Othello

Chapter 3

Chapter 33,776 wordsPublic domain

Officier. Ein gewisser Jago, der Faehndrich des Generals.

Cassio. Das kostbare Kleinod, womit er beladen war, hat seine Fahrt so gluecklich gemacht; die Ungewitter selbst, schwellende Seen und heulende Winde, die Wasserbedekten Felsen und die aufgehaeuften Sandbaenke, (Verraether, die im Verborgnen lauren, den schuldlosen Kiel anzuhalten) vergessen, gleich als ob sie ein Gefuehl der Schoenheit haetten, ihre natuerliche Grausamkeit, um die goettliche Desdemona unbeleidigt durchzulassen.

Montano. Wer ist diese?

Cassio. Sie, von der ich sprach, die Beherrscherin unsers grossen Befehlshabers, die er der Fuehrung des kuehnen Jago anvertraut hat, und deren beschleunigte Ankunft unsern Gedanken um eine Woche wenigstens zuvorkoemmt. Beschueze nun, o Himmel, beschueze noch Othello! und schwelle seine Seegel mit deinem eignen allmaechtigen Athem auf, damit er mit seinem schoenen Schiff diese Bay beselige, und wenn seine Liebe in Desdemonens Armen die Entzuekung des Wiedersehens ausgeathmet hat, unsre erloeschende Geister in neues Feuer seze, und ganz Cypern mit Muth und Vertrauen erfuelle.--

Fuenfte Scene. (Desdemona, Jago, Rodrigo und Aemilia zu den Vorigen.)

Cassio. --O sehet! der Schaz des Schiffes ist ans Land gekommen: Ihr Maenner von Cypern, lasst eure Knie sie bewillkommen! Heil dir, Gebieterin, und jeder Segen des Himmels gehe vor dir her, folge dir, und schwebe zu deiner Seiten rings um dich her.

Desdemona. Ich danke euch, tapfrer Cassio--Was fuer Nachrichten koennt ihr mir von meinem Herrn geben?

Cassio. Er ist noch nicht angelaendet, doch weiss ich nichts anders, als dass er wohl ist und in kurzem hier seyn wird.

Desdemona. O--ich besorge nur--Wie verlohret ihr ihn?

Cassio. Der heftige Streit zwischen Luft und Meer trennte unsre Gesellschaft--Aber horcht, ein Segel!

Hinter der Scene: Ein Segel! ein Segel!

Officier. Dieser Gruss wird gegen die Citadelle gemacht; es ist gleichfalls ein Freund.

Cassio. Seht was es ist: Mein lieber Faehndrich, willkommen! (Zu Aemilia, mit einem Kuss.) Willkommen, Madam. Nehmt mir nicht uebel, mein guter Jago, dass ich meiner Freude den Lauf lasse; es ist eine Gewohnheit von meiner Erziehung her, dass ich so frey im Ausdruk einer schuldigen Hoeflichkeit bin.

Jago. Ich wollte, mein Herr, sie waere gegen euch so freygebig mit ihren Lippen, als sie es oft gegen mich mit ihrer Zunge ist, ihr wuerdet ihrer genug kriegen!

Desdemona. Wie, sie spricht ja gar nichts.

Jago. Wahrhaftig, nur zuviel; ich find' es immer, wenn ich gerne schlafen moechte; vor Euer Gnaden, da glaub' ich selber, dass sie ihre Zunge ein wenig in ihr Herz stekt, und nur in Gedanken keift.

Aemilia. Ihr habt wenig Ursache so zu reden.

Jago. Kommt, kommt, ich kenne euch Weiber so gut als einer; ihr seyd Gemaehlde ausser Hause; Gloken in eurem Zimmer; wilde Kazen in eurer Kueche; Heilige, wenn ihr beleidigt; Teufel, wenn ihr beleidigt werdet; Comoediantinnen in eurer Wirthschaft, und nirgends Haus- Weiber, als in--euerm Bette.

Desdemona. O fy, schaemt euch, ihr garstiger Verlaeumder!

Jago. Nein, es ist wie ich sage, oder ich will ein Tuerk seyn; ihr steht auf, um zu spielen, und legt euch zu Bette, um zu arbeiten.

Aemilia. Ihr sollt mir gewiss keine Lobrede schreiben!

Jago. Ich rathe euch nicht, dass ihr mich dazu bestellet.

