Othello

Chapter 7

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Othello. Verschaffe mir eine Dose Gift bis auf die Nacht, Jago; ich will keinen Wortwechsel mit ihr haben--ich darf meine Standhaftigkeit nicht an ihre Reizungen wagen--Diese Nacht, Jago--

Jago. Aber nicht durch Gift; erdrosselt sie in ihrem Bette, in dem Bette, das sie entweiht hat.

Othello. Gut, gut; dieses Mittel gefaellt mir, weil es gerecht ist--

Jago. Und was den Cassio betrift, den ueberlasst mir; bis Mitternacht sollt ihr mehr hoeren.

(Eine Trompete hinter der Scene.)

Othello. Vortrefflich! Wie? Was bedeutet diese Trompete?

Jago. Vermuthlich etwas von Venedig--Es ist Lodovico, vom Herzog abgeschikt: Au, seht, eure Gemahlin ist schon bey ihm.

Sechste Scene. (Lodovico, Desdemona, und Gefolge treten auf.)

Lodovico. Seyd mir gegruesst, wuerdiger General.

Othello. Ich erwiedre den Wunsch von ganzem Herzen, mein Herr.

Lodovico. Der Herzog und die Senatoren von Venedig gruessen euch.

(Er ueberreicht ihm ein Schreiben.)

Othello. Ich kuesse die Urkunde ihrer Befehle.

Desdemona. Und was giebt es neues, mein lieber Vetter Lodovico?

Jago. Ich bin sehr erfreut euch zu sehen, mein Herr; willkommen in Cypern.

Lodovico. Ich danke euch; was macht der Lieutenant Cassio?

Jago. Er lebt, mein Herr.

Desdemona. Vetter, es ist zwischen meinem Gemahl und ihm zu einem unfreundlichen Bruch gekommen; aber ihr werdet alles wieder gut machen.

Othello (vor sich.) Seyd ihr dessen so gewiss?

Desdemona. Mein Gemahl?

Othello (liesst.) "Ermangelt nicht, dieses zu befolgen, so lieb euch--"

Lodovico (zu Desdemona.) Er rief euch nicht; er ist in seinem Schreiben vertieft. Ist ein Missverstaendnis zwischen dem General und Cassio?

Desdemona. Ein sehr ungluekliches; ich wollte gern alles thun, sie wieder zu vereinigen, so lieb ist mir Cassio.

Othello. Feuer und Schwefel! (vor sich.)

Desdemona. Mein Gemahl!

Othello. Seyd ihr bey Verstand?

Desdemona (zu Lodovico.) Wie, ist er zornig?

Lodovico. Vielleicht hat ihn das Schreiben in einige Bewegung gebracht. Denn, wie ich vermuthe, so beruffen sie ihn nach Hause, und befehlen ihm, sein Gouvernement dem Cassio zu ueberlassen.

Desdemona. Glaubt mir, es erfreut mich.

Othello. In der That! (vor sich.)

Desdemona. Mein Gemahl!

Othello. Ich bin erfreut, dich toll zu sehen. (vor sich.)

Desdemona. Wie, mein liebster Othello?

Othello (nach ihr schlagend.) Teufel!--

Desdemona. Das hab' ich nicht verdient.

Lodovico. Mein Herr, in Venedig wuerde das niemand glauben, wenn ich gleich schwuere, dass ichs gesehen habe. Es ist sehr viel; bittet ihr's ab; sie weint.

Othello. O Teufel! Teufel! Koennte die Erde von Weiberthraenen geschwaengert werden, jeder Tropfe, den sie weint, wuerde ein Crocodil werden: Aus meinem Gesicht--

Desdemona (indem sie gehen will.) Ich will gehen, wenn euch mein Anblik so zuwieder ist.

Lodovico. Wahrhaftig, eine gehorsame Frau--ich bitte Euer Gnaden, ruffet sie zuruek.

Othello. Madam--

Desdemona. Mein Gemahl--

Othello. Was wollt ihr mit ihr, mein Herr?

Lodovico. Wer, ich, mein Herr?

