Oberon

Part 8

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90 Doch, ohne sich an ihren Zorn zu kehren, Macht Oberon, was er geschworen, wahr. Berührt von seinem Lilienstabe, klären Sich Gangolfs Augen auf, verschwunden ist der Staar. Erstaunt, entzückt beginnt er auszuschauen, Sieht hin, und schüttelt sich als führ' ein Wespenschwarm Ihm in die Augen, sieht, o Himmel! soll er trauen? Sein treues Röschen, ach! in eines Mannes Arm!

91 Es kann nicht seyn! er hat nicht recht gesehen; Ihn blendete das lang' entwöhnte Licht; Unmöglich kann sich so das beste Weib vergehen! Er schaut noch einmahl hin--Das nehmliche Gesicht Durchbohrt sein Herz. Ha, schreyt er, wie besessen, Verrätherin, Sirene, Höllngezücht, Du scheuest dich vor meinen Augen nicht Der Ehr' und Treu' so schändlich zu vergessen?

92 Rosette, wie vom Donner aufgeschreckt, Fährt ängstlich auf, indem mit einem Zauberschleier Ein unsichtbarer Arm den blassen Buhler deckt. Was für ein seltsam Abenteuer Stellt, denkt sie, just in diesem Nu, so sehr Zur Unzeit, das Gesicht des alten Unholds her? Doch, nach dem Wort der Königin der Elfen, Fehlt ihr's an Witze nicht, sich aus der Noth zu helfen.

93 Was hast du, lieber Mann? ruft sie herab vom Baum, Was tobst du so?--"Du fragst noch, Unverschämte?" Ich Arme! wie? du giebst dem Argwohn Raum? So lohnst du mir, daß mich dein Nothstand grämte, Daß ich, da nichts mehr half, durch schwarzer Kunst Gewalt Mit einem Geist in Mannsgestalt Um dein Gesicht zu ringen mich bequemte, Und, dir zu Lieb', im Kampf den rechten Arm mir lähmte?

94 Was Dank verdient, machst du sogar zu Schuld, Und schämst dich nicht mir solch ein Lied zu singen? Ha, schrie er, hier verlör' Sankt Hiob die Geduld! Was ich gesehen nennst du ringen? So möge mir dieß neu geschenkte Licht Des Himmels Wunderhand bewahren, Und du, treuloses Weib, mögst du zur Hölle fahren, Wie mir ein ehrlich Wort zu deiner That gebricht!

95 Wie? ruft sie aus, so kann mein Gangolf sprechen? Weh mir! ach! zu gewiß muß etwas, was es sey, An meinem Zauberwerk gebrechen; Dein Aug' ist offenbar noch nicht von Wolken frey! Wie könnt'st du sonst mit solchen harten Reden Dein treues Weib zu morden dich entblöden? Dein Sehen kann kein wahres Sehen seyn; Es ist das Flimmern nur von ungewissem Schein.

96 O daß es möglich wär' mich selbst zu hintergehen! Spricht Gangolf; wohl dem Mann den nur ein Argwohn plagt! Ich Unglücksel'ger hab's gesehen! Gesehen was ich sah!--Dem Himmel sey's geklagt! Ward je ein Weib unglücklicher geboren? (Schreyt die Verrätherin mit einem Thränenguß) O daß ich diesen Schmerz noch überleben muß! Mein armer Mann hat den Verstand verloren!

97 Und welcher Mann von zärtlichem Gemüth Verlör' ihn nicht, trotz allen seinen Sinnen, Der Thränengüsse aus so schönen Augen rinnen Und eine solche Brust von Seufzern schwellen sieht? Der Alte kann nicht länger widerstehen: "Gieb dich zufrieden, Kind, ich war zu rasch, zu warm; Verzeih, und komm herab in deines Gangolfs Arm, Es ist nun sonnenklar, ich hatte falsch gesehen!"

98 Da hörst du's nun! spricht zu Titania Der Elfenfürst: was er mit Augen sah Schwemmt eine Thräne weg! Dein Werk ist's; triumfiere! Doch hör' auch nun den heiligsten der Schwüre! Ich glaubte mich geliebt, und fand mein Glück darin. Es war ein Traum--Dank dir, daß ich entzaubert bin! Hoff' nicht ein Thränchen werd' auch mich umnebeln können, Von nun an müssen wir uns trennen!