Desdemona. Was wuerdest du von mir schreiben, wenn du mich loben muesstest?

Jago. O Gnaedige Frau, sezt mich nicht in Versuchung; ich bin nichts, oder ich bin ein Criticus.

Desdemona. Kommt, eine kleine Probe--Dort ist jemand in die Bay eingelauffen. --

Jago. Ja, Gnaedige Frau.

Desdemona. Ich bin nicht aufgeraeumt; ich beluege das was ich bin, indem ich was anders scheine;--Komm, was wolltest du zu meinem Ruhm sagen?

Jago. Ich bin wuerklich daran; aber, in der That, meine Erfindung geht so ungern von meinem Hirnkasten ab, wie Vogel-Leim von einem Friess-Rok-- doch meine Muse arbeitet, und nun ist sie entbunden--Ein jeder Mund bekennt und spricht, sie ist so weis' als schoen, Doch eines zehrt das andre auf, das muss man auch gestehn.

Desdemona. Vortreflich; aber wie, wenn sie schoen und albern waere?

Jago. Albern? Gut, die bloedste Schoene hatte stets so viel Verstand Dass sie, wo nicht einen Mann, mindstens einen Erben fand.

Desdemona. Das sind alte abgedroschne Einfaelle, um Narren im Bierhause lachen zu machen. Was fuer ein armseliges Lob hast du dann fuer eine, die haesslich und albern ist?

Jago. Keine ist so dumm und haesslich, die an List bey schlimmer Sache Den Verschmiztesten und Schoensten nicht den Vorzug streitig mache.

Desdemona. O grobe Ungeschiklichkeit! Du lobest die Schlechteste am besten. Aber was koenntest du dann zum Lob eines Frauenzimmers sagen, das in der That Lob verdiente? Einer solchen, deren Verdienste so unstreitig waeren, dass sie es auf den Ausspruch der Bosheit selbst ankommen lassen duerfte?

Jago. Die, bey niemals welker Schoenheit frey von Stolz und Eigensinn, Meisterin von ihrer Zunge, und doch keine Schreyerin, Immer Geld im Beutel hat, und sich nie dadurch entehrte, Die gelassen meiden kan, was ihr Herz sich gern gewaehrte; Die, wenn sie der Mann beleidigt, doch der Rache gern entsagt, Welche sanften Weiber-Herzen, wie man glaubt, so sehr behagt: Die so treu der Weisheit ist, dass sie nie in ihrem Leben, Um den Schwanz des besten Salms, eines Schel-Fischs Kopf gegeben; Die zwar denkt, doch was sie denkt, niemand als sich selbst vertraut, Noch, wenn ihr Verehrer folgen, aus Zerstreuung um sich schaut; Diese, wenn sie jemals war, konnte wol vortrefflich taugen--

Desdemona. Und wozu dann?

Jago. Ein Schmahl-Bier-Protocoll zu fuehren, und Narren auszusaugen.

Desdemona. O, was fuer ein krueppelhafter, armseliger Schluss! Lerne ja nichts von ihm, Aemilia, ob er gleich dein Mann ist. Was sagt ihr, Cassio, wuerd' er nicht einen feinen Rath abgeben?

Cassio. Es ist besser gemeynt als gesagt, Madam; Euer Gnaden werden den Soldaten groesser in ihm finden, als den Gelehrten.

Jago (bey Seite.) Er nimmt sie bey der Hand; gut, wol gegeben--fluestert einander ins Ohr--Ich brauche kein staerkeres Gewebe als diss, um eine so grosse Fliege wie Cassio zu verstriken. Ey ja doch, laechle sie an, thu's-- in deiner eignen Hoeflichkeit sollst du gefangen werden--Ihr habt recht, es ist so, in der That--Wenn solche arme kleine Freyheiten euch um eure Lieutenants-Stelle bringen sollten, so waer' es besser, ihr haettet eure drey Finger nicht so oft gekuesst--O vortrefflich! wol gekuesst! vortreffliche Galanterie!--es ist so, in der That-- Noch einmal--eure Finger an eure Lippen? Ich wollt' es waeren Clystier-Sprizen, so lieb seyd ihr mir.

(Trompeten.)

Ha, der Mohr kommt; ich kenne seine Trompete.

Cassio. Es ist wuerklich so.

