Othello

Chapter 5

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Othello. Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns beyden.

Jago. In der That!

Othello. In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er nicht ein rechtschaffner Mann?

Jago. Rechtschaffen, Gnaediger Herr?

Othello. Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!

Jago. Gnaediger Herr, so viel ich weiss.

Othello. Was denkst du?

Jago. Denken, Gnaediger Herr!

Othello. Denken, Gnaediger Herr!--Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, dass du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu graesslich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen laege? Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hoert' ich dich sagen, (das gefalle dir nicht)--wie Cassio von meinem Weibe weggieng. Was gefiel dir nicht?--Und wie ich dir sagte, er sey waehrend dem ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen, riefst du, (in der That?) und zogst deine Augbraunen auf eine Art zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheusslichen Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du mein Freund bist, so sage mir was du denkst.

Jago. Gnaediger Herr, ihr wisst, dass ich euer Freund bin.

Othello. Ich denke, du bist's: Und weil ich weiss, dass du ein gutherziger, ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem giebst, so schreken mich diese Pausen an dir; denn wenn es an einem falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft bloss ein angewoehntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, dass er sich Muehe giebt etwas in seinem Herzen zurueck zu halten, dessen Entdekung schlimme Folgen habe koennte.

Jago. Was Michael Cassio betrift, so darf ich schwoeren, dass ich ihn fuer einen ehrlichen Mann halte.

Othello. Dafuer halt' ich ihn auch.

Jago. Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind, von denen waere zu wuenschen, dass sie auch so aussaehen, wie Schelmen.

Othello. Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.

Jago. Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.

Othello. Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie mit deiner eignen Seele, und gieb deinem aergsten Gedanken auch den aergsten Ausdruk.

Jago. Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht verbunden, worinn alle Sclaven frey sind--euch meine Gedanken zu sagen--Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schaendlich; wo ist der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindraengen? Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollten?

Othello. Du bist ein Verraether an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.

Jago. Ich denke, dass ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betruege; (wie ich dann bekennen muss, dass es ein unglueklicher Fehler meines Temperaments ist, zum Misstrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also, Gnaediger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betruegen kan, keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es waere nicht gut fuer euch, und nicht ehrlich und vernuenftig an mir, wenn ich euch meine Gedanken wollte wissen lassen.

Othello. Was meynst du damit?

Jago. Der gute Name, mein liebster gnaediger Herr, ist bey Manns- und Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt, beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der That arm macht.

Othello. Ich will wissen, was du denkst--

Jago. Ihr koenntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand haettet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.

Othello. Ha!

Jago. Oh, Gnaediger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist ein gruen-aeugiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen naehrt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist seines Schiksals gewiss, ohne desto unglueklicher zu seyn, weil ihm seine Ungetreue gleichgueltig ist--Aber, o was fuer unselige Minuten zaehlt derjenige ueber, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt; der argwoehnet, und nur desto heftiger liebt!

Othello. Ein elender Zustand, beym Himmel!

Jago. Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein unermesslicher Reichthum ist so arm als der Winter fuer denjenigen, der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Guetiger Himmel! bewahre alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!

Othello. Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veraenderungen unverwandt mit argwoehnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heisst bey mir entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich jemals faehig bin meine Seele so missgeschaffnen Gespenstern einer kranken Phantasie Preiss zu geben, als du dir einbildest. Das kan mich nicht eifersuechtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist schoen, isst mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter, gespraechig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd' ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn sie hatte Augen und waehlte mich. Nein, Jago; ich will sehen eh ich zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!

Jago. Das hoer' ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen, die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Auge auf sie und Cassio, das ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersuechtig, aber auch nicht sicher; ich moechte nicht gerne, dass ein so edles Gemuethe wie das eurige, aus einem Uebermaass von angebohrner Gutherzigkeit betrogen wuerde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art; in Venedig bekuemmern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer Streiche ist, wenn nur ihre Maenner nichts davon gewahr werden; ihre groeste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als dass sie niemand zusehen lassen, wenn sie suendigen.

Othello. Sagst du das?

Jago. Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob sie sich vor euch fuerchte.

Othello. Das machte sie wuerklich so.

