Othello

Chapter 6

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Desdemona. Such ihn auf, und heiss ihn hieher kommen; sag ihm, ich habe meinen Herrn auf gute Gedanken fuer ihn gebracht, und ich hoffe, es werde alles gut gehen.

Hans Wurst. Das ist endlich eine Verrichtung, die innert den Grenzen von eines ehrlichen Kerls Wiz ligt; und also will ich sehen, ob ich damit zu Stande kommen kan.

(Er geht.)

Desdemona. Wo mag ich doch das Schnupftuch verlohren haben?

Aemilia. Ich weiss es nicht, gnaedige Frau.

Desdemona. Ich versichre dich, ich wollte lieber einen Beutel voll Crusado's verlohren haben. Wenn mein edler Mohr nicht zu vernuenftig und zu grossmuethig gesinnt waere, um eifersuechtig zu seyn, so brauchte es nicht mehr, um ihn auf schlimme Gedanken zu bringen.

Aemilia. Ist er nicht eifersuechtig?

Desdemona. Wer, er? Ich denke, die Sonne, unter der er gebohren ward, zog alle groben Duenste von dieser Art aus ihm.

Aemilia. Seht, da kommt er.

Desdemona. Ich will izt nicht von ihm ablassen, bis er den Cassio zu sich ruffen laesst--Wie stehts mit euch, mein lieber Gemahl?

Zehnte Scene. (Othello zu den Vorigen.)

Othello. Wohl, meine liebe Gemahlin--Himmel! wie werd ich an mich halten koennen!--wie gehts euch, Desdemona? Gebt mir eure Hand; diese Hand ist feucht, Madam. Heiss, heiss, und feucht--eine solche Hand erfordert Eingezogenheit; fasten und beten, viel Casteyung, und geistliche Uebungen; denn es ist ein feuriger, schwizender Teufel hier, der oft rebellisch wird; es ist eine gute Hand, eine freygebige Hand.

Desdemona. Ihr koennt in der That wohl so sagen; denn es war die Hand die mein Herz weggab.

Othello. Eine freygebige Hand. In vorigen Zeiten gaben die Haende Herzen; aber unsre neue Heraldik ist Haende ohne Herz.

{ed. * Eine satyrische Anspielung auf die vielen Baronets, welche Koenig Jacob der Erste machte, und die unter andern Vorrechten eine rothe Hand in einem silbernen Feld in den Wappen-Schild ihrer Vorfahren bekamen.}

Desdemona. Ich verstehe mich nichts hierauf; kommt, wir wollen nun von euerm Versprechen reden.

Othello. Was fuer ein Versprechen, mein Daeubchen?

Desdemona. Ich habe zu Cassio geschikt, dass er kommen und mit euch reden solle.

Othello. Ich bin mit einem beschwerlichen Schnuppen geplagt; leih mir dein Schnupftuch!

Desdemona. Hier, mein Gemahl.

Othello. Das, so ihr von mir bekommen habt.

Desdemona. Ich hab es nicht bey mir.

Othello. Nicht?

Desdemona. In der That, nicht.

Othello. Das ist ein Fehler. Das nemliche Schnupftuch hatte meine Mutter von einer Zigaeunerin, die sich auf die Zauberey verstuhnd, und den Leuten so gar sagen konnte, was sie dachten. Sie sagte ihr, so lange sie es behalten wuerde, wuerd' es sie liebenswuerdig und ihr das Herz meines Vaters gaenzlich eigen machen; wenn sie es aber verloehre, oder verschenkte, wuerde sie auf einmal allen Reiz in seinen Augen verliehren, und ihm verhasst und unertraeglich werden. Meine Mutter gab mir's da sie starb und bat mich, wenn ich jemals heurathete, es meinem Weibe zu geben. Ich that es, und ich sag euch, habt Acht darauf.--Bewahrt es, wie euern Augapfel: Es verliehren oder weggeben, waer' ein Ungluek, dem kein anders zu vergleichen waere.

Desdemona. Ists moeglich?

Othello. Es ist wuerklich so; es ist etwas zauberisches in dem Gewebe davon. Eine Fee, welche den Lauf der Sonne zweyhundert mal anfangen und enden gesehen hatte, machte die Stikerey daran: Die Wuermer waren geweyht, welche die Seide dazu spannen, und es wurde mit Mumien von einbalsamierten Jungfern-Herzen gefaerbt.

