Othello

Chapter 2

Chapter 23,660 wordsPublic domain

Othello. Erlauchte und Grossmaechtigste Herren, meine sehr edle, geliebte und gnaedige Gebieter; dass ich dieses alten Mannes Tochter entfuehrt habe, ist wahr; und wahr ist's, dass ich mit ihr vermaehlt bin--So weit erstrekt sich die aeusserste Linie meines Verbrechens, und weiter nicht--Ich bin kein Redner, und wenig geuebt in der friedsamen Kunst, die Zuhoerer durch Worte zu gewinnen--Seitdem diese meine Arme siebenjaehriges Mark hatten, bis izt, die leztverflossnen neun oder zehen Monate ausgenommen, sind die Arbeiten des Kriegs meine einzige Beschaeftigung gewesen--in diesen Kreis ist alle meine Wissenschaft eingeschlossen, und das ist alles, wovon ich reden kan. Ich werde also, indem ich fuer mich selbst rede, meiner Sache wenig Vortheil verschaffen. Und doch will ich, mit eurer Erlaubniss, eine aufrichtige ungeschminkte Erzaehlung von dem ganzen Hergang meiner Liebes-Geschichte machen; damit ihr sehet, durch was fuer Traenke, Zauber-Formeln, Beschwoerungen und uebernatuerliche Kuenste, (weil ich doch solche Mittel gebraucht zu haben beschuldiget werde,) ich seine Tochter gewonnen habe.

Brabantio. Ein unschuldiges junges Maedchen, die immer das zaertlichste, schuechternste Kind von der Welt war; eine so sanfte und ruhige Seele, das jede ihrer Bewegungen ueber sich selbst zu erroethen schien--und sie sollte, troz Natur, Jugend, Geburt, Ehre, allem in der Welt, in einen Mann verliebt werden, den sie zu furchtsam war nur anzusehen--Was fuer eine Art zu schliessen muss der haben, der sich vorstellen kan, dass die Natur so weit von ihren eignen Gesezen abweichen sollte--Es ist unmoeglich; aus der Hoelle mussten die verdammten Kuenste hergeholt werden, die das zuwegebringen konnten. Ich behaupte also noch einmal, dass er sie durch Traenke, die das Blut in gewaltsame Unordnung sezen, oder durch irgend ein andres uebernatuerliches Mittel missbraucht und zu Falle gebracht habe.

Herzog. Behaupten ist nicht Beweisen--es gehoeren staerkere Beweisthuemer hiezu als die blossen nakten Vermuthungen, die ihr, in ein duennes Gewand einer schaalen Wahrscheinlichkeit gekleidet, gegen ihn aufzustellen vermeynt.

1. Senator. Redet dann, Othello; brauchtet ihr krumme und gewaltsame Kunstmittel, die Neigungen dieser jungen Tochter zu erzwingen; oder erhieltet ihr sie durch Bitten, und auf diejenige Weise, wie eine Seele die andre anzuziehen pflegt?

Othello. Ich bitte euch, lasst die junge Dame aus dem Schuezen herholen, und sich selbst in Gegenwart ihres Vaters erklaeren; findet ihr, dass ihre Erzaehlung seine Anklage rechtfertiget, so entsezet mich nicht nur aller Ehren und Wuerden, die ich von euch empfangen habe, sondern lasst mein Leben selbst der strengen Gerechtigkeit verfallen seyn.

Herzog. Holet Desdemona hieher.

(Zween oder drey gehen ab.)

Othello (zu Jago.)

Faehndrich, weiset ihnen den Weg, ihr kennt den Ort am besten--

(Jago geht ab.)

--Und indessen bis sie kommt, will ich, so aufrichtig als ich dem Himmel selbst die Vergehungen meines Blutes bekenne, dieser ehrwuerdigen Versammlung anzeigen, wie ich das Herz der schoenen Desdemona gewonnen habe.

Herzog. Redet, Othello.