Jago. Macht also den Schluss; konnte sie, so jung, so unschuldig als sie war, sich so gut verstellen, dass ihr eigner Vater von allem was in ihrem Herzen vorgieng, nichts gewahr werden konnte--Er dachte, es muesse nothwendig Zauberey dabey gebraucht worden seyn--Doch ich bin sehr zu tadeln: Ich bitte euch recht demuethig um Vergebung, dass ich mich von meiner Liebe zu euch so weit verleiten lasse.

Othello. Ich bin euch auf immer dafuer verbunden.

Jago. Ich sehe doch, es hat eure Lebensgeister ein wenig in Unordnung gebracht.

Othello. Im mindsten nicht, im mindsten nicht!

Jago. Glaubt mir, ich besorge, es ist so etwas; ich hoffe wenigstens, ihr werdet ueberzeugt seyn, dass, was ich sagte aus Freundschaft zu euch geflossen ist. Aber, ich seh' es, ihr seyd beunruhigt--Ich bitte euch recht instaendig, meinen Reden keine schlimmere Auslegung zu geben, als meine Meynung ist.

Othello. Das will ich auch nicht.

Jago. Thaetet ihr's, Gnaediger Herr, so koenntet ihr Folgen daraus ziehen, an die ich in der That nie gedacht habe. Cassio ist mein Freund und ein Mann der Verdienste hat--Gnaediger Herr, ich sehe, ihr seyd unruhig--

Othello. Nein, nicht sonderlich unruhig--ich denke nichts anders, als Desdemona ist tugendhaft.

Jago. Lange lebe sie so! Und lange moeget ihr leben, so zu denken!

Othello. Und doch, wenn die Natur einmal aus ihrem Geleis getreten ist--

Jago. Das ist eben der Punct--Dass sie (wenn ich so frey seyn darf, es herauszusagen) so viele Partheyen, die ihr natuerlicher Weise haetten angemessner scheinen sollen, abgewiesen hat, um sich einem Liebhaber zu ergeben, dessen Landesart, Farbe und Alter dem ihrigen so entgegen gesezt war. In der That, das scheint etwas ausschweiffendes in ihrem Gemueth, eine gewisse Ueppigkeit und Unordnung ihrer Einbildung und ihrer Neigungen anzuzeigen. Doch ich bitte euch um Vergebung, ich rede eigentlich nicht von ihr ins besondere; ob ich gleich nicht ohne alle Sorge bin, so koennte, bey kuehlerm Blut, darauf fallen, eure Gestalt mit derjenigen von ihren Landsleuten zu vergleichen, und sich vielleicht ihre Wahl gereuen zu lassen.

Othello. Leb wohl, leb wohl; wenn du etwas weiters merkest, so lass mich's wissen: Trag es deiner Frau auf, sie genau zu beobachten. Verlass mich, Jago.

Jago. Ich beurlaube mich, gnaediger Herr.

(Er geht.)

Othello. O warum heurathete ich! Dieser ehrliche Mann sieht und weiss ohne Zweifel mehr, weit mehr, als er sagt.

Jago (wieder zuruekkommend.) Gnaediger Herr, ich wollt' ich duerfte Eu. Gnaden bitten, dieser Sache nicht weiter nachzuhaengen; ueberlasst es der Zeit; ob es gleich ganz gut waere, dass Cassio wieder seine Stelle haette, (denn in der That, bekleidete er sie mit grosser Geschiklichkeit,) so wuerdet ihr doch, wenn es euch gefiele ihn noch eine Zeitlang in der Ungewissheit zu lassen, dabey Anlass finden, ihn und sein Betragen besser kennen zu lernen. Gebt auch acht, ob eure Gemahlin seine Wiedereinsezung mit Merkmalen von Ungestuem und Heftigkeit betreiben wird; daraus wuerde sich vieles abnehmen lassen. Mittlerweile glaubet lieber, ich treibe meine Besorgnisse zu weit, und begegnet ihr so, dass sie keine Veraenderung spueren koenne; ich bitte Eu. Gnaden sehr darum.

Othello. Verlass dich hierueber auf meine Klugheit.

Jago. Ich empfehle mich nochmals.

(Er geht ab.)

Sechste Scene. (Othello allein.)