Desdemona. In der That! Ist das wahr?

Othello. Sehr wahr; ihr koennt also nur Sorge dazu tragen.

Desdemona. Wenn es so ist, so wollt' ich zu Gott, ich haett' es nie gesehen!

Othello. Ha! Warum?

Desdemona. Warum sprecht ihr so hastig und auffahrend?

Othello. Ist's verlohren? Ist's hin? Sagt, ist es fort?

Desdemona. Gott sey bey uns!--

Othello. Was sagt ihr?

Desdemona. Es ist nicht verlohren; aber gesezt, es waere verlohren?

Othello. Ha!

Desdemona. Ich sag, es ist nicht verlohren.

Othello. Holt es, ich will es sehen.

Desdemona. Gut, das kan ich, mein Herr; aber ich will izt nicht: Das ist ein kleiner Streich, wodurch ihr mich von meiner Bitte abbringen wollt. Ich bitte euch, lasst euer Haus dem Cassio wieder offen seyn.

Othello. Holt mir das Schnupftuch--ich will nicht hoffen--

Desdemona. Kommt, ihr werdet niemals einen bravern Mann an seinen Plaz bekommen.

Othello. Das Schnupftuch--

Desdemona. Ein Mann, der bisher sein ganzes Gluek auf eure Freundschaft gebaut hat; der Gefahren mit euch getheilt hat--

Othello. Das Schnupftuch.

Desdemona. Wahrhaftig, ihr seyd zu tadeln--

Othello. Hinweg!--

(Er geht ab.)

Eilfte Scene.

Aemilia. Wie? Ich glaube der Mann ist eifersuechtig?

Desdemona. So hab' ich ihn noch nie gesehen. O ganz gewiss ist etwas ausserordentliches in diesem Schnupftuch. Ich bin hoechst unglueklich es verlohren zu haben.

Aemilia. Man lernt weder in einem noch in zweyen Jahren was ein Mann ist; sie sind alle lauter Magen, und wir Arme sind ihr Futter; sie schlingen uns gierig hinein; und wenn sie sich ueberfuellt haben, so ruelpsen sie uns wieder aus.

{ed. * Dieses Gleichniss ist freylich unanstaendig genug; allein darum bekuemmert unser Autor sich nicht; genug fuer ihn, dass es wahr ist.}

Seht, da kommt Cassio und mein Mann.

(Jago und Cassio treten auf.)

Jago. Es ist kein andres Mittel uebrig; das muss sie thun--Wie glueklich! hier ist sie schon; geht und bittet sie so sehr ihr koennt.

Desdemona. Wie steht's, guter Cassio? wie gehn eure Sachen?

Cassio. Gnaedige Frau, ich habe noch immer meine vorige Bitte. Auf eurer Grossmuth beruht alle meine Hofnung zu meiner Wiederherstellung in die Freundschaft euers Gemahls, den ich mit so gaenzlicher Ergebenheit des Herzens ehre und liebe. Ich moechte nicht noch laenger aufgezogen werden. Ist mein Vergehen so gross, dass weder meine Reue noch meine ehmaligen Dienste, noch diejenigen die ich kuenftig zu leisten wuensche, mich loskauffen und wieder in seine Gunst einsezen koennen, so ist wenigstens das eine Wohlthat, wenn ich weiss dass es so ist; damit ich in diesem Fall, in eine erzwungene Zufriedenheit eingehuellt, einen andern Weg suchen kan, um vom Allmosen des Glueks zu leben.

Desdemona. Ach, mein lieber guter Cassio, meine Fuersprache ist dermalen sehr unvermoegend; mein Gemahl ist nicht mein Gemahl; ich wuerde ihn nicht mehr kennen, wenn er sich an Gestalt so sehr wie am Humor, veraendert haette. So stehe jeder gute Engel mir bey, wie ich nach meinem aeussersten Vermoegen fuer euch gesprochen habe. Aber alles was ich durch meine Freymuethigkeit erhielt, war, dass ich mir seinen Unwillen zuzog. Ihr muesst euch noch ein wenig gedulden; was ich thun kan, das will ich: Und ich will mehr als ich Herz haette fuer mich selbst zu thun. Lasst euch das genug seyn.

Jago. Ist der General zornig?