Othello. Ihr Vater liebte mich, lud mich oft ein, fragte mich immer nach der Geschichte meines Lebens, von Jahr zu Jahr, und liess mich alle Schlachten, Belagerungen und Abentheuer, durch die ich passiert bin, erzaehlen. Das that ich nun, und durchlief mein ganzes Leben, von meinen kindischen Tagen an bis auf den nemlichen Augenblik, worinn er mich erzaehlen hiess: Und da sprach ich ihm also von den verschiedenen seltsamen Glueks-Wechseln, die ich erfahren, von hunderterley tragischen und herzbrechenden Unfaellen, die mir zu Wasser und Land aufgestossen, und wie oft ich kaum noch auf der Breite eines Haars dem eindringenden Tod entgangen; und wie ich in die Haende grausamer Feinde gefallen, und zum Sclaven verkauft worden; und wie ich wieder in Freyheit gekommen, und dann die ganze Geschichte meiner irrenden Ritterschaft--als von ungeheuern Grotten, und unterirdischen Gewoelben, einoeden Inseln, Steinbruechen, Felsen und Gebuergen, die mit dem Kopf am Himmel anstossen, und von Cannibalen die einander aufessen und von Anthropophagen, und von Leuten, die die Koepfe unter den Schultern tragen,--und was der Dinge mehr war, womit ich ihn zu unterhalten pflegte. Allem diesem hoerte dann Desdemona mit grosser Aufmerksamkeit zu; und obgleich die Hausgeschaefte sie von Zeit zu Zeit wegrieffen, so machte sie sich doch so schnell als sie konnte, davon los, kam wieder zuruek und verschlang meine Erzaehlung mit gierigem Ohr: Ich bemerkte dieses, und da sich einst eine guenstige Stunde anbot, wusste ich bald Anlas zu machen, dass sie mich recht von Herzen bat, ihr die ganze Geschichte meiner Reisen, wovon sie nur einzelne, zerrissne Stueke gehoert hatte, vollstaendig und im Zusammenhang zu erzaehlen: Ich willigte ein, und lokte manche Thraene aus ihren schoenen Augen, wenn ich auf die verschiednen Truebsalen und Unfaelle kam, die meine Jugend ausgestanden. Wie ich mit meiner Geschichte fertig war, belohnte sie meine Muehe mit einer Welt voll Seufzer

{ed. * Es hiess "Kuesse" in einigen Ausgaben; und das war freylich in mehr als einer Betrachtung sehr ungereimt. Pope hat die aechte Lesart wieder hergestellt. Das junge Fraeulein, meynt er, waere gar zu freygebig gewesen, wenn sie fuer die blosse Erzaehlung einer Historie eine Welt voll Kuesse gegeben haette--und er hat allerdings recht.}

--sie schwur bey ihrer Treu, es sey ausserordentlich, ueber die Maassen ausserordentlich--es sey ruehrend, zum Verwundern ruehrend-- Sie wuenschte, sie haette nichts davon gehoert--und doch wuenschte sie, der Himmel haette einen solchen Mann fuer sie gemacht--und endlich dankte sie mir, und sagte, wenn ich einen Freund haette, der in sie verliebt waere, so moecht' ich ihn nur meine Geschichte erzaehlen lehren, und er wuerde sie damit gewinnen. Auf diesen Wink fieng' ich dann an zu reden,--und so verlohren wir beyde unsre Herzen--Sie liebte mich aus Mitleiden mit den Gefahren die ich ausgestanden, und ich liebte sie um dieses Mitleidens willen: Das ist die ganze Zauberey die ich gebraucht habe. Aber hier kommt sie selbst, lasst sie Zeugniss geben.

Neunte Scene.

Herzog. Ich denke, in vollem Ernst, eine solche Erzaehlung wuerde meine eigne Tochter noch oben drein behexen--Guter Brabantio, seht diese Sache, da sie nun nicht mehr zu aendern ist, von der besten Seite an. Die Leute brauchen im Nothfall immer lieber ihre zerbrochne Waffen, als die blosse Hand.

Brabantio. Ich bitte euch, lasst sie reden. Bekennt sie, dass sie seinen Liebes- Bewerbungen auf halben Weg entgegen gegangen sey, so falle Verderben auf mein Haupt, wenn ich ihn einen Augenblik laenger tadle. Kommt naeher, angenehmes Frauenzimmer; empfindet ihr, wem in dieser ganzen edeln Versammlung ihr am meisten Gehorsam schuldig seyd?