99 Nie werden wir, in Wasser noch in Luft, Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen, Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft Bey Zauberschätzen wacht, einander mehr begegnen. Mich drückt die Luft in der du athmest! Fleuch; Und wehe dem verräthrischen Geschlechte Von dem du bist, und weh dem feigen Liebesknechte Der eure Ketten schleppt! ich haß' euch alle gleich!

100 Und wo ein Mann in eines Weibes Stricken, Als wie ein taumelnder lusttrunkner Auerhahn, Sich fangen läßt, und liegt und girrt sie an, Und saugt das falsche Gift aus ihren üpp'gen Blicken, Wähnt, Liebe sey's was ihr im Schlangenbusen flammt, Und horcht bethört der lächelnden Sirene, Traut ihren Schwüren, glaubt der hinterlistigen Thräne, Der sey zu jeder Noth, zu jeder Qual verdammt!

101 Und bey dem furchtbarn Nahmen sey's geschworen Der Geistern selbst unnennbar bleiben muß, Nichts wende diesen Fluch und meinen festen Schluß: Bis ein getreues Paar, vom Schicksal selbst erkohren, Durch keusche Lieb' in Eins zusammen fließt, Und, probefest in Leiden wie in Freuden, Die Herzen ungetrennt, auch wenn die Leiber scheiden, Der Ungetreuen Schuld durch seine Unschuld büßt.

102 Und wenn dieß edle Paar schuldloser reiner Seelen Um Liebe alles gab, und unter jedem Hieb Des strengesten Geschicks, auch wenn bis an die Kehlen Das Wasser steigt, getreu der ersten Liebe blieb, Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen, Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb': Titania, ist dieß, ist alles dieß geschehen, Dann werden wir uns wiedersehen!

103 So sprach der Geist und schwand aus ihrem Blick. Vergebens lockte sie mit liebevoller Stimme, Nachfliehend, ihn in ihren Arm zurück! Nichts kann des raschen Worts, das er in seinem Grimme Gesprochen, hätt' er gleich es selber nun beweint, Nichts kann ihn seines Schwurs entbinden, Bevor, nach dem Beding, der ganz unmöglich scheint, Zwey Liebende, wie er's verlangt, sich finden.

104 Seit dieser Zeit hat bis zu unsern Tagen Sich Oberon in eigener Gestalt Nie mehr gezeigt, und (wie die Leute sagen) Bald einen Berg, bald einen dicken Wald, Bald ein verlaßnes Thal zu seinem Aufenthalt Gewählt, wo Liebende zu stören und zu plagen All sein Vergnügen ist: und daß er nur für euch Das Gegentheil gethan, ist einem Wunder gleich.

105 Hier endigte der Alte mit Erzählen; Und Hüon nimmt Amanden bey der Hand: Wenn, spricht er, nur ein Paar getreu verliebter Seelen Zu Oberons und Titaniens Ruhe fehlen, So schwebt des Schicksals Werk an der Vollendung Rand. War er's nicht selbst, der uns so wunderbar verband? Er, sonst der Liebe Feind, hat uns in Schutz genommen: Die Proben--o die laßt je eh'r je lieber kommen!

106 Amande legt an Antworts-Statt Des Jünglings Hand ans Herz mit seelenvollen Blicken. Ihr, die so viel für ihn gethan, gegeben hat, Was blieb ihr noch mit Worten auszudrücken? Und eine Scene von Entzücken Erfolgt daraus, wobey der gute Scherasmin Des schönen Mährchens Frucht, trotz allem seinem Nicken, Auf einmahl zu verlieren schien.

107 Zwar noch verbarg der Unschuld keuscher Schleier Den Liebenden die wachsende Gefahr, Und ihre Zärtlichkeit ergoß sich desto freyer, Je reiner ihre Quelle war. Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer; Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar. Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören, Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören!

Siebenter Gesang.

1 Inzwischen ward, nach sieben heitern Tagen, Das liebenswürd'ge Heldenpaar, Dem jedes Element durch Oberon günstig war, Ans Ufer von Lepanto hingetragen. Hier lagen, wie Herr Hüon gleich vernimmt, Zwey leicht geflügelte Pinassen segelfertig, Die eine nach Marsiliens Port bestimmt, Die andre Reisender nach Napoli gewärtig.

