Oberon

Part 4

Chapter 4 3,956 words Public domain Markdown

54 Der Ritter bleibt wie angefroren stehn, Winkt Scherasmin herbey, und fragt ihn, was er sehe? O, das ist leicht, erwiedert der, zu sehn: Freund Oberon ist sichtlich in der Nähe. Wir hätten ohne ihn die Nacht, Anstatt uns nun in Schwanenflaum zu senken, Auf unsrer Mutter Schooß so sanft nicht zugebracht. Das nenn' ich doch an seine Freunde denken!

55 Kommt, lieber Herr, nach dieser langen Fahrt Schmeckt Ruhe süß; laßt hurtig euch entgürten! Ihr seht, der schöne Zwerg hat keinen Fleiß gespart, Wiewohl im Flug, uns herrlich zu bewirthen. Herr Hüon folgt dem Rath. Sie lagern beide sich Halb sitzend um den Tisch, und schmausen ritterlich; Auch wird, beym Sang Gaskonscher froher Lieder, Der Becher fleißig leer und füllt sich immer wieder.

56 Bald löset unvermerkt des Schlafes weiche Hand Der Nerven sanft erschlafftes Band. Indem erfüllt, wie aus der höchsten Sfäre, Die lieblichste Musik der Lüfte stillen Raum. Es tönt als ob ringsum auf jedem Baum Ein jedes Blatt zur Kehle worden wäre, Und Mara's Engelston, der Zauber aller Seelen, Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen.

57 Allmählich sank die süße Harmonie, Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum Säuseln Der sanftsten Sommerluft, wenn kaum sich je und ie Ein Blatt bewegt und um der Nymfe Knie Im stillen Bache sich die Silberwellen kräuseln. Der Ritter, zwischen Schlaf und Wachen, höret sie Stets leiser wehn, bis unter ihrem Wiegen Die Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen.

58 Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe Hahn Aurorens Rosenpferde wittert, Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert. Ihm däucht, er geh' auf unbekannter Bahn, Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde; Auf einmahl steht vor ihm ein göttergleiches Weib, Im großen Auge des Himmels reinste Milde, Der Liebe Reitz um ihren ganzen Leib.

59 Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken, Er, der zum ersten Mahl itzt Amors Macht empfand, Und athemlos, entgeistert vor Entzücken, Sein Leben ganz in seinen Blicken, Im Boden eingewurzelt stand, Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand, Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet, Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet.

60 Betäubt, in fühlbar'm Tod, lag er am Ufer da In seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüre Daß eine warme Hand sein starres Herz berühre. Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sah Die Schöne abermahl zu seiner Seite stehen, Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht, Und dreymahl schöner, wie ihm däucht, Und holder als er sie zum ersten Mahl gesehen.

61 Stillschweigend schauten sie einander beide an, Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten, Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten. Ihm ward in ihrem Aug' ein Himmel aufgethan, Wo sich in eine See von Liebe Die Seele taucht. Bald wird das Übermaß der Lust Zum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbar'n Triebe In ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust.

62 Er fühlt der Nymfe Herz an seinem Busen schlagen, Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm! Und--plötzlich hört es auf zu tagen, Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen, Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm; Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem Arm Im Wirbelwind die Nymfe fortgerissen Und in die Flut des nahen Stroms geschmissen.

63 Er hört ihr ängstlich Schrey'n, will nach--o Höllenpein! Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken, Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein. Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein; Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken, Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken, Und kann nicht schreyn, nicht, wie der Liebe Wuth Ihn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut.

64 Herr! ruft ihm Scherasmin, da er sein banges Schnauben Vernimmt, erwacht, erwacht! ein böser Traum Schnürt euch die Kehle zu.--Fort, Geister, macht mir Raum, Schreyt Hüon, wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben? Und wüthend fährt er auf aus seinem Traumgesicht; Noch klopft von Todesangst umfangen Sein stockend Herz, er starrt ins Tageslicht Hinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen.