Othello. Dieser Bursche ist der ehrlichste Mensch von der Welt, und kennt die Menschen und den Lauf der Welt meisterlich: Find' ich sie unkeusch, so soll alle meine Liebe sie nicht vor meinem Grimm retten--Vielleicht weil ich schwarz bin, und keine von den einschmeichelnden Eigenschaften im Umgang habe, die das ganze Verdienst dieser Jungfern-Knechte ausmachen; oder weil ich schon im herabsteigenden Alter bin--Doch, das will nicht viel sagen--Sie ist hin, ich bin betrogen, und mein Trost muss seyn, einen Ekel vor ihr zu fassen. O der Fluch des Ehestandes! Dass wir diese reizenden Geschoepfe unser nennen koennen, und nicht ihre Neigungen! Ich wollte lieber eine Kroete seyn, und von den Ausduenstungen einer Mistgrube leben, als in dem was ich liebe, einen Winkel fuer eines andern Gebrauch zu wissen. Und doch ist das die gewoehnliche Plage der Grossen, die hierinn unglueklicher als die Geringen sind; es ist ein unvermeidliches Schiksal wie der Tod--Hier kommt sie ja! (Desdemona und Aemilia treten auf.) Wenn sie ungetreu ist, so spottet der Himmel seiner selbst. Ich kan es nicht glauben!

Desdemona. Wie geht's, mein liebster Othello? Euer Mittag-Essen, und die edeln Insulaner, die ihr dazu eingeladen habt, warten auf eure Gegenwart.

Othello. Ich bin zu tadeln.

Desdemona. Warum redet ihr so schwach? Fehlt euch was?

Othello. Ich hab' einen Schmerz hier an meiner Stirne.

Desdemona. Das kommt nur, weil ihr zu viel gewacht habt, es wird bald wieder vergehen. Erlaubt mir nur, dass ich euch die Stirne hart verbinde, so wird es in einer Stunde wieder besser seyn.

(Sie zieht ihr Schnupftuch heraus, um es ihm umzubinden.)

Othello. Euer Schnupftuch ist zu klein: lasst es gut seyn: Kommt, ich will mit euch gehen.

(Das Schnupftuch entfaellt ihr, indem sie es einsteken will.)

Desdemona. Es ist mir recht leid, dass ihr nicht wohl seyd.

(Sie gehen ab.)

Siebende Scene. (Aemilia bleibt zuruek.)

Aemilia (indem sie das Schnupftuch aufliesst.) Ich bin froh, dass ich dieses Schnupftuch gefunden habe; das war das erste Geschenk, das sie von dem Mohren empfieng. Mein wunderlicher Mann hat mir schon hundertmal gute Worte gegeben, dass ich es stehlen sollte. Allein sie liebt es so sehr, (denn er beschwor sie, es immer zu seinem Andenken zu behalten,) dass sie es immer mit sich herum traegt, um es zu kuessen und damit zu schwazen. Ich will den Riss von der Stikerey abzeichnen, und es dann dem Jago geben; was er damit machen will, weiss der Himmel, nicht ich: Ich habe nichts dabey, als seine Grille zu befriedigen. (Jago tritt auf.)

Jago. Wie steht's? Was macht ihr hier allein?

Aemilia. Schmaehlt mich nicht; ich hab etwas fuer euch.

Jago. Ihr habt etwas fuer mich? Es ist etwas gemeines--

Aemilia. Wie?

Jago. Ein naerrisches Weib zu haben.

Aemilia. O, ist das alles? Was gebt ihr mir fuer dieses Schnupftuch?

Jago. Was fuer ein Schnupftuch?

Aemilia. Was fuer ein Schnupftuch?--Wie, das so der Mohr Desdemonen gab; das nemliche, wo ihr mich so lange schon stehlen hiesset.

Jago. Hast du ihr's gestohlen?

Aemilia. Nein; aber sie liess es aus Versehen entfallen, und da ich zu allem Gluek dabey war, so hub ich's auf; sieh, da ist es.

Jago. Du bist ein braves Mensch; gieb mir's.

Aemilia. Was wollt ihr damit machen, dass ihr so ernstlich haben wolltet, dass ich's stehlen sollte?

Jago. Wie, was geht das dich an?

Aemilia. Wenn es nicht zu irgend einem Vorhaben von Wichtigkeit ist, so gebt mir's wieder. Die arme Frau! Sie wird naerrisch werden, wenn sie es missen wird.

