Pantherkätzchen

Part 11

Chapter 113,709 wordsPublic domain

Zum ersten Male war eine große Sehnsucht über ihr und ließ ihre Nerven erzittern wie Harfensaiten unter tastenden Fingern. Wieder und wieder durchlebte sie im Geiste jede Sekunde, in der Georg Wetterhelm sie angeblickt oder mit ihr gesprochen. Sie durchlebte immer wieder die selige Freude, die sie gehabt, wenn in seine kalten, grauen Augen ein wärmerer Schimmer gekommen. Sie sehnte sich nach ihm, sehnte sich jede Minute und jede Sekunde.

Und fühlte nichts mehr als diese Sehnsucht.

Als ihre Mutter Wetterhelm eine Woche nach seinem Besuche zum Tee gebeten, war eine höfliche Absage erfolgt. Und ans Gymnasium kam er auch nicht mehr. Es war aus! Zwei Wochen waren nun schon verstrichen.

Vielleicht war er gar nicht mehr in Berlin.

Eine verzehrende Angst packte Monika bei diesem Gedanken. Dann kam ihr die Idee: vielleicht wußte das Frau von Wetterhelm, ihre ~dame patronesse~ vom letzten Basar. Zu der mußte sie hin. Dies konnte sie auch ganz unauffällig, denn sie hätte ihr schon längst mal wieder einen Besuch machen müssen.

Frau von Wetterhelm war zu Hause und empfing Monika in ihrem, mit japanischem Krimskrams überladenen Boudoir. Sie war überaus freundlich. Wirklich zu nett, daß man zu so einer langweiligen, alten Frau käme, wie sie doch eine wäre!... Nein: keine Widerrede... Sie wisse, daß sie langweilig sei, habe doch nun mal keinen Geist aufzubieten, was entschieden die Schuld ihres Großvaters mütterlicherseits sei, der wirklich ganz auffallend unbegabt gewesen sein solle. -- Aber wenn sie selber auch leider dumm sei, so wisse sie doch Geist bei anderen zu schätzen, und darum sei ihr Monika besonders herzlich willkommen! Denn Monika sei hervorragend geistreich! Allein die Tatsache, daß sie das Mädchengymnasium besuche, spräche Bände! Außerdem habe ihr Vetter Georg Monika auch direkt „geistvoll“ gefunden.

„Sehen Sie Ihren Vetter öfters?“ fragte Monika mit gewaltsam gespielter Gleichgültigkeit.

„Leider nein. Eine langweilige, alte Frau wie ich kann das ja auch nicht verlangen! Aber gerade heute erwarte ich Georg. Er muß bald kommen. Ich hörte nämlich, daß er demnächst abreist, und da schrieb ich ihm, daß er mich besuchen solle in wichtiger Angelegenheit! Ihnen, meine liebe, kleine Freundin, kann ich’s ja sagen, Sie sind ja diskret. Ich will mit Georg über eine junge Dame reden, die wirklich eine fabelhaft gute Partie ist! Es handelt sich um...“

„O bitte, keinen Namen,“ unterbrach Monika hastig, „das sind so interne Angelegenheiten, gnädige Frau. Ich möchte wirklich nicht...“

„Aber ich bitte Sie, ich sag’s Ihnen ja gern.“

„Ueberdies muß ich fort. Ich bin mit Mama bei unserer Schneiderin verabredet.“

Sie hatte sich erhoben, ihr zitterten die Hände. Nur fort! Nur ihn nicht treffen, der sie verschmähte! Der Zeit fand, hierher zu kommen, und den Weg zu ihr vergessen hatte! Nur fort!

Nach hastigem Abschied eilte sie die Treppen hinunter, der Haustür zu. Da wurde diese von außen geöffnet. Georg Wetterhelm trat ein.

Monika vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. Aber sie faßte sich rasch. Er sollte nicht glauben, daß sie gewußt, daß er heute hierherkam. Daß sie etwa darum hier sei!

So tauschten sie denn ein paar konventionelle Redensarten, dann hielt sie ihm abschiednehmend die Hand hin. Aber er sagte: „Ich begleite Sie ein Stück.“

Er rief den Portier und trug ihm eine Entschuldigung an Frau von Wetterhelm auf; selbst in diesem Augenblicke, wo das Zusammentreffen mit Monika ihn so erschütterte, ließ er eine Höflichkeitspflicht nicht außer acht.