Desdemona. Mein edler Vater, ich empfinde dass meine Pflicht hier getheilt ist: Euch bin ich fuer mein Leben und fuer meine Erziehung verbunden, und beydes lehrt mich die Ehrfurcht die ich euch schuldig bin. Ihr seyd Herr ueber meinen Gehorsam, in so fern ich eure Tochter bin. Aber hier ist mein Gemahl; und soviel Ergebenheit, als meine Mutter gegen euch zeigte, da sie ihren Vater verliess um euch anzuhaengen, so viel bin ich hoffentlich befugt zu bekennen, dass ich dem Mohren, meinem Gemahl, schuldig sey.

Brabantio. Gott gesegne dir's; ich habe nichts mehr zu sagen. Gefaellt's eurer Durchlaucht, so wollen wir nun von den Staats-Angelegenheiten reden. Ich wollte lieber ein Kind angenommen als gezeugt haben. Komm hieher, Mohr; hier geb ich dir von ganzem Herzen, was ich, wenn du's nicht schon haettest, von ganzem Herzen vor dir verwahren wollte. Um euertwillen, Kleinod, bin ich in der Seele froh dass ich keine andre Kinder habe--Denn der Streich, den du mir gespielt hast, wuerde mich tyrannisch genug machen, ihnen Kloeze anzuhaengen. Ich bin fertig, Gnaedigster Herr.

Herzog. Lasst mich nun in meinem eignen Character, in der Person eines allgemeinen Vaters reden, und ein Urtheil faellen, das diesen Liebenden zu einer Stuffe diene, sie wieder in eure Gunst zu heben.

{ed. * Von hier an spricht der Herzog im Original in Reimen, und wird von Brabantio in gleicher Muenze bezahlt.}

Sobald nicht mehr zu helfen ist, so hat man das Aergste gesehen, und Klagen sind nicht nur fruchtlos, sondern der naechste Weg ein geschehenes Ungluek mit einem neuen zu haeuffen. Wenn die Klugheit die Streiche des Glueks nicht allemal verhindern kan, so kan doch Geduld einen Scherz aus seinen Beleidigungen machen. Der Beraubte, der dazu laechelt, stiehlt dem Raeuber etwas, und der beraubt sich selbst, der sich in vergeblichem Kummer verzehrt.

Brabantio. Wenn das ist, so lasst die Tuerken uns immer Cypern wegnehmen; wir verliehren's nicht, so lange wir dazu lachen koennen--Ich erkenne, Gnaedigster Herr, die Weisheit euers Raths--Aber Worte sind doch nur Worte, und ein verwundetes Herz ist noch nie durch die Ohren geheilt worden--Ich bitte euch, zu den Staats-Geschaeften.

Herzog. Die Tuerken machen furchtbare Zuruestungen, Cypern anzugreiffen: Othello, dir ist am besten bekannt, in was fuer einem Vertheidigungs- Stand der Plaz ist. Wir haben zwar einen Befehlshaber von bekannter Tuechtigkeit daselbst: Allein die allgemeine Meynung, die unumschraenkte Koenigin der Welt, verspricht sich von euch eine noch groessere Sicherheit; lasst's euch also gefallen, ueber die Glasur euers neuen Glueks hinweg zu schluepfen, und die Freuden der Liebe mit den Beschwerden dieser hartnaekigen und Gefahr-vollen Unternehmung zu vertauschen.

Othello. Die tyrannische Gewohnheit, erlauchte Senatoren, hat das steinharte und staehlerne Lager des Kriegs mir laengst zum weichsten Pflaum- Bette gemacht. Die rauhe Arbeit des Kriegs ist fuer mich ein Lustspiel, dem meine Seele mit angebohrner, flatternder Freudigkeit entgegen eilt. Ich unterziehe mich also dem gegenwaertigen Krieg mit den Ottomannen; und alles, warum ich die Durchlauchtigste Republik mit gebognen Knien bitte, ist, meine Gemahlin in ihren unmittelbaren Schuz zu nehmen, und darauf bedacht zu seyn, dass sie an einem anstaendigen Ort, und mit allem dem Glanz und Ansehen, so sich fuer ihre Geburt schikt, unterhalten werde.

Herzog. Also, in ihres Vaters Hause.

Brabantio. Das will ich nicht.

Othello. Ich noch weniger.