65 Das war ein schwerer Traum, ruft ihm der Alte zu: Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken? Ein Traum? seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken, Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens Ruh Auf ewig raubt!--"Das wolle Gott verwehren, Mein bester Herr!--Sag' mir im Ernste, (spricht Der Ritter ernstvoll) glaubst du nicht Daß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?

66 Man hat Exempel, Herr,--und wahrlich, seit ich euch Begleite, läugn' ich nichts, erwiedert ihm der Alte. Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleich Gestehen soll, so sag' ich frey, ich halte Nicht viel von Träumen. Fleisch und Blut Hat, wenigstens bey mir, sein Spiel so oft ich träume: Dieß wußten unsre Alten gut, Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime.

67 Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures Traums Vertrautet, könnt' ich euch vielleicht was bessers reimen. Das will ich auch, spricht Hüon, ohne Säumen. Kaum röthet noch den Gipfel jenes Baums Der Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke. Nur reiche mir zuvor den Becher her, Damit ich meine Geister stärke: Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.

68 Indeß der wundervolle Becher Den Ritter labt, sieht ihn der Alte, still, Als einer an, dem's nicht gefallen will, Den wackern Sohn des braven Siegwins schwächer, Als einem Manne ziemt, zu sehn. Ey (denkt er bey sich selbst, kopfschüttelnd) im Erwachen Noch so viel Werks aus einem Traum zu machen! Doch, weil's nun so ist, mag's zum Frühstück immer gehn!

Vierter Gesang.

1 Der Paladin beginnt nun seine Traumgeschichte Wie folget: Was du auch, mein guter Scherasmin, Von dem, was ich dir itzt berichte, Im Herzen denken magst, so ist's doch kein Gedichte, Daß ich, Gott sey es Dank! noch stets an Leib und Sinn, So wie du hier mich siehst, ein reiner Jüngling bin. Nie hat vor diesem Tag in meinem ganzen Leben Mein unbefangnes Herz der Liebe Raum gegeben.

2 Es waren zwar der schönen Jungfrauen viel An meiner Mutter Hof, und an Gelegenheiten, Die einen Knaben leicht zur Tändeley verleiten, Gebrach es nicht, zumahl beym Pfänderspiel: Da gab's wohl manchmahl auch ein Strumpfband aufzulösen; Allein der schönste Fuß ließ meine Fantasey In stolzer Ruh; und wär's Genevrens Fuß gewesen, Es war ein Fuß, mehr dacht' ich nicht dabey.

3 Daß ich von Kindheit an so viele offne Busen Und bloße Schultern sah, mocht' auch mit Ursach' seyn. Gewohnheit gleicht in diesem Stück Medusen, Und für das Schönste selbst verkehrt sie uns in Stein. Allein, was half mir's, frey geblieben Zu seyn bis in mein zweymahl zehntes Jahr? Auch meine Stunde kam! Ach, Freund! mein Schicksal war Im Traum zum ersten Mahl zu lieben.

4 Ja, Scherasmin, nun hab' ich sie gesehn, Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkohren; Gesehen hab' ich sie, und, ohne Widerstehn, Beym ersten Blick mein Herz an sie verloren. Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann! ein Hirngespenst Kann nicht so tiefe Spuren graben! Und wenn du tausendmahl mich einen Thoren nennst, Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben.

5 O hättest du den holden Engel doch Gesehn wie ich!--Zwar, wenn ich mahlen könnte, Ich stellte sie dir hin, so glühend wie sie noch Vor meiner Stirne schwebt, und bin gewiß, sie brennte Dein altes Herz zu einer Kohle aus. O daß nur etwas mir geblieben wär', das Leben Von ihr empfing! ach! nur der Blumenstrauß An ihrer Brust! was wollt' ich nicht drum geben!

6 Denk dir ein Weib im reinsten Jugendlicht, Nach einem Urbild von dort oben Aus Rosengluth und Lilienschnee gewoben; Gieb ihrem Bau das feinste Gleichgewicht; Ein stilles Lächeln schweb' auf ihrem Angesicht, Und jeder Reitz, von Majestät erhoben, Erweck' und schrecke zugleich die lüsterne Begier: Denk alles, und du hast den Schatten kaum von ihr!

