Chapter 4
Nein, guter Lieutenant--Ums Himmels willen, meine Herren--Helft! he!--Lieutenant--meine Herren--Montano--helft, ihr Herren! das ist mir eine feine Wache, in der That!--Nu ja, wer hat den Einfall gar die Sturmgloke zu laeuten?--Zum Teufel, halt! die ganze Stadt wird in Bewegung kommen. Fy, fy, Lieutenant! halt, sag ich! Ihr verliehrt eure Ehre auf eine unwiederbringliche Art.
Zwoelfte Scene. (Othello, mit seinem Gefolge zu den Vorigen.)
Othello. Was giebt es hier?
Montano. Ich blute stark, ich bin verwundet, doch nicht toedtlich.
Othello. Halt, so lieb euch euer Leben ist.
Jago. Halt, he, Lieutenant--Herr--Montano--meine Herren--Habt ihr denn allen Verstand verlohren? Wisst ihr nicht mehr, wer, und vor wem ihr seyd? Der General redt mit euch--Halt, sag ich--schaemt euch doch wenigstens, und haltet ein--
Othello. Wie, was soll das seyn, he! Wer ist der Urheber von diesem Unfug? Sind wir zu Tuerken geworden? Und thun uns selbst was der Himmel den Ottomannen verboten hat? Aus Schaam wenigstens vor diesen Unglaeubigen, macht diesem barbarischen Gefecht ein Ende; der erste von euch, der sich noch ruehrt, ist auf der Stelle des Todes! Heisst diese Gloke schweigen, sie schrekt diese Insel aus ihrer Ruhe auf. Was war denn der Anlas zu diesem Handel? Ehrlicher Jago, dein blasses Gesicht sagt mir, dass du bekuemmert bist--Sprich, wer machte den Anfang? Sage die Wahrheit, so lieb ich dir bin!
Jago. Ich weiss es nicht; wir waren alle gute Freunde, nur eben, nur noch vor einem Augenblik auf der Hauptwache beisammen, so freundlich wie Braut und Braeutigam, wenn sie zu Bette gehen wollen--und dann, in einem Augenblik (nicht anders als ob irgend ein aufgehender Planet den Leuten die Vernunft genommen haette) sind sie mit ihren Degen heraus, und gehen einander auf Leib und Leben. Ich kan nicht sagen, was der Anlas zu diesem unsinnigen Zwist war; aber ich wollte, ich haette in irgend einer ruehmlichen Action diese Beine verlohren, die mich zu einem Theil davon gefuehrt haben.
Othello. Wie kommt es, Cassio, dass ihr euch so vergessen habt?
Cassio. Ich bitte euch, entschuldigt mich, ich kan nicht reden.
Othello. Wuerdiger Montano, ihr seyd sonst ein gesitteter Mann: die Welt legt euch den Charakter eines gesezten und sittsamen Juenglings bey, und die Weisesten sprechen euern Namen mit Hochachtung aus. Was fuer ein Anlas konnte euch dahin bringen, euern Ruhm so leichtsinnig zu verschleudern, und die gute Meynung der Welt um den Namen eines Nacht-Schwaermers hinzugeben? Antwortet mir auf das!
Montano. Wuerdiger Othello, ich bin gefaehrlich verwundet: Euer Officier, Jago, kan mir eine Muehe ersparen, die mir izt einige Ungelegenheit verursachen wuerde; er weiss alles, was ich euch sagen koennte; und ich wisste auch nicht was ich diese Nacht ueber Unrechtes gesagt oder gethan haette, es waere denn, dass Selbstvertheidigung, wenn wir gewaltsam angefallen werden, eine Suende seyn sollte.