Othello. Ja; ihr wolltet ja, ich sollte machen, dass sie sich wieder umdrehe. Herr, sie kan sich drehen, und drehen, und doch weiter kommen; sie ist eine Meisterin darinn. Und sie kan auch weinen, Herr, weinen; und sie ist gehorsam; wie ihr sagtet, gehorsam; sehr gehorsam-- weint ihr nur fort--Was das anbetrift, mein Herr--O die Leidenschaften spielt sie vortreflich!--Ich bin zuruekberuffen--

(zu Desdemona.) Pakt ihr euch fort, ich will gleich wieder nach euch schiken--Mein Herr, ich gehorche dem Oberherrlichen Befehl, und will nach Venedig zuruek kehren--Weg, pake dich!--

(Desdemona geht ab.)

--Cassio soll meinen Plaz haben. Und ihr, mein Herr, werdet mir die Ehre erweisen, heute mit mir zu Nacht zu essen. Ihr seyd willkommen in Cypern--

(vor sich.) Geissen, und Affen!

{ed. * [Sind diese Venetianer,] denkt er hinzu.}

(Er geht ab.)

Siebende Scene. (Lodovico und Jago bleiben zuruek.)

Lodovico. Ist diss der edle Mohr, den unser ganzer Senat sein Alles und Alles nennt? Ist diss das Gemueth, dessen standhafte Tugend keine Leidenschaft, kein Gluek, kein Zufall erschuettern kan?

Jago. Er hat sich sehr veraendert.

Lodovico. Ist er recht bey Sinnen? Leidet er etwann am Gehirn?

Jago. Er ist was er ist; ich mag nicht sagen, was ich denke. Ich wollte zu Gott, er waere, was er seyn koennte, wenn er nicht ist, was er sollte.

Lodovico. Wie, seine Gemahlin schlagen!

Jago. In der That, es war nicht fein; und doch wuenscht' ich, ich wisste, dass dieser Streich das aergste waere.

Lodovico. Ist er gemeiniglich so? oder wuerkte das Schreiben so stark auf sein Blut, dass er zum ersten mal sich selbst so ungleich war?

Jago. Es ist eine schlimme Sache, leider! Es waere nicht anstaendig, wenn ich sagen wollte, was ich gesehen und gehoert habe. Ihr werdet ihn durch euch selbst kennen lernen, und sein eignes Betragen wird ihn so charakterisieren, dass ich meine Worte sparen kan. Geht ihm nur nach, und seht, wie er fortfahren wird.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene. (Verwandelt sich in einen Saal im Pallast.) (Othello und Aemilia treten auf.)

Othello. Ihr habt also nichts gesehen?

Aemilia. Noch jemals was solches gehoert, oder nur gemuthmasset.

Othello. Ihr habt doch den Cassio und sie beysammen gesehen?

Aemilia. Aber da sah ich nichts boeses, und ich hoerte eine jede Sylbe, die sie mit einander redeten.

Othello. Wie, fluesterten sie niemals zusammen?

Aemilia. Niemals, Gnaediger Herr.

Othello. Und schikten sie euch niemals fort?

Aemilia. Niemals.

Othello. Etwann ihren Faecher, ihre Handschuhe, ihre Maske, oder so was zu holen?

Aemilia. Niemals, Gnaediger Herr.

Othello. Das ist seltsam!

Aemilia. Ich duerfte meine Seele an einem Pfahl wetten, Gnaediger Herr, dass sie ehrlich ist: Wenn ihr anders denkt, so verbannet diesen Gedanken, er betruegt euer Herz. Der Himmel vergelt' es dem Elenden, der es euch in den Kopf gesezt haben mag, mit dem Fluch der Schlange! Wahrhaftig, wenn sie nicht tugendhaft, keusch und getreu ist, so giebt's keinen glueklichen Mann auf Erden; so ist die reinste ihrer Weiber so haesslich als Laesterung.

Othello. Geh, ruffe sie hieher.

(Aemilia geht ab.)

Sie sagt genug; allein sie ist eine einfaeltige Kupplerin, die nicht mehr sagen kan--Das ist eine verschmizte Hure, die ihre garstigen Geheimnisse behutsam zu verriegeln weiss--und doch kniet sie euch in ihrem Zimmer hin, und betet: Das hab' ich selbst gesehen.

Neunte Scene. (Desdemona und Aemilia treten auf.)

Desdemona. Was ist euer Wille, mein Gemahl?

Othello. Kommt naeher, Huehnchen, wenn ich bitten darf.

Desdemona. Was beliebt euch?

Othello. Lasst mich eure Augen sehen; seht mir in's Gesicht.

