Oberon

Part 7

Chapter 7 3,962 words Public domain Markdown

27 Das heil'ge Bad der Christen zu empfangen Stand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint) Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor Verlangen Zu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangen Und jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint. Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind, der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnen Für die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.

28 Die schöne Rezia, die nun Amanda hieß Seitdem sie in den Christenorden Getreten war, gewann nicht nur das Paradies, Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden. Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlich Sein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens, Des Herzens und des Händedrückens Kein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;

29 Vergebens stellt sich Fatme gegenüber: Der gute Paladin in seinem Seelenfieber Vergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr. Der Alte hätte sich zu Tode winken können, Die Wonn', in die er ganz versunken war, Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen, Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen, Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.

30 Auch Rezia, seitdem sie von Amanden Den Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den Banden Des Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißt Nun desto leichter Königswürde, Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist. Die Rückerinnerung, die sonst wie eine Bürde Zuweilen noch an ihrem Nacken hing, Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.

31 Sie ist nun ganz für Hüon neu geboren, Gab alles, was sie war, für ihn, Gab einen Thron um Liebe hin, Und fühlt' in seinem Arm, sie habe nichts verloren. Sie gab sich weg, und ist Amande, nun Für Liebe nur, durch Liebe nur zu leben, Hat in der Welt nichts andres mehr zu thun Nichts andres zu empfangen noch zu geben.

32 Der wackre Scherasmin, der das verliebte Paar In solcher Stimmung sieht, erschrickt vor ihren Blicken. Er wird darin ich weiß nicht was gewahr, Das lüstern ist verbotne Frucht zu pflücken. Ein Zeuge drückte sie, das sah er offenbar. Sie küßten sich, so bald er nur den Rücken Ein wenig kehrt, so rasch, so durstiglich, Und wurden roth, so bald sein Auge sie bestrich.

33 Im Spiegel seiner eignen Jugend Sieht er nur allzu gut was beide nicht mehr sahn; Sieht, einer Motte gleich, die unerfahrne Tugend Sich ahnungslos der schönen Flamme nahn. Wie lieblich zieht der Glanz, die sanfte Wärme an! Durch ihre Unschuld selbst betrogen Umtaumelt sie das Licht in immer kleinern Bogen, Und plötzlich ach! verbrennt sie ihre Flügel dran.

34 In dieser Noth läßt der getreue Alte (Mit Fatmen ingeheim zu diesem Zweck vereint) Nichts unversucht, was ihm ein Mittel scheint, Daß wenigstens bis Rom des Ritters Weisheit halte; Ihm fällt bald dieß bald jenes ein, Sie zu beschäftigen, zu stören, zu zerstreun; Zuletzt schlägt er, da alle Mittel fehlen, Zur Abendkürzung vor, ein Mährchen zu erzählen.

35 Ein Mährchen nennt' er es, wiewohl es freylich mehr Als Mährchen war. Ihm hatt' es ein Kalender Zu Basra einst erzählt, als er die Morgenländer Nach seines Herren Tod durchirrte, lang' vorher, Eh' in die Kluft des Libans aus den Wogen Der stürmevollen Welt er sich zurückgezogen: Und da es itzt in ihm gar lebhaft sich erneut, Glaubt er, es sey vielleicht ein Wort zu rechter Zeit.

36 Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert Jahren Lebt' an den Ufern des Tessin Ein Edelmann, an Weisheit ziemlich grün, Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren; Von Podagra und Gicht, der späten bittern Frucht Zu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht; Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahren, Und in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.

37 Dem war, nachdem er lang' sein sündliches Vergnügen Daran gehabt, im Hagestolzenstand Auf Amors freyer Bürsch' Berg auf Berg ab im Land Herum zu ziehn, und, wo er Eingang fand, Bey seines Nächsten Weib zu liegen; Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen, Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand, Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.

38 Mit viel Geschmack und wohl verkühltem Blut Sucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette, Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte, Zumahl zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut, Unschuldig, sittsam, unerfahren, Keusch wie der Mond und frey von aller eiteln Lust, Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren, Von Farbe rosenhaft, und rund von Arm und Brust.