Sie gingen nebeneinander her, auf einem Fußpfade im Tiergarten, dessen Bäume und Sträucher ein erstes knospendes Grün zeigten. Der feuchte und herbe Duft des Vorfrühlings lag in der Luft und stieg aus der feuchten Erde.

Monika war das Herz so schwer; sie sprach gar nicht, ging, den Blick geradeaus gerichtet, neben ihrem Begleiter, der heute auch auffallend wortkarg war.

Endlich sagte er: „Ich reise bald fort.“

Monika erwiderte darauf nichts; sie preßte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ins Fleisch drangen, suchte durch diesen körperlichen Schmerz den seelischen zu übertäuben, der in ihr stürmte.

„Ich hatte die Absicht, Ihnen noch Adieu sagen zu kommen,“ sagte Wetterhelm.

Aber gleich darauf veränderte sich der kühle Ton seiner Stimme: „Nein, es ist nicht wahr. Ich wollte nicht mehr kommen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen...“

Da hob sie den Kopf zu ihm empor. Die Tränen, die schon so lange in ihren Augen gezittert, rannen nun an ihren langen, tiefdunkeln Wimpern herab, rannen in großen Perlen über die weich gerundeten Wangen.

Und bei diesem Anblick brach in Georg von Wetterhelm sein „Lebensprogramm“ zusammen.

Nicht denken jetzt... nur dieses süße, unglückliche Gesichtchen küssen... dieses schöne, warmherzige Geschöpf in die Arme nehmen... und ihre glühende Jugend fühlen... und ihre glühende Liebe...

„Liebling!“

Er riß sie in die Arme, hielt sie fest umfangen wie mit Eisenklammern, hielt sie fest an sein Herz gepreßt und küßte immer wieder die bebenden roten Lippen, die so herzbewegend stammelten: „Geh’ nicht fort... ach, geh’ doch nicht fort...“

„Nicht ohne Dich, mein Lieb!“

„Ist’s wahr?“ Das war wie ein Jubelschrei.

Mit beiden Armen umschlang sie seinen Hals, trank mit geschlossenen Augen seinen Atem, der herb und frisch duftete wie die Frühlingserde ringsumher.

9.

„Ja, gewiß, alles was Sie mir hier über Ihre Vermögenslage, Ihre Aussichten dargelegt haben, ist glänzend, Herr von Wetterhelm,“ sagte die Baronin Birken. „Ich könnte mir für meine Tochter gar keine bessere Partie wünschen -- aber die Sache liegt doch nicht so einfach. Ich kann nicht lügen, wissen Sie, die Wahrheit über alles! Und darum sage ich Ihnen: ich kann Ihnen nur abraten, Monika zu heiraten!“

Der Konsul, den sonst so leicht nichts in Erstaunen setzte, konnte sich nicht enthalten, ein etwas verblüfftes Gesicht zu machen.

„Darf ich bitten, mir diese Worte zu erklären, gnädige Frau?“

„Gern... Wissen Sie, Monika ist wirklich gar nicht fürs Heiraten geeignet. Sie besucht das Mädchengymnasium und will studieren. Und für Frauen, die sich der Wissenschaft widmen, ist doch die Ehe eigentlich nichts.“

„Wenn das der einzige Grund ist...“

Der sarkastische Zug um Wetterhelms Lippen vertiefte sich.

„O nein, nichts weniger als der einzige. Ein Dutzend Gründe sind es... die Wahrheit über alles!... Erstensmal: Monika kann nicht kochen, aber tatsächlich keine Ahnung davon!“

„Die Dokumente, die ich Ihnen vorlegte, gnädige Frau, sollten Sie überzeugt haben, daß ich in der Lage bin, meiner Frau eine Köchin zu halten, sogar eine sehr gute.“

„O ja, natürlich, aber selbst die beste Köchin wird nie das leisten, was eine kulinarisch gebildete Frau des Hauses leistet.“