Desdemona. Was fuer eine entsezliche Einbildung kommt euch an?

Othello (Zu Aemilia.) Ein Stuek von euerm Amt, Madam; lasst die handelnden Personen allein, und schliesst die Thuere zu; hustet, oder ruft wenn jemand kommt. Euer Geheimniss, euer Geheimniss--nein, macht euch fort.

(Aemilia geht ab.)

Desdemona. Auf meinen Knien, was wollen diese Reden sagen? Ich sehe wol, dass etwas Entsezliches in euern Worten ist, aber ich verstehe sie dennoch nicht.

Othello. Wie? Was bist du?

Desdemona. Euer Weib, mein Herr; euer getreues, redliches Weib.

Othello. Komm, schwoer mir das; sprich dir dein Urtheil selbst; sonst moechten, da du einem himmlischen Wesen so aehnlich bist, die Teufel sich scheuen Hand an dich zu legen. Zieh dir also eine zweyfache Verdammniss zu; schwoere, du seyest ehrlich.

Desdemona. Der Himmel weiss es.

Othello. Der Himmel weiss, dass du falsch wie die Hoelle bist.

Desdemona. An wem, mein Gemahl? Mit wem? Wie bin ich falsch?

Othello (Er weint.) Ach, Desdemona! Weg, weg, weg!--

Desdemona. O des ungluekseligen Tags! Warum weint ihr? Bin ich die Beweg- Ursach dieser Thraenen, mein liebster Mann?--Wenn ihr vielleicht meinen Vater in Verdacht habt, dass er an eurer Zuruekberuffung Schuld habe, so lasst es doch mich nicht entgelten; wenn ihr ihn verlohren habt, so hab' ich ihn ja auch verlohren.

Othello. Haett' es dem Himmel gefallen, mich durch Truebsale zu pruefen, haett' er alle Arten von Schmerzen und Demuethigungen auf mein naktes Haupt regnen, mich bis an die Lippen in Armuth versinken, mich ohne Hoffnung der Befreyung in Sclaverey gerathen lassen; so wuerd' ich noch in irgend einem Winkel meiner Seele einen Tropfen Geduld gefunden haben. Aber, ach! mich zu einem festen Ziel fuer den unbeweglichen Finger der spottenden Verachtung zu machen--und doch auch das, auch das wollt' ich noch ertragen koennen. Aber da,

{ed. * Man hat hier, einem herrschenden, obgleich an sich vielleicht ungerechten Vorurtheil zu gefallen, von dem buchstaeblichen Sinn des Originals ein wenig abweichen muessen.}

wo die Ruhe, der Trost, die Wonne meines Lebens lag, aus deinem Herzen vertrieben zu seyn, oder es als eine Cisterne, worinn unflaetige Kroeten zuegeln, zu besizen: Hebe dich weg, Geduld, du junger, rosenwangichter Cherubin,--Da seh' ich grimmig wie die Hoelle aus.

Desdemona. Ich hoffe, mein edelmuethiger Mann kennt mich genugsam, mich fuer unschuldig zu halten.

Othello. O, ja, wie Sommerfliegen in Schlachthaeusern, die von einem anwehenden Lueftchen lebendig werden. O du giftiges Unkraut, warum bist du so lieblich anzusehen? Du riechst so gut, dass einem der Kopf davon weh thut. Ich wollte, du waerest nie gebohren worden!

Desdemona. Himmel! was fuer eine Suende kan ich unwissender Weise begangen haben?

Othello. Wie, du fragst noch? Du fragst was du begangen habest? Begangen?-- O du Nichtswuerdige, ich wuerde meine Wangen zu Feuer-Essen machen, wo die Zucht zu Asche verbrennen muesste, wenn ich deine Thaten nennen wollte. Wie? was du begangen hast? Der Himmel stopft sich die Nase davor zu, und der Mond die Augen; der buhlerische Wind sogar, der alles kuesst was ihm vorkommt, hat sich in die holen Minen der Erde verkrochen, und will es nicht anhoeren. Was du begangen hast?--Unverschaemte Meze!

Desdemona. Beym Himmel! ihr thut mir Unrecht.

Othello. Du bist keine Meze?

Desdemona. Nein, so wahr ich eine Christin bin. Wenn ein Weib, die sich fuer ihren Mann allein, und von jeder fremden, unkeuschen, unerlaubten Beruehrung rein bewahrt hat, keine Meze ist, so bin ich keine.