39 Von allen drey und dreyßig Stücken, Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist, Hätt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermißt, Am wenigsten das Aug', in dessen Feuerblicken Ein feuchtes Wölkchen schwimmt, die kleine weiche Hand, Die Lippen, die dem Kuß entgegen schwellen, Das runde Knie, der Hüften schöne Wellen, Und unter sanftem Druck den süßen Widerstand.

40 Der gute alte Herr, beym Kauf so schöner Waare, Vergaß nur Eins--die fünf und sechzig Jahre, Die seinen Kopf bereits mit Schnee bestreun. Zwar macht' er, aus geheimer Vorempfindung, Ausdrücklich zum Beding der ehlichen Verbindung, Sie sollte reitzvoll, warm, und alles das, allein Für ihn, und kalt wie Eis für jeden andern bleiben: Allein, wer wird für Sie die Klausel unterschreiben?

41 Rosette that's. Rosette war ein Kind, War auf dem Land, dem Veilchen gleich, im Schatten Verborgen aufgeblüht, war froh und leicht gesinnt, Und sah in ihrem künftigen Herrn und Gatten Nichts als den Mann der sie zur großen Dame macht, Ihr reiche Kleider gab und tausend schöne Sachen, Die Kindern, wie sie war, bey Tage Kurzweil machen; An andres hatte noch ihr Herzchen nie gedacht.

42 Die Hochzeit ward demnach mit großer Pracht vollzogen. Der edle Bräut'gam, zwar ein wenig steif und schwer, Stapft an Rosettens Hand gar ehrenfest einher, Und wähnt sein Taufschein hab' um zwanzig ihn belogen. Was Augen hat läuft schaarenweis' herbey Den prächt'gen Kirchgang anzustaunen; Ein stattlich Paar! hört man zu beiden Seiten raunen; Sie gleichen sich--wie Januar und May.

43 Rosettens Unschuld war (wie in dergleichen Fällen Gewöhnlich ist) des alten Gangolfs Stolz: Er schien am zweyten Tag vor hohem Muth zu schwellen, Und schritt einher gerader als ein Bolz. Es war der letzte Trieb von einem dürren Holz! Die Übel, die sich gern zu grauer Liebe gesellen, Begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen; Je wärmer Röschen ward, je mehr ihr Alter schmolz.

44 Indeß verdoppelt er auf andre Art die Proben Von seiner Zärtlichkeit, beschenkt sie täglich schier Mit neuem Modekram, mit Spitzen, schönen Roben, Juwelen, kurz, mit allem was er ihr An Augen ansehn kann. Es koste was es wolle, Was ihr Vergnügen macht, das ist für ihn Genuß; Er fordert nichts dafür als höchstens einen Kuß; Mit Einem Wort, er spielt die--Alten-Mannes-Rolle.

45 Rosette, jugendlich vergnügt mit ihrem Loos, Spart auch dagegen nichts den Alten zu vergnügen Nach seiner Art; setzt sich auf seinen Schooß So viel er will, und läßt auf seinem Knie sich wiegen, Läßt aus Gefälligkeit ihn tändeln wie er kann, Pflegt seiner, liebevoll, in seinem Unvermögen; Und, wandelt ihn (wie oft) die Schlafsucht an, Darf er sein schweres Haupt auf ihren Busen legen.

46 So lebten sie in Eintracht manches Jahr Zusammen, keusch und treu wie fromme Turteltauben, So treu ergeben Sie, und Er so voller Glauben, Daß jedermann dadurch erbauet war. Der gute Mann vergaß bey ihren Scherzen Sein Podagra und seine Rückenschmerzen, Und seinetwegen bloß beklagt' in ihrem Herzen Die junge Frau sein zehntes Stufenjahr.

47 Allein, es kam; und ach! zu ihrem großen Leide, Ein Übel kam mit ihm auf Gangolfs graues Haupt, Das seiner liebsten Augenweide Den armen Greis auf lebenslang beraubt. Nie wird er wieder sich an ihren Blicken sonnen, Nie wieder sehn dieß reitzende Oval, Wovon zu Engeln und Madonnen So mancher Mahler gern die sanften Züge stahl!