Desdemona. Wir wollen ihm entgegen gehen--

Cassio. Seht, hier ist er schon.

Sechste Scene. (Othello und Gefolge zu den Vorigen.)

Othello. O meine schoene Heldin!

Desdemona. Mein theurer Othello!

Othello. Meine Verwundrung euch vor mir hier zu sehen, ist so gross als mein Vergnuegen. O Wonne meines Herzens! Wenn auf jeden Sturm eine so suesse Stille folgte, so moechten die Winde blasen, bis sie den Tod aufgewekt haetten: So moechte die arbeitende Barke an Huegeln von Wasser bis an den Olymp hinauf klettern, dann wieder so tief sich tauchen, als die Hoelle vom Himmel ist! Wenn ich izt sterben muesste, so waer's in dem Augenblik, da meine Gluekseligkeit ihren hoechsten Punkt erreicht hat; ich besorge sehr, diese Wonne meiner Seele ist zu gross, als dass noch eine solche in der unbekannten Zukunft fuer mich ligen kan.

Desdemona. Das verhuete der Himmel, dass unsre Liebe und unser Vergnuegen nicht in gleichem Maasse zunehmen sollte, wie unsre Tage wachsen!

Othello. Amen, zu diesem holden Wunsch! Ich kan nicht genug von dieser Freude sagen, mein Herz ist so voll--

(er kuesst sie--)

und diss, und diss, moege die groesseste Dissonanz seyn, die jemals unsre Herzen machen werden!

Jago (bei Seite.)

O, izt seyd ihr noch wolgestimmt; aber ich will den Wirbel legen, der diese Musik macht, so wahr ich ehrlich bin!

Othello. Kommt, wir wollen in's Schloss. Nun, meine Freunde, der Krieg ist geendigt, eh er angefangen hat; die Tuerken sind ertrunken. Wie leben unsre alten Bekannten auf dieser Insel?--Mein liebstes Herz, ihr werdet in Cypern sehr geliebt werden; ich habe viele Freundschaft hier empfangen--O meine Liebe, ich merke dass ich mich vergesse; das Uebermaass meiner Freude macht mich schwaermen.--Ich bitte dich, guter Jago, geh an die Rhede und lass meine Kisten auspaken; und den Schiffs-Patron bring' in die Citadelle zu mir; er ist ein geschikter Mann, dessen Verdiensten eine vorzuegliche Achtung gebuehrt. Kommt, Desdemona, noch einmal willkommen in Cypern!

(Othello und Desdemona gehen ab.)

Siebende Scene. (Jago und Rodrigo bleiben.)

Jago (zu einigen Bedienten.) Geht ihr dem Hafen zu, ich werde in einem Augenblik folgen--(zu Rodrigo.) Komm naeher, wenn du ein tapfrer Mann bist; (und man sagt doch, dass die Liebe auch den feigesten Seelen eine gewisse Staerke und Erhabenheit gebe, die ihnen sonst nicht natuerlich ist)--Horch mir zu; der Lieutenant commandirt diese Nacht auf der Hauptwache. Zuerst muss ich dir sagen, dass diese Desdemona geradezu in ihn verliebt ist.

Rodrigo. In ihn? Wie, das ist nicht moeglich.