Othello. Wie, auch keine Hure?

Desdemona. Nein, so wahr ich selig zu werden wuensche!

Othello. Ists moeglich?

Desdemona. O Himmel, sey uns gnaedig!

Othello. So bitt' ich also um Vergebung. Ich sah euch fuer diese abgefeimte Hure von Venedig an, die den Othello heurathete--

Zehnte Scene. (Aemilia zu den Vorigen.)

Othello. Ihr, Frau Gelegenheits-Macherin,--Ihr, ihr, ja ihr! Wir haben unsre Sachen gemacht. Hier ist Geld fuer eure Muehe; ich bitte euch, dreht den Schluessel, und behaltet unser Geheimniss fuer euch.

(Er geht ab.)

Aemilia. Um's Himmels willen, was macht der Herr sich vor Gedanken!--Wie befindet sich Eu. Gnaden? Wie steht's um meine liebste Gnaedige Frau?

Desdemona (allein.) Es ist billig, dass mir so mitgespielt wird, sehr billig; wie hab ich mich denn aufgefuehrt, dass er nur den Schatten eines Grundes zum allerkleinsten Misstrauen gefunden haben soll?--

Eilfte Scene. (Jago und Aemilia zu Desdemona.)

Jago. Was ist zu Eu. Gnaden Befehl? Wie steht's?

Desdemona. Das kan ich nicht sagen; diejenigen, die eure Kinder ziehen, thun es mit Freundlichkeit, und legen ihnen nicht zuviel auf; er haette mich ja mit Sanftmuth ausschelten koennen: Denn, die Wahrheit zu sagen, ich bin wie ein Kind wenn ich ausgescholten werde.

Jago. Wovon ist die Rede, Gnaedige Frau?

Aemilia. Ach, Jago, der Gnaedige Herr hat sie so behurt, ihr so schmaehlich begegnet, so garstige Namen ueber sie ausgegossen, dass ein ehrliches Herz es nicht ertragen kan.

Desdemona. Verdien' ich einen solchen Namen, Jago?

Jago. Was fuer einen Namen, Gnaedige Frau?

Desdemona. Den, so sie sagte, dass mir mein Mann gegeben habe.

Aemilia. Er nannte sie eine Hure; ein betrunkner Bettler wuerde sich schaemen, seinem Menschen einen solchen Namen zu geben.

Jago. Warum that er das?

Desdemona. Das weiss ich nicht; was ich weiss, ist, dass ich nichts solches bin.

Jago. Weinet nicht, weinet nicht; das ist ein leidiger Handel!

Aemilia. Hat sie so viele grosse Partheyen ausgeschlagen--Hat sie ihren Vater, ihr Vaterland, ihre Freunde aufgeopfert--um eine Hure geheissen zu werden? Sollte das einen nicht weinen machen?

Desdemona. Das ist nun mein Schiksal.

Jago. Ihr muesst es nicht von ihm leiden. Wie ueberfiel ihn denn dieser Anstoss?

Desdemona. Das weiss der Himmel.

Aemilia. Ich will mich haengen lassen, wenn nicht irgend ein hoellischer Bube, irgend ein geschaeftiger, raubsuechtiger Schurke, irgend ein glatter, lekender, Schlangen-zuengigter Sclave, um sich ein Verdienst bey ihm zu machen, sie bey ihm verlaestert hat; ich will mich haengen lassen, wenn es anders ist.

Jago. Fy, es lebt kein solcher Mann, es ist unmoeglich.

Desdemona. Wenn ein solcher Mann ist, so vergeb ihm der Himmel!

Aemilia. Ein Strik vergeb ihm! Und der Teufel nag' ihm seine verdammten Knochen ab! Warum soll er sie eine Hure heissen? Wer soll denn ihr Buhler seyn? Wo? wann? wie? Wo ist auch nur eine Wahrscheinlichkeit davon? Der Mohr ist durch irgend einen galgenbuebischen Schurken, irgend einen elenden nichtswuerdigen Erzlotterbuben belogen worden. O Himmel, dass du doch solche Gesellen an's Taglicht ziehen, und in jede ehrliche Hand eine Geisel steken moechtest, um den Raker nakend durch die ganze Welt zu peitschen, von einem Ende der Welt bis zum andern!