7 Und nun, sanft angelockt von ihren süßen Blicken, Dieß holde Weib, das nur die Luftgestalt Von einem Engel schien, an meine Brust zu drücken, Zu fühlen, wie ihr Herz in meines überwallt, Ist's möglich, daß ich vor Entzücken Nicht gar verging?--Nun komm, und sprich mir kalt, Es war ein Traum! Wie schal, wie leer und todt ist neben So einem Traum mein vorigs ganzes Leben!

8 Noch einmahl, Scherasmin, es war kein Schattenspiel Im Sitz der Fantasie aus Weindunst ausgegohren! Ein unbetrügliches Gefühl Sagt mir, sie lebt, sie ist für mich geboren. Vielleicht war's Oberon, der sie erscheinen ließ. Ist's Wahn: o laß ihn mir! die Täuschung ist so süß! Doch, nichts von Wahn! Kann solch ein Traum betrügen, O so ist alles Wahn! so kann die Wahrheit lügen!

9 Der Alte wiegt sein zweifelreiches Haupt, Wie wenn man euch ein Wunderding erzählet, Wovon ihr nichts im Herzen glaubt, Wiewohl euch Grund es wegzuläugnen fehlet. Was denkst du? fragt der Ritter.--Das ist's just Was mich verlegen macht, versetzt der Unverliebte: Ich hätte freylich wohl zu manchem Einwurf Lust; Allein was hälf's am End', als daß ich euch betrübte?

10 Nur, vor der Hand, weil euer fürstlich Wort Euch einmahl gegen Karl verbindet, So, dächt' ich, setzten wir den Zug nach Bagdad fort. Vielleicht daß unterwegs der Zauber wieder schwindet; Vielleicht daß Oberon dabey sein bestes thut, Und unversehens sich die Traumprinzessin findet. Inzwischen, lieber Herr, thut euch die Hoffnung gut, So hofft! Man macht dabey zum mindsten rothes Blut.

11 Weil dieß der Knappe spricht, steht mit gesenkter Stirne Der Ritter da; denn plötzlich hatte sich In seinem liebeskranken Hirne Die Scene umgekehrt. Ach, spricht er, täusche mich Nicht auch mit falschem Trost! Feindselige Gestirne Sind über mir. Was kann ich hoffen? Sprich! Der Sturm, der sie von meiner Brust gerissen, Läßt, leider, mich zu viel von meinem Schicksal wissen.

12 Entrissen ward sie mir! Noch streckt sie aus der Flut Die Arme gegen mich--noch stockt vor Angst mein Blut-- Und ach! wie an den Grund mit Ketten Geschmiedet, stand ich da, ohnmächtig sie zu retten! Das war im Traum, spricht Scherasmin: wofür Euch ohne Noth mit schwarzer Ahnung grämen? Ein Traum läßt nie von Art. Das beste, glaubet mir, Ist's, sich daraus nur was uns freut zu nehmen.

13 Daß euch im Traum ein wohl gewogner Geist Die künft'ge Königin von euerm Herzen weist, Das hat er gut gemacht! So etwas läßt sich glauben, Und kurz, wir nehmen's nun für bare Wahrheit an. Allein den Strom, den Wirbelwind, die Schrauben An Hand und Fuß, die hat der Traum hinzu gethan. Mir selbst ist oft in meinen jüngern Jahren, Wenn mich der Alp gedrückt, dergleichen widerfahren.

14 Da, zum Exempel, läuft ein schwarzer Zottelbär, Indem ich wandeln geh', der Himmel weiß woher, Mir in den Weg; ich greif' im Schrecken nach dem Degen Und zieh', und zieh'--umsonst! Ein plötzlich Unvermögen Strickt jede Sehne mir in allen Gliedern los; Zusehens wird der Bär noch siebenmahl so groß, Sperrt einen Rachen auf so gräßlich wie die Hölle; Ich flieh' und ängst'ge mich, und kann nicht von der Stelle.