Jago. Leg deine Finger auf den Mund und lass dir sagen, was du zu wissen brauchst. Bedenk einmal mit was fuer einer Heftigkeit sie anfangs den Mohren liebte, bloss weil er aufschnitt, und ihr romanhafte Luegen vorsagte. Meynst du, sein Pralen werde machen, dass sie ihn immer liebe? Sey nicht so einfaeltig, und bilde dir solche Dinge ein. Ihr Auge muss doch auch eine Nahrung haben. Und was ein Vergnuegen kan sie davon haben, wenn sie den Teufel ansieht? Wenn die Entzuekungen des Liebes-Spiels das Blut ermattet haben, so braucht es Reizungen, Schoenheiten, Sympathie im Alter, zaertliche Empfindungen, was weiss ich's, kurz lauter Eigenschaften, die der Mohr nicht hat, um es wieder anzuflammen. Nun aber kan's nicht fehlen, der Abgang dieser Erfordernisse und Uebereinstimmungen wird ihre jugendliche Zaertlichkeit gar bald empoeren; sie wird finden, dass sie sich betrogen hat; sie wird des Mohren erst satt, dann ueberdruessig werden, dann einen Ekel vor ihm bekommen, und ihn endlich gar verabscheuen, die Natur selbst wird sie das lehren und sie zu einer andern Wahl noethigen. Nun, Herr, dieses vorausgesezt, (wie es dann eine ausgemachte Sonnenklare Sache ist,) wer darf sich dieses Gluek mit bessrer Hoffnung versprechen als Cassio? Der geschmeidigste Schurke von der Welt; der nicht mehr Gewissen oder Tugend hat, als der Wohlstand und die Klugheit erfordern, um unterm Schuz der aeusserlichen Form eines bescheidnen und wohlgesitteten Betragens seine geheimen Ausschweiffungen und Leichtfertigkeiten desto sichrer auszuueben; ein glatter, abgeteilter Schurke, ein Gelegenheits-Hascher, ein Gleissner, der sich das Ansehen von Tugenden geben kan, die er nie gehabt hat; ein verteufelter Schurke! Und dann kommt noch in Betrachtung, dass der Schurke huebsch, jung, und mit allen den Erfordernissen begabt ist, worauf Thorheit und unreiffe Jugend am meisten sehen. Ein schwernoethischer ausgemachter Schurke! Und das Weibsbild kennt ihn schon besser, als du dir einbildest.

Rodrigo. Das kan ich unmoeglich von ihr glauben; sie ist von einer so tugendhaften Gemuethsart--

Jago. Tugendhafter Pfifferling! Der Wein den sie trinkt ist aus Trauben gemacht. Wenn sie tugendhaft gewesen waere, so wuerde sie sich nicht in den Mohren verliebt haben: Tugendhafter Quark! Hast du dann nicht gesehen wie sie mit seiner Hand auf- und abschaukelte? Hast du nicht darauf Acht gegeben?

Rodrigo. Ja, das that ich; aber das war nur Hoeflichkeit.

Jago. Leichtfertigkeit war's, bey meiner Seele! Eine geheime Andeutung, ein stillschweigender Prologus zu einem Lustspiel, wo man keine Zuschauer verlangt. Sie kamen einander ja mit ihren Lippen so nah, dass ihr Athem sich vermischen und zusammenfliessen musste. Das ist ein vertrakter Gedanke, Rodrigo! Wenn solche Vertraulichkeiten den Weg bahnen, so darf man sich darauf verlassen, dass die Haupt-Action bald nachkommen wird--Fy, Henker!--Aber, lasst euch nur von mir rathen, Herr. Ich hab' euch von Venedig mitgebracht. Zieht mit auf die Wache diese Nacht, ich will euch dazu commandieren. Cassio kennt euch nicht; und ich will nicht weit von euch seyn. Seht dass ihr dann eine Gelegenheit findet, ihn aufzubringen; redet zu laut, oder haltet euch ueber seine Art zu commandieren auf, oder thut sonst was das ihn aergern kan, wie es Zeit und Umstaende an die Hand geben werden.

Rodrigo. Gut.

Jago. Er ist jaeh, und in einem Augenblik aufgebracht; es kan leicht begegnen, dass er euch einen Schlag giebt. Reizt ihn dazu; dann das wuerde mir einen vortrefflichen Anlass geben, die Cyprier in eine solche Empoerung gegen ihn zu sezen, dass nichts als seine Entfernung sie besaenftigen soll. Dadurch kommt ihr desto baelder zu euerm Zwek; denn wenn Cassio einmal aus dem Weg ist, so will ich fuer das uebrige schon Mittel finden, und ihr sollt glueklich werden.

Rodrigo. Ich verstehe mich zu allem, wenn ihr's dahin bringen koennt.

Jago. Dafuer steh ich dir. Lass dich vor der Citadelle wieder antreffen; ich muss nur einen kleinen Gang machen, um sein Gepaeke ans Land zu holen. Lebt wohl indessen.

Rodrigo. Adieu.

(Er geht ab.)

Achte Scene.