„Ich bin, was das Essen anbetrifft, sehr anspruchslos.“

„Außerdem: Monika hält keine Ordnung. Alles wirft sie durcheinander und verlegt sie! Nicht einen Knopf näht sie sich allein an!“

Wetterhelm sah tiefsinnig auf einen Knopf, der halb abgerissen an der Bluse der Sprecherin baumelte, und sagte: „Ich werde ihr eine Zofe halten, die genau so gut ist wie die Köchin.“

Frau von Birken seufzte: „Ach, Monika hat so gefährliche Anlagen. Sie ist so eigenwillig. Sie macht sich über alles eigene Gedanken; sie respektiert nichts! Nicht mal mich als Mutter! Nicht mal Goethe. Und immer muß sie ihren Willen durchsetzen! Monika ist ein Engel, wenn man ihr den Willen tut, aber den muß man ihr tun!“

„Darin wird sie sich wohl ein wenig ändern,“ sagte Wetterhelm, mit demselben Gleichmut, den er bisher zur Schau getragen.

„Sie ändert sich nicht, sie ist jetzt siebzehn Jahre und war immer so.“

„Mit siebzehn ändert man sich noch oft.“

Da Frau von Birken dieser Aeußerung nicht recht was entgegenzusetzen wußte, sagte sie: „Erlauben Sie, daß ich meinen Sohn rufe...“

Heinzemännchen erschien.

Er trug den neuen, unendlich langen Gehrock und sah sehr sorgenvoll aus.

Wetterhelm zog die Augenbrauen hoch. Wollte man ihm in der Tat zumuten, seine Werbung bei diesem Obersekundaner anzubringen?

Aber schon wurde die Tür aufgerissen. Monika kam herein, flog auf Wetterhelm zu und küßte ihn stürmisch auf den Mund.

„Was habt Ihr denn bloß so lange zu verhandeln?“ rief sie der wie erstarrt dasitzenden Mutter zu. „Ich kann doch nicht so lange draußen bleiben, wenn Georg da ist!“

Und sie küßte ihn von neuem.

„Jetzt kann ich allerdings nichts mehr einwenden,“ sagte Frau von Birken hilflos.

Heinzemännchen seufzte auf. War’s die Erleichterung darüber, daß die Verantwortung für Monika von jetzt ab auf stärkeren Schultern ruhen sollte als auf den seinen? --

Die Verlobungszeit sollte nur zwei Monate dauern. Frau von Birken fand das zwar geradezu ungebührlich kurz, aber es lag so gar kein Grund zum Warten vor. Im Gegenteil! Der Konsul erwartete bald seine Berufung auf einen überseeischen Posten und wollte selbstverständlich schon vorher heiraten.

Monikas Glück wurde oft ein wenig getrübt durch die Behandlung, die man ihr zu Hause angedeihen ließ. Ihre Mutter, mit der sie jetzt die ganze Zeit zusammen war -- seit ihrer Verlobung besuchte sie die Kurse nicht mehr -- war nicht im mindesten anders zu ihr als sonst. Keine Spur einer anderen Stimmung war zu merken, nichts von der zärtlichen Ergriffenheit, die andere Mütter haben, wenn ihre einzige Tochter so bald schon fürs Leben das Haus verläßt. Frau von Birken nörgelte sogar mehr als sonst an Monika herum, sogar bei Sachen, von denen es nicht recht ersichtlich war, warum sie sie tadelnswert fand.

Auch Alfred und Heinrich trugen jetzt, trotz der nahen, dauernden Trennung von ihrer Schwester, kein liebenswürdigeres Wesen ihr gegenüber zur Schau als sonst. Nur Karl, der ja auch sonst lieb und nett gewesen, entfaltete eine außergewöhnliche Hochachtung. Monika hatte ihm durch ihre Verlobung sehr imponiert, und er raubte jetzt mit doppelter Begeisterung aus Mamas oder Heinzemännchens Portemonnaie ein paar Nickel, um ihr irgendeine Kleinigkeit „zum Freuen“ zu kaufen.