Aemilia. Er gieng nur erst von hier fort, und, versichert, er ist in einer seltsamen Gemueths-Unruhe.

Jago. Kan er zornig seyn? Ich war dabey, wie die Canone seine Linien in die Luft zerstiebte, und so schnell und gewaltsam wie der Teufel, seinen Bruder unmittelbar an seiner Seite wegrafte; und kan er zornig seyn? So muss etwas wichtiges daran Ursache seyn; ich will gehn und ihn aufsuchen; in der That, das bedeutet was, wenn er zornig ist.

(Er geht ab.)

Zwoelfte Scene. (Desdemona, Aemilia und Cassio bleiben.)

Desdemona. Ich bitte dich, thu das--Ganz gewiss muss etwas das den Staat betrift, entweder von Venedig, oder irgend ein unausgebruetetes Complot hier in Cypern, wovon er die Entdekung gemacht hat, seinen sonst immer heitern Geist verfinstert haben; und in solchen Faellen ist es die Art der Menschen, dass sie ihren Unmuth an geringern Dingen auslassen, wenn gleich grosse ihr Gegenstand sind. Es ist nicht anders. Es darf uns nur ein Finger weh thun, so verbreitet sich auch ueber unsre uebrigen gesunden Gliedmassen ein Gefuehl von Schmerz. Nein, wir muessen denken, dass unsre Maenner keine Goetter sind; wir koennen nicht von ihnen fordern, dass sie immer so zaertlich mit uns umgehen, als sie vor der Hochzeit thun. Schilt mich nur recht sehr aus, Aemilia; ich unartiges Ding, ich war schon im Begriff seiner Unfreundlichkeit in meinem Herzen den Process zu machen; aber nun find' ich, dass meine Eigenliebe den Zeugen bestochen hat, und dass er ungerechter Weise angeklagt worden ist.

Aemilia. Gebe der Himmel, dass es Staats-Sachen seyen, wie ihr glaubt, und keine eifersuechtige Grillen, die euch angehen.

Desdemona. Das waere gar zu unglueklich! Ich gab ihm niemals Ursache dazu.

Aemilia. Eifersuechtige Gemuether lassen sich damit nicht beruhigen; sie sind nicht allezeit eifersuechtig, weil sie eine Ursache dazu haben, sondern oft nur, weil sie eifersuechtig sind. Die Eifersucht ist ein Ungeheuer, dass keinen andern Vater und keine andre Mutter hat als sich selbst.

Desdemona. Der Himmel bewahre Othello's Herz vor diesem Ungeheuer!

Aemilia. Dazu sag ich Amen, Gnaedige Frau.

Desdemona. Ich will sehen, wo er ist. Cassio, entfernt euch nicht zu weit; wenn ich ihn in einer bessern Laune finde, so will ich euer Anligen wieder in Bewegung bringen, und das aeusserste versuchen, um glueklich damit zu seyn.

Cassio. Ich danke Eu. Gnaden demuethig.

(Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.)

Dreyzehnte Scene. (Eine Strasse vor dem Pallast.) (Cassio, tritt wieder auf, und begegnet der Bianca.)

Bianca. Guten Tag, Freund Cassio.

Cassio. Was fuehrt euch hieher? Wie steht's mit euch, meine schoenste Bianca? In der That, mein Herzchen, ich war im Begriff bey euch anzusprechen.

Bianca. Und ich war im Begriff euch einen Besuch in euerm Quartier abzustatten, Cassio. Wie? eine ganze Woche wegbleiben? Sieben Tag' und Naechte? Hundert und acht und sechszig Stunden? Und eines Liebhabers Abwesenheits-Stunden, die hundert und sechszig mal langweiliger sind als der Stunden-Zeiger. O! eine verdriessliche Rechnung!

Cassio. Vergieb mir, Bianca; ich war diese Zeit ueber von bleyernen Gedanken zu Boden gedruekt; aber ich werde in einer glueklichern Zeit diese lange Rechnung von Abwesenheit zu tilgen wissen. Liebste Bianca, zeichne mir diesen Riss ab--

(Er giebt ihr Desdemonens Schnupftuch.)

Bianca. O Cassio, woher habt ihr das? Das hat mir die Mine von einem Liebes-Pfand irgend einer neuern Freundin: Nun merk' ich die Ursache deiner Abwesenheit die mir so schmerzlich war: Ist es dazu gekommen? Wohl, wohl!