15 Ein andermahl, wenn ihr von einem Abendschmaus Nach Haus zu gehen träumt, bey einem alten Gaden Vorbey; auf einmahl knarrt ein kleiner Fensterladen, Und eine Nase guckt heraus So lang als euer Arm. Ihr sucht, halb starr vor Schrecken, Ihr zu entfliehn, und vorn und hinten stehn Gespenster da, die ins Gesicht euch sehn, Und feur'ge Zungen weit aus langen Hälsen recken.

16 Ihr drückt in Todesangst euch seitwärts an die Wand Die gegenüber steht--und eine dürre Hand Fährt durch ein rundes Loch euch eiskalt übern Rücken, Und sucht an euch herum, euch da und dort zu zwicken. Ein jedes Haar auf euerm Kopfe kehrt Die Spitz' empor, zur Flucht ist jeder Weg verwehrt, Die Gasse wird zusehens immer enger, Stets frostiger die Hand, die Nase immer länger.

17 Dergleichen, wie gesagt, begegnet oft und viel; Allein, am End' ist's doch ein bloßes Possenspiel, Das Nachtgespenster sich in unserm Schädel machen; Die Nase sammt der Angst verschwindet im Erwachen. Ich dächt' an euerm Platz dem Ding nicht weiter nach, Und hielte mich an das, was mir der Zwerg versprach. Frisch auf! Mir ahnet was! Es müßte übel enden, Wenn wir die Dame nicht in Bagdad wiederfänden.

18 Bey diesem Worte springt der Ritter, angeweht Von frischem Muth, empor, als hätt' ihm nichts geträumt. Der Morgenluft entgegen wiehernd, steht Sein Renner schon gesattelt und gezäumet. Er schwingt sich auf, und wie er aus dem Feld Zurücke schaut, verschwunden ist das Zelt: In einem Wink erhob sich's aus dem Rasen, In einem Wink war alles weggeblasen.

19 Sie zogen nun dem Lauf des hohen Eufrats nach, Von Palmen und Gebüsch vorm Sonnenstrahl geborgen, Durchs schönste Land der Welt, stillschweigend, keiner sprach Ein Wort, wiewohl's an Stoff zum Reden nicht gebrach; Denn jeder war vertieft in andre Sorgen. Die reine Luft, der angenehme Morgen, Der Vögel Lustgesang, des Stromes stiller Lauf, Weckt beider Fantasie aus leisem Schlummer auf.

20 Der Ritter sieht in ihrem Zauberspiegel Nichts sehenswerth als das geliebte Bild. Er mahlt die Göttin sich auf seinen blanken Schild, Erklimmt auf ihrer Spur des Taurus schroffsten Hügel, Steigt, sie erfragend, bis in Merlins furchtbars Grab, Bekämpft die Riesen und die Drachen, Die um das Schloß, worin sie schmachtet, wachen, Und kämpfte sie der ganzen Hölle ab.

21 Indessen er, in eingebildeter Wonne, Die schwer errungne Braut an seinen Busen drückt, Sieht unvermerkt ans Ufer der Garonne, Wo er als Kind den ersten Strauß gepflückt, Von Eufrats Ufern weg der Alte sich verzückt. Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne So mild als da, wo sie zuerst mir schien, So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

22 Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand, Sey immerhin unscheinbar, unbekannt, Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen, Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen, Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt; O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen, Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!

23 In solcher Träumerey schwind't unvermerkt der Raum Der sie von Bagdad trennt, bis itzt die Mittagshitze In einen Wald sie treibt, der vor der Gluth sie schütze. Noch ruhten sie um einen alten Baum, Wo dichtes Moos sich schwellt zum weichen Sitze, Und Oberons Pokal erfrischt den trocknen Gaum; Als, eben da er sich zum dritten Mahle füllet, Ein gräßliches Geschrey in ihre Ohren brüllet.