Jago. Schreyt nur nicht so laut.

Aemilia. O fy, die garstigen Kerls! Gerad ein solcher Schuft wars, der euch einst den Kopf auf die unrechte Seite stellte, und euch weis machte, dass ich mit dem Mohren in heimlichem Verstaendniss sey.

Jago. Du bist nicht klug; geh, geh.

Desdemona. Ach, Jago, sage mir, was soll ich thun um meinen Gemahl wieder zu gewinnen? Mein guter Freund, geh, rede du mit ihm; bey diesem Licht des Himmels, ich weiss nicht, wie ich sein Herz verlohren habe. Hier knie ich;

(sie kniet.)

Wenn jemals mein Wille in Worten, Gedanken oder in wuerklicher That sich gegen seine Pflicht aufgelehnt hat; oder wenn jemals meine Augen, meine Ohren oder irgend einer meiner Sinne sich an einem andern Gegenstand ergoezt haben; oder wenn ich ihn nicht immer liebe, geliebt habe, und sollt' er mich auch als eine Bettlerin von sich verstossen, aufs zaertlichste lieben werde, so komme kein Trost in meine Seele! Unzaertlichkeit kan viel thun, sie kan mich ums Leben bringen, aber meine Liebe kan sie nicht vermindern. Ich kan nicht sagen, Hure; es graut mir, da ich izt das Wort ausgesprochen habe; aber das zu thun, was er bezeichnet, koennte mich die Welt mit ihrer ganzen Masse von Eitelkeit nicht bewegen.

Jago. Ich bitte euch, gebt euch zufrieden; es ist nur eine Laune von ihm; die Staats-Angelegenheiten gehen ihm im Kopf herum, er ist missvergnuegt darueber, und da muss nun sein Unmuth ueber euch ausbrechen.

Desdemona. Wenn es nur dieses waere--

Jago. Es ist nichts anders, ich stehe dafuer. (Trompeten.) Horcht, diese Trompeten ruffen zum Nacht-Essen. Der Abgeordnete von Venedig bleibt bey der Tafel; geht hinein und weint nicht; es wird alles wieder gut werden.

(Desdemona und Aemilia gehen ab.)

Zwoelfte Scene. (Rodrigo (zu Jago.)

Jago. Ha, wo kommt ihr her, Rodrigo?

Rodrigo. Ich finde nicht, dass du ehrlich mit mir zu Werke gehst.

Jago. Wie findt ihr das?

Rodrigo. Jeden Tag machst du mir irgend einen Dunst vor die Augen, Jago; und ich fange endlich an zu sehen, dass du, anstatt mich nur um einen Schritt meinen Hoffnungen naeher gebracht zu haben, mich weiter zuruekgesezt hast, als ich jemals war. Ich will es nicht laenger dulden; und bin auch gar nicht der Meynung so ruhig einzusteken, was ich naerrischer Weise bereits gelitten habe.

Jago. Wollt ihr mich anhoeren, Rodrigo?

Rodrigo. Meiner Treue, ich habe nur zuviel angehoert; eure Worte und eure Thaten haben gar keine Gemeinschaft mit einander.

Jago. Ihr beschuldiget mich mit groestem Unrecht.

Rodrigo. Ich sage die lautre Wahrheit: Ihr habt mich um mein ganzes Vermoegen gebracht. Die Juwelen, die ihr von mir bekommen habt, um sie Desdemonen zu ueberliefern, haetten eine Vestalin verfuehren sollen. Ihr sagtet mir, sie habe sie empfangen, und brachtet mir die troestlichsten Versicherungen von ihrer guten Wuerkung; aber ich finde keine.

Jago. Gut, nur weiter; sehr gut.

Rodrigo. Sehr gut, nur weiter; ich kan nicht weiter, Herr, und es ist nicht sehr gut; nein, ich denke, es ist boshaft, und ich fange an zu merken, dass man mich nur am Narren-Seil herumfuehrt.

Jago. Sehr gut.

Rodrigo. Ich sag euch, es ist nicht sehr gut. Ich will mich Desdemonen selbst entdeken; wenn sie mir meine Juwelen wieder geben will, so will ich klug seyn und ihr mit meiner Bewerbung nicht mehr beschwerlich fallen: Wo nicht, so versichr' ich euch, ich will meine Schadloshaltung an euch suchen.