Cassio. Geh, Maedchen, und wirf deine haesslichen Muthmassungen dem Teufel in die Zaehne, von dem du sie hast. Du bildest dir also ein, das sey ein Andenken von einer Liebste? Nein, Bianca, in ganzem Ernst.

Bianca. Wie, von wem ist es dann?

Cassio. Das weiss ich selbst nicht; ich fand es in meinem Zimmer; die Arbeit daran gefaellt mir ungemein, und eh man es wieder begehrt, (welches vermuthlich geschehen wird) moecht' ich einen Abriss davon haben. Nimm es, mein Herz, und zeichn' es ab, und lass mich izt allein.

Bianca. Euch allein lassen? Warum?

Cassio. Ich warte hier auf den General, und denke, es wuerde mir eben keine grosse Dienste bey ihm thun, wenn er mich beweibt sehen wuerde.

Bianca. Wie ist das zu verstehen?

Cassio. Nicht als liebt' ich euch nicht.

Bianca. Sondern nur dass ihr mich nicht liebet. Ich bitte euch, macht mir das ein wenig deutlicher und sagt mir, ob ich euch diese Nacht nicht sehen soll?

Cassio. Wenigstens will ich euch sehen, sobald ich kan.

Bianca. Nun wohl dann, ich muss es also drauf ankommen lassen.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene. (Eine Strasse vor dem Pallast.) (Othello und Jago treten auf.)

Jago. Denkt ihr das?

Othello. Ob ich's denke, Jago?

Jago. Wie, einander heimlich kuessen?

Othello. Unauthorisierte Kuesse?

Jago. Oder auch nakend bey ihrem Freund im Bette zu ligen, eine, zwo und mehr Stunden, ohne was boeses dabey zu meynen? Das sollte nicht moeglich seyn?

{ed. * Eine Anspielung auf die beruechtigte Keuschheits-Probe des heiligen Robert von Arbrissel, der mitten zwischen zwoen schoenen jungen Nonnen eine Probe machte, die mit einer Haesslichen gefaehrlich waere.}

Othello. Nakend im Bette, Jago, und nichts boeses dabey meynen? Das heisst, den Teufel zum Narren machen wollen: Leute, die mit tugendhaften Absichten so etwas thun, die versucht der Teufel nicht; sie versuchen den Himmel.

Jago. Und doch, wenn sie nichts thun, so ist es nur eine laessliche Suende: Aber wenn ich meinem Weib ein Schnupftuch gebe--

Othello. Was dann?

Jago. Was dann? So gehoert's ihr zu, Gnaediger Herr; und da es ihr zugehoert, so kan sie's, denk' ich, wieder einem andern geben.

Othello. Ihre Ehre gehoert auch ihr zu; darf sie solche darum weggeben?

Jago. Ihre Ehre ist ein unsichtbares Ding und es bleibt immer problematisch ob man sie hat oder nicht hat; aber das Schnupftuch--

Othello. Beym Himmel! du erinnerst mich an etwas das ich so gern vergessen haette; du sagtest--oh, es kommt ueber mein Gedaechtniss wie ein Ungluek- weissagender Rabe ueber ein verpestetes Haus--er habe mein Schnupftuch.

Jago. Ja, und was ist's dann mehr?

Othello. Es ist nur zuviel.

Jago. Was waer' es denn, wenn ich sagte, ich habe mit meinen eignen Augen gesehen, dass er euch beleidigt habe, oder ich hab' es von ihm selbst gehoert, (wie es denn solche Schurken giebt, die, wenn sie irgend ein Frauenzimmer, entweder durch ungestueme Verfolgungen oder durch die freywillige Ergebung der Dame unter sich gebracht haben, es unmoeglich von sich selbst erhalten koennen nicht zu plaudern.)

Othello. Hat er dann etwas gesagt?

Jago. Das hat er, Gnaediger Herr; aber dessen seyd versichert, nichts was er nicht wieder laeugnen und verschwoeren wuerde.

Othello. Was sagt' er denn?

Jago. Was? Er habe bey ihr--ich weiss nicht was gethan--

Othello. Was denn, was denn?

Jago. Gelegen.

Othello. Bey ihr?