24 Sie springen auf. Der Ritter faßt sein Schwert Und fleugt dahin, woher die Zetertöne schallen! Und sieh! ein Sarazen zu Pferd, Von einem Löwen angefallen, Kämpft aus Verzweiflung noch, erschöpft an Kraft und Muth, Mit matter Faust. Schon taumelt halb zerrissen Sein Roß, und wälzt mit ihm in einem Strom von Blut Sich um, und hat vor Angst die Stange durchgebissen.

25 Grimmschnaubend stürzt der Löw' auf seinen Gegner los, Aus jedem Blick schießt eine Feuerflamme. Indem fährt Hüons Stahl ihm seitwärts in die Wamme. Der Thiere Fürst, den solch ein Gruß verdroß, Erwiedert ihn mit einer langen Schramme, Nach der des Ritters Blut aus tausend Quellchen floß: Hätt' Angulaffers Ring nicht über ihm gewaltet, Ihn hätt' auf Einen Zug der Löw' entzwey gespaltet.

26 Herr Hüon rafft, was er an Kraft vermag, Zusammen, (denn sein Tod blitzt aus des Löwen Blicke) Und stößt sein kurzes Schwert mit Macht ihm ins Genicke. Vergebens schwingt sich noch der Schweif zu einem Schlag, Von dem, wofern der Ritter nicht zurücke Gesprungen wär', er halb zerschmettert lag; Vergebens dräuet noch die fürchterliche Tatze; Ein Streich von Scherasmin erlegt ihn auf dem Platze.

27 Der Sarazen (den reichen Steinen nach, Die hoch auf seinem Turban blitzen, Ein Mann von Wichtigkeit) schien noch vor Angst zu schwitzen. Die Ritter führen ihn am Arme ganz gemach Den Räumen zu, in deren Schirm sie lagen; Man reicht zur Stärkung ihm den goldnen Becher dar, Und auf Arabisch spricht der Alte: Herr, fürwahr, Ihr habt dem Gott der Christen Dank zu sagen!

28 Mit schelem Auge nimmt der Held' aus Hüons Hand Den Becher voll, und wie er an der Lippen Rand Ihn bringt, versiegt der Wein, und glühend wird der Becher In seiner Faust, der innern Schalkheit Rächer! Er schleudert ihn laut brüllend weit von sich, Und stampft, und tobt, und lästert fürchterlich. Herr Hüon, dem es graut ihm länger zuzuhören, Zieht sein geweihtes Schwert, den Helden zu bekehren.

29 Allein, der Schalk, der übermannt sich hält, Hat keine Lust zur Gegenwehr zu stehen; Wie ein gejagter Strauß läuft er ins nahe Feld, Wo beide Pferd' im Grase weiden gehen. Risch schwingt er sich auf Hüons Klepper, faßt Ihn bey der Mähn', und mit verhängten Zügeln Rennt er davon, in solcher Angst und Hast, Als säß' er zwischen Sturmwindsflügeln.

30 Das Abenteu'r war freylich ärgerlich; Allein was half's, dem Lecker nachzulaufen? Zum Glücke war ein Ding, das einem Maulthier glich, Im nächsten Dorf um wenig Geld zu kaufen. Das arme Thier, durchsichtiger als Glas, Schien kaum belebt genug, bis Bagdad auszureichen; Doch däucht's dem Alten noch auf dessen Rückgrat baß Als seinem Herrn zu Fuße nachzukeichen.

31 So setzten beide nun nach dem gewünschten Port Den ritterlichen Zug so gut sie konnten fort. Der Sonnenwagen schwebt schon an des Himmels Grenzen, Auf einmahl sehen sie, von fern im weiten Thal, Gekrönt mit Thürmen ohne Zahl, Der Städte Königin im Abendschimmer glänzen, Und, durch ein Paradies von ewig frischem Grün, Den breiten Strom des schnellen Tigers fliehn.