Jago. Thut nicht, als ob ihr was davon wisst. Ich hab es noethig. Geh, lass mich allein--

(Aemilia geht ab.)

Izt will ich dieses Schnupftuch in Cassio's Quartier verliehren, und es ihn finden lassen. Die aermsten Kleinigkeiten sind fuer eifersuechtige Leute so starke Bekraeftigungen, als Beweise aus der Bibel. Dieses Ding kan zu was gut sein. Das Gift das ich dem Mohren beygebracht habe, fangt schon an bey ihm zu wuerken: Argwoehnische Einbildungen haben in der That die Natur des Gifts, welches man anfangs am Geschmak kaum erkennen kan: aber sobald es ins Blut uebergeht, wie eine Schwefel-Mine brennt--Das sagt ich!

Achte Scene.

Jago. Seht, da kommt er! Weder Mohn-Saamen, noch Mandragora, noch alle einschlaefernde Saefte in der Welt zusammen genommen werden dir jemals diesen suessen Schlaf wiedergeben, den du gestern noch hattest--

Othello (vor sich.) Ha! Sie soll mir untreu seyn!

Jago. Wie, wie stehts, General? Nichts solches mehr!

Othello. Hinweg! fort! Du spannst mich auf die Folter: Ich schwoer' es, es ist besser mit seinen Augen sehen, dass man betrogen wird, als nur besorgen muessen, dass man's sey.

Jago. Wie, Gnaediger Herr?

Othello. Was wusst' ich von ihren verstohlnen Ausschweiffungen? Ich sah sie nicht, ich dachte nicht daran, sie thaten mir kein Leid; ich schlief die Nacht darauf wohl; war ruhig und froh; ich fand Cassio's Kuesse nicht auf ihren Lippen. Lasst den der bestohlen ward und das Gestohlne nicht vermisst, lasst ihn nichts davon wissen, und es ist soviel als ob er gar nicht bestohlen worden waere.

Jago. Ich bedaure, dass ich solche Dinge hoeren muss.

Othello. Und haette das ganze Lager bis auf die Trossbuben herab, ihren holden Leib gekostet, und ich wuesste nur nichts davon, so waer' ich glueklich. Aber, o! nun auf ewig fahr wohl, Ruhe des Gemueths! Fahr wohl, Zufriedenheit! Fahret wohl, ihr mit Federbueschen geschmuekten Schaaren; und du, stolzer Krieg, der die schwellende Seele mit edler Ruhmbegierde fuellt: O fahret wohl! Fahret wohl wiehernde Stuten, schmetternde Trompete, Muth-erwekende Trummel, und du muntre Queer-Pfeiffe, koenigliches Panner, und der ganze Prunk und Pomp des glorreichen Kriegs! Und, o! ihr toedtlichen Werkzeuge, deren eherner Rachen Jupiters furchtbaren Donner nachahmt, fahret wohl! Othello's Arbeit ist gethan!

Jago. Ist's moeglich, Gnaediger Herr?--

Othello. Nichtswuerdiger, sey gewiss, dass du mir beweisen kanst, dass meine Liebe eine Hure ist; sey dessen gewiss, gieb mir eine sichtbare Probe--

(Er fasst ihn wuethend an.)

Oder, beym Werth der unsterblichen Seele des Menschen! es waere dir besser, wenn du ein Hund gebohren worden waerest, als meinem aufgeschrekten Grimm zu begegnen.

Jago. Ist es dazu gekommen?

Othello. Lass mich's sehen; oder beweis es wenigstens so, dass kein Schatten eines Zweifels uebrig bleibe: Oder weh deinem Leben!

Jago. Mein edler Gebieter--

Othello. Wenn du sie unschuldig angeklagt, und mich auf diese Folterbank geschraubt hast, so bete nicht mehr, erstik dein Gewissen, haeuffe Greuel auf Greuel, begeh Suenden, dass der Himmel weinen und die Erde sich entsezen muss; du kanst nichts aergers thun, um das Maass deiner Verdammniss voll zu machen als du schon gethan hast.