Jago. Bey ihr, oder auf ihr--was ihr wollt--

Othello. Bey ihr! Auf ihr! Bey ihr gelegen! Das ist alles was man sagen kan: Das Schnupftuch--Sein eigen Gestaendniss--Das Schnupftuch! das Schnupftuch!--Ich erschuettre vom blossen Gedanken--Ohne eine grosse Ursache wuerde die Natur sich selbst in keinen solchen Schatten einhuellen. Es sind keine Worte, die mich so schuetteln--Nasen, Ohren und Lippen--ist's moeglich! Sein Gestaendniss! Ihr Schnupftuch! --O Teufel!

(Er wird ohnmaechtig.)

Jago. Wuerke du nur wohl, meine Mixtur, wuerke! So muss man leichtglaeubige Narren fangen--manche rechtschaffne und keusche Frauen kommen, mit aller ihrer Unschuld, gerad auf solche Art um ihren guten Namen. Wie, he! Gnaediger Herr! Hoert ihr nicht? Othello! he!

Zweyte Scene. (Cassio tritt auf.)

Jago. Wo kommt ihr her, Cassio?

Cassio. Was giebt's hier?

Jago. Der General ist von dem fallenden Weh ueberfallen worden; das ist nun der zweyte Anstoss; er hatte gestern den ersten.

Cassio. Reibt ihn um die Schlaefe.

Jago. Nein, ruehrt ihn nicht an; man muss der Ohnmacht ihren ruhigen Gang lassen; oder, er faengt an zu schaeumen, und bricht endlich voellig in die wildeste Tobsucht aus: Seht, er ruehrt sich; entfernt euch ein wenig, er wird gleich wieder zu sich selbst kommen; wenn er weg ist, so moecht' ich ueber eine Sache von grosser Wichtigkeit mit euch sprechen koennen.

(Cassio geht ab.)

--Wie steht's mit euch, Gnaediger Herr? Habt ihr den Kopf nicht angeschlagen?

Othello. Spottest du meiner noch?

Jago. Ich spotte, beym Himmel! nicht; aber ich wuenschte, dass ihr euer Ungluek wie ein Mann trueget.

Othello. Ein gehoernter Mann ist ein Ungeheuer; ein Unthier.

Jago. Wenn das ist, so giebt es in volkreichen Staedten eine Menge Ungeheuer, und dazu noch recht zahme und manierliche Ungeheuer.

Othello. Er gestand's also selbst?

Jago. Liebster General, seyd ein Mann! denkt, es sind wenige baertige Gesellen, die, wenn sie anders bejocht sind, nicht mit euch ziehen. Millionen Maenner leben diesen Augenblik, die alle Nacht in einem Bette ligen, das sie mit andern theilen; und die doch schwueren, dass es ihnen eigen sey. Euer Fall ist doch noch besser. O, das ist des Teufels groester Spass, eine unzuechtige Meze in ein sichres Ehe- Bette zu legen, und sie fuer ein Tugendbild zu geben. Nein, besser ist's ich wisse's; wenn ich weiss, was ich bin, so weiss ich auch, was sie seyn soll.

Othello. O, du sprichst wie ein Orakel; das ist gewiss.

Jago. Geht nur eine kleine Weile bey Seite, verbergt euch, und habt ein wenig Geduld. Waehrend dass ihr hier von euerm Schmerz so unmaennlich ueberwaeltigt laget, kam Cassio hieher. Ich erdachte gleich etwas, um eurer Ohnmacht eine scheinbare Ursache zu geben, und schaffte ihn wieder weg, bat ihn aber bald wieder zu kommen, weil ich mit ihm zu reden haette. Er versprach mir's. Verbergt euch also nur irgendwo, wo ihr ihn sehen koennt; und beobachtet das schelmische, triumphierende Laecheln, die hoenische Zuege, die sichtbare Leichtfertigkeit, die sein Geheimniss in seinem ganzen Gesicht verrathen. Denn er soll mir seine Erzaehlung wieder von vorn anfangen; wo, wie, wie oft, seit wie lange, und wenn er mit eurer Frau handgemein worden ist, und es noch ferner werden will; ich sage, gebt nur auf seine Mine Acht--O zum Henker, Geduld, oder ich muss endlich glauben, ihr seyd ueber und ueber lauter Galle, und habt nicht das mindeste von einem Mann.