48 Wer sollt' ihm nun die lange Zeit vertreiben, Dem armen blinden Mann, hätt' er Rosetten nicht? Was würd' aus ihm, wär's ihr nicht süße Pflicht, Untrennbar Tag und Nacht an ihn geklebt zu bleiben, Ihm immer Arm und Augenlicht Zu leihn, für ihn zu lesen und zu schreiben, Zu fragen was ihm fehlt, und, quälet ihn die Gicht, Mit leichter warmer Hand ihm Knie und Fuß zu reiben?

49 Rosette, immer sanft, gefällig, mitleidsvoll, Entrichtet ohne Zwang und Murren Der Ehstandspflicht auch diesen schweren Zoll; Aufmerksam stets, (wiewohl bey seinem Knurren Ihr heimlich oft die Gall' ein wenig schwoll) Daß ja ihr Alter nichts zu klagen haben soll. Zum Unglück fing er itzt, trotz ihrem guten Willen, In seinem Sorgestuhl die schlimmste aller Grillen.

50 Der ärgste Feind, der je sich aus der Hölle schlich Die Sterblichen zu necken und zu quälen, Fuhr in den armen Mann, und plagt' ihn jämmerlich. Alt, schwach und blind, wie konnt' er sich verhehlen, Rosette sey, so sehr sie einem Engel glich, Doch nur ein Weib? Konnt's an Versuchern fehlen? Die Welt ist rings umher von offnen Augen voll, Und ach! das Auge blind, das sie beleuchten soll!

51 So jung, so schön, so ganz aus lauter Liebeszunder Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn? Wo sah man je so frische Wangen blühn? Je Augen funkelnder und Lilienarme runder? Zwar ist sie tugendhaft; sie wird ja freylich fliehn: Doch, wenn sie auf der Flucht nun glitschte? wär' es Wunder? Der Grund, worauf sie flieht, ist hell geschliffner Stahl, Und ach! die Einmahl fällt, die fällt für allemahl.

52 Selbst ihre Tugenden, ihr sanftgefällig Wesen, Ihr leichter Sinn, stets froh und guter Ding', Was sonst an ihr das liebste ihm gewesen, Die holde Scham sogar, womit sie ihn umfing, Und was ihm sonst von ihren tausend Reitzen, Entschleiert und verschont, sein Seelenspiegel weist, Das alles hilft itzt nur dem Argwohn, der ihn beißt, Sich in sein wundes Herz noch tiefer einzubeitzen.

53 Der Sklaverey, worin das gute junge Weib Seit dieser Zeit verlechzt, ist keine zu vergleichen. Stets angeschnallt an seinen siechen Leib, Darf sie ihm Tag und Nacht nicht von der Seite weichen. Mißtrauisch aufgeschreckt von jedem leisen Wort, Trägt er die Augen nun an seinen Finger-Enden, Und Nachts liegt eine stets von seinen knot'gen Händen Bald da, bald dort auf ihr, aus Furcht sie schleich' ihm fort.

54 So sanft Rosette war, so fiel doch solch Betragen Ihr schwer aufs Herz. Er nennt es Liebe zwar: Allein sie sah zu wohl nur, was es war, Und fing, anstatt sich fruchtlos zu beklagen, Zu überlegen an. So neben einem Mann Von siebenzig, mit Gicht und Stein beladen, Durchs Leben, wie durch einen Sumpf, zu waden, Und noch gequält dazu, däucht ihr ein harter Bann.

55 Gar vieles, was sie sonst geduldig übersehen, Scheint in dem Licht, worin sie jetzt es sehen muß, Höchst widerlich und gar nicht auszustehen. Sein Zärtlichthun ist jetzt ihr herzlichster Verdruß, Sein Scherz unleidlich plump, und ekelhaft sein Kuß; Wagt er noch mehr, so möchte man vergehen! Und sie, o grausam! sie ist jung und schön für ihn, Und was ihm unnütz ist, muß sie sich selbst entziehn!