2 Der junge Herr, des Alten Wachsamkeit Und Mentorblicks ein wenig überdrüssig, Ist über diesen Dienst des Zufalls sehr erfreut Und ungesäumt ihn zu benutzen schlüssig. Freund, spricht er, Jahr und Tag geht noch vielleicht dahin, Eh' mir's gelegen ist mich in Paris zu zeigen: Du weißt daß ich vorerst nach Rom versprochen bin, Und dieser Pflicht muß jede andre schweigen.

3 Indessen liegt mir ob, den Kaiser sehn zu lassen, Daß ich mein Wort erfüllt. Du bist mein Lehensmann, Vollbringe du für mich, was ich nicht selber kann; Besteige flugs die eine der Pinassen, Die nach Marseille steu'rt; dann eile sonder Rast Nach Hof, und übergieb, den Kaiser zu versöhnen, Dieß Kästchen mit des Sultans Bart und Zähnen, Und sag' ihm an, was du gesehen hast:

4 Und daß, so bald ich erst des heil'gen Vaters Segen Zu Rom gehohlt, mich nichts verhindern soll, Die Sultanstochter auch zu Füßen ihm zu legen. Fahr wohl, mein alter Freund! der Wind bläst stark und voll, Die Anker werden schon gelichtet, Glück auf die Reis', und, hast du mein Geschäft verrichtet, So komm und suche mich zu Rom im Lateran; Wer weiß, wir langen dort vielleicht zusammen an.

5 Der treue Alte sieht dem Prinzen in die Augen, Wiegt seinen grauen Kopf, und nähme gar zu gern Die Freyheit, seinen jungen Herrn Mit etwas scharfem Salz für diese List zu laugen. Doch hält er sich. Das Kästchen, meint er zwar, Hätt' ohne Übelstand noch immer warten mögen, Bis Hüon selbst im Stande war Dem Kaiser in Person die Rechnung abzulegen.

6 Indessen da sein Fürst und Freund darauf beharrt, Was kann er thun als sich zum Abschied anzuschicken? Er küßt Amandens Hand, umarmt mit nassen Blicken Den werthen Fürstensohn, den seine Gegenwart Noch kaum erfreute, nun begann zu drücken, Und Thränen tröpfeln ihm in seinen grauen Bart. Herr, ruft er, bester Herr, Gott laß' euch's wohl ergehen, Und mögen wir uns bald und fröhlich wiedersehen!

7 Dem Ritter schlug sein Herz, da zwischen seinem Freund Und ihm die offne See stets weiter sich verbreitet. Was that ich! ach! wozu hat Raschheit mich verleitet! Wo hat mit seinem Herrn ein Mann es je gemeint Wie dieser Mann? Wie hielt er in Gefahren So treulich bey mir aus! O daß ich es zu spät Bedacht! Wer hilft mir nun wenn mir der Rath entgeht? Und wer in Zukunft wird mich vor mir selbst bewahren?

8 So ruft er heimlich aus, und schwört sich selber nun Und schwört es Oberon, (von dem er, ungesehen, Um seine Stirn das leise geist'ge Wehen Zu fühlen glaubt) sein äußerstes zu thun Im Kampf der Lieb' und Pflicht mit Ehre zu bestehen. Sorgfältig hält er nun sich von Amanden fern, Und bringt die Nächte zu, starr nach dem Angelstern, Die Tage, schwermuthsvoll ins Meer hinaus zu sehen.

9 Die Schöne, die den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt, So ganz verwandelt sieht, ist desto mehr verlegen, Da sie davon sich keine Ursach' denkt. Doch mehr, aus Zärtlichkeit, von ihrem Unvermögen Ihn aufzuheitern als an ihrem Stolz gekränkt, Setzt sie ihm Sanftmuth bloß und viel Geduld entgegen. Das Übel nimmt indeß mit jeder Stunde zu, Und raubet ihm und ihr bey Tag und Nacht die Ruh.