32 Ein wundersam Gemisch von Schrecken und Entzücken, Geheime Ahnungen, und fremde Schauer drücken Des Ritters Herz, da ihm der Schauplatz auf sich thut, Wo mehr sein Wort und angestammter Muth Als Karls Gebot, ihn treibt ein Wagstück zu bestehen, Wovon kaum möglich ist ein besser Ziel zu sehen Als jähen Tod. Gewiß war immer die Gefahr, Doch schien sie nie so groß als da sie nahe war.

33 Er sieht mit ihren goldnen Zinnen, Gleich einer Götterburg, in furchtbar stolzer Pracht Der Emirn Burg, den Thron, der Asien zittern macht, Und spricht zu sich: Und Du, was gehst du zu beginnen? Er stutzt. Doch bald stärkt wieder seine Sinnen Des Glaubens Muth, der ihn so weit gebracht, Und eine Stimme scheint ihm leise zuzugehen, Er werde die er liebt in jenen Mauern sehen.

34 Auf, ruft er, Scherasmin, spann alle Segel auf! Du siehst das Ziel von meinem langen Lauf; Wir müssen Bagdad noch vor dunkler Nacht erreichen. Nun geht's im schärfsten Trott, daß Roß und Reiter keichen. Der Knapp' gießt seinem Thier mitleidig etwas Wein Aus Oberons Becher auf die Zunge: Da, spricht er, trink, du guter treuer Junge, Der Becher trocknet nicht für deines gleichen ein.

35 Er hatte Recht. Kaum saugt des Maulthiers Zunge So lechzend als ein ausgebrannter Stein Den süßen Thau des Zaubergoldes ein, So schießt mit allbelebendem Schwunge Ein Feuerstrom durch Adern und Gebein; Von neuer Kraft gespannt, erfrischt an Herz und Lunge, Läuft's, einem Windspiel gleich, mit ihm davon, Und eh' der Tag erlischt sind sie in Babylon.

36 Noch irrten sie in seinen ersten Gassen Unkundig in der Dämm'rung hin und her, Als Fremde, die sich bloß vom Zufall leiten lassen: Da kam des Wegs von ungefähr An ihrem Stab ein Mütterchen gegangen, Mit grauem Haar und längst verwelkten Wangen. He Mutter, seyd so gut, schreyt Scherasmin sie an, Und weiset uns den Weg zu einem Han.

37 Die Alte bleibt gestützt auf ihre Krücke stehen, Und hebt ihr wankend Haupt, die Fremden anzusehen. Herr Fremdling, spricht sie drauf, von hier ist's ziemlich weit Zum nächsten Han; doch, wenn ihr müde seyd Und wenig euch genügt, so kommt in meine Hütte; Da steht euch Milch und Brot, und eine gute Schütte Von frischem Stroh zu Dienst, und Gras für euer Vieh; Ihr ruhet aus, und zieht dann weiter morgen früh.

38 Mit großem Dank für ihr gastfreundliches Erbieten Folgt Hüon nach. Ihm däucht kein Lager schlecht, Wo Freundlichkeit und Treu' der offnen Thüre hüten. Die neue Baucis macht in Eil die Streu zurecht, Wirft Quendel und Orangenblüthen Aus ihrem Gärtchen drauf, trägt fette Milch voll Schaum Und saft'ge Pfirschen auf, und Feigen frisch vom Baum, Beklagend, daß ihr jüngst die Mandeln nicht geriethen.

39 Dem Fürsten dünkt, er hab' in seiner Lebenszeit Nie so vergnüglich Mahl gehalten. Was der Bewirthung fehlt, ersetzt der guten Alten Vertrauliche Geschwätzigkeit. Die Herren, spricht sie, kommen eben Zu einem großen Fest.--"Wie so?"--Ihr wißt es nicht? Es ist das einz'ge doch was man in Bagdad spricht; Die Tochter unsers Herrn wird morgen ausgegeben.