Monikas Liebe zu ihrem Bräutigam war in dieser kurzen Zeit noch gewachsen, aber das hinderte sie nicht, genau zu wissen, daß sie kein volles Verständnis bei ihm fand. Wenn sie Gedanken äußerte, zu denen sie sich nach heißem Ringen durchgekämpft, tat er das oft ab mit einem lächelnden: „Du bist sehr jung, Liebling!“

Und an Sachen, die Monika in Entzücken versetzten, konnte er oft „beim besten Willen nichts finden“! Zum Beispiel an dem Gratulationsbrief von Monikas ehemaliger Amme. Was war denn an diesem albernen, ungeschickten Schriftstück, daß es bei Monika lachende und weinende Begeisterung hervorrief?

Die Liese schrieb:

„Liebstes Monchen,

da komme ich nun und wünsche Dir Gottes reichsten Segen auf alle Zeit, indem, daß ich es mir ja auch nicht von Dir denken konnte, daß Du, wie die olle Trübnersch gesagt hat, studieren sollst wie ein Doktor.

Weil das ja doch zu sündhaft und häßlich wär’ für ein Frauensmensch, wie denn auch das Sprichwort sagt:

„Den Mädchen, die pfeifen, den Hühnern, die kräh’n, den’ soll der Teufel den Hals umdreh’n.“

Aber natürlich habe ich es nicht geglaubt, mein trautstes Monchen, und die olle Trübnersch ist ein Lügenmaul, das sage ich dreist, und wenn sie jeden Tag bei die Muckersch in die kleine Kapelle geht.

Na, denn hoffe ich, mein trautstes Monchen, daß es ein Forscher ist, sowie dem Fräulein Marie ihr Mann, der gnädige Herr von Hammerhof, der ist ja nu wohl viel zu hübsch für die lange Stange. --

Mein Fritzchen wird auch mal so einer, der läuft schon jetzt mit die Mädchen rum und ist noch keine fünf Jahre alt.

Die Ollsche, was die Tante vom Grün ist, ist ja nu gestorben, und wir haben ein sehr schönes Begräbnis gemacht, Fladen, Branntwein und alles.

Mit meinem Grün is es nicht mehr so recht, zu alt, Monchen, zu alt. Er hat das Reißen in alle Knochen, aber sonst ist es ja ein sehr guter Mann.

Zu Deine Hochzeit schicke ich Dir die Myrte, selbst gezogen, was Du im vorigen Winter bei mir gesehen hast.

Und nu grüße Deinen Bräutigam und sage ihm, er kriegt was Schönes, da er Dir heiratet.

Es sendet Dir Gottes reichsten Segen

Deine treue Liese.“

Wie gesagt, Wetterhelm fand das ja gewiß ganz nett von der alten Person, aber Monikas Bewegtheit war doch übertrieben!

Auch gab es manchmal kleine Reibereien, weil Monika irgendwelche gesellschaftlichen Förmlichkeiten bei Besuchen oder Ausfahrten nicht eingehalten.

Wohl hatte das Impulsive ihrer Natur einen starken Reiz für Wetterhelm, wohl bestand ein Teil ihrer Anziehungskraft für ihn gerade darin, aber sobald diese Art irgendwie in der Oeffentlichkeit hervortrat, störte sie ihn aufs schärfste.

Schon ihre Manier, immer aus dem Wagen zu springen, ehe die Pferde standen.

Und dann ihre Haltung. Sie hatte immer etwas so eigentümlich Trotziges: den Kopf ein bißchen vorgestreckt, die Ellenbogen lose, die linke Hand zur Faust geballt. Es war förmlich eine Verteidigungsstellung, die nicht mit dem weichen Liebreiz ihrer siebzehn Jahre harmonierte. In ihrer Sprechweise störte ihn oft ein gar zu kräftiges Wort oder ein achselzuckendes: „~je m’en fiche~“, mit dem sie einen Vorwurf abtat.

Jedenfalls war Georg nicht ohne Besorgnis im Hinblick auf den Besuch, bei dem er Monika seiner Mutter vorstellen wollte.

An einem schönen Aprilmorgen fuhr die Baronin Birken und das Brautpaar nach Gerbitz, dem Gute, das Frau von Wetterhelms Wohnsitz war, auf dem sie mit ihrer einzigen unverheirateten Tochter Brigitte lebte.

Bevor man zur Bahn fuhr, hatte Monika eine unangenehme, kleine Szene mit ihrem Bräutigam gehabt, der ihre Frisur getadelt hatte.