10 Einst um die Zeit, da schon am sternevollen Himmel In Thetis Schooß der funkelnde Arktur Sich senkt'--es schwieg am Bord das lärmende Getümmel, Und kaum bewegte sich, wie eine Weitzenflur Auf der sich Zefyr wiegt, der Ocean; die Leute Im Schiffe, allzumahl des tiefsten Schlummers Beute, Verdünsteten den Wein, der in den Adern rann, Und selbst am Ruder nickt der sichre Steuermann;

11 Auch Fatme war zu ihres Fräuleins Füßen Entschlummert: nur von Deinem Augenlied, O Hüon, nur von Deinem Busen flieht, O Rezia, der Schlaf!--Die armen Seelen büßen Der Liebe süßes Gift. Wie wühlt sein heißer Brand In ihrem Blut! und ach! nur eine dünne Wand Trennt sie; sie glauben fast einander zu berühren, Und nicht ein Seufzer kann sich ungehört verlieren.

12 Der Ritter, dem der lang' verhaltne Drang Zur Marter wird, dem jede bittre Zähre, Die seine Grausamkeit Amandens Aug' entzwang, Auf seinem Herzen brennt, er seufzt so laut, so bang, Als ob's sein letzter Athem wäre. Sie, die mit Lieb' und Scham schon eine Stunde rang, Kann endlich länger nicht die Lind'rung sich versagen, Zu forschen was ihn quält, und Trost ihm anzutragen.

13 Im weißen Schlafgewand, dem schönsten Engel gleich, Tritt sie in sein Gemach, mit zärtlichem Erbarmen Im keuschen Blick, mit furchtsam offnen Armen. Ihm ist, als öffne sich vor ihm das Himmelreich. Sein Antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich, Wird feuerroth; sein Puls, der kaum so träge Und muthlos schlich, verdoppelt seine Schläge, Und hüpfet wie ein Fisch im spiegelhellen Teich.

14 Allein gleich wieder wirft ihn Oberons Wort danieder; Und da er schon, durch ihre Güte dreist, An seine Brust sie ziehen will, entreißt Er schnell sich ihrem Kuß, sich ihrem Busen wieder; Will fliehn, bleibt wieder stehn, kommt rasch auf sie zurück In ihre Arme sich zu stürzen, Und plötzlich starrt er weg, mit wildem rollendem Blick, Als wünscht' er seine Qual auf einmahl abzukürzen.

15 Sie sinkt aufs Lager hin, hoch schlägt ihr volles Herz Durchs weichende Gewand, und stromweis' stürzt der Schmerz Aus ihren schmachtenden vor Liebe schweren Augen. Er sieht's, und länger hält die Menschheit es nicht aus: Halb sinnlos nimmt er sie (werd' auch das ärgste draus!) In seinen Arm, die glüh'nden Lippen saugen Mit heißem Durst den Thau der Liebe auf, Und ganz entfesselt strömt das Herz in vollem Lauf.

16 Auch Rezia, von Lieb' und Wonne hingerissen, Vergißt zu widerstehn, und überläßt, entzückt, Und wechselweis' ans Herz ihn drückend und gedrückt, Sich ahnungslos den lang' entbehrten Küssen. Mit vollen Zügen schlürft sein nimmer satter Mund Ein herzberauschendes wollüstiges Vergessen Aus ihren Lippen ein; die Sehnsucht wird vermessen, Und ach! an Hymens Statt krönt Amor ihren Bund.

17 Stracks schwärzt der Himmel sich, es löschen alle Sterne; Die Glücklichen! sie werden's nicht gewahr. Mit sturmbeladnem Flügel braust von ferne Der fessellosen Winde rohe Schaar; Sie hören's nicht. Umhüllt von finsterm Grimme Rauscht Oberon vorbey an ihrem Angesicht; Sie hören's nicht. Schon rollt des Donners drohnde Stimme Zum dritten Mahl, und ach! sie hören's nicht!

18 Inzwischen bricht mit fürchterlichem Sausen Ein unerhörter Sturm von allen Seiten los; Des Erdballs Axe kracht, der Wolken schwarzer Schooß Gießt Feuerströme aus, das Meer beginnt zu brausen, Die Wogen thürmen sich wie Berge schäumend auf, Die Pinke schwankt und treibt in ungewissem Lauf, Der Bootsmann schreyt umsonst in sturmbetäubte Ohren, Laut heult's durchs ganze Schiff, weh uns! wir sind verloren!