Jago (allein.) Dass Cassio sie liebt, das glaub ich, und dass sie ihn wieder liebt, das laesst sich wenigstens glauben. Was den Mohren betrift, so muss ich gestehen, ob ich ihn gleich nicht leiden kan, dass er von einer gesezten, liebreichen und edeln Gemueths-Art ist; und ich zweifle gar nicht daran, dass er gegen Desdemona ein recht zaertlicher Ehmann seyn wird. Nun lieb ich sie auch, nicht eben aus Antrieb einer sonderlichen Lust zu ihr, (ob ich gleich vielleicht fuer eben so grosse Suenden in des Teufels Schuldbuch stehe,) sondern mehr um an dem ueppigen Mohren Rache zu ueben, den ich im Verdacht habe, dass er meinem Weibe zu nah' gekommen seyn moechte; ein Gedanke, der mir wie mineralisches Gift an meinem Inwendigen nagt, und mir keine Ruhe lassen wird, bis ich quitt mit ihm bin, Weib um Weib: Oder wenn mir auch das fehlschluege, so muss mir der Mohr wenigstens in eine so starke Eifersucht gesezt werden, dass die Vernunft selbst ihm nichts dagegen helfen soll. Und wenn dieser arme Venetianische Brak, den ich bloss um seines guten Jagens willen liebe, unserm Michael Cassio nur recht zu Leibe geht, so wollen wir ihn bald bey der Huefte kriegen, und ihn dem Mohren auf eine Art empfehlen, die ihre Wuerkung thun soll; und der Mohr soll mir noch danken, und mich noch dafuer lieben und belohnen, dass ich ihn fein sauber zu einem Esel mache, und ihn aus dem stolzen Frieden seiner Seele bis zur Tollheit herausbetruege. Das alles ligt hier--aber noch verworren; Spizbueberey laesst ihr ganzes Gesicht nicht eher sehen, bis sie vollbracht ist.

(Geht ab.)

Neunte Scene. (Die Strasse.) (Ein Herold tritt auf.)

Herold. Es ist Othello's, unsers edeln und tapfern Ober-Befehlhabers, Wille und Belieben, dass auf die zuverlaessig eingelauffene Nachricht von dem gaenzlichen Untergang der Tuerkischen Flotte, jedermann seine Freude oeffentlich, durch Taenze, Freuden-Feuer, und alle die Spiele und Lustbarkeiten, wozu einen jeden seine Neigung treiben mag, an den Tag geben moege--Zumal, da noch ueber diese gluekliche Zeitung, sein Vermaehlungs-Fest ein Gegenstand der allgemeinen Freude ist. Alle seine Vorraths-Kammern sind aufgeschlossen, und es ist jedem erlaubt von dieser fuenften Stunde an, bis die Gloke eilfe geschlagen haben wird, zu schmausen und sich zu erlustigen, wie es ihm beliebt. Dieses sollte, nach seinem Befehl, durch oeffentlichen Ausruf bekannt gemacht werden. Heil der Insel Cypern, und unserm edeln General!

(Othello, Desdemona, Cassio, und Gefolge treten auf.)

Othello. Mein lieber Cassio, seht diese Nacht zur Wache; wir wollen nicht vergessen, in unsern Lustbarkeiten nie ueber das Ziel der Anstaendigkeit und Maessigung hinauszuschweiffen.

Cassio. Jago hat schon Befehl auf die Nacht; ich will aber nichts destoweniger selbst ein Aug' auf alles haben.

Othello. Jago ist ein ehrlicher Mensch--Gute Nacht, Cassio. Morgen, so frueh als euch gelegen ist, lasst mich eine Unterredung mit euch haben--

(Zu Desdemona.)

Komm, meine theure Liebe--Wenn der Kauf geschehen ist, so folgt die Nuzniessung;--Gute Nacht.

(Othello und Desdemona gehen ab.)

(Jago zu Cassio.)

Cassio. Willkommen Jago, wir muessen zur Wache.

Jago. Izt noch nicht, Lieutenant, es ist noch nicht zehn Uhr. Unser General hat uns seiner Desdemona zu lieb so frueh entlassen, und wir koennen ihn nicht desswegen tadeln--es ist seine erste Nacht, und sie ist ein Lekerbissen fuer einen Jupiter.

Cassio. Sie ist eine vortreffliche Dame.

Jago. Und sie liebt das Spiel, ich stehe fuer sie.

Cassio. In der That, sie ist ein reizendes Geschoepf.

Jago. Was sie fuer ein paar Augen hat! Es ist, als ob sie einen auffordern--

Cassio. Sehr anziehende Augen, und doch, wie mich daeucht, vollkommen sittsam.

Jago. Und wenn sie redt, ist nicht der blosse Ton ihrer Stimme ein Signal zur Liebe?

Cassio. Sie ist, in der That, die Vollkommenheit selbst.

Jago. Gut, viel Glueks zu ihrer Hochzeit-Nacht! Kommt, Lieutenant, ich habe eine Flasche Wein, und es sind ein paar brave junge Cyprier draussen, die gerne eins auf Othello's Gesundheit mit uns trinken moechten.

Cassio. Diese Nacht kan's nicht seyn, Jago; ich habe ein armes ungluekliches Gehirn zum Trinken. Ich moechte wol wuenschen, dass man eine andre Manier, einander seinen guten Willen zu bezeugen, erfinden moechte als Gesundheittrinken.

Jago. Oh, es sind gute Freunde; nur ein Glaeschen; ich will fuer euch trinken.

Cassio. Ich habe diesen Abend nicht mehr als einen Bechervoll getrunken, der noch dazu mit Wasser gemischt war, und ihr seht, was fuer Veraenderungen er schon hier gemacht. Es ist ein Ungluek fuer mich, dass ich so wenig ertragen kan, aber ich darf es nicht wagen, mehr zu thun.

Jago. Wie, Mann? Die heutige Nacht ist dazu bestimmt, dass man sich lustig mache, und die jungen Herren wuerden sich durch unsre Weigerung beleidigt finden.

Cassio. Wo sind sie?

Jago. Hier, vor der Thuer; ich bitte euch, ruft sie herein.

(Cassio geht ab.)

Jago (allein.) Wenn ich ihm, ueber das was er schon getrunken hat, nur noch einen Becher voll beybringen kan, so wird er so haendelsuechtig seyn, und sich so unnuez machen wie meiner jungen Fraeulein Hund--Nun hat mein ehrlicher Rodrigo, dem die Liebe nun vollends die unrechte Seite herausgekehrt hat, diese Nacht auch manchen Stuzer auf Desdemonens Gesundheit ausgeleert, und izt wird er mit auf die Wache ziehen. Drey junge Cyprier, frische ruestige Bursche, die Herz und Ehre haben, hab ich gleichfalls mit vollen Bechern zugedekt, und sie sind auch von der Wache. Unter dieser Schaar von Betrunknen kan es mir also nicht schwer fallen, unsern Cassio zu einem Excess zu bringen, wodurch er diese Insulaner vor die Koepfe stoesst--Aber da kommen sie ja schon. Wenn der Erfolg meinem Entwurf antwortet, so segelt mein Boot mit Wind und Fluth davon.

Zehnte Scene. (Cassio, Montano, und drey junge Cyprier.)

Cassio. Beym Himmel, sie haben mir schon einen Tips angehaengt.

Montano. Einen sehr kleinen, in der That: ihr habt nicht ueber eine Maass getrunken, so wahr ich ein Soldat bin.

Jago. Wein her, Wein her! (er faengt an zu singen) he! Wein her, ihr Jungens!

Cassio. Beym Himmel, das war ein huebsches Lied.

Jago. Das lernt ich in England, wo sie, in der That, maechtige Zecher sind. Euer Daehne, euer Deutscher, euer schmerbauchichter Hollaender--he! zu trinken! sind nichts gegen meinen Englaender.

Cassio. So ist euer Englaender ein so grosser Trinker?

Jago. Ob er's ist? Ich sag euch, er trinkt euch eure Daenen zu Boden, ohne dass ihr's ihm anseht. Er braucht nicht zu schwizen, um ueber euern Deutschen Meister zu werden; und euern Hollaender bringt er zum Speyen, eh die naechste Flasche gefuellt werden kan.

Cassio. Auf die Gesundheit unsers Generals!

Montano. Da bin ich auch dabey, Lieutenant, ich will euch Bescheid thun.

Jago. O das liebe England! (Koenig Stephan war ein braver Pair etc.)

(Er singt.) Mehr Wein her, he!

Cassio. Ha, das Lied ist noch schoener als das vorige.

Jago. Wollt ihr's noch einmal hoeren?

Cassio. Nein, wahrhaftig, und hielte den fuer einen Mann der seines Plazes nicht wuerdig waere, der solche Dinge thun wollte--Gut--Der Himmel ist ueber uns alle; und es ist nun schon einmal so, dass die einen selig werden, und die andern nicht selig werden.