56 Und was entschädigt sie? Der Stadt gesellige Freuden, Tanz, Schauspiel, alles das ist ihr verbotne Frucht! Von niemand wird ihr altes Schloß besucht; Als gingen Geister drin, scheint jeder es zu meiden. Ein großer Garten hoch mit einer Mau'r umfaßt, Ist alles was sie hat--im Kreis sich zu bewegen; Zum Träumen kann sie da an einen Baum sich legen, Und dann sogar ist ihr der blinde Mann zur Last.

57 Ein junger Edelknecht, in Gangolfs Schloß erzogen Und über seinen Stall gesetzt, Wird itzt zum ersten Mahl betrachtenswerth geschätzt. Er hatte zwar schon lange sich verwogen, Mit schmachtender Begier die Dame anzusehn, Und oft gesucht ihr's mündlich zu gestehn, Doch, da sie stets dem Anlaß ausgebogen, Auch wieder ehrfurchtsvoll zurücke sich gezogen.

58 Jetzt aber, da Verdruß und Gram Und lange Weil' bey Tag, und noch langweil'gers Wachen Bey Nacht, Zerstreuungen ihr zum Bedürfniß machen, Kein Wunder, daß sie jetzt die Sache anders nahm. Es däucht ihr hart, in ihren schönsten Tagen So gänzlich allem Trost des Lebens zu entsagen; Und Walter, dessen Blick nun wieder Muth bekam, War unermüdet, sich zum Tröster anzutragen.

59 Sein Eifer wächst je mehr er Raum gewinnt. Er fleht; sie weigert sich: doch unvermerkt entspinnt Sich ein Verständniß zwischen ihnen, Wovon die Augen bloß die Unterhändler sind; Denn Gangolf war nicht an den Ohren blind, Und öfters kann ein Ohr für hundert Augen dienen. Der Alte spitzt die seinen gleich und lauscht Wenn von Rosettens Kleid nur eine Falte rauscht.

60 Ein solcher Zwang verkürzt die Komplimente Des Widerstands, und in sehr kurzer Zeit Sind Walter und die Dame schon so weit Daß nur die Frage ist, wie man sich nähern könnte? Von ihrem Drachen, den sein Husten Tag und Nacht Nicht ruhen läßt, gebannet und bewacht, Was wird die junge Frau ersinnen, Um etwas Raum und Zeit für Walter zu gewinnen?

61 Noth schärft den Witz. Indem sie hin und her Auf Wege denkt, erwählt, verwirft, im besten Viel Schwierigkeiten sieht, fällt ihr von ungefähr Ein Birnbaum ein mit stufengleichen Ästen, Der, an der Rasenbank im Garten, wo sich rund Um einen Marmorbrunnen Hecken Von Myrten ziehn, hoch überhangend stund, Den Schattensitz vor Sonnengluth zu decken.

62 Zu diesem anmuthsvollen Ort, Den laue Lüftchen stets umfliegen, Pflegt oft, zur Sommerszeit, wenn alles lechzt und dorrt, Mit seinem Weibchen sich der Alte zu verfügen, Um an des Brunnens kühlem Bord Ein Stündchen oder zwey auf ihrem Schooß zu liegen-- Zum Garten hat jedoch den Schlüssel er allein, Und außer ihm und ihr kam keine Seel' hinein.

63 Was nun zu thun, den Schlüssel zu bekommen, Den stets im Unterkleid der Alte bey sich führt? Der wird beym Schlafengehn ganz sachte weggenommen, Und, während daß der Mann sein Ave psalmodiert, In Wachs gedrückt, sodann am nächsten Morgen Der Abdruck unvermerkt in Walters Hand gespielt, Und ein Postskript dazu, das ihm den Baum empfiehlt; Das übrige wird Walter schon besorgen.

64 Nun, was geschah? Es war ein schöner warmer Tag Zu End' Augusts, als unsern blinden Alten Die Sonne lockt, wie er zuweilen pflag, Die Mittagsruh im Myrtenrund zu halten. Komm, meine Taube, spricht zu seinem andern Ich Der graue Tauber, komm, mein Röschen, führe mich Zu jenem stillen Grund, wo, seit er uns verbunden, Der Gott der Eh' so oft uns Arm in Arm gefunden.