19 Der ungezähmten Winde Wuth, Der ganze Horizont in einen Höllenrachen Verwandelt, lauter Gluth, des Schiffes stetes Krachen, Das wechselsweis' bald von der tiefsten Flut Verschlungen scheint, bald, himmelan getrieben, Auf Wogenspitzen schwebt, die unter ihm zerstieben: Dieß alles, stark genug die Todten aufzuschrecken, Mußt' endlich unser Paar aus seinem Taumel wecken.

20 Amanda fährt entseelt aus des Geliebten Armen; Gott! ruft sie aus, was haben wir gethan! Der Schuldbewußte fleht den Schutzgeist um Erbarmen, Um Hülfe, wenigstens nur für Amanden, an: Vergebens! Oberon ist nun der Unschuld Rächer, Ist unerbittlich nun in seinem Strafgericht; Verschwunden sind das Hifthorn und der Becher, Die Pfänder seiner Huld; er hört, und rettet nicht.

21 Der Hauptmann ruft indeß das ganze Volk zusammen, Und spricht: Ihr seht die allgemeine Noth; Mit jedem Pulsschlag wird von Wasser, Wind und Flammen Dem guten Schiff der Untergang gedroht. Nie sah ich solchen Sturm! Der Himmel scheint zum Tod, Vielleicht um Eines Schuld, uns alle zu verdammen; Um Eines Frevlers Schuld, zum Untergang verflucht, Den unter uns der Blitz des Rächers sucht.

22 So laßt uns denn durchs Loos den Himmel fragen Was für ein Opfer er verlangt! Ist einer unter euch dem vor der Wage bangt? Wo jeder sterben muß hat keiner was zu wagen, Er sprach's, und jedermann stimmt in den Vorschlag ein. Der Priester bringt den Kelch; man wirft die Loose drein; Rings um ihn her liegt alles auf den Knieen; Er murmelt ein Gebet, und heißt nun jeden ziehen.

23 Geheimer Ahnung voll, doch mit entschloßnem Muth, Naht Hüon sich, den zärtlichsten der Blicke Auf Rezia gesenkt, die bang und ohne Blut, Gleich einem Gypsbild steht. Er zieht, und--o Geschicke! O Oberon! er zieht mit frost'ger bebender Hand Das Todesloos. Verstummend schaut die Menge Auf ihn; er liest, erblaßt, und ohne Widerstand Ergiebt er sich in seines Schicksals Strenge.

24 Dein Werk ist dieß, ruft er zu Oberon empor; Ich fühl', obwohl ich dich nicht sehe, Erzürnter Geist, ich fühle deine Nähe! Weh mir! du warntest mich, du sagtest mir's zuvor, Gerecht ist dein Gericht! Ich bitte nicht um Gnade, Als für Amanden nur! Ach! Sie ist ohne Schuld! Vergieb ihr! Mich allein belade Mit deinem ganzen Zorn, ich trag' ihn mit Geduld!

25 Ihr, die mein Tod erhält, schenkt eine fromme Zähre Dem Jüngling, den der Sterne Mißgunst trifft! Nicht schuldlos sterb' ich zwar, doch lebt' ich stets mit Ehre; Ein Augenblick, wo ich, berauscht von süßem Gift, Des Worts vergaß, das ich zu rasch geschworen, Der Warnung, die zu spät in meinen bangen Ohren Itzt wiederhallt--das allgemeine Loos Der Menschheit, schwach zu seyn--ist mein Verbrechen bloß!

26 Schwer büß' ich's nun, doch klaglos! denn, gereuen Des liebenswürdigen Verbrechens soll mich's nicht! Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen! Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht. Was kann ich sonst als Liebe dir erstatten, O du, die mir aus Liebe alles gab? Nein! diese heil'ge Gluth erstickt kein Wellengrab! Unsterblich lebt sie fort in deines Hüons Schatten.

27 Hier wird das Herz ihm groß; er hält die blasse Hand Vors Aug', und schweigt. Und wer im Kreise stand, Verstummt; kein Herz so roh, das nicht bey seinem Falle Auf einen Augenblick von Mitleid überwalle. Es war ein Blitz, der im Entstehn verschwand. Sein Tod ist Sicherheit, ist Leben für sie alle; Und da der Himmel selbst zum Opfer ihn ersehn, Wer dürfte, sagen sie, dem Himmel widerstehn?