Othello. Nun, beym Himmel, mein Blut fangt an ueber meine Vernunft Meister zu werden--Reizt mich nicht, sag ich euch, oder wenn ich nur diesen Arm hebe, so soll der Beste von euch unter meinem Zorn zu Boden sinken. Lasst mich wissen, wie dieser schaendliche Tumult sich anhub; wer der Anfaenger war; und derjenige, welcher schuldig befunden wird, hat einen Freund an mir verlohren, und wenn er mein Zwillings- Bruder waere--Wie? in einer mit Krieg bedraeuten Stadt, deren Einwohner noch mit Schreken angefuellt sind, sich von der Furcht eines feindlichen Ueberfalls noch nicht erholt haben, um Privat- Haendeln willen einen Lerm anfangen? Und das bey Nacht, und auf der Hauptwache, die der Schirm der allgemeinen Sicherheit seyn soll? Es ist etwas ungeheures! Rede, Jago, wer war der Anfaenger?
Montano. Wenn du aus Partheylichkeit, Freundschaft oder vermeynter Pflicht mehr oder weniger sagst als wahr ist, so bist du kein Soldat.
Jago. Ruehret mich an keinem so empfindlichen Theil an: Ich wollte mir lieber diese Zunge aus dem Mund reissen lassen, als dass ich meinem Freund Cassio zum Schaden reden wollte: jedoch hoff' ich es koenne ihm keinen Schaden thun, wenn ich die Wahrheit sage. So verhaelt sich die Sache, General: Montano und ich waren in einem Gespraech begriffen, als ein Bursche hereinzulauffen kam, der aus vollem Hals um Huelfe schrie, und Cassio mit blossem Degen hinter ihm her, vermuthlich um ihn abzustraffen. Hierueber gieng dieser Herr auf den Cassio zu, und bat ihn sich zufrieden zu geben, ich selbst aber lief dem schreienden Kerl nach, aus Furcht, sein Geschrey moechte (wie es auch wuerklich begegnet ist,) die Stadt in Unruh sezen; allein, da er schneller auf den Beinen war, so verlohr' ich ihn gleich aus dem Gesicht, kehrte also wieder zuruek, um so mehr als ich das Klingeln und Fallen von blossen Degen und den Cassio gewaltig fluchen hoerte, welches ich vor dieser Nacht niemals haette von ihm sagen koennen. Wie ich nun zuruek kam, so fand ich sie im hizigsten Gefecht begriffen, kurz, in den nemlichen Umstaenden, worinn ihr selbst sie auseinander gebracht habt. Mehr kan ich von diesem Handel nicht sagen. Aber Menschen sind Menschen; die besten vergessen sich zuweilen; und wenn ihm auch Cassio ein wenig zuviel gethan hat, wie denn Leute in der Wuth oft ihre liebsten Freunde schlagen, so glaub ich doch gewiss, dass Cassio von dem Burschen, der entlaufen ist, irgend eine grobe Beleidigung, die nicht zu dulden war, empfangen haben muss.
Othello. Ich sehe, Jago, dass dein gutes Gemueth und deine Liebe zu Cassio seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du bist mein Officier nicht mehr--(Desdemona, mit Gefolge, zu den Vorigen.) Seht, ist nicht meine liebste Desdemona aufgestanden--ich will dich zu einem Exempel machen.
Desdemona. Was ist hier zu thun?
Othello. Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe--Mein Herr, ich will selbst der Arzt fuer eure Wunden seyn--Fuehrt ihn nach Hause. Jago, lass dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn--Komm, Desdemona; es ist einer von den Zufaellen des Soldaten-Lebens, oft vom suessesten Schlummer durch kriegrisches Getuemmel aufgewekt zu werden.
(Sie gehen ab.)
Dreyzehnte Scene. (Jago und Cassio bleiben.)
Jago. Wie, seyd ihr verwundet, Lieutenant?
Cassio. So, dass mir alle Wundaerzte der Welt nicht helfen koennen.
Jago. Das verhuete der Himmel!
Cassio. O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren; ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir uebrig geblieben, ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen guten Namen!--
Jago. So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr haettet irgend eine tieffe Wunde in den Leib bekommen; das haette mehr zu bedeuten als ein guter Name--Diese Schimaere, die so oft ohne Verdienste gewonnen, und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren, als in so fern ihr euch einbildet, dass ihr was verlohren habt. Wie, Mann--man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr seyd nur noch muendlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik als boeser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen Hund schluege, um einen uebermuethigen Loewen zu erschreken. Gebt ihm gute Worte, so ist er wieder euer.