Jago. Ihr habt nun geredt--

Rodrigo. Ja, und nichts, als was ich, meiner Seel! zu thun im Sinn habe.

Jago. Wie, nun seh ich doch dass du Feuer im Leibe hast; und von diesem Augenblik an hab' ich eine groessere Meynung von dir als jemals. Gieb mir deine Hand, Rodrigo; du hast alle Ursache gehabt, mir Vorwuerfe zu machen, aber ich schwoere dir, dass ich in der ganzen Sache redlich an dir gewesen bin.

Rodrigo. Es hat sich nicht gezeigt.

Jago. Ich muss es gestehen, in der That, euer Argwohn ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit. Aber, Rodrigo, wenn du das hast, was ich dir izt mit besserm Grund als jemals zutraue, (ich meyne, Standhaftigkeit, Herz und Tapferkeit,) so zeig es diese Nacht. Wenn du in der naechstfolgenden Nacht nicht bey Desdemonen ligen wirst, so halte mich fuer einen Verraether, und schaffe mich aus der Welt wie du willst.

Rodrigo. Gut, was ist es? Ist es etwas, das sich vernuenftiger Weise unternehmen laesst?

Jago. Wisset, mein Herr, dass eine Special-Commission von Venedig eingetroffen ist, um den Cassio an Othello's Stelle einzusezen.

Rodrigo. Ist das wahr? Nun, so kehren Othello und Desdemona wieder nach Venedig zurueck.

Jago. O nein; er geht nach Mauritanien, und nimmt seine schoene Desdemona mit sich; das geschieht unfehlbar, es muesste denn etwas begegnen, wodurch sein hiesiger Aufenthalt verlaengert wuerde: Und das koennte durch nichts gewisser erhalten werden, als wenn Cassio auf die Seite geschaft wuerde.

Rodrigo. Was nennt ihr, den Cassio auf die Seite schaffen?

Jago. Das versteht sich von selbst; ihn unfaehig machen, in Othello's Stelle einzutreten, mit einem Wort, ihm den Hals zu brechen.

Rodrigo. Und ihr wollt, dass ich das thun soll?

Jago. Ja, wenn ihr das Herz habt euch selbst Gutes zu thun. Er isst heute bey einer Courtisane zu Nacht; und ich will ihm dort Gesellschaft leisten. Er weiss noch nichts von seiner Befoerderung; wenn ihr dann nur aufpassen wollt, bis er dort weggeht, (und ich will schon dafuer sorgen, dass es zwischen zwoelf und ein Uhr geschehen soll:) So koennt ihr ihn mit der groesten Bequemlichkeit ueberraschen. Ich will in der Naehe seyn, euern Angriff zu unterstuezen, und wir wollen ihn zwischen zwey Feuer kriegen. Kommt, steht nicht so bestuerzt da; kommt mit mir; wir wollen von der Sache reden. Ich will euch zeigen, dass sein Tod so unumgaenglich nothwendig ist, dass ihr euch verbunden sehen werdet, ihn zu befoerdern. Es ist izt bald Nacht- Essens-Zeit, und die Nacht nimmt ueberhand--Wir muessen gehen.

Rodrigo. Ich muss mehr Licht in dieser Sache haben--

Jago. Das sollt ihr bekommen.

(Sie gehen ab.)

Dreyzehnte Scene. (Othello, Lodovico, Desdemona, Aemilia und Gefolge.)

Lodovico. Ich bitte euch, mein Herr, bemueht euch nicht weiter.

Othello. Oh, ich bitte um Vergebung; die Bewegung wird mir wohl bekommen.

Lodovico. Madam, gute Nacht; ich danke Eu. Gnaden unterthaenig.

Desdemona. Ihr werdet allezeit willkommen seyn, mein Herr.

Othello. Wollt ihr gehen, mein Herr?--o, Desdemona!--

Desdemona. Mein Gemahl--

Othello. Geht sogleich zu Bette, ich werde bald wieder zuruek kommen; schikt eure Bedienung hier fort; thut, was ich euch sage.

Desdemona. Ich will, mein Gemahl.

(Lodovico und Othello gehen ab.)

Aemilia. Wie geht es nun? Er sieht freundlicher aus als diesen Abend.

Desdemona. Er sagt, er wolle gleich zuruek kommen, und hat mir befohlen zu Bette zu gehen, und euch wegzuschiken.