Jago. O! Barmherzigkeit! Der Himmel steh mir bey! Seyd ihr ein Mann? Habt ihr eine Seele? oder ein menschliches Gefuehl? Gott sey bey euch; nehmt mir mein Amt, und wenn ihr wollt, mein Leben dazu--O ich unglueklicher Thor, dass ich erleben soll dass meine Ehrlichkeit zum Verbrechen gemacht wird! O Welt! Welt! Das ist dein Lauff; ehrlich und aufrichtig, ist sein eigner Feind seyn. Ich dank' euch fuer diesen Unterricht; von nun will ich der Freundschaft gute Nacht geben, und niemand mehr lieben als mich selbst.

Othello. Nein, warte--Du solltest ehrlich seyn--

Jago. Ich sollte klug seyn; Ehrlichkeit ist ein Narr, der jedermann gutes thut, und nur sich selbst schadet.

Othello. Bey allem was in der Welt ist, ich denke mein Weib ist unschuldig, und denke sie ists nicht; ich denke du bist rechtschaffen, und denke du bist's nicht; ich will Beweis haben. Ihr Name, der so frisch war wie Dianens Antliz, ist nun so schwarz als mein eignes. Nein, wenn noch Strike, noch Dolche, noch Gift, Feuer oder Wasser in der Welt sind, so will ich diese Pein nicht laenger ausstehen-- Ich wollt' ich waere meines Schiksals gewiss!

Jago. Ich sehe, Gnaediger Herr, ihr werdet von eurer Leidenschaft aufgerieben. Es reut mich, dass ich Anlas dazu gegeben habe. Ihr wollt eures Schiksals gewiss seyn?

Othello. Ja, das will ich.

Jago. Und koennt; aber wie? wie gewiss seyn, Gnaediger Herr? wolltet ihr ein Augenzeuge seyn--mit weitoffnen Augen zusehen? Sehen wie sie--

Othello. Tod und Verdammniss! oh!

Jago. Ich denk' es wuerde schwer halten, sie so vertraulich zu machen: Bey solchen Spielen liebt man keine fremde Augen zu Zuschauern. Was dann? Wie dann? Was soll ich sagen? Was nennt ihr Gewissheit? Es ist unmoeglich, dass ihr's mit Augen sehen koennt; und wenn sie so unverschaemt waeren wie Geissen, so hizig wie die Wald-Teufels, und so unbesonnen wie ein Dummkopf, den man mit Wein angefuellt hat. Und doch sag ich, wenn Wahrscheinlichkeiten, wenn Umstaende die geradeswegs bis vor die Thuere der Wahrheit fuehren, euch Gewissheit geben koennen, so koennt' ihr sie haben.

Othello. Gieb mir einen ueberfuehrenden Beweis, dass sie ungetreu ist.

Jago. Ihr legt mir eine unangenehme Pflicht auf; aber da ich mich nun einmal, aus unueberlegter Aufrichtigkeit und Freundschaft, so weit in diese Sache eingelassen habe, so will ich weiter gehen. Ich lag lezthin mit Cassio in einem Bette; ein rasender Zahn machte dass ich nicht schlafen konnte--Es giebt eine Art von Leuten, deren Seele so schlapp ist, dass ihnen ihre geheimsten Gedanken im Schlaf entgehen. Von dieser Art ist Cassio. Er redte im Schlaf. Liebste Desdemona, hoert' ich ihn sagen, lass uns vorsichtig seyn. Lass uns unser Liebes-Verstaendniss dem schaerfsten Aug' unerforschlich machen! Und dann, gnaediger Herr, tappte er um sich, und druekte mir die Hand, rief--O bezauberndes Geschoepf! und kuesste mich dann nicht anders, als ob er Kuesse, die auf meinen Lippen wuechsen, mit den Wurzeln ausziehen wollte, legte dann sein Bein ueber meinen Schenkel, und seufte und kuesste mich, und rief, verfluchtes Schiksal, das dich dem Mohren gab!

Othello. O Scheusal! Scheusal!

Jago. Nein, das war nur ein Traum.

Othello. Aber ein Traum, der ganz deutlich anzeigt, was geschehen ist.

Jago. Das ist ein verdammter Zweifel, ob es gleich nur ein Traum ist. Es kan doch immer dazu dienen, andre, an sich selbst zu schwache Anzeigen zu verstaerken.

Othello. Ich will sie von Glied zu Glied in Stueke reissen.