Cassio. Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so unbedachtsamen Officier betruegen. Besoffen? und plappern wie ein Papagay? und Haendel anfangen? grosspralen? fluchen? und dummes Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbaendiger Geist des Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan, so lass dich Teufel heissen.
Jago. Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er euch gethan?
Cassio. Das weiss ich nicht.
Jago. Ists moeglich?
Cassio. Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von Sachen, aber nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O dass ein Mann einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine Vernunft wegstehlen koenne! dass wir faehig sind, mit lauter Freude, Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!
Jago. Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr euch sobald wieder erholt?
Cassio. Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht; eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre--o wie herzlich veracht' ich mich selber!
Jago. Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der Zeit, des Orts und der gegenwaertigen Umstaende dieses Lands moecht' ich selbst von Herzen wuenschen, es waere nicht begegnet; aber da es nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt darauf, wie ihr's wieder gut machen wollt.
Cassio. Gesezt, ich geh, und bitt' ihn wieder um meine Stelle, so wird er mir sagen, ich sey ein Trunkenbold--Haette ich so viele Maeuler als die Hydra, eine solche Antwort wuerde sie mir alle stopfen. Izt ein vernuenftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann ploezlich gar ein Vieh--Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht, und das Ingrediens davon ist ein Teufel.
Jago. Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter (Spiritus familiaris,) wenn man mit ihm umzugehen weiss: Keine Declamationen mehr dagegen!--Mein lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, dass ich euer Freund bin.
Cassio. Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr--Ich, betrunken!--
Jago. Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in der Welt einmal begegnen kan--Ich will euch sagen, was ihr thun solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung, Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schoenheiten gewiedmet und ueberlassen zu haben scheint. Macht ihr ein freymuethiges Gestaendniss euers Fehlers, und lasst nicht ab, bis sie euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von einer so grossmuethigen, so guetigen, so menschenfreundlichen Gemueths- Art, dass sie es fuer einen Mangel an Guete hielte, nicht noch mehr zu thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu loethen--und ich will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure Freundschaft wird staerker werden als sie je gewesen ist.
Cassio. Euer Rath ist gut.
Jago. Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und freundschaftlichen Herzen.
Cassio. Davon bin ich ueberzeuget; ich will es nicht laenger als bis morgen frueh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu bitten; ich bin gaenzlich verlohren, wenn ich auf eine so schimpfliche Art von hier gejagt werde.
Jago. Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich muss zur Wache sehen.
Cassio. Gute Nacht, redlicher Jago--
(Er geht ab.)
Vierzehnte Scene.
Jago (allein.) Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die gutherzige Desdemona zu bewegen, dass sie irgend eine erlaubte Bitte beguenstige; sie ist von einer so ueberfliessend-wohlthaetigen Natur wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist fuer sie wiederum nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, waer' es auch seinem Taufbund zu entsagen, so gaenzlich ist seine Seele in ihrer Liebe verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit seiner Schwaeche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten fuehrt? Beym Abgott der Hoelle! wenn Teufel ihre schwaerzeste Suenden ausueben wollen, so taeuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten-- So mach' ichs wuerklich auch. Denn indess dass dieser ehrliche Thor sich Desdemonen zu Fuessen wirft, um sein Gluek wieder herzustellen, und sie alle ihre Macht ueber den Mohren zu Cassio's Vortheil anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen, dass sie ihn nur zu Buessung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten wuensche; und je eyfriger sie sich bemuehen wird, ihm Gutes zu thun, je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren. So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Guete selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo kommt ihr her, Rodrigo?
Fuenfzehnte Scene. (Rodrigo zu Jago.)