„Du hast mich doch sonst so immer hübsch gefunden.“

„Gewiß, aber Mama ist etwas ~vieux jeu~, lieber Schatz; ihr würde das in die Stirn gebauschte Haar sicher nicht gefallen. Bitte, trage heute die Stirn frei und die Haare möglichst glatt.“

Monika machte ein ungezogen trotziges Gesicht, ging aber doch hinaus, um eine Bürste zu holen.

„Ich werde meine Frisur unter Deiner obrigkeitlichen Aufsicht arrangieren, lieber Georg,“ sagte sie mit einem Anflug von Spott.

Ein paar Bürstenstriche: „Ist es so gut?“

„Aber Kind, da ist ja kaum was geändert, viel glatter, bitte.“

„Also so?“

„Noch immer nicht richtig.“

Statt einer Antwort feuerte sie die Bürste auf die Erde. Georg erhob sich. Er war sehr blaß geworden, und ehe noch Frau von Birken zu einer Strafpredigt ansetzen konnte, sagte er: „Das war Deiner unwürdig, Monika!“

Nun fiel die Mutter ein, aber alles, was die auch vorbrachte, hatte keine Wirkung auf Monika, gegenüber den paar Worten aus Georgs Munde.

Sie kämpfte einige Augenblicke mit sich, dann aber ging sie auf ihren Verlobten zu und sagte:

„Du hast ganz recht, Georg, und ich bitte Dich um Verzeihung.“

Ihre Frisur war wirklich von korrektester Einfachheit, als man in Gerbitz eintraf.

Zwei Stunden war man Eisenbahn gefahren, dann eine Stunde in altmodischer Kalesche durch märkischen Sand, dann kam man an dem grauen Herrenhause an.

Frau von Wetterhelm und ihre Tochter Brigitte begrüßten die Gäste.

Georgs Mutter war eine imposant große Erscheinung, in der Mitte der sechzig. Ihr Gesicht zeigte einen leidenden Ausdruck. War es doch Krankheit gewesen, die der Anlaß dazu war, daß der Sohn ihr jetzt erst seine Braut zuführte.

Georg hatte innerlich gefürchtet, daß seine zukünftige Schwiegermutter den Damen seiner Familie wenig gefallen würde; ihr wenig seriöses Wesen, das Fehlen mütterlicher Würde in ihrem Aeußeren und ihr Benehmen würde wahrscheinlich von seinen überaus korrekten Angehörigen gemißbilligt werden.

Zu seinem Erstaunen verstand sich Frau von Birken mit den Damen sehr gut. Schon nach kurzer Zeit war man eifrig in das wichtige Thema vertieft, welcher Zeitpunkt für das Einlegen von Johannisbeeren der geeignetste sei.

Dies und eine Reihe ähnlicher Gesprächsthemata schlugen eine Brücke zwischen Monikas und zwischen Georgs Mutter. Als dann gar die Dienstbotenfrage aufs Tapet kam, erwärmte sich selbst Brigitte, deren hagere Altjungfernfigur im schmucklos schwarzen Kleide wie aus Holz geschnitzt erschien.

Monika trug bei diesen Unterhaltungen eine geradezu unhöfliche Unaufmerksamkeit zur Schau. Das lag ihr nicht... das alles hier lag ihr nicht... Die Einrichtung, die bei aller Wohlhabenheit geschmacklos puritanisch war, diese große, strenge Frau, zu der sie nun „Mama“ sagen sollte, die unschöne Schwester... das alles verstimmte sie.

Sie war ganz verärgert, besonders, als Georg ihre Bitte, ihr den Park zu zeigen, abgeschlagen hatte.

„Wir gehen nachher alle zusammen,“ sagte er.