65 Rosette winkt, und Walter schleicht voran; Die Gartenthür wird leise aufgethan Und wieder zugemacht; dann geht es an ein Fliegen Dem Brunnen zu; der Birnbaum wird erstiegen, Und, wo der breit'ste Ast sich sanft gebogen krümmt, Des Weibchens Thron im dichtsten Laub bestimmt. Der Alte kommt indeß, mit ungewissen Tritten, An seines Röschens Arm allmählich angeschritten.

66 Weil nun der Mund beynah das einz'ge blieb, Das noch, in viel und mancherley Gebrechen, Ihm Dienste that, so war, von seiner Lieb' Und von dem Paradies des Ehstands ihr zu sprechen, Gewöhnlich das, womit er ihr die Zeit vertrieb. Er mischte dann, vielleicht sie zu bestechen, Von ihren Reitzungen viel Poesie hinein, Und meistens kam ein Stück von Predigt hinter drein.

67 Aus diesem Ton war's unterwegs gegangen, Und, da sie glücklich nun beym Brunnen angelangt, (Wo, wie ihr wißt, der schöne Birnbaum prangt) Da hatte Gangolf auch, nachdem er ihr die Wangen Gestreichelt, und (wiewohl vom Husten stark geplagt) Viel zärtliches und süßes vorgesagt, Die Predigt eben angefangen, Die ihr im Angesicht des Birnbaums schlecht behagt.

68 Ist, sprach er--da er so, die Stirn an ihrer Brust, Im Schatten bey ihr saß, und an dem runden, weichen, Atlaßnen Arm sanft auf und ab zu streichen Nicht müde ward--ist wohl der Unschuld unsrer Lust, Der Ruh, dem süßen Trost, dem alle Freuden weichen, Dem Glück geliebt zu seyn, geliebt und sich bewußt Man sey es würdig--kurz, dem was du fühlen mußt Wenn du mich liebst, ein Glück auf Erden zu vergleichen?

69 O sprich, mein Röschen,--hier begann Der alte Herr noch zärtlicher zu streicheln-- Doch rede frey und ohne alles Heucheln, (Denn einer höret uns, den niemand täuschen kann) Darf sich auch wohl dein armer blinder Mann, Der dich so zärtlich liebt, darf sich dein Gangolf schmeicheln, Daß du ihn wieder liebst? daß er dein Alles ist, Dein ganzes Herz erfüllt, wie du sein Alles bist?

70 Zwar freylich, wollten wir die alten Sagen schätzen, Wär' einem Mann nichts minder zu verzeihn, Als an ein Weib sein ganzes Herz zu setzen, Zu bau'n auf ihre Treu', zu trauen ihrem Schein. Längst lehrten uns, aus Tonnen und von Thronen, Der Narr Diogenes, die weisen Salomonen, Es sey des Weibes Herz kein zuverlässig Gut, Und ihrer List nichts gleich als ihre Wankelmuth.

71 Nichts von den weltlichen Geschichten Zu sagen, sehn wir nicht sogar das heil'ge Buch Den Ruhm der Weibertreu' von Anbeginn vernichten? Kam auf die Menschheit nicht durchs erste Weib der Fluch? Von seinen Töchtern ward der fromme Loth betrogen; Die Kinder Gottes selbst, schon vor der großen Flut, Verbrannten sich, von Weibern angezogen, Die Fittiche an ihrer strafbarn Gluth.

72 Die Delila'n, die Jaeln, Jesabellen Und Bathseba'n, und wie ihr Nahme heißt, Ist unvonnöthen dir im Reihen aufzustellen, Wiewohl die Schrift sie nicht der Treue halben preist: Doch diese Judith, die den tapfern, frommen, alten Feldmarschall Holofern erst in die Arme schlingt, Erst liebetrunken macht, und dann ums Leben bringt, Wer kann dabey der Thränen sich enthalten?