Rodrigo. Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgepruegelt worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, dass ich so viel Erfahrung fuer meine Muehe habe; und so werd' ich mit einem leeren Beutel und einem Bisschen mehr Wiz wieder nach Venedig zuruek kehren--
Jago. Was fuer elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben koennen! Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach--Du weissst doch, dass wir nicht zaubern koennen, sondern dass alles was wir thun, natuerlich zugehen muss; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo fehlt es dann, lasst sehen? Cassio hat dich gepruegelt, und du hast fuer ein paar arme Schlaege diesen Cassio cassiert--Was reiff werden soll, muss erst bluehen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist wuerklich schon Tag. Vergnuegen und Arbeit machen, dass uns die Stunden kurz scheinen. Entfern' dich; geh, wohin du angewiesen bist; geh, sag ich--du sollst bald mehr von mir hoeren--Nun, so geh doch--
(Rodrigo geht.)
Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib muss fuer den Cassio zur Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich muss indess den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen ueberraschen kan--ja, so muss es gehen--und das Eisen soll geschmiedet werden, weil es noch warm ist.
(Er geht ab.)
Dritter Aufzug.
Erste Scene. (Vor Othello's Pallast.) (Cassio, mit Musicanten, tritt auf.)
Cassio. Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Muehe vergelten,) etwas das nicht zu lange waehrt, und dann wuenscht dem General einen guten Morgen.
(Die Musik faengt an; Hans Wurst kommt aus dem Hause heraus.)
Hans Wurst. Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, dass sie so durch die Nase reden?--Hier ist Geld fuer euch; eure Musik gefaellt dem General so wol, dass er wuenscht, ihr moechtet ihm den Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.
Musicant. Gut, Herr, wir wollen's leiser machen.
Hans Wurst. Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hoert, so macht immer fort: Aber was man heisst, Musik zu hoeren, davon ist der General kein sonderlicher Liebhaber.
Musicant. Eine Musik, die man nicht hoert?--Wir koennen eine solche, Herr.
Hans Wurst. So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht, zerfliesst in Luft, fort.
(Die Musicanten gehen ab.)
Cassio. Hoerst du, guter Freund?
Hans Wurst. Mit beyden Ohren.
Cassio. Hier ist ein kleines Goldstuek fuer dich; wenn die Kammer-Frau der Generalin auf ist, so sag' ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der sich die Erlaubniss ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden. Willt du?
Hans Wurst. Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.
(Er geht.)
Cassio. Thu das, guter Freund--Da kommt Jago eben recht.
Jago. (zu ihm.) Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?
Cassio. Nein, gewiss nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich will sie ersuchen, sie moechte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.
Jago. Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indess ein Mittel ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr ungehindert mit Desdemonen sprechen koennt.
(Er geht ab.)
Cassio. Ich dank euch gehorsamst davor--In meinem Leben hab' ich keinen gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen! (Aemilia zu Cassio.)
Aemilia. Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, dass ihr Verdruss gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr haelt ihr entgegen, derjenige, den ihr verwundet haettet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern, und von einer ansehnlichen Familie; er koenne aus politischen Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre Fuerbitter noethig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als seine eigne Zuneigung.
Cassio. Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt dass es schiklich sey, und wenn es sich thun laesst, mir Gelegenheit zu verschaffen, dass ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen koennte.
Aemilia. Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort fuehren, wo ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem Herzen habt.
Cassio. Ich bin euch sehr dafuer verbunden.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene. (Othello, Jago, und etliche Cyprische Edelleute.)
Othello. Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang in die Vestungs-Werker thun, mache, dass du dort wieder zu mir kommst.
Jago. Ich werde nicht ermangeln, gnaediger Herr.
Othello. Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?
Edelleute. Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene. (Verwandelt sich in das Zimmer im Pallast.) (Desdemona, Cassio, und Aemilia.)
Desdemona. Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermoegenheit zu deinem Besten anwenden.
Aemilia. Thut es, liebste Madam; ich weiss, es bekuemmert meinen Mann, als ob es seine eigne Sache waere.
Desdemona. Ich glaub' es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als ihr gewesen seyd.
Cassio. Meine grossmuethigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.