28 Der Sturm, der, seit dem ersten Augenblicke Da Hüon sich das Todesurtheil sprach, Besänftigt schien, kam itzt mit neuem Grimm zurücke. Zersplittert ward der Mast, das Steuer brach. Laßt, schreyt das ganze Schiff, laßt den Verbrecher sterben! Der Hauptmann nähert sich dem Ritter: junger Mann, Spricht er, du siehst daß dich Verzug nicht retten kann, Stirb, weil es seyn muß, frey, und rett' uns vom Verderben!

29 Und mit entschloßnem Schritt naht sich der Paladin Dem Bord des Schiffs. Auf einmahl stürzt die Schöne, Die eine Weile her lebloser Marmor schien, Gleich einer Rasenden durch alles Volk auf ihn: Es weht im Sturm ihr Haar wie eines Löwen Mähne; Mit hoch geschwellter Brust und Augen ohne Thräne Schlingt sie den starken Arm in liebevoller Wuth Um Hüon her, und reißt ihn mit sich in die Flut.

30 Verzweifelnd will, ihr nach, die treue Fatme springen. Man hält sie mit Gewalt. Sie sieht die holden Zwey, So fest umarmt, wie Reben sich umschlingen, Schnell fortgewälzt nur schwach noch mit den Wogen ringen; Und da sie nichts mehr sieht, erfüllt ihr Angstgeschrey Das ganze Schiff. Wer kann ihr wiederbringen Was sie verliert? Mit ihrer Königin Ist alles was sie liebt und hofft auf ewig hin.

31 Indessen hatte kaum die aufgebrachten Wogen Des Ritters Haupt berührt, so legt, o Wunder! Sich Des Ungewitters Grimm; der Donner schweigt; entflogen Ist der Orkane Schaar; das Meer, so fürchterlich Kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur Glätte Des hellsten Teichs, wallt wie ein Lilienbette: Das Schiff setzt seinen Weg mit Rudern munter fort, Und, nur zwey Tage noch, so ruht's im sichern Port.

32 Wie aber wird es dir, du holdes Paar, ergehen, Das, ohne Hoffnung, nun im offnen Meere treibt? Erschöpft ist ihre Kraft; Besinnen, Hören, Sehen Verschwunden--das Gefühl von ihrer Liebe bleibt. So fest umarmt, als wären sie zusammen Gewachsen, keines mehr sich seiner selbst bewußt, Doch immer noch im andere athmend, schwammen Sie, Mund auf Mund, dahin, und Brust an Brust.

33 Und kannst du, Oberon, sie unbeklagt erbleichen, Du, einst ihr Freund, ihr Schutz, kannst sie verderben sehn? Du siehst sie, weinst um sie,--und läßt dich nicht erweichen? Er wendet sich und flieht--es ist um sie geschehn! Doch, sorget nicht! Der Ring läßt sie nicht untergehn, Sie werden unverletzt den nahen Strand erreichen; Sie schützt der magische geheimnisvolle Ring, Den Rezia aus Hüons Hand empfing.

34 Wer diesen Ring besitzt, das allgewaltige Siegel Des großen Salomon, dem löscht kein Element Das Lebenslicht; er geht durch Flammen ungebrennt; Schließt ihn ein Kerker ein, so springen Schloß und Riegel So bald er sie berührt; und will er von Trident Im Nu zu Memfis seyn, so leiht der Ring ihm Flügel: Nichts ist was der, der diesen Talisman Am Finger hat, durch ihn nicht wirken kann.

35 Er kann den Mond von seiner Stelle rücken; Auf offnem Markt, im hellsten Sonnenschein, Hüllt ihn, so bald er will, auch selbst vor Geisterblicken, Ein unsichtbarer Nebel ein. Soll jemand vor ihm stehn, er darf den Ring nur drücken, Es sey, den er erscheinen heißt, Ein Mensch, ein Thier, ein Schatten oder Geist, So steht er da, und muß sich seinem Winke bücken.