Bei dem Rundgang, den man nach dem Frühstück machte, wurde Monikas Benehmen von den Wetterhelmschen Damen innerlich „lächerlich kindisch“ gefunden; sie geriet in Ekstase vor den jungen Lämmern mit ihren kurzlockigen Fellchen, sie kniete nieder, um sie an sich zu drücken; sie war im Schweinestall außer sich vor Freude über die Ferkel mit ihren rosa Körpern und den Ringelschwänzchen; sie hielt den Tieren Reden, besonders dem Hofhund, der gleich eine große Sympathie für sie an den Tag legte:

„O, was für ein guter Hund... Du bist ja sehr häßlich, mein armer Kerl, und so gelb wie Eidotter bist Du, und aus gar keiner feinen Familie... Nein, nicht mal Rasse hast Du... Aber Du bist doch gut, mein Dickerchen! Ach, was für’n guter Hund! Und gut sein ist ja auch was wert, wenn auch nicht so viel wie schön sein!“

Da intervenierte Frau von Birken, sie legte die größtmögliche Strenge, deren sie fähig war, in ihren Ton:

„Monika, genug des Unsinns! Wir wissen ja, daß Du nur scherzest, aber man soll auch im Scherz nicht sagen, daß Schönheit mehr ist als Güte! Die Güte ist das Weltprinzip...“

Brigitte drückte der Baronin ostentativ die Hand.

„Aber Mama,“ rief Monika, schnell wie aus der Pistole geschossen, „aber Mama! Du hast doch wohl schon Naturgeschichte gelesen und Weltgeschichte und Entwicklungstheorien? Das Weltprinzip ist doch die Grausamkeit, der ewige Kampf...“

„Lassen wir das doch,“ schnitt Georg ab; ein unmutiger Ausdruck lag über seinem Gesicht, ihm war nicht entgangen, daß sich in den Zügen seiner Mutter schärfste Mißbilligung bei Monikas Worten aussprach, daß die Züge seiner Schwester förmlich vereisten in schroffster Ablehnung.

Dann ging man nach der Fohlenkoppel hinüber, wo Monika versuchte, auf die Fohlen hinaufzuturnen.

„Zu schön ist’s auf dem Lande,“ sagte sie zu ihrem Bräutigam, als sie ihn endlich „ein bißchen für sich“ hatte. „Die Tage von Sarkow, meine Kinderjahre, sind mir so unvergeßlich. Am liebsten möchte ich mit Dir auf ein Gut ziehen, Georg.“

„Mir liegt das nicht,“ erwiderte der Konsul. „Gewiß ist Landwirt sein auch ein schöner Beruf, in dem man seinem Vaterlande nützen kann, aber ich kann in meinem Berufe Größeres wirken, Besseres für Deutschland tun.“

Monika stürzte sich mit Feuereifer auf diese neue Anregung.

„Ja, da hast Du auch ganz recht! Ich werde mal eine tadellose Botschafterin!“

„Na, na, man immer sachte mit den jungen Pferden.“

„Und wir bekommen einen historischen Palazzo als Dienstwohnung, weißt Du, sowas in Spätrenaissance, und ich gebe jeden Abend Empfänge, wo lauter Fürsten und Genies sind, ~crème de la crème~, weißt Du?... Und ich trage ein himmelblaues, silbergesticktes Kleid und furchtbar viel Orden in Brillanten. Als Botschafterin bekomme ich doch Orden, nicht wahr? Und ich trage ein Perlcollier für eine Million. Das muß ich von meiner Schwiegermutter geerbt haben. ‚Das Kollier meiner Schwiegermutter‘ finde ich sehr stilvoll.“

„Ach, Kind, hör’ bloß mit dem Unsinn auf. Und nimm Dich zusammen vor Mama und Brigitte. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“

Beim Mittagessen wirkte diese Ermahnung noch so nach, daß sie wie ein braves Schulkind dasaß.

Aber nach Tisch, als sich die Damen zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen und Monika mit ihrem Bräutigam durch den Park ging, verjagte die goldene Aprilsonne bald ihre mühsam bewahrte Gemessenheit.

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn die Blattknospen gar so ungestüm aus ihren Hüllen drängten, wenn die Hyazinthen auf den Frühbeeten mit tiefen Farben prangten wie Edelstein: rubinrot, diamantenweiß und blau wie Saphir! Ach -- und alle diese Blütenglocken sandten süße Duftwogen in die herbe deutsche Luft. In den Aesten lärmten und lockten die Vögel, schrien, weil der Frühling da war und die Liebe...

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn man einen so süßen, geliebten, schönen, guten Bräutigam hatte?

Das fragte Monika Georg von Wetterhelm.