40 "Des Sultans Tochter? Und an wen?" Der Bräutigam ist einer von den Neffen Des Sultans, Fürst der Drusen, reich und schön, Und auf dem Schachbret soll ihn keiner übertreffen; Mit Einem Wort, ein Prinz, den alle Welt Der schönen Rezia vollkommen würdig hält. Und doch--gesagt im engesten Vertrauen-- Sie ließe lieber sich mit einem Lindwurm trauen.

41 Das nenn' ich wunderlich, versetzt der Paladin, Ihr werdet's uns so leicht nicht glauben machen. "Ich sag' es noch einmahl, eh' die Prinzessin ihn So nahe kommen läßt, umarmt sie einen Drachen, Da bleibt's dabey!--Mir ist von langer Hand Das Wie und Wann der Sache wohl bekannt. Zwar hab' ich reinen Mund gar hoch versprechen müssen; Doch, gebt mir eure Hand, so sollt ihr alles wissen.

42 "Es wundert euch vielleicht, wie eine Frau, wie ich, Zu solchen Dingen kommt, die selbst dem Fürstenstamme Verborgen sind und sonsten männiglich? So wisset denn, ich bin die Mutter von der Amme Der schönen Rezia, bey der sie alles gilt, Wiewohl schon sechzehn volle Jahre Verflossen sind, seit Fatme sie gestillt; Nun merkt ihr leicht, woher ich manchmahl was erfahre.

43 "Man weiß, daß schon seit Jahren der Kalif, Auf seine Tochter stolz, nicht selten An Festen, die er gab, sie mit zur Tafel rief, Wo schöner Männer viel sich ihr vor Augen stellten. Allein auch das weiß Stadt und Land, Daß keiner je vor ihr besonders Gnade fand; Sie schien sie weniger mit mädchenhaftem Grauen Als mit Verachtung anzuschauen.

44 "Indessen ward geglaubt, sie könne Babekan (So heißt der Prinz, den sich zum Tochtermann Der Sultan auserwählt) vor allen andern leiden. Nicht, daß beym Kommen oder Scheiden Das Herz ihr höher schlug; ihn nicht mit Fleiß zu meiden War wohl das höchste, was er über sie gewann: Allein, sie war doch sonst für niemand eingenommen; Die Liebe, dachte man, wird nach der Hochzeit kommen.

45 "Jedoch, seit einem Zwischenraum Von wenig Wochen, hat sich alles umgekehret. Seitdem kann Rezia den armen Prinzen kaum Vor Augen sehn. Ihr ganzes Herz empöret Sich, wenn sie nur von Hochzeit reden höret; Und, was unglaublich ist, so hat ein bloßer Traum Die Schuld daran."--Ein Traum? ruft Hüon ganz in Feuer; Ein Traum? ruft Scherasmin, welch seltsam Abenteuer!

46 Ihr träumte, fährt die Alte fort, Sie werd' in Rehgestalt an einem wilden Ort Von Babekan gejagt. Sie lief, von zwanzig Hunden Verfolgt, in Todesangst herab von einem Berg; Ihm zu entfliehen war die Hoffnung schon verschwunden! Da kam ein wunderschöner Zwerg In einem Faëton, den junge Löwen zogen, In vollem Sprung entgegen ihr geflogen.

47 Der Zwerg in seiner kleinen Hand Hielt einen blüh'nden Lilienstängel, Und ihm zur Seite saß ein fremder junger Fant, In Ritterschmuck, schön wie ein barer Engel; Sein blaues Aug' und langes gelbes Haar Verrieth, daß Asien nicht sein Geburtsland war; Doch, wo er immer hergekommen, Genug, ihr Herzchen ward beym ersten Blick genommen.

48 Der Wagen hielt. Der Zwerg mit seinem Lilienstab Berührte sie; stracks fiel die Rehhaut ab: Die schöne Rezia, auf ihres Retters Bitten, Stieg in den Wagen ein, und setzt' erröthend mitten Sich zwischen ihn und den, dem sich ihr Herz ergab, Wiewohl noch Lieb' und Scham in ihrem Busen stritten. Der Wagen fuhr nun scharf den Berg hinan, Und stieß vor einen Stein, und sie erwachte dran.