73 Wär' aber auch der Weiber größte Zahl An Lastern noch so reich, an Tugend noch so kahl, Dir, meine Einz'ge, Auserwählte, Dir, meines Alters Trost und meiner Augen Licht, Dir trau' ich's zu, du bliebst getreu an deiner Pflicht, Und fehltest nicht, wenn auch die beste fehlte. Dein Gangolf, der so rein, so treu dich liebt, Wird, o gewiß! von dir so grausam nie betrübt?

74 Wozu, versetzt mit schuldbewußten Wangen Die junge Frau, und zieht den Schwanenarm, Womit sie um den Gürtel ihn umfangen, Mißmüthig weg--wozu, versetzt sie rasch und warm, All' diese Litaney? Womit in meinem Leben Hab' ich dazu Gelegenheit gegeben? Wie? soll ich glauben, daß dein Herz an meiner Treu' Nur einen Augenblick zu zweifeln fähig sey?

75 Unglückliche! ist dieß für alle meine Liebe Zuletzt der Lohn? Wem gab ich ganz mich hin? Der Unschuld ersten Kuß, der Jugend erste Triebe, Wer hatte sie?--Und ach! daß ich zu zärtlich bin, Ist mein Verbrechen nun! Ein Herz ist ihm verdächtig Das keinen andern kennt, für ihn nur stärker schlug! Hoffärt'ger, hast du nicht an diesem Sieg genug? Auch quälen mußt du mich? O grausam! niederträchtig!

76 Hier hielt sie ein, als ob der übermäßige Schmerz Die Stimm' in ihrer Brust erstickte; Und schluchzend fiel der Greis ihr um den Hals und drückte Das treue Weib reumüthig an sein Herz. O weine nicht, mein Liebchen, o verzeihe Was Liebe nur gefehlt! Ich wollte nicht Verdruß Dir machen; o verzeih, und gieb mir einen Kuß! Bey Gott! ich zweifle nicht an meines Röschens Treue!

77 So seyd ihr! sprach Rosett', indem sie seinem Kuß Sanft sträubend sich entzog, so seyd ihr Männer alle! Erst lockt ihr uns so schmeichelnd in die Falle, Und habt ihr uns, macht ruhiger Genuß Statt frischem Blut bey euch nur böse Galle. Weh dann der armen Frau, die euch befried'gen muß! Das Flämmchen selbst, das ihr so eifrig angeblasen, Giebt euch zum Argwohn Stoff, und macht euch heimlich Rasen.

78 Der gute Mann, den sehr zur ungelegnen Zeit Sein Hüftweh überfällt, weiß seinem armen Leibe Sonst keinen Rath, als dem getreuen Weibe Betheurungen zu thun von seiner Zärtlichkeit, Und daß der Schatten nur von Argwohn himmelweit Von seinem Herzen sey und bleibe. Somit bestätigt denn der neue Friedensschluß Von beiden Theilen sich mit einem süßen Kuß.

79 Das wackre Ehpaar sank, aus Leerheit oder Fülle Des Herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe Stille. Rosette seufzt. Der Alte fragt, warum? Nichts, sagt sie wieder seufzend, und bleibt stumm. Er dringt in sie. "Sey unbesorgt, mein Lieber, Es ist ein Lüstern nur, und geht vielleicht vorüber."-- Ein Lüstern?--Ich versteh'!--Wie glücklich machtest du Mein Alter noch!--Sie schweigt und seufzt noch eins dazu.

80 Da hätten wir die Frucht von deinem kalten Baden, Fuhr Gangolf fröhlich fort. Sag' an! es könnte dir, Wenn du's verhielt'st, und dem Verborgnen schaden! O! spricht sie, sähest du den schönen Birnbaum hier, So frisch von Laub, so strotzend voll beladen Mit reifer goldner Frucht! die Äste brechen schier! Ich sagte nichts, aus Furcht du möchtest zürnen, Allein--ich gäb' ein Aug' um eine dieser Birnen!