36 In Erd' und Luft, in Wasser und in Feuer, Sind ihm die Geister unterthan; Sein Anblick schreckt und zähmt die wildsten Ungeheuer, Und selbst der Antichrist muß zitternd ihm sich nahn. Auch kann durch keine Macht im Himmel noch auf Erden Dem, der ihn nicht geraubt, der Ring entrissen werden: Die Allgewalt, die in ihm ist, beschützt Sich selbst und jede Hand, die ihn mit Recht besitzt.

37 Dieß ist der Ring der dich, Amanda, rettet, Dich, und den Mann, der, durch der Liebe Band Und deiner Arme Kraft an deine Brust gekettet, Unwissend wie, an eines Eilands Strand Dich und sich selbst, o Wunder! wiederfand. Zwar hat euch hier der Zufall hart gebettet; Die ganze Insel scheint vulkanischer Ruin, Und nirgends ruht das Aug' auf Laub und frischem Grün.

38 Doch, dieß ist's nicht, was in den taumelnden Minuten Der ersten Trunkenheit die Wonnevollen rührt. So unverhofft, so wunderbar den Fluten Entronnen, unversehrt an trocknes Land geführt, Gerettet, frey, allein, sich Arm in Arm zu finden, Dieß übermäßig große Glück Macht alles um sie her aus ihren Augen schwinden: Doch ruft ihr Zustand bald sie zum Gefühl zurück.

39 Durchnäßt bis auf die Haut, wie konnten sie vermeiden Sich ungesäumt am Strande zu entkleiden? Hoch stand die Sonn' und einsam war der Strand. Allein, indeß ihr triefendes Gewand An Felsen hängt, wohin dem Sonnenstrahl entfliehen, Der deine Lilienhaut, Amanda, dörrt und sticht? Der Sand brennt ihren Fuß, die schroffen Steine glühen, Und ach! kein Baum, kein Busch, der ihr ein Obdach flicht!

40 Zuletzt entdeckt des Jünglings bangen Augen Sich eine Felsenkluft. Er faßt Amanden auf Und fliegt mit ihr dahin, trägt eilends Schilf zu Hauf Und altes Moos (der Noth muß alles taugen) Zur Lagerstatt, und wirft dann neben ihr sich hin. Sie sehn sich seufzend an, und saugen Eins aus des andern Augen Trost, für jede Noth Die gegenwärtig drückt und in der Zukunft droht.

41 O Liebe, süßes Labsal aller Leiden Der Sterblichen, du wonnevoller Rausch Vermählter Seelen! welche Freuden Sind deinen gleich?--Wie schrecklich war der Tausch, Wie rasch der Übergang im Schicksal dieser beiden! Einst Günstlinge des Glücks, von einem Fürstenthron Geschleudert, bringen sie das Leben kaum davon, Das nackte Leben kaum, und sind noch zu beneiden!

42 Der schimmerreichste Sahl, mit Königspracht geschmückt, Hat nicht den Reitz von dieser wilden Grotte Für Rezia--und Er, an ihre Brust gedrückt, Fühlt sich unsterblich, wird zum Gotte In ihrem Arm. Das halb verfaulte Moos, Worauf sie ruhn, däucht sie das reichste Bette, Und duftet lieblicher, als wenn Schasmin und Ros' Und Lilienduft es eingebalsamt hätte.

43 O daß er enden muß, so gern das Herz ihn nährt, Der süße Wahn! Zwar unbemerkt sind ihnen Zwey Stunden schon entschlüpft: doch, die Natur begehrt Nun andre Kost. Wer wird sie hier bedienen? Unwirthbar, unbewohnt ist dieser dürre Strand, Nichts das den Hunger täuscht wird um und um gefunden; Und ach! ergrimmt zog Oberon die Hand Von ihnen ab--der Becher ist verschwunden!

44 Mit unermüdetem Fuß besteigt der junge Mann Die Klippen rings umher, und schaut so weit er kann: Ein schreckliches Gemisch von Felsen und von Klüften Begegnet seinem Blick, wohin er thränend blinkt. Da lockt kein saftig Grün aus blumenvollen Triften, Da ist kein Baum, der ihm mit goldnen Früchten winkt! Kaum daß noch Heidekraut und dünne Brombeerhecken Und Disteln hier und da den kahlen Grund verstecken.