Othello. Hoerst du, Jago! Ich will dir zeigen, dass ich so lange geduldig scheinen kan, als es noethig ist; aber eine blutige Rache soll mich davor schadlos halten.

Jago. Es laesst sich hoeren; aber nur alles zu rechter Zeit. Wollt ihr bey Seite gehen?

(Othello verbirgt sich.) (--Jago, ohne dass ihn Othello hoeren kan, faehrt fort:)

Nun will ich den Cassio nach seiner Bianca fragen, einem Weibsbild, das seine Reizungen verkauft, um sich Brod und Kleider davor anzuschaffen. Die Naerrin ist sterblich in Cassio verliebt, und zur Straffe davor, dass sie schon so viele betrogen hat, wird sie izt von ihm betrogen; denn er kan sich, wenn er nur von ihr reden hoert, des ueberlauten Lachens nicht verwehren.--Da kommt er.

Dritte Scene. (Cassio (zu Jago.)

Jago. Je mehr er lachen wird, je mehr wird Othello rasen; sein Laecheln, seine Gebehrden, seine leichtsinnigen Manieren, seine kleinsten Bewegungen, werden durch die Auslegung, die der eifersuechtige Mohr davon macht, zu Verraethern an ihm werden Nun, wie geht's euch, Lieutenant?

Cassio. Desto schlimmer, weil ihr mir einen Charakter beylegt, dessen Beraubung mir das Leben zur Quaal macht.

Jago. Macht euch nur recht lebhaft an Desdemona, so kan's euch nicht fehlen. (leiser.) Gelt, wenn Bianca die Gewalt dazu haette, wie schnell wuerdet ihr wieder hergestellt seyn.

Cassio (lachend.) Wie kommt ihr auf diese arme Naerrin?

Othello (vor sich.) Seht, wie er schon lacht.

Jago. In meinem Leben hab' ich kein Weibsbild so verliebt in einen Mann gesehen.

Cassio. Der arme Tropf, ich denke, in der That, sie ist in mich verliebt.

Othello (vor sich.) Izt laeugnet er's so ganz kaltsinnig, und lacht hinten nach.

Jago. Hoert ihr, Cassio?

Othello (vor sich) Izt sezt er ihm zu, es ihm zu gestehen: Gut, gut, nur weiter!

Jago. Sie giebt aus, ihr wollt sie heurathen. Ist das eure Absicht?

Cassio. Ha, ha, ha!

Othello. Triumphierest du, Schurke? Triumphierest du?

Cassio. Ich, sie heurathen?--Eine barmherzige Schwester? Ich bitte dich, erweise meiner Vernunft so viel Christliche Liebe, und glaube etwas bessers von ihr. Ha, ha, ha!

Othello (vor sich.) So, so: Wer gewinnt, hat gut lachen.

Jago. In der That, die Rede geht, ihr werdet sie heurathen.

Cassio. Ich bitte dich, redst du im Ernst?

Jago. Ich will ein Schelm seyn, wenn es anderst ist.

Othello (vor sich.) Hast du mein Mass genommen? Nun, wohl dann!

Cassio. Wenn das ist, so kommt es von dem Affen selbst. Sie hat sich's in den Kopf gesezt, dass ich sie heurathen werde, und das bloss, weil sie es wuenscht, und nicht, weil ich ihr's versprochen haette.

Othello. Izt faengt er die Historie an--

Cassio. Sie war erst kuerzlich hier; sie spuekt mir nach, wo ich hingehe. Ich war neulich am Ufer, und sprach mit etlichen Venetianerinnen, da kommt die Naerrin, und faellt mir so zaertlich um den Hals--

Othello (bey Seite.) Und ruft, o du allerliebstes Cassio, oder so was; seine Gebehrden sagen das.

Cassio. Haengt sich so an, und herzt und kuesst mich, und weint auf mich, und schuettelt und druekt mich, so abscheulich zaertlich--Ha, ha, ha!--

Othello. Izt erzaehlt er, wie sie ihn in mein Schlafzimmer gezogen habe: O, ich sehe deine aufgestuelpte Nase vor mir, aber ich seh' den Hund nicht, dem ich sie vorwerfen will.

Cassio. Gut, ich kan mich nicht laenger hier aufhalten.