Desdemona. Ich weiss es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische Ursachen sich genoethigt sehen wird.
Cassio. Sehr wohl, Gnaedige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so lange waehren, und indess mit einer so leichten und waessrichten Nahrung unterhalten werden, dass, indem ich abwesend bin, und ein andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und meiner Dienste endlich gaenzlich vergessen wird.
Desdemona. Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart verbuerg' ich mich selbst fuer deine Stelle. Versichre dich, wenn ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf verlassen, dass ich ihre Pflichten bis auf den aeussersten Punkt erfuellen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders hoeren, ich will ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen noch thun koennen, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio's Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.
Vierte Scene. (Othello und Jago treten von der Seite, in einiger Entfernung auf.)
Aemilia. Gnaedige Frau, dort kommt euer Gemahl.
Cassio. So will ich meinen Abschied nehmen, Gnaedige Frau.
Desdemona. Warum dann? Bleibt da, und hoert mich reden.
Cassio. Izt nicht, Gnaedige Frau; ich bin so uebel aufgeraeumt, dass ich meiner Sache keinen guten Schwung geben wuerde.
(Cassio geht ab.)
Desdemona. Gut, nach euerm Belieben.
Jago (leise.) Ha! Das gefaellt mir nicht zum Besten--
Othello (zu Jago.) Was sagst du?
Jago. Nichts, Gnaediger Herr; oder wenn--ich weiss selbst nicht was.
Othello. Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?
Jago. Cassio, Gnaediger Herr?--Nein, versichert, ich kan mir nicht vorstellen, dass er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig davon schleichen wuerde, als ob er kein gutes Gewissen haette.
Othello. Ich glaube nicht anders als er war's.
Desdemona. Wie steht's, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr unglueklich macht.
Othello. Und wer ist dieser Mann?
Desdemona. Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl, wenn ich nur das mindeste Vermoegen ueber euer Herz habe, so soehnt euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist, der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein ehrliches Gesicht ist.
Othello. War er's, der nur eben weggieng?
Desdemona. Und so niedergeschlagen, dass er meinem mitleidigen Herzen einen Theil seines Kummers zuruekgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz, lasst ihn zuruekruffen.
Othello. Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.
Desdemona. Aber doch bald?
Othello. Bald genug, mein Herz, fuer dich.
Desdemona. Heute, Abends, zum Nacht-Essen?
Othello. Das nicht.
Desdemona. Also doch morgen auf den Mittag?
Othello. Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.
Desdemona. Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts, oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber lass es nicht laenger als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist bussfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, dass in Kriegszeiten von einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient--Wenn soll er kommen? Sag mir's, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was ihr mich bitten koenntet, das ich euch abschlagen wuerde, oder wobey ich so verdrieslich dastuehnde! Wie? Michael Cassio!--Der eurer Liebe zu mir so gute Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm--und ich soll soviel Muehe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr--
Othello. Ich bitte dich, lass es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich will dir nichts abschlagen.
Desdemona. Wie, das ist keine Gefaelligkeit, die ich fuer mich bitte; es ist als ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey euch darum anhielte, dass ihr euch selbst etwas zu gut thun moechtet. Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.
Othello. Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von dir ausbitte, ist, dass du mich izt ein wenig allein lassen wollest.
Desdemona. Sollt' ich euch's abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.
Othello. Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.
Desdemona. Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr moegt seyn wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.
(Sie gehen ab.)
Fuenfte Scene. (Othello und Jago bleiben.)
Othello. Anmuthsvolle Spizbuebin!--Verderben erhasche meine Seele, wenn ich dich nicht liebe--und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die Welt wieder zum Chaos worden.
Jago. Mein Gebietender Herr--
Othello. Was willt du sagen, Jago?
Jago. Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wusste Michael Cassio etwas von eurer Liebe?
Othello. Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?
Jago. Bloss zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts boeses zu bedeuten.
Othello. Warum zu deiner eignen Befriedigung?
Jago. Ich glaubte nicht, dass er etwas davon gewusst habe.