Desdemona. Auch ich wollte nicht dort wohnen, und meinen Vater zu ungeduldigen Gedanken reizen, wenn ich immer in seinen Augen waere. Gnaedigster Herr, leihet meiner Bitte ein geneigtes Ohr, und unterstuezet sie mit eurer Stimme.

Herzog. Was verlangt ihr, Desdemona?

Desdemona. Dass ich den Mohren liebte, um mit ihm zu leben, mag die Entschlossenheit, womit ich so vielen Vorurtheilen Gewalt angethan habe, durch die ganze Welt austrompeten. Mein Herz und meine Person sind von meinem Gemahl unzertrennlich. Ich sah Othello's Gesicht in der Schoenheit seines Gemuethes, und seinen Verdiensten und heldenmaessigen Eigenschaften hab ich meine Seele und mein ganzes Gluek gewiedmet. So dass, theureste Herren, wenn ich zuruekgelassen werde, und er in den Krieg geht, ich des Rechts, seine Gefahren mit ihm zu theilen, des Rechts, um deswillen ich ihn liebe, verlustig, und in seiner schmerzlichen Abwesenheit zu einem verdriesslichen Interim verurtheilt waere. Lasst mich also mit ihm gehen.

Othello. Eure Genehmigung, Gnaedige Herren! Ich bitte euch, lasst sie ihren Willen haben. Ich bitt' es nicht aus Rueksicht auf den Vortheil meines eignen Vergnuegens, nicht aus Gefaelligkeit gegen die Hize junger Begierden, die der erste Genuss mehr gereizt als befriedigt hat;--sondern dem Edelmuth ihres Herzens seinen freyen Lauff zu lassen. Der Himmel verhuete, dass ihr mich faehig haltet, eure ernsthaften und grossen Angelegenheiten zu vernachlaessigen, wenn sie bey mir ist--Nein! Wenn jemals die kindischen Puppen-Spiele des befiederten Cupido die Werkzeuge meines Verstands und meiner Thaetigkeit in ueppige Traegheit senken, und meine Ergoezungen meinen Arbeiten schaedlich sind; dann lasst Haus-Weiber eine Brey-Pfanne aus meinem Helm machen, und die unwuerdigsten, schmaehlichsten Wiederwaertigkeiten sich zum Untergang meines Ruhms verschwoeren.

Herzog. Ihr Gehen oder Bleiben soll eurer eignen Willkuehr ueberlassen seyn-- Die Geschaefte fordern die hastigste Eilfertigkeit. Ihr muesst diese Nacht noch fort.

Desdemona. Diese Nacht, gnaedigster Herr?

Herzog. Diese Nacht.

Othello. Von Herzen gerne.

Herzog. Morgen um neun Uhr wollen wir hier wieder zusammen kommen. Othello, lasst einen Officier zuruek, durch den wir euch euer Patent, und eure Instruction nachschiken koennen.

Othello. Wenn es Eu. Durchlaucht nicht entgegen ist, so ist hier mein Faehndrich, ein Mann von Ehre und Redlichkeit, dem ich die Begleitung meines Weibs anvertrauen will, und durch den mir zugleich alles andre nachgeschikt werden kan, was Eu. Durchlaucht fuer noethig haelt.

Herzog. Ich bin's zufrieden. Gute Nacht allerseits--(Zu Brabantio.)

Und, edler Signor, wenn Tugend die glaenzendste Schoenheit ist, so ist euer Tochtermann mehr weiss als schwarz.

Senator. Adieu, tapfrer Mohr, begegne Desdemonen wol.

Brabantio. Sieh fleissig zu ihr, Mohr, wenn du Augen hast; sie hat ihren Vater betrogen, und wird dir's vielleicht nicht besser machen.

(Der Herzog und die Senatoren gehen ab.)

Othello. Ich stehe mit meinem Leben fuer ihre Treue--Ehrlicher Jago, dir muss ich meine Desdemona hinterlassen; ich bitte dich, gieb ihr deine Frau zur Gesellschaft, und bringe sie mit der besten Gelegenheit nach. Komm, Desdemona, ich habe nur eine Stunde, die ich der Liebe und unsern Angelegenheiten schenken kan. Wir muessen der Zeit gehorchen.

(Sie gehen ab.)

Zehnte Scene. (Rodrigo und Jago bleiben.)