81 Ich kenn' ihn wohl, den Baum; er trägt im ganzen Land Die beste Frucht, versetzt der gute Blinde: Doch, sprich, wie machen wir's? Kein Mensch ist bey der Hand, Es ist ein Erntetag, das ganze Hofgesinde Im Feld zerstreut--der Baum ist hoch, und ich Bin schwach und blind--O wäre nur der Bengel Der Walter hier!--"Mir fällt was ein, mein Engel, Wir brauchen niemand sonst, spricht sie, als dich und mich.

82 "Wär'st du so gut, und wolltest mit dem Rücken Nur einen Augenblick fest an den Stamm dich drücken, So wär's ein leichtes mir, hier von des Rasens Saum Dir auf die Schulter mich zu schwingen; Von da ist's vollends auf den Baum Zum ersten Ast zwey kleine Spangen kaum; Ich bin im Klettern und im Springen Von Kindheit an geübt--gewiß, es wird gelingen."

83 Von Herzen gern, versetzt der blinde Mann; Und doch, mein Kind, wenn du zu Schaden kämest? Es bräch' ein Ast? was könnt' ich Armer dann Zu deinem Beystand thun?--Wie, wenn du dich bequemest Zu warten?--"Sagt' ich nicht, daß ich nicht warten kann? Ich sehe wohl, daß du des kleinen Diensts dich schämest; Um alles wollt' ich dir nicht gern beschwerlich seyn! Und doch, wer sieht uns hier? Wir sind ja ganz allein!"

84 Was war zu thun? Es konnte leicht das Leben Von einem Erben gar bey dieser Lüsternheit Gefährdet seyn; kurz, halb mit Zärtlichkeit Halb mit Gewalt, muß Gangolf sich ergeben. Er stämmt sich an, hilft selbst dem Weibchen auf, Und vom geduld'gen Kopf des guten alten Narren Schwingt sich Rosette frisch zum lüft'gen Sitz hinauf, Wo ihrer, unterm Laub, verstohlne Freuden harren.

85 Nun saß von ohngefähr, da alles dieß geschah, Auf einer Blumenbank, dem guten blinden Alten Vorüber, Oberon, um mit Titania, Der Feenkönigin, hier Mittagsruh zu halten: Indeß die zefyrgleiche Schaar Der Elfen, ihr Gefolg, zerstreut im ganzen Garten Und meist versteckt in Blumenbüschen war, Um Schlummernd dort den Mondschein zu erwarten.

86 Unsichtbar saßen sie, und hörten alles an, Was zwischen Mann und Frau sich eben zugetragen. Zum Unglück, daß sie auch die Birnbaumsscene sahn! Dem Elfenkönig gab dieß großes Mißbehagen. Da, sprach er zu Titanien, sieht man nun Wie wahr es ist, was alle Kenner sagen! Was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun, Ein Weib die Stirne hat zu wagen?

87 Ja wohl, Freund Salomon, bekennt dein weiser Mund: "Ein einzler Biedermann wird immer noch gesehen; Doch wandre einer mir ums weite Erdenrund Nach einem frommen Weib, er wird vergebens gehen!" Siehst du, Titania, im Birnbaum dort versteckt Das ungetreue Weib des blinden Mannes spotten? Sie glaubt sich in der Nacht, die seine Augen deckt, So sicher als in Plutons tiefsten Grotten.

88 Allein, bey meinem Thron, bey diesem Lilienstab, Und bey der furchtbarn Macht, die mir das Reich der Elfen Mit diesem Zepter übergab, Nichts soll ihr ihre List, nichts seine Blindheit helfen! Nein, ungestraft in Oberons Angesicht Sich ihres Hochverraths erfreuen soll sie nicht! Ich will den Staar von Gangolfs Augen schleifen, Und auf der frischen That soll sie sein Blick ergreifen!

89 So? willst du das? versetzt mit raschem Sinn Und Wangen voller Gluth die Feenkönigin; So soll mein Schwur dem deinen sich vermählen! So schwör' auch ich, so wahr ich Königin Des Elfenreichs und deine Gattin bin, Es soll ihr nicht an einer Ausflucht fehlen! Ist Gangolf etwa ohne Schuld? Ist Freyheit euer Loos, und unsers nur Geduld?