Jago. Nicht so heftig! Fasset euch; noch (sehen) wir nichts, sie kan noch unschuldig seyn--Sagt mir nur das, habt ihr niemals ein Schnupftuch, mit Erdbeeren ueberstikt, in eurer Gemahlin Hand gesehen?

Othello. Ich gab ihr so eines, es war mein erstes Geschenk.

Jago. Davon weiss ich nichts; aber mit einem solchen Schnupftuch (und ich bin gewiss, es war eurer Gemahlin ihres,) sah ich Cassio heute seinen Bart wischen.

Othello. Wenn's das nemliche waere--

Jago. Es mag dieses oder ein anders seyn, so war es doch von ihr, und, zu den andern Proben genommen, spricht es nicht zu ihrem Vortheil.

Othello. O dass die Elende tausend Leben haette! Eines ist zu wenig fuer meine Rache. Nun seh ich endlich--Schau, Jago, so blase ich alle meine Liebe dem Himmel zu: Sie ist weg;--erhebe dich, schwarze Rache, aus deiner unseligen Gruft! und du, Liebe, tritt dem tyrannischen Hass deinen Thron und deine Krone ab! Wie mein Herz mir schwillt, als ob es mit lauter Natter-Zungen angefuellt waere!

Jago. Gebt euch noch zufrieden.

Othello. O Blut, Blut, Blut!--

Jago. Geduld, sag ich; ihr koennt vielleicht anders Sinnes werden.

Othello. Niemals, Jago--niemals sollen meine blutige Gedanken, in ungestuemer Fluth sich daherwaelzend, zu sanfter Liebe zuruek fliessen, bis eine weite hinlaengliche Rache sie verschlungen haben wird--Das schwoer' ich,

(er kniet,)

hoere Himmel das schrekliche, unwiederrufliche Geluebd!--Bey deiner unzerstoerbaren Veste schwoer' ich Rache!

Jago (kniend.) Stehet noch nicht auf--Seyd Zeugen, ihr ewigbrennenden Lampen dort oben, und ihr Elemente, die uns rings umfassen; seyd Zeugen, dass Jago hier alles was sein Verstand, seine Hand und sein Herz vermag, zum Dienste des beleidigten Othello wiedmet! Er befehle! Und ich will gehorchen, ohne Zaudern gehorchen, so blutig auch der Befehl seyn mag!

Othello. Ich bewillkomme deine Freundschaft nicht mit eiteln Danksagungen, sondern mit gutwilliger Annahm; und im gleichen Augenblik will ich dir sagen, wozu ich sie noethig habe. In den naechsten dreyen Tagen, lass mich von dir hoeren, dass Cassio nicht mehr ist.

Jago. Mein Freund ist todt; ihr wollt es, es ist gethan. Aber sie--sie lasst leben!

Othello. Verderben ueber sie, die unzuechtige Gleissnerin! oh! Verderben, Verderben ueber sie! Komm, geh mit mir auf die Seite, ich muss auf irgend ein schnelles Mittel denken, den schoenen Teufel aus der Welt zu schaffen. Nunmehr bist du mein Lieutenant--

Jago. Ich bin auf ewig der eurige.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene. (Ein andrer Theil des Pallasts.) (Desdemona, Aemilia, und Hans Wurst.)

Desdemona. Guter Freund, wisst ihr, wo der Lieutenant Cassio ligt?

Hans Wurst. Das unterstuehnd' ich mich wol nicht zu sagen, dass er irgendwo luege.

Desdemona. Warum?

Hans Wurst. Er ist ein Soldat; und wenn unser einer sagte, ein Soldat luege, das waere Hals-Arbeit.

Desdemona. Keine Possen! Wo ist sein Quartier?

Hans Wurst. Da wuerd' ich selbst luegen, wenn ich euch das sagen wollte.

Desdemona. Auf diese Art werd' ich von dir keine Antwort kriegen.

Hans Wurst. Ich weiss sein Quartier nicht; und wenn ich folglich ein Quartier erdenken wollte, und sagen, er lige da, oder er lige da im Quartier, so wuerd ich's in meinen Hals hinein luegen.

Desdemona. Du kanst ihn doch erfragen?

Hans Wurst. Ich will die ganze Welt catechisieren; ich will so lange nach ihm fragen, bis mir jemand antwortet, wo er ist.