Rodrigo. Jago--

Jago. Was willst du mir sagen, tapfres Herz?

Rodrigo. Was denkst du, dass ich thun will?

Jago. Was? Zu Bette gehen und schlaffen.

Rodrigo. Ich will auf der Stelle gehn, und mich ins Wasser stuerzen.

Jago. Wenn du das thust, so werd' ich dich in meinem Leben nicht mehr lieb haben. Wie, du bist ein recht alberner Edelmann!

Rodrigo. Es ist etwas albernes, leben, wenn Leben eine Qual ist; und dann, so sterben wir ja nach den Regeln, wenn der Tod unser Arzt ist.

Jago. O wie niedertraechtig das gedacht ist! Es ist schon viermal sieben Jahre, dass ich mich auf der Welt umsehe, und seitdem ich einen Unterscheid zwischen einer Wohlthat und einer Beleidigung machen kan, hab' ich noch keinen Menschen gesehen, der den Verstand haette sich selbst zu lieben. Eh ich sagen wollte, ich wolle mich einer Guineischen Henne zulieb ersaeuffen, eh wollt' ich meine Menschheit mit einem Wald-Teufel vertauschen.

Rodrigo. Wie soll ich mir aber anders helfen? Ich bekenn', es macht mir schlechte Ehre, dass ich so vernarrt in sie bin; aber meine Tugend ist nicht stark genug, dem Uebel abzuhelfen.

Jago. Tugend? Pfifferling. Auf uns kommt es an, ob wir so oder so seyn wollen. Unsre Leiber sind unsre Gaerten, und unser Wille ist der Gaertner darinn. Ob wir Nesseln oder Lattich drein saeen wollen, ob wir ihn mit Ysop oder Thymian, mit einer einzigen Art von Gewaechsen, oder mit vielerley Gattungen besezen, aus Faulheit verwildern und unfruchtbar werden lassen, oder durch fleissige Wartung in guten Stand sezen wollen: Das haengt alles lediglich von unsrer Willkuehr ab. Haetten wir nicht in der Waage unsers Lebens eine Schaale voll Vernunft, um die Sinnlichkeit in der andern im Gleichgewicht zu halten, zu was fuer tollen Ausschweiffungen wuerde uns die Hize des Bluts und der thierische Trieb dahinreissen? Aber wir haben die Vernunft dazu, dass sie unsre rasenden Bewegungen, unsre fleischliche Triebe und zuegellose Lueste baendigen soll--Was nennt ihr Liebe? Meynt ihr, dass es eine so feyrliche Sache sey, als ihr euch einbildet? Ein blosser Trieb des Blutes ist's, dem der Wille den Zuegel verhaengt--Komm, sey ein Mann! dich selbst ersaeuffen? Ersaeuffe mir Kazen und junge blinde Hunde! Ich habe dir meine Freundschaft zugesagt, und ich mache mich gross, mit Seilen, die unser beyder Leben ausdauern sollen, zu deinen Diensten gebunden zu seyn. Izt ist die Gelegenheit, da ich dir nuezlich seyn kan. Einen wolgespikten Beutel, und fort in diesen Krieg! Verbraeme dein glattes Gesichtchen mit einem falschen Bart; Geld in deinen Beutel, sag ich. Es ist unmoeglich, dass Desdemona den Mohren in die Laenge lieben koennte,--nur Geld in deinen Beutel--noch der Mohr sie. Alle Sachen, die mit solcher Heftigkeit anfangen, pflegen auch schnell wieder aufzuhoeren--Spik du nur deinen Beutel--Diese Mohren sind veraenderlich in ihren Neigungen;--fuell deinen Beutel mit Geld-- Der Lekerbissen, der ihm izt so suess daucht wie Syrop, wird ihm bald genug bittrer als Coloquinten schmeken; und wenn sie, an ihrem Theil, sich einmal an ihm ersaettiget hat, so werden ihr die Augen ueber ihre ungereimte Wahl auf einmal aufgehen. Sie (muss) sich aendern, sie muss! Also fuell du nur deinen Beutel. Wenn du ja zum T** fahren willst, so thu es wenigstens auf einem angenehmern Weg als Ersaeuffen. Mach alles zu Gelde was du kanst. Wenn Tugend und ein armes zerbrechliches Geluebde zwischen diesem Landstreicher aus der Barbarey und einer super-feinen verschmizten Venetianerin, nicht staerker sind als mein Wiz und die ganze Zunft der Hoelle, so sollst du sie in deine Arme kriegen. Also Geld in deinen Sekel, sag ich! Lass du dich lieber dafuer haengen, dass du deine Lust gebuesst hast, als dich zu ersaeuffen, und nichts dafuer genossen zu haben.