Aemilia. Mich wegzuschiken?

Desdemona. Das war sein Befehl; also, meine gute Aemilia, gieb mir mein Nacht- Zeug, und gute Nacht. Wir muessen ihm keinen Verdruss machen.

Aemilia. Ich wollte, ihr haettet ihn nie gesehen!

Desdemona. Das wollt' ich nicht; meine Liebe ist so wol mit ihm zufrieden, dass sogar sein muerrisches Bezeugen, sein Schelten und Zuernen, eine Art von Anmuth in meinen Augen hat. Ich bitte dich, steke mir mein Kopfzeug ab--

Aemilia. Ich habe die Laken, die ihr mir sagtet, auf euer Bette gelegt.

Desdemona. Es ist all eins: Guter Himmel! Was fuer alberne Geschoepfe sind wir nicht! Wenn ich vor dir sterbe, so mache mir, ich bitte dich, aus einem dieser Tuecher mein Todten-Hemde.

Aemilia. Kommt, kommt; wie ihr redt!

Desdemona. Meine Mutter hatte ein Kammer-Maedchen, die Barbara hiess; das arme Ding war in jemand verliebt, der sie nicht wieder lieben wollte, und da wurde sie zulezt naerrisch; sie hatte ein Lied, das sich immer mit (Weide) endigte, es war ein altes Ding, aber es schikte sich auf ihre Umstaende, und sie sang es bis in den lezten Augenblik ihres Lebens. Ich kan mir dieses Lied diese ganze Nacht durch nicht aus dem Sinn bringen; es braucht alles, dass ich mich erwehre, den Kopf auf eine Seite zu haengen, und es zu singen, wie die arme Barbara. Ich bitte dich, mach' dass du fertig wirst.

Aemilia. Soll ich gehn und euern Schlaf-Rok holen?

Desdemona. Nein, steke mich hier ab; dieser Lodovico ist ein recht artiger Mann.

Aemilia. Ein sehr huebscher Mann.

Desdemona. Er spricht gut.

Aemilia. Ich kenn' eine Dame in Venedig, die um einen Druk von seiner Unterlippe eine Wallfahrt ins Gelobte Land gemacht haette.

Desdemona (singt.) Das arme Ding, sie sass und sang, an einem Baum sass sie, Singt alle, gruene Weide; Die Hand gelegt auf ihre Brust, den Kopf auf ihrem Knie, Singt Weide, Weide, Weide; Der Bach, der murmelt neben ihr, in ihre Seufzer ein, Singt Weide, Weide, Weide; Und ihrer Thraenen heisse Fluth erweichte Kieselstein; Singt Weide, Weide, Weide; Weide, Weide, Weide etc. Ich bitte dich, mache hurtig, er wird alle Augenblike wiederkommen. Singt all', ein gruenes Weiden-Zweig, das muss mein Kraenzchen seyn. * * * O! tadelt nicht sein hartes Herz, mein Herz verzeiht ihm gern; Nein, das folgt noch nicht--Horch was klopft so?

Aemilia. Es ist nur der Wind.

Desdemona (singt.) Ich nannte meinen Liebsten falsch; was sagt' er denn dazu? Singt Weide, Weide, Weide; Ich thu mit andern Weibern schoen, mit andern Maennern du. So, geh du izt, gute Nacht; meine Augen brennen mich; bedeutet das Weinen?

Aemilia. Das wollen wir nicht hoffen.

Desdemona. Ich hab' es sagen gehoert; o diese Maenner, diese Maenner! Sag mir einmal, Aemilia, glaubst du in deinem Gewissen, dass es Weiber giebt, die ihre Maenner auf eine so grobe Art hintergehen?

Aemilia. Es giebt solche, das ist nur keine Frage.

Desdemona. Wolltest du um die ganze Welt so was thun?

Aemilia. Wie, thaetet ihr's nicht?

Desdemona. Nein, bey diesem himmlischen Licht!

Aemilia. Ich bey diesem himmlischen Licht auch nicht; es liesse sich eben so gut im Dunkeln thun.

Desdemona. Wolltest du eine solche That um die ganze Welt thun?

Aemilia. Die ganze Welt ist gleichwol ein huebsches ansehnliches Ding, es waer' ein feiner Preis fuer ein so kleines Verbrechen.

Desdemona. Bey meiner Treu, ich denke, du thaetest es nicht.