Jago. Wie es euch beliebt--Aber da kommt sie ja selbst.

Vierte Scene. (Bianca zu den Vorigen.)

Cassio. Was das fuer eine Meer-Kaze ist! Zum Henker, und sie riecht noch dazu nach Biesam:--Was soll denn das bedeuten, dass ihr mir so nachlauft?

Bianca. Das mag der Teufel und seine Grossmutter thun! Sagt mir einmal, was wolltet ihr mit dem Schnupftuch, das ihr mir vorhin gegeben habt? Ich war wol eine grosse Naerrin, dass ich's annahm: Ich sollte die Arbeit absehen? Ein feines Stuek Arbeit, dass ihr in euerm Schlafzimmer gefunden habt, und wisst nicht, wer es da verlohren haben mag. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn es nicht ein Geschenk von irgend einer ehrsamen Matrone ist; und ich soll die Arbeit dran absehen? Da, gebt es euerm Steken-Pferde: Woher ihr's auch haben moegt, ich will nichts daran absehen, ich.

Cassio. Nun, nun, meine schoene Bianca, sachte, sachte!

Othello (bey Seite.) Beym Himmel, das wird wohl mein Schnupftuch seyn.

Bianca. Wenn ihr heute zu mir zum Nachtessen kommen wollt, so koennt ihr; wo nicht, so kommt nicht eher als bis man Anstalten auf euch gemacht hat.

(Sie geht ab.)

Jago. Lauft ihr nach, lauft ihr nach.

Cassio. Das muss ich, sonst fangt sie auf der Strasse einen Lermen an.

Jago. Wollt ihr bey ihr zu Nacht essen?

Cassio. Ja, ich hab es im Sinn.

Jago. Gut, vielleicht seh ich euch dort; denn ich moechte sehr gern mit euch reden.

Cassio. Ich bitt euch, kommt; wollt ihr--

Jago. Verlasst euch darauf--

(Cassio geht ab.)

Fuenfte Scene. (Othello und Jago.)

Othello. Was fuer eine Todesart soll ich ihm anthun, Jago?

Jago. Habt ihr gesehen, wie lustig er sich mit seinem Verbrechen machte?

Othello. Oh, Jago!

Jago. Und saht ihr das Schnupftuch?

Othello. War's das meinige?

Jago. Das eurige, auf meine Ehre! und habt ihr gesehen, wie viel er sich aus dem einfaeltigen Geschoepf, eurer Frau, macht?--Sie gab es ihm und er verschenkt es an seine Hure!

Othello. Ich wollt, ich koennte neun Jahre lang an ihm morden--eine so artige Frau! Eine so schoene Frau! Eine so anmuthsvolle Frau!

Jago. Nein, das muesst ihr nun vergessen!

Othello. O, lass sie verfaulen, verdorren und zur Hoelle fahren, eh es wieder Tag wird! leben soll sie nicht! Nein, mein Herz ist zu Stein worden: ich schlage drauf, und die Hand schmerzt mich davon--O, die ganze Welt hat keine reizendere Creatur! Sie haette an eines Kaysers Seite ligen koennen, er wuerd' ihr Sclave gewesen seyn!

Jago. Nicht doch; das sind Gedanken, die gar nicht zur Sache taugen.

Othello. An den Galgen mit ihr, ich sage nur was sie ist--eine so feine Arbeiterin mit der Nadel--eine vortrefliche Musicantin--Oh, sie wuerde die Wildheit aus einem Baeren heraus singen so belebt, so wizig! So voller Geist!

Jago. Desto schlimmer ist sie um das alles.

Othello. O, tausend, tausendmal: Und dann von so einnehmender Gestalt!--

Jago. Nur gar zu einnehmend.

Othello. Ja, das ist wahr. Aber doch ist es erbaermlich, Jago--oh, Jago, es ist erbaermlich!--

Jago. Wenn ihr so zaertlich gegen ihre Bosheiten seyd, so gebt ihr ein Patent, dass sie euch beleidigen darf wie sie will; wenn ihr gleichgueltig dabey seyd, so hat sich niemand darum zu bekuemmern.

Othello. Ich will sie in kleine Stuekchen haken: Mich zum Hahnrey zu machen!

Jago. Es ist garstig an ihr!

Othello. Mit meinem Lieutenant!

Jago. Das ist noch garstiger!