Rodrigo. Stehst du mir gut fuer meine Hoffnungen, wenn ich's wage?

Jago. Verlass dich auf mich--Geh, mach Geld zusammen--Ich habe dirs oft gesagt, und sage dirs wieder und wieder, ich hasse den Mohren. Meine Ursach stekt mir tief im Herzen; dein Hass hat keinen schlechtern Grund. Lass uns gemeine Sache machen, um unsre Rache an ihm zu nehmen. Wenn du ihn zum Hahnrey machen kanst, so machst du dir selbst ein Vergnuegen, und mir einen Spass. Die Zukunft geht mit allerley Begebenheiten schwanger, von denen sie zu gehoeriger Zeit entbunden werden wird. Geh du izt, und sorge fuer Geld; morgen mehr von dieser Materie. Adieu.

Rodrigo. Wo sehen wir einander morgen?

Jago. In meinem Quartier.

Rodrigo. Ich will bey Zeiten kommen.

Jago. Gut, geht nur, lebt wohl. Hoert ihr, Rodrigo?

Rodrigo. Was soll ich hoeren?

Jago. Nichts mehr vom Ersaeuffen, hoert ihr's?

Rodrigo. Es ist mir anders gekommen: Ich will gehen und alle meine Gueter zu Geld machen.

(Er geht ab.)

Eilfte Scene. (Jago bleibt zuruek.)

Jago (allein.) Geht nur, lebt wohl, nur einen wohlgespikten Beutel,--Bin ich nicht ein gescheidter Kerl? So mach' ich aus meinem Narren meinen Schazmeister--Denn das hiesse wol meine erworbne Geschiklichkeit uebel anwenden, wenn ich die Zeit mit einem solchen kleinen Schneppen verderben wollte, ohne dass ich Spass und Vortheil davon haette. Ich hasse den Mohren, und das Publicum thut mir die Ehre an, und glaubt, er habe zwischen meinen Bett-Laken meine Stelle vertreten. Ich weiss nicht, ob es so ist--aber mir ist eine blosse Vermuthung von dieser Art genug, um so zu handeln, als ob ich's mit Augen gesehen haette. Er mag mich wol leiden--Desto bessre Gelegenheit hab ich, ihm beyzukommen; Cassio ist ein Mann, der zu meinem Vorhaben taugt: Lasst einmal sehen--seine Stelle zu kriegen und meinen Hass zu ersaettigen--Wie, wie kommt das? Lasst sehen-- Nach einiger Zeit dem Othello mit einer guten Art in's Ohr raunen, dass er zu vertraulich mit seiner Frau ist--Seine Figur und sein ganzes Betragen, werden den Verdacht rechtfertigen; er ist der Mann dazu, die Weiber ungetreu zu machen. Der Mohr ist von der offnen treuherzigen Art Leuten, welche die Leute fuer ehrlich haelt, wenn sie so aussehen; er wird sich so gutwillig an der Nase herumfuehren lassen wie ein Esel--Ich hab es--Mein Entwurf ist gezeugt--und Rach und Hoelle sollen die scheussliche Missgeburt ans Taglicht bringen!

(ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene. (Die Hauptstadt von Cypern.) (Montano, Statthalter von Cypern, und zween Officiers.)

Montano. Was koennt ihr vom Vorgebuerg in der See unterscheiden?

1. Officier. Gar nichts, als aufgethuermte Wellen; ich kan zwischen dem Himmel und der See nicht ein einziges Segel entdeken.

Montano. Mich daeucht, der Wind ist zu Land sehr heftig gewesen--Ein ungestuemerer Sturm hat noch nie unsre Zinnen erschuettert--wenn er auf der See eben so geraset hat, was fuer Ribben von Eichen sind, wenn Berge auf sie herabschmelzen, stark genug, sich in ihren Fugen zu erhalten? Was fuer Zeitungen werden wir hievon hoeren?