Und er lachte zärtlich, immer aufs neue besiegt von ihrem wilden Charme. --

Die Vesperstunde vereinigte alle wieder um den runden Tisch im Eßzimmer.

Frau von Wetterhelm war Monika gegenüber aus ihrer ursprünglichen Freundlichkeit in eine gewisse Reserviertheit übergegangen. Sie fand: es war eigentlich eine fabelhafte Idee von Georg, ein so unbändiges, junges Ding heiraten zu wollen. Seiner sonstigen Wesensart war das so unähnlich, er war doch immer ein so tadellos vernünftiger Mensch gewesen.

„Georg hat mir nie Sorgen gemacht,“ erzählte sie an diesem Nachmittag. Ja, er war immer ein lieber, vernünftiger Sohn gewesen, körperlich und geistig gut beanlagt. Er war nie krank gewesen, er war immer unter den besten Schülern seiner Klasse. Alles in seinem Leben war wie am Schnürchen gegangen. Das Abiturium, die späteren Examina, die Ernennung zum Leutnant der Reserve, sein Avancement bei den Garde-Ulanen. Und seine Beamtenkarriere würde eine glänzende sein, das sagten alle, und sie hoffe nur, Monika würde ihren zukünftigen Gatten „voll und ganz zu würdigen verstehen“!

„Na und ob!“ schmetterte Monika so überzeugt heraus, daß alle drei Damen ihr verweisende Blicke zusandten.

„Hoffentlich habe ich mit meiner Schwiegertochter ebenso viel Glück wie mit meinen Kindern,“ fuhr Frau von Wetterhelm nicht ohne eine gewisse Anzüglichkeit fort, „ja, auch Brigitte hat mir nur Freude gemacht.“

Monika warf einen erstaunten Blick auf die schwarzgekleidete, hagere Dame, welche sie im stillen „die hölzerne Jungfrau“ getauft hatte.

„Ja, Brigitte ist immer tätig und häuslich gewesen,“ lobte die Herrin des Hauses weiter. „Mein lieber Mann starb ja so früh -- Georg kam naturgemäß bald aus dem Hause -- da war Brigitte das Einzige, was mir blieb. -- Wie hat sie mich gepflegt in meinen vielen Krankheiten. Brigitte ist die geborene Krankenschwester! Und sie hat es nie übers Herz gebracht, mich zu verlassen, auch damals nicht, vor nunmehr zwanzig Jahren, als Herr von Lodringen um sie anhielt.“

„Aber Mama!“ Ein schwaches Rot war in Brigittes welke Wangen gestiegen, mit einer nervösen Gebärde strich sie sich über den glatten, graublonden Scheitel.

„Meine liebe Tochter, warum sollte ich nicht von Deiner aufopfernden Kindesliebe sprechen, von Deinem edlen Pflichtgefühl? Unsere kleine Monika kann daraus nur Gutes lernen! Ja, also als Lodringen um Brigitte anhielt, wies sie ihn ab, obwohl sie ihn sehr gern hatte und obwohl er eine durchaus passende Partie war. Wies ihn ab, weil sie mich nicht verlassen wollte.“

Brigitte sagte nichts. Ein Seufzer hob ihre Brust.

„Ach...,“ rief Monika, ungläubig erstaunt.

Frau von Wetterhelm fuhr fort: „Lodringen stand in Westfalen, und ich konnte natürlich nicht daran denken, mit in jene Garnison zu ziehen. Was hätte dann hier aus dem Gute werden sollen? Und so blieb Brigitte bei mir, mein aufopferndes Kind, als die Stütze meines Alters...“

Frau von Birken hatte vor Rührung Tränen in den Augen.

„Wie entzückend, wie heroisch geradezu, sein eigenes Lebensglück hinzugeben, um der Mutter Trost sein zu können! Diese echt weibliche Entsagung! Da siehst Du, Monika, was für junge Mädchen es auf Gottes Welt gibt!“

„Aber das ist doch ein maßloser Unsinn,“ rief Monika heftig, mit sprühenden Augen; in ihrer Erregung bemerkte sie nichts von dem förmlich lähmenden Entsetzen, das ihr Ausruf bei der Tafelrunde hervorgerufen.