten Glockenturm herunter klang das Ave.
Und der brennende Horizont wurde blasser, wurde farblos wie eine Blume, die verblüht.
Langsam sank die Nacht über die Erde.
Der Mond, der während des Sonnenunterganges blaß am Himmel gestanden, leuchtete plötzlich auf. In dieser Beleuchtung war der Garten ein anderer, als er am Tage gewesen. Die Stämme der Palmen mit ihren dunkeln Schuppen sahen aus wie die höckrigen Panzer bösartiger Reptile. In den blanken Blättern des Tulpenbaums spiegelte sich das Mondlicht am gleißendsten. Jedes dieser dunkeln Blätter war wie ein Spiegel aus Metall. Und die Stauden der weißen Levkoien, die so hoch und breit waren, daß sie wie Büsche erschienen, trugen ihre Last von ungezählten Blüten wie Millionen Silbersternchen. Die Heliotropbüsche blieben dunkel; ihre Blüten, die am Tage von einem süßlichen Violett waren, nahmen nichts von Licht in sich auf. Sie schienen nun schwarz, fast farblos, aber sie dufteten nur um so stärker und sandten ganze Wogen von Wohlgeruch in die Luft.
Und Mondlicht über dem allen, verschwenderische Wellen von Mondlicht über der See, über dem Garten, -- in allen Räumen des Hauses. Das Schlafzimmer mit seinen weißen Möbeln gleißte wie Silber.
Und Monika war es, als ob die schweigende Welt ringsum einen Hymnus anstimmte, einen Jubelhymnus auf ihr Glück. Diese überirdischen Tonwellen drangen auf sie ein, durchschauerten sie mit einer schmerzhaften Intensität. Fester preßte sie sich in Georgs Arme. Ein Schluchzen hob ihre Brust.
„Was ist Dir?“ fragte er erstaunt.
„Zu glücklich bin ich!“
„Das ist doch keine Ursache zum Weinen.“
„Doch! Denn ich sage mir: schöner kann es doch nun aber ganz sicher nicht mehr werden! Noch höher hinauf geht es nicht. Kommt nun ein Abstieg? -- -- Ich muß an ein paar Verse denken:
‚Sag’ nicht, daß Du mich liebst. Ich weiß, das Schönste auf Erden, Die Liebe und der Frühling, Es muß zuschanden werden -- --‘“
Sie sah in diesem Augenblick den Abgrund, der alles verschlang, sah der Vergänglichkeit weitgeöffneten Höllenschlund, -- und mit einer schutzsuchenden und verzweifelten Gebärde klammerte sie die Arme fester um Georgs Hals.
„Mone, Du bist überreizt. Sicher heut zu lange in der Sonne gewesen. Du bist doch sonst nicht so sentimental.“
Da sanken ihre Arme herab: also er verstand gar nicht? „Sentimental“ nannte er ihr trotziges Aufbäumen gegen den Verfall. „Sentimental“ diese schauernde Angst der blutroten Lebenswärme gegen die grausame Zeit, die unablässig, unaufhaltsam fortschritt, sie vorwärtsführte in das graue Alter und in den eisigen Tod...
Sie hatte geglaubt, daß die große Liebe, die über ihnen beiden war, all ihre Nerven aufeinander abgestimmt hätte, wie wohl, wenn man einen Ton auf dem Klavier anschlägt, die Tonwelle sich durch die Luft weiterpflanzt und das Kristall eines Glases in Schwingungen versetzt, daß es mitklingt in reinster Harmonie.
Und so war es nicht?! Den Erschütterungen ihres Innern setzte er ein banales Nichtverstehen gegenüber?
Das war die erste Enttäuschung ihres Liebesglücks.
Sie war zu jung, um lange bei diesem Gedanken zu verweilen. Der nächste Tag schon brachte neue Freuden. „Schön, schön wie die Wirklichkeit,“ sagte Monika.
Und immer wieder durchzuckte sie der Gedanke: „Ach, die Zeit anhalten!“
Mit heißem Bedauern sah sie jedem verflossenen Tage nach wie einer schönen Blume, die abblüht, die allzu schnell verwelkt.
Und wie bald war der Tag gekommen, an dem man, an Bord des mächtigen Asiendampfers stehend, Genua im violetten Dunst der Ferne verschwinden sah.
Monika war ein bißchen unglücklich darüber, daß man die kleine Villa und den großen Garten verlassen -- und sehr glücklich darüber, daß es nun neuen Wundern entgegenging.
„Jetzt wird’s immer noch schöner?! Nicht wahr, Georg?“
„Sicher, Liebling; aber eins: hier auf dem Schiffe wissen nun alle Leute, wer wir sind, wissen so viele, daß ich als Konsul rübergehe. Du mußt Dich von nun an zusammennehmen. Für mich allein habe ich Dein begeisterungsfähiges Wesen immer sehr reizend gefunden, aber als Frau eines Beamten darfst Du wirklich nicht mehr wie ein eben dem Pensionat entlaufener Backfisch herumspringen. Für eine Frau unserer Kreise ist es am angemessensten, man spricht gar nicht von ihr, weder im Guten noch im Bösen. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“
Und Monika wurde korrekt. Schneller als sie selbst, schneller als Georg es für möglich gehalten. Wohl schäumte sie im ersten Jahre ihrer Ehe noch mitunter auf wie ein junges Pferd, das sich ins Gebiß verbeißt.
Aber Georgs ehern ruhige Art bändigte sie bald.
Was ihrer Mutter, ihren Erzieherinnen nie gelungen, das gelang Georg Wetterhelm, ohne daß sie je ein hartes Wort von ihm zu hören bekommen hätte.
Es war wohl überhaupt mehr das Beispiel als seine Worte, das so tiefgehende Wirkung auf Monika ausübte. Georgs Wesen und Sein war so ausgeglichen, so in sich gefestigt.