Jago. Das ist wahr, Herr Lieutenant.

Cassio. Was mich betrift, (ohne unserm General, oder sonst einem Mann von Stande zu nah zu treten,) so hoff' ich, selig zu werden.

Jago. Und ich auch, Lieutenant.

Cassio. Schon gut, aber, mit eurer Erlaubniss, nicht vor mir. Der Lieutenant muss vor dem Faehndrich selig werden. Sagt mir nichts mehr hievon!--Wir wollen von unsern Geschaeften reden--Vergieb uns unsre Schulden!--Meine Herren, wir wollen zu unsern Geschaeften sehen. Bildet euch nicht ein, ihr Herren, dass ich betrunken sey: Das ist mein Faehndrich; das ist meine rechte Hand, und das ist meine linke. Ich bin noch nicht betrunken, ich kan noch ziemlich aufrecht stehen, und ich rede noch gut genug.

Alle. Vortreflich gut.

Cassio. Nun, recht gut also; so muesst ihr also nicht denken, dass ich betrunken sey.

(Er geht ab.)

Eilfte Scene.

Montano. Auf die Platte-Forme, meine Herren; kommt, wir wollen die Wache besezen.

Jago. Ihr seht diesen Burschen, der voraus gegangen ist; er ist ein guter Soldat, werth zunaechst an Caesarn zu stehen, und unter ihm Befehle zu geben. Aber ihr seht auch sein Laster;--es ist schade fuer ihn-- er hat Stunden, wo dieses einzige Gebrechen alle seine Tugenden unbrauchbar macht--ich fuerchte nur, das Vertrauen, das Othello in den Mann sezt, mag in irgend einem solchen unglueklichen Augenblik das Verderben dieser Insel seyn.

Montano. Ist er denn oft so?

Jago. Es ist jedesmal der Prologus zu seinem Schlaf. Er wuerde euch zweymal vier und zwanzig Stunden an einem Weg wachen, wenn Bacchus seine Wiege nicht ruettelte.

Montano. Es waere gut, wenn dem General eine Vorstellung hierueber gemacht wuerde; vielleicht weiss er's nicht; oder sein gutes Gemueth ist von den Verdiensten, die an Cassio in die Augen leuchten, so eingenommen, dass er ihm seine Untugenden uebersieht; ist's nicht so?

(Rodrigo zu den Vorigen.)

Jago. Was macht ihr hier, Rodrigo? Ich bitte euch, seht wo der Lieutenant ist, geht.

(Rodrigo geht ab.)

Montano. Und es ist in der That recht zu bedauren, dass der Mohr einen so wichtigen Plaz, die Vertretung seiner eignen Person, einem Mann anvertrauen soll, der mit einem so eingewurzelten Gebrechen behaftet ist; es waere die That eines ehrlichen Mannes, wenn man dem Mohren das sagen wuerde.

Jago. Der moecht' ich nicht seyn, und wenn ich diese ganze Insel damit zu gewinnen wuesste; ich liebe den Cassio, und wollte alles in der Welt thun, ihn von diesem Uebel zu heilen. Horcht, was fuer ein Lerm ist das?

(Man schreyt hinter der Scene: Helft, helft!) (Cassio verfolgt den Rodrigo auf den Schau-Plaz.)

Cassio. Du Raker! du Lumpenhund!

Montano. Was habt ihr, Lieutenant?

Cassio. Ein Schurke soll mich meine Schuldigkeit lehren! Ich will den Schurken in eine Kuerbis-Flasche hineinpruegeln.

Rodrigo. Mich pruegeln--

Cassio. Rueppelst du dich noch, Lumpenkerl?

Montano (der ihn zuruekhaelt.) Haltet ein, guter Lieutenant; ich bitte euch, mein Herr, haltet ein.

Cassio. Lasst mich gehen, Herr, oder ihr kriegt eins auf die Ohren.

Montano. Kommt, kommt, ihr seyd ein betrunkener Mann.

Cassio. Betrunken?--

(Er zieht den Degen gegen Montano, welcher sich zur Wehr sezt.)

Jago (zu Rodrigo leise.) Weg, sag ich, hinaus, und schlagt Lermen.

(Rodrigo geht.)