2. Officier. Die Zerstreuung der Tuerkischen Flotte--Steht nur am schaeumenden Ufer, die zornigen Wogen scheinen euch bis in die Wolken hinauf zu sprizen--Man daechte, die vom Sturm geschleuderte Welle spruehe dem brennenden Baeren Wasser entgegen, und loesche die Nachtlichter des Himmels aus--Ich habe in meinem Leben keinen so rasenden Sturm gesehen.

Montano. Wenn die Tuerkische Flotte sich nicht bey Zeit in irgend eine Bucht hat retten koennen, so ist sie verlohren--es ist unmoeglich, dieses Wetter auszuhalten.

Zweyte Scene. (Ein dritter Officier zu den Vorigen.)

3. Officier. Etwas Neues, meine Herren, der Krieg ist zu Ende; dieses verzweifelte Ungewitter hat die Tuerken so zugerichtet, dass ihre Entwuerfe Halt machen muessen. Ein ansehnliches Venetianisches Schiff hat dem Schiffbruch und der Noth des groessesten Theils ihrer Flotte zugesehen.

Montano. Wie? Ist das wahr?

3. Officier. Das Schiff ist wuerklich hier eingelauffen; ein Veronesisches, welches den Michael Cassio, den Lieutenant dieses tapfern Mohren Othello, an Bord hatte; der Mohr selbst ist in der Ueberfahrt begriffen, und wird in kurzem als oberster Kriegs-Befehlshaber hier in Cypern eintreffen.

Montano. Ich bin erfreut darueber; er hat alle Eigenschaften zu einem so wichtigen Posten.

3. Officier. Allein eben dieser Cassio, so troestlich das lautet, was er uns vom Verlust der Tuerken berichtet, sieht doch duester aus, und wuenscht dass der Mohr glueklich davon gekommen seyn moege; denn sie waren im heftigsten Sturm abgereist.

Montano. Der Himmel geb' es! Ich bin sein Freund, und er ist beydes ein guter Soldat und ein vollkommner Feldherr. Wir wollen der See- Seite zugehen, sowol um das schon eingelauffene Schiff zu besichtigen, als dem wakern Othello, soweit bis Luft und Wasser sich in unserm Auge vermischt, entgegen zu sehen.

Officier. Kommt, wir wollen das thun--Eine jede Minute daeucht uns lange, bis wir seiner glueklichen Ankunft versichert sind.

Dritte Scene. (Cassio zu den Vorigen.)

Cassio. Dank sollen die Tapfern dieser kriegerischen Insel davor haben, dass sie so gute Freunde des Mohren sind--Der Himmel beschueze ihn gegen der Wuth der Elemente; ich hab' ihn in einer gefaehrlichen See verlohren.

Montano. Ist sein Schiff gut?

Cassio. Sein Schiff ist gut gezimmert, und sein Pilot ein Mann von Erfahrung und bewaehrter Geschiklichkeit: Ich bin also nicht ohne Hoffnung.

Hinter der Scene Ein Segel! ein Segel! ein Segel!

Cassio. Was bedeutet dieses Geschrey?

1. Officier. Die Stadt ist leer; Schaarenweis steht das Volk am Ufer, und sie ruffen: Ein Segel!

Cassio. Ich hoffe es ist des Ober-Befehlhabers.

Officier. Sie geben ihm ihre Freude durch Zujauchzungen zu erkennen; es sind Freunde, wenigstens.

Cassio. Ich bitte euch, mein Herr, geht und bringt uns Gewissheit, wer angekommen ist.

Officier. Ich will.

(ab.)

Montano. Aber mein lieber Lieutenant, ist euer General vermaehlt?

Cassio. Ja, und hoechstglueklich; er hat eine junge Gemahlin davongetragen, die alles uebertrift, was das ausschweiffende Geruecht zu ihrem Lob sagen kan: eine Gemahlin, deren Schoenheit den Pinsel des feinsten Mahlers beschaemt, und die in einem irdischen Kleide ein wahrer Auszug aller Vollkommenheiten der Schoepfung ist--

Vierte Scene. (Der Officier kommt zuruek.)

Cassio. Wie steht's? Wer